europäischer Physiognomie, war für mich der Eindruck der ~größern Kühle,
die sich nun erst~, am Abend des heutigen Tages, ~recht deutlich fühlbar
machte~; -- das Abendroth war weniger farbig, als ich es zwischen den
Wendekreisen zu erblicken gewohnt war, -- es sah gleichsam ~frostiger~
aus und es war mit innigem Behagen, daß ich die wohlthätige
vaterländische Luft athmete!
Ich hatte nun seit meiner Abreise aus Ostindien, von Java auf der
Südseite des Äquators bis hierher 45 Breitengrade durchschnitten und
Gegenden durchreist, deren Naturphysiognomie mit der Annäherung an den
Pol sich mehr und mehr veränderte. Es waren besonders ~drei~
Kulturgewächse, die ich in dieser Ausdehnung des Erdballes gesehen
hatte, wo sie eben so eigenthümlich für die Physiognomie des Landes
auftreten, als sie für die Bewohner desselben von unentbehrlicher
Wichtigkeit sind: die schlanken ~Kokospalmen~ in Indien, wovon ich noch
auf der Südküste von Ceylon ganze Wälder sah, -- die ~Dattelpalmen~ in
Arabien und Egypten -- und die kleinen graugrünen ~Olivenbäume~, nebst
den Reben in Süd-Europa. -- Die Kälte nimmt von jenen bis zu diesen
allmählig zu, die Üppigkeit der Natur nimmt ab und in gleichem Maaße
erheben sich stolzer die Werke von Menschenhand. -- Errichtete ~Kreuze~
und ~Kapellen~ blicken bedeutungsvoll nieder von den bebauten
Höhen, -- und anstatt der üppigen Urwälder Indien's treten ~Kirchen~ und
~Kirchthürme~ auf mit Glocken, gleichsam um uns den nahen Eintritt zu
verkündigen in eine vierte noch nördlicher liegende Zone von
Kulturbäumen, -- ich meine die Obstgärten der heimathlichen ~Äpfel und
Birnen~.
Auf unserer Weiterreise durch's adriatische Meer sahen wir den folgenden
Tag (27sten October) das hochgebirgige Land der Türkei (Epirus und
Albanien), das aber oft in weiter Entfernung vor unsern Blicken
verschwand und auch den 28sten waren die viel weniger hohen Bergzüge an
der Küste von Dalmatien sichtbar. Wir erblickten von der großen Menge
Inseln, welche dieser Küste vorliegen, des Morgens früh zuerst Busi und
St. Andrea, die zur Linken und die größere Insel Lissa, die zur Rechten
liegen blieb, während wir zwischen beiden hindurchfuhren.
Als ich am Morgen dieses Tages die Sonne anstatt, wie seit einem Dutzend
Jahren immer, um 6 Uhr, erst um 7 Uhr aufgehn sah, als ich den Himmel,
der seit meiner Abreise von Ceylon stets heiter geblieben war, zum
ersten Male wieder voll von grauen Wolken erblickte und dabei die immer
mehr zunehmende Kühle der Luft empfand, -- kam es mir vor, als wenn
Alles, was mich umgab, Luft, Wasser und Land, die Sterne des Himmels
nicht ausgenommen, anfinge zu sprechen und mir in einer stummen, aber
allerverständlichsten Sprache zuzurufen, daß ich mich nun an der andern
Hälfte des Erdballes befände, fern, fern vom Äquator. -- Besonders das
späte Aufgehn der Sonne, das, die größere Annäherung an den Pol kund
gebend, im nördlichen Theile des adriatischen Meeres immer mehr auffiel,
war es, das einen tiefen, nicht leicht zu beschreibenden Eindruck auf
mich machte.
Doch sollte ich auch hier etwas sehen, das mich lebhaft an Java
erinnerte. Es waren die Berge Dalmatien's, die von des Morgens an bis in
den Mittag sichtbar waren. Sie sahen dem java'schen »Tausend-Gebirge«
(Gunung-Sewu), das auf der Südküste zwischen Jogiak[)e]rta und Patjitan
liegt, so außerordentlich ähnlich, daß ein Ei dem andern nicht besser
gleichen kann und daß ich mich sehr irren würde, wenn beide nicht auch
ganz und gar dieselbe petrographische Zusammensetzung hätten, nämlich
aus Kalkstein bestehn. So viel ich weiß, ist in Dalmatien die
Juraformation verbreitet. Jene auf Java aber sind tertiärer, dichter
Kalkstein, ganz von Höhlen durchzogen. Und so wie diese sind auch die
Berge Dalmatien's ihrer Form nach lauter isolirte, hemisphärische Hügel
und Hügelwellen, zu Tausenden neben einander liegend, alle abgerundet
und durch mehr oder weniger hohe Zwischenräume mit einander zu einem
Ganzen verbunden, gleich runden Höckern, Warzen auf der Oberfläche eines
Körpers. Hier und da senkten sie sich in eine schroffe Küstenmauer
herab. Sie lagen in einer bräunlich-fahlen, olivenfarbenen Schminke
da. -- Von den Bergzügen Italien's bekamen wir auf unsrer Reise durch
das adriatische Meer nichts zu sehen, weil unser Cours der ~östlichen~
Küste entlang ging.
Ein trüber, bewölkter Himmel hatte uns gestern schon in die Nähe der
Küsten von Europa eingeführt und ein echtes, europäisches Regenwetter
bewillkommnete uns am Morgen des 29sten October daselbst. Es war der
erste Regen wieder seit Ceylon, den wir beobachteten. Weil in der feinen
Regenluft alle Signale an den Ufern unsichtbar waren, so hatten wir uns
schon in der Nacht genöthigt gesehen, uns vor Anker zu legen und es war
schon 7 Uhr vorbei, als wir unser Schiff wieder in Bewegung setzten.
Wir befanden uns um 8 Uhr dem Leuchtthurm auf Cap Salvore (Punta di
Salvore) gegenüber, -- es war ein flach convexes Land, olivenfarbig mit
Bäumen, Dörfern und einzelnen Gebäuden besetzt, -- darauf folgte eine
tiefe Bucht, worin mehre große Schiffe lagen, -- dann kam ein zweites
Cap mit der Stadt Pirano, die am Fuße und Abhange des vorspringenden
Gebirges lag, -- der Anblick des Landes und der Wohnungen, die es
bedeckten, wurde immer europäischer -- dann kamen wir einer zweiten
Bucht vorbei, in deren Hintergrunde die Stadt Capo d'Istria lag, -- wir
näherten uns also immer mehr dem nord-östlichen Ende des Meerbusens
zwischen dem Flachlande von Venedig und der Halbinsel Istrien -- und
ließen um 9-1/2 Uhr unsre Anker fallen auf der Rhede von ~Triest~.
Da lag die prächtige Stadt. Ihre weißen Häuser und Paläste erhoben sich
im Amphitheater, bis zur Citadelle hinauf, das eine über dem andern und
erschienen dem olivengrünen Gebirge wie angeklebt. Noch hoch am Gehänge
ragten stolze Kirchen und Klöster empor und kleine Villen zogen sich
hinan bis dicht unter den Saum der lang hingestreckten Kette, die steil
und schroff auf die Schiffe an ihrem Fuße herabsah. -- Dieses stolze,
doch freundliche Bild traf unser Auge!
Es war Sonntag -- und das Erste, was unser Ohr vernahm, -- seit 13
Jahren zum ersten Male wieder -- war ~Glockengeläute~! -- ein so
feierliches Getön aus allen Kirchen und Kapellen der Stadt, -- ein so
harmonischer Klang, der an sich schon mächtig, ahnungsvoll und zur
Andacht stimmend, mich an die Jahre meiner Kindheit erinnerte, und mich
mit einer Wonne, einer Wehmuth erfüllte, die ich nicht abzuwehren
vermochte. -- Glückliche Jahre des Glaubens, -- des unbedingten
Glaubens an die ~Heiligkeit~, die sich mit diesem Geläute verband!
Es bannte mich denn auch jetzt noch durch seinen Zauber und hielt mich
gefesselt an die Verschanzung des Schiffes, wo ich still-lauschend, mich
noch länger den Eindrücken dieser Glockentöne würde überlassen haben,
wenn die Welt nicht so voll von Contrasten wäre, und wenn nicht die
~Douanen~ mich aus meiner Träumerei geweckt hätten.
Diese kamen unsre Koffer zu untersuchen, die wir öffnen mußten. Sie
waren jedoch sehr höflich und bescheiden und ließen selbst einige Kisten
Cigaren (sonst scharf verbotene Waare in Österreich) passiren, da wir
ihnen den Beweis lieferten, daß sie nur für den täglichen Gebrauch
bestimmt seien. Auch die Gesundheitsbeamten, die gekommen waren, sich
nach unserm Wohlbefinden zu erkundigen, fanden es gut, daß wir keine
Pest aus Egypten, sondern nur Cigaren aus Manilla mitgebracht hatten,
die sie schmackhaft fanden.
Ich stieg nun in einer christlichen Schaluppe an's Land gegen
christliche Bezahlung und nahm meinen Einzug in ein großes drei- oder
vierstöckiges Hotel, das gewiß erst seit kurzer Zeit den Namen Hotel
~National~ führte, den es, wenn ich nicht irre, jetzt (1851) ~nicht~
mehr führen wird.
Dreimal täglich, um 10, 3 und 9 Uhr geht von Triest ein ~kaiserlicher~
Postwagen ab, der die Reise nach Laibach in 12 Stunden zurücklegt. Der
Preis für einen Passagier mit 40 Pfund Bagage ist 7 Fl. 52 Kr. und für
jede 100 Pfund Bagage mehr 2 Fl. 40 Kr. (nämlich österreichische Gulden,
deren 8 auf 10 holländische gehen). Von Laibach nach Salzburg geht nur
jeden Dienstag und Sonnabend, um 1 Uhr des Mittags ein Postwagen ab. An
der Eisenbahn, die, um den Karst zu vermeiden, von Triest einen weiten
Umweg nach West machen muß (erst am Strande hin, dann über Monfalcone,
Görz und Idria nach Laibach), wurde damals noch gearbeitet. Erst eine
Tagereise weit, auf der andern (Nord-Ost-) Seite von Laibach, war sie
vollendet und lief von Cilli bis Wien.
Ich ging den 31sten um 10 Uhr mit der Post von Triest weg. Das steile
Berggehänge, an dessen süd-westlichem Fuße die Stadt liegt, zieht sich
von Süd-Ost nach Nord-West der Küste entlang hin. Die Straße fängt
gleich auf der Nordseite hinter der Stadt an emporzusteigen und windet
sich bald in Schlangen-, bald in Zickzacklinien an diesem Berggehänge
hinan, das bis hoch hinauf in Terrassen und Gärten umgeschaffen und mit
Gartenhäusern geziert ist, die auf diesen Terrassen stehn. Es ist der
seewärts gekehrte Abfall des ~Karst~plateau's und trägt auf seinem
untersten Gehänge und Fuße die Stadt.
Hier war Alles noch grün, die Matten waren mit Gras bedeckt, aber die
Weinranken in den Gärten und auf den Terrassen, die Aprikosen- und
andern Fruchtbäume, die dort standen, fingen doch schon an, sich zu
entfärben, -- denn der entblätternde Hauch des Herbstes nahte heran. Wir
sahen eine Menge kleiner Steinbrüche zur Seite des Weges, in denen
einige wenige Arbeiter beschäftigt waren. Man erkannte hier, daß das
Gebirge vorherrschend aus einem seinen, hellgrauen Sandstein (höher oben
aus Kalk) bestand, der in 1/2--3 Fuß dicken, gewöhnlich stark geneigten,
geraden, zuweilen aber auch wellenförmig gebogenen Schichten vorkam.
Wir kamen um 11-1/2 Uhr auf dem mehr als 1000 Fuß hohen Rande der
Bergwand an.[47] Die Aussicht, die wir hier genossen, über das stolze
~Triest~ mit seinen Palästen und Gartenanlagen, der Rhede mit ihren
Schiffen und über das Meer west-süd-westwärts, in der Richtung nach
Venedig zu, war entzückend. Die Stadt lag im Süden von diesem höchsten
Punkte des Weges. -- Nach der andern Seite zu, nach Nord und Nord-West,
ging der Rand nur sanft gesenkt in das unebene Plateau des Karstgebirges
über. Plateau mag es im Allgemeinen genannt werden. Es ist eine rauhe,
wellenförmig unebene Gebirgsfläche, in welcher häufig ~weißgraue~
Kalkfelsen hervortreten und die überhaupt ein wüstes, felsig-rauhes
Ansehn hat. Hier und da sieht man horizontale oder nur sehr sanft
geneigte Felsplatten (Bänke), deren steil abgebrochene treppenförmige
Ränder mehr oder weniger kubisch zerspalten sind. Besonders aber
zeichnet sich dieses Gebirgsland aus durch die vielen kleinen, bald
flach convexen oder kesselförmigen, bald mehr hemisphärischen, bald
trichterförmig tiefen und steilen Senkungen, die man überall in der
Oberfläche antrifft. Manche dieser Senkungen sind im Grunde flach oder
nur sanft vertieft, mit fruchtbarer Erde bedeckt, mit Gemüse, mit Wein
oder andern Fruchtbäumen bepflanzt, -- andere, die sich schroffer
hinablassen, gleichen mit den weißgrauen Felswänden, die sie umgeben,
kleinen Kratern, alle aber haben sie große Ähnlichkeit mit den
kesselförmigen Vertiefungen im Kalkgebirge Gunung-Sewu auf Java und
scheinen entstanden zu sein durch den Einsturz der Gewölbe von Höhlen,
die sich unter ihnen befanden.
Diese Übereinstimmung zwischen zwei zu verschiedenen geologischen
Formationen gehörenden Gebirgen ist bemerkenswerth. Doch fehlen dem
Karstplateau (das aus Jurakalk besteht) jene Tausende von hemisphärischen
Hügeln, womit die Oberfläche des -- tertiären -- Gunung-Sewu auf Java
besetzt ist. -- Diese rauhe Gebirgsplatte war nur mit einer spärlichen
Vegetation bedeckt, -- nämlich mit Gebüsch und mit kleinen Bäumen, unter
denen eine 10--20 Fuß hohe Eiche (_Quercus Cerris ¡L.¡_) am häufigsten
war. Die baumartige Haide (_Erica arborea ¡L.¡_) war nicht selten. Hier und
da kamen liebliche Grasplätze zwischen diesen niedrigen Bäumen oder
zwischen den kahlen Felsplatten und Felshöckern vor und von Zeit zu Zeit
traf man ein Dörfchen oder ein kleines Gehöfte an.
Erst später, von 12 oder 1 Uhr an, ebnete sich die Gegend, die grünen
Triften dehnten sich mehr und mehr aus, die fruchtbaren Felder, die
Gärten nahmen an Umfang zu, -- die ~Wein~hecken wurden zahlreicher und
die hübschen Dörfer häufiger, welche gute, steinerne Häuser hatten.
Gewöhnlich lagen diese mehr bebauten Gegenden in sanften Vertiefungen,
flachen Mulden der Bergplatte, in denen sich vorzugsweise die fruchtbare
Erde schien angehäuft zu haben und diese kleinen Kesselthäler der Platte
zwischen den Anhöhen, die übrigens nicht mehr so vorherrschend felsig
waren, als in der Nähe von Triest, waren reich bebaut. Mein Auge weilte
mit Entzücken auf diesen sanften Thalgründen, die den Reisenden um so
freundlicher anlächelten, je starrer, felsiger oft die nächste Umgebung
ist. Außer den wildwachsenden Bäumen, namentlich den Eichengebüschen und
den überall häufig angepflanzten Reben sah ich hier zum ersten Male
wieder ~Kirschen~- und ~Äpfelbäume~! -- O, wie schön kamen sie mir vor,
als ich sie nach einer 14jährigen Trennung zum ersten Male wiedersah und
als ich ihnen im Stillen zurief: seid mir gegrüßt ihr alten vertrauten
Gestalten, -- denn mit Euch fängt meine ~Heimath~ an. -- Daß ihre
Blätter schon anfingen, sich zu entfärben, daß der nordische Herbst aus
vielen schon zum Theil entlaubten Gebüschen hervorguckte, -- das gab
ihnen einen desto größern Reiz. Denn ich konnte ihren Anblick gleichsam
nur genießen, indem sie ~entflohen~, -- die Zeit war kurz, -- der Winter
nahte. -- Später erschienen Hagebutten (_Rosa canina_) u. s. w.
Willkomm! -- _Evonymus europaeus_ trat auf, mit dessen Früchten ich als
Kind die Rothkehlchen gefüttert hatte, -- Brombeeren (_Rubus_-Arten)
erschienen und ich rief ihnen zu: Ihr alten Bekannten, von Herzen
willkommen!
Der Leser wird vielleicht lächeln, wie diese so wenig geachteten,
europäischen Sträucher mich so zu entzücken vermochten, -- und doch kann
ich im Ernste versichern, daß ich nie in meinem Leben eine größere
Freude empfunden habe, wie damals, als ich die stummen Gefährten meiner
Jugend seit so langer Zeit zum ersten Male wiedersah.
Die Formen von Berg und Thal wurden immer sanfter, die Felder immer
größer und schöner, die grünen Triften immer ausgedehnter und die
Heerden zahlreicher, die auf ihnen weideten. Liebliche Dörfer mit weißen
Mauern und rothen Dächern sah man in den Gründen und braune schon halb
entblätterte Eichenwälder auf den Höhen. Wir näherten uns immer mehr, in
der Richtung nach Nord-Ost, den so fruchtbaren, schönen Gegenden des
mittlern ~Krain~, den sogenannten Julischen Alpen.
Um 3 Uhr wurde im Dorfe Prewald Halt gemacht und zu Mittag gespeist. Das
Essen war gut und kräftig und hätte die Tafel mancher großen Hotels
einer Hauptstadt beschämen können. Ein hoher kahler Felsberg von
weißlicher Farbe steigt in der Nähe des Dorfes empor. -- Später kamen
wir durch Adelsberg, befanden uns also in der Nähe der berühmten
Adelsberger Höhle und des noch berühmtern Zirknitzer See's, die wir aber
leider wegen Mangel an Zeit und wegen des feinen Regens, der schon seit
3 Uhr anhaltend bis spät in die Nacht herabrieselte, nicht besuchen
konnten.
Wir kamen eine halbe Stunde vor Mitternacht in ~Laibach~ an. Ich
verweilte in dieser Hauptstadt des nördlichen Krain bis zum 4ten
November. Sie liegt zwischen den Zügen der Julischen Alpen in dem
ausgedehnten flachen Thalgrunde der Sau, von schönen, grünen
Wiesenflächen und fruchtbaren Feldern umgeben. Die ganze Gegend ist
schön, romantisch und durch viele Naturmerkwürdigkeiten ausgezeichnet.
Ich überließ mich dem Genuß, den mir der Anblick gewährte der grünen
Wiesenflächen, die man nirgends zwischen den Tropen sieht, -- der
Thalgründe, die sich zwischen Bergzügen dahin schlängeln, -- der
Dörfchen und einzelnen Mühlen, die sie hier und da bedecken, -- der
Tannen- und Fichtenwälder, womit die Höhen begränzt sind, -- der
Schlösser und alten Ruinen, die von manchen dieser Höhen
herabblicken, -- und der glänzenden Schneegipfel der Karnischen Alpen in
der Ferne! -- Denn alles dieses, -- die ganze Natur ja, war etwas Neues,
wenigstens seit lange nicht mehr Gesehenes für mich.
Ich lernte zu Schiska bei Laibach Herrn F. J. ~Schmidt~ kennen, der ein
genauer Kenner der Insecten, besonders aber der Land- und
Süßwasser-Conchylien von Krain ist und vortreffliche Sammlungen über
diese Zweige der Naturgeschichte besitzt. Er war auf das Zuvorkommendste
bereit, mich mit den Eigenthümlichkeiten von Stadt und Land bekannt zu
machen. Überhaupt kann ich nicht nachlassen, der freundlichen,
leutseligen Behandlung zu gedenken, die ich in den Theilen Österreich's,
durch die ich reiste, bei Vornehm und Gering erfuhr. Die Hotels stehen
an musterhafter Reinlichkeit den holländischen nicht nach. Die Bewohner
sind größtentheils Slaven, die deutsch sprechen und slavisch denken. Der
kurz dauernde Schwindel nach nationalen Vereinigungen, der 1847 und 48
die Völker ergriffen zu haben schien, hatte auch in vielen Bewohnern
Österreich's den Wunsch nach einem volksthümlichen ~Slavenstaate~
erregt. Von Sympathie für Deutschland war bei ihnen keine Spur zu
bemerken.
Auf meiner Reise von Laibach nach ~Salzburg~ vom 4ten bis 6ten November,
im Allgemeinen in einer nord-westlichen Richtung, kam ich über die Züge
erst der Karnischen, dann der Norischen Alpen. Während im schönen Thale
der Sau bei Laibach noch Alles grün war, genoß ich auf den Pässen über
diese Alpen mehr Eis und Schnee, als mir lieb war, zumal da auch am 5ten
sich plötzlich die Witterung verändert hatte und arge Kälte eingetreten
war.
Ich ging von Laibach den 4ten November um 1 Uhr mit dem Postwagen weg.
Die schöne, bebaute Fläche von Laibach, in deren Mitte das alte Schloß
von seinem Berge herabschaute, verschmälerte sich nach Nord-West in ein
schönes Wiesenthal, von der Sau durchströmt, und in diesem Thale fuhren
wir stromaufwärts, -- Dörfern und Städten vorbei, zwischen Anhöhen, die
überall mit Nadelwaldungen gekrönt waren, dahin. Je weiter wir kamen, je
höher wir stiegen, desto romantischer, desto schöner wurde Berg und
Thal. -- Wir kamen während der Nacht in Schneegestöber über die Jöche
der Karnischen Alpen, die zwischen dem Thale der Sau und Drau liegen und
fuhren am Morgen des 5ten schon in letztgenanntem Thale stromaufwärts,
das ein breiter, flacher mit Dörfern und Städten bedeckter Wiesengrund
ist. Nadelwälder standen auf den Jöchen und den Gehängen zu beiden
Seiten. Die rechte Kette, die zu den Norischen Alpen gehört, war viel
höher und bis zu zwei Drittel herab mit Schnee bedeckt. Der Contrast
dieses Schnee's mit dem Dunkel der Tannen und dem schönen Wiesengrün des
Thales war imposant. Bis zum Städtchen Spital führt die Straße im Thale
der Drau zwischen den Karnischen und Norischen Alpen aufwärts, hier aber
verläßt sie das Thal und läuft auf der linken (nördlichen) Thalseite
hinan, um die Norischen Alpen zu überklimmen und jenseits derselben in
das Thal der Salza herabzusteigen und in diesem Thale dann weiter bis
Salzburg zu gelangen.
Wir speisten zu Mittag zwischen 12--1 Uhr im Städtchen Spittal, das auf
einer dreieckigen Bergmasse liegt zwischen den zusammenmündenden
Bergströmen Drau und Lieser und stiegen von da anfangs noch der
Lieserkluft folgend, immer höher und höher das Gebirg hinan, das mit
Nadelholzwäldern und oben mit Schnee bedeckt war, aus welchem die Tannen
grün und die entfärbten Lärchenbäume gelblich hervorschimmerten. Bald
hemmte das immer dichter werdende Schneegestöber nebst der fallenden
Nacht alle Aussicht.
Wir blieben in der Nacht vom 5ten bis 6ten November auf dem höchsten
Passe, dem ~Tauerpasse~, dieser Alpen im Schnee stecken, der hier
~ellenhoch~ lag, während es noch fortwährend schneite. Dabei war es so
furchtbar kalt, daß eine Flasche mit Wasser, die ich zu mir in den Wagen
genommen hatte, durch und durch gefroren war. -- Ich weiß nicht genau,
wie hoch dieser Paß ist, er gehört aber dem Joche der Norischen Alpen
an, in welchem sich weiter westwärts der Großglockner (von 11,982
pariser Fuß Höhe) erhebt. Das Dorf Tauern liegt 4800 Fuß und das Taurer
Joch 6546 Fuß hoch; wahrscheinlich hat der Paß die letztgenannte Höhe.
Ich hatte vor zwei Monaten auf der Rhede von Batavia, als die Hitze so
drückend war, nach Eis, nach Schnee verlangt, -- mein Wunsch war nun
erfüllt, erfüllt zum Übermaaß! -- wie man sich denken kann, -- denn die
Kälte kam zu plötzlich, der Übergang zu schnell, -- so lag ich in meine
Decken gehüllt im Wagen und -- fror. Auf der einen Seite gähnte uns ein
tiefer Abgrund an, der sich ~unter~ uns in eine schmale enge Schlucht
hinabstürzte, und auf der andern Seite hing eine himmelhohe Felswand
~über~ uns, während keine Spur der Straße mehr zu sehen war. Alles war
verweht und es mußten aus einem nahen Dorfe eine Anzahl Bauern entboten
werden, um den Schnee von den gefährlichsten Stellen hinwegzuschaufeln.
Dann setzten wir unsere Reise fort.
Bei dieser Gelegenheit lernte ich die äußerst gutherzige, gewillige und
behülfsame Art dieser Bergbewohner kennen: es sind durch und durch gute
Menschen. Sie sprachen ein Kauderwelsch, das Deutsch sein sollte, das
ich aber eben so wenig verstand, als die Sprache der Singalesen auf
Ceylon, die vielleicht noch leichter zu erlernen sein würde, als dieser
Norische Alpendialekt, der keine Regeln hat.
Den 6ten November ging unsre Reise immer noch zwischen Schneegebirgen
mit grünen Tannen und gelben Lärchen (deren Blätter schon erstorben und
entfärbt waren) in Schlangenlinien oder im Zickzack an schroffen
Gehängen, oder in dem schmalen düstern Grunde von Thalspalten dahin, wo
neben dem brausenden Strome der Weg in Felsen ausgehauen war, die zu
beiden Seiten viele hundert Fuß sich erhoben. Oft sah man die
pyramidalen Gestalten der Tannenwaldungen auch an den steilsten Wänden
kleben.
In einer solchen tiefen Thalspalte fließt auch die Salza (oder Salzach),
die sich immer tiefer zwischen den Bergen herabschlängelt und endlich
ihre Gebirgsschlucht verläßt, um durch die schöne, nur noch 1408 Fuß
hohe Fläche der alten _Colonia Hadriana_ (_Juvavia_) zu strömen. Wir
folgten ihrem Laufe und kamen im Geburtsorte Mozart's, dem Sterbeorte M.
Haydn's, um 8 Uhr des Abends an.
Das Erste, was ich hier vernahm, war etwas, das man in Deutschland
selten hört, -- ein schönes Glockenspiel nämlich, das sich auf dem
Residenzpalaste hören ließ, und das zum Andenken an einen _anno_ 1703
mit der holländisch-ostindischen Compagnie abgeschlossenen
Handelsvertrag hier errichtet wurde.
Ich wohnte auch noch denselben Abend einem Concerte steyermärkischer
Sänger und Sängerinnen bei, die lauter Volkslieder im Volksdialekte
sangen, -- aber in so lieblichen, so reinen, harmonischen Tönen, wie man
sie nur hier im Tyroler Alpenlande hören kann.
Und als ich beim Nachhausegehn über den Michaelisplatz kam und das
Denkmal Mozart's erblickte, -- da schien es mir, daß die Bildsäule eines
Meisters der Tonkunst nirgends passender errichtet sein könne, als hier,
an einem Orte, in der Mitte eines Volkes, wo, wenn auch nicht in dem
Maaße, wie der Componist des Don Juan, fast ein Jeder als Tonkünstler
oder als Sänger geboren wird.
Ich begab mich am 9ten November mit dem Postwagen von Salzburg nach
München, -- eine Reise, die durch flache Gegenden in 14 Stunden
zurückgelegt wird.
Hier höre ich mit meiner Erzählung auf, denn hier fangen die Eisenbahnen
~an~ (die erste, die ich sah), die von hier an das Land durchkreuzen und
sich, mit einer geringen Unterbrechung am Rhein, auch bis in das Herz
der ~Niederlande~ fortsetzen.
Hier nehme ich Abschied vom Leser, denn ich befinde mich nun mitten in
Europa, das den meisten Lesern dieses, wo nicht Allen, gewiß besser
bekannt ist, als mir.
* * * * *