Körperbau gehalten! Freilich würde sie mehr beweisen; doch fürcht'
ich, die Erfahrung sagt auch hier weniger, als wir sie sagen lassen --
Ehe wir die Fehde beginnen, ist die Musterung der Heere nothwendig.
Verabschieden wir unser elegantes, luftiges Völkchen, läßt das andere
Geschlecht seine Damen der höheren Klassen sammt ihren Zofen zu den
lieben Ihrigen heimkehren -- was gilt die Wette? Selbst wenn unsere
eleganten Damen mit unsern eleganten jungen Herren sich in Fehde
einließen -- auf welcher Seite wäre Hoffnung zu gewinnen? -- Bei
Völkern, die auf der ersten Stufe der Cultur stehen, ist das Schicksal
des weiblichen Geschlechtes hart: bei Jägernationen, denen Hausthiere
unbekannt sind, ist das Weib das lastbare Thier, welches den Mann zur
Jagd begleitet und das erbeutete Wild nach der Hütte trägt; bei den
Hirten- und Ackervölkern ist ihr Schicksal, wo möglich, noch schwerer:
sie bauen das Feld, treiben Fabriken und Manufakturarbeiten, indem sie
das, was ihnen der Acker und die Heerden zur Nahrung und Bekleidung
darbieten, zum Gebrauch bereiten oder veredlen, und auch noch das
(freilich sehr einfache) Hauswesen besorgen, während der Ehrenmann
sich dem Müßiggange überläßt -- Auch unter Nationen, wo die Cultur
schon Fortschritte macht, ist, bei der arbeitenden Klasse des Volkes,
der Antheil des andern Geschlechtes an den Geschäften gewiß nicht
von _der_ Art, daß davon auf eine größere Schwächlichkeit der Weiber
geschlossen werden könnte. Die Arbeiten bei Bestellung des Bodens und
bei der Erndte -- sind sie nicht unter beide Geschlechter so ziemlich
gleich vertheilt? Es wird schwer fallen, zu bestimmen, welcher Theil
hier mehr übersehen werde. Bei der Musterung aller Gewerbe, die den
Kunstfleiß und die Hände der Menschen beschäftigen -- ist nicht der
Antheil der Weiber mit einem beträchtlicheren Aufwande von Kräften
verknüpft? Der Schnitter kehret heim zu seiner Hütte mit frohem
Herzen, um nach ermüdender Arbeit der Ruhe zu pflegen, wenn, auch bei
der einfachsten ländlichen Haushaltung, noch vielfache Geschäfte für
das Weib übrig bleiben, das im Schweiße seines Angesichts die Garben
band, wozu nicht minder Anstrengung von Kräften erfordert wird. Jene
von Gesundheit strotzende, mit der ächten Sommerfarbe geschminkte
Dirne ist eine lebendige Widerlegung dieser mißgünstigen Behauptung,
und sie wird es mit Jedem aufnehmen, der es wagen will, die Kräfte
ihrer Muskeln in Versuchung zu führen. Weiberkrankheiten sind nur
die Geißel _der_ Weiberklasse, die den Ehrennamen _Weiber_, so wie
die in ihrem Kammerdienste sich befindenden Treugehorsamsten den
Ehrennamen _Männer_, nur von wegen des Staats und zur Parade führen.
Darf und soll die Natur Übel verantworten, welche Lebensart, Sitten
und Conventionen, deren Name Legion ist, über sie gebracht haben?
Gefährten unserer Thorheiten, Spießgesellen unserer Üppigkeit gehören
nicht auf das Conto der Natur, die den Menschen so einfach schuf,
und allenthalben, wo er seine Hütte aufschlug, für Wohnung, Nahrung
und Kleidung reichlich und täglich sorgte. Hat sie je gewollt, daß
er Gewürze aus Indien ziehen sollte, um sein Blut zu vergiften? oder
angreifende Leckerbissen, um seine Nerven zu schwächen? Setzte sie
dem Indier Eis, und dem Bewohner der Eiszone Wein vor? gab sie nicht
vielmehr einem Jeden das ihm angemessene und beschiedene Theil?
Und wie, grundgütige Natur! der ausgeartete Haufe deiner Kinder
klaget dich wegen Krankheiten an, wozu er die Anlässe, trotz allen
Gefahren und Hindernissen, aus Osten und Süden mit rastloser Begierde
zusammen brachte, während das Häuflein deiner genügsamen Kinder, den
mütterlichen Vorschriften folgsamer, mitten unter diesen unschlachtigen
ausgearteten Menschen _vor Dir_ wandelt und fromm ist, ohne von
hysterischen Plagen und dem zahllosen Heere von Krämpfen zu wissen,
gegen die weder die _Materia medica_, noch vielleicht die ganze weite
und breite Natur, Mittel im Vermögen hat? Nennt die Natur nicht
ungerecht, wenn ihr unnatürliche Wege wandelt! Nur gegen natürliche
Krankheiten scheint die Natur Mittel zu besitzen; gegen Übel, welche
Folgen unserer unnatürlichen Cultur sind, hat sie weder Kraut noch
Pflaster, und ihr einziges Mittel ist nur: thut Buße und glaubet an
das Natur-Evangelium! O, daß ihr Buße thätet und glaubtet! -- Ohne daß
wir werden wie die Kinder und in dies Philanthropin heimkommen, dem
wir den Rücken kehrten -- sind wir verrathene und verkaufte Menschen,
zu denen bisweilen die wohlmeinende Stimme erschallt: Adam wo bist
du? die sich indeß, so gut sie können, vor sich selbst zu verstecken
suchen -- Am fünften Akt scheitern besonders die meisten Frauenzimmer,
so wie ein großer Theil der Theaterdichter -- Die Liebe, das Glück
des Lebens, wird ihr Unglück; ihr Herz war gebildet, die Tugend zu
lieben, und nicht das Schicksal, sondern ihre Nachlässigkeit, macht
es zur Verbrecherin -- Die arbeitende Klasse kennt keine besonderen
Weiberkrankheiten. Schwangerschaften und Geburten werden nur durch
Nebenumstände, die ihren Grund in Lebensart, Sitten und Kleidung haben,
erschwert, und sind so wenig Krankheiten, daß Ärzte sie geradesweges
als Heilungsmittel vorschreiben könnten -- und zuweilen wirklich
vorschreiben. Bei einigen so genannten Wilden hält nicht das Weib,
sondern der Mann, die Entbindungsferien. Kaum ist es seiner Bürde
entledigt; so badet es sie in dem nächsten Flusse, reicht dem neuen
Ankömmling die Brust, ersparet sich das Milchfieber und das Ammenkreuz,
und besorgt die Hausgeschäfte nach wie vor, während der Mann, auf
seinem Lager hingestreckt, sich pflegen läßt, und von seinen Nachbarn
Wochenvisiten und Glückwünsche annimmt, weil er -- man denke der Mühe!
-- durch sein Weib ein Kind geboren hat. Da es Helden giebt, deren
die Geschichte mit Lob und Preis gedenkt, weil sie in höchsten Gnaden
geruheten, sich Schlachten gewinnen und Siege erkämpfen zu lassen,
ohne daß sie sich dem kleinsten Gefecht aussetzten und zum Bette der
Ehren die mindeste Neigung fühlten, indem sie, wenn es hoch kam, weit
über die Schußweite hinaus sehr behaglich zusahen, wie viele Arme und
Beine ein Paar Lorbeerreiser kosteten: -- so mag es mit dem Wochenbette
dieser Männer so genau nicht genommen werden. Ihr, die ihr der
Schwangerschaften und Geburten halben die Weiber für schwächer haltet
als Euch; sagt: wie hätte die Natur ihr größtes Werk, die Fortpflanzung
des menschlichen Geschlechtes, absichtlich mit solchen Übeln in
Verbindung bringen; wie hätte sie den Becher des köstlichsten Nektars
mit Wermuth vermischen; wie einer Handlung, über welche sie die besten
ihrer Segnungen aussprach, mit so schrecklichem Fluche begleiten und
auf unsere Seite lauter Wonne, auf die andere dagegen lauter Trübsal
legen sollen! Allerdings sind Schwangerschaften, Entbindungen, Stillung
des Säuglings mit einem Aufwande von Kräften verbunden; allein, in dem
weiblichen Körper, wenn er unverdorben ist, findet sich Stoff genug,
diesen Aufwand nicht nur zu bestreiten, sondern auch dessen Abgang ohne
Zeitverlust zu ersetzen. Der Einwand, den man von so vielen Modefrauen
ableitet, gilt nicht; denn diese erscheinen bereits so kümmerlich an
Lebensstoff und Kräften, daß jede Schwangerschaft ihr luftiges Gebäude
bis auf den Grund erschüttert, und jede Geburt es zu zerstören droht
-- Planreiche Erfinder, die ihr Rechenmaschinen erdachtet, einem
Gliedermanne Schach spielen lehrtet, Luftreisen unternahmt, und durch
Desorganisation Leute weiter bringt, als wenn sie _in gradum doctoris
utriusque medicincae_ promovirt hätten; ihr denen die Geister so
zu Gebote stehen, wie dem Hauptmann von Kapernaum seine Knechte:
-- spannt eure Saiten tiefer, und laßt euch zu einer Kleinigkeit
herab; erfindet eine Kunst, vermittelst deren unsere galanten Damen
von der Last Kinder zu gebären, befreiet werden können. Laßt Söhne
und Töchter wie Äpfel und Birnen wachsen; macht, daß sie wie Kohl
verpflanzet werden -- Sollten auch durch diese Erfindung in den ersten
Jahren (kein Meister fällt vom Himmel) die politischen Volkszähler
ein _Minus_ wahrnehmen; so würde doch selbst in diesen Jahren der
magern Kühe der Metallwerth des menschlichen Geschlechtes Alles ins
Reine bringen, und _Summa Summarum_ wäre um so mehr ein unläugbares
_Plus_, da der Staat, anstatt aus Scheidemünze, aus Gliedern von ächtem
Schroot und Korn bestehen würde! -- Was gilt ein Persisches Heer nach
Parasangen gemessen, gegen einen Macedonischen Phalanx! Doch nein!
ziehet eure Schuhe aus, diese Stätte ist heilig. Den rechtmäßigsten,
den allerheiligsten in der Vernunft gegründeten Ansprüchen der Menschen
auf die Mittheilung der Wahrheit soll hier nicht durch Spott zu
nahe getreten werden, der, so wie die üble Nachrede, immer etwas
zurückläßt -- Nur Menschenliebe nähere sich diesem feurigen Busche!
Jene Kraft der Trägheit, die im Körper ihr Wesen oder Unwesen treiben
soll, um ihn beständig in seinem gegenwärtigen Zustande zu erhalten,
der sich der Ruhe widersetzt, wenn der Körper in Bewegung, und der
Bewegung, wenn er in Ruhe ist, hat nicht die Ehre mir zu gefallen.
Eine Kraft, die nur widersteht und nicht von selbst zu wirken vermag,
ist eine Kraft, mit der sich wenigstens nicht prahlen läßt. Der
edelste Staat muß sich zuweilen zum Angriffskriege verstehen, und es
giebt Straf- und Wiederzueignungskriege, wodurch wir unser Recht und
das was man uns schuldig ist, einfordern, und den zur Verantwortung
ziehen, der sich an uns vergriff -- Der ist weder klein noch groß,
der beides nur in dem Grade ist und äußern kann, als man sich ihm
widersetzt -- Laßt beide Geschlechter zu ihrer Lauterkeit und Wahrheit
heimkehren, und wir werden je länger je mehr finden, daß Mann und
Weib auch in diesem Sinn Ein Leib sind -- aber auch Eine Seele? Noch
hat es den Psychologen nicht gelingen wollen, in dem Gebiete der
Geister weit genug vorzudringen, um bestimmen zu können, ob es unter
ihnen einen wesentlichen Unterschied gebe; wenigstens gab es keinen
_Geister-Linné_, der sie klassificirte. _Rorarius_ mag es verantworten
wenn er bei den Thieren mehr Vernunft findet, als bei Menschen,
_Helvetius_, wenn er die Seelen, denen ein Körper mit einem Huf zu
Theil ward, mit denen, die einen Körper mit Händen erhielten, in
Eine Klasse setzt, und Beide mögen es mit dem _Cartesius_ ausmachen,
daß sie seine Maschinenwelt zerstören. Es giebt auch philosophische
und Vernunftketzer; denn der Grund zu allen Behauptungen wird aus
der Natur genommen: einer Urkunde, die das mit allen Urkunden gemein
hat, daß ein Jeder, was er darin sucht, auch darin findet. Jede
Geschichte, jedes Faktum muß sich bequemen, sich nach uns zu richten,
und der wahrhafteste Mann trägt zuvor etwas von seinem Selbst in jene
Geschichte und jenes Faktum, so, daß Alles was der Mensch berührt,
etwas von seinem Ich, von seinem Selbst, erhält. Das beste Wasser hat
keinen Geschmack; und so geht es auch den meisten Thatsachen, die
wir selten ungewürzt erhalten -- und wenn der Würzler auch nur Salz,
die kümmerlichste und beste Specerei, darzu thun sollte -- Freunde
und Feinde nehmen von einander so viel an, daß man unverkennbare
Züge der Ähnlichkeit unter ihnen entdeckt. »Feinde?« Allerdings; und
ich behaupte, daß sie noch leichter als Freunde sich in einander
abdrücken -- Ein Freund, der unser Widerhall ist, hat wenig Reitz
für uns; allein eben das, wodurch Feinde am meisten hervorragen,
was am meisten interessirt und auf ihre Seite tritt, pflegt unsere
Nachahmung abzugewinnen: so wie man in den Wald schreiet, so erfolgt
die Antwort. Eine ganze Schaar von Variantensammlern und Commentatoren
trägt ihren Sinn und Unsinn so lange in jede Urkunde, bis eine
_Authentica_ erscheint, und diese mag denn, geliebt es Gott! den Werth
und Unwerth des Unterschiedes zwischen den Menschen- und Thierseelen
entscheiden, wenn nur wir es nicht wagen, unter den menschlichen
Seelen Rangordnungen zu bestimmen, die nicht mehr und nicht weniger
Realität haben, als Träume und ihre Deutungen. Giebt es denn etwa
auch Geschlechtsunterschiede unter den Seelen? giebt es Seelen, die
ausschließlich bestimmt sind, weibliche Körper zu bewohnen --? und
wer ist der kühne Argonaut, der dieses unbekannte Meer beschifft
hat? womit hat dieser Apostel der unsichtbaren Welt sein Evangelium
bestätiget? Wo Satz und Gegensatz einander so nahe sind, daß sie sich
die Hände bieten können, da liegt jedem die Pflicht auf, seinen Satz
mit aller Stärke zu beweisen und dann dem Publico das Richteramt zu
überlassen. Erfahrungen wider Erfahrungen, ehe es noch ausgemacht
ist, ob die Seele mit sich selbst Erfahrungen anzustellen vermag. Nur
im Spiegel kann die Seele sich wahrnehmen; und wer weiß nicht, daß
dieser Spiegel das Bild sehr unvollkommen und oft sehr unrichtig
wiedergiebt! -- Der Spiegel stellt uns verkehrt dar, und es ist ein
unangemessener Ausdruck: der Mensch ist getroffen wie aus dem Spiegel
gestohlen -- Allerdings können einzelne Erfahrungen wohl dienen, eine
subjektive Überzeugung hervorzubringen; eine allgemeine Wahrheit auf
diesen Grund zu bauen, reichen nur Erfahrungen hin, die so allgemein
sind, wie die Wahrheit, der sie zur Unterlage dienen sollen. Wie lange
ist es, daß wir in diesem Fach Erfahrungen anstellen? Welche Methoden
schlugen wir ein? Waren diese so wohl gewählt, daß sich nach ihnen
richtige Resultate erwarten ließen? Haben wir wirklich bereits einen
solchen Vorrath von Erfahrungen, daß wir ein System wagen können,
nach welchem für eine ganze Hälfte des menschlichen Geschlechtes eine
so nachtheilige Unterscheidungslinie sicher gezogen werden kann?
oder dürft' es uns über kurz oder lang nicht mit dieser gehen, wie
weiland Sr. Unfehlbarkeit jenseits der Alpen mit der berüchtigten
Demarcationslinie? Mit einem System geht es gemeiniglich, wie mit
einem Instrument, auf das wir uns verstehen. Haben wir bei dem
System, wovon hier die Rede oder die Frage ist, den gewissen Vortheil
unwiderlegbar berechnet? oder ist es eins wie viele andere seiner
Brüder, bei denen nichts weiter als Sprachverwirrung obwaltet, wie bei
dem Thurm zu Babel; dessen Spitze bis in den Himmel reichen wollte?
Nimmt man den meisten Systemen die Sprachverwirrung, was bleibt übrig?
-- Noch behauptet die Erfahrungsseelenkunde unter den Wissenschaften
nur einen precären Rang; sie stehe indeß oder falle, die Wahrheit
verliert nichts, die vor ihr war und nach ihr seyn wird. Stärke der
Seele, Muth, Überlegenheit des Verstandes, ein größeres Maaß von
Urtheilskraft, Festigkeit des Willens, eine größere Stärke des Gefühls
und andere dergleichen Seelenvorzüge der Menschen sind es, die sich die
Männer auf Kosten des weiblichen Geschlechtes als Erstgeburtsrechte
zueignen. Sie sind mit dem Erdenall, das man zuweilen Erdenball heißt,
von Gott belehnt -- die edlen Lehnsträger! -- Da sie indeß Kläger
und Richter in Einer und selbsteigner Person sind, so scheinen sie
noch gütig zu seyn, wenn sie Weiber bei Menschenseelen rechtskräftig
belassen. -- Ob nun (nachdem es dem männlichen Geschlechte rühmlichst
gelungen, die andere Hälfte der menschlichen Schöpfung, welche nach
ihrer Bestimmung mit ihm ein Ganzes ausmachen sollte, zu unterjochen
und sie an den Menschen- und Bürgerrechten nur bittweise, nur in so
weit es seinem Majestätsrechte nicht zu nahe tritt und ihm nicht
die Krone bricht, großmüthigen Antheil nehmen zu lassen) -- ob nun
alle jene Erscheinungen Wahrheiten oder Täuschungen sind, ist eine
Preisfrage, die mit vielen andern es gemein hat, daß die Antworten auf
dieselbe von beiden Seiten hinken. -- Auf diese Erscheinungen indeß dem
schönen Geschlechte alle jene Geistesfähigkeiten abzuläugnen und ihm in
falschem Spiel seinen Rang abzugewinnen, heißt gerade so verfahren, wie
gegen die Amerikaner, denen man, auf die Aussage einiger Beobachter,
die keinen Bart unter ihnen gesehen hatten, dieses männliche, übrigens
sehr beschwerliche, Ehrenzeichen nicht nur absprach, sondern aus dem
Mangel desselben auch die richtigen Folgen ableitete, daß die Natur
ihnen die Keime dazu versagt habe, und daß sie mithin zu einer weit
geringern Menschenklasse gehörten, nicht minder daß sie unmöglich von
Einem Erzvater mit uns abstammen könnten. Was für eine Hauptrolle der
Bart spielen kann, der denn doch, nach dem bekannten Sprichworte,
keinen Philosophen macht! Besser wär' es freilich gewesen, wenn man
sich die Mühe gegeben hätte, zu untersuchen, ob die Abkömmlinge des
_Mankokapak_ dies männliche Unterscheidungszeichen, das übrigens
immer ehrenwerth und nützlich seyn und bleiben mag, nicht eben so
unbequem fanden, wie die Söhne _Japhets_, und ob sie, in Ermangelung
des Aufklärungsmetalls, des Eisens, nicht zu einem andern Mittel ihre
Zuflucht genommen haben, diesen beschwerlichen Gast los zu werden. --
Nach genauerer Beobachtung fand sich der Bart, und die Präadamiten
büßten abermals einen Sieg ein, den sie schon vermittelst eines so
stattlichen Arguments in ihren Händen glaubten -- Das weibliche
Geschlecht äußert nicht jene hervorragenden Geistesfähigkeiten, heißt
bei weitem nicht: die Natur hat ihm die Anlagen dazu versagt, und also
-- o der unbärtigen Schlußfolge! -- steht es eine Stufe niedriger
auf der Jakobsleiter der Schöpfung. Sind _wir_ etwa Gott ähnlich,
und hat das andere Geschlecht bloß die Ehre _uns_ von Gottes Gnaden
ähnlich zu seyn? Warum nicht gar --! Nicht durch Körper, durch Sinne,
durch Einbildungskraft nähern wir uns dem Urgeiste, sondern durch
den Geist; und wie? fehlt es den Weibern an Verstand und Willen? an
der Fülle des Geistes? Überlegen wir nicht oft durch sie? Würzen sie
nicht in unzähligen Fällen mehr mit dem Salze der Erden, ohne das
nichts schmackhaft ist, mit Vernunft? und ihre Tugend -- ist sie
nicht vielfältig reiner, als die werthe unsrige? Übersteigt unsere
Eitelkeit die weibliche nicht an allen Enden und Orten? War jener
Pharisäer und sein ganzer Jesuiterorden nicht aus unserm Geschlechte?
Kann ein braves Weib (und deren giebt es viele) ohne Schrecken und
Entsetzen an den _Pharisäer neuerer Zeit_ denken, der mit seinen
Bekenntnissen vor Gottes Thron treten, dem Weltgerichte entgegen gehen
und sagen will: Wer besser ist, werfe den ersten Stein? Würde nicht
selbst _Therese_ mehr als Einen Stein haben heben können, wenn sie
nicht durch diesen Gerechten wäre verdorben worden? Können die Anlagen
sich entwickeln und Keime treiben, wenn keine wohlthätige Hand sie
pflegt? wenn alles so gar sich vereinigt, sie zu unterdrücken und,
wo möglich, auszurotten? Sind nicht von Zeit zu Zeit aus dem andern
Geschlechte große Seelen aufgestanden, die alle jene ihnen aberkannten
Geisteseigenschaften in einem sehr vorzüglichen Grade besaßen? Woher
diese eben nicht so seltenen Erscheinungen, wenn es nicht Anlagen dazu
in den Weiberseelen gäbe, und es nur eines Zusammentreffens günstigerer
Umstände bedürfte? einer pflegenden Hand, um diese zu entwickeln und
ihren Kräften jenen Schwung beizulegen, ohne welchen sie nie ihre
eingeengte Bahn verlassen hätten? Oder wollen wir der Natur lieber
Mißgriffe aufbürden, um nur unser System zu retten? eher das vierte
Gebot in Hinsicht dieser unserer guten Mutter so gröblich übertreten,
als unsere vermeintlichen Standesrechte aufgeben? Ohne die großen Namen
der Fabelwelt von den Todten zu erwecken, denen man denn doch nicht
jeden Funken der Wahrheit abstreiten wird -- wer wage es, _Zenobien_,
und einer _Anna Komnena_ einen über ihre männlichen Zeitgenossen
hervorragenden Verstand und Urtheilskraft, einer _Elisabeth_
Herrschertalente, _Marien Theresien_ Muth und Standhaftigkeit
abzusprechen? Will man den Gesichtspunkt näher rücken? Es sey und gelte
zwei weltberühmte Namen! CATHARINA DIE ZWEITE und _Voltaire_. Nicht
die Selbstherrscherthaten der ERSTEREN, nicht die Kriegeslorbeern,
die SIE in IHR Diadem geflochten, nicht der postische Nimbus, der
die Götter der Erden umgiebt -- IHR Briefwechsel entscheide, wo SIE
nicht im Kaiserglanz, nicht mit den Palmen einer Weltüberwinderin
erscheint -- und seht! SIE bleibt groß, wie SIE ist -- und _Voltaire_?
klein, so klein, wie er war, so bald die Wahrheit ihm ihren magischen
Spiegel vorhielt. Sein theures Selbst ist immer die erste Person;
die große Frau muß sich mit der zweiten begnügen. SIE soll -- man
denke! -- _Constantinopel_ erobern, oder wenigstens zu _Taganrok_
IHRE Residenz aufschlagen, damit er kommen und IHR die Füße küssen
könne, weil es in _Petersburg_ für den _alten Eremiten von Ferney_ zu
kalt sei. Noch nicht befriedigt, daß DIE KAISERIN seinen Uhrmachern
für 8000 Rubel Uhren abnimmt, soll SIE sogar, um seine Fabrikanten in
Nahrung zu setzen, einen Uhrenhandel mit _China_ in Gang bringen. IHR
weises Stillschweigen versteht er entweder wirklich nicht, oder --
was glaublicher ist -- er will es nicht verstehen, bis SIE ihm denn
endlich mit seinen, einer Kaiserin und eines poëtischen Philosophen
so unwerthen Mercantilgeschäften an ein _costiges Handlungshaus
assignirt_. Die prosaischste Leidenschaft unter allen, der leidige
Geitz, brachte _Voltaire'n_ vom Parnaß auf eine Börse -- König
_Friedrich Wilhelm der Erste_ charakterisirte seine Gemählde durch die
Losung: _in tormentis pinxit_. In der That, _Voltaire_ schrieb hier
in ebenderselben Seelenstimmung. Sonst pflegt das Genie den Dichter
über sich selbst und alle Regeln hinweg zu setzen und ihm Dinge zu
inspiriren, die größer als er selbst, die göttlich sind, und die er
selbst nicht umhin kann, mit Ehrfurcht und Bewunderung anzustaunen.
Wo ist hiervon die kleinste Spur? Wir sind ehrgebiger, weil wir
ehrsüchtiger sind; und _Voltaire_ war beides in tausend Fällen, nur
hier gewiß nicht: Sein Instrument, das er sonst meisterlich spielte,
ist völlig verstimmt; und war es bei diesen Umständen Wunder, daß seine
Schmeicheleien Gallicismen wurden, wie man sie an der _Seine_ täglich
zu Tausenden hören kann? Die Briefe DER KAISERIN führen die Sprache der
Natur; nur in Fällen, wenn SIE dem eitlen _Voltaire_ ein Opfer bringen
will, zahlt SIE ihm Münze von seinem Gepräge, so wie jener Fürst
einem unverschämten Poëten Verse mit Versen bezahlte. Nur auf eine
scherzhafte Weise spricht SIE von IHRER Person, während die ganze Welt
nicht aufhören kann, ehrfurchtsvoll IHREN Namen zu nennen; IHRER großen
Thaten erwähnt SIE so wenig, als wenn sie sich von selbst verständen --
Immer beschäftiget, IHRE _unermeßliche Monarchie_ reich an Menschen und
an edler Denkart zu machen, entwirft SIE, während SIE die _Ottmannli_
schlägt, die Conföderirten in Pohlen zerstreuet, der Pest gebietet
und den Räubereien des _Pugatschef_ widersteht, _ein Gesetzbuch_
für IHR Volk, das SIE aus allen Zungen und Sprachen unter dieses
Gesetz versammelt, um, wie am Pfingstfeste, Einen Geist über dasselbe
auszugießen und es zu Einem Ziele zu veredlen. Gleich stark im _großen_
und _kleinen Regierungsdienste_, führt SIE die Inoculation der Blattern
ein, beschäftiget SICH mit der Erziehung, erndtet tausendfältig von
den durch sie gestifteten Anstalten, erfindet und ordnet Feste an für
den _Prinzen Heinrich_, und hat -- Muße ohne Anstrich von Eitelkeit,
an den eitlen _Voltaire_ zu schreiben. Diese Seelen mit einander
abgewogen, und die Wagschale wo möglich in der Hand eines höheren
Wesens -- welche wird fallen? welche steigen? Doch warum höheren
Wesens? So tief fielen die Menschen noch nicht, um nicht Ehre zu
erweisen, wem Ehre gebührt -- Wozu eine vollständige Nomenklatur von
berühmten Weibern, von solchen die das Schicksal zu Kronen berief,
und die sie mit Würde trugen? -- Es sei genug, eine _Margaretha von
Dänemark_, eine _Christina von Schweden_, eine _Sophia Charlotta
von Preußen_ zu nennen; und von denen, die, wenn sie Männer gewesen
wären, diesem Geschlecht Ehre gemacht hätten -- verdienen nicht eine
_Cornelia_, die edle Mutter der Gracchen, eine _Arria_ und die durch
so viele Gerüchte gegangene _Johanna von Arc_ unsere Bewunderung? Nach
diesen Beispielen wird man mir ohne Zweifel den Beweis erlassen, daß
es den weiblichen Seelen nicht an großen Anlagen fehle. -- Herbst und
Winter rauben selbst den Steineichen ihre Blätter; allein die Wurzeln
bleiben. Warum jene Anlagen nicht zur Regel werden, sondern Ausnahmen
sind? warum sie nicht häufiger entwickelt werden? sind das Fragen?
Hat denn _unser_ Geschlecht einen so großen Überfluß von edlen Seelen?
Nur selten ist die Ehre, womit _Ulysses_ und _Aeneas_, nicht von der
unpartheiischen _Göttin der Gerechtigkeit_, sondern von dem oft sehr
partheiischen launigen _Gott Apoll_ kanonisirt wurden. Ohne Zweifel
nahm _Homer_ seine _Penelope_, _Andromache_, _Nausikae_, _Arete_
aus der Natur; und noch immer scheinen mir die größere Gleichheit
des dienenden und herrschenden Standes, die gemeinschaftlichen
Arbeiten der Weiber und der Sklavinnen, die Vertraulichkeit die von
dem Umstande kam, daß sie unter einander aufgewachsen und erzogen
waren, die Art der weiblichen Arbeit und der Ertrag des Nutzens
derselben jene Zeit für die Weiber unendlich erträglicher gemacht
zu haben, als die bleierne, in welche das weibliche Geschlecht zu
fallen das anscheinende Glück hatte, und welche leider! noch nicht
von ihm genommen ist. Im Heldenalter waren die Sitten, wie die Liebe
(von jeher lebten Liebe und Sitten in der genauesten Verbindung)
roher, und es blieb im Takt! Die _damaligen Übel_ des weiblichen
Geschlechtes waren ungerathene Kinder des Ungefährs, dem man, bei so
vielen wohlgerathenen, auch jene verzeihen kann; die Übel der folgenden
und der jetzigen Zeit sind constitutionell, gründen sich auf Unfakta
und inconsequente Vernünftelei! -- Fürwahr, es würde eine unerhörte
und nach den angenommenen psychologischen Grundsätzen unerklärbare
Erscheinung seyn, wenn unter dem eisernen Drucke des Despotismus das
Freiheitsgefühl nicht endlich seine Spannkraft verlieren; wenn aus
Mangel an Pflege und Wartung der herrlichste Boden nicht verwildern,
und endlich jeder nützliche Keim ersticken; wenn über den Gedanken von
entrissenem Rechte, und daß dieses unwiederbringlich verloren gegangen
sey, nicht endlich auch das Andenken an jene Rechte selbst und die
demselben entsprechenden Gefühle, der Glaube an sich selbst und an
seinen selbstständigen Werth, verlöschen sollte. Wenn Schonung, Achtung
und Pflege der ursprünglichen Menschenrechte, wenn vorzügliche Cultur
und Wartung aller edlen und großen Keime, welche die Natur in die Seele
der Weiber legte, nie Statt findet -- was ist da am Ende zu erwarten?
Ein Kahn, der sich zu sehr auf die eine Seite neigt, muß umschlagen --
und unser Geschlecht? wenn es eben den chemischen Versuchen auf nassem
und trocknem Wege, den Feuer- und Wasserproben, ausgesetzt würde; wenn
diese Hiobsleiden, womit wir das andere Geschlecht heimsuchen, über
uns verhängt würden -- was wäre aus uns geworden? würden wir noch so
viel Urkundliches an uns behalten haben, wie das andere Geschlecht --?
Würde der Mann, der Mensch, nicht bei uns weit mehr aufhören, als bei
jenem? -- O des großen Musters, welches das andere Geschlecht, nicht
mit Pomp, wie die Stoiker und ihr Erzmärtyrer _Peregrinus Proteus_,
beim Sterben, sondern ganz natürlich giebt, indem es nicht bloß seine
Feinde liebt, sondern auch, und -- das sagt mehr -- seinen Freunden
vergiebt! -- Jenes große Wort ist sichtbar an ihm -- _daß es die
Schwachheit eines Menschen und zugleich die Zufriedenheit eines Gottes
besitzt_. -- Doch warum soll ich zurück halten? So lange die Weiber
bloß _Privilegia_ und nicht _Rechte_ haben; so lange der Staat sie
nur wie parasitische Pflanzen behandelt, die ihr bürgerliches Daseyn
und ihren Werth nur dem Manne verdanken, mit welchem das Schicksal
sie paarte -- wird nicht das Weib den großen Beruf der Natur: das
Weib ihres Mannes, die Mutter ihrer Kinder, und, kraft dieser edlen
Bestimmungen, ein Mitglied, eine Bürgerin, und nicht bloß eine
Schutzverwandtin des Staates zu seyn -- nur immer sehr unvollkommen,
und je länger je unvollkommener, erfüllen? Die Länge trägt die Last.
Man gebe ihm aber seine Rechte wieder, und man wird sehen, was es
ist und was es werden kann! Warum eine Kritik meiner namentlichen
Beispiele? warum ein Vorwurf, daß es nur blutwenige Ausnahmen gebe?
Nach dem reinen Wein unserer Philosophen kann die Tugend nicht wie
eine schöne Kunst nachgeahmt werden und nach Beispielen (wären sie
gleich die ersten und besten) sich bilden. Aus dem ersten Princip der
Selbstgesetzgebung soll sie fließen, wenn sie anders ächt und rein seyn
will. Nur da ist Energie der Seele, wo man aus sich selbst schöpft
-- und was gilt Mannigfaltigkeit ohne höchste Einheit? was einzelne
schöne Züge ohne Alles anordnende und ins Reine bringende Principien?
-- -- Die Französischen Prinzen, die ihr Vaterland verließen, erklärten
öffentlich: an Gott, an den König und an ihr Schwert sich wenden zu
wollen. Drei Instanzen, wo der liebe Gott sich gefallen lassen muß,
die erste, das heißt im juristischen Sinne die geringste, zu seyn. Das
andere Geschlecht hat nur _Einen Gerichtshof_: an Gott. Überall Männer
-- Männer, bei denen nicht Wichtigkeit des Grundes, sondern Mehrheit
der Gründe gilt; und welcher Gründe? -- _Raisons d'État_ --? ich greife
mir vor; wer kann sich aber zurückhalten? In der That, die Gesetze sind
in Rücksicht der Weiber fast noch inconsequenter, als eine thörichte
Liebe! So sehr sie auf Einer Seite die bürgerlichen Rechte der Weiber
in Absicht auf ihre Personen und ihr Vermögen beschränken, weil sie
dieselben für schwach und unvermögend, ihr eigenes Beste wahrzunehmen,
erklären; so verpflichtet sie sich halten, das ganze Geschlecht zu
einer immerwährenden Vormundschaft zu verstoßen: so schnell hört doch
diese Schwäche auf, Schwäche zu seyn, so bald von Verbrechen und
Strafen die Rede ist; beide Geschlechter werden mit einem und demselben
Maße gemessen -- und in der Kirche, in den Gerichtshöfen, (hoffentlich
auch im Himmel) ist kein Ansehen der Person zwischen Mann und Weib: sie
sind einerlei Leib und einerlei Seele. Ehre dem _Divus Justinianus_,
der, mit mehr Zusammenhang als unsere Gesetzgeber, wegen der gröbsten
Vergehungen dem schönen Geschlechte keine Zurechnung zumuthete, und
es über alle Strafen wegsetzte! -- Nach seiner Meinung war ein Weib
so gut, daß es zu nichts taugte, wogegen es bei uns doch wenigstens
einer Bestrafung -- welch ein Vorzug! -- würdig geachtet wird. Bei
uns steht es unter dem Gesetze; bei ihm stand es nur unter der Gnade.
-- Wahrlich! man kann nicht läugnen, daß es bei uns einen Schritt
zur Verbesserung gethan hat, obgleich seine Vollendung, die im weiten
Felde geblieben, noch ein Wunder in unsern Augen ist -- Ja wohl, ein
Wunder! -- Die Ewigkeit der Höllenstrafen hat ihre Bestreiter gefunden,
und dieses Höllenräthsel wird zu unserer knotenlösenden Zeit, wo die
kalte Philosophie so manches abkühlt, durch die ewigen Folgen ins Reine
gebracht, welche von keiner bösen Handlung getrennt werden können;
die Sklaverei des andern Geschlechtes indeß bleibt ein Wurm, der nie
stirbt, und ein Feuer das nie verlischt. -- _Gerechtigkeit!_ man hat