Erstes Kapitel

An dem schmalen Fenster des einfach eingerichteten Mietraumes saß

Fräulein Dr. Hanna Südekum vor ihrem sauber geordneten Schreibtisch und

korrigierte Schulhefte. Mit großer Aufmerksamkeit überflog sie Seite für

Seite, hielt dann einen Augenblick nachdenklich inne, das schmale,

blasse Gesicht mit der dunklen Haarkrone zum letzten Schein des

Tageslichts erhoben, um endlich, mit einem jähen Ruck, in ihrer

zierlichen Handschrift die Klassifikation unter die Arbeit zu setzen. In

ihrer eifrigen Beschäftigung merkte sie gar nicht, daß Dämmerung immer

schwerer auf die Dinge um sie sank, das durch den Wandschirm verstellte

Bett ganz ins Dunkel rückte, ebenso das Büchergestell, das diesem

gegenüber wackelig an der Wand stand und den in die Ecke gestellten

runden Frühstückstisch, den eine Vase mit künstlichen Blumen zierte.

Man hörte schlurfende Schritte draußen vor der Türe.

Die Wirtin trat ein und meldete: „Frau Doktor, die kleine Gertrud ist

draußen. Darf sie herein?“

Über das zeitlose, wie mit dünnen Pastellstrichen gezeichnete Gesicht

des alten Fräuleins huschte ein leises Lächeln, das die dünnen Lippen

nur ein wenig auseinanderschob. Sie hob mit einer jähen Bewegung den

Kopf und sagte: „Ja, es ist gut, Frau Knorke, lassen Sie die Kleine nur

herein!“

Ein halbwüchsiges Mädchen schob sich ungelenk und scheu durch die Türe

herein und ging zögernd auf die Lehrerin zu, die sich rasch erhob und

sagte: „Oh, wie dunkel es geworden ist! Du wirst dich hier ja fürchten.“

„O nein!“ fiel die junge Stimme ein. „Lassen Sie es nur so, Frau Doktor!

Nein, bitte, zünden Sie kein Licht an.“

Der Lehrerin ermüdete Augen durchdrangen mühsam das Dunkel und umfingen

mit gespannter Aufmerksamkeit die kleine, etwas plumpe Gestalt ihr

gegenüber am zweiten Sessel neben dem Schreibtisch und die selbst im

Dämmern noch derb und unschön wirkenden Züge des Kindes.

„Es ist schon fünf Uhr!“ sagte Fräulein Dr. Südekum vorwurfsvoll. Rasch

setzte sie hinzu: „Es hat etwas gegeben – nicht wahr?“

Gertrud begann zögernd: „Ja, – ich habe einen großen Umweg gemacht, ich,

– ich wollte, nein, ich wollte nicht zu Ihnen kommen, Frau Doktor, – ich

meine nicht so, wie es mir zumute war.“

Die Lehrerin beugte sich noch weiter vor und sah dem kleinen Mädchen

aufmerksam in das Gesicht: „Es war wieder –“

Das Kind nickte schweigend. Plötzlich wurde sein Gesicht traurig, hart

und dadurch fast alt.

„Wir wollen die Schreibtischlampe anzünden,“ sagte Fräulein Dr. Südekum.

„So, bleibe nur ruhig bei mir sitzen.“ Ihre weiche Stimme legte sich wie

eine Decke über das Spröde, Klirrende der anderen.

„Ich weiß, Sie wollen nicht, daß ich spreche,“ sagte das Mädchen in

jäher Erregung „Und darum bin ich ja draußen herumgelaufen, ich weiß

doch, – daß Sie wollen, ich ...“

Die Lehrerin faßte nach der Hand des Mädchens und schloß die heiße,

zuckende zwischen ihre kühlen. „Du sollst erzählen, Gertrud,“ sagte sie

ruhig, „aber nicht so, nicht in deinem harten Zorn. Du sollst nicht

Worte sagen, deren Zeuge ich dann in deinem Erinnern immer sein würde –

und die du vergessen kannst, solange du sie nur dachtest.“ Noch fester

umschloß sie die heiße Hand des Kindes. „Ich bin dir gut, ich bin ganz

bei dir, – aber ich will, daß du dich befreist. Ich will, daß das Böse,

das andere dir tun, nicht auch dich böse macht ...“

Gertrud begann leise, stockend, dann immer erregter zu erzählen, indes

große brennende Flecke über ihre Wangen und ihre Stirne huschten wie

Widerschein einer roten Flamme: „Es war ja so namenlos dumm, – und doch!

Ich habe ein altes Schulheft, – da hinein schreibe ich Sätze aus

Büchern, die für mich ein geheimnisvolles Leben haben – die zu mir

gehören, die plötzlich klar das aussprechen, was ich immer dunkel schon

wußte, was ganz anders ist als das, was sie daheim glauben und lehren.

Und dieses Heft –,“ plötzlich schlug die Stimme in wildes Schluchzen um.

Das Mädchen konnte erst nach einiger Zeit weitersprechen, als die Hand

der Lehrerin leise und begütigend über ihre glitt.

„Mama wollte, daß ich sie zu Tante Emma begleite. Ich habe gar nichts

gegen Tante Emma, aber es ist so entsetzlich, wenn ein Tag leer und

dunkel verfließt. Wenn ich hören muß, wie sie von Tratsch, Staubsauger,

Einkäufen und Ärger mit den Dienstboten reden und ich weiß, daß nun

daheim die schönste Stunde ist.“ Die junge Stimme sank in einen Traum:

„Die Aufgaben sind fertig. Ich könnte in meinem Winkel sitzen, träumen,

lesen – diese Sätze lesen, die ich mir aus den Büchern abgeschrieben

habe. Ich könnte spüren, wie meine Gedanken über den Tag hinausfliegen –

weit ...“

Die Lehrerin saß im Dunkel, außerhalb des Lichtkegels der kleinen Lampe.

Ihre Stimme schien aus Fernen zu kommen, als sie fragte: „Du sagtest, du

wolltest nicht mitgehen?“

„Nein, das sagte ich gar nicht.“

„Aber du zeigtest ein mißmutiges Gesicht?“

„Ja, vielleicht, aber ...“

„Das solltest du nicht, Gertrud, es ist deine Mutter, und du solltest

ihr zeigen, daß du gerne tust, was ihr Freude macht.“

„Ja,“ Zweifel malte sich in den Zügen Gertruds, „nur, wozu braucht sie

mich dort?“ Trotz und leise Verachtung schlug nun durch die Stimme, aber

die Lehrerin schien dies nicht zu beachten.

„Was geschah?“ fragte sie weiter.

„Mama kam ins Zimmer. Ich kleidete mich nicht schnell genug an für das

Weggehen. Ich schrieb noch rasch etwas in das Buch. Es war ein Wort aus

dem Bande Lenau, den ich zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte:

Lieblos und ohne Gott! Der Weg ist schaurig,

Der Zugwind in den Gassen kalt; und du?

Die ganze Welt ist zum Verzweifeln traurig.“

„Aber, Kind!“ lächelte die Lehrerin, doch ihre Augen blickten angstvoll.

„Ja, das schrieb ich in das Heft, da kam sie eben herein. Sie schrie

mich an: ‚Schon wieder diese Dummheit!‘“

„Du wurdest heftig?“

„Ich riß ihr das Heft aus der Hand.“

„Das solltest du nicht!“

„Es war mein, war mein Einziges auf der Welt!“ sagte das Mädchen heiß

und fanatisch, „alles andere, die Möbel im Zimmer, Kleider, Schulgeräte,

alles ist von den Eltern, ist mir nur anvertraut zum Gebrauch, ist nicht

so mein eigen wie dieses Heft ...“

„Und sie, deine Mutter?“

„Sie zerriß das Heft und warf es in einen Winkel.“

Wieder tönte nur das heftige Schluchzen des Mädchens durch den Raum.

Die Lehrerin sah einige Augenblicke vor sich hin. Oh, sie kannte dies:

die Eifersucht und den Zorn aller Eltern, wenn die jungen Seelen ihnen

nicht mehr ganz gehören wollten, wenn sie eigene Wege suchten – eigenes

geheimes Erleben. Da spürten die Erwachsenen die Auflehnung.

Aber das alternde Fräulein verriet nichts von seinen Gedanken.

„Deine Mutter meinte es nicht so,“ sagte sie leise. „Es tat ihr

sicherlich später selbst weh. Sie war gekränkt, daß du deinen Unwillen

mitzugehen zeigtest. Oh, sie wußte es gar nicht, was sie dir tat.“

„Und warum wissen Sie so alles, alles, Frau Doktor?“ rief das Mädchen

erregt und wandte sein tränenüberströmtes Gesicht der Lehrerin zu.

„Warum verstehen Sie es, daß ich allein sein wollte? Warum verstehen

Sie, obwohl Sie mir unrecht geben – und es ist ja auch nicht recht, daß

ich es so zeigte –, warum verstehen Sie, was meine Mutter mir tat, als

sie das Heft zerriß –,“ und heftiger noch schrie sie auf: „Warum wissen

Sie alles, alles?“

Da glitt ein feines Lächeln über das Gesicht der Lehrerin: „Weil ich

viele Kinder habe – viele –, weil ich immer wieder diese Kämpfe

miterlebe. Ja, deshalb ist es, weil ich viele Kinder habe. – Du mußt

stiller denken, Gertrud. – Stelle dir doch vor, wie schwer es für deine

Mutter ist! Sie hat es sicherlich vergessen, wie es einmal war, als sie

selbst noch ein Kind war wie du, einsam, unverstanden, zwischen der Welt

der Großen und der ganz Kleinen stehend. Du mußt den guten Willen haben

und nicht deinem ersten Zorn nachgeben. Sie – sie haben es auch schwer –

die Großen.“

* * * * *

Als Gertrud so im Dämmern dieses Abends saß, den heißen Kopf und die

rotgeweinten Augen an das rauhe dunkle Kleid der Lehrerin geschmiegt,

mußte diese mit einem wehen Aufzucken denken: noch gehört sie mir! Die

Lehrerin sah über den blonden Kopf, der sich an sie lehnte, hinweg in

das Dunkel und dachte an die vielen Stunden und Wochen, da sie diesem

trotzigen jungen Leben alles geworden war.

Sie erinnerte sich, wie Gertrud zum erstenmal zu ihr gekommen war.

Seltsam genug war es gewesen. Die Turnstunde im Hof. Die Mädchen lernten

es auf Leitern zu klettern, und übten in Stabreigen ihre junge Anmut.

Gertrud war ungeschickt gewesen, so ungeschickt wie immer, und man hatte

sie unbarmherzig verlacht. Sie sah auch merkwürdig aus: fast

vierschrötig in ihrem lichten Kleide, so ungelenk ihre Glieder, und über

den breiten unregelmäßigen Zügen ihres Gesichtes flackerten üppig und

wild die dunkelblonden Brauen.

Und dann auf dem Nachhausewege. Es war die Stärkste aus der Klasse, die

hochaufgeschossene Erna Petersen, die ihr zugerufen hatte: „Aber wenn du

auch ein Vorzüglich in Geschichte hast, du bist ja doch die Dümmste,

weil du nicht einmal über ein Pferd im Turnsaal springen kannst!“

Und da hatte sich die kleine, dicke Gertrud mit Berserkerwut auf die

Größere geworfen und sie schrecklich verprügelt.

Es erfolgte natürlich eine Anzeige von den Eltern. Es gab Untersuchungen

und eine Lehrerkonferenz. Fräulein Dr. Südekum hatte dann aber doch nach

ihrem Sinne gehandelt. Mochte auch der grauhaarige Rektor dazu seinen

Kopf schütteln. Und so war Gertrud ohne Strafe geblieben.

Fräulein Dr. Südekum hatte sich aber dann, als das offizielle

Strafgericht vorüber war, das kleine Mädchen auf die Seite genommen und

gesagt: „Ich hätte nicht geglaubt, daß du so wenig stolz bist, denn das

war doch Schwäche, das weißt du selbst. Warum bist du nicht still

weitergegangen und hast trotz allem an dich selbst geglaubt? So wenig

stolz bist du?“

Nach einem ratlosen Blick auf die Lehrerin war das kleine Mädchen

wortlos davongestürmt. Aber am Nachmittag dieses Tages hatte man

Fräulein Dr. Südekum gemeldet, daß eine Schülerin aus ihrer Klasse

draußen stünde.

Und dann war sie eingetreten – ein wenig herausfordernd noch und doch

scheu. Fräulein Dr. Südekum hatte getan, als wäre es die

selbstverständlichste Sache von der Welt, daß die kleine Gertrud kam und

nun, noch ehe sie ein Wort gesprochen hatte, still neben ihr Tee trank.

Es war plötzlich gekommen wie ein Ausbruch. „Nur, weil Sie glauben, daß

ich nicht stolz bin! Nur, weil Sie glauben, daß ich darum bettle und es

mir erzwingen will, daß man mich liebt! Sie haben recht, es war

vielleicht Schwäche, aber jetzt, jetzt ist mir alles gleich. Ich brauche

niemanden!“

Und dreimal noch sagte die kleine Gertrud mit einem erschreckend harten

und bösen Gesicht: „Ich brauche niemanden!“

Große, schwere Tränen liefen ihr dabei über das Gesicht, das nicht

zuckte.

Bis eine wissende, gütige Hand über die verwirrten Haare und die heiße

Stirne strich, – bis eine tiefe, gütige Stimme sprach: „Du willst mir

noch viel mehr sagen, Gertrud!“

Und dann hatte das Kind stoßweise, brennend seine Beichte abgelegt. Und

die Lehrerin sah: das Elternhaus in kaltem Reichtum. Die elegante Mama,

den beschäftigten Vater. Bezahlte Menschen, die manchmal ein wenig

Mitleid boten. Viel Mißverstehn, viel Kränkung und grenzenlose

Einsamkeit.

So war damals Fräulein Dr. Südekums mütterlichem Herzen ein neues Kind

zugewachsen.

Der wilde Garten · 第 5 / 34 题