BASEL, MÜNCHEN 1866-1874

Durch eine Verschiebung in der Zusammensetzung der Kommission, die dem

Basler Museum vorstand, waren Jakob Burckhardt und der Kupferstecher

Weber vorübergehend zu entscheidendem Einfluß gelangt. Vielleicht ist

Böcklin, ermuntert durch diese Wendung, im Herbst 1866 nach Basel

übergesiedelt. Er hatte die Niederlagen Italiens und die große Erregung

darüber im Lande noch miterlebt, sah auf der Reise nach der Schweiz in

Ancona die Trümmer der italienischen Flotte im Hafen liegen und ist im

September in Basel eingetroffen.

Sein Unterkommen hat Böcklin in verschiedenen Mietshäusern gefunden,

zuletzt, seit Mai 1868, in einem alten Johanniterhaus am unteren Ende

der Stadt, wo der Rhein die Mauern der alten Umwallung verläßt. Die

Söhne konnten damals noch von den unteren Fenstern der Wohnung in den

gurgelnden Wassern des Stromes nach Fischen angeln. Seit Herbst 1868

bezogen Böcklin und sein Schüler Schick dort auch ihre Ateliers. Man

sah damals noch über die Fluten in grüne Gärten und Felder hinaus und

darüber die ersten Anhöhen des Schwarzwaldes.

Er vollendete zunächst das Bild „Christus und Magdalena“ (Taf. 22), das

ihm hier und in Deutschland sehr große Anerkennung bringen sollte und

sofort, zu Beginn des Jahres 1868, vom Basler Museum angekauft wurde,

malte den „Petrarca“, der auf der Reise nach der Schweiz gelitten hatte,

noch einmal neu und führte eine zweite Umgestaltung der „Götter

Griechenlands“ fast zu Ende. Es ist das Bild, das sich jetzt als

„Liebesfrühling“ in der Sammlung Heyl befindet (Taf. 26). Damit es

ihm nicht an kleinen Zuschüssen fehle, ließ einer seiner Freunde,

Regierungsrat Dr. Müller, seine Mutter von ihm porträtieren und an das,

mit seiner verblüffenden Naturwahrheit in seinem Werke einzigartige

Bild, das der Künstler damals geschaffen hat, schlössen sich in der Tat

andere Aufträge an. Im Frühjahr 1868 erhielt er dann den Auftrag, den

Sarasinschen Gartensaal auszumalen.

Es war von seinen Freunden darauf gedrungen worden, ihm eine große

Arbeit im Museum zu übertragen, er selber aber hatte den Wunsch

geäußert, sich zuerst bei einer kleineren Arbeit im Fresko versuchen

zu können. Da bot ihm ein früherer Gönner für ein anständiges Honorar

diese Aufgabe an. Der Saal steht abseits vom Wohnhaus und hatte eine

fensterlose Rückwand, die zum Schmuck durch Gemälde aufforderte. In der

Mitte über einem Kamin ein Feld in Hochformat, zu beiden Seiten zwei

ebenso hohe, etwas mehr als 3 m breite Wandflächen. Böcklin schmückte

das Mittelfeld mit der Gestalt des harfenspielenden David (Taf. 23),

die Seitenfelder mit zwei Landschaften, die in wirkungsvollem Gegensatz

zueinander und zur Mitte standen, links die „Flucht nach Ägypten“,

rechts der „Gang nach Emmaus“ (Taf. 24 und 25). Die Landschaften wurden

im Sommer 1868 in einem Zuge und in wenigen Wochen ausgeführt und haben

offenbar schon damals starken Eindruck hervorgerufen. Jetzt drangen die

Freunde in der Museumskommission darauf, daß ihm auch die Ausmalung des

Treppenhauses im Museumsgebäude übertragen wurde. Dieses steht in der

Nähe des Münsterplatzes; es ist 1843-1849 von dem Architekten Berry in

gräkisierendem Stile erbaut worden und hat drei hohe Stockwerke; die

beiden unteren beherbergten damals außer der Bibliothek namentlich die

Naturwissenschaftlichen Sammlungen, das oberste die Gemäldegalerie mit

den Werken Holbeins, heute auch mit denen Böcklins. Der Meister sollte

die Treppe, welche vom Erdgeschoß zum ersten Stock führt, schmücken.

Diese steigt zwischen glatten Wänden empor. Zur Aufnahme großer Bilder

waren drei Wände neben den drei Treppenpodesten geeignet. Über den

Fenstern haben Medaillons Platz gefunden. Das übrige erhielt unter

Böcklins Leitung einen farbigen Anstrich. Als Vorwurf für die

Hauptbilder wurde mit Rücksicht darauf, daß die Treppe auch zu den

Naturwissenschaftlichen Sammlungen führt, für die unterste Wand eine

Personifikation der Naturkraft in Aussicht genommen, die im Protokoll

als „Magna mater“ bezeichnet wird (Taf. 28), für die oberen Wände eine

„Flora“ (Taf. 29) und ein „Apollo“. Im Oktober erhielt Böcklin den

Auftrag für das unterste Bild; jetzt vollendete er die Figur des David

in wenigen Tagen und ging noch Ende November, sobald der Entwurf

genehmigt war, an die Ausmalung des ersten Museumsbildes, obwohl das

Treppenhaus nicht zu heizen ist. Er hat diese Arbeit in etwa fünf Wochen

bis zum Jahresschluß vollendet.

Es war eine gewaltige Leistung. Die Wand ist ungefähr 5 m hoch, und die

Komposition enthält gegen zwanzig annähernd lebensgroße Figuren. Es

bangte dem Künstler auch vor der Entscheidung, und in den ersten Tagen

der Arbeit am Fresko hat er in schlafloser Nacht einmal das Ganze in

allen Teilen vor sich gesehen. Das Bild hat Beifall gefunden, obwohl es

keineswegs die liebenswürdigste seiner damaligen Leistungen war. Nun

wurde Böcklin die Ausschmückung der übrigen Teile des Treppenhauses

übertragen. Es geschah freilich zum großen Ärger des Präsidenten der

Kunstkommission, des Holbeinforschers Dr. His, dem der Schaffensdrang

des Künstlers als ungeduldige Hast erschienen war, der auch keine rechte

Freude an dem Wandbild hatte und den Auftrag als unbesonnene Eile

bezeichnete. Er sah die Tugend im Korrekten und Geleckten und hoffte

durch Hinausziehen das schöne Unternehmen zu vereiteln.

[Illustration:

ENTWURF ZU DEM „GANG DER JÜNGER NACH EMMAUS“ (ZEICHNUNG);

MUSEUM IN DARMSTADT]

Der Künstler ging nun zunächst an die Vollendung seiner angefangenen

Staffeleibilder, schuf die „Götter Griechenlands“ noch ein drittes

Mal neu als „Frühlingsreigen“, machte dann eine Reise nach Oberitalien,

um namentlich die Fresken von Correggio und Luini sich wieder einmal

anzusehen, und hat dann, sichtlich erfrischt durch die neuen Eindrücke,

die Entwürfe zu den beiden anderen Hauptbildern ausgeführt. Aber nun

waren allerhand Bedenken und Widerstände wach geworden, und die

Freunde, die Böcklin wohl wollten, suchten leider den Gegner dadurch

zu entwaffnen, daß sie dem Künstler zuredeten, in Einzelheiten

entgegenzukommen, obwohl der Widerstand gegen den Kern der Sache ging.

Die Kritik richtete sich im besonderen gegen den Apollo. Böcklin hat

hier nachgegeben, aber dies dritte Fresko dann ohne persönliche

Anteilnahme heruntergemalt, um so mehr, da es selbst während der Arbeit

nicht an Gehässigkeiten gefehlt hat. Das Kolorit freilich ist bei den

späteren Bildern wärmer und tiefer, beim Apollo vielleicht am feinsten.

Aber man sieht doch deutlich, der Feind hatte dem Künstler die Freude

gerade in dem Augenblick verdorben, als er das Fresko völlig zu

beherrschen anfing. Die Kommission aber, die doch mit schuld an dem

Unheil war, sprach im Dezember 1869 ihr Bedauern über das dritte Bild

aus, und das führte zum Bruche mit Jak. Burckhardt; denn entschieden war

nur noch Weber für Böcklin eingestanden. Burckhardt hatte schon bei der

in Basel entstandenen Pietà eine Unvorsichtigkeit begangen und den Maler

bestimmt, dem Christus eine mildere Fassung zu geben, was dann Böcklin

vor der Pietà in Colmar von Matthias Grünewald wieder bereut hat. Jetzt

hatte sich der Jugendfreund schließlich auf die Seite eines Feindes

gestellt. Es war ein Gegensatz der Charaktere und der Kunstanschauung,

der zum Bruche führte. Burckhardt, auf seinem Gebiet ein mutiger

Bahnbrecher, hatte sich seiner persönlichen Umgebung doch in manchem

angepaßt. Böcklin, der alle paar Jahre seinen Wohnort wechselte, ist

immer aufrecht geblieben. Auf dem Gebiete der Kunst waren beide ganz

besondere Verehrer von Rubens, in dessen Lebenswerk germanisches, besser

deutsches Empfinden und germanische Kultur mit romanischer eine solch

wunderbare Mischung eingegangen ist. Jak. Burckhardt, der Entdecker der

italienischen Renaissance, hielt es aber mit den Italienern und es war

ein Kompromiß, wenn er einem Dürer und Grünewald gerecht wurde. Anders

Böcklin, er fühlte sich mehr und mehr von den Ober- und Niederdeutschen

des 15. und 16. Jahrhunderts angezogen. Es ist kein Zufall, daß gerade

vor Grünewald der Gegensatz zu Burckhardt zuerst in die Erscheinung

trat.

Aber noch eine andere kostbare Frucht des Jahres sollte das Schicksal

der Museumsbilder erleben. Als der „Frühlingsreigen“, die letzte und

reifste Umarbeitung der „Götter Griechenlands“, in München ankam,

wurde sie von Schack mit Entrüstung zurückgewiesen. Ein Freilichtbild

ohnegleichen in damaliger Zeit, hat es wohl nur wegen seiner Vorzüge

Widerspruch gefunden. Es bildet jetzt einen Hauptschmuck der Dresdener

Galerie (Taf. 27).

Böcklin wurde durch den Bruch mit Jak. Burckhardt in Basel vereinsamt

und sah sich nach einem andern Wohnort um. Daß selbst der Freund, der in

der kleinen Stadt selber schon wegen Künstlerideen aufgefallen war, dem

Philister und Pedanten recht gab, war wohl für ihn vernichtend; die

Bildnisaufträge haben von diesem Augenblicke an aufgehört und das

wurde in der Familie des Künstlers dann wieder auf die Machinationen

Burckhardts zurückgeführt. Sicher völlig mit Unrecht. Dieser hat weit

schwerer als Böcklin unter dem Bruche gelitten, und im stillen alle die

Erinnerungen an die Tage der Freundschaft aufbewahrt. Eine große Zahl

von Studien und kleinen Gemälden aus den ersten Romjahren hat sich in

seinem Nachlaß vorgefunden.

Der Künstler rächte sich an der Verwaltung des Museums zunächst

dadurch, daß er in die Medaillons über den Fenstern, die sich neben

den großen Fresken befinden, zwei Köpfe malte, die wohl mit Recht als

die „verbissene“ und die „dumme Kritik“ aufgefaßt werden. Auch die

berühmteren Fratzen an der Kunsthalle (Seite 6), die er einige Zeit

später als Schlußsteine der Fenster im Erdgeschoß zum Teil selber in

Stein gemeißelt hat, sind eine Künstlerrache. Sie sind zugleich eine

Kritik der in der Vaterstadt Böcklins besonders gefährlichen Gewohnheit,

alle wichtigen Entscheidungen durch Kommissionen treffen zu lassen, wo

der Gescheitere auf die Dümmeren hört oder von ihnen überstimmt wird.

Über die monumentale Verhöhnung der eigenen Person hat man sich in den

Kommissionen erst mächtig aufgeregt und den Gedanken ernstlich erwogen,

dies alles zu vernichten, aber man schob auch da den mutigen Entschluß

hinaus, bis endlich die zunehmende Freude der Nichtverhöhnten jeden

Gedanken an eine Zerstörung der Denkmäler unmöglich machte.

Das Schlimmste war, daß der Künstler für immer die Lust an solchen

Schöpfungen verloren hat, auf die eine Körperschaft einen stärkeren

Einfluß gewinnen kann als auf die Entstehung eines Staffeleibildes. Es

sind noch mehrmals Verhandlungen wegen monumentaler Arbeiten mit ihm

angeknüpft worden. Einmal noch ist auch das Feuer der Begeisterung für

eine Arbeit im großen bei ihm aufgelodert. Es war, als im Jahre 1880

das Breslauer Museum an ihn herangetreten war. Es war umsonst. Andere

Anträge hat er gleich von der Hand gewiesen.

Böcklin war aber vielleicht besser als alle Zeitgenossen zu monumentalen

Schöpfungen veranlagt. Er war auch vielleicht für nichts so wie für das

Wandbild veranlagt und seine Entwicklung drängte seit den sechziger

Jahren zum Großdekorativen hin. Eine Reihe meisterhafter Fresken über

Deutschland zerstreut hätte der deutschen Malerei eine andere und höhere

Entwicklung geben können und auch eine selbständigere zur Zeit, als sie

der Hegemonie der Franzosen verfiel.

Den stärksten Eindruck werden von all den Basler Fresken wohl auf jeden

zuerst die beiden großen Landschaften des Sarasinschen Gartenhauses

machen. Hier ist Böcklin erstaunlich groß und einfach, ohne leer zu

sein. Es liegt über diesen Schöpfungen ein Zauber, der fast feierlich

stimmt. Das Kolorit ist sehr zurückhaltend, aber fein. Dazwischen die

Figur des David, die zugleich durch ihre Plastik, wie durch ihre

festlich leuchtenden Farben in Erstaunen setzt.

Die Museumsfresken gewinnen nicht in demselben Maße schon beim ersten

Anblick, aber namentlich die „Flora“ enthüllt immer neue Schönheiten

bei häufigerem Studium. Das Bild ist ein Hauptwerk seines Lebens, vom

Höchsten und künstlerisch Feinsten, was Böcklin geschaffen hat.

Es sind hier großfigurige und großdekorative Malereien geschaffen,

die nicht bei jedem Kopf und jeder Wendung an Raffael und Michelangelo

erinnern, eine ganz persönliche, frische Auffassung der Natur zeigen und

dennoch Stil haben.

Die ersten Basler Arbeiten, namentlich „Christus und Magdalena“ und

die Landschaften bei Sarasin zeigen ein sehr zurückhaltendes Kolorit.

Das wird jetzt anders. Während der Arbeiten im Museum drängt es ihn zu

einer kräftigeren Farbengebung, das verrät der David bei Sarasin, die

„Wiesenquelle“ und die beiden späteren Hauptbilder im Museum. Die

Entwicklung geht weiter. Noch in Basel entstehen jene vier kleinen

Bilder der Schackgalerie, in denen Freude und Grauen stärker als in

allen bisherigen Schöpfungen ausgesprochen sind: „Der Mörder und die

Furien“, „Die Felsenschlucht“ (Taf. 32), „Der Ritt des Todes“ (Taf. 33)

und die „Ideale Frühlingslandschaft“ (Taf. 31). Die Zimmer des alten

Johanniterhauses mit ihren gotischen Fenstern regten nicht zu

umfangreichen Bildern an, aber fast scheint es, als ob die Arbeit im

großen nun wieder das Bedürfnis hervorgerufen hätte, die gesteigerte

Erregung, die ihn wie andere während der Kriegszeit ergriffen hatte,

in besonders kleinem Formate zum Ausdruck zu bringen. Direkt durch die

Zeitereignisse veranlaßt ist nur „Der Ritt des Todes“, der Herbst 1870

begonnen worden ist. Verrät nun schon dies Bild eine weitere Steigerung

der Farbigkeit, so ist dies noch mehr der Fall bei der „Idealen

Frühlingslandschaft“, wo uns beim ersten Anblick die Stimmung jubelnden

Glückes entgegenklingt.

Herbst 1871 siedelte Böcklin nach München über. Er fand hier einen

freundschaftlichen Umgang, namentlich mit einer Reihe von Eigenbrötlern,

die damals noch wie er selber, halb verschrieen, halb bewundert waren,

besonders mit Hans Thoma. Mit diesem pflegte er auch gerne die Alte

Pinakothek zu besuchen; außer Grünewald, Holbein und Rubens begannen nun

hier auch die alten Niederländer ihre stille Wirkung auszuüben, die bald

von größter Bedeutung werden sollte. Der Künstler hat diese Jahre einmal

als die glücklichsten seines Lebens bezeichnet. Jedenfalls zeichnen sie

sich aus durch eine ganz unglaubliche Produktion an Ideen und an Werken.

Im Jahre 1873 gingen zehn, zum Teil große und durchschlagende Bilder aus

seiner Werkstatt hervor.

Ein charakteristisches Hauptwerk ist der „Kentaurenkampf“ der Basler

Galerie (Taf. 39), dem ausnahmsweise drei noch heute erhaltene farbige

Versuche vorausgegangen sind. Der älteste reicht noch in die Basler Zeit

zurück und ist durch den Krieg veranlaßt worden; der dritte ist Oktober

1871 in Arbeit. In immer stärkerer Konzentration und gleichzeitiger

Steigerung der einzelnen Gestalten kommt der Künstler dann im Winter

1872/73 zu einer Lösung, in der sich dramatische Kraft und schimmernde

Farbenpracht in unerhörter Weise vereinigen. Die Erlebnisse mit der

Basler Pietà („Christus und Magdalena“), führten ihn ferner dazu, auch

diesen Vorwurf noch einmal aufzunehmen, und nun dem toten Christus die

Lage zu geben, die er in der früheren Komposition ursprünglich gehabt

hatte. Es ist damals 1873 das Werk entstanden, das nach vielen

Irrfahrten und Übermalungen endlich in der Nationalgalerie in Berlin

gelandet ist (Taf. 41). Auch die „Venus Anadyomene“ hat er wieder

aufgenommen (Taf. 38). In allen diesen Werken zeigt die Münchner Lösung

ein anderes, weit kräftigeres Kolorit als die der Basler Zeit, und die

Berliner Pietà hat wegen ihrer starken Farben auf der Wiener Ausstellung

große Entrüstung hervorgerufen.

In dieser Zeit der stärksten Produktion hat sich auch der Stoffkreis

erweitert. Es entsteht mit der Meeresidylle „Triton und Nereide“ der

Schackgalerie (Taf. 45) die erste der langen Folge von Darstellungen, wo

in der Schilderung von Tritonen und Najaden die See mit ihren Wundern

verherrlicht wird. Die Nymphen und Satyrn seiner Jugendjahre waren nicht

viel mehr als Staffage gewesen; jetzt kommt es ihm darauf an, „den

Ausdruck der Figuren mit dem der Umgebung so vollständig in Einklang zu

bringen, daß jedes der Ausdruck des andern zu sein scheint“. Es treten

auch die Darstellungen aus Orlando furioso zuerst in München auf, und

angeregt durch dies Heldengedicht sind gleich eine ganze Reihe von

farbenprächtigen und humorvollen Schöpfungen, als kleinere Gaben der

Muse neben den großen Hauptwerken entstanden. Zum Schluß war es ihm

noch vergönnt, auch ein Wandbild, wenn auch auf Leinwand und für einen

Privatraum, in diesem Zeitraum zu schaffen, das herrliche Gemälde „Ceres

und Bacchus“, im Münchner Privatbesitz (Taf. 47).

Dieser Höhepunkt seiner Tätigkeit in München bedeutete auch eine

Wandlung. Die entschlossene Abkehr von der impressionistischen

Darstellung der Welt und die Steigerung des Ausdrucks in Farbe und

Form. Jetzt kommt er zur Überzeugung, „daß aus der Kontrastierung der

möglichst ungebrochenen, durch die Luft ungedämpften Farben Wirkungen

erwachsen, die man mit allen Künsten der Luftmalerei nicht erzielt. Und

zwar Wirkungen auf die menschliche Seele“.

Es hat offenbar Böcklin in München manches zugesagt. Der ausgelassene

Ton in der Münchner „Allotria“, die reizvolle Umgebung, die Schätze

der Alten Pinakothek. Aber im Frühjahr 1874 schrieb er plötzlich einem

Freunde, München sei ein armseliger Ort für Künstler und ebenso für die

Familie, und im Herbst siedelte er nach Florenz über. Gesehnt hat er

sich schon lange wieder nach Italien. Vielleicht hatte der endgültige

Bruch mit Lenbach, der 1873 erfolgt war, dazu beigetragen, ihm die Stadt

zu verleiden und sicher auch Typhus und die Cholera, die im Frühjahr

1874 als eines ihrer letzten Opfer noch Wilhelm von Kaulbach weggerafft

hat.

Arnold Böcklin · 第 12 / 15 题