Es blitzte, donnerte und regnete arg an diesem Nachmittag, und es schien
gar nicht aufhören zu wollen. Bum, bum, krach! ging das immerzu. Mal tat es
so, als wollte es besser werden, aber gleich donnerte und blitzte es wieder
heftig, und der Herzog gab die Weiterreise schließlich auf. Er hatte die
Prinzessin Gundolfine noch nach ihrem Schloß Burggrün bringen wollen, aber
da sich auch die Prinzessin schrecklich fürchtete, blieben alle beide in
Dingelhausen, und alle beide blieben sie gleich im Bette liegen.
Und weil die Begleiter des Herzogs und die Hofdamen der Prinzessin nichts
anzufangen wußten und alle müde waren, gingen sie auch in das Bett. Bald
lag das kleine Schloß dunkel da, der Pächter, seine Frau, seine Leute, alle
schliefen, und alle hörten nur noch, wie der Regen nachließ. Das Wetter zog
vorbei. Allmählich kamen die Sterne am Himmel zum Vorschein und der Mond,
der nun schon ein recht schiefes Gesicht hatte, kam auch, um zu sehen, was
tagsüber geschehen war.
Im Wagenschuppen, wo der Gepäckwagen stand, war es ganz dunkel, aber der
Mond fand doch einen Spalt, schaute durch den hinein, Kasperle gerade ins
Gesicht. Daran wachte Kasperle nun freilich nicht auf, sondern von einem
heftigen Gerumpel in seinem Mäglein. Er hatte Hunger. Als Kasperle die
Augen aufschlug, wußte er erst nicht, wo er sich befand. Auch daß er Hunger
hatte, kam ihm nicht zum Bewußtsein; nur daß da in seinem Magen etwas nicht
in Ordnung war, merkte er. Verwirrt richtete er sich auf, das raschelte und
rauschte um ihn herum, und der Mond schien so freundlich zu ihm herein. Da
besann sich Kasperle nach und nach auf alles, was geschehen war. Auch die
Butterbrote fielen ihm ein, und er fand die neben sich in dem großen
Haubenkoffer liegen. Da begann er zu schmausen, und als er satt war, hatte
er auch Lust, ein bißchen Dummheiten zu machen.
Freilich, in einem Gepäckwagen läßt sich schwer etwas anstellen, zumal nur
gerade das Fleckchen, auf dem der Haubenkoffer stand, etwas hell war; alles
andere lag im tiefen Schatten.
Kasperle gähnte, Kasperle seufzte, es war doch recht langweilig in einem
Gepäckwagen! Auf einmal zwickte und zwackte ihn etwas, sein kleines
Kasperleherz tat ihm weh. Er dachte an das Waldhaus und seine Bewohner, an
sein Michele und die schöne Rosemarie, und da wuschelte er den Kopf in der
Prinzessin Gundolfine Hauben und schluchzte bitterlich.
Wie schwer war es doch, so ein armes, verlassenes Kasperle zu sein! Nun
mußte er immer bei dem Herzog leben, vielleicht sah er die Waldhausleute
nie, nie wieder und sein Michele nicht und Rosemarie nicht.
Ach, sicher, der Herzog war boshaft! Der würde nie sagen: »Geh zum Teufel!«
Der würde ihn immer gleich einsperren und auch hungern lassen.
Kasperle trommelte mit beiden Fäusten wütend auf den Hauben herum. Schlimm,
schlimm, schlimm erging es ihm!
Ausreißen wäre am besten, dachte er.
Aber da meinte er seines Michele Stimme zu hören, die sprach: Sein
Versprechen muß man halten. Ein Schuft, wer sein Wort bricht.
Kasperle stöhnte. Ach, er hatte es schon schlecht jetzt! Und dann fiel ihm
seine Urheimat ein, die schöne Kasperleinsel, von der er oft geträumt
hatte. So ganz genau wußte er es nicht mehr, wie es da war. Immer, wenn er
an die ferne, unbekannte Insel im Weltmeer dachte, sah er ja nur viele,
viele bunte, leuchtende Blumen, meinte seltsam schöne Vögel singen zu hören
und andre kleine lustige Kasperles zu sehen. Aber alles war ihm nur noch
wie ein Traum; er war schon so lange unter den Menschen, da hatte er vieles
vergessen.
Gewiß finde ich nicht mehr auf meine Kasperleinsel zurück, dachte der
kleine Kerl traurig. Er wuschelte wieder den Kopf zwischen Prinzessin
Gundolfines Staatshauben und weinte aufs neue. In einem Gepäckwagen
eingeschlossen zu sein, so allein in der Nacht, ist aber auch so eine
Sache.
Doch allzulange kann ein Kasperle nicht traurig sein. Kasperle sah den Mond
neugierig in den Gepäckwagen gucken, und weil der kleine Dummkopf meinte,
der Mond hätte just nichts anderes zu tun, als ihn, das Kasperle,
anzusehen, nahm er eine der Staatshauben, stülpte sie sich wieder auf den
Kopf und grinste den Mond an.
»Bäh!« machte Kasperle, aber -- plötzlich sank er vor Schreck in die große
Haubenschachtel zurück.
Was wisperte, flüsterte, raschelte und klirrte denn da draußen?
Kasperle konnte nichts sehen, aber er hörte Stimmen, hörte leise, leise
Schritte.