„Verzeihen Sie, es ist unmodern, davon zu reden! Nehmen Sie

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Der Spielmann

Roman aus der Gegenwart

von Friedrich Lienhard

Neununddreißigste Auflage

[Illustration]

Stuttgart

Druck und Verlag von Greiner & Pfeiffer

_Erstausgabe dieses Buches:_

_Sommer 1913_

Inhalt

_Erster Teil: Ingos Irrfahrt_

Seite

Erstes Kapitel: Der Wanderer 1

Zweites Kapitel: Titanic 9

Drittes Kapitel: Die Freundin 25

Viertes Kapitel: Der Troubadour 33

Fünftes Kapitel: Lourdes 51

Sechstes Kapitel: Die Verlobung 76

_Zweiter Teil: Ingos Einkehr_

Siebentes Kapitel: Der Gralsberg Montserrat 95

Achtes Kapitel: Am Genfer See 132

Neuntes Kapitel: Weimar 161

Zehntes Kapitel: Kaisergespräch auf der Wartburg 186

Elftes Kapitel: Elisabeth 201

Zwölftes Kapitel: Der Gutsherr 210

[Illustration]

Erster Teil

Ingos Irrfahrt

[Illustration]

Erstes Kapitel

Der Wanderer

„Sehne dich und wandre!”

_Heinrich von Stein_

Auf einem hellgrünen Riviera-Hügel, zwischen feierlicher Zypresse und

lustigem Kirschbaum, der mit halbreifen Früchten betupft war, saßen

zwei liebliche junge Mädchen.

Es war Verwandtschaft in ihren rosigen Gesichtern und in ihrer

geschmackvoll einfachen Kleidung mit dem weißen Matrosenkragen, aus dem

dort und hier auf länglichem Halse ein dunkelbraunes Köpfchen wuchs.

Die Ältere, auf einem Feldstuhl sitzend und über eine Stickerei

gebeugt, war von ganz besonders bestrickender Schönheit. Wenn sie die

enzianblauen Augen unter schweren Wimpern langsam aufschlug, ging ein

Leuchten über die Umgebung. Alle Dinge wurden in dieser Beleuchtung

schöner, alle Menschen gütiger. Es waren große, schüchterne,

vielleicht nicht sehr kluge Augen, vom weiten Bogen der bräunlichen

Brauen madonnenhaft umrahmt. Das Mädchen war hoch und schlank. Und

schön waren auch die Nüstern des feinen Näschens, die bei gedämpftem

Lachen mitzulächeln schienen; schön das sanft gerundete Kinn; schön

der schmale und doch volle, kirschrote, meist ein wenig geöffnete

Mund. Sie glich in ihrer gesunden und natürlichen Jungfräulichkeit

den Madonnen Raffaels und mochte Maler und Dichter entzücken. Denn

ein Künstler spürte in diesem Mädchen zwar weder Gelehrsamkeit noch

gesellschaftliche Gewandtheit, wohl aber das Lebensgeheimnis einer

starken und sittsamen Weiblichkeit, gesunde Kinder zu schaffen fähig,

keine Bücher.

Unfern von den jungen Damen lag eine kannelierte Marmorsäule zwischen

zerstreuten Blöcken. Vermutlich hatte man dort bauen wollen; aber der

Baumeister hatte sich in die entzückende Landschaft verliebt und das

Bauen vergessen. Angesichts des blauen Meeres, zwischen Zypressen und

Oliven, hätte sich ein weißer Tempel wirksam ausgenommen, der Sonne

geweiht, der Schönheit heilig. Jedoch der Tempel war noch unsichtbar,

der Sonnenanbeter desgleichen; und dem Baumeister drohte abermals

Gefahr des Verliebens durch diese beiden ungewöhnlich schönen Mädchen.

Sie plauderten französisch. Aus ihrem Gespräch ging hervor, daß die

Mutter der Älteren ihren Nachmittagsschlaf auszudehnen pflegte, so daß

die beiden Schönheiten abseits von der gemieteten Villa auf diesem

Aussichtsplatz verweilen konnten.

Der jüngere Backfisch lag ausgestreckt im weichen Grase, stützte die

braunen Wangen in die Hände und las. Mädchenhüte flimmerten strohgelb

aus grünem Rasen. Und es war anmutige Stille um die beiden Gestalten;

selbst der Mittagswind spielte nur lässig in Gras und Laub. Von Zeit zu

Zeit sprang die Kleine auf, griff in das Blätterwerk empor und suchte

sich frühreife Kirschen heraus; oft auch hob sie lachend ihr spitzes

Mäulchen an den freundlich herabgeneigten Baum und naschte die Früchte

gleich vom Ast weg. Dann hängte sie sich ein Kirschenpaar über jede

Ohrmuschel, kaute, spuckte Kerne an die Marmorsäule und las vergnüglich

weiter.

Aus der Ferne funkelte in gleichmäßiger Ruhe das tiefblaue Mittelmeer.

Häufig lachte die Lesende hell hinaus und strampelte vor Vergnügen mit

den gelben Schuhen.

„Sag' doch, Martha, kann es etwas Lustigeres geben als diese verrückten

Briefe Mozarts?” rief sie. „Hör' einmal zu!”

Und sie las in geläufigem Deutsch flink herunter: „Allerliebstes Bäsle,

Häsle! Ich habe dero mir so wertes Schreiben richtig erhalten -- falten

-- und daraus ersehen -- drehen -- daß der Herr Vetter -- Retter -- und

die Frau Bas -- Has -- und Sie -- wie recht wohl auf sind -- Rind; wir

sind auch Gott sei Dank recht gesund -- Hund” -- -- sie brach lachend

ab.

„So geht's nun immerzu weiter!” fuhr sie französisch fort. „Jedem

dritten Wort hängt er irgendeinen albernen Reim an, der gar keinen Sinn

hat, nur aus Necklust. Oh, ich liebe Mozart schrecklich! Die Leute von

damals waren lustiger, leichter, eleganter und amüsanter -- verstehst

du das, Martha? Sie schlugen Purzelbaum, sie tanzten Menuett, sie

liebten, küßten sich und waren doch nicht gemein, denn sie hatten mehr

Poesie im Leibe! Verstehst du das, Martha?”

Martha lächelte, stickte und schwieg.

„~Mais allons donc!~” zürnte die kleine Elsässerin. „Do sitzt se un

sagt nix!”

Sie sprang auf, hob das spitze Näschen in die Luft und witterte die

blühenden Riviera-Hügel hinunter, wo auf allen Hängen zwischen weißen

Landhäusern steile, dunkle Zypressen, silbergraue Olivenbäume und

spitzblättrige Gartenpalmen die Landschaft festlich stimmten. Ihre

Augen leuchteten die Gegend ab.

Und plötzlich klatschte sie in die Hände.

„Da kommt er wieder!”

„Wahrhaftig!” bestätigte die stille Base Martha, ward ein wenig

lebendiger und sandte ihre tiefblauen Augenstrahlen gleichfalls den

Abhang hinunter. „Was tut er denn?”

„Er spielt auf einer Laute und summt vor sich hin! Hab' ich dir's nicht

gleich gesagt? Das ist ein deutscher Musiker!”

„Er spricht übrigens auch gut Französisch. Und warum kann es nicht auch

ein Maler sein? Er hatte ja neulich einen Malkasten mit!”

„Oder ein Dichter! Denn er hat uns ja ein Verschen gedichtet!”

„Oder ein reicher Privatmann, der alles treibt und nichts.”

„Möglich, denn Geld hat er gewiß! Und dabei so die Geste des

Weltmannes! Und grundgelehrt! Er interessiert mich schrecklich. Aber

ich bin gewiß, daß er deinetwegen kommt. Und dabei sitzt sie immer da

wie ein Stockfisch! Ich kann die Unterhaltung im Gang halten -- und in

dich verlieben sie sich! Alle! Auch wenn du kein Wort sagst! Zu dumm!

Ich hab's schrecklich schwer auf der Welt.”

Sie seufzte, klappte Mozarts Briefe heftig wieder auf und setzte sich

mit sehr melancholischer Miene und schwermütig gestütztem Haupt neben

das lächelnde, stickende und schweigende Bäschen. Aber es zuckte

um ihre Mundwinkel; ihre Blicke schielten vom Buch hinweg nach dem

Ankömmling, und mit einem Rippenstoß an Cousine Martha flüsterte sie,

daß sie vor Lachen berste.

Der ankommende Herr war ein schmucker, mittelgroßer Mann von etwa

dreißig Jahren. Er trug einen feinen Flanellanzug und einen Panamahut

über kurzem dunkelblonden Haar.

Schon von fern schwang er den Hut und die bänderumflatterte Laute und

rief in deutscher Sprache:

„Das ist ja ausgezeichnet, daß ich Sie wieder treffe! Bravissimo! Die

Freundin Mozarts und die große Schweigerin! Kirschbaum und Zypresse!

Guten Tag!”

Und trat heran, verbeugte sich und fuhr fort:

„Der Tempel ist noch unerbaut, aber die Priesterinnen warten. Seien Sie

gegrüßt, allerholdeste Hüterinnen dieses heiligen Hains!”

Die beiden jungfräulichen Wesen nickten gemessen und kämpften mit dem

Lachen; er aber nahm ohne Verzug auf der Säule Platz.

„Verzeihen Sie, meine Damen,” sprach er, „daß ich auch heute so

unsalonmäßig bin, mich nicht in konventionellen Formen vorzustellen.

Nehmen Sie an, ich sei irgendein Wanderer, der -- nun, der seine

Bestimmung sucht. Nehmen Sie an, ich sei ein Spielmann, ein Troubadour

-- mein Vorname ist übrigens Ingo, und das genügt --, und nehmen Sie

an, Sie seien die zwei anmutigsten Schloßherrinnen der ganzen anmutigen

Provence!”

„Sehr liebenswürdig!” lachte die Kleine. Die Sachlage war fremdartig,

aber den Mädchen nicht mißfällig. Die Ältere richtete ihr großes

Augenpaar schüchtern und fragend auf die Jüngere; und diese zappelte

vor Vergnügen, im Lustspiel mitzutun.

„Sie haben recht,” sagte der Zappelkäfer, „es ist heutzutage viel

weniger Poesie in der Welt als in den Zeiten Mozarts. Hab' ich das

nicht eben gesagt, Martha?”

„Aha! Darum tragen Sie also beide diese zierlichen braunen

Mozart-Zöpfe, nicht wahr?”

„Eben! Meine Cousine wollte nicht, aber sie muß!”

Martha lächelte und stickte; schaute dann die Base an, nicht den

Fremden, und sprach mit ihrer leisen Stimme, um nur auch etwas zu sagen:

„Sie hat mir lustige Stellen aus Mozarts Briefen vorgelesen.”

„Wollen Sie's hören?” setzte sofort das Backfischchen ein. Und sie

plapperte einiges herunter, bis sie vor Lachen aufhören mußte. Dann

wurde sie gesetzter und bemerkte, es seien auch recht schmerzliche

Briefe in dieser Sammlung, etwa über den Tod der Mutter oder jene

unglaubliche Behandlung beim Erzbischof von Salzburg.

„Schändlich so etwas! Ganz abscheulich! Finden Sie nicht auch?”

„Niederträchtig!” bekräftigte der Fremde. „Aber das hat Mozarts

Lebenslaune nicht gebrochen. Ein rechter Kerl zerbricht überhaupt

nicht. Ein elastischer Geist ist aus beßrem Stoff als der beste

parische Marmor. Übrigens, Sie anbetungswürdiges Mozart-Mägdlein,

ich zerbreche mir schon drei Tage den Kopf, warum diese Marmorsäule

so mutterseelenallein hier oben auf dem Hügel liegt -- grade nur die

einzige! Als ob eine einzige Säule irgend etwas in der Welt stützen

könnte! Als ob nicht mit der Zweiheit überhaupt erst alles Leben

begönne! Sind Sie nicht auch dieser Meinung, gnädiges Fräulein?”

„~Parfaitement!~” bestätigte die Kleine und gab der Älteren einen

Rippenstoß.

Martha lächelte und stickte.

„Sehen Sie, wir zwei verstehen uns ausgezeichnet!” rief der junge Mann.

„Deshalb haben Sie sich auch, als Symbol der Zweiheit, je ein Paar

Edelsteine an die Ohren gehängt, Mademoiselle!”

Die Kleine hatte ganz vergessen, die hellroten Kirschen zu entfernen,

pflückte sie jetzt mit umständlichen Gebärden aus Haar und Ohrmuschel

heraus und begann sie aufzuessen. Der Fremde streckte zum Fangen die

Hände aus; sie lachte und warf ihm das zweite Paar der unreifen Früchte

zu.

„Dafür spielen Sie uns aber auch etwas vor!” rief sie. „Denn Sie sind

doch offenbar ein Musiker?”

„Offenbar!” erwiderte der Spielmann ernsthaft und griff Akkorde aus

Mozarts Figaro, womit er das folgende Geplauder scherzend begleitete.

„Aber ich male auch bisweilen; ich singe auch ein wenig; ich komponiere

mitunter. Und da zum Singen Worte gehören, so dicht' ich auch.”

„Ein Universalgenie!” rief der Backfisch entzückt.

„Und wenn Sie hinzunehmen, daß ich Dingen, die mich interessieren, auch

wissenschaftlich nachspüre und sogar ein paar Bücher geschrieben habe

-- --”

„Oh, oh, oh, Martha, was sagst du nur dazu?!”

„So werden Sie begreifen, daß ich mich vor allem andren nach etwas

ganz Bestimmtem sehne -- nach der Zweiheit, mit der ich zusammen eine

Einheit bilden könnte, fest, geschlossen, gesammelt -- ein Kunstwerk,

ein Tempel, eine Gralsburg!”

Die Mädchen schauten einander verwundert an.

„Schrecklich gelehrt!” sagte die Jüngere. „Erzählten Sie nicht gestern,

daß Sie an einem Duett komponieren?”

„Auch das! Zwei Mädchenstimmen! Die eine von stiller Schönheit, edel

und einfach -- Frieden ausstrahlend wie eine Madonna oder ein Engel von

Fra Angelico. Die andre ein Kobold, der in allen Tonlagen herumgaukelt,

ganz voll Koloraturen, eine Nixe, eine Wasserfee. Soll ich Sie mal

spielen, Fräulein Nixe?”

Er spielte närrische Akkorde und sang zu den Kapriolen ein Necklied.

„Reizend! Von Mozart?”

„Von mir, holder Schmetterling!”

„~Mais c'est charmant!~ Das müssen Sie mir aufschreiben! Aber nun

sollen Sie auch meine Cousine komponieren!”

Er ließ sich, nachdem er sich so lange nur mit der Jüngeren abgegeben

hatte, im Grase nieder, zu den Füßen der verlegenen Stickerin; aber

er griff nur einige ernst-schöne Akkorde und sprach dann mit zarter

Höflichkeit:

„Sie heißen Martha, mein stilles, fleißiges Fräulein. Mehr weiß ich

nicht, will es auch vorerst gar nicht wissen. Aber gesehen habe ich Sie

schon irgendwo und habe Ihr Gesicht behalten. Nur weiß ich nicht mehr:

war es jenseits dieses Sternes, ehe unsre Seelen auf die Erde flogen,

oder war es irgendwo in Europa? Denn ich wandre viel. Ihnen möcht' ich

nichts Neckisches, sondern etwas sehr Liebes und Ernstes sagen oder

singen. Denn Sie verdienen es, Sie sind so gut, wie Sie schön sind.”

Und ihre Hand ergreifend, an der noch der Fingerhut steckte, küßte er

plötzlich die schlanken Finger der überraschten Schönen.

Dann aber besann er sich, sprang auf und packte Hut und Laute.

„Auf Wiedersehen! ~A rivederci!~”

Und sprang mit großen Schritten den Hügel hinunter.

* * * * *

Weitab von diesem Riviera-Hügel, vor einem der alten

fränkisch-thüringischen Herrensitze mitten in Deutschland, steht eine

mächtige Tanne. Ein Vorfahre Ingos hatte sie gepflanzt, als er in den

Türkenkrieg zog. „Ihr sollt euch”, schrieb er, „bei ihrem Anblick

erinnern, daß der Mann sein Erbe verlassen und sein Lebensziel erobern

muß.” Als aber sein Verwalter während des Freiherrn Fernfahrt einen

Schloßteich in Ackerland verwandelte, schrieb derselbe Türkenkrieger

folgenden Brief: „So wir nicht alles im alten Stand finden, schießen

wir dir bei unsrer Heimkehr eine Kugel durch den Kopf, denn der Mann

soll sein Erbe achten. Im übrigen bleiben wir dir in Gnaden gewogen.”

Noch andre Ahnen Ingos hatten die abenteuerliche Ferne aufgesucht und

sich doch zuletzt, gebräunt von Lebens-Erfahrung, auf den geliebten

heimischen Boden zurückgefunden.

Der Enkel dieser freiheitlich-konservativen Männer, die aus Fernfahrt

und Einkehr ihr Leben auferbauten, der Troubadour Ingo, der am Rande

der Mittelmeerkultur die Leuchtkraft der Olivenhänge in sich einsog,

war ein jüngerer Sohn. Bei ihm hatte sich der Adelsstolz ins Geistige

umgesetzt. Und während sein älterer Bruder Hochwild schoß, sann er

selbst im Gebirg' und auf dem Weltmeer dem erhabenen Problem nach,

wie sich germanischer Ernst und griechische Schönheitsfreude und

christliche Innerlichkeit in einem heiter-ernsten Naturell vereinigen

könnten ...

Als Ingo jenen Hügel hinabschritt, sang und pulsierte sein Blut.

Und das Blut sang und sprach zu dem leichtfüßig dahineilenden Spielmann:

„Einst hat dein Ahnherr Friedrich die schöne Elsässerin Octavie von

Birkheim in den harten, kräftigen Herbst eurer Thüringer Waldung

heimgeführt. Greif zu, Spielmann! Trage die Schönheit unter die

Parkwipfel der arbeitsamen Stille! Denn deine Munterkeit ist Maske,

dein Herz ist reif und traubenschwer von Heimweh nach Tempel und Hütte

mitten in Deutschland. Noch braucht dich Deutschland nicht; noch

spielst du das Leid deiner Verbannung mit Melodien hinweg. Doch halt

aus! Vollende dich wandernd! Wandre, wandre! Es wandert der blühende

Lenz und verwandelt sich wandernd in goldenen Herbst. Es wandert

das Licht, den Tag verwandelnd in Nacht und die Nacht in Frührot.

Es wandert und wächst der Mensch und verwandelt sich wandernd aus

Kindergestalt in die Reife des ruhigen Greises. Und so wandern Geburt

und Tod. So wandert die Zeit, so wandern die Sonnen des Weltalls -- und

alles Lebendigen Wesen ist Wandel und Wandrung. Wandre, mein Freund --

nur wandre zu _Ende_!”

So sang das Blut.

So sang es in einem schön gewachsenen, durch besonnenen Sport kräftig

und ebenmäßig ausgebildeten Körper.

Und so schritt er hinab, voll Spannkraft und Lebensmut, griff in die

Saiten und spielte sich ein Wanderlied.

Plötzlich unterbrach er dieses Reigenspiel seiner Gedanken, strich über

die Stirn, sah um sich und sagte gelassen:

„Bursche, du bist verliebt! Mach', daß du in dein Hotel kommst, damit

dir Friedel den Text liest!”

[Illustration]

[Illustration]

Zweites Kapitel

Titanic

„Ich komme vom Gebirge her,

Es dampft das Tal, es braust das Meer ...

Wo bist du, mein geliebtes Land?

Gesucht, geahnt und nie gekannt?

O Land, wo bist du?” ...

_Schmidt von Lübeck_

Nacht hatte sich der Landschaft bemächtigt.

Ein Gewitter krachte über der Palmenküste. In wuchtigen Massen troff

der Regen.

Im Hotel vernahm man das nahe Rauschen und Drohen des gewaltig tosenden

Meeres, dessen großer Ton sich mit den Stimmen der Gewitternacht

verband.

Doch in den glänzenden Luxusräumen, die von Goldornamenten und

Kristallen strotzten, wurde die Sprache der Natur nicht wichtig

genommen. Ein internationales Sprachengemisch, ein feinblauer

Zigarettendampf, Schaumperlen der Sektgläser stiegen empor und schufen

eine besondre Stimmung.

Der kleine Kommerzienrat Otto S. Marx feierte Geburtstag. Es war

ein reichlich Dutzend seiner vielen guten Bekannten zu einem Souper

eingeladen. Seine Laune war vorzüglich, denn der Vormittag hatte ihm in

den Spielsälen eine beträchtliche Summe in die Tasche geschoben. Und

nun neckte er seinen stattlichen germanischen Freund, den Großkaufmann

Schaller aus Barcelona, der eine Handvoll Goldstücke verloren hatte

-- für Firma Schaller & Co. zwar eine Kleinigkeit, aber immerhin

des Verdrusses wert; denn die bereits gewonnenen Tausende waren dem

leidenschaftlichen deutschen Spieler wieder durch die Finger getropft,

da er nicht die Besonnenheit hatte, beizeiten abzubrechen, wie der

immer kluge und immer nüchterne Otto S. Marx.

Unter den Gästen stachen hervor, durch helle und einnehmende

Gesichtszüge, das deutsche Ehepaar Trotzendorff mit dem befreundeten

thüringischen Freiherrn Ingo von Stein-Waldeck. Der blonde englische

Maler Wallace und sein angenehmer, nach allen Seiten stets gleich

liebenswürdiger französischer Freund Leroux hatten sich mit diesen drei

Deutschen angefreundet; und es störte sie nicht, daß der männliche

Major von Trotzendorff gelegentlich seinen nationalen Standpunkt im

Gegensatz zu andren anwesenden Deutschen unverschwommen betonte; denn

seine leuchtend schöne Frau Friederike, genannt Friedel, glich alles

wieder aus.

Um diese lebenswarmen Menschen her saßen allerlei belanglose

Damen und Herren, die sich durch Reichtum und Brillanten von der

arbeitenden Menschheit absonderten, nicht durch Seele. Da war ein

jovialer Theaterdirektor, der ebenso wie sein Nachbar, ein blasierter

Gesandtschafts-Attaché, für lüsterne Anekdoten empfänglich war und

manchmal aus einem wiehernden Lachen gar nicht mehr herauskam; da war

eine sehr dekolletierte, sehr parfümierte, sehr geschminkte Dame aus

österreichischen Adelskreisen, die täglich mit kühlster Geschäftsmiene

am Spieltisch saß. Und so Gesicht an Gesicht, fahl, geisterhaft in den

Rauch eingezeichnet, umblitzt von den Zieraten des Salons, umdröhnt von

Meer und Gewitter.

Man sprach vom Untergang der „Titanic”.

Dieser englische Riesendampfer, das größte Passagierschiff, das je auf

einem Ozean geschwommen, war auf seiner ersten Fahrt von England nach

Amerika an einem Eisberg zerschellt. Das ungeheure Fahrzeug war mit

mehr als tausendsechshundert Menschen in die Tiefe gesunken.

Ein Aufschrei scholl durch die Menschheit.

„Wie kann denn eine solche schwimmende Luxusstadt überhaupt

untergehen?! Es waren ja Restaurants an Bord, Konzertsäle,

Tennisplätze, Blumenläden -- ganze Straßen! Es fuhren ja Millionäre und

Milliardäre mit!”

„Der alte Atlantik kümmert sich den Teufel um alle Milliardäre der

Welt!”

„Der Ozean ist dort dreihundertmal so tief als der Tiefgang der

Titanic!”

„Der Eisberg, an dem das Schiff zerkrachte, ist schwerer als alle

Eisenflotten der Welt!” ...

In einer eiskalten Aprilnacht war es -- zwei Stöße -- und das

Riesenschiff stand fest! Von Tür zu Tür läuft das Wort: Auf! ein

Unglück! Was, wo, wie? Menschen, mehr neugierig als erschrocken,

huschen im Schlafrock durch die Korridore -- was, wo, wie? Und abermals

ein Befehl: Stecke jeder ein Dokument zu sich! Jetzt summt es heraus

aus allen Kabinen, jetzt füllt es tosend Verdeck und Gänge, staut sich,

fragt, ruft, schreit, kämpft -- und um die verängstete Menschenmasse

eisige Nacht und das Plätschern, Nagen, Zähneblecken des wartenden

Ozeans! Da rufen Geistliche die volle Wahrheit: In wenigen Minuten

stehen wir alle vor Gottes Antlitz, wer seine Seele erleichtern will,

der mag es tun! Und die Schiffskapelle, die im Salon bis zuletzt mit

lustigen Weisen getäuscht hat, bricht ab und geht über in den Choral:

„Näher, mein Gott, zu dir!” Furchtbare Panik! Das todgeweihte Gewühl

drängt, stößt, beißt sich zu den Booten, über zertretene Kinderleichen

hinüber, und alle Kommandorufe ersticken im mörderischen Gebrüll.

Einzelne überladene Boote kämpfen sich los vom Überandrang, um sie

her tropfen Menschen ins Wasser wie Körner von einem übervollen Gefäß

-- und dann richtet sich der Schiffsrumpf in seiner ganzen Länge jäh

empor, in Kirchturmhöhe aus den Wassern starrend, und schüttelt die

wild aufschreiende Menschenmasse ab, um dann selber in den schwarzen

Strudel zu versinken ... Einige Hundert haben sich auf allzu spärlichen

Booten gerettet und schwimmen nun in Nußschalen, die Füße im Eiswasser,

durch die kalte Nacht, Land suchend, Überbleibsel einer Sintflut ...

Titanen wollten den Himmel stürmen; Götter schoben ihnen lächelnd mit

dem kleinen Finger einen Eisblock entgegen -- und die Titanen stürzten

...

Diese Schilderung wurde ausgesponnen und mit erschütternden

Einzelheiten umrankt. Gemüter und Nerven erzitterten.

Aber sehr bald flutete neuer Unterhaltungsstoff über den Eindruck

hinweg. Man sprach von Schiffsunfällen, von Lebensversicherung, von

Maßregeln, die eine Katastrophe solcher Art künftig verhüten würden;

man verurteilte die Schnellfahrten über den Ozean, man stritt über den

Wert solcher Riesenschiffe. Bald war man mitten in Zahlen und Maßen

der Dreadnoughts. Und hier wurden einige Herren hitzig, darunter der

fachmännisch beschlagene Major von Trotzendorff, als der Kaiserliche

Jachtklub, der Meteorjachtklub von Deutschland und der Deutsche

Motorbootklub nicht reinlich auseinandergehalten wurden. Von da sprang

das Gespräch auf den Kaiserlichen Aeroklub und den Berliner Verein für

Luftschiffahrt über. Man hatte vor wenigen Tagen einer Wettfahrt von

Motorbooten beigewohnt: mit aufgebäumtem Kiel, in fabelhafter Raserei,

umschäumt von zurückspritzenden Wellen, waren die Boote am Felsen von

Monte Carlo vorübergesprüht. Und im Hafen erhob sich, nach Anlauf auf

dem Wasser, eines dieser surrenden Wunderwerke jählings in die Luft

und flog mit seinen zwei Insassen in großem Bogen kühn hinaus übers

Meer und wieder genau zurück und herab an die Abfahrtstelle ... Welche

Eroberungen des Wassers und der Luft! Welche Überwindungen der Schwere!

Sie stürmen den Himmel, diese Titanen!

Das Gespräch flatterte in Gruppen auseinander; die Titanic schien

vergessen. Diese modernen Menschen waren berauscht von den

unvergleichlichen technischen Errungenschaften der Gegenwart ...

Ingo von Stein saß in tiefen Gedanken versunken. Er hatte sich im

Geiste mehr und mehr abgesondert vom Gespräche seiner Zeitgenossen.

Plötzlich, als eine Pause sein Eingreifen möglich machte, sprach er in

seiner ernst-liebenswürdigen Weise mit vollklingender Mannesstimme:

„Gestatten Sie mir eine Frage, meine Damen und Herren! Ist niemandem

von Ihnen bei diesen Gesprächen über den Untergang der Titanic etwas

aufgefallen?”

„Wieso? Was denn?”

„Verzeihen Sie, es ist unmodern, davon zu reden! Nehmen Sie an, daß es

ein philosophisch gestimmter Mensch sei, den diese Frage beschäftigt!

Als diese sechzehnhundert Menschen untergingen, fuhr ebenso ein

Entsetzen durch die Welt wie beim sizilischen Erdbeben. Aber --

binnen kurzem ist alles wieder vergessen! Die Jagd saust weiter. Neue

Eindrücke stürmen über die alten hinweg; es kommt nicht zu seelischer

Verarbeitung. Hat wohl eine Frage nach Sinn und Wesen des Todes die

materialistische Menschheit durchschauert? Hat man ein Polarschiff

ausgesandt in das unbekannte Land jenseits des Todes? Hat man sich auf

Sinn und Wert des Lebens und Sterbens besonnen?”

„Herr Baron, das is Religion -- und Religion is Privatsache!” rief Marx.

„Wer hat denn heute zu solchen Spekulationen Zeit?” setzte Schaller

hinzu.

„Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter mit Hölle und Himmel und

solchen Popanzen!”

„Aber darüber kann ja jeder denken, wie er will! In Religionssachen bin

ich für mein Part indifferent -- und ich hoffe, mit mir jeder moderne

Mensch!”

So ging es um den Tisch herum. Der Attaché stemmte den Kneifer ins Auge

und betrachtete den Baron wie ein vorsintflutliches Megatherion.

„Sehen Sie! Sie bestätigen, was ich sage!” fuhr Stein fort. „Der

Zusammenprall zwischen Titanic und Eisberg war umsonst. Niemand hat die

gigantische Frage verstanden. Denn eine Frage ist in jener Aprilnacht

über den Ozean geschwommen und hat der Titanic Halt geboten. Die

moderne Titaniden-Menschheit hat die Frage nicht einmal gehört!”

Ein Teil der Gesellschaft versuchte ernst zu werden. Man vernahm

draußen das Tosen des Gewitters; man vernahm das Donnern der

nächtlichen See.

„Nehmen Sie einmal an,” fuhr der philosophische Sonderling fort,

„wir alle, wie wir hier sitzen, ganz Europa, die ganze moderne

Zivilisation, seien der Schiffskörper einer Titanic, umbraust von

den Gefahren des Chaos! Nehmen Sie an, eine Katastrophe bedrohe uns,

ein europäischer Krieg, mit Hungersnot, Seuchen und Revolution --

was dann? Nehmen Sie einmal an, wir Zeitgenossen seien dem Untergang

geweiht und schauen auf die letzten Jahrzehnte zurück, wie dort in den

letzten Minuten die Todgeweihten der Titanic auf ihre Fahrt -- was ist

das Ergebnis? Können wir sagen, diese glänzende Anhäufung materieller

Güter, diese fieberhafte Konkurrenz aller gegen alle, seien der wahre

Sinn und Zweck und Wert des Daseins?”

Er hielt einen Augenblick inne, sah sich fragend um und schloß:

„Sie, meine Damen und Herren, sagen _ja_ -- ich sage _nein_! Das ist

unhöflich, denn ich setze mich damit auf einen Nachen und fahre von der

Titanic fort. Oder vielmehr: ich fahre gleich nicht mit. Ich lehne die

Beteiligung an dieser rasenden Lebensfahrt dankend ab. Wenn mir aber

jemand von Ihnen einen Amundsen oder Nansen namhaft zu machen weiß, der

ausfährt, um den geistigen Pol, den ruhenden Pol in der Erscheinungen

Flucht zu entdecken, jenseits der Sinnenwelt, jenseits des Todes --

dieser Polarfahrt würd' ich mich sofort anschließen.”

Das war in liebenswürdigem Ton, lächelnd, aber energisch und bestimmt

herausgesprochen.

Der Versammelten, die auf solche Gedankengänge nicht gestimmt waren,

hatte sich eine erstaunte oder gar beklemmende Empfindung bemächtigt.

Stein hatte eine Erörterung erwartet; aber man ging nicht darauf ein.

Es war Herr Otto S. Marx, Buchdruckereibesitzer großen Stils, der

die sorglose Stimmung wieder herstellte. Er fuhr mit der Hand über

Glatze, Stirn und leicht gebogene Nase zum modern gestutzten rötlichen

Schnurrbart herunter, als wische er etwas hinweg, und rief mit Humor:

„Ein entschieden philosophischer Kopf, unser Herr Baron von Stein!”

Diese paar Worte waren mit so komischer, etwas nasaler und nüchterner

Betonung gesagt, daß man allgemein in befreiendes Lachen ausbrach.

„Aber einstweilen sitzt er mit auf der Titanic und schlürft Sekt!”

trumpfte der derber gestimmte Schaller und erhob mit schallendem Lachen

sein kräftig unterbautes Kinnbacken-Gesicht mit dem scharfen Monokel

und dem Durchzieher auf der linken Wange. Man konnte ihn für einen

Typus des deutschen Korpsstudenten nehmen; seine ansehnliche Statur mit

dem ganz kurzen Blondhaar stach wirksam ab vom salopp hingelagerten

Marx, der mit den Händen in den Hosentaschen im Plüschfauteuil lehnte

und spöttisch-überlegen den Baron anblinzelte.

„Lieber Baron,” fuhr Schaller fort, „Marx und ich liegen uns zwar immer

in den Haaren, obwohl er meinen Rat in Bankpapieren schätzt; aber in

_einem_ modernen Glaubensartikel sind wir einig: erst die Million --

dann die Seele!”

Erneutes Gelächter stimmte diesem massiven Grundsatz bei. Auch der

gutartige Stein lächelte mit; Trotzendorff mochte gleichfalls kein

Spielverderber sein; doch seine Frau sah betreten und bedauernd zu Ingo

hinüber. Nur der Engländer Wallace trank seine Limonade und rang sich

kein Lächeln ab.

Als das Gespräch dann wieder im Gang war und weitersummte, beugte sich

Frau von Trotzendorff zu ihrem Liebling hinüber.

„Ingo,” raunte sie, die Hand am Munde, „denk' an das Gleichnis von den

Perlen!”

„Stimmt, Friedel!” kam es zurück. „Aber ich sollte charaktervoll sein

und selber nicht unter den Säuen sitzen!”

„Unsinn! Willst du wohl --?! Bist schon Einsiedler genug!”

Er zuckte die Achseln, schüttelte den Kopf und lehnte sich wieder

zurück.

Und nun ließ er sein Auge wandern über diese Fräcke und Toiletten. Was

für eine Gesellschaft war denn dies hier am Rande Europas, unter die

er da geraten war? Wo leuchtet denn hier, aus diesen Gesichtern mit

der Tücke des modernen Menschen, der seine Mitmenschen zu überlisten

trachtet, aus diesen scharfen oder verlebten Zügen -- wo leuchtet jenes

freimütig-unbefangene deutsche Gemüt? Jenes Edelgemüt, das die große

Musik, Philosophie und Mystik geboren hat? ... Verstand, Pfiffigkeit,

Lüsternheit, Tatkraft, Nervosität -- diese Eigenschaften prägten sich

zwar deutlich in den Mienen aus. Aber Seele? Wo ist denn die deutsche

Seele? Er nahm nur Frau Friedels schöne und phantasievolle Züge aus

neben Trotzendorffs offener Männlichkeit; der Engländer neben ihm

war sachlich, der hübsche Franzose kokett. Aber diese beiden jungen

Leute waren ihm noch weitaus die angenehmsten unter der unangenehmen

Gesellschaft. Unangenehm? Sind es nicht deine deutschen Landsleute?

Bist du nicht in Gefahr, deinem Vaterlande fremd zu werden? ...

Vaterland! ...

Die Empfindung ließ ihn nicht mehr los, daß er sich auf einem

gefährdeten Schiffe befand, selber in Gefahr und nur durch dünne Wände

getrennt von den Wassern der Vernichtung.

Der junge Engländer an seiner Seite unterbrach plötzlich seine düstren

Gedankengespinste und fragte den Baron, ob er wisse, daß Mr. Stead,

der Vorkämpfer des Spiritismus und der Friedensbewegung, mit der

Titanic untergegangen sei? Ingo, der gut Englisch verstand und sprach,

verneinte. Und sachte ging Mr. Wallace auf ein Gebiet über, das abseits

lag von diesem Kreise und von Ingos künstlerischen Lebenspfaden,

das ihn aber rasch fesselte. Der kaltblütige Engländer, der für

die Alkoholstimmung dieses deutschen Kreises unempfänglich schien,

sprach von einer spiritualistisch-religiösen Bewegung der Neuzeit.

Er war Maler aus Liebhaberei, Sprachlehrer aus Beruf; und auf seiner

Visitenkarte, die er im Laufe des Gespräches mit dem Baron tauschte,

stand ein ~M. A.~: „~Master of Arts~”, sein Universitätsgrad. Er hatte

seine Jugend in Indien verbracht. Und es war für den Deutschen eine

Wohltat, in dem flackrigen Rhythmus dieser Abendgesellschaft solche

gelassene Ruhe zu vernehmen, wie sie aus diesem etwas kühlen, aber sehr

unterrichteten Manne zu ihm herüberschwang. Es war ein Ton aus einer

weiteren Welt; und daß es ein Ausländer war, von dem dieser Ton kam,

machte den Deutschen beschämt und nachdenksam.

„Sie haben übrigens”, sprach Wallace, „in Deutschland einen Mann, der

auf diesem Gebiete sehr bedeutend ist.”

Und er nannte einen Namen, den Ingo nie vernommen hatte.

Doch das beruhigende Zwischenspiel wurde durchbrochen. Stein, mitunter

zum Aufbrausen geneigt, schnaubte plötzlich empor und rief einem

Lebemann am Ende der Tafel kampflustig zu:

„Wer verunglimpft da unten Schiller?! Lassen Sie unsren Schiller in

Ruhe! Hätten wir nur etwas von seiner Männlichkeit!”

„Aber Sie haben mich wohl nicht ganz verstanden, mein verehrtester Herr

Baron”, erwiderte Herr von Jedermann und Überall. „Ich habe nur ganz

einfach festgestellt: Damals war der Wallenstein modern -- heute der

Rosenkavalier; damals die Iphigenie -- heute die Salome. Na, und warum

soll ich das nicht sagen?”

Stein lachte und rief mit Schärfe zurück:

„Sagen Sie das, Edler! Und fügen Sie hinzu: Damals war das weimarische

Hoftheater modern -- heute das Kino!”

Er warf sich wieder in seinen Sessel und machte eine segnende

Handbewegung gegen den Ritter des Geistes, der den linken Daumen unter

die linke Achselhöhle eingeklemmt, die rechte Hand gespreizt hatte und

mit der Zigarette im Mundwinkel wiederholte: „Na, warum nicht?”

Da war nichts zu widerlegen.

Jetzt tauschte Schaller seinen Platz mit Mr. Wallace und ließ sich

neben dem thüringischen Freiherrn nieder.

„Herr Baron, nichts für ungut, aber Sie philosophieren zu viel!

Sie müssen mich in Barcelona besuchen! In allem Ernst! Ich habe

Ihnen nachher auch etwas Amüsantes zu erzählen. Unter uns: ein

Restchen deutsches Gemüt in mir beneidet Sie. Verstehen Sie? Nein?

So will ich's Ihnen erklären. Gestern warfen Sie gesprächsweise die

Bemerkung hin: als Sie die Wahl hatten zwischen Staatskarriere und

geistiger Vertiefung, haben Sie unbedingt das letztere vorgezogen.

Universalbildung im Sinne Wilhelm von Humboldts -- sagten Sie; moderne

Fortsetzung des klassischen Idealismus -- sagten Sie. Sie sehen, ich

hab' mir's gemerkt, bin also gar kein so feister Materialist, wie es

allerdings aussieht. Und darum sag' ich: ein Rest in mir beneidet

Sie um dieser freien Wahl willen, die Sie getroffen haben. Hol's der

Teufel! Etwas wie Sentimentalität sitzt immer in uns Deutschen.”

„Das Deutschland von heute hat sich für _Ihren_ Weg entschieden, mein

lieber Herr Schaller”, erwiderte Ingo gelassen. „Erst die Million --

dann die Seele! Beneiden Sie mich vielleicht um das Martyrium der

Heimatlosigkeit?”

„Ach was, Unsinn! Sie sind jung, nicht älter als ich! _Schaffen_ Sie

sich eine Heimat, _bauen_ Sie sich ein Schloß! In der Calle Muntaner

zu Barcelona steht meine Burg; kommen Sie einmal hin, sehen Sie sich

an, was deutsche Energie im Ausland fertigbringt! Bis dahin hab' ich

ein hübsches junges Weib im Hause. Schaffen auch Sie sich eine Frau

an, Herr Baron, das bewahrt vor philosophischen Hühnerleitern! Und

kommen Sie! Ich bin manchmal hungrig nach Geist -- ausgehungert! Und ~à

propos~, wissen Sie, was ich Ihnen jetzt Amüsantes zu verzapfen habe,

Sennor? Wissen Sie, daß Sie entdeckt sind?”

„Wieso entdeckt?”

„Als ein Troubadour namens Ingo, der meinen zwei jungen Nichten den Hof

macht!”

„Potztausend noch einmal!” fuhr Ingo auf und hätte vor Verblüffung fast

sein Sektglas fallen lassen. „Die zwei jungen Mädchen da oben auf dem

Hügel sind Ihre Nichten?!”

„Sind meine Nichten, ich kann nichts dafür!” bestätigte der lachende

Kaufmann. „Niedliche Lärvchen, was? Beide haben's nicht von mir, denn

wir sind nicht blutsverwandt; die Mutter der Älteren, eine Witwe

aus Straßburg, ist die Schwester meiner Stiefmutter; so sind wir in

eine Art Onkelschaft geraten, und ich versteh' mich mit den Mädels

ganz famos. Die Jüngste ist ja entzückt von Ihnen, einfach aus dem

Häuschen!”

„Aber sagen Sie mir doch -- wie hat sich denn das herausgestellt? Aus

Straßburg? Jetzt begreif' ich! Dort war's, dort hab' ich das Mädchen

gesehen, in der Vogesenstraße, als ich im Herbst ein paar Wochen dort

wohnte! Aber wie hat man denn mich entdeckt?”

„Nichts einfacher als das! Durch Ihr Buch ‚Heroismus’, das Sie mir

geliehen haben! Da steht Ihr Name, Ingo von Stein. Dies Ingo hat

sie verraten. Ich habe das Buch meinen Nichten hinaufgebracht, wir

blättern drin, der kleine Grashüpfer schwatzt immerzu von dem Besuch

des reizenden Unbekannten, der Ingo heiße. Ingo? Ingo heißt euer

romantischer Anbeter? Wie sieht er denn aus? So und so! Famos, da haben

wir ihn ja! ~Voilà! Ecco!~”

Er lachte herzhaft. Stein lachte mit.

Aber in seinem Herzen schloß sich doch etwas zu; ein musikalischer

Zauber, ein poetischer Duft drohte zu entfliegen, der Reiz des

Magischen und Fremdartigen. Denn jene Welt Mozarts, jenes reine Eiland

der Schönheit, wurde überflutet von der breiten Alltagswelt dieser

knochigen Millionenmacher, dieser Geldmagnaten, dieses modernen

Amerikanismus.

Daher ging Ingo recht bald und mit leichtem Scherz über die Sache

hinweg, zumal Frau Friederike, zur Eifersucht geneigt, gespannt

herüberfragte, von welchen reizenden jungen Mädchen denn hier so

angelegentlich die Rede sei. Nur eines merkte er sich: die jungen Damen

waren im Begriff, mit Frau Frank-Dubois, Marthas Mutter, nach Barcelona

zu reisen, um dort einige Wochen bei Onkel Schaller zu wohnen.

„Eine Reise nach Barcelona”, warf Ingo hin, „steht übrigens bei mir

schon längst auf dem Programm. Denn dort in der Nähe ist der berühmte

Montserrat, der Gralsberg, der Montsalvat der Sage.”

„Kenn' ich natürlich genau! Famoser Berg! Großartige Aussicht! Also

kommen Sie! In meinem Hause finden Sie etwas, was Ihnen so leicht

kein Privatmann bietet: zwei echte Velasquez! Heh, was meinen Sie

dazu? Raus aus dem Beamten- und Spießbürgernest Deutschland! Nur der

Mittelmäßige kommt dort vorwärts! Für geniale Köpfe ist kein Platz

mehr im Reich. Großzügige Naturen treiben sich im Ausland herum oder

ersticken im deutschen Winkel.”

Die Damen und einige Herren zogen sich zurück.

Trotzendorff trat zu Stein heran, der sich gleichfalls erhoben hatte.

„Weißt du das Neueste, Ingo?”

„Nun was denn, Richard?”

„Meine Berufung ist Tatsache! Hoheit hat's bestätigt!”

„Also von jetzt ab Hofmann, lieber Richard? Na, mein herzliches

Beileid!”

„Danke für den Glückwunsch! Das wird auch für dich entscheidend, alter

Flüchtling! Ich habe meinen Plan. Und du weißt, ich bin in solchen

Dingen zäh. Auf dem Weg über Seine Hoheit komm' ich an den Kaiser

heran, mache Majestät mit deinen Gedanken bekannt, verschaffe dir eine

persönliche Vorstellung, und du wirst an den Platz gestellt, wo du

wirken kannst!”

Ingo legte den Arm um die Schulter des Freundes.

„Du bist doch ein unverbesserlicher Utopist!”

„Abwarten, Junge!” erwiderte der straffe Soldat und strich seinen

dicken grauen Schnurrbart. „Wenn du erst einmal mit dem deutschen

Kaiser auf der Wartburg ein richtiges Kaisergespräch geführt hast, dann

sprechen wir weiter!”

Frau Friederike war herangekommen. Es war heute abend in ihrem Wesen

etwas wie nervöses Fieber.

„Richard hat recht”, sagte sie hastig. „Wir müssen dich unter Aufsicht

nehmen, lieber Ingo, wir müssen dich mit Gewalt an die rechte Stelle

schieben. Die Sache wird gemacht! Du kennst meinen Alten, der läßt

nicht locker, wenn er etwas im Kopf hat!”

„Hier steh' ich nun wie Buridans Esel zwischen den zwei bekannten

Heubündeln”, lächelte Stein. „Die Lockung dort heißt Barcelona -- die

Lockung hier heißt Wartburg. Wohin?”

„Nach Deutschland, Ingo! An deine deutsche Aufgabe!”

„Hat mich nicht gerade Friedel aus Deutschlands Enge

herausgeschmeichelt?”

Doch Frau Friederike schob ihren Arm unter den seinen und entführte ihn

samt ihrem Gatten aus der Riviera-Gesellschaft.

Aber sie konnte sich oben, als sie einander Gute Nacht sagten,

nicht enthalten, noch einmal nach den hübschen jungen Mädchen zu

fragen, die ihn so lebhaft entflammt hatten. Er warf lachend einige

beschwichtigende Worte hin; doch ihr entging nicht, daß er errötet war,

und sie schied mit langen, schweren Blicken ...

Das Gewitter war vertost. Von den Stauden und Palmen troff noch die

himmlische Feuchtigkeit; das Meer rauschte bedeutend.

Stein atmete auf seinem Balkon die würzige Nachtluft ein und verglich

die muntren Mozart-Mädchen auf jenem offenen, hellen Hügel mit diesem

drückenden Salon-Parfüm und Salon-Geschwätz dieser Riviera-Hotels und

Riviera-Spielhöllen. Und in der Ferne vernahm er ununterbrochen das

ozeanische Brausen der Titanic-Katastrophe.

„O du Tiefstes meiner Seele, du kannst ja doch nicht hinauf! Wenn

meine Seele tost wie die schäumende See und zitternd solche machtvolle

Schönheit aushält, dann ist es in mir wie ein schweres, langsames

Glockenläuten. Und das zu ertragen, dieses Gewaltige, hilft mir

nur eins: die Seelensprache der Poesie und Musik. Sie segnet meine

Herzensglut, und mit ihr ertrag' ich die Schönheit der gewaltigen Erde

...”

Lang noch saß er über Büchern und Papieren, Schwermut durch Arbeit

bekämpfend. Spät entschlief er.

Heitre Mozart-Melodien vermischten sich im Entschlummernden mit der

Notturno-Stimmung des „Don Juan” -- der Anfang von Beethovens ~Sonate

pathétique~ brauste herein, wuchtig, zornig -- und die schwermütigen,

harfenartigen Einleitungsakkorde des Brahmsschen Liedes „Der Tag ging

regenschwer und sturmbewegt”. Doch in diesem Chaos von Tönen behauptete

sich zuletzt Schuberts „Wandrer”: „Wo bist du, mein geliebtes Land?” ...

* * * * *

... Marx und Schaller, die Unzertrennlichen, saßen noch beisammen,

ließen sich einen Mokka brauen und sprachen von Dividenden und

Prozenten.

Plötzlich warf Marx mit zweifelhaftem Blinzeln hin:

„Hm, sagen Se mal, was halten Sie von diesem Stein?”

„Ein sympathischer Mensch!” beteuerte Schaller, der ziemlich gezecht

hatte. „Eine von jenen hochbegabten Naturen, die keinen Platz finden

im hundsgewöhnlichen, miserablen, mittelmäßigen Reichsdeutschland!

Verstanden, Otto S.?!”

„Na, na! Das glauben Sie ja selber nich!”

„Selber nicht? War ich nicht Referendar, ehe ich Kaufmann wurde? Warum

bin ich ausgerissen? Weil mir der Atem ausging zwischen euren Hinter-

und Vordermännern, die einander Hacken und Zehen abtreten!”

„Riesiger industrieller Aufschwung in Deutschland! So 'ne Titanic --

die übertrumpfen wir! Mittelmäßig? Steckt 'ne Masse Genie im modernen

Deutschland!”

„I natürlich! In allen technischen Dingen, selbstverständlich! Zeppelin

-- bravo! Aber sonst? Genie? Wo denn? Was wissen Sie denn, Samuel, in

Ihrem Verstandeskasten, was Genie ist? Wo sind denn die großen und

ewigen Ideen in eurer Politik oder Literatur? Reporter seid ihr, ganz

schwunglose Reporter und Photographen!”

„Na, und Richard Strauß?! Und Reinhardt! Gehen Se mal in den Berliner

Zirkus und sehen Se so 'ne Aufführung! Und hat nicht Hauptmann den

Nobelpreis gekriegt? Was wollen Se denn noch? Wollen Se wieder

Vergißmeinnichts-Geschmack einführen, Sie?!”

„Mann, Markuse, machen Sie mich nicht wild!” schrie der Champagner aus

Schaller. „Wo ist denn da Größe?! Größe, sag' ich, Sie, Sie -- Sie Mann

mit dem zweckdienlichen Verstandes-Apparat! Sie Nüchterling! Sie Mensch

ohne Seele! Kurzum, Sie Geldbeutel!”

„Schaller, Sie schallen wieder mal brutal, aber brillant!” Der

Kommerzienrat lachte sein meckerndes Lachen, ohne das geringste

übelzunehmen. „Ihnen fehlt ein pikantes Weibchen -- so wie da die

Trotzendorff. Unter uns -- die und der Stein, hä? Da ist auch nicht

alles geheuer. Hat übrigens in Weibersachen Geschmack, dieses Mineral

-- seine Freundin ist hübscher als seine Bücher!”

Und Marx lachte und schlürfte zwinkernd seinen Mokka.

„Was halten Sie denn von seinen Büchern?” fragte Schaller unwirsch,

denn er empfand für Ingo entschiedene Zuneigung.

„Nu, ich hab' se nich gelesen -- aber was man so hört -- Nee!

Heroismus? Das Buch ist geschmacklos eingebunden. Und der Inhalt --

süßliche Phrasen!”

„Phrasen? Dieser grundehrliche Stein? Sehen Sie sich doch dieses offene

Gesicht an!”

„Ich nenne das Phrasen.”

„Beweis!”

„Nu, ich sage Ihnen, ich nenne das Phrasen, und damit Punktum! Was ist

da zu beweisen?! Und sein Drama: ‚Der Sängerkrieg’! Das hat ja schon

der Wagner komponiert! Und was er sonst verfaßt hat aus der Mythologie,

das kann man höchstens noch mit Musik goutieren! Für mich Schwulst,

süßer Brei, Phrasen!”

Er trank erbittert und nervös seinen Mokka leer, hatte sich in Hitze

geredet und schaute ergrimmt seinen Gegner an. „Nu, was wollen Sie

noch? Im übrigen ein liberaler und honetter Mensch, sag' ich selber!

Alles, was recht ist! Und ohne Adelsdünkel! Ein Charakter, aber ein

sehr bescheidenes Talentchen!”

„Was verstehen Sie denn eigentlich unter Talent?”

„Nu, daß einer was kann!”

„Wer stellt denn fest, ob einer was kann oder nicht?”

„Die öffentliche Meinung! Wir! Leute von Geschmack! Ganz einfach!”

„Wenn aber die öffentliche Meinung auf Irrwegen läuft? Habt ihr

euch nicht hundertmal geirrt, ihr Deutschen, und lebende Talente

totgeschwiegen und totgeschwatzt?!”

„Mit dieser Ausflucht kann sich jeder erfolglose Dilettant decken”,

bemerkte Marx nicht mit Unrecht. „Man hat denn doch im allgemeinen

eine sichere Witterung, was ein moderner Mensch is und was nur so

nachdichtet. Unsere Nerven brauchen ein Stimulans, Neutöner, Reizungen,

pikante Probleme -- verstehen Se? Ich protegiere da einen Dramatiker --

was wetten wir, daß ich ihm den Schillerpreis verschaffe? Wissen Se,

wie so wat gemacht wird?”

Marx rückte vertraulich näher; und Schaller starrte unbeholfen in ein

Paar pfiffige Augen.

„Denn solche Talente _kann_ man machen, den Stein nicht. Da wird in

klugen Abständen eine Notiz ins Tageblatt lanciert -- übrigens auch

Durchfälle schaden nicht, wenn nur die Öffentlichkeit beschäftigt

bleibt! -- also eine Notiz: der ringende, begabte, geniale Dramatiker

~etc., pp.~ -- merken Se wat? Dann gute Verbindungen bei der Presse --

nu, und nach und nach gewöhnt sich die Welt an den Namen. Aber pikant

muß er dichten, pikant! Mit diesem biedren Stein -- nee, damit ist kein

Haus zu bauen.”

Schaller senkte den Kopf und betrachtete die Diamantknöpfchen seines

zerknitterten Frack-Vorhemdes.

„Ihr habt unbedingt die Herrschaft”, sprach er dumpf, wie zu sich

selber.

Dann schaute er aus seiner halben Betrunkenheit auf, faßte seinen

Freund Marx ins Auge und schnarrte plötzlich in schärfstem Leutnantston:

„Otto Samuel, Sie heißen Markuse -- und damit ist alles gesagt! Schluß

der Debatte!”

Marx sprang ärgerlich auf. Aber einige spät zurückkommende

amerikanische Dollarkönige gaben dem Gespräch einen neuen Aufschwung.

Es war von Kartellen, Syndikaten, Trusts die Rede, nüchtern,

kaufmännisch, und die Sätze waren gespickt mit Zahlen.

Der kleine Marx und der große Schaller waren wieder in ihrem Element.

Und sie schüttelten sich beim Auseinandergehen gemütlich die Hände.

Denn jeder schätzte des andren kaufmännische Begabung.

[Illustration]

[Illustration]

Drittes Kapitel

Die Freundin

Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten!

_Nietzsche_

Ein heißes Herz und eine bewegliche Phantasie sind kein

unbeschwerliches Geschenk der Gottheit. Ingo entsann sich, wie

leidenschaftlich ihn einst in der Jugend die Sonntagsspiele mit

seinen Kameraden hingerissen hatten. Jene Spieltage waren so voll, so

glühend schön, daß ihm am Abend das Herz weh tat, wenn er sich von den

Gespielen trennen sollte. Noch oft im Leben mußte er mit männlicher

Besonnenheit Heimweh nach dem Schönen und Guten ins rechte Maß zwingen.

So war ihm Rhythmus ein Mittel der Bändigung allzu drangvoll

emporquellender Gefühle. Und wie für das Schöne, so war er für Güte

empfänglich. Mit einem herzlichen Wort konnte man alles von ihm

erreichen; Härte rief seine Vertrutzung wach. Er war geschaffen zur

Freundschaft, zur Brüderlichkeit, zur Liebe. Doch grade weil seine

Natur so warmherzig und phantasievoll allen Reizungen antwortete,

brauchte er als Gegenkraft viel Kultur und Bildung, um in sich

jenes edle klassische Gleichmaß auszugestalten, das dem Idealisten

vorschwebte.

Ein Dreibund liebender Freundschaft bestand zwischen Ingo von Stein und

dem Ehepaar Trotzendorff.

Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart · 第 1 / 17 段