Repetitorien zusammen. Er stülpte die grüne Mütze auf den strohblonden
Schädel und stieg sinnend die altehrwürdigen Holzstiegen hinab auf die
»Kleine Fleischergaß«. Drüben im ersten Stockwerk des »Cafébaums« winkte
über dem in Sandstein gemeißelten Amor, der schon seit Jahrhunderten
einem gleichfalls sandsteinernen Türken »e Schälchen Heeßen« kredenzte,
winkte Franconias Wappenschild, lockte, unter den morgendlich geöffneten
Fenstern des Kneipzimmers, im Morgengolde sich bauschend, das
grün-gold-rote Banner ... aber der Erste stieg nicht hinauf. Er ging
auch nicht auf Wohnungsuche: er tat etwas, was er im Leben noch nicht
getan hatte: er ging zur Universität und kämpfte inmitten eines
Massenandranges von Kommilitonen, ganz gewöhnlichen Nichtinkorporierten,
um ein Studentenbillett zur morgigen Eröffnungsvorstellung der Meininger
-- zur »Jungfrau von Orleans« ...
Ecke Roßplatz, und Roßstraße, vor dem Hotel Hauffe, in dessen erstem
Stockwerk der _studiosus iuris et cameralium_ Heribert Hans Herwig
Erbprinz von Nassau-Dillingen mit seinem militärischen Begleiter und
seiner Dienerschaft die ganze Zimmerflucht an der Straßenfront inne
hatte, harrten frühmorgens um sechse zwei Reitknechte in Livree mit drei
prächtigen Gäulen. Sie plauderten mit dem galonierten Portier.
»Nanu?« meinte der Hotelgestrenge, »schon wieder? Ihr seid ja
Frühuffsteher geworden uff eemal?«
»Was will mer mache?« meinte der ältere der herzoglich nassauischen
Pferdepfleger. »Unser junger Herr hat widder mal e funkelnagelneies
Veegelche g'fange ...«
»Ei herrjemerschnee!« machte der Portier. »Was das nur zu bedeiten hat?
Das is doch ganz unnatierlich fier so 'n jungen Herrn -- Morgen fier
Morgen drei Stunden durch den Wald zu flitzen un sich den Schlaf um die
Ohr'n zu schlagen ...«
»Ich glaub, ich weeß, was da derhinner steckt!« meinte der jüngere
Bursche. »Ich hab' neilich so ebb's uffg'schnappt, wie se beim Reite
g'sproche habe. Er und der Major!«
»Da wär' ich Ihn' aber doch wahrhaft'g neigierig!« kicherte der Portier
und schob sich von seiner Treppe hinunter auf den Bürgersteig.
»Nu -- e Weibsbild steckt da derhinner!« triumphierte der Reitknecht.
»Ich hann's neilich ganz g'nau geheert: Lasse mer heemreite, hat der
Major g'sagt -- heit morge finne mer se doch nit -- hat er g'sagt!«
»I nee so was!« staunte der Portier. »Un dann sind se wärklich alle zwee
heemgeritten?«
»Ja -- ganz wahrhaftig sinn se heemg'ridde!«
»Wer das bloß sinn mag?« meinte der Portier. »Gewiß ganz was Vornähmes
-- sonst tät der gnädige Herr doch gewiß nich so viel Umstände dann
machen um so e Weibsbild!«
»Pscht -- die Herre komme!«
Der Erbprinz federte mit dem natürlichen Schwung seiner einundzwanzig
Jahre in den Sattel -- der Major mit der wohlkonservierten, doch
immerhin etwas gewollteren Elastizität seiner zweiundvierzig. Und im
Schritt ging's die gutgepflasterten Straßen der erwachenden Großstadt
hinab, am massiven Bau und klobigen Rundturm der Pleißenburg vorüber bis
zu den Anlagen jenseits des Flüßchens, wo man antraben konnte.
»Wenn Sie ahnten, Durchlaucht, wie komisch Ihnen die Maske eines
schmachtenden Toggenburg steht -- Sie würden sich selber erheblich
auslachen!« meinte Herr von Gorczynski.
»Gott, wenn mir's doch Vergnügen macht, lieber Major -- lassen Sie mir
schon den kindlichen Spaß!«
»Ich versteh' Sie nicht, Durchlaucht -- Sie benehmen sich wie ein
Sekundaner von einem Kleinstadtpennal und nicht wie ein Fürst ... So'n
Theatermädel ... der schickt man doch einfach ein Rosenarrangement und
seine Visitenkarte -- und das Weitere findet sich!«
Ueber das blasierte Knabenantlitz des Erbprinzen flog ein flüchtiges
Rot. »Wenn ich glaubte, bei der Buchner ginge das auch so, dann pfiff'
ich auf das ganze Abenteuer. Die Nummer kenn' ich nun allmählich! Die
Weiber, die sich kommandieren lassen, die hab' ich satt! Ich möchte
einmal ein Erlebnis haben -- ein richtiggehendes Erlebnis!«
»Na, auf Ihre Manier werden Sie's höchstens bis zu einem richtiggehenden
Korbe bringen!« meinte der Major. »Ein Mann, der schmachtet, hat von
vornherein alle Chancen verloren! Selbst wenn er der Erbprinz von
Nassau-Dillingen wäre!«
»Ich will aber diesmal überhaupt nicht der Erbprinz von Nassau-Dillingen
sein! Versteh'n Sie mich, Herr Major?! Es paßt mir nicht, immer nur auf
das Prinzenkonto geliebt zu werden! Schließlich bin ich doch ganz
simplement als junger Mann nicht zu verachten, wie? Sehen Sie -- und das
möcht' ich mal ausprobieren! Ich hab' mir's nun mal in den Kopf gesetzt!
Und gestern hab' ich der Buchner ein Rosenarrangement geschickt mit
einem Kärtchen, auf das ich nichts weiter geschrieben habe als: Herbert
von Dillingen, _studiosus iuris et cameralium_!«
»Na, ich sag's ja, Durchlaucht! Sie sind auf dem besten Wege, einen
hahnebüchenen Unsinn aufzustecken! Aber was ich Ihnen sage: Ich habe
Ihnen viel durch die Finger gesehen -- aus unerschütterlicher Liebe zu
Ihnen --«
»Na ja, aus unerschütterlicher Liebe zu mir. Und weil Ihnen Ihr gesunder
Menschenverstand sagt, daß Sie aller Voraussicht nach unter Bernhard dem
Sechzehnten noch zehn Jahre, unter Heribert dem Vierzehnten aber, will's
Gott, den ganzen Rest Ihrer Erdenlaufbahn abzuleisten haben werden!«
»Oh -- aber Durchlaucht!« sagte der Major und legte mit pathetischer
Bewegung seine Hand auf jene Stelle seines Busens, unter der man den
Sitz seiner unerschütterlichen Liebe zu seinem jungen Herrn und Zögling
annehmen mußte.
»Bitte, lieber Gorczynski -- stürzen Sie sich nicht in Unkosten -- ich
denke, wir beide kennen uns!« lachte Erbprinz Heribert.
»Ernsthaft gesprochen, Durchlaucht!« sagte der Major etwas verärgert,
indem er seinen Gaul in Schritt fallen ließ, »ich lasse Ihnen jede
harmlose Affäre durchgehen -- wenn sich aber etwas Ernsthaftes anspinnt,
berichte ich _a tempo_ nach Dillingen! Ihr erlauchter Herr Vater hat
mich kategorisch dahin instruiert: keine Weibergeschichten! Und ich
glaube diese Instruktion ganz im Sinne meines gnädigen Herrn
aufzufassen, wenn ich --«
»Wie kann man sich nur so sinnlos aufregen, mein Teuerster! Also weil es
mir Vergnügen macht, mal ein paar Vormittage im Leipziger Ratsholz
spazieren zu reiten, und weil ich dabei gelegentlich die Hoffnung
ausgesprochen habe, einen gewissen grauen Schleier noch einmal wehen zu
sehen, wittern Sie bereits allerlei Tragödien!«
»Ich gestatte mir, Durchlaucht, mich auf meine Menschenkenntnis zu
berufen. Es ist wider die Natur, wenn ein von seinem gnädigen Herrn
Vater mit überaus auskömmlicher Apanage ausgestatteter und dank meiner
überaus riskierten Nachsicht bereits einigermaßen erfahrener junger
Prinz einer Theatermamsell wegen, die er ein einziges Mal von weitem
gesehen hat, an drei nacheinanderfolgenden Tagen um fünf statt um neun
Uhr aufsteht. Wenn ich das nach Dillingen berichte, gibt's eine
Katastrophe! Hab' ich nicht recht?«
»Von weitem gesehen?« schmunzelte der Prinz. »Ich habe mir bereits
eingehenderes Material verschafft!« Und er holte einen großen Umschlag
aus seiner Rocktasche, reichte ihn von Schimmel zu Rappen zum Major
hinüber. Dem fielen beim Oeffnen drei Bilder in die Hand: es waren
Darstellungen eines jungen Mädchens; zunächst im Straßenkleide --
Pelzjäckchen, Barett, Muff -- und dann im Eisenharnisch mit bloßem
Haupt, aufgelösten Haaren, ein Schwert und eine Fahne in Händen --
und endlich im Samt, mit riesigen Puffenärmeln, das Gesicht von
langen Ringellocken umwallt und von einem starren weißen Rundkragen
eingesäumt ...
»Kreuzmillionen --!« entfuhr es dem Major. »Das ist --?!«
»Das ist -- =sie=,« sagte der Erbprinz, und über seinem fahlen
Lebemannsangesicht lag eine Sekundanerröte, die dem Major völlig fremd
war an seinem Zögling. Er starrte den jungen Mann an, als sehe er ihn
zum erstenmal.
Verdammt -- also so stand die Sache?! Nun hieß es aber wahrhaftig
aufpassen ...
Der Major reichte die Bilder zurück. »Na ja,« sagte er im Tone völliger
Wurstigkeit, »die Buchner ... Gott, warum nicht? Wenn Sie sich auf die
nun mal kaprizieren, Durchlaucht -- von meiner Seite aus steht nichts im
Wege! Nur fangen Sie's vernünftig an und halten Sie sich nicht zu lange
bei der Vorrede auf! Also wir werden sie auf -- na sagen wir auf morgen
abend, heut nach der Premiere wird sie schwerlich abkömmlich sein -- wir
werden sie auf morgen abend zum Souper einladen -- sie mag noch eine
Kollegin mitbringen -- und dann entwickelt sich alles weitere glatt und
prompt historisch!«
Der Erbprinz antwortete nicht. Er gab dem Gaul die Schenkel, und zwar so
heftig, daß das rassige Tier ganz erschrocken zusammenfuhr und dann in
tollen Sätzen von dannen raste. Der Major flitzte hinterdrein und
überlegte im Hinsausen, ob er das als eine Zustimmung zu seinem
Vorschlage aufzufassen habe.
Auf jeden Fall -- geschehen mußte es. Und wenn sein Schützling, ein
wenig verspätet allerdings -- na, wie nannte man das noch -- hm, hm!
sein -- sagen wir also: Herz entdeckt hätte -- dann möglichst schnell
diese kleine Entgleisung auf den Normalweg zu dem üblichen, gefahr- und
schmerzlosen Ausgang leiten ... So befahl es Pflicht und Instruktion ...
Und in Gedanken redigierte er folgendes Billett, das er heut abend bei
der Premiere mit einer aufmunternd luxuriösen Blumenspende auf die Bühne
lancieren wollte -- heut abend? Nein -- da würde die Aktion vermutlich
ihren Effekt verfehlen -- würde untergehen in einem Wust und
Ueberschwall ... nein, morgen früh zum Frühstück -- das wird das
richtige sein! Also ungefähr folgendermaßen würde er schreiben:
»Mein sehr verehrtes _etcaetera_! Zwei aufrichtige und hingerissene
(gerissen ist sehr gut!) Verehrer Ihrer Kunst würden es sich zur
höchsten Ehre und Freude rechnen, Ihre nähere Bekanntschaft _etcaetera
etcaetera_. Wir wagen deshalb die dreiste Bitte, daß es Ihnen,
Verehrungswürdige, gefallen möge, morgen, Donnerstag abend, nach der
ersten Wiederholung der »Jungfrau« mit uns im Hotel Hauffe zwanglos zu
soupieren ... Sollten Sie unter Ihren liebenswürdigen Kolleginnen eine
nähere Freundin haben, die es nicht verschmähen würde, eine Stunde in
harmlos vergnügter Gesellschaft _etcaetera_, so würde uns das eine
ganz besondere _etcaetera_ ... In Voraussetzung Ihrer Zustimmung
werden wir uns erlauben, nach Schluß der Vorstellung ein Coupé zur
Verfügung der Damen am Bühneneingange _etcaetera_. Mit der
Versicherung unserer vollkommensten Bewunderung Ihre aufrichtigen
Verehrer
v. Dillingen. v. Gorczynski.«
Na ja -- das übliche Schema -- das nie versagende ... pöh ... eine
Komödiantin ... wenn's weiter nichts ist ...
Und schließlich die Hauptsache: zwei blaue Lappen hinein -- für jede
einen -- damit die guten Kinder auch gleich merken, daß man ernsthafte
Absichten hat -- nicht wahr?
3.
Am Mittwoch nachmittag um fünf war der allwöchentliche Seniorenkonvent:
die Zusammenkunft der Korpsburschen sämtlicher Leipziger Korps. Sie fand
auf der Kneipe des präsidierenden Korps statt: zurzeit war's
Neo-Borussia, die ihr Heim in nächster Nähe der Franken aufgeschlagen
hatte, im ersten Stock eines gleich uralten, verräucherten,
verwahrlosten Kneiphauses, wie der altberühmte Cafébaum eins war, in dem
Franconia residierte. Es stand irgendeine der welterschütternden Fragen
auf der Tagesordnung, um welche sich ein hoher S. C. an jedem Mittwoch
Nachmittag die Köpfe zu zerbrechen pflegte. Diesmal lag vor -- na was
noch? -- lag vor ein Antrag von Misnia und Thuringia, ein wohllöblicher
S. C. wolle beschließen, daß die Klingen der Mensurspeere an der Spitze
in Zukunft nicht mehr rechtwinklig und scharfkantig abgeschliffen
würden, wie es bisher üblich war, sondern abgerundet ... Infolge des
eckigen Schliffs waren nämlich an den letzten Bestimmtagen ein paar so
hahnebüchene Knochensplitter herausgekommen, daß die Paukärzte
kategorisch Wandel verlangten: die Klingen sollten in Zukunft an der
Spitze halbkreisförmig geschliffen werden ... Das war natürlich ein
Problem von fundamentaler Bedeutung, und so erhitzten sich die Gemüter
immer mehr und mehr, immer stärker wurde der Bierkonsum, immer massiver
der Zigarren- und Zigarettenqualm ... und immer hastiger rückte der
Zeiger jener Stunde zu, da im Carolatheater das Gastspiel der Meininger
beginnen sollte ... Theater -- pah! Wer hat Zeit, ans Theater zu denken,
wenn der bittre Ernst des Lebens einen im Bann hält?
Einer hatte Zeit: der schlanke Fuchsmajor der Franken natürlich -- er
saß auf Kohlen und hätte sich mit Vergnügen bereit erklärt, sich am
Sonnabend auf Mensur mit einem kantig geschliffenen Speer ein halbes
Dutzend Knochensplitter aus dem Schädel hauen zu lassen, wenn er dadurch
diese entsetzliche Debatte hätte abkürzen und den Anschluß an den Beginn
der Vorstellung hätte erreichen können ...
Endlich wagte er ein Aeußerstes. Er ging leise zum Ersten hinüber,
neigte sich und flüsterte ihm -- der mit aller Nervenanspannung der
hitzigen Rede seines Gegenpaukanten vom vergangenen Sonnabend, des
Meißner Zweiten, folgte -- flüsterte ihm ins Ohr:
»Pilgram, ich darf Dich vielleicht daran erinnern, daß Durchlaucht mich
auf heut abend in seine Loge eingeladen hat -- da darf ich doch
keinesfalls zu spät kommen ... würdest Du wohl gestatten, daß ich den
S. C. verlasse?«
»Du bist verrückt!« knurrte Pilgram halblaut. »S. C. geht doch vor allem
andern vor! Du siehst, ich muß ja auch aushalten!«
»Du --?! Ja, wie soll ich das verstehen, Pilgram? Gehst Du ... denn auch
... ins ...«
Der Erste errötete tief. Es war ihm herausgefahren, das Geheimnis,
dessen er sich vor allen Korpsbrüdern schämte: daß der traditionelle
Feind aller neun Musen sich ein Theaterbillett erstanden hatte -- und
noch dazu eine Studentenkarte zu einer Mark und zwanzig Pfennigen, um
gänzlich unstandesgemäß -- selbstverständlich im Bummel, also im
tiefsten Inkognito -- zwischen allerhand proletigen Kommilitonen, das
Parterre, ganz hinten, zu bevölkern -- sintemalen und alldieweilen es
auch bei ihm am Monatsschluß nicht mehr zu dem für das Korps
vorgeschriebenen Platz im ersten Rang hatte reichen wollen ...
»Allerdings -- ich geh' auch!« zischte Pilgram. »Wir gehen nachher
zusammen -- aber im S. C. wird ausgehalten, und wenn uns die ganze
Affenkomödie durch die Lappen gehen sollte!«
Vor solchem Pflichteifer verstummte Hans Thumser -- völlig erschüttert
... Freilich, was galt diesem Banausen die Versäumnis eines, zweier,
dreier Akte Schiller! Wie mochte der bloß auf die Idee gekommen sein,
ins ... Hallo -- sollte da am Ende ein ... trotz allem ... erwachtes
Interesse für seine berühmte _filia hospitalis_?! Alle Wetter -- das war
am Ende doch wohl die einzige Erklärung!
Und während ein wohllöblicher S. C. sich weiterhin über krummen oder
geraden Schliff der Klingenspitzen aufregte, griff Hans Thumser alle
fünf Minuten heimlich nach seiner Taschenuhr ... halb sieben -- --
sieben Uhr jetzt -- verflucht! War denn diese verdammte Zwiebel rasend
geworden? Und nun -- nun war es auf einmal halb acht -- in diesem
Augenblick hob sich da unten fern in der Südstadt, in der Sophienstraße,
der Vorhang zum Prolog, und der biedere Thibaut d'Arc verlobte seine
zwei ältesten Töchter ... Nun stand sie auf der Bühne -- sie, die
Madonna aus der oberen Kirche seines Herzens ... noch im schlichten
Kleide der Bäuerin, doch schon überlagert vom tragischen Schatten ihrer
göttlichen Sendung ...
»Meine Herren,« sagte der Vorsitzende, Herr Borgmann, Neo-Borussiae, die
linke Stirnseite noch immer von mächtigem Wattebausch unter schwarzer
Kompresse bedeckt, da, wo Hans Thumsers kecker Durchzieher ihm wider
alle Vorsicht Schwarte, Knochenhaut und alle Aeste der Temporalis
durchgesäbelt -- »meine Herren, meiner Ueberzeugung nach würden wir uns
vor sämtlichen Glocke schlagenden S. C. eines hohen Kösener unsterblich
blamieren, wenn wir als einziger S. C. den allgemein üblichen
scharfkantigen Schliff abschaffen wollten -- und zwar aus einer
Anwandlung von Humanitätsdusel heraus, der für mein Empfinden einen
bedenklichen Beigeschmack von Kneiferei hat --«
»Ich bitt' ums Wort!«
»Ich auch! Ich auch!« so scholl's heftig aus der Korona.
»Silentium für Herrn von Schubart, Misniae!« sagte Borgmann gelassen.
»Ich muß mir aufs entschiedenste verbitten,« schrie Herr von Schubart,
der Zweite der Meißner, in den Zigarrenbrodem hinein, »daß der Herr
Erste Chargierte des präsidierenden Korps von einer Maßregel, die mein
C. C. befürwortet, erklärt, sie habe einen Beigeschmack von Kneiferei!
Ich verlange, daß der Herr Vorsitzende diese Aeußerung mit dem Ausdruck
des Bedauerns zurücknimmt -- andernfalls behält sich mein C. C. weitere
Schritte vor, sowohl gegen einen wohllöblichen C. C. des präsidierenden
Korps als auch gegen Herrn Borgmann persönlich!«
Dreiviertel acht --! wimmerte Hans Thumsers sehnsüchtige Seele -- und in
seinem Herzen klang's:
»Nichts von Verträgen! nichts von Uebergabe!
Der Retter naht, es rüstet sich zum Kampf --
Vor Orleans soll das Glück des Feindes scheitern,
Sein Maß ist voll, er ist zur Ernte reif!«
Thuringia schloß sich den Erklärungen Misnias an; Guestphalia schwankte,
während Franconia und Neo-Borussia gemeinschaftlich gegen den Antrag auf
Abänderung des Klingenschliffs auftraten. Unter allgemeiner Erregung
schritt der Vorsitzende endlich um zehn Minuten vor acht zur Abstimmung,
und nun fiel Guestphalia definitiv zur Partei des runden Schliffs.
Franconia und Neo-Borussia waren überstimmt: die holde Menschlichkeit
oder, wie Herr Borgmann Neo-Borussiae es nannte, der Geist der Kneiferei
hatte gesiegt ... Und mit dem Zigarrenrauch hingen unzählige P. P.
Suiten und Säbelforderungen in der Luft ... Morgen früh zum Frühschoppen
würden sie explodieren ...
»Nu aber raus!« zischte Pilgram seinem Korpsbruder zu. »Weh Dir, wenn Du
den andern was davon sagst, daß ich ins Theater geh -- offiziell büffle
ich heut abend!«
Drunten wartete des Ersten Chargierten der Korpsdiener mit Hut und
Regenschirm. Pilgram riß ihm beides aus der Hand, zog Mütze und Band ab
und übergab sie dem Getreuen. Thumser, der vornehm in der
Proszeniumsloge sitzen würde mit dem Erbprinzen, blieb natürlich in
Couleur. Und in rasendem Tempo hasteten nun die beiden Studenten die
kleine Fischergasse hinab.
Auf dem Alten Markt standen Droschken aufgefahren. Die Wanderer warfen
einen wehmütigen Blick hinüber:
»Wenn's doch schon der Erste wäre!« knirschte Hans Thumser.
»Beine in die Hand!« knurrte Pilgram.
Als Hans Thumser sich auf Zehenspitzen in die Proszeniumsloge schob,
hatte der erste Akt bereits begonnen. Der Erbprinz und der Major wandten
kaum zu flüchtiger Begrüßung die Köpfe -- schon waren sie im Bann. Und
hinter den schwarzen Silhouetten der Vordermänner sah Hans nur mit einem
flüchtigen Blick die von der Bühne her matt erleuchteten vordersten
Reihen des Publikums im Parkett -- lauter Gesichter, im Lauschen und
Schauen erstarrt. Und schon schlugen auch über ihm die Wogen zusammen.
Ein hoher gotischer Saal am Hoflager König Karls von Frankreich. Düstere
pfeilergetragene Holzdecke, die Wände eichengetäfelt, darüber Gobelins
mit steifen Reihen buntgewandeter Ritter und Edeldamen. Und ganz
tief hinten ein buntes Fenster, durch das sich ein paar verirrte
Sonnenstrahlen stehlen. Und mit zweien Getreuen der unglückliche
weichherzige König, dessen Knabenhand wohl seine Agnes Sorel zu kosen
vermag, nicht aber die Zeit, die aus den Fugen gegangen, wieder
einzurenken ... drei Ratsherren knien vor ihm, seine vielgetreuen Bürger
von Orleans, und flehen um Hilfe, um Entsatz ihrer hartbedrängten Stadt
... Verzweiflungsvoll ringt der König die kraftlosen Arme:
»Kann ich Armeen aus der Erde stampfen?
Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand?«
Doch sieh: ein Lichtstrahl zittert in das Dunkel der Szene: Die Geliebte
kommt: Sie bringt opfermutig all den blinkenden kostbaren Tand, den ihr
König in süßen Stunden ihr um den Nacken gewunden ... Ein
schwarzlockiges, schmiegsames, kätzchenweiches Geschöpfchen ... Ihre
Augen schimmern in koketten Tränen, ihre Hände, weich und rosig wie
Frühlingswolken, umschmeicheln den Freund, noch in der Angst der
Verzweiflung liebeheischend, sehnsuchtsweckend ...
»Agnes Sorel ... Asta Thöny«
sagt der Theaterzettel. Herrgott ... das ist sie ...
Und einen Moment ist Hans Thumser wieder Hans Thumser ... Er tastet nach
seiner Brusttasche, wo ein etwas zu stark parfümiertes rosa Billetchen
steckt: Die Worte, die es enthält, ach, die kann er auswendig, im
Träumen, von vorn und von hinten:
»Nach zierlichen Schuhchen und dem, was drin steckt,
Liegt mancher Fuchs auf der Lauer --
Eintritt verboten! Hier wird nicht geschleckt!
Füchschen, die Trauben sind sauer!«
Also -- das ist sie ... das ... Füßchen werden nicht vorgezeigt, nur
zwei zierliche Goldspitzen lugen im Schreiten ab und an für einen
winzigen Moment unterm schweren Brokat des gotisch starren Gewandes
vor ... dafür aber läßt dies neidische Gewand einen Hals frei ... einen
Hals ... o Gott, o Gott ...
Einen Augenblick ist Hans Thumser Hans Thumser -- der sehnsüchtige Knabe
an der Schwelle des Lebens ... nur einen Augenblick ... und schon wieder
ist er ... niemand und alles ... nur Auge, nur weitgeöffnet schauendes
Gottesauge -- nur Seele, alliebende, alldurchdringende Weltseele ...
Höher schwillt die Flut des Entsetzens um den verlorenen Königsknaben
und sein zitterndes Lieb ... Eine Hiobspost jagt die andere, das Maß des
Ertragens ist voll, sein Land und seine Ehre gibt der Schwache preis,
und empört fallen die letzten seiner Getreuen von ihm ab ... Verlassen
steh'n die beiden Kinder ...
Da auf einmal ... kommt einer der Entwichenen zurück ... auf seinem
zuckenden Gesicht, seinen stammelnden Lippen glüht ein Wort ... ein
Wort, das längst ins Fabelland entschwunden schien ... das Wort:
=Sieg= ...
Und sieh -- da führen die edlen Herren aus des Königs Gefolge einen
riesigen Krieger heran: einen Ritter im zerhauenen, blutbekrusteten
Harnisch: ein blutiger Fetzen windet sich um seine kampfglühende Stirn,
aus seinem blutunterlaufenen Auge lodert das gleiche Zauberwort: das
unfaßbare: Sieg ... Sieg ...
Und atemlos, stockend oft und nun in wahnwitzigen Jubel ausbrechend,
kündet er die phantastische Mär:
Das Wunder ist herabgestiegen vom Himmel ... Ein weißes Mädchen ist in
die Mitte der umzingelten Franzosen getreten -- hat dem Fahnenträger das
Banner entrissen und an der Reisigen Spitze sich in den Feind gestürzt!
»Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen!«
Und daß fassungsloser Unglaube kniebeugender Glaube werde -- -- wird sie
selber kommen! wird kommen -- hierher, an diese Stelle, auf der wir
stehen, harrend, bis ins Mark erschüttert und dennoch zweifelnd ...
Und horch! Schon kündet sich's an: Da draußen, in den fernen Gassen der
Stadt, hören wir den Lärm eines jäh triumphierenden Empfangs ... Näher
und näher kommt das festliche Getös ...
Und da -- da fangen ja die Glocken von allen Türmen plötzlich an zu
schwingen ... und heller tönt draußen das tolle Jauchzen der
Begeisterung ... und nun stürzen sie alle, die in der dumpfen, ragenden
Kammer weilen, in kindischer Hast ans Fenster da hinten und beugen sich
hinaus, und sieh, sie sehen's schon, das Wunder, das Unmögliche -- sie
schreien und winken und schreien --
Und horch, nun stürmt's da draußen die Stufen hinauf, nun stürzt, nun
strömt es herein. Ratsherren und Rittersleute und Bürger und Weiber und
Soldknappen und Kindervolk und ... eben Menschen, schreiende, tobende,
vor Erlösungstaumel sinnlose Menschen ... Vor dem König, der mit der
Geliebten, zitternd, schwindelnd, da vorn geblieben, werfen sie sich auf
die Knie, in den Staub, heulen und jauchzen: Sieg! Sieg! Sieg!
Und nun -- nun öffnet sich auf einmal, wie die Flut des Roten Meeres vor
dem Durchzug der Kinder Israel, so klaffend öffnet sich durch die
Menschenflut eine Gasse ... und durch die Gasse ... schwebenden
Schrittes ... kommt ... sie ...
Kommt ein weißes Mädchen, nein, kein Mädchen, kein Mensch ... ein
Gedanke, ein Gottgedanke, der Gedanke der Erlösung, der Gerechtigkeit,
der Freiheit, des Vaterlandes ...
Und steht so vor dem König ... das Ewige, das Heilige, das Unendliche
selbst ...
Und doch ... nur ein Mädchen ... ein junges, weißes Weib ...