Die erste Nacht auf Burg Himmelhoch

Da saß nun Kasperle in des Herzogs Wagen und reiste nach Burg Himmelhoch.

Dort wohnte der Herzog immer den Sommer über. Der Weg ging stetig aufwärts,

und auf einmal tauchte auf luftiger Höhe ein großes, helles Schloß auf;

seine Fenster glänzten in der Nachmittagssonne und bunte Fahnen flatterten

von seinen Türmen herab.

Kasperle vergaß in diesem Augenblick sogar seine Sehnsucht nach dem

Waldhaus, so gut gefiel ihm das Schloß. Er steckte seinen Kopf zum

Wagenfenster hinaus, weit, immer weiter, und der Herzog wollte gerade

sagen: »Kasperle, fall nicht heraus!« Da lag Kasperle schon. Pardauz!

mitten zwischen ein Trüpplein Kinder fiel er, die sich neugierig

aufgestellt hatten, um den Herzog zu sehen.

Erschrocken stoben die auseinander, aber kaum hatten sie in das putzige

Kasperlegesicht geblickt, da kamen sie alle zurück und erhoben einen

ungeheuren Lärm. Der Herzog dachte nicht anders, als Kasperle habe sich wer

weiß was gebrochen; daß ein Kasperle sehr viel hinpurzeln kann, ohne sich

Schaden zu tun, ahnte er nicht. Er rief aufgeregt: »Kasperle ist

verunglückt, helft, helft!« Und der Wagen hielt, Diener sprangen herzu. Das

Kasperle aber stand putzmunter auf, schüttelte sich und schnitt so

blitzdumme Gesichter, daß die Kinder vor Lachen beinahe auseinander

platzten.

Dies ärgerte den Herzog August Erasmus sehr. Er konnte solches Gelärme

nicht leiden. Auch wollte er, Kasperle sollte ihm allein etwas vorkaspern;

er war der Herr, Kasperle sein Diener. »Steig ein!« befahl er streng, und

vor seinem bösen Gesicht entflohen die Kinder scheu. Ganz ängstlich sahen

sie dem Wagen nach, aber da auf einmal steckte wieder Kasperle den Kopf zum

Fenster heraus, grinste, schnitt erst sein Räubergesicht, sah dann wie die

Prinzessin Gundolfine aus, und jäh ertönte wieder das jauchzende Lachen der

Kinder.

Da nahm der Herzog seinen Stock und gab Kasperle eins auf die Nase. Es

krachte ordentlich, und Kasperle sank in die Wagenecke und brach wieder in

sein beliebtes Heulen aus. Doch da hatte er kein Glück damit bei dem

Herzog. Der liebte alles, was laut war, nicht, und er hieb einfach mit

seinem Stock auf Kasperle ein, bis er muckstill war. Nur ganz, ganz leise

heulte er vor sich hin, seine Nase, sein Rücken, alles tat ihm weh, und die

schöne Burg, der sie nun nahe waren, gefiel ihm gar nicht mehr.

Der Herzog war ein grilliger Herr. Kasperles Geheule hatte ihm seine Laune

gründlich verdorben, und er gab Befehl, den armen Schelm in eine

vergitterte Kammer zu sperren. Die lag im Erdgeschoß und stammte noch aus

der Zeit, da das erste Schloß auf dem Platze gestanden hatte. Das war

einmal niedergebrannt und in einer Zeit, da die Menschen das Heitere, Helle

liebten, neu aufgebaut worden.

Die Kammern unten waren düster und kühl, und das arme Kasperle hätte es

recht schlimm gehabt, wenn nicht der Diener Veit gewesen wäre. Der sorgte

für den kleinen Burschen, brachte ihm ein Bett in die Kammer und Essen

genug. Und dann kam er zu ihm, ein anderer folgte, und als oben der Herzog

verdrießlich in seinem Bette lag und der Haushofmeister in seinem Zimmer

Tee trank, saßen in Kasperles Kammer ein paar Diener und Kammermädchen, und

der Kleine hockte auf dem Tisch und kasperte ihnen etwas vor. War das

lustig!

Das Lachen dröhnte durch den kleinen Raum und tönte zu dem Fensterchen

hinaus; über dem, im ersten Stock, aber hatte der Herzog sein Zimmer. Der

lag da satt und mißmutig; er hatte gerade die Augen geschlossen, als von

unten herauf das Lachen ertönte.

Was war denn das? Der Herzog richtete sich auf und lauschte. Es lachte und

lachte. Das war doch zu toll! Wütend riß er an seiner Klingel, und sein

erster Kammerdiener fiel beinahe in das Zimmer. Das Klingeln aber hatten

sie unten auch gehört. Just in dem Augenblick, als oben der Herzog zornig

fragte: »Wer lacht so?« rief unten Veit: »Flink, Kasperle, ins Bett und

alle raus, der Herzog hat uns gehört!«

Husch, husch, flitzten alle aus der Kammer. Veit drehte den Schlüssel um

und Kasperle kroch in sein Bett.

Oben rief der Kammerdiener den Haushofmeister; der hörte des Herzogs Klage,

und er lief selbst, so schnell er konnte, hinab und schloß Kasperles Kammer

auf. Muckstill war es innen, nur aus Kasperles Bett tönte lautes

Geschnarche.

Der Haushofmeister schüttelte den Kopf. Der Herzog hat geträumt, dachte er

und stieg wieder die Treppe hinauf. »Kasperle schläft,« meldete er oben.

»Unsinn, er hat gelacht! Man bringe ihn her!« befahl der Herzog.

Da ging der Haushofmeister mit dem Kammerdiener hinab. Unten riefen sie:

»Kasperle, du sollst zum Herzog kommen.«

Kasperle, der Schelm, regte und rührte sich nicht, er schnarchte wie eine

Eule. Schließlich nahm ihn der Kammerdiener auf den Arm, und da rekelte

sich Kasperle und tat, als könne er gar nicht die Augen aufmachen, und oben

in des Herzogs Zimmer riß er seinen Mund, so weit er konnte, auf und gähnte

erschrecklich. »Uah, uah!« Und dabei dehnte er sich, und schnipp, bekam der

Haushofmeister Kasperles Bein mitten ins Gesicht.

»Kasperle,« rief der Herzog zornig, »was tust du da?«

»Ich schlaaafe!«

»Du hast gelacht!«

Kasperle machte plötzlich sein bitterböses Räubergesicht, und der Herzog

sank erschrocken in seine Kissen zurück. »Tragt ihn fort, schließt ihn ein,

und der Schlüssel soll hier an meinem Bett liegen!« rief der Herzog

ärgerlich. »Das ist ja ein ganz schlimmer Geselle!«

Da trug der Kammerdiener Kasperle in seine Kammer zurück, warf ihn ins

Bett, schloß zu, und wutsch, saß Kasperle aufrecht da. Er war kein bißchen

müde, sondern hatte die größte Lust, ein dummes Streichlein zu machen. Er

wartete ein Weilchen, bis alles still draußen auf den Gängen war, dann

zündete er sich eine Kerze an. Veit hatte ihm ein Feuerzeug und Kerzen in

einen Winkel gestellt. Und mit seinem Licht leuchtete Kasperle die ganze

Kammer ab. Er dachte: Hoho, vielleicht finde ich ein geheimes Gänglein wie

einstmals im Waldschloß des Herzogs. Aber soviel er auch klopfte und

suchte, einen Ausschlupf fand er nicht. Nur ein winziges Türchen war da,

das führte in den Schornstein. Gerade über seinem Bett war das.

Der Herzog August Erasmus war gerade eingeschlafen, als plötzlich ein

furchtbar dumpfes Getöse ihn weckte. Erschrocken richtete er sich auf. Was

war das?

»Huhuhu!« klagte, stöhnte, ächzte es, und der Herzog riß zitternd an seiner

Klingel.

Wieder stürzte der Kammerdiener herbei, der Haushofmeister kam, und beide

lauschten schreckensbleich den unheimlichen Tönen.

»Kasperle, sicher, das ist Kasperle!« ächzte der Herzog, und der

Haushofmeister rannte die Treppen hinab, schloß die Kammer auf und -- da

lag Kasperle und schlief ganz fest.

Der Haushofmeister lief wieder hinaus und sagte: »Er ist's nicht, er

schläft!«

»Doch, er war's,« rief der Herzog. »Hört nur, jetzt ist es still geworden!«

Es war wirklich still geworden, denn Kasperle hatte nun doch Angst

bekommen. Er ließ das Ächzen und Stöhnen sein, und als der Haushofmeister

und der Kammerdiener wieder in seine Kammer kamen, da schlief er nun

wirklich ganz fest.

Kasperle auf Burg Himmelhoch · 第 26 / 45 题