Bis dahin ging alles gut, trotz dieses ungeheuren Klosters, das von mehr
als dreihundert neugierigen Frauen bewohnt wurde; niemand hatte etwas
gesehen, niemand etwas gehört. Aber die Äbtissin hatte dem Arzt einige
Hände voll neuer in der Münze Roms geprägter Zechinen übergeben. Der Arzt
gab mehrere dieser Goldstücke der Frau des Bäckers. Diese Frau war hübsch
und ihr Mann eifersüchtig; er durchstöberte ihren Koffer und fand diese
glänzenden Goldstücke darin; und da er sie für den Preis seiner Schande
hielt, setzte er seiner Frau ein Messer an die Kehle und zwang sie zu
sagen, woher die Goldstücke stammten. Nach einigen Ausflüchten gestand die
Frau die Wahrheit und der Friede wurde geschlossen. Die Eheleute begannen
nun über die Verwendung einer so großen Summe zu beratschlagen. Die
Bäckerin wollte einige Schulden bezahlen; aber der Mann fand es schöner,
ein Maultier zu kaufen, was auch geschah. Dieses Maultier erregte Aufsehen
in dem Viertel, wo man die Armut des Ehepaars kannte. Alle Weiber der
Stadt, Freundinnen und Feindinnen fragten eine nach der andern die Frau
des Bäckers, wer der freigebige Liebhaber gewesen sei, der sie in Stand
gesetzt habe, ein Maultier zu kaufen. Diese Frau wurde dadurch so gereizt,
daß sie einige Male die Wahrheit antwortete. Eines Tages, als Cesare del
Bene das Kind besucht hatte und zur Äbtissin zurückkehrte, um Bericht zu
erstatten, schleppte sich diese, obgleich sie sehr unpäßlich war, bis zum
Gitter und machte ihm wegen der Unzuverläßlichkeit der von ihm verwendeten
Mittelspersonen Vorwürfe. Der Bischof seinerseits wurde krank vor Angst;
er schrieb seinen Brüdern in Mailand, um ihnen die ungerechte Anklage,
deren Ziel er war, zu erzählen; auch forderte er sie auf, ihm zu Hilfe zu
kommen. Obwohl er sich schwer leidend fühlte, faßte er den Entschluß,
Castro zu verlassen; aber bevor er es tat, schrieb er der Äbtissin:
"Ihr wißt bereits, daß alles, was vorgefallen ist, bekannt wurde. Wenn
Euch deshalb daran liegt, nicht allein meinen Ruf, sondern vielleicht mein
Leben zu retten, und um den Skandal zu verkleinern, könnt Ihr Giovanni
Battista Doleri beschuldigen, der vor zwei Tagen gestorben ist. Wenn Ihr
auf diese Weise auch nicht Eure Ehre wiederherstellen könnt, so läuft
wenigstens die meine keine Gefahr mehr."
Der Bischof ließ Don Luigi, den Beichtvater des Klosters von Castro,
rufen:
"Gebt dies eigenhändig der Frau Äbtissin", sagte er zu ihm.
Als diese das ehrlose Schreiben gelesen hatte, rief sie laut vor allen,
die sich im Zimmer befanden:
"So verdienen die törichten Jungfrauen behandelt zu werden, welche die
Schönheit des Leibes über die der Seele stellen!"
Das Gerücht von allem, was in Castro vor sich ging, kam rasch zu Ohren des
schrecklichen Kardinals Farnese. Er hatte sich diese Bezeichnung seit
einigen Jahren verdient, weil er hoffte, im nächsten Konklave die
Unterstützung der Eiferer zu finden. Sogleich gab er der Obrigkeit von
Castro den Auftrag, den Bischof Cittadini zu verhaften. Dessen ganze
Dienerschaft ergriff aus Furcht vor der Folter die Flucht. Nur Cesare del
Bene blieb seinem Herrn treu und schwur ihm, daß er eher auf der Folter
sterben, als etwas gestehen würde, was ihm schaden könnte.
Cittadini, der seinen Palast von Wachen umringt sah, schrieb aufs neue
seinen Brüdern, die in großer Eile von Mailand ankamen. Sie fanden ihn
schon im Gefängnis von Ronciglione eingekerkert.
Ich entnehme aus dem ersten Verhör der Äbtissin, daß sie ihre Schuld offen
zugestand, aber leugnete, in Beziehung zu dem Hochwürdigsten Bischof
gestanden zu haben, ihr Mitschuldiger sei Gian-Battista Doleri, Advokat
des Klosters, gewesen.
Am 9. September 1573 befahl Gregor XIII., daß der Prozeß in aller Strenge
und Eile erledigt werde. Ein Kriminalrichter, ein Fiskal und ein Kommissär
begaben sich nach Castro und nach Ronciglione. Cesare del Bene, der erste
Kammerherr des Bischofs, gestand, bloß ein Kind zu einer Amme gebracht zu
haben. Man verhört ihn in Gegenwart der ehrwürdigen Klosterschwestern
Vittoria und Bernarda. Man unterwarf ihn zwei Tage hintereinander der
Tortur; er litt gräßlich, aber seinem Wort getreu, gestand er nur das, was
zu leugnen unmöglich war, und der Fiskal konnte nicht mehr aus ihm
herausbringen.
Als die Reihe an die ehrwürdigen Damen Vittoria und Bernarda kam, die
Zeugen der Folterung Cesares gewesen waren, gestanden sie alles, was sie
getan hatten. Alle Nonnen wurden nach dem Urheber des Verbrechens gefragt,
die meisten antworteten, daß es der Hochwürdigste Herr Bischof gewesen
sei. Eine der Schließerinnen berichtet die beleidigenden Worte, welche die
Äbtissin gebraucht hatte, als sie den Bischof aus der Kirche wies. Sie
fügte hinzu: "Wenn man in diesem Ton zueinander spricht, zeigt es an, daß
man schon lange ein Liebesverhältnis hat. Der Herr Bischof, der sonst
durch übermäßige Selbstgefälligkeit auffiel, hatte ein ganz linkisches
Aussehen, als er die Kirche verließ."
Eine Nonne, im Anblick der Folterwerkzeuge verhört, antwortet, daß die
Katze Urheber des Verbrechens sein müsse, weil die Äbtissin sie nie aus
den Armen läßt und immerzu liebkost. Eine andre Nonne behauptet: der
Urheber des Verbrechens müsse der Wind sein, weil die Äbtissin an Tagen,
wo der Wind weht, glücklich und guter Laune sei; sie setze sich dem Wind
auf einem Belvedere, das sie eigens hatte erbauen lassen, aus, und wenn
man an diesem Ort eine Gnade erbitten kam, sei sie niemals verweigert
worden. Die Frau des Bäckers, die Amme, die Weiber von Montefiascone
bekannten aus Furcht vor den Folterqualen, die sie Cesare hatten erleiden
sehen, die Wahrheit.
Der junge Bischof war krank oder spielte in Ronciglione den Kranken, was
seinen Brüdern Anlaß gab, durch das Ansehen und den Einfluß der Signora
von Campireali unterstützt, sich mehrmals dem Papst zu Füßen zu werfen und
von ihm zu erbitten, daß das Verfahren aufgeschoben werde, bis der Bischof
seine Gesundheit wiedererlangt habe. Auf dies hin vermehrte der
schreckliche Kardinal Farnese die Zahl der Soldaten, die ihn in seinem
Gefängnis bewachten. Da der Bischof nicht verhört werden konnte, begannen
die Kommissäre in jeder ihrer Sitzungen immer wieder, die Äbtissin einem
Verhör zu unterziehen. Eines Tages, als ihre Mutter ihr hatte sagen
lassen, sie solle guten Mutes bleiben und fortfahren, alles zu leugnen,
gestand sie alles.
"Warum habt Ihr zuerst Gian-Battista Doleri bezichtigt?"
"Aus Mitleid mit der Feigheit des Bischofs, und dann, wenn es ihm gelingt,
sein teures Leben zu retten, damit er für meinen Sohn sorgen kann."
Nach diesem Geständnis schloß man die Äbtissin in eine Zelle des Klosters
von Castro ein, deren Wände und Deckenwölbung acht Fuß dick waren; die
Nonnen sprachen nur mit Schaudern von diesem Verlies, das unter dem Namen
Mönchszelle bekannt war. Die Äbtissin wurde hier ständig von drei Frauen
überwacht.
Als sich die Gesundheit des Bischofs ein wenig gebessert hatte, kamen
dreihundert Sbirren oder Soldaten, um ihn aus Ronciglione zu holen, und er
wurde in einer Sänfte nach Rom geschafft. Dort brachte man ihn in einem
Gefängnis unter, das Corte Savella hieß. Wenige Tage später wurden auch
die Nonnen nach Rom eingeliefert; die Äbtissin wurde im Kloster Santa
Marta, untergebracht. Vier Nonnen waren beschuldigt: die ehrwürdigen
Schwestern Vittoria und Bernarda, die Schwester, welche an jenem Tage die
Aufsicht führte, und die Pförtnerin, welche die beleidigenden Worte gehört
hatte, die von der Äbtissin an den Bischof gerichtet wurden.
Der Bischof wurde vom Auditor der päpstlichen Kammer vernommen, einem der
höchsten Vertreter des Richterstandes. Man spannte den armen Cesare del
Bene von neuem auf die Folter; doch er gestand nichts, ja er sagte sogar
Dinge aus, die dem Staatsanwalt peinlich waren, was ihm eine neue
Folterung eintrug. Diese Einleitungsmarter mußten auch die ehrwürdigen
Schwestern Vittoria und Bernarda erleiden. Der Bischof leugnete alles in
dümmster Weise, aber mit einer gefälligen Hartnäckigkeit; er zählte mit
den größten Einzelheiten alles auf, was er an den drei offenkundig bei der
Äbtissin verbrachten Abenden vorgenommen haben wollte.
Schließlich stellte man die Äbtissin dem Bischof gegenüber, und obgleich
sie beständig die Wahrheit gesagt hatte, wurde sie dennoch der Folterung
unterworfen. Weil sie auf dem beharrte, was sie auf ihrem ersten
Geständnis immer ausgesagt hatte, überhäufte sie der Bischof, seiner Rolle
getreu, mit Beleidigungen.
Nach mehreren andren, im Grunde vernünftigen Maßnahmen, die aber von jenem
Geist der Grausamkeit befleckt sind, der seit der Regierung Karls V. und
Philipps II. zu sehr an den Tribunalen Italiens vorwiegt, wurde der
Bischof zu lebenslänglicher Gefangenschaft in der Engelsburg verurteilt.
Die Äbtissin wurde verurteilt, ihr ganzes Leben im Kloster von Santa
Marta, wo sie sich aufhielt, eingekerkert zu werden. Aber schon hatte es
Signora von Campireali unternommen, um ihre Tochter zu retten, einen
unterirdischen Gang ausheben zu lassen. Dieser Gang begann bei einer der
aus der Herrlichkeit des alten Rom zurückgebliebenen Kloaken und sollte
bei dem tiefen Kellergewölbe enden, wo man die sterblichen Reste der
Nonnen von Santa Marta beisetzte. Dieser Gang von zwei Fuß Breite hatte
Bretterwände, um das Erdreich rechts und links zu stützen und als
Deckenwölbung gab man ihm, im Maße man vorwärts kam, zwei wie die Schenkel
eines großen A gestellte Bretter.
Man grub diesen unterirdischen Weg in einer Tiefe von etwa dreißig Fuß.
Das schwierigste war, ihn in der rechten Richtung weiterzuführen; jeden
Augenblick waren die Arbeiter durch antike Brunnen und Grundmauern
gezwungen, eine Wendung zu machen. Eine andre große Schwierigkeit
bereitete die weggeräumte Erde, mit der man nichts Rechtes anzufangen
wußte; es sah aus, als ob man sie nachts in allen Straßen Roms aussäte.
Man wunderte sich über diese Menge Erde, die sozusagen vom Himmel fiel.
Wie groß die Summen auch waren, welche Signora von Campireali ausgab, um
ihre Tochter zu retten, wäre ihr unterirdischer Gang doch sicher entdeckt
worden; aber der Papst Gregor XIII. starb 1585, und die Herrschaft der
Unordnung zog mit der Vakanz des Heiligen Stuhls ein.
Helena ging es in Santa Marta sehr schlecht; man kann sich denken, wie
sehr die einfachen und armen Nonnen wetteiferten, eine so reiche, eines
solchen Verbrechens überführte Äbtissin zu quälen. Helena erwartete mit
Ungeduld das Ergebnis der von ihrer Mutter unternommenen Arbeit. Aber
plötzlich erfuhr ihr Herz seltsame Bewegung. Schon vor sechs Monaten hatte
Fabrizio Colonna, der angesichts des schwankenden Gesundheitszustands
Gregors XIII. große Pläne für die Zeit des Interregnums faßte, einen
seiner Offiziere zu Giulio Branciforte geschickt, der jetzt in der
spanischen Armee unter dem Namen Oberst Lizzara sehr bekannt geworden war.
Er rief ihn nach Italien zurück. Giulio brannte darauf, seine Heimat
wiederzusehen. Er landete unter einem angenommenen Namen in Pescara, einem
kleinen Hafen des Adriatischen Meeres, der unterhalb Chieti in den
Abruzzen lag, und kam über das Gebirge nach La Petrella. Die Freude des
Fürsten setzte alle Welt in Erstaunen. Er teilte Giulio mit, daß er ihn
zurückrufen ließ, um ihn zu seinem Nachfolger zu machen und ihm den Befehl
über seine Soldaten zu übergeben. Worauf Branciforte antwortete, daß,
militärisch gesprochen, das Unternehmen nichts mehr wert sei, was er
leicht beweisen könne; wenn jemals Spanien ernstlich wollte, würde es in
sechs Monaten mit geringen Auslagen sämtliche Briganten Italiens
vernichten.
"Aber trotz allem," fügte der junge Branciforte hinzu, "wenn Ihr es wollt,
bin ich bereit zu marschieren, mein Fürst. Ihr werdet stets in mir den
Nachfolger des tapferen, bei Ciampi gefallenen Ranuccio finden."
Vor Giulios Ankunft hatte der Fürst befohlen, so wie er zu befehlen
verstand, daß sich niemand in Petrella unterfangen solle, von Castro und
von dem Prozeß der Äbtissin zu sprechen; Todesstrafe ohne Nachsicht war
auf das geringste Geschwätz gesetzt. Mitten in den Freundschaftsergüssen,
mit denen er Branciforte empfing, bat er ihn, niemals ohne ihn nach Albano
zu gehen, und seine Art, diese Reise zu machen, bestand darin, daß er die
Stadt durch tausend seiner Leute besetzen ließ, und eine Vorhut von
zwölfhundert Mann auf der Straße nach Rom aufstellte. Man stelle sich vor,
was der arme Giulio empfand, als der Fürst den alten Scotti, welcher noch
lebte, in das Haus, wo er sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, holen
ließ und ihn in das Zimmer rief, wo er sich mit Giulio aufhielt. Als die
beiden Freunde einander umarmt hatten, rief er Giulio zu sich: "Jetzt,
mein armer Oberst, mußt du dich auf das Schlimmste gefaßt machen."
Darauf blies er das Licht aus und verließ das Zimmer, in dem er die beiden
Freunde einschloß.
Am nächsten Morgen schickte Giulio, der sein Zimmer nicht verlassen
wollte, die Bitte zum Fürsten, nach La Petrella gehen und sich dafür
einige Tage beurlauben zu dürfen. Aber man brachte ihm die Meldung, daß
der Fürst verschwunden sei samt seinen Truppen.
In der Nacht hatte er den Tod Gregors XIII. erfahren; er hatte seinen
Freund Giulio vergessen und war über Land. Bei Giulio waren nur etwa
dreißig Mann geblieben, die einst zur Kompanie Ranuccios gehörten. Es ist
bekannt genug, daß in jenen Zeiten während der Vakanz des Heiligen Stuhls
die Gesetze schwiegen; jeder dachte nur daran, seine Leidenschaften zu
befriedigen und es galt nur die Kraft; darum hatte, noch vor dem Ende des
Tags, Fürst Colonna schon mehr als fünfzig seiner Feinde aufhängen lassen.
Giulio aber, obgleich er nicht vierzig Mann bei sich hatte, wagte es, nach
Rom zu marschieren.
Die ganze Dienerschaft der Äbtissin von Castro war ihr treu geblieben; sie
hatten sich in den ärmlichen Häusern um das Kloster Santa Marta herum
eingemietet. Der Todeskampf Gregors XIII. hatte länger als eine Woche
gedauert; Signora von Campireali erwartete ungeduldig die Tage der
Verwirrung, die seinem Tod folgen würden, um die letzten fünfzig Schritt
ihres unterirdischen Ganges in Angriff zu nehmen. Da man die Keller von
mehreren bewohnten Häusern durchqueren mußte, fürchtete sie sehr, das Ziel
ihrer Unternehmung nicht länger verbergen zu können.
Schon am übernächsten Tag nach der Ankunft Brancifortes in La Petrella,
schienen die drei ehemaligen Bravi Giulios, welche Helena in ihre Dienste
genommen hatte, närrisch geworden zu sein. Obgleich jedermann nur zu gut
wußte, daß sie in strenger Geheimhaft gehalten und von Nonnen bewacht
wurde, die sie haßten, kam doch Ugone, einer der Bravi, zum Klostertor und
bat inständigst unter den seltsamsten Vorwänden, daß man ihm erlauben
möge, seine Herrin zu sehen, und zwar auf der Stelle. Er wurde abgewiesen
und zur Tür hinausgeworfen. In seiner Verzweiflung blieb der Mann aber
hier stehn und fing an, jedem der Bediensteten des Hauses, mochte er
ein- oder ausgehn, einen Bajocco zu geben, wobei er stets diese gleichen
Worte sagte: "Freut Euch mit mir, Signor Giulio Branciforte ist
angekommen, er lebt: sagt dies Euren Freunden."
Die beiden Kameraden Ugones verbrachten den Tag damit, ihm Bajocchi
zuzutragen, und sie fuhren Tag und Nacht darin fort, sie mit den immer
gleichen Worten zu verteilen, bis ihnen nichts mehr blieb. Aber die drei
Bravi fuhren, einander ablösend, trotzdem fort, die Wache an der Tür des
Klosters Santa Marta zu beziehen und richteten mit tiefen Verbeugungen an
alle Aus- und Eintretenden immer die gleichen Worte: "Signor Giulio ist
angekommen ..."
Der Einfall dieser braven Leute hatte Erfolg: keine sechsunddreißig
Stunden nach der Verteilung des ersten Bajocco wußte die arme Helena trotz
ihrer Einzelhaft in der Tiefe ihres Kerkers, daß Giulio lebte; dieses Wort
versetzte sie in Raserei:
"O meine Mutter," rief sie aus, "habt Ihr mir genug Leid zugefügt?"
Einige Stunden später wurde ihr diese erstaunliche Neuigkeit durch die
kleine Marietta bestätigt, die all ihren Goldschmuck für die Erlaubnis
geopfert hatte, der Schwester Pförtnerin, die der Gefangenen die
Mahlzeiten brachte, zu folgen. Helena warf sich in ihre Arme und weinte
vor Freude.
"Das ist sehr schön," sagte sie ihr, "aber ich werde kaum mehr bei dir
bleiben."
"Gewiß!" sagte Marietta, "ich denke wohl, daß die Zeit des Konklaves nicht
verstreichen wird, ohne daß sich Euer Gefängnis in eine einfache
Verbannung verwandelt."
"Ach, meine Teure, Giulio wiedersehen! Und ihn wiedersehen, und ich
schuldig!"
In der Mitte der dritten Nacht, die dieser Unterredung folgte, stürzte ein
Teil des Fußbodens der Kirche mit großem Getöse ein; die Nonnen von Santa
Marta glaubten, daß das Kloster versinke. Äußerste Verwirrung herrschte,
alle Welt glaubte an ein Erdbeben. Ungefähr eine Stunde nach dem Einsturz
des Marmorfußbodens der Kirche drang Signora von Campireali, ihr voran die
drei Bravi aus Helenas Diensten, durch den unterirdischen Gang in den
Kerker.
"Sieg, Sieg, Herrin!" riefen die Bravi. Helena befiel Todesangst, sie
glaubte, daß Giulio Branciforte mit ihnen käme. Sie beruhigte sich und
ihre Züge nahmen den gewohnten strengen Ausdruck an, als sie ihr sagten,
daß sie nur Signora von Campireali begleiteten und daß Giulio noch in
Albano sei, welches er mit wenigen tausend Mann besetzt hielte.
Nach einigen Minuten Wartens erschien Signora von Campireali; sie ging mit
großer Mühe und hatte den Arm ihres Haushofmeisters genommen, der in
großem Staat war, mit dem Degen an der Seite; aber sein prächtiges Gewand
war ganz mit Erde beschmutzt.
"O meine teure Helena! Ich komme, um dich zu retten!" rief Signora von
Campireali.
"Und wer sagt Euch, daß ich gerettet sein will?"
Signora von Campireali war verblüfft; sie sah ihre Tochter mit großen
Augen an, sie schien sehr aufgeregt.
"Nun wohl, meine teure Helena," sagte sie endlich, "das Schicksal zwingt
mich, dir eine Handlung einzugestehen, die nach dem Unglück, das ehemals
unsrer Familie zustieß, vielleicht ganz natürlich war, die ich aber bereue
und dich zu verzeihen bitte: Giulio Branciforte ... lebt."
"Und weil er lebt, will ich nicht leben!"
Signora von Campireali verstand erst gar nicht, was ihre Tochter meinte,
dann richtete sie die flehentlichsten, zärtlichsten Bitten an sie; aber
sie erhielt keine Antwort: Helena hatte sich zu ihrem Kruzifix gewendet
und betete, ohne sie zu hören. Es war vergeblich, daß Signora von
Campireali eine Stunde lang die äußersten Anstrengungen machte, um ein
Wort oder einen Blick zu erlangen. Endlich sagte ihre Tochter ungeduldig:
Unter[sic! Vorab fehlt: "] dem Marmor dieses Kruzifixes waren seine Briefe
in meinem kleinen Zimmer in Albano verborgen; es wäre besser gewesen, mich
von meinem Vater töten zu lassen! Geht ... und laßt mir Gold zurück."
Als Signora von Campireali trotz der besorgten Zeichen ihres
Haushofmeisters noch länger mit ihrer Tochter reden wollte, wurde Helena
ärgerlich:
"Laßt mir wenigstens eine Stunde Freiheit. Ihr habt mein Leben vergiftet,
wollt Ihr nun auch meinen Tod vergiften?"
"Wir werden über den unterirdischen Gang noch zwei oder drei Stunden
verfügen können; ich wage zu hoffen, daß du dich noch eines Besseren
besinnen wirst," rief Signora von Campireali, in Tränen ausbrechend. Und
sie nahm den Weg unter die Erde zurück.
"Ugone, bleibe bei mir", sagte Helena zu einem ihrer Bravi, "und sei wohl
bewaffnet, mein Bursche, denn vielleicht gilt es, mich zu verteidigen. Laß
mich deinen Dolch, dein Schwert, dein Messer sehen!"
Der alte Soldat zeigte ihr seine beruhigend guten Waffen.
"Nun wohl, halte dich dort vor meinem Gefängnis auf, ich werde Giulio
einen langen Brief schreiben, den du selbst ihm zustellen wirst; ich will
nicht, daß er durch andre Hände als deine geht, da ich nichts habe, um ihn
zu schließen. Du kannst alles lesen, was dieser Brief enthält. Nimm das
ganze Gold, das meine Mutter hiergelassen hat, in deine Taschen; ich
brauche nur noch fünfzig Zechinen für mich, lege sie auf mein Bett."
Nach diesen Worten begann Helena zu schreiben:
"Ich zweifle nicht an Dir, mein teurer Giulio; ich gehe von hinnen, weil
ich in Deinen Armen vor Schmerz sterben müßte; ich würde sehen, wie groß
mein Glück gewesen wäre, wenn ich nicht einen Fehltritt begangen hätte.
Glaub nicht, daß ich jemals nach Dir ein andres Wesen auf der Welt geliebt
habe; weit entfernt davon, war mein Herz immer von der lebhaftesten
Verachtung für den Mann erfüllt, den ich bei mir einließ. Mein Fehltritt
geschah einzig aus Langweile und -- wenn man will -- aus Leichtfertigkeit.
Bedenke, daß mein Geist, der durch den vergeblichen Versuch zu La Petrella
so geschwächt war, wo der Fürst, den ich verehrte, weil Du ihn liebtest,
mich so grausam empfing -- bedenke, sage ich, daß mein so geschwächter
Geist zwölf Jahre lang von Lügen umlagert war. Alles, was mich umgab, war
falsch und verlogen, und ich wußte es. Ich erhielt anfangs etwa dreißig
Briefe von Dir, urteile selbst, mit welchem Entzücken ich die ersten
öffnete! Aber indem ich sie las, wurde mein Herz zu Eis. Ich prüfte diese
Schrift, ich erkannte die Züge Deiner Hand wieder, aber nicht Dein Herz.
Glaub mir, daß diese erste Lüge mein innerstes Leben so zerstört hat, daß
ich soweit kam, einen Brief mit Deiner Handschrift ohne Freude zu öffnen!
Die verabscheuungswürdige Ankündigung Deines Todes vernichtete vollends
alles in mir, was noch aus den glücklichen Zeiten unsrer Jugend
übriggeblieben war. Meine erste Absicht war, wie Du wohl verstehen wirst,
die Küste Mexikos aufzusuchen und die Stelle mit meinen Händen zu
berühren, wo die Wilden Dich, wie man mir sagte, getötet hatten. Wenn ich
diesen Gedanken ausgeführt hätte ... würden wir jetzt glücklich sein, denn
wie groß auch die Zahl und die Geschicklichkeit der von einer wachsamen
Hand um mich gesäten Spione gewesen wäre, hätte ich doch in Madrid alle
Seelen, in denen noch Mitleid und Güte lebte, mir günstig gestimmt, und
wahrscheinlich hätte ich die Wahrheit erfahren; denn schon, mein Giulio,
hatten Deine Heldentaten die Aufmerksamkeit der Welt auf Dich gelenkt und
vielleicht wußte irgendwer in Madrid, daß Du Branciforte seist. Willst Du,
daß ich Dir sage, was unser Glück verhinderte? Zuerst die Erinnerung an
den grausamen und kränkenden Empfang, den mir der Fürst in La Petrella
bereitet hatte: welche mächtigen Hindernisse gab es von Castro bis Mexiko
zu überwinden! Du siehst, meine Seele hatte schon ihre Kraft verloren.
Dann kam mir eine Eingebung der Eitelkeit. Ich hatte große Bauten im
Kloster durchführen lassen, um die Loge der Pförtnerin, worin Du in der
Kampfnacht Zuflucht fandest, als Zimmer zu nehmen. Eines Tages betrachtete
ich den Boden, den Du ehemals für mich mit Deinem Blut getränkt hattest;
da hörte ich ein verächtliches Wort; ich erhob die Augen und sah gehässige
Gesichter; um mich zu rächen, wollte ich Äbtissin werden. Meine Mutter,
die sehr wohl wußte, daß Du am Leben warst, leistete das Äußerste, um
diese ungeheuerliche Ernennung zu erreichen. Diese Stellung war für mich
nur eine Quelle von Langweile; durch sie wurde meine Seele vollends
erniedrigt. Ich fand Vergnügen daran, meine Macht oft nur im Unglück der
andren zu genießen; ich beging Ungerechtigkeiten. Ich sah mich mit dreißig
Jahren in den Augen der Welt tugendhaft, reich, angesehen und trotzdem
vollkommen unglücklich. Da zeigte sich dieser arme Mensch, der ja die Güte
selbst war, aber die Unbedeutendheit in Person. Seine Unbedeutendheit
machte, daß ich seine ersten Anträge ertrug. Meine Seele war so
unglücklich durch alles, was mich seit Deiner Abreise umgab, daß sie nicht
mehr die Kraft hatte, der kleinsten Versuchung zu widerstehen. Soll ich
Dir etwas sehr Indezentes gestehen? Aber einer Toten ist alles erlaubt.
Wenn Du diese Zeilen lesen wirst, werden die Würmer diese angeblichen
Schönheiten verzehren, die nur Dir gehören durften. Endlich muß ich Dir
das sagen, was mir schwer wird; ich sah nicht ein, warum ich nicht, wie
alle unsre römischen Damen, die Liebe der Sinne versuchen sollte; ich
hatte eine Anwandlung von Leichtfertigkeit; aber ich konnte mich nie jenem
Menschen hingeben, ohne ein Gefühl des Abscheus und des Ekels zu
empfinden, das jedes Vergnügen zerstörte. Ich sah immer Dich an meiner
Seite, in unserm Garten in Albano, als die Madonna Dir den edlen Gedanken
eingab, der aber dann durch meine Mutter zum Unglück unsres Lebens
geworden ist. Du warst nicht drohend, sondern zärtlich und gut, wie Du
immer warst; Du sahst mich an und dann empfand ich Wut gegen diesen andren
Mann und ich ging soweit, ihn aus aller Kraft zu schlagen. Das ist die
ganze Wahrheit, mein teurer Giulio, ich wollte nicht sterben, ohne sie Dir
zu sagen -- und ich dachte auch, daß diese Zwiesprache mit Dir vielleicht
den Gedanken an den Tod von mir nehmen könnte. Ich ersehe aber nur klarer
daraus, wie meine Freude gewesen wäre, wenn ich Deiner wert geblieben
wäre. Ich befehle Dir zu leben und die militärische Karriere fortzusetzen,
die mir solche Freude bereitet hat, als ich von Deinen Erfolgen hörte. Was
wäre gewesen, großer Gott! wenn ich Deine Briefe erhalten hätte, besonders
nach der Schlacht von Achenne! Lebe und rufe Dir oft Ranuccio ins
Gedächtnis zurück, der bei Ciampi fiel, und Helena, die in Santa Marta
starb, weil sie in Deinen Augen keinen Vorwurf lesen wollte."
Nachdem sie den Brief beendet hatte, näherte sich Helena dem alten
Soldaten, den sie schlafend fand; sie nahm seinen Dolch, ohne daß er es
merkte, dann weckte sie ihn.
"Ich bin zu Ende," sagte sie ihm, "ich fürchte, daß sich unsre Feinde des
unterirdischen Zugangs bemächtigen. Nimm schnell meinen Brief, der auf dem
Tisch liegt und bring ihn Giulio, du selbst bringst ihn, verstehst du? Und
gib ihm noch mein Taschentuch, dieses hier; sag ihm, daß ich ihn auch in
diesem Augenblick nicht mehr liebe, als ich ihn immer geliebt habe, immer,
hörst du wohl!"
Ugone blieb stehen und ging nicht fort.
"Geh doch!"
"Signora, habt Ihr es wohl überlegt? Signor Giulio liebt Euch so sehr!"
"Ich auch, ich liebe ihn, nimm den Brief und übergib ihn selbst."
"Nun wohl, möge Gott Eure Güte segnen!"
Ugone ging und kehrte schnell zurück. Er fand Helena tot: sie hatte den
Dolch im Herzen.