»Ja,« rief Kasperle dazwischen, und er nickte höchst lebhaft und schnitt
gleich wieder sein Räubergesicht.
Diesmal erschrak der Haushofmeister nicht, er nickte nur. »Ja, ja, du hast
recht, das Gesicht verdient sie, kleiner Kasper. Sie hat schwere Sünde
getan, hat die arme kleine Marlene angeschrien: >Dein Vater ist ein Dieb,
er hat gestohlen!<
Das Kind ist so totenbleich geworden, wir haben alle gedacht, es sterbe,
und die schöne Gräfin Rosemarie hat es in den Armen gehalten und hat
geweint und geklagt. Man hat nach dem Leibarzt gerufen, aber da ist das
Marlenchen plötzlich aufgesprungen und ist davongelaufen, ehe es noch
jemand halten konnte.
Die Gräfin Rosemarie ist ihm nachgerannt, aber erst am Schloß Lindeneck hat
sie die Kleine eingeholt. Doch da hat der Herr von Lindeneck sein Kind an
die Hand genommen, ist im Schloß verschwunden, und seitdem darf dort kein
Fremder mehr die Schwelle übertreten.
Aus dem Marlenchen, das ein liebes, lustiges Dinglein war, ist das traurige
Marlenchen geworden. Es sitzt oft am Bach an dem Platz, an dem der Ring
verloren gegangen ist, und sucht und sucht; ich glaube, es ist kein Kiesel
im Bach, den das Marlenchen nicht schon umgedreht hat. Davon weiß der
Herzog nichts und ihr Vater auch nicht. Der Herzog meidet seit dem Tage den
Platz, er geht nie mehr nach jener Seite des Parkes, und der Herr von
Lindeneck wandert nur abends durch seinen Wald; er läßt sich vor niemand
mehr sehen. Der Graf von Singerlingen hat schon oft an dem Schloßtor
gestanden und Einlaß begehrt; man hat ihn nicht eingelassen, und dabei war
er des Hofjägermeisters bester Freund.«
Der Haushofmeister schwieg, und Kasperle sah ihn erwartungsvoll an. Endlich
fragte er: »Wer hat denn den Ring?«
»Ach lieber Himmel, du blitzdummes Kasperle!« rief der alte Herr. »Wenn das
jemand wüßte, dann wäre doch alles gut! Nur weil sich der Ring nicht
gefunden hat, denkt der arme Herr von Lindeneck, alle Leute halten ihn auch
für einen Dieb, wie es die Prinzessin tut. Dabei denkt das kein Mensch; wer
weiß, wohin der Ring geraten ist! Vielleicht hat ihn gar eine von den
großen Forellen verschluckt. Ach, es ist ein Jammer! So ein lieber Herr war
der Jägermeister, und das arme Marlenchen war ein rechtes Sonnenkind, und
nun ist es immer blaß und traurig.«
Plötzlich fiel dem Haushofmeister etwas ein. »Kasperle,« sagte er, »du
könntest versuchen, das Marlenchen aufzuheitern. Jetzt im Sommer, um die
Zeit, da unser Herzog regiert, sitzt die Kleine tagaus, tagein am Bach; da
könntest du ihr etwas vorkaspern, vielleicht lernt das traurige Marlenchen
das Lachen wieder.«
»Ich geh gleich hin,« schrie Kasperle und wutschte flink in den Schrank
hinein, aber sein Beschützer hielt ihn noch am Hosenzipfel fest. »Jetzt
nicht, Kasperle, jetzt ist das Marlenchen nicht da. Jetzt bleibe du nur
hier, denn wenn der Herzog von seinem Mittagsschlaf erwacht und du bist
nicht da, dann gibt es großen Spektakel. Morgen früh darfst du an den Bach.
Sieh, hier habe ich eine Pfeife; wenn ich dreimal auf der pfeife, dann mußt
du zurückkommen. Du darfst aber auch niemand außer Veit etwas sagen, nur
der und der Gärtner noch wissen es, daß das traurige Marlenchen dort alle
Tage nach dem verlorenen Ringe sucht.«
»Ich helf' suchen,« sagte Kasperle. »Paß auf, ich finde den Ring!«
»Ach Unsinn, den findet niemand mehr!«
»Doch, ich hab' mal geträumt, ich hätt'n Ring gefunden.«
»Wo denn? Wann denn?«
Da sperrte Kasperle den Mund weit auf und murmelte kleinlaut: »Ja, das weiß
ich nicht mehr!«
»O Kasperle!« Der alte Haushofmeister streichelte das dumme, unnütze
Kasperle und er versprach ihm, nachher sollte Kasperle auch Milch und
Kuchen bekommen, wenn er brav wäre.
Das Bravsein gelobte Kasperle feierlich. Und er kletterte auch ganz still
auf das Fensterbrett, als der Haushofmeister gegangen war, und schaute
hinaus. Nicht weit vom Schloß lag eine mauerumrankte kleine Stadt, rechts
kamen Wiesen und Wälder und auf einer Anhöhe lag Schloß Lindeneck.
Kasperle guckte sich beinahe die Augen aus dem Kopf, und da sah er in der
Ferne wieder ein Schloß liegen. Es war gut, daß just Veit in das
Turmstübchen kam, denn sonst wäre Kasperle wohl vor Neugier noch aus dem
Fenster gepurzelt. Veit sagte auch, das erste Schloß sei Lindeneck, das
zweite dort in der Ferne aber Weidbronnen, dort wohne oft der Graf von
Singerlingen.
So nah wohnte der! Kasperles Augen glitzerten vor Freude und er sagte
plötzlich: »Wenn er mich zum Teufel schickt, dann geh' ich dahin.«
»Wer soll dich denn zum Teufel schicken?«
»Na, der Herzog.«
Veit lachte. »So etwas sagt der nicht, dazu ist er viel zu fein. Aber
horch, Kasperle, es wird einmal gepfiffen; das heißt, du sollst zum Herzog
kommen. Nun sei aber brav und benimm dich gut!«
Kasperle versprach es, und dann ging er an Veits Hand bis an des Herzogs
Nachmittagswohnzimmer. Veit machte die Türe auf, Kasperle übersah die
Schwelle und platsch, lag er, so kurz er war, im Zimmer, und der Herzog
ließ vor Schreck seine Tasse fallen. Er schalt heftig und Kasperle stand da
wie ein begossenes Pudelchen. Veit aber dachte: Das nennt er nun sich gut
benehmen! O mein armes, dummes Kasperle, wie wird es dir hier ergehen!