Literatur studiert und nach dem Doktor-Examen die Universität
verlassen. Seinen soldatischen Pflichten hatte er als reitender
Artillerist genügt und war nun Leutnant der Reserve. Ihm stand ein
aussichtsvoller Staatsdienst offen; die Verbindungen des Freiherrn
aus altem Hause waren vorzüglich. Eine edle Jugendfreundin war ihm so
zugetan, daß Verlobung zu erwarten war. Doch etwas in ihm zögerte,
sich dem Staatsgefüge und dem Familienleben anzuvertrauen. Und
als er Frau Friederike von Trotzendorff kennen und lieben gelernt
hatte, begann für ihn eine neue Lebensepoche. Er lebte fortan seinen
musikalischen und literarischen Idealen. Diese Frau, ehedem bedeutende
Sängerin, war ganz Phantasie und Gefühl. Und so befreite sich unter
ihrer Besonnung auch in ihm die fühlende Phantasie; und die beiden
flogen miteinander empor in alle Herrlichkeit und Fülle der Kunst und
der Natur. Stein hoffte, unter Führung solcher Muse, Künstler zu werden.
Aber die Muse kann nur begleiten, nicht geleiten. Frau Phantasie kann
fliegen, aber nicht schreiten; kann ein Leben verschönen, aber nicht
eines Lebens Fundamente bauen.
Der wandernde und fliegende Spielmann spürte mehr und mehr, daß etwas
in ihm unbefriedigt blieb.
Seine edelgestimmten Bücher hatten an das Tor der deutschen Seele
gepocht; doch war keine Antwort gekommen. Ingo wurde darob weder bitter
noch sentimental; das lag nicht in seiner großzügigen Natur; auch
überschätzte er nicht das Buchmachen. Immerhin legte er stutzend die
Feder aus der Hand und horchte fragend hinaus.
Wo war das Deutschland, das er suchte?
* * * * *
Als Ingo von Stein am andren Morgen in den gemeinsamen Salon trat, der
sein Zimmer vom Trotzendorffschen Gemach trennte, erwartete ihn Frau
Friederike.
Sie trug ihr helles Morgenkleid, das den Hals frei ließ. Der prächtig
gebaute, nur etwas zu volle Körper dieser leicht in allen Nerven
vibrierenden Künstlerin mit den stahlblauen Augen, der kräftig
vorspringenden Nase, den üppigen Lippen schien für Bühne und Salon
geschaffen; ihre Bewegungen waren elastisch; ihre Stimme weich, doch
häufig belegt und zaghaft, denn ihr Herzschlag geriet bei Schmerz und
Freude allzuleicht in Unordnung.
Er küßte ihr mit ernstem und müdem Gesicht ehrerbietig die Hand. Aber
die nervös erregte Freundin hielt seine Hände fest.
„Ich hab' mich nach dir gebangt, Ingo, ich hab' in der Nacht so viel
an dich denken müssen. Denn ich war gestern abend kleinlich, vergib,
ich war eifersüchtig!”
„Eifersüchtig?! Aber seit wann gibt es denn das zwischen freimütigen
Freunden?”
Ingo spürte sofort, daß ein ernstes Gespräch bevorstand. Er wünschte
und fürchtete dieses Gespräch; denn in der letzten Zeit war Frau
Friederike von einer seltsam sorglichen Unrast, eine Löwin, die um ihr
Junges besorgt war.
„Friedel,” sprach er weit ausholend, „mir sind in der Nacht schwere
Gedanken durch Kopf und Herz gegangen. Sieh, als ich damals dem Beruf
auswich, trennte ich mich auch von meiner Jugendfreundin Elisabeth.
Ich muß offen mit dir sprechen. Du weißt, wann es war, als ich dir
mitteilte, ich hätte meine heimliche Verlobung stillschweigend
aufgelöst. Wir hatten den zweiten Teil des Faust gesehen; wir waren
entzückt von der Helenatragödie. Dieser Faust -- so setzt' ich dir nach
dem Theater auseinander -- ist berauscht vom Drang nach Schönheit,
fährt durch die halbe Welt, um eine Helena zu finden, irrt durch
die blaue pharsalische Nacht mit dem unentwegten Ruf: Wo ist sie? O
Himmel, ich will's mit diesem Schönheitsucher halten! Und du glühtest
mit, und wir erlebten miteinander tiefste seelische Offenbarung. Seit
jener Stunde such' ich das Ideal in der Fremde und habe mein deutsches
Gretchen vergessen. Ihr nennt mich ‚Spielmann’ -- in der Tat, ich
fürchte fast, ich spiele mit dem Leben. Und manchmal ist mir, als wäre
Goethes Helena-Tragödie und mein jetziges Dasein nur galvanisiertes
Leben, und ich hätte den Boden unter den Füßen verloren.”
Sie hatten beide Platz genommen und saßen sich auf steifen modernen
Stühlen in dem weißgrauen Salon gemessen gegenüber, mit großen Augen
beide ins Unbestimmte schauend. Er hatte von der Eifersuchtsfrage
glücklich abgelenkt und das Gespräch ins Bedeutende erhoben.
„Du willst damit sagen,” erwiderte sie schwer, „daß ich es bin, die
dich aus der Bahn geworfen hat.”
„Nein, Friedel, das will ich damit nicht sagen; denn ich bin dir
dankbar. Was ich in Bayreuth, auf Reisen, am Klavier und vor
Büchern oder in Gesprächen durch dich in mich aufgenommen habe, ist
unvergleichlich. Du hast mir eine neue Welt aufgetan. Du hast meine
Flaumfedern in Flügel verwandelt. Aber -- --”
„Aber?”
„Du hättest ganz recht, eifersüchtig zu sein, wenn das Wort nicht zu
häßlich wäre”, sprach er plötzlich, stand auf und ging hin und her.
„Denn du fühlst richtig, daß etwas in mir nicht befriedigt ist. Und an
jenen Mädchen da oben auf dem Hügel ist es mir zum Bewußtsein gekommen.”
„Was ist dir zum Bewußtsein gekommen?”
„Mein Beruf und meine Braut, beides gehörte einst zusammen. Und ich
habe in mir die bis zum Eigensinn gesteigerte Empfindung: wenn ich
meine Lebensgefährtin finde, ist auch mein Beruf gefunden. Ein stilles,
häusliches Mädchen wie diese schöne Stickerin da oben auf dem Hügel
erregt mir Heimweh.”
„Und Helena? Und die freie Welt der Schönheit? Ingo, willst du
Philister werden?”
„Aber, Friedel, bist nicht auch du Gattin und Mutter?!”
Das wurde fast zornig herausgeschleudert. Er hatte sich wieder gesetzt.
Sie saßen in den feierlichen Lehnstühlen und schauten sich bei aller
höflichen Haltung einen Augenblick wie Gegner an.
Ruhiger fuhr er fort:
„Und dennoch hast du deine Welt der Schönheit in dir, Friedel -- in
deinem Innern, in deiner Kunst, in deiner Häuslichkeit. Ich aber suche
sie draußen, ich laufe in der Welt herum und spiele mich mit der Laute
über mein Heimweh hinweg. Ich habe Heimweh nach festem Boden, Friedel.
Das ist alles.”
„Meine Freundschaft genügt dir nicht mehr,” erwiderte sie dumpf und
traurig, „du bist meiner müde.”
Er war zornig, daß sie immer wieder das Gespräch auf ihre Person
ablenkte, statt seinen Kümmernissen sachlich zu folgen.
Doch er beherrschte sich.
„Mit deiner Person hat meine Sorge nichts zu tun, Friedel. Es wäre mir
lieber, du würdest mit Richard und mir sachlich beraten. Ich halt' es
einfach nicht mehr aus, auf dieser Titanic mitzuschwimmen, ohne Ziel,
ohne Heim, ohne Beruf. Denn es ist die Frage, ob ich zum Büchermachen
berufen bin. Die allgemeinen Sorgen der Deutschen sind mir wichtiger;
die Ratlosigkeit dieser modernen Menschen in den Fragen über Tod und
Leben macht mir schlaflose Nächte. An dieser Lösung möcht' ich im
Herzen Deutschlands mitsinnen, dort, wohin ich durch Geburt gestellt
bin. Statt dessen lauf' ich im Ausland herum.”
„Was hat denn das mit den Mädchen da oben zu tun?” fragte mit
unerwarteter Wendung die echte Frau, die ihm gegenübersaß.
Er schwieg. Auf diesen Seitenangriff war er nicht gefaßt gewesen.
Sie hatte recht: zwischen dem Philosophen, der sich gestern in das
Titanic-Gespräch gemischt hatte, und dem verliebten Lautensänger war
ein Unterschied. Jener suchte den festen Punkt; dieser aber wanderte
als Spielmann durch die schöne Welt, durstig nach Schönheit. Und in der
Schönheit nach Frieden --? Und im Frieden eben nach dem festen Punkt --?
„Ingo, ich will dir etwas sagen, was einmal gesagt werden muß, wenn
wir nicht alle drei in Unnatur geraten sollen. Sieh, ich habe schon
mehrmals beobachtet, wie dein Auge hübschen jungen Mädchen nachflog
-- und wie du dann zu erschrecken pflegtest, fast wie ein ertappter
Junge, wenn du meinem Blicke begegnetest. Ach, ich sehe ja wohl, wie du
suchst; und ich habe ja auch gar kein Recht, dich festzuhalten. Lieber
Junge, es hat mich aber immer gedemütigt, wenn ich dich so vor mir
zusammenfahren sah: er fürchtet meine Eifersucht, hab' ich mir sagen
müssen. Also hab' ich dir Anlaß gegeben, daß du mich für kleinlich
halten mußt? Und du hast recht: ich bin kleinlich, bin eifersüchtig,
bin ein Hasenfuß, ich habe Angst um dich; ich fürchte, daß du einmal
auf irgendein hübsches, leeres Lärvchen hereinfällst, in das du dein
eigenes Ideal einstrahlst. Oh, Gott im Himmel weiß es: dieser Schmerz
um dich ist größer als der Schmerz um meine seelische Vereinsamung!”
Frau Friederike, die ihrem Freund um mehrere Jahre an Alter voraus
war, stand rasch auf, hielt ihr Taschentuch an die Augen und trat ans
Fenster. Auch Ingo erhob sich, blieb aber am Lehnstuhl stehen und biß
sich in die Lippen. Schon einmal hatte er eine solche Szene erlebt,
wo die ruhige und fröhliche Wärme der Freundschaft in flammende Liebe
übergeschlagen war. Er spürte auch jetzt wieder die unheimliche
Schwüle vor dem Sturm. Aber er hatte sich fest in der Hand und blieb
hochaufgerichtet und unnahbar hinter seinem Sessel stehen.
„Einmal schon”, weinte es vom Fenster her, „hab' ich mich zwischen
dich und eine andre gestellt. Ich will es nicht wieder tun. Ich will
vielmehr die erste sein, die dich beglückwünscht. Nur sag' es mir, sag'
es mir gleich und offen, tu's nicht hinter meinem Rücken, stell' mich
nicht plötzlich vor die Tatsache -- denn das erschüttert meine Nerven
mehr, als ich ertragen kann.”
Sie hatte sich die ganze Nacht mit dem Gedanken abzufinden gesucht, daß
sie des Freundes Herz an ein junges Mädchen verloren habe. Und diese
Empfindung verallgemeinerte sich in ihr zur erschütternden Erkenntnis,
daß sie eine alternde Frau sei, daß sie Jugend nicht festhalten könne,
daß alle Helena-Schönheit dahinschwinde in die wesenlose Nacht der
Zeit. Mit elementarer Kraft war diese Empfindung über sie gekommen. Und
zwei Mächte hatten nachtlang in ihr gekämpft und kämpften jetzt noch
in dieser Stunde: entweder leidenschaftlich festzuhalten, zu genießen,
zu sündigen, stürmisch den Freund zu umfangen -- oder durch rasche
Trennung sich wieder zu beruhigen und in Harmonie zurückzufinden.
Frau Friederike war weder zu dem einen noch zu dem andren stark genug.
Als sie sich jetzt zu ihm umwandte und Ingo ihr tränenvolles Gesicht
sah, traten sie sich beide einige Schritte näher. Dann blieben sie
wieder stehen. Was an Güte in ihnen war, schlug vom einen zum andren
hinüber. Wieder schritt sie vor -- und plötzlich lief sie hin,
umschlang ihn heftig und weinte:
„Ingo, verlaß mich nicht!”
Wie ein Hilfeschrei, erschütternd, schlug es aus ihr empor. Doch
zugleich stieß sie ihn zurück, lief mit dem Taschentuch vor den Augen
laut schluchzend nach der Nebentüre, schmetterte sie hinter sich zu und
riegelte sich ein.
Ingo wußte aus früheren Anfällen ähnlicher Art, daß sie nun stundenlang
auf dem Diwan liegen und sich ausweinen würde.
Der Spielmann ging sorgenvoll im Zimmer auf und ab.
Der gestrige Tag dort auf dem Hügel, zwischen Kirschbaum und Zypresse,
bei scheinbar so belanglosem Geplauder mit ein paar unreifen Mädchen,
war eine Lebenswende. Jetzt galt es klaren Entschluß. Sollte er sofort
hinaufgehen, diese bürgerliche Frau Frank-Dubois aus dem Elsaß, die
hier in Sommerfrische weilte, aufsuchen und der jungen Schönheit
schlankweg seine Hand anbieten? Denn jenes wunderschöne Gebilde hatte
ihn berauscht. Aber was war denn an ihr, was ihn entzückte? Sie hatte
ja kaum den Mund aufgetan. Warum verband er mit ihr die Empfindung
von griechischer Landschaft und griechischem Tempel? War es nicht
doch vielleicht nur ein allgemeiner Schönheitseindruck, der mit dem
Bürgerkinde Martha menschlich nicht viel zu tun hatte? Sollte er die
erprobte Freundschaft mit Richard und Friedel zerbrechen, um einem
Helena-Phantom nachzujagen?
Mächtig wallte in ihm das Gefühl der Dankbarkeit empor.
„Sie haben mich gepflegt in meiner Krankheit”, sprach er zu sich
selber; „Friedels beide Knaben lieben mich wie einen älteren Bruder.
Sie selber nennt mich oft im Scherz ihren ältesten Jungen; sie ist
besorgt um mich, wie eine Mutter um ihr Kind. Wohl hat sie sich damals
zwischen mich und Elisabeth gestellt; aber es war ein Segen, denn meine
verfrühte Heirat wäre Spießbürgerei geworden. Was weiß die Welt von
den herrlichen Einzelheiten unsrer romantischen Freundschaft! Und wie
taktvoll, wie verstehend hat sich Richard benommen!... Nein, ich will
nicht glücklich sein ohne diese beiden trefflichen Menschen.”
Er pochte an Friedels Tür.
„Friedel, nur ein Wort!”
Es kam von drinnen keine Antwort.
„Öffne nur einen Finger breit!”
Sie kam endlich, öffnete ein wenig und schaute mit verweinten Augen
heraus.
Er küßte ihre Hand und sagte innig und mit aufmunterndem Humor:
„Friedelchen, wollen wir zu guter Letzt sentimental werden? Wollen wir
nicht lieber heute noch abfahren und durch die Provence wandern?”
Ihr Taschentuch zuckte vom Gesicht hinweg.
„Wirklich? Wollen wir fort?”
„Aber achtest du mich denn noch, Ingo?” kam es verzagt hinterher.
„Wunderliches Friedelchen,” lachte er, „glaubst du denn, ich könnte
jemals wirklich vergessen, was du und Richard mir getan habt? Das steht
in der Chronik der Ewigkeit; dort wollen wir einander hoffentlich hell
und heiter begegnen. Nicht wahr?”
„Ja, Ingo”, sagte sie kindlich und legte die Hände in die seinen. „Du
bist gut, Ingo.”
Und die Augen trocknend fügte sie hinzu:
„Geh nun hinunter zu Richard, Lieber, und entschuldigt mich bis zu
Mittag! Und -- und, Ingo, wenn wir wirklich fahren würden, ich würde ja
jubeln, von hier fortzukommen!”
„Du hast recht!” sagte er frisch. „Aus den Sentimentalitäten 'raus!
Auch ich! Fort in die Welt!” ...
Am Nachmittag packten sie ihre Koffer. Und am Abend saßen sie in der
Eisenbahn nach Marseille und Avignon.
[Illustration]
[Illustration]
Viertes Kapitel
Der Troubadour
„Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist,
Fliehe mit abgewendetem Blick!”
_Goethe_
In den Anlagen des Felsenvorsprungs ~Rocher des Doms~ oberhalb der
Papstburg zu Avignon lustwandelten das Ehepaar Trotzendorff und der
Troubadour Ingo von Stein.
Der Major studierte mit der ihm eigenen Gründlichkeit die Einzelheiten
des Baedeker; Friedel und Ingo umfaßten hinausschauend das ganze
Bild der Abendlandschaft, die in leuchtender Deutlichkeit um sie her
ausgebreitet lag.
Hundert Meter unter jener gelblichgrauen Felsmasse strömt die Rhone,
am Tag schlammgrau, doch in solcher Abendröte rosig und blau. Ein
purpurtiefer, von Wolken unterbrochener Sonnenuntergang, in der
heroischen Farbenstimmung eines Poussin, funkelte über Turm und Villen
des gegenüberliegenden Villeneuve-les-Avignons; Luft und Berge waren
dunkelblau; im Duft des Ostens, groß und goldrot, stand schon wartend
auf das Amt der Nacht die Leuchtkugel des Mondes.
Die drei Freunde hatten kurz zuvor mit dem lebensheitren Wächter der
Papstburg, Monsieur Vassel, der sich stolz ~félibre~ und ~chanteur~
Mistrals nennt, ein muntres Zwiegespräch gehabt, das angenehm in ihnen
nachklang. Die hohen und stumpfen Türme des päpstlichen Kastells
schienen heute heiter und verklärt zu leuchten in den Farben des
Frühlings und der Abendröte.
„Was für heiter-natürliche Menschen wohnen in dieser Provence!”
bemerkte Ingo. „Man erholt sich in diesen alten Nestern vom Luxusleben
der Riviera-Hotels. Ich habe nicht übel Lust, den provenzalischen
Geisteskönig, den alten Meister Frédéric Mistral, in seinem Dörfchen
Maillane selber zu besuchen.”
Die goldene Madonna auf der Spitze des Doms, der noch über das
starke Papstschloß hinausragt, breitete segnend die Hände über die
rings heraufblühende Landschaft und schaute dem Gold der Sonne
nach, von dem sie angeglüht war. Der immergrüne Hain mit den
schiefgewehten Pinienwipfeln war belebt von Vogelgesang und wenigen
Abendspaziergängern. Bedeutend grüßte vom Norden her der weiße Gipfel
des Mont Ventoux. Doch war die Lenzluft kühl; das kleine, reizend
ummauerte Avignon mit seinen engen Gassen schien sich frierend um das
steile Mauerwerk der Papstburg zu drängen. Und die Gehöfte der Provence
freuten sich der festen Zypressenwände, durch die sie gegen den rauhen
Nordwind geschützt werden. Es lag ein Frösteln in der Luft und in den
Seelen der beiden Menschen, die in das Abendgelände hinausträumten und
windgeschützte Stellen suchten.
„Die abgebrochene Brücke da unten”, erklärte Trotzendorff, der mit
seinem roten Buch herantrat, „ist die uralte Brücke St. Benezet.”
„Steht nicht ein Kapellchen drauf?”
„Ja, das Fest des Heiligen wird jährlich mit Tänzen gefeiert. Daher der
alte Volksreim: ~Sur le pont d'Avignon tout le monde danse.~”
„Eine Tanzbrücke also!” erwiderte Stein. „Sie geht nur bis in die Mitte
des Stromes: ich hoffe, daß sie dann nicht ins Wasser tanzten? Oder
kletterten dort die Nixen herauf und tanzten mit? Jedenfalls die Brücke
des lustigen Lebens. Ein Gegenstück also zu dieser schweren Papstburg!”
Er setzte sich auf die Steinbrüstung. Und während sich die fröstelnde
Frau Friederike fest in den Mantel hüllte und am Arm ihres Gatten im
Schnellschritt durch die Anlagen lief, um sich wieder zu erwärmen,
flossen dem Troubadour einige Verse ins Notizbuch. Er trug sie nachher
seiner Freundin vor; Richard saß derweil wieder auf seiner windstillen
Bank und las die Landschaft aus dem Fremdenführer ab.
Leicht rauschte die Rhone vor alter Zeit,
Schwer stand der Papst auf den Schanzen --
Und sah auf der Brücke von Avignon
Ein leichtes Völkchen tanzen.
~Sur le pont
d'Avignon
Tout le monde danse.~
Da blähte sich sein Purpurkleid,
Gewaltig schnauften die Nüstern:
Der schwere Mann des Kampfes ward
Nach leichten Tänzen lüstern.
Der Papst stand, ein Gebild aus Stein.
So standhaft, stark und massig --
Die Tänzer der Brücke von Avignon
Tanzten geschmeidig und rassig.
„Wir türmen Granit,” so sprach der Papst,
„Wir stülpen Zinnen darüber:
Das Volk auf der Brücke von Avignon
Tanzt an der Wucht vorüber.”
„Wir türmen Satzung und Gesetz
Zu burghaft-steinernem Ganzen --
Was tut das Volk? Ich sehe das Volk
Am Stein vorübertanzen!”
Ein Schelm sang, eine Laute klang,
Das sprang um den Lauscher der Zinne:
„Da oben steht der Herr von Stein,
Inzwischen tanzt im Abendschein
Vorüber die lustige Minne!”
~Sur le pont
d'Avignon
Tout le monde danse!~
In Frau von Trotzendorff arbeitete sich ein Entschluß langsam zutage.
Sie schwieg zu diesen Versen; warf ein beifälliges „Hübsch!” hin, kaum
hörbar, und hüllte sich in Schweigen. Sie war seit der Abreise von der
Mittelmeerküste sehr heiter und zärtlich gewesen. Heute war sie schon
den ganzen Tag schweigsam.
Plötzlich blieb sie stehen, schaute den Freund aus ihrem hochgestülpten
Kragen heraus eindringlich an und sagte:
„Gestattest du mir ein offenes Wort?”
„Tausend offene Worte, Friedel!”
„Bedauert Ingo, daß er ohne Abschied abgereist ist?”
„Von der Riviera? Aber Schaller hat uns ja an die Bahn gebracht.”
„Du weißt, wen ich meine.”
„Die Mozart-Mädchen?”
„Ja.”
„Nun --? Und wieso denn soll ich das bedauern?”
„Sag' mir offen: soll das Gedicht, das du mir soeben gelesen hast, eine
Anspielung darauf sein, daß Jugend und Minne an dir vorübertanzen?”
„Friedel --!”
„An dir vorübertanzen, während du hier oben bei mir aushalten mußt?”
„Aber Friedel!”
„Sei wahrhaftig, mein Lieber! Sieh, ich stehe immerzu unter dem
Eindruck: es ist etwas in dir unbefriedigt. Du suchst etwas, was
Richard und ich dir nicht geben können. Du träumst oft in die Ferne, du
besinnst dich dann plötzlich wieder auf mich und suchst mit Zartheit
das Versäumte nachzuholen. Nein, leugne nicht! Verlaß dich drauf, daß
eine Frau, wenn sie jemandem gut ist, hierin ein sicheres Gefühl hat!
Das bedrückt mich, Ingo. Es wäre sündhafter Egoismus von mir, wenn ich
dich beschlagnahmen wollte. Ist nicht unser Herzensbund auf Freiheit
und Vertrauen gestellt?”
Sie legte ihm die Hand auf die Brust.
„Du, Ingo, ich will dir was sagen,” fuhr sie fort und stellte sich,
als wär' ihr ein jäher Einfall gekommen, „du holst das Versäumte nach,
du entschuldigst dich brieflich bei den Mädchen! Verstehst du? Du
schreibst ihnen in deiner liebenswürdigen Art einen liebenswürdigen
Brief! Ja? Meinetwegen zwei, meinetwegen drei! Glaubst du mir dann, daß
ich nicht eifersüchtig bin? Bist du dann heiter und glücklich?”
Der Spielmann verhehlte nicht sein angenehmes Erstaunen. Ihre
aufmerksame Beobachtung stellte fest, daß ein Leuchten über sein
Gesicht flog.
„Wirklich, Friedel?” rief er überrascht. „Friedel, du sprichst da
eine Anregung aus, die mir selber schon ganz unbestimmt durch den
Kopf gegangen war, das will ich dir nur ruhig gestehen. Ja denn, ich
habe etwas wie Heimweh nach jenen harmlos-heitren, unbedeutenden
jungen Mädchen; und es kommt mir unartig vor, und vor allem war es
unnötig, daß ich so ohne Abschied davongelaufen bin. Also, Liebste, wir
wollen einen Vertrag machen: ich plaudre brieflich mit jenen muntren
Geschöpfen über unsre Fahrten und gebe dir das Geschriebene, und du
schreibst ein scherzhaft Nachwort darunter und schickst die Briefe als
meine Kanzlerin persönlich ab. Nicht wahr? So geht der Weg zu Jugend
und Minne durch dich hindurch! So ist dieser Briefwechsel durch meine
liebste Freundin gesegnet! Bist du einverstanden?”
„Ich danke dir, Ingo.”
Sie machte die Hand frei und gab sie ihm mit ernstem, bleichem Gesicht.
„Ich fühle durch den Handschuh hindurch, daß du eiskalte Hände hast”,
sprach er lächelnd. „Komm einmal her, Richard, wir reiben Friedels
Finger warm!”
Und er rieb ihre Hände scherzend zwischen den seinen und druckte
zuletzt einen Kuß darauf. Es entging ihr nicht dieser plötzliche
Ausbruch liebenswürdiger Heiterkeit.
So schritten sie, als die Heereszüge der Nacht von allen Seiten ins
Rhonetal hereindrangen, miteinander hinab in die Lichter von Avignon.
„Himmel,” sprach Ingo, als er auf seinem Zimmer allein war, „was ist
denn das mit mir? Ich freue mich ja kindisch, mit diesen Mädchen zu
plaudern!”
* * * * *
_Avignon_, im Lenz.
Meine reizenden Mozart-Mädchen!
Neben mir saß heute abend eine der liebenswertesten Frauen Europas
und benachbarter Kontinente. Da ich mich bei Ihnen, meine Holden, als
Troubadour eingeführt habe, so wollen wir auch meine Nachbarin nach der
provenzalischen Landschaft benennen: sie heißt Eleonore von Poitou.
Frau Eleonore von Poitou empfindet es als unartig von mir, daß ich ohne
Abschied von Ihnen geflohen bin. Sie erlaubt mir -- nein, sie bittet
mich, Ihnen diesen Entschuldigungsbrief zu schreiben. Denn sie merkt,
daß ich so etwas wie Heimweh in mir herumtrage. Wonach? Nach Schönheit,
Liebe, Glück, Frieden, Frohsinn -- was weiß ich, wonach! Und nach
wem? Ja was für ein innerstes Begehren ist denn eigentlich in unsren
modernen Herzen?
So schreib' ich denn diese fliegenden Zeilen auf lose Blätter
überseeischen Papieres, leichten, luftigen Papieres; Eleonore, meines
Reiches Kanzlerin, wird das Geplauder genehmigen, in einer Nachschrift
die Richtigkeit bestätigen und die Blätter nach Barcelona senden, wie
man Tauben ausfliegen läßt, die aus dem Chaos des Meeres das feste Land
suchen. Unter solchem Schutze plaudere ich nun mit Ihnen, wie wenn wir
dort oben auf dem Hügel säßen, als meine Saiten von selber zu klingen
begannen, weil sie berührt wurden von zwiefacher Anmut.
Richtig, Kinder -- fast hätt' ich da nun zu jungen Damen „Kinder”
gesagt! --, und da fällt mir ein, daß ich der Jüngsten jenes Liedchen
aufzuschreiben versprochen habe! Das wird nun schwer halten;
dergleichen muß von Mensch zu Mensch aufglühen, das kann man nicht aufs
Papier festhexen. Der Gedanke war etwa dieser:
Losgelöst vom falschen Elemente,
Liegt am Strand das munterste der Nixchen,
Liegt wie Tang, heraufgeschwemmt vom Meer.
Und sie klagt: „Ich suche Seele, Seele,
Eines Mannes liebe Seele such' ich,
Denn wir Nixen, ach, sind seelenlos!”
Kommt ein Troubadour und neigt sich zärtlich,
Auszuströmen seine ganze Seele --
Doch da lacht sie auf und schnellt ins Meer!
Warum schnellten Sie ins Meer und schwammen an die Küste von Katalonien?