VII.

Bis dahin ging alles gut, trotz dieses ungeheuren Klosters, das von mehr

als dreihundert neugierigen Frauen bewohnt wurde; niemand hatte etwas

gesehen, niemand etwas gehört. Aber die Äbtissin hatte dem Arzt einige

Hände voll neuer in der Münze Roms geprägter Zechinen übergeben. Der Arzt

gab mehrere dieser Goldstücke der Frau des Bäckers. Diese Frau war hübsch

und ihr Mann eifersüchtig; er durchstöberte ihren Koffer und fand diese

glänzenden Goldstücke darin; und da er sie für den Preis seiner Schande

hielt, setzte er seiner Frau ein Messer an die Kehle und zwang sie zu

sagen, woher die Goldstücke stammten. Nach einigen Ausflüchten gestand die

Frau die Wahrheit und der Friede wurde geschlossen. Die Eheleute begannen

nun über die Verwendung einer so großen Summe zu beratschlagen. Die

Bäckerin wollte einige Schulden bezahlen; aber der Mann fand es schöner,

ein Maultier zu kaufen, was auch geschah. Dieses Maultier erregte Aufsehen

in dem Viertel, wo man die Armut des Ehepaars kannte. Alle Weiber der

Stadt, Freundinnen und Feindinnen fragten eine nach der andern die Frau

des Bäckers, wer der freigebige Liebhaber gewesen sei, der sie in Stand

gesetzt habe, ein Maultier zu kaufen. Diese Frau wurde dadurch so gereizt,

daß sie einige Male die Wahrheit antwortete. Eines Tages, als Cesare del

Bene das Kind besucht hatte und zur Äbtissin zurückkehrte, um Bericht zu

erstatten, schleppte sich diese, obgleich sie sehr unpäßlich war, bis zum

Gitter und machte ihm wegen der Unzuverläßlichkeit der von ihm verwendeten

Mittelspersonen Vorwürfe. Der Bischof seinerseits wurde krank vor Angst;

er schrieb seinen Brüdern in Mailand, um ihnen die ungerechte Anklage,

deren Ziel er war, zu erzählen; auch forderte er sie auf, ihm zu Hilfe zu

kommen. Obwohl er sich schwer leidend fühlte, faßte er den Entschluß,

Castro zu verlassen; aber bevor er es tat, schrieb er der Äbtissin:

"Ihr wißt bereits, daß alles, was vorgefallen ist, bekannt wurde. Wenn

Euch deshalb daran liegt, nicht allein meinen Ruf, sondern vielleicht mein

Leben zu retten, und um den Skandal zu verkleinern, könnt Ihr Giovanni

Battista Doleri beschuldigen, der vor zwei Tagen gestorben ist. Wenn Ihr

auf diese Weise auch nicht Eure Ehre wiederherstellen könnt, so läuft

wenigstens die meine keine Gefahr mehr."

Der Bischof ließ Don Luigi, den Beichtvater des Klosters von Castro,

rufen:

"Gebt dies eigenhändig der Frau Äbtissin", sagte er zu ihm.

Als diese das ehrlose Schreiben gelesen hatte, rief sie laut vor allen,

die sich im Zimmer befanden:

"So verdienen die törichten Jungfrauen behandelt zu werden, welche die

Schönheit des Leibes über die der Seele stellen!"

Das Gerücht von allem, was in Castro vor sich ging, kam rasch zu Ohren des

schrecklichen Kardinals Farnese. Er hatte sich diese Bezeichnung seit

einigen Jahren verdient, weil er hoffte, im nächsten Konklave die

Unterstützung der Eiferer zu finden. Sogleich gab er der Obrigkeit von

Castro den Auftrag, den Bischof Cittadini zu verhaften. Dessen ganze

Dienerschaft ergriff aus Furcht vor der Folter die Flucht. Nur Cesare del

Bene blieb seinem Herrn treu und schwur ihm, daß er eher auf der Folter

sterben, als etwas gestehen würde, was ihm schaden könnte.

Cittadini, der seinen Palast von Wachen umringt sah, schrieb aufs neue

seinen Brüdern, die in großer Eile von Mailand ankamen. Sie fanden ihn

schon im Gefängnis von Ronciglione eingekerkert.

Ich entnehme aus dem ersten Verhör der Äbtissin, daß sie ihre Schuld offen

zugestand, aber leugnete, in Beziehung zu dem Hochwürdigsten Bischof

gestanden zu haben, ihr Mitschuldiger sei Gian-Battista Doleri, Advokat

des Klosters, gewesen.

Am 9. September 1573 befahl Gregor XIII., daß der Prozeß in aller Strenge

und Eile erledigt werde. Ein Kriminalrichter, ein Fiskal und ein Kommissär

begaben sich nach Castro und nach Ronciglione. Cesare del Bene, der erste

Kammerherr des Bischofs, gestand, bloß ein Kind zu einer Amme gebracht zu

haben. Man verhört ihn in Gegenwart der ehrwürdigen Klosterschwestern

Vittoria und Bernarda. Man unterwarf ihn zwei Tage hintereinander der

Tortur; er litt gräßlich, aber seinem Wort getreu, gestand er nur das, was

zu leugnen unmöglich war, und der Fiskal konnte nicht mehr aus ihm

herausbringen.

Als die Reihe an die ehrwürdigen Damen Vittoria und Bernarda kam, die

Zeugen der Folterung Cesares gewesen waren, gestanden sie alles, was sie

getan hatten. Alle Nonnen wurden nach dem Urheber des Verbrechens gefragt,

die meisten antworteten, daß es der Hochwürdigste Herr Bischof gewesen

sei. Eine der Schließerinnen berichtet die beleidigenden Worte, welche die

Äbtissin gebraucht hatte, als sie den Bischof aus der Kirche wies. Sie

fügte hinzu: "Wenn man in diesem Ton zueinander spricht, zeigt es an, daß

man schon lange ein Liebesverhältnis hat. Der Herr Bischof, der sonst

durch übermäßige Selbstgefälligkeit auffiel, hatte ein ganz linkisches

Aussehen, als er die Kirche verließ."

Eine Nonne, im Anblick der Folterwerkzeuge verhört, antwortet, daß die

Katze Urheber des Verbrechens sein müsse, weil die Äbtissin sie nie aus

den Armen läßt und immerzu liebkost. Eine andre Nonne behauptet: der

Urheber des Verbrechens müsse der Wind sein, weil die Äbtissin an Tagen,

wo der Wind weht, glücklich und guter Laune sei; sie setze sich dem Wind

auf einem Belvedere, das sie eigens hatte erbauen lassen, aus, und wenn

man an diesem Ort eine Gnade erbitten kam, sei sie niemals verweigert

worden. Die Frau des Bäckers, die Amme, die Weiber von Montefiascone

bekannten aus Furcht vor den Folterqualen, die sie Cesare hatten erleiden

sehen, die Wahrheit.

Der junge Bischof war krank oder spielte in Ronciglione den Kranken, was

seinen Brüdern Anlaß gab, durch das Ansehen und den Einfluß der Signora

von Campireali unterstützt, sich mehrmals dem Papst zu Füßen zu werfen und

von ihm zu erbitten, daß das Verfahren aufgeschoben werde, bis der Bischof

seine Gesundheit wiedererlangt habe. Auf dies hin vermehrte der

schreckliche Kardinal Farnese die Zahl der Soldaten, die ihn in seinem

Gefängnis bewachten. Da der Bischof nicht verhört werden konnte, begannen

die Kommissäre in jeder ihrer Sitzungen immer wieder, die Äbtissin einem

Verhör zu unterziehen. Eines Tages, als ihre Mutter ihr hatte sagen

lassen, sie solle guten Mutes bleiben und fortfahren, alles zu leugnen,

gestand sie alles.

"Warum habt Ihr zuerst Gian-Battista Doleri bezichtigt?"

"Aus Mitleid mit der Feigheit des Bischofs, und dann, wenn es ihm gelingt,

sein teures Leben zu retten, damit er für meinen Sohn sorgen kann."

Nach diesem Geständnis schloß man die Äbtissin in eine Zelle des Klosters

von Castro ein, deren Wände und Deckenwölbung acht Fuß dick waren; die

Nonnen sprachen nur mit Schaudern von diesem Verlies, das unter dem Namen

Mönchszelle bekannt war. Die Äbtissin wurde hier ständig von drei Frauen

überwacht.

Als sich die Gesundheit des Bischofs ein wenig gebessert hatte, kamen

dreihundert Sbirren oder Soldaten, um ihn aus Ronciglione zu holen, und er

wurde in einer Sänfte nach Rom geschafft. Dort brachte man ihn in einem

Gefängnis unter, das Corte Savella hieß. Wenige Tage später wurden auch

die Nonnen nach Rom eingeliefert; die Äbtissin wurde im Kloster Santa

Marta, untergebracht. Vier Nonnen waren beschuldigt: die ehrwürdigen

Schwestern Vittoria und Bernarda, die Schwester, welche an jenem Tage die

Aufsicht führte, und die Pförtnerin, welche die beleidigenden Worte gehört

hatte, die von der Äbtissin an den Bischof gerichtet wurden.

Der Bischof wurde vom Auditor der päpstlichen Kammer vernommen, einem der

höchsten Vertreter des Richterstandes. Man spannte den armen Cesare del

Bene von neuem auf die Folter; doch er gestand nichts, ja er sagte sogar

Dinge aus, die dem Staatsanwalt peinlich waren, was ihm eine neue

Folterung eintrug. Diese Einleitungsmarter mußten auch die ehrwürdigen

Schwestern Vittoria und Bernarda erleiden. Der Bischof leugnete alles in

dümmster Weise, aber mit einer gefälligen Hartnäckigkeit; er zählte mit

den größten Einzelheiten alles auf, was er an den drei offenkundig bei der

Äbtissin verbrachten Abenden vorgenommen haben wollte.

Schließlich stellte man die Äbtissin dem Bischof gegenüber, und obgleich

sie beständig die Wahrheit gesagt hatte, wurde sie dennoch der Folterung

unterworfen. Weil sie auf dem beharrte, was sie auf ihrem ersten

Geständnis immer ausgesagt hatte, überhäufte sie der Bischof, seiner Rolle

getreu, mit Beleidigungen.

Nach mehreren andren, im Grunde vernünftigen Maßnahmen, die aber von jenem

Geist der Grausamkeit befleckt sind, der seit der Regierung Karls V. und

Philipps II. zu sehr an den Tribunalen Italiens vorwiegt, wurde der

Bischof zu lebenslänglicher Gefangenschaft in der Engelsburg verurteilt.

Die Äbtissin wurde verurteilt, ihr ganzes Leben im Kloster von Santa

Marta, wo sie sich aufhielt, eingekerkert zu werden. Aber schon hatte es

Signora von Campireali unternommen, um ihre Tochter zu retten, einen

unterirdischen Gang ausheben zu lassen. Dieser Gang begann bei einer der

aus der Herrlichkeit des alten Rom zurückgebliebenen Kloaken und sollte

bei dem tiefen Kellergewölbe enden, wo man die sterblichen Reste der

Nonnen von Santa Marta beisetzte. Dieser Gang von zwei Fuß Breite hatte

Bretterwände, um das Erdreich rechts und links zu stützen und als

Deckenwölbung gab man ihm, im Maße man vorwärts kam, zwei wie die Schenkel

eines großen A gestellte Bretter.

Man grub diesen unterirdischen Weg in einer Tiefe von etwa dreißig Fuß.

Das schwierigste war, ihn in der rechten Richtung weiterzuführen; jeden

Augenblick waren die Arbeiter durch antike Brunnen und Grundmauern

gezwungen, eine Wendung zu machen. Eine andre große Schwierigkeit

bereitete die weggeräumte Erde, mit der man nichts Rechtes anzufangen

wußte; es sah aus, als ob man sie nachts in allen Straßen Roms aussäte.

Man wunderte sich über diese Menge Erde, die sozusagen vom Himmel fiel.

Wie groß die Summen auch waren, welche Signora von Campireali ausgab, um

ihre Tochter zu retten, wäre ihr unterirdischer Gang doch sicher entdeckt

worden; aber der Papst Gregor XIII. starb 1585, und die Herrschaft der

Unordnung zog mit der Vakanz des Heiligen Stuhls ein.

Helena ging es in Santa Marta sehr schlecht; man kann sich denken, wie

sehr die einfachen und armen Nonnen wetteiferten, eine so reiche, eines

solchen Verbrechens überführte Äbtissin zu quälen. Helena erwartete mit

Ungeduld das Ergebnis der von ihrer Mutter unternommenen Arbeit. Aber

plötzlich erfuhr ihr Herz seltsame Bewegung. Schon vor sechs Monaten hatte

Fabrizio Colonna, der angesichts des schwankenden Gesundheitszustands

Gregors XIII. große Pläne für die Zeit des Interregnums faßte, einen

seiner Offiziere zu Giulio Branciforte geschickt, der jetzt in der

spanischen Armee unter dem Namen Oberst Lizzara sehr bekannt geworden war.

Er rief ihn nach Italien zurück. Giulio brannte darauf, seine Heimat

wiederzusehen. Er landete unter einem angenommenen Namen in Pescara, einem

kleinen Hafen des Adriatischen Meeres, der unterhalb Chieti in den

Abruzzen lag, und kam über das Gebirge nach La Petrella. Die Freude des

Fürsten setzte alle Welt in Erstaunen. Er teilte Giulio mit, daß er ihn

zurückrufen ließ, um ihn zu seinem Nachfolger zu machen und ihm den Befehl

über seine Soldaten zu übergeben. Worauf Branciforte antwortete, daß,

militärisch gesprochen, das Unternehmen nichts mehr wert sei, was er

leicht beweisen könne; wenn jemals Spanien ernstlich wollte, würde es in

sechs Monaten mit geringen Auslagen sämtliche Briganten Italiens

vernichten.

"Aber trotz allem," fügte der junge Branciforte hinzu, "wenn Ihr es wollt,

bin ich bereit zu marschieren, mein Fürst. Ihr werdet stets in mir den

Nachfolger des tapferen, bei Ciampi gefallenen Ranuccio finden."

Vor Giulios Ankunft hatte der Fürst befohlen, so wie er zu befehlen

verstand, daß sich niemand in Petrella unterfangen solle, von Castro und

von dem Prozeß der Äbtissin zu sprechen; Todesstrafe ohne Nachsicht war

auf das geringste Geschwätz gesetzt. Mitten in den Freundschaftsergüssen,

mit denen er Branciforte empfing, bat er ihn, niemals ohne ihn nach Albano

zu gehen, und seine Art, diese Reise zu machen, bestand darin, daß er die

Stadt durch tausend seiner Leute besetzen ließ, und eine Vorhut von

zwölfhundert Mann auf der Straße nach Rom aufstellte. Man stelle sich vor,

was der arme Giulio empfand, als der Fürst den alten Scotti, welcher noch

lebte, in das Haus, wo er sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, holen

ließ und ihn in das Zimmer rief, wo er sich mit Giulio aufhielt. Als die

beiden Freunde einander umarmt hatten, rief er Giulio zu sich: "Jetzt,

mein armer Oberst, mußt du dich auf das Schlimmste gefaßt machen."

Darauf blies er das Licht aus und verließ das Zimmer, in dem er die beiden

Freunde einschloß.

Am nächsten Morgen schickte Giulio, der sein Zimmer nicht verlassen

wollte, die Bitte zum Fürsten, nach La Petrella gehen und sich dafür

einige Tage beurlauben zu dürfen. Aber man brachte ihm die Meldung, daß

der Fürst verschwunden sei samt seinen Truppen.

In der Nacht hatte er den Tod Gregors XIII. erfahren; er hatte seinen

Freund Giulio vergessen und war über Land. Bei Giulio waren nur etwa

dreißig Mann geblieben, die einst zur Kompanie Ranuccios gehörten. Es ist

bekannt genug, daß in jenen Zeiten während der Vakanz des Heiligen Stuhls

die Gesetze schwiegen; jeder dachte nur daran, seine Leidenschaften zu

befriedigen und es galt nur die Kraft; darum hatte, noch vor dem Ende des

Tags, Fürst Colonna schon mehr als fünfzig seiner Feinde aufhängen lassen.

Giulio aber, obgleich er nicht vierzig Mann bei sich hatte, wagte es, nach

Rom zu marschieren.

Die ganze Dienerschaft der Äbtissin von Castro war ihr treu geblieben; sie

hatten sich in den ärmlichen Häusern um das Kloster Santa Marta herum

eingemietet. Der Todeskampf Gregors XIII. hatte länger als eine Woche

gedauert; Signora von Campireali erwartete ungeduldig die Tage der

Verwirrung, die seinem Tod folgen würden, um die letzten fünfzig Schritt

ihres unterirdischen Ganges in Angriff zu nehmen. Da man die Keller von

mehreren bewohnten Häusern durchqueren mußte, fürchtete sie sehr, das Ziel

ihrer Unternehmung nicht länger verbergen zu können.

Schon am übernächsten Tag nach der Ankunft Brancifortes in La Petrella,

schienen die drei ehemaligen Bravi Giulios, welche Helena in ihre Dienste

genommen hatte, närrisch geworden zu sein. Obgleich jedermann nur zu gut

wußte, daß sie in strenger Geheimhaft gehalten und von Nonnen bewacht

wurde, die sie haßten, kam doch Ugone, einer der Bravi, zum Klostertor und

bat inständigst unter den seltsamsten Vorwänden, daß man ihm erlauben

möge, seine Herrin zu sehen, und zwar auf der Stelle. Er wurde abgewiesen

und zur Tür hinausgeworfen. In seiner Verzweiflung blieb der Mann aber

hier stehn und fing an, jedem der Bediensteten des Hauses, mochte er

ein- oder ausgehn, einen Bajocco zu geben, wobei er stets diese gleichen

Worte sagte: "Freut Euch mit mir, Signor Giulio Branciforte ist

angekommen, er lebt: sagt dies Euren Freunden."

Die beiden Kameraden Ugones verbrachten den Tag damit, ihm Bajocchi

zuzutragen, und sie fuhren Tag und Nacht darin fort, sie mit den immer

gleichen Worten zu verteilen, bis ihnen nichts mehr blieb. Aber die drei

Bravi fuhren, einander ablösend, trotzdem fort, die Wache an der Tür des

Klosters Santa Marta zu beziehen und richteten mit tiefen Verbeugungen an

alle Aus- und Eintretenden immer die gleichen Worte: "Signor Giulio ist

angekommen ..."

Der Einfall dieser braven Leute hatte Erfolg: keine sechsunddreißig

Stunden nach der Verteilung des ersten Bajocco wußte die arme Helena trotz

ihrer Einzelhaft in der Tiefe ihres Kerkers, daß Giulio lebte; dieses Wort

versetzte sie in Raserei:

"O meine Mutter," rief sie aus, "habt Ihr mir genug Leid zugefügt?"

Einige Stunden später wurde ihr diese erstaunliche Neuigkeit durch die

kleine Marietta bestätigt, die all ihren Goldschmuck für die Erlaubnis

geopfert hatte, der Schwester Pförtnerin, die der Gefangenen die

Mahlzeiten brachte, zu folgen. Helena warf sich in ihre Arme und weinte

vor Freude.

"Das ist sehr schön," sagte sie ihr, "aber ich werde kaum mehr bei dir

bleiben."

"Gewiß!" sagte Marietta, "ich denke wohl, daß die Zeit des Konklaves nicht

verstreichen wird, ohne daß sich Euer Gefängnis in eine einfache

Verbannung verwandelt."

"Ach, meine Teure, Giulio wiedersehen! Und ihn wiedersehen, und ich

schuldig!"

In der Mitte der dritten Nacht, die dieser Unterredung folgte, stürzte ein

Teil des Fußbodens der Kirche mit großem Getöse ein; die Nonnen von Santa

Marta glaubten, daß das Kloster versinke. Äußerste Verwirrung herrschte,

alle Welt glaubte an ein Erdbeben. Ungefähr eine Stunde nach dem Einsturz

des Marmorfußbodens der Kirche drang Signora von Campireali, ihr voran die

drei Bravi aus Helenas Diensten, durch den unterirdischen Gang in den

Kerker.

"Sieg, Sieg, Herrin!" riefen die Bravi. Helena befiel Todesangst, sie

glaubte, daß Giulio Branciforte mit ihnen käme. Sie beruhigte sich und

ihre Züge nahmen den gewohnten strengen Ausdruck an, als sie ihr sagten,

daß sie nur Signora von Campireali begleiteten und daß Giulio noch in

Albano sei, welches er mit wenigen tausend Mann besetzt hielte.

Nach einigen Minuten Wartens erschien Signora von Campireali; sie ging mit

großer Mühe und hatte den Arm ihres Haushofmeisters genommen, der in

großem Staat war, mit dem Degen an der Seite; aber sein prächtiges Gewand

war ganz mit Erde beschmutzt.

"O meine teure Helena! Ich komme, um dich zu retten!" rief Signora von

Campireali.

"Und wer sagt Euch, daß ich gerettet sein will?"

Signora von Campireali war verblüfft; sie sah ihre Tochter mit großen

Augen an, sie schien sehr aufgeregt.

"Nun wohl, meine teure Helena," sagte sie endlich, "das Schicksal zwingt

mich, dir eine Handlung einzugestehen, die nach dem Unglück, das ehemals

unsrer Familie zustieß, vielleicht ganz natürlich war, die ich aber bereue

und dich zu verzeihen bitte: Giulio Branciforte ... lebt."

"Und weil er lebt, will ich nicht leben!"

Signora von Campireali verstand erst gar nicht, was ihre Tochter meinte,

dann richtete sie die flehentlichsten, zärtlichsten Bitten an sie; aber

sie erhielt keine Antwort: Helena hatte sich zu ihrem Kruzifix gewendet

und betete, ohne sie zu hören. Es war vergeblich, daß Signora von

Campireali eine Stunde lang die äußersten Anstrengungen machte, um ein

Wort oder einen Blick zu erlangen. Endlich sagte ihre Tochter ungeduldig:

Unter[sic! Vorab fehlt: "] dem Marmor dieses Kruzifixes waren seine Briefe

in meinem kleinen Zimmer in Albano verborgen; es wäre besser gewesen, mich

von meinem Vater töten zu lassen! Geht ... und laßt mir Gold zurück."

Als Signora von Campireali trotz der besorgten Zeichen ihres

Haushofmeisters noch länger mit ihrer Tochter reden wollte, wurde Helena

ärgerlich:

"Laßt mir wenigstens eine Stunde Freiheit. Ihr habt mein Leben vergiftet,

wollt Ihr nun auch meinen Tod vergiften?"

"Wir werden über den unterirdischen Gang noch zwei oder drei Stunden

verfügen können; ich wage zu hoffen, daß du dich noch eines Besseren

besinnen wirst," rief Signora von Campireali, in Tränen ausbrechend. Und

sie nahm den Weg unter die Erde zurück.

"Ugone, bleibe bei mir", sagte Helena zu einem ihrer Bravi, "und sei wohl

bewaffnet, mein Bursche, denn vielleicht gilt es, mich zu verteidigen. Laß

mich deinen Dolch, dein Schwert, dein Messer sehen!"

Der alte Soldat zeigte ihr seine beruhigend guten Waffen.

"Nun wohl, halte dich dort vor meinem Gefängnis auf, ich werde Giulio

einen langen Brief schreiben, den du selbst ihm zustellen wirst; ich will

nicht, daß er durch andre Hände als deine geht, da ich nichts habe, um ihn

zu schließen. Du kannst alles lesen, was dieser Brief enthält. Nimm das

ganze Gold, das meine Mutter hiergelassen hat, in deine Taschen; ich

brauche nur noch fünfzig Zechinen für mich, lege sie auf mein Bett."

Nach diesen Worten begann Helena zu schreiben:

"Ich zweifle nicht an Dir, mein teurer Giulio; ich gehe von hinnen, weil

ich in Deinen Armen vor Schmerz sterben müßte; ich würde sehen, wie groß

mein Glück gewesen wäre, wenn ich nicht einen Fehltritt begangen hätte.

Glaub nicht, daß ich jemals nach Dir ein andres Wesen auf der Welt geliebt

habe; weit entfernt davon, war mein Herz immer von der lebhaftesten

Verachtung für den Mann erfüllt, den ich bei mir einließ. Mein Fehltritt

geschah einzig aus Langweile und -- wenn man will -- aus Leichtfertigkeit.

Bedenke, daß mein Geist, der durch den vergeblichen Versuch zu La Petrella

so geschwächt war, wo der Fürst, den ich verehrte, weil Du ihn liebtest,

mich so grausam empfing -- bedenke, sage ich, daß mein so geschwächter

Geist zwölf Jahre lang von Lügen umlagert war. Alles, was mich umgab, war

falsch und verlogen, und ich wußte es. Ich erhielt anfangs etwa dreißig

Briefe von Dir, urteile selbst, mit welchem Entzücken ich die ersten

öffnete! Aber indem ich sie las, wurde mein Herz zu Eis. Ich prüfte diese

Schrift, ich erkannte die Züge Deiner Hand wieder, aber nicht Dein Herz.

Glaub mir, daß diese erste Lüge mein innerstes Leben so zerstört hat, daß

ich soweit kam, einen Brief mit Deiner Handschrift ohne Freude zu öffnen!

Die verabscheuungswürdige Ankündigung Deines Todes vernichtete vollends

alles in mir, was noch aus den glücklichen Zeiten unsrer Jugend

übriggeblieben war. Meine erste Absicht war, wie Du wohl verstehen wirst,

die Küste Mexikos aufzusuchen und die Stelle mit meinen Händen zu

berühren, wo die Wilden Dich, wie man mir sagte, getötet hatten. Wenn ich

diesen Gedanken ausgeführt hätte ... würden wir jetzt glücklich sein, denn

wie groß auch die Zahl und die Geschicklichkeit der von einer wachsamen

Hand um mich gesäten Spione gewesen wäre, hätte ich doch in Madrid alle

Seelen, in denen noch Mitleid und Güte lebte, mir günstig gestimmt, und

wahrscheinlich hätte ich die Wahrheit erfahren; denn schon, mein Giulio,

hatten Deine Heldentaten die Aufmerksamkeit der Welt auf Dich gelenkt und

vielleicht wußte irgendwer in Madrid, daß Du Branciforte seist. Willst Du,

daß ich Dir sage, was unser Glück verhinderte? Zuerst die Erinnerung an

den grausamen und kränkenden Empfang, den mir der Fürst in La Petrella

bereitet hatte: welche mächtigen Hindernisse gab es von Castro bis Mexiko

zu überwinden! Du siehst, meine Seele hatte schon ihre Kraft verloren.

Dann kam mir eine Eingebung der Eitelkeit. Ich hatte große Bauten im

Kloster durchführen lassen, um die Loge der Pförtnerin, worin Du in der

Kampfnacht Zuflucht fandest, als Zimmer zu nehmen. Eines Tages betrachtete

ich den Boden, den Du ehemals für mich mit Deinem Blut getränkt hattest;

da hörte ich ein verächtliches Wort; ich erhob die Augen und sah gehässige

Gesichter; um mich zu rächen, wollte ich Äbtissin werden. Meine Mutter,

die sehr wohl wußte, daß Du am Leben warst, leistete das Äußerste, um

diese ungeheuerliche Ernennung zu erreichen. Diese Stellung war für mich

nur eine Quelle von Langweile; durch sie wurde meine Seele vollends

erniedrigt. Ich fand Vergnügen daran, meine Macht oft nur im Unglück der

andren zu genießen; ich beging Ungerechtigkeiten. Ich sah mich mit dreißig

Jahren in den Augen der Welt tugendhaft, reich, angesehen und trotzdem

vollkommen unglücklich. Da zeigte sich dieser arme Mensch, der ja die Güte

selbst war, aber die Unbedeutendheit in Person. Seine Unbedeutendheit

machte, daß ich seine ersten Anträge ertrug. Meine Seele war so

unglücklich durch alles, was mich seit Deiner Abreise umgab, daß sie nicht

mehr die Kraft hatte, der kleinsten Versuchung zu widerstehen. Soll ich

Dir etwas sehr Indezentes gestehen? Aber einer Toten ist alles erlaubt.

Wenn Du diese Zeilen lesen wirst, werden die Würmer diese angeblichen

Schönheiten verzehren, die nur Dir gehören durften. Endlich muß ich Dir

das sagen, was mir schwer wird; ich sah nicht ein, warum ich nicht, wie

alle unsre römischen Damen, die Liebe der Sinne versuchen sollte; ich

hatte eine Anwandlung von Leichtfertigkeit; aber ich konnte mich nie jenem

Menschen hingeben, ohne ein Gefühl des Abscheus und des Ekels zu

empfinden, das jedes Vergnügen zerstörte. Ich sah immer Dich an meiner

Seite, in unserm Garten in Albano, als die Madonna Dir den edlen Gedanken

eingab, der aber dann durch meine Mutter zum Unglück unsres Lebens

geworden ist. Du warst nicht drohend, sondern zärtlich und gut, wie Du

immer warst; Du sahst mich an und dann empfand ich Wut gegen diesen andren

Mann und ich ging soweit, ihn aus aller Kraft zu schlagen. Das ist die

ganze Wahrheit, mein teurer Giulio, ich wollte nicht sterben, ohne sie Dir

zu sagen -- und ich dachte auch, daß diese Zwiesprache mit Dir vielleicht

den Gedanken an den Tod von mir nehmen könnte. Ich ersehe aber nur klarer

daraus, wie meine Freude gewesen wäre, wenn ich Deiner wert geblieben

wäre. Ich befehle Dir zu leben und die militärische Karriere fortzusetzen,

die mir solche Freude bereitet hat, als ich von Deinen Erfolgen hörte. Was

wäre gewesen, großer Gott! wenn ich Deine Briefe erhalten hätte, besonders

nach der Schlacht von Achenne! Lebe und rufe Dir oft Ranuccio ins

Gedächtnis zurück, der bei Ciampi fiel, und Helena, die in Santa Marta

starb, weil sie in Deinen Augen keinen Vorwurf lesen wollte."

Nachdem sie den Brief beendet hatte, näherte sich Helena dem alten

Soldaten, den sie schlafend fand; sie nahm seinen Dolch, ohne daß er es

merkte, dann weckte sie ihn.

"Ich bin zu Ende," sagte sie ihm, "ich fürchte, daß sich unsre Feinde des

unterirdischen Zugangs bemächtigen. Nimm schnell meinen Brief, der auf dem

Tisch liegt und bring ihn Giulio, du selbst bringst ihn, verstehst du? Und

gib ihm noch mein Taschentuch, dieses hier; sag ihm, daß ich ihn auch in

diesem Augenblick nicht mehr liebe, als ich ihn immer geliebt habe, immer,

hörst du wohl!"

Ugone blieb stehen und ging nicht fort.

"Geh doch!"

"Signora, habt Ihr es wohl überlegt? Signor Giulio liebt Euch so sehr!"

"Ich auch, ich liebe ihn, nimm den Brief und übergib ihn selbst."

"Nun wohl, möge Gott Eure Güte segnen!"

Ugone ging und kehrte schnell zurück. Er fand Helena tot: sie hatte den

Dolch im Herzen.

Die Äbtissin von Castro · 第 21 / 51 题