Ausgeruht und purzelvergnügt flitzte Kasperle am nächsten Morgen in den
Park, der das Schloß umgab. Der Haushofmeister hatte ihm ein gutes
Frühstück gegeben, da war er satt, und der Herzog hatte ihn nicht rufen
lassen, das gefiel ihm gut. Was der Herzog für bitterböse Gedanken hatte,
ahnte er nicht.
Der Herzog wieder dachte, das Kasperle sei eingesperrt, also mochte es
eingesperrt bleiben. Doch der Haushofmeister war ein milder alter Mann und
nicht sehr für das Einsperren. Der hatte nur gefragt: »Kasperle, läufst du
auch nicht fort?« Und da hatte Kasperle ihn traurig angesehen und von
seinem Versprechen erzählt, und der Haushofmeister merkte, das brach
Kasperle nicht. Also durfte der kleine Kerl im Garten herumspazieren.
Der war schön und weit; erst kamen Blumenbeete und Rasenflächen, dann ein
kleines Wäldchen, durch das ein Bächlein rann. Vergißmeinnicht und
Butterblumen blühten an seinem Rande und glänzende Kiesel lagen auf seinem
Grunde. Flinke Forellen schwammen manchmal rasch vorbei und schimmernde
Libellen tanzten über dem Wasser hin.
Das Bächlein gefiel Kasperle gut. Er hörte es rauschen, lief dem Tone nach
und sah dann das silberklare Wasser. Da dachte Kasperle gerade an
hineinpatschen und Darinspielen, als er ein kleines Mädchen am Rande sitzen
sah. Es war ein feines, schönes Kind, wie das Schneewittchen im Märchen,
nur die Wänglein waren nicht rot wie Blut, sondern auch weiß wie
frischgefallener Schnee.
»Hollahe!« schrie Kasperle vergnügt. Der dachte: Das ist eine feine kleine
Spielgenossin.
Das Kind fuhr erschrocken zusammen, tat einen Seufzer und sank blaß und
still ins Gras.
Kasperle war arg erschrocken. Es sah wirklich aus, als ob die Kleine tot
wäre. Ganz sachte ging er näher und betrachtete das zarte Gesichtchen. Da
öffnete das Kind die großen, dunklen Augen und sah ihn traurig an. Dem
Kasperle tat das Herz weh, so traurig war der Blick. Er blieb ganz still
stehen, ließ die Nase hängen und wagte kaum sich zu rühren.
Ein Weilchen war es ganz still, bis auf einmal eine leise, traurige Stimme
fragte: »Wer bist du denn?«
Kasperle sah die Kleine scheu an und antwortete: »Kasperle. Aber du, bist
du eine Prinzessin?«
»Nein,« antwortete die Kleine, »ich bin nur das traurige Marlenchen.«
»Warum bist du denn traurig?« Kasperle schnitt die fürchterlichsten
Gesichter vor lauter Mitleid. Sonst lachten alle Kinder darüber, das
traurige Marlenchen aber beugte sich über den Bach, und ihre Tränen
tropften in das Wasser. »Ich muß immer weinen,« klagte sie.
»Warum mußte denn das?« Kasperle weinte ja auch oft und recht tüchtig, er
konnte aber nicht begreifen, daß jemand immerzu weinen muß.
»Um meinen Vater weine ich,« flüsterte das traurige Marlenchen.
Ob der wohl tot war? Kasperle wagte nicht zu fragen, er setzte sich nur
still neben die Kleine, und eine Weile war nur das Plätschern des Baches
und das Rauschen der Bäume zu hören. Plötzlich aber rief ferne eine Stimme:
»Kasperle, Kasperle!«
Der sprang auf. Der Haushofmeister hatte gesagt: »Wenn du gerufen wirst,
komme sofort, sonst sperrt dich der Herzog wirklich ein.« Kasperle schrie
nur noch: »Ich komme wieder,« und dann rannte er in solchen Bocksprüngen
dem Hause zu, daß ihm das traurige Marlenchen ganz verwundert nachsah.
Im Schloß kam Veit schon Kasperle entgegen. »Schnell, schnell, du sollst
zum Herzog kommen, aber schlage nicht wieder Purzelbäume!«
Der Herzog saß in einem schönen, großen Zimmer und war verdrießlich. Das
war er beinahe alle Tage, vielleicht weil er es zu gut hatte im Leben. Er
gähnte und sah Kasperle streng an: »Wo warst du?«
»Im Garten,« stammelte Kasperle und er wollte gerade sagen: Ich habe das
traurige Marlenchen gesehen, als ihm der Haushofmeister zuflüsterte:
»Still!«
Klapp! machte Kasperle seinen Mund zu. Er stand da und schaute mit seinen
glitzernden Äuglein den Herzog erstaunt an; nein, sah der brummig aus! Auf
einmal fragte der Herzog: »Kannst du wirklich aussehen wie meine Base
Gundolfine?«
Kasperle verzog flink sein Gesicht, ganz wunderlich war es, wie er das
konnte, und plötzlich schaute er wirklich beinahe wie die Base Gundolfine
drein.
Der Herzog lachte ein wenig und befahl: »Schneide noch mehr Gesichter!« Da
schnitt Kasperle Gesicht um Gesicht und der Herzog dachte: Ein spaßiger
Kerl ist's schon.
Er war nachher auch ganz gnädig und sagte, Kasperle solle eine Stube im
Turm bekommen. Die hatte auch vergitterte Fenster, und dann durfte Kasperle
an des Herzogs Tafel Mittag essen.
Jemine, das war aber eine Geschichte! Daheim im Waldhaus hatte selbst die
schöne Frau Liebetraut, die doch dem Kasperle so vieles nachsah, über des
kleinen Burschen flinkes Essen gescholten. Aber an des Herzogs Tafel war
man so etwas nicht gewöhnt. Schluck, schluck, da war der Teller leer, und
was für Portionen lud sich der Kleine auf!
Der Herzog pflegte siebenmal am Tag zu essen, und dazwischen schleckte er
immer Schokolade. Da aß er dann zu Mittag immer nur ganz wenig, und seine
Hofleute aßen sich meist hinterher satt, weil sie am Tisch zu kurz kamen.
Denn der Herzog ärgerte sich, wenn einer mehr als er selbst aß. Nur die
Prinzessin Gundolfine pflegte tüchtig zu schmausen. Und nun fraß das
Kasperle wie ein kleiner Werwolf. Nach der Suppe streckte er seinen Teller
aus und schrie: »Nochmal!«
»Genug,« rief der Herzog ärgerlich, »es gibt nur einmal.«
Hei, dachte Kasperle, wenn es so ist, muß ich mich dazu halten! Und beim
zweiten Gang lud er sich den Teller voll; wie ein Berg türmte er alles auf,
und der Diener, der herumreichte, hatte Mühe sein Lachen zu verbergen. Nun
konnte das Kasperle essen!
Der Herzog sagte nichts, er sah nur ein paarmal streng hin, und der
Kammerherr, neben dem Kasperle saß, schubste ihn und flüsterte leise: »Nimm
nicht so viel!«
Kasperle erschrak, und beim nächsten Gang nahm er nur bescheiden ein
winziges Stückchen. Aber dann kam die süße Speise, und da war es um
Kasperle geschehen. Den halben Pudding lud er sich auf den Teller, und der
Herzog bekam ganz große, runde Augen vor Schreck. »Kasperle,« rief er, »das
ist unbescheiden.«
Kasperle versank erschrocken mit seiner großen Nase in dem Puddingberg. Ein
leises Lachen erklang ringsum, der Herzog aber rief streng: »Kasperle soll
aufstehen, den Pudding darf er nicht essen!«
Das war bitter. Kasperle verzog sein Gesicht, er wollte heulen, aber sein
Freund Veit hielt ihm einfach den Mund zu. Er hob ihn auf, führte ihn aus
dem Saal, und draußen flüsterte er ihm zu: »Sei still, ich bringe dir
deinen Pudding!«
Ein anderer Diener, der nicht bei Tische aufwartete und der mürrisch und
unfreundlich war, nahm Kasperle, führte ihn in den Turm, schloß brummig die
Türe zu, und da saß Kasperle allein und gefangen. Er dachte wieder an das
Waldhaus, an das traurige Marlenchen und den Pudding. Das war zuviel für
ihn, und er brach in ein jämmerliches Geheule aus.
Er weinte lange, bis er draußen Schritte hörte. Es war der alte
Haushofmeister, der selbst kam, ihm seinen Pudding brachte und ihn
gutherzig tröstete. »Kasperle,« sagte er, als der schon wieder
purzelvergnügt zu schmausen begann, »wenn du mir fest versprichst, keine
Dummheiten zu machen und nur dann aus dem Turm zu wutschen, wenn es gar
niemand merken kann, will ich dir etwas verraten. Ich muß nämlich den
Schlüssel dem Herzog geben; du sollst nur herausgelassen werden, wenn der
Herzog von dir unterhalten sein will, sonst sollst du immer, immer im Turm
stecken. Doch der Turm hat noch ein Türchen, von dem aus du die Treppe
hinablaufen kannst. Der Turm ist nämlich noch von dem alten Schloß.«
»Wie im Waldschloß,« rief Kasperle vergnügt, und flink schlug er dem Bild
eines würdigen Herren auf den Magen, weil er dachte, das Türlein sei
dahinter.
Aber der Herr blieb steif und feierlich an der Wand hängen und der alte
Haushofmeister lachte. »So flink findest du das nicht,« sagte er, »und erst
mußt du mir dein Wort geben, keine Dummheiten zu machen.«
Das gab ihm Kasperle. Freilich, der gute Haushofmeister wußte nicht, daß
Kasperle für die harmlosesten Dinge ansah, was man sonst schon große,
unnütze Streiche nennt.
»Nun paß also auf!« Der Haushofmeister schloß den Schrank auf, verschwand
drinnen und -- kam auf einmal ganz vergnügt durch die Türe von außen wieder
in die kleine Stube hereinspaziert.
Das war doch merkwürdig! Hops! sprang Kasperle auch in den Schrank, der
Haushofmeister schloß von außen zu, und da saß Kasperle im Schrank. Er
klopfte, drückte, aber nirgends war ein Spalt. Es wurde ihm himmelangst und
er schrie flehend: »Rauslassen, rauslassen!«
Der Haushofmeister schloß lachend die Türe wieder auf. »Siehst du, kleines
Kasperle,« sagte er, »so rasch findest du hier nicht die geheimen Wege, um
herumzugeistern. Aber nun paß einmal auf!« Und er drehte an einem
Kleiderhaken, da schob sich die Wand auseinander und Kasperle stand
unversehens draußen auf dem Treppengang.
Das war fein! Vergnügt witschte er wieder in das Zimmer, wieder in den
Schrank hinein, war draußen, war drinnen, und als er es dreimal gemacht
hatte, sagte der Haushofmeister: »So, nun ist's genug, nun bleibe jetzt nur
drinnen! Jetzt kannst du ein bißchen zum Fenster hinaussehen.«
»Ach, ich möchte raus!« bettelte Kasperle, »ich möchte zum traurigen
Marlenchen.« Da hielt ihm der Haushofmeister erschrocken den Mund zu.
»Schweig!« sagte er, »davon dürfen der Herzog und der Oberhofmeister nichts
hören, auch die Prinzessin Gundolfine nicht, sonst geht es uns übel.«
Kasperle riß weit Mund und Augen auf. Was war denn das für eine
geheimnisvolle Geschichte mit dem traurigen Marlenchen? Doch ehe er fragen
konnte, erzählte sie ihm der Haushofmeister selbst. Der setzte sich an das
kleine vergitterte Fenster und begann: »Der Vater des traurigen Marlenchens
besitzt ein kleines Schloß; vom Bächlein aus, an dem Marlenchen immer
sitzt, geht man dorthin etwa eine halbe Stunde. Da, schau, dort siehst du
es in der Ferne liegen.« Er zeigte auf ein Schloß, das sich aus Bäumen
heraushob. »Bei unserm Herzog war der Herr von Lindeneck, so heißt er und
auch das Schlößchen, Jägermeister. Seine schöne junge Frau ist früh
gestorben, und das Marlenchen ist sein einziges Kind. Einmal, die
Prinzessin Gundolfine -- Himmel, Kasperle, was ist denn?«
Kasperle hatte bei der Erwähnung der Prinzessin gleich sein bitterböses
Räubergesicht gemacht, und der Haushofmeister sah ihn ganz erschrocken an.
Als ihm Kasperle aber sagte, dies sei, weil er von der Prinzessin
gesprochen habe, lachte er und brummelte: »Ja, die ist auch schlimm! --Na
also,« fuhr er fort, »die Prinzessin Gundolfine war da und der Herzog jagte
in dem Walde, der an den Park stößt. Es war ein heißer Tag, und der Herzog
kam und kühlte sich einmal die Hände im Bach. Dabei zog er einen kostbaren
Ring ab und legte ihn auf einen großen, flachen Stein. Der Platz ist unter
einer riesengroßen, alten Ulme; dort wirst du heute das traurige Marlenchen
getroffen haben.«
Kasperle nickte eifrig. »Auf dem Baum ganz oben ist ein Vogelnest,« sagte
er.
»So, so!« Der Haushofmeister hörte kaum darauf, er erzählte weiter: »Wie
sich der Herzog gewaschen hatte, kam ein Jägerbursche und rief, ein großer
Raubvogel sitze im Wald auf dem Baum, es scheine fast ein Adler zu sein.
Der habe sich gewiß aus dem hohen Gebirge verflogen.
>Den muß ich schießen, aber allein,< rief der Herzog. Er vergaß seinen Ring
und eilte davon und der Hofjägermeister blieb am Bach sitzen. Der wußte,
der Herzog hatte es nicht gern, wenn er mit ging, weil er viel, viel besser
schießen konnte. Und unser Herzog mag's nicht leiden, wenn einer etwas
besser kann als er. Der Herr von Lindeneck blieb also am Bach sitzen, sah
dessen Wellchen hüpfen und springen, er sah die Libellen tanzen und dachte
dabei nicht an des Herzogs Ring. Plötzlich hörte er in der Ferne lautes
Rufen und Schüsse und dann kam der Herzog zurück und er stand auf und ging
ihm entgegen.
>Es war wirklich ein verflogener Adler,< rief der Herzog ärgerlich, >aber
mein Schuß ging fehl. Das ist nur davon gekommen, daß ich meinen Glücksring
nicht angesteckt hatte!<
Und rasch ging der Herzog auf den großen Stein zu, auf den er vorher den
Ring niedergelegt hatte, doch der Ring war weg. >Haben Sie meinen Ring
aufgehoben?< fragte der Herzog den Hofjägermeister. >Geben Sie mir ihn
rasch!<
Der Herr von Lindeneck erschrak. Er hatte gar nicht an den Ring gedacht und
er sagte etwas verwirrt: >Er muß doch dort liegen!<«
Der alte Haushofmeister seufzte. »Ich bin nicht dabei gewesen, aber der
Veit, der ein guter Bursche ist, war dabei, und der hat gesagt, Marlenchens
Vater sei nur etwas erschrocken gewesen, keine Maus hätte denken können, er
habe ein schlechtes Gewissen. Doch die Prinzessin Gundolfine, die den Herrn
von Lindeneck nicht leiden konnte, und die dazu kam, hat gleich gerufen:
>Sie sehen ja so verlegen aus! Ei, ei, Sie haben wohl den Ring in der
Tasche verwahrt?<
Das war sehr böse und der Herzog war zuerst auch ärgerlich über die
häßlichen Worte der Prinzessin, aber als sich der Ring nicht fand, wurde er
immer verstimmter und die Prinzessin tuschelte ihm immer zu: >Der Herr von
Lindeneck mag doch mal seine Taschen weisen!< und da hat er zuletzt das von
seinem Hofjägermeister verlangt.
Der ist totenbleich geworden, hat gleich alle seine Taschen aufgerissen,
doch der Ring hat sich nicht gefunden. Die Prinzessin aber hat gerufen: >Er
wird schon wissen, wo er ihn versteckt hat!<
Darüber ist der Hofjägermeister so zornig geworden, daß er beinahe die
Prinzessin geschlagen hätte. Es hat einen großen Streit gegeben. Der Herzog
war auch böse auf die Prinzessin, und endlich ist der Herr von Lindeneck in
den Schloßhof gegangen, hat sein Pferd bestiegen und ist davongeritten.
Dem Herzog war es nicht recht, und gewiß wäre auch alles gut geworden, aber
an dem Ring hing ein alter Aberglaube. Wer ihn trägt, bleibt immer gesund,
wer ihn verliert, muß bald sterben. Wie nun alle eilig in das Schloß
gegangen sind, hat sich der Herzog eine Beule am Türpfosten gestoßen, und
da hat er gemeint, er müßte gleich sterben. Er hat gejammert: >Mein Ring,
mein Ring!< und die Prinzessin hat wieder gerufen: >Der ist gestohlen!<