Komödiantinnen
Ullstein-Bücher
Eine Sammlung
zeitgenössischer Romane
[Illustration Verlagslogo]
Ullstein & Co / Berlin und Wien
Komödiantinnen
Roman von
Walter Bloem
[Illustration Verlagslogo]
Ullstein & Co / Berlin und Wien
Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung
vorbehalten. -- Copyright 1914 by Ullstein & Co
1.
Aus tiefdunklem Jugendschlummer fuhr Hans Thumser mit einem Ruck in die
Höhe. Teufel auch! das nenn' ich dachsen! Und diese Pestbeule von einem
Korpsdiener hatte mich doch wecken wollen? Wieviel mag's denn sein? Uhr
steht natürlich -- Skandal! schon wieder mal das Aufziehen verbummelt!
Und schon ganz hell! Jeden Augenblick muß der Wagen kommen mit Pilgram,
dem gestrengen Senior, der so verdammt ungemütlich werden kann ... und
mit Durchlaucht, dem fürstlichen Konkneipanten eines wohllöblichen
C. C. der Franconia ... und dann warten lassen?! Herrgottsakra -- rin'
in die Buchsen --!
Durchs offene Fenster schwamm herbstlicher Frühnebel in das schummrige
Studentenbudchen. Matt flimmerten an den Wänden die dreifarbenen
Wappenschilde, die gekreuzten Schläger, die langsam einstaubenden Mützen
und Bänder -- weit matter noch vom Schreibtisch her die Goldtitel des
_corpus iuris_, der spärlichen Lehrbücher der Rechtswissenschaft ...
Und weiß blinkte nun der gertengeschmeidige Körper des jungen Studenten:
Hals und Nacken wurden mit raschen, scharfen Güssen erfrischt, und dann
wusch der Jüngling sorgsam das dichte braune Haar mit schäumendem
Bay-Rum durch, um alle septischen Stoffe zu entfernen und der
Säuberungsarbeit des Paukarztes vorzuarbeiten ... Denn heute bekam Hans
Thumser Prügel, das stand in den Sternen geschrieben. Herr Borgmann,
Neo-Borussiae gewesener Zweiter, Erster _ad interim_ war der S. C.
Fechter ... gegen den konnte der schlanke Fuchsmajor der Franken nicht
an. Da galt es nur, sich gegen die unvermeidliche Abfuhr zu wehren,
solange Faust und Klinge hielten ... Schade, daß es gerade der Borgmann
sein mußte, der einen unterkriegte -- dieser üble Geselle, den man nicht
riechen konnte, mit seinem suffisanten Gesicht, seinem fatzkigen
Lächeln, den frostigen Froschaugen -- dem mal einen Streicher über die
Ohrfeigenvisage ziehen, von der Temporalis bis ins Kinn -- aber nee,
nich dran zu denken, er konnte zu viel, der Affe, der miserablichte!
So -- die Toilette wäre beendigt! Noch einen Blick in den Spiegel --
ade, du große schmale Nase, vielleicht auf Nimmerwiedersehen -- na, und
auf Stirn und Wange ist ja auch noch eine ganze Menge Platz, zwischen
den alten Abfuhren aus Heidelberg und denen vom Sommer, und nun statt
der grünen Mütze für heute den weichen Knockabout auf die Stirn gestülpt
-- denn in jener Stadt, in der das Reichsgericht saß, die erleuchtete
Körperschaft, welche die Schlägermensur für einen Zweikampf mit
tödlichen Waffen im Sinne des Strafgesetzbuches erklärt hatte -- im
guten biedern Leipzig waren Staatsanwaltschaft und Polizei nach der
Mahnung jenes schönen Würzburger Studentenverses tätig:
»Darum auf, ihr Wächter des Gesetzes,
Hüter des Studentenpaukgehetzes --
Lauscht überall
Auf Waffenschall
Und seid stets der Mensur
Auf der Spur!«
Auch das dreifarbene Band wanderte zusammengerollt in die Tasche -- erst
draußen im braunen Herbstwalde bei Knauthain würde es sich um die junge
Brust schlingen dürfen ... und nun hinaus ... das Frühstück mußte man
sich für heut verkneifen, denn Frau Marie Wehe, genannt Mutter Ach,
stand um fünf Uhr noch nicht auf aus ihrem keuschen Witwenbette ...
Als Hans Thumser im dunklen Korridor an der Tür zu der Nachbarbude
vorüberschritt -- der Nachbarbude, die dies Semester zu Mutter Achs
bittrem Schmerz unvermietet geblieben war -- da stolperte er plötzlich
über etwas Zierliches, Weiches ... was Teufel -- also doch noch
Nachbarschaft gekommen --?!
Hans Thumser bückte sich und hob ein Etwas auf, das nur ... ein
Lackschuh sein konnte ... und zwar ein winziger ... mit knisternder
Seidenschleife besetzter ... ein feiner, geheimnisvoll irritierender
Duft entstieg ihm ... Hans Thumser trat mit seinem seltsamen Fund an
die Mattscheibe der Korridortür, die ein falbes Licht einfallen ließ,
und betrachtete mit der naiven Andacht seiner unverwöhnten zwanzig Jahre
das zierliche Wunder. Gott, welch eine Wirrnis von Träumen stieg empor
aus diesem schmalen Kahn der Sehnsucht ... Mit einem tiefen Seufzer,
von fröstelnden Schauern überrieselt setzte der Jüngling seine Beute
sacht und herzklopfend wieder vor die Tür, die nun auf einmal ein Eden
barg. Ein weißes Viereck schimmerte matt vor dem des Dämmers nun
gewöhnten Blick, als der Student sich wieder zu seiner ganzen Länge
aufgerichtet ... in unzähmbarer Neugierde tastete er nach seiner
Zündholzschachtel und las im zuckenden Flackerlichte die
lithographischen Schriftzüge:
Asta Thöny
Herzoglich Meiningische Hofschauspielerin
Was ... war das?!
Hans Thumser hatte auf eines jener Dämchen geraten, die sich wohl
bisweilen im _Quartier latin_ einnisteten, um Jugendglut und
Monatswechsel der akademischen Bürger zu brandschatzen ... und nun --?!
Eine Künstlerin ... ein Mitglied jener erlauchten Komödiantengilde,
deren Siegeszug dem staunenden Deutschland, nein der Kulturwelt erst
erschlossen die ganze Herrlichkeit des klassischen deutschen, des
klassischen germanischen Dramas --?!
Hans Thumser sah sich in der Heimatstadt, auf einem Platze des zweiten
Ranges, den er vom Taschengeld abgeknausert, abgebettelt dem gütigen
Vater, der so schlecht nein sagen konnte -- sah sich sitzen als
ahnungsvollen Primaner und lauschen -- lauschen in Verzückung und
Tränen ... schauen voll seliger Gier und ungläubig-gläubigen
Ueberschwangs in eine Wunderwelt hinein, da alle seine Träume die
Erfüllung fanden ... und sah sich am andern Tage auf der Schulbank,
stumm und stumpf bei jeder Frage der Lehrer, gleichgültig gegen ihren
Zorn und den Spott der Mitschüler, die nicht ahnen konnten, was mit dem
Primus vorgegangen ... was ihm die flinke Zunge, das unfehlbare
Gedächtnis lähmte ...
Und nun --?! Eine Meiningerin -- und seine Zimmernachbarin?
Was konnte das bedeuten --?
Etwa dies: daß die Meininger in Leipzig wären -- gastierten drüben im
Carolatheater --?
Und davon -- davon hatte man nichts erfahren?
Freilich -- unmöglich wär's nicht -- wie man so dahinlebte, das
Gladiatorendasein des aktiven Korpsstudenten ...
Asta Thöny? Nein -- den Namen Asta Thöny verzeichnete seine Erinnerung
nicht -- das mußte wohl ein neues Mitglied sein, schlank und ... duftig
wie die Schuhchen, von denen nun, im wachsenden Tageslicht, ein paar
Lichtpünktchen aufgleißten aus dem Dämmer des Korridors ...
Aber ein anderer Name stieg nun auf, ein weißleuchtendes Mädchenbild
tauchte glorienumstrahlt aus der Tiefe seiner Visionen: Jucunda Buchner,
die kaum Sechzehnjährige, die Thekla der Meininger ...
Sie sah er, im dritten Akt der »Piccolomini«, einsam im finstern
Schloßgemach, mit der Laute hineingeschmiegt in einen faltenstarren
rotsamtenen Vorhang, scharf abgehoben die weiße Gestalt vom riesigen
Fenster, durch dessen hundert kreisrunde Scheiben die sternlose Nacht
hineinglotzte ... und wie ein Kind im Finstern singt, die
Herzensbangigkeit zu betäuben, so verloren, so verlassen, so
angstumschauert hatte das junge Weib seine schmachtende Weise vor sich
hingelallt:
Der Eichwald brauset, die Wolken ziehn --
Das Mägdlein wandelt an Ufers Grün --
Das Auge von Weinen getrübet ...
Du Heilige, rufe Dein Kind zurück --
Ich habe genossen das irdische Glück --
Ich habe gelebt und geliebet ...
O Erinnerung ... o Ahnung ... o Kunst, du mächtige Weckerin, Vorschule
des Lebens, Tummelplatz der werdenden, in Werdeschauern erzitternden
Seele --!
Gelebt und geliebet ... und du, junges Studentlein im finstern Korridor
-- aus dessen Dunkel die weißen Lichtpünktchen glitzern von Asta Thönys
Lackschuhchen -- --?!
Hans Thumser schrak zusammen. Ihm war's, als hätte er aus weiter Ferne,
ungeduldig, seinen Namen rufen gehört ...
Und richtig:
»Thumser! Thumser! Zum Donnerwetter, wenn Du jetzt nicht kommst, fahren
wir ohne Dich!«
Ach so ... ach ja ... die Stunde, die heischende ... die Stunde des
Burschenkampfes ...
Hans Thumser fuhr auf, reckte sich -- kein Abschiedsblick mehr zurück zu
den Lichtpünktchen drunten, dem weißen Kärtchen an der Pforte des
Geheimnisses -- fort -- hinaus --!
Er flog die krachenden Stiegen hinunter, der mächtige Haustürschlüssel
knarrte im Schloß -- und draußen auf der morgenstillen, morgenleeren
Sophienstraße empfing ihn ein Durcheinander von Begrüßung und Vorwurf --
»Na, Du Schlafratze -- endlich ausgepennt?« zürnte der Senior vom
Rücksitz aus. Und:
»Hatten schon alle Hoffnung aufgegeben, Sie noch unter den Lebenden
begrüßen zu dürfen!« schnarrte der Major von Gorczynski, dessen kantige
Reiterfigur sich noch immer nicht in das elegante Zivil des
Prinzenbegleiters eingewöhnen mochte.
Erbprinz Heribert aber, der durchlauchtigste Konkneipant der Franken,
zog nur stumm und mit indignierter Miene den steifen grauen Filzhut.
Also man ließ warten! na ja, an einer deutschen Hochschule funktioniert
der Betrieb nun einmal nicht wie am herzoglichen Hofe zu
Nassau-Dillingen ... man mußte Nachsicht üben ...
Mit einem Ruck saß Hans Thumser neben seinem Korpsbruder auf dem
Rücksitz, dem Prinzen gegenüber, der ihn durch sein Monokel mit
kühl-durchdringendem Blick niederzuschmettern suchte, was ihm freilich
nicht gelang.
»Also wenn Durchlaucht gestatten, fahren wir ab!« sagte Valentin Pilgram
mit korrektem Gesicht. Er war auch nicht sehr erbaut von der Ehre, einen
prinzlichen Mitkneipanten im Korps durch das Semester schleppen zu
müssen, zumal einen solchen faden Burschen, der nicht warm wurde unter
den Kommilitonen, deren Mütze er wie zum Maskenscherz die wenigen Male
aufsetzte, wenn er gelangweilt und verständnislos an den offiziellen
Veranstaltungen des Korps teilnahm ... indessen das gehörte nun einmal
dazu ...
»Also los, Kutscher und lassen Sie gefälligst die Gäule loofen, sonst
fällt der erschte Hieb, ehe wir draußen sind!«
»I herrjemerschnee, Herr Pilgram, das kann Sie ja gar nich passier'n --
de Allererschten wär'n mer sein am Platze, da genn' Se sich drauf
verlass'n!« ...
Als der Wagen anzog, fiel der Blick der Abfahrenden auf eine lange
Kolonne riesiger Möbeltransportwagen -- drüben waren sie aufgefahren vor
der nüchternen Häuserfront, deren Erdgeschoß die Einfahrt zum
Carolatheater durchstieß. Das Theater selber lag verborgen und
schmucklos dahinter im Hofe. Um die Wagen aber sammelte sich eine Rotte
herkulischer Blusenmänner und begann sie zu entladen. Was kam da alles
zum Vorschein!
Das erste, was das Auge der Wageninsassen entdeckte, war der riesige
Körper eines schwarzen Pferdes, in liegender Stellung, in der Stellung
des Todes ausgestopft ... Unter derben Späßen hoben die untersetzten
Arbeiter die Bestie aus dem Finstern des Wagens und trugen sie in die
Dämmerung des Flurs. Und im schnellen Davonfliegen des Wagens erfaßte
der Blick der Enteilenden noch ein Chaos von Gegenständen, die bereits
ausgepackt an den Hauswänden lehnten: ein ganzes Arsenal eiserner
Rüstungen, Schwerter, Hellebarden, Federhelme ... und noch allerhand
Dinge, seltsam durch ihre Lage und Zusammenstellung: einen prunkvollen
gotischen Altar, einen mächtigen Eichbaumstumpf, dessen papierene
Blätter im Herbstmorgenhauche gespenstisch raschelten -- und endlich ein
kolossales Renaissance-Büfett, das Hans Thumser auf den ersten Blick
wiedererkannte: es hatte im Bankettsaal des Grafen Terzky gestanden, der
Zecherrausch der Friedländischen Generale hatte es umbrandet -- damals,
im Barmer Stadttheater, als Hans Thumser in Fieberschauern den
»Wallenstein« erlebte ...
»Die reine Trödelbude --« sagte Valentin Pilgram, der Senior, und zog
die Winkel des schmalen Mundes verächtlich herab. »Ooch 'n Geschäft,
sich Abend für Abend die Visage zu beschmieren, sich vor so'ne Lappen
hinzustellen und mit Armen und Beinen zu fuchteln ...«
Die blassen, matten Züge des Erbprinzen hatten sich plötzlich belebt.
»Sie vergessen, lieber Pilgram, daß diese Fuchtelei mit Armen und Beinen
doch manchmal ganz niedlich anzusehen ist ... namentlich wenn diese Arme
und Beine -- halten Sie sich mal die Ohren zu, Herr Major! -- na also,
wenn sie schlank, jung und ... _feminini generi_ sind ...«
»-- _gener=is=_, Durchlaucht!« erlaubte sich der Erzieher zu bemerken.
»Echauffieren Sie sich nicht, lieber Major -- als Sprachlehrer sind Sie
nicht engagiert -- Sie haben nur für meine Moral zu sorgen -- wenn's
auch schwer fällt ... aber nun sagen Sie mal, Sie Alleswisser -- was
bedeutet denn dieser Apparat da vor dem ollen muffigen Carolatheater?«
»Die Meininger, Durchlaucht, beginnen in fünf Tagen ein vierwöchiges
Gastspiel in Leipzig,« sagte der Major.
»Und das haben Sie mir bis jetzt unterschlagen, Sie Cerberus?«
»Ich habe nicht gewußt, daß Durchlaucht sich auch für =ernste= Kunst
interessieren ...«
»Ah bah -- Theater ist Theater ... und wo kann der Thronfolger eines --
na sagen wir mal eines Staates von mäßigem Umfang -- wo kann ich mich
besser auf meinen künftigen Beruf vorbereiten als im Theater? Mein
Hoftheater, das ist doch der einzige Platz, wo ich später ...
gewissermaßen ... wirklich mal was zu sagen haben werde ...«
»Durchlaucht ... ich darf wohl bitten ...« warf der Major ein.
»Na, jedenfalls ist das meine Auffassung!« lachte der Erbprinz, »--
können Sie meinetwillen nach Dillingen berichten! Und das bitte ich mir
aus, Herr Major: bei den Meiningern belegen Sie heut abend sofort die
vorderste Proszeniumloge! Ich sehe mir die ... Kunst ... gern aus der
nächsten Nähe an! Lieber Pilgram -- zur Eröffnungsvorstellung sind Sie
mein Gast, nicht wahr?«
»Sehr gütig, Durchlaucht ...« sagte Valentin Pilgram und sann nach.
»Das wäre, soviel ich weiß, am nächsten Mittwoch ... da haben wir
allerdings offizielle Kneipe, und ich als Erster Chargierter dürfte
eigentlich nicht ... und dann ... habe ich auch nicht allzuviel fürs
Theater übrig ...«
»Philister Sie! Na und Sie, Herr Thumser -- wie wär's mit Ihnen?«
Hans Thumser wurde glühendrot ... halb in Glück, halb in Befangenheit
... er hatte sich bereits schmerzlich bewegt ausgerechnet, daß es gegen
Ende des Monats gehe, und sein Wechsel ihm einen Besuch der Meininger
wohl schwerlich vor dem ersten November gestatten würde ... also das
fiel ja geradezu vom Himmel ... andererseits ... mit diesem blasierten,
schwunglosen Menschen zusammen -- wie würde er's ertragen, in seine
Andacht hinein solche Reden vernehmen, gar ihnen ehrerbietig lauschen zu
müssen?
Dennoch ... besser als gar nichts ...
»Ich nehme mit Freuden an, Durchlaucht ...«
»Also abgemacht! Was gibt's denn, Herr Major?«
»Jungfrau von Orleans ...«
»Ausgerechnet --!« schnarrte der Prinz -- »Schiller --! Gymnasium in
Wiesbaden -- verfluchten Angedenkens! Schiller! Was ist Schiller? Eine
Serie von Aufsatzthemen --!!«
»Stimmt!« rief Pilgram. »Keine zehn Pferde ziehen mich ins Theater, wenn
Schiller gespielt wird! 'Die tragische Schuld der Maria Stuart' --
'Wallenstein, ein tragischer Charakter' -- 'Die poetische Gerechtigkeit
in der Braut von Messina' -- pfui Deuwel! um junge Hunde zu kriegen --!«
Wie bin ich unter diese Menschen geraten? dachte Hans Thumser. Warum
trage ich die gleiche Mütze und die gleichen Farben wie sie? Kein Takt
des Herzschlags, kein Gefühl, kein Wort ist mir mit ihnen gemeinsam ...
Und derweil rollte der Wagen seitwärts durch die nüchternen,
morgenleeren, hallenden Straßen der Südstadt, dem fernen Kampfplatz
entgegen, wo Hans wieder einmal seine Zusammengehörigkeit mit seinen
Korpsbrüdern, seine Zugehörigkeit zum Frankenbunde mit seinem Herzblut
besiegeln sollte ...
»Vergessen Sie nicht, Durchlaucht, daß Jucunda Buchner die Jungfrau
spielt ...«
»Jucunda Buchner? Ist -- wer?«
»Nun, der jugendliche Stern der Meininger -- einfach Sehenswürdigkeit --
gewissermaßen das deutsche Mädchen in Reinkultur --«
»Schön -- also abgemacht!« sagte der Erbprinz. »Aber halten Sie mich
fest, lieber Major, sonst mach' ich Dummheiten...«
»Buchner?« sagte der Senior, »hm -- da fällt mir was ein. Mein Hauswirt,
der Kanzleirat Buchner, der hat ja, soviel ich weiß, irgendwo 'ne
Tochter beim Theater ... das wäre doch ulkig ... soviel ich weiß, wurde
ihre Ankunft erwartet ... und ich mein' auch, daß sie in Leipzig spielen
sollte, hätte die Alte erzählt -- ich hab' aber nicht recht hingehört --
was geht mich das Theater an ...«
»Herrgott, Mensch -- das Theater!« platzte Thumser heraus. -- »Hier
handelt sich's doch um die Meininger! Hast Du davon überhaupt eine
Ahnung, was dieses -- dieses Theater bedeutet? Die Entdeckung der
Klassiker, ihre Eroberung für die Bühne unserer Zeit, die Entbindung all
der tausend köstlichen Sinnlichkeiten, die im Drama unserer Großen
schlummern -- bist Du denn solch ein Barbar, solch ein Banause, daß Du
von all dem nichts weißt -- daß all das für Dich nicht existiert?«
»Na, entschuldige schon, daß ich existiere!« schnarrte der Erste. »Ne
wirklich, teures Thumserherz, das alles ist mir schnuppe, schnupper, am
schnuppesten! Ich halt's mit meinem Vater, der nie in seinem Leben ins
Theater gegangen ist und doch Senatspräsident am Oberlandesgericht in
Dresden geworden ist, und jedenfalls noch ein Endchen weiter kommen wird
im Leben, eh er Schluß macht! Kunst ist Spielzeug für charakterlose
Müßiggänger -- unsere Zeit aber braucht Arbeiter, Charaktere -- Männer,
verstehste?!«
»Bumm, bumm, bumm! Tusch!« sagte der Prinz. »Sie sind zum
Landtagsabgeordneten qualifiziert, lieber Pilgram ...«
»Verzeihung, Durchlaucht, es muß auch -- Landtagsabgeordnete geben! Ne,
lieber Thumser, lauf Du nur immer ins Theater und laß Dir -- wie hast Du
so schön gesagt? -- laß Dir Deine tausend köstlichen Sinnlichkeiten
entbinden -- mein Bedarf ist mit Fechtboden, Kneipe und Windscheids
Drogenweltkolleg vollkommen gedeckt!«
»Und so was hat nun das Glück, mit Jucunda Buchner unter einem Dache zu
wohnen ...« seufzte Erbprinz Heribert.
»Das weiß ich noch nicht, das ist nur eine Vermutung von mir,
Durchlaucht ... Uebrigens ist die Sache wirklich ohne Interesse für
mich. Mit einer Komödiantin möcht' ich noch nicht mal eine Poussage
haben ... man kann ja doch nie wissen, ob sie einem nicht was vormimt
und einen innerlich auslacht ...«
»Na, teurer Pilgram, nu sei'n Se aber friedlich!« schmunzelte der
Erbprinz. »Davon versteh'n Sie nu wirklich nischt -- det haben Sie noch
nich gehabt!«
»Sie doch auch nicht, wie ich hoffe, Durchlaucht!« sagte der Major
und blinzelte seinem jungen Herrn unter grimmig zusammengezogenen
Brauen verschmitzt zu. Und Erzieher und Zögling wechselten ein
Augurnlächeln ...
Der Wagen rollte. Niederer wurden die Häuser, die beiderseits die
Connewitzer Landstraße umsäumten. Und bald wurde die Bebauung offener,
ländlicher. Dann bog die Fahrt nach rechts, und in die braunen
Schattenhaine des Streitholzes ging's hinein, die Pleiße wurde
überschritten auf knarrender Holzbrücke, unter der sich die gelben
Fluten träge hinwälzten, noch angeschwollen von den ersten Herbstregen,
welche die vergangene Woche gebracht. Aber heut rang sich aus
Nebelbrodem die verschlafene Morgensonne mühsam durch, umgoldete das
rötliche Buchenlaub zu Häupten der Dahinrollenden, verhieß einen lustig
blanken Fechtertag, den letzten unter freiem Himmel für dies Jahr: der
nächste würde schon im benachbarten Halle, richtiger im Vorort
Cröllwitz, steigen müssen, an der murmelnden Saale, gegenüber den
reckenhaften Trümmern des Giebichenstein.
Allmählich wandte sich das Gespräch von dem strittigen Thema des
Theaters zum minder kontroversenreichen des nahen Bestimmtages hinüber.
Daß der Fuchsmajor der Franken heute seine todsichern Senge bekommen
würde, galt als ausgemachte Sache, über die niemand Worte zu verlieren
brauchte. Es fragte sich bloß, ob Hans Thumser auf seine notorische
vielgeprüfte Quartblöße oder auf Borgmanns allgefürchteten Durchzieher
abgestochen werden würde -- von dem Valentin Pilgrim, der Senior, im
Gesicht bereits ein stattliches Exemplar trug, welches Ohrläppchen und
Mundwinkel mit einem linealgraden breiten Strich verband ...
Aber während man also über Hans Thumsers nächste Zukunft verhandelte,
das Schicksal seiner linken Gesichtshälfte sachverständig abtaxierte
-- -- war Hans Thumsers Inneres auf geheimnisvolle Weise in
Gleichgültigkeit und Fernsein untergetaucht.
Jungfrau von Orleans ... sang es in seinem Herzen ... Jucunda Buchner
... das war wie eine leuchtende, gnadenvolle Nähe, wie ein offener
Himmel, aus dem eine lichte Madonna sich neigt, gegenwärtig und doch
unnahbar, bekannt und doch undurchdringlich ...
Und zwischen die Choralmelodien, die Harfenarpeggien, welche das
Heiligenbild umschauerten, kicherte und schwirrte es hinein wie
Flötentriller, wie kecke Geigenpizzicati:
Asta Thöny ... Asta Thöny ...
Und ein paar neckische, blinkende Lackschuhchen tanzten auf und nieder,
aus denen zwei schlanke, seidenbestrumpfte Knöchel guckten -- was
darüber war, verschwand in rosigen Schleiern, aus denen es lachte und
girrte wie Taubengurren:
Asta Thöny ... Asta Thöny ...
Ernsthaft und aufrecht saß Valentin Pilgram, der gestrenge Senior des
Korps Franconia. Als läge die Regierungslast eines Millionenstaates auf
seinen Schultern, so pflichtdurchdrungen, so würdeumbauscht saß er und
übersann das Programm des Tages ... Ob Heinz Hartwig, das muntre,
taprige, ewig korkende Füchslein, wohl heute endlich eine einwandfreie
Mensur liefern würde und daraufhin ins engere Korps rezipiert werden
könnte? Und Ivo Volkner, der leichtblütige Rheinländer aus Düsseldorf,
dessen letzte Mensur auch keineswegs tadelsfrei gewesen war -- ob er
wohl sein unstätes Musikantentemperament heute so weit im Zaume halten
würde, um sich herausreißen zu können?
Und was sollte der C. C. auf den merkwürdig schnoddrigen Brief unseres
lieben Kartellkorps Pomerania zu Göttingen antworten? Ob es nicht doch
besser war, das alte Kartellverhältnis zu lösen und ein
frisch-fröhliches P. P. zu fechten?! Aber was würden die gemeinsamen
Alten Herren sagen?
Und ob man den Rektor zur C. C.-Antrittskneipe einladen mußte --
anläßlich der hohen Ehre, daß ein richtiggehender Prinz und Thronfolger
zu den Konkneipanten des Korps zählte?
Ja, man hatte schon seine Sorgen ... Der Reichskanzler war am Ende auch
nicht viel schlimmer dran als der Erste Franconiae-Leipzig ...
Der Erbprinz aber träumte von einer fernen Zukunft ... noch war der alte
Herr ja ... hm, hm! -- erheblich rüstig ... und seine Altersgenossen,
die Leutnants des Sophien-Regiments, hatten ihm gelegentlich in später
Stunde, wenn der Sekt die Zungen gelöst, das Gefühl der Distanz ein
wenig gemildert hatte -- na ja, dann hatten sie ihm gelegentlich etwas
gesteckt von all dem Gemunkel, das in der Residenzstadt umlief über die
zarten Beziehungen des hohen Herrn zu der weiblichen Elite des
Hoftheaters ...
Er, Heribert Hans Herwig, würde sich das erlauchte Vorbild seines
gnädigsten Vaters zum Muster nehmen, wenn er einmal als Heribert XIV.
das Thrönchen seiner Väter bestiegen haben würde.
Inzwischen hielt man sich studienhalber in Leipzig auf und würde auch da
auf seine Rechnung zu kommen wissen ...
Jucunda Buchner ... das klang recht verheißungsvoll ... und Jungfrau von
Orleans ... Himmel, es gibt allerhand Arten von Jungfrauen ...
Nun war man »draußen«. Mitten im tiefschattigen Buchenwald ein
wuchtender Eichbaum, sonst von tiefem Dämmerfrieden umwirkt, heut
umbraust von einem bunten, farbentollen Leben. Die wilden
Völkerschaften, die inmitten moderner Gesittung ein mittelalterliches
Reckendasein führten bei Waffenklirren, rauhem Sang und schäumenden
Kannen, die Franken und die Neo-Borussen, die Westfalen und Meißner und
Thüringer, hier hatten sie sich Stelldichein gegeben zur
allwöchentlichen feierlichen Rauferei. Und diesmal, als am ersten
Bestimmtage des Semesters, war alles in besonders gehobener Stimmung.
Die alten Bekannten in den verschiedenen Korps begrüßten sich hinüber
und herüber, mit besonderer Herzlichkeit jene, die bereits einmal oder
gar mehrmals die Klinge gekreuzt hatten -- wesentlich zeremonieller
schon jene, denen heute der blutige Gang bevorstand. Alles war in Wagen
gekommen, die nun als langer Park auf der Chaussee aufgefahren waren,
stets bereit, mit den Paukanten in Windesschnelle davonzusausen, wenn
die weithin aufgestellten Schnarrposten die Annäherung von Pickelhauben
und grünen Waffenröcken melden sollten. Alles war im »Bummel« gekommen,
das heißt im Hut, die Couleur in der Tasche; nun wurden schleunigst
Mützen und Bänder angelegt: gar lustig flimmerten auf dem bunten Tuch,
der dreifarben-gestreiften Seide, die Sonnentupfen, die durchs braune
Laubdach sich niederringelten. Und bald stand das erste Paar bereit:
Pilgram, Franconiae Erster, gegen den stämmigen Zweitchargierten der
Meißner.
Und nun -- heiho! Gellende Kommandorufe hinein in die lauschende Stille,
widerhallend an den schlanken, weißleuchtenden Buchenstämmen ... und
nun: klirr, klirr der helle Klang, wenn Eisen scharf auf Eisen traf, im
Wechsel mit dem dumpfen Knall der flachen Hiebe, die über Stulp und
Schädel krachten -- heiho! uralte Reckenlust am tollen Raufen, am harten
Widereinander der jugendlichen Kräfte ...
Jähes Halt der Sekundanten, Pause, Blut rinnend hüben über die schmalen,
herrischen Züge des Frankenseniors, drüben über die feisten Speckbacken
des Fechtchargierten der Meißner ... und wiederum Kommandos, hageldichte
Hiebe, Stahl auf Stahl ...
Und dann war's plötzlich aus: der Meißner hatte seine Abfuhr weg, eine
lange Quart, fast unpariert, überm linken Ohr. Und in die
blutbeschmierte Bandage mußte nun Hans Thumser hinein.
Schon stand er dem verhaßten Borgmann gegenüber, schon faßten die Gegner
einander fest ins Auge, schon flogen die Klingen in die Auslage,
kauerten die Sekundanten wie sprungbereite Katzen zu ihrer Kämpfer
Seiten -- da entstand eine Bewegung unter der lauschenden Korona. Auf
dem weichen Waldboden scholl ein dumpfes Klackern wie von Huftritten,
und auf dem schmalen Pfade, der am Wiesensaum entlang sich zog, flitzten
zwei Reiter heran -- aber nicht die Grünröcke der Gendarmen --
Zivilisten waren's, ein Herr und eine Dame. Hans Thumser sah, wie alle
Köpfe sich wandten -- doch ihm blieb nicht Zeit -- nur einen grauen
Schleier sah er wehen von einem hohen, schwarzglänzenden Seidenhut; sah
etwas Lichtes, Klares darunter, hell abgehoben vom dämmernden Waldgrund
-- und dann --
»Auf die Mensur -- bindet die Klingen!«
»Gebunden sind --!«
»Los!«
Und nun alles Leben in Aug und Handgelenk hinein sich krampfend -- und
ein Wille nur -- sich wehren -- und treffen! treffen --!!
»Halt!«
»Halt --!!«
Und auch hier schon nach dem ersten Gange helle rote Bäche rinnend über
weiße Stirnen, zernarbte Wangen ...
Und während der Paukarzt mit dem Wattebausch in Hansens klaffende
Stirnwunde tupft, vernimmt des Fechters Ohr ganz deutlich aus der Mitte
der Umstehenden die Worte:
»Das ist die Buchner!«
Und eine andere Stimme fragt:
»Und der Herr -- wer ist das?«
»Das ist Franz Burg -- der Heldenspieler ...«
Inzwischen hat der Paukarzt seine Untersuchung beendigt; er lächelt:
»Weiter!«
»Herr Unparteiischer -- von unserer Seite kann's weitergehen ...«
Aber drüben bei den Neo-Borussen scheint man noch nicht so recht im
Klaren ... na, wenn Hans Thumser auch schließlich wird dran glauben
müssen: auch Herr Borgmann hat sein Teil bekommen, scheint's!
Er lugt umher: dort halten sie, die Reiter, unterm Eichbaum und spähen
neugierig hinüber ... Ja, das glaub' ich, ihr Komödianten -- so etwas
bekommt ihr nicht alle Tage zu sehen -- hier schwingt man die Waffe
nicht nur zum Spiel -- und was hier Stirn und Wange färbt, ist
wirkliches Blut, nicht Schminke ...
Und dies schmale, feine junge Gesichtchen -- das ist ... Thekla -- das
ist Johanna von Arc?!
Nun werden auch die Neo-Borussen wieder munter:
»Herr Unparteiischer, von unserer Seite kann's weitergehen!«
»_Silentium_ -- Pause _ex_!«
»Auf die Mensur -- bindet die Klingen!«
Jucunda! betet irgend etwas in Hans Thumsers Seele. Er fühlt, wie alle
Sehnen sich straffen.
»Gebunden sind!«
»Los!«
Und zweimal, dreimal schmettert Hieb auf Hieb -- und:
»Halt!«
»Halt!«
»Herr Unparteiischer, bitte drüben nachzusehen und einen Blutigen zu
konstatieren!« ruft Valentin Pilgram, Hansens Sekundant, wilden Triumph
in der Stimme -- sich aufrichtend, zischt er seinem Paukanten ins Ohr:
»Du -- das ist Rest!!«
»Rest? Bei wem? Bei mir?« fragt Hans Thumser ganz verdutzt.
»Ne -- da drüben -- bei Borgmann! Teufel auch, Thumser -- der
Durchzieher -- so was darfste öfters schlagen!«
Was? Er -- Hans Thumser -- er hätte den S. C. Fechter -- --?
Donnerwetter!
An des Gegners Stirn klaffte ein breiter roter Spalt, aus dem zwei feine
warme Strahlen spritzten --
»'raus!« sagt drüben der Paukarzt.
»Herr Unparteiischer, wir erklären die Abfuhr!«
Borgmann stampfte vor Wut mit dem Fuß, als der Paukarzt von hinten mit
kräftigem Griff seine Stirn zusammenpreßte und ihn herumdrehte. Was
half's?
»_Silentium_ -- Neo-Borussia erklärt Abfuhr nach anderthalb Minuten!«
Als Hans Thumser sich aus dem Schwall der Glückwünsche seiner
Korpsbrüder losmachte und Ausschau hielt -- war das Reiterpaar
verschwunden.
»Gratuliere!« sagte Erbprinz Heribert. »Fabelhaft, lieber Thumser, meine
vollste Bewunderung! Haben Sie übrigens die Buchner gesehen?! Vollkommen
tadelloses Mädchen ...«
2.
Wenn Hans Thumser auf ein Glück wartete, so machte die Ungeduld ihn
krank, verdarb ihm jede Minute mit zehrender Sehnsucht. So war es schon
immer gewesen, solange er sich seiner erinnern konnte. Die letzten
Wochen vor dem Weihnachtsfest, vor dem Beginn der Sommerfrische waren
ihm stets eine endlose Tortur gewesen ... Und als er später begonnen
hatte zu empfinden, daß nur die Stunden wahrhaft lebenswert seien, in
denen er mit einem gewissen braunbezopften Menschenkind unter einem
Dache weilen durfte ... da war alles, was zwischen diesen Stunden lag,
nur wie ein unermeßlich langer, böser, dumpfer Traum und Alpdruck
gewesen ...
Und so bedrückend, so angstumschnürt wälzten sich auch die Tage dahin,
die Hansens Mensurtriumph noch von der Eröffnungsvorstellung des
Meininger Gastspiels schieden. Er saß inmitten seiner Korpsbrüder,
schwatzte und trank mit ihnen wie immer, ließ ihre Lobesbezeigungen mit
der gleichen Gelassenheit über sich ergehen wie den boshaften Spott der
Neider, es sei nur ein »Schweinedusel« gewesen, daß er den S. C.
Fechter hinabgetan habe ... Er ließ auf offizieller Kneipe seine Füchse
in die Kanne steigen, daß sie quietschten, und schrieb morgens bei
Windscheid und Binding im Kolleg mit einem ganz ungewohnten,
krampfhaften Eifer nach, als steure er auf ein Prädikatexamen los -- --
und all dies Tun blieb seiner Seele so fern, so fern ...
Manchmal fragte er sich, ob er wohl bei ganz gesundem Verstande sei --
ob es nicht eine fixe Idee, ein krampfhaftes Wahngebilde sei, das ihn so
grenzenlos hungern ließ nach -- nach einem Nichts, einem Spiel, dem
flüchtigen Schattenbilde eines Dichtertraums ... Und dann wieder genoß
er mit einer phantastischen Seligkeit sein Wesen, das ihn vom wachen
Leben hinweg so unwiderstehlich in luftige Spukwelten drängte ...
Nur die Stunden zählten wenigstens halb, die er am Fenster seiner Bude
verbrachte, hinüberstarrend zur nüchternen Front jener Gebäude an der
langweiligen Sophienstraße, hinter denen der kahle Bau des
Carolatheaters sich barg. Dort war um die Vormittagsstunden ein
lebhaftes Kommen und Gehen. Früh um neun begannen die Proben, natürlich
nur für die neuangeworbene Statisterie, denn für die Solo-Rollen
»standen« selbstverständlich alle Stücke des Repertoires. Aber die
stattliche Schar des »Volkes«, die in jeder Stadt aufs neue
zusammengebracht und gedrillt werden mußte, die wimmelte heran, füllte
die sonst stille Straße mit Lachen und Geschwätz ... braunäugige Töchter
kleiner Bürgersleute, stellungslose Ladenfräulein und Kommis,
Stadtreisende und Konservatoristen -- vor allem aber Studenten,
Studenten von jener Sorte, die der Waffenstudent eigentlich nicht
mitrechnete, und die trotzdem die weitaus überwiegende Mehrzahl der
akademischen Bürgerschaft bildete: die »Finken«, auch »Bummler« genannt,
obwohl sie natürlich weit weniger bummelten als die jungen Herren in
Mützen und Bändern ... gar zu gerne hätte Hans Thumser sich mit ins
Gewühl der Statisten gemengt, um als »Volk« oder »Friedländischer
Soldat« oder als römischer Quirite sich an den großen, festlichen
Unternehmungen zu beteiligen, die da drüben vorbereitet wurden ... Und
eines Tages hatte er sich's getraut, vor den Ersten hinzutreten mit der
Bitte:
»Sag' mal, Pilgram, wie ich höre, wirken eine ganze Menge Studenten in
den Vorstellungen der Meininger als Statisten mit -- hättest Du was
dagegen, wenn ich da ebenfalls mittäte?«
Der Erste sah den Fuchsmajor mit einem Blick an, als bäte dieser um
Erlaubnis, silberne Löffel zu stehlen.
»Hör mal, Du, Dein Kopfschmiß von Sonnabend eitert wohl nach innen,
he?!«
Also damit war es nichts ... und so mußte man sich denn begnügen, von
weitem zuzuschauen, wie die glücklicheren Kommilitonen, frei des
korpsstudentischen Zwanges, nach Schluß der Probe froh erregt, mit
glühenden Köpfen, lebhaft diskutierend dem Eingangstor des Theaters
entströmten, um die namenlosen Kneipen aufzusuchen, in denen sie nach
eigener Wahl und entsprechend der Rücksicht auf die Dimensionen ihres
Monatswechsels verkehrten. Und inmitten dieser Beneidenswerten kamen
auch die Helden und Heldinnen aus der Probe -- natürlich mußten ja auch
sie wenigstens die Massenszenen immer wieder aufs neue mit probieren ...
Und noch ein andres heimliches Fest blühte für Hans Thumser innerhalb
seiner bescheidenen vier Wände, die glücklicherweise so dünn waren, daß
sie manch ein Geräusch durchließen von jener geheimnisvoll lockenden
Welt, die hinter ihnen sich barg: das Klappern zierlicher Pantöffelchen,
das Rascheln seidener Röcke, keckes Mädchenlachen und halblautes
Geschwätz, wenn Kolleginnen drüben zum Besuch kamen ... Aber noch immer
war's ihm nicht geglückt, seine Nachbarin von Angesicht zu Angesicht zu
sehen.
Inzwischen baute Hans in seinem Herzen ein seltsam Kirchlein auf: droben
war ein feierliches gotisches Heiligtum, in dem Jucunda Buchners weiße
Gestalt auf ernstem Altare stand, von Weihrauch und Kerzengeflacker
umspielt ... darunter aber, tief unter der Erde, barg sich eine dämmrige
romanische Krypta, in der tolle Orgien verbotener, heidnischer Kulte
nächtens gefeiert wurden vor einem üppig lächelnden Götzenbild -- seine
Züge waren nicht genau erkennbar -- verschwammen im hüpfenden
Fackellicht, das durch den Raum dunstete ...
Aber Hänschen Thumser war nicht der Mann des tatenlosen Zuwartens. Es
mußte etwas geschehen, die dumpfe Qual dieser sehnsüchtigen Tage zu
verkürzen. Aber was? Immer wieder mündeten seine Pläne in die
Erkenntnis, daß man einem jungen verwöhnten Mädchen -- und eine
Schauspielerin konnte man sich ja doch nicht anders vorstellen als jung
und verwöhnt, nicht wahr? -- daß man solch einem Liebling der Götter und
Menschen nur nahen könne mit gebenden Händen ... und seine Hände waren
leer ... der Monatswechsel heidt -- knapp noch das Nötigste für die
letzten Tage vorhanden ...
Auf einmal -- welch glorreicher Gedanke! Hänschen Thumser konnte ja
etwas, das am Ende doch nur die wenigsten unter Asta Thönys Verehrern --
gewiß hatte sie unzählige -- reiche Bankiersöhne und Gardeleutnants und
-- na und solche Leute mit unerschöpflichen Portemonnaies -- aber gewiß
konnten solche Leute meistens eines nicht, oder wenigstens nicht so gut
wie Hänschen Thumser -- nämlich =dichten=!
Juchhe! Hänschen hat kein Geld, um kunstvolle Blumenarrangements zu
kaufen -- aber wunderschöne Verse kann er machen! -- Also los! ein Blatt
aus dem Kollegheft gerissen und gereimt auf Deuwel komm heraus!
»Ich bin ein junger Korpsstudent,
Die Schuhe Lack, der Rock patent --
Korrekt und schick an mir ist alles --«
lauter unbestreitbare Wahrheiten! aber nun kommt der Haken.
»-- im Portemonnaie nur haust der Dalles --«
So -- immer frisch heraus mit dem sauren Bekenntnis, dann weiß Asta auch
gleich, wie sie mit mir dran ist -- was sie von mir zu erwarten hat --
und was nicht ...
»Doch da das Schicksal über Nacht
Zu Budennachbarn uns gemacht --«
(Ach du liebes, gnädiges Schicksal du!)
»-- müßt' ich Dich eigentlich begrüßen,
Und Rosen legen Dir zu Füßen --
Wie gerne würd' ich mich erdreisten --
Doch leider --«
Alle Wetter: das wird ja ein prachtvoller Reim:
»-- kann ich mir's nicht leisten ...«
Nun ein zweites offenes Bekenntnis:
»Noch kenn' ich Dich, Du Schelmin, nicht,
Sah nicht einmal Dein Angesicht --
Nur --«
Gott, bleiben wir doch schon bei der Wahrheit:
»-- hab' ich morgens früh gesehn
Vor Deiner Tür zwei Schuhchen stehn --
So winzig, duftig, elegant --«
Hans! du imponierst mir! So viel edle Dreistigkeit hätt' ich dir gar
nicht zugetraut -- aber freilich: auf dem Papier, und mit einer
schützenden Scheidewand dazwischen -- -- Aug' in Auge würde das Debüt
wohl etwas kümmerlicher ausfallen, wie? -- Aber weiter, weiter -- einen
Reim auf »elegant« -- pah, Spielerei!
»-- daß gleich mein Herz in Flammen stand --«
-- nein, das ist doch zu billig, zu abgeschabt:
»Da gab es Funken -- Flammen -- Brand!«
Ja, es ist eine alte Sache: Verse werden immer am besten, wenn man ganz
geradezu ausspricht, was wirklich passiert ist:
»Und seitdem träum' ich wahnbetört,
Von dem, was da hineingehört --«
Ist das nicht ... doch ... gar zu unverschämt?! Ach was, mehr wie hauen
kann sie schließlich nicht!
»Willst Du mir's auf den Nacken setzen,
Mir wär's ein sklavisches Ergetzen --«
-- ne, das ist ein falscher Ton -- von der Sorte sind wir doch nicht! --
»Ach, dürft' ich's einmal -- einmal küssen --
Wirst mir's schon noch -- erlauben müssen --
O welche süße Phantasie --
Und ach -- probiert hab ich's noch nie -- --«
Hans überlas das Geschriebene. Himmel, ist das schnurrig, wenn's auf
einmal so in einem zu dichten anfängt! Ein ganz andrer Mensch kommt da
plötzlich zum Vorschein als der, den man so im Leben darstellt ...
Hatte er das wirklich geschrieben, er, der wohlerzogene Beamtensohn, der
geschniegelte, korrekte Korpsstudent, der künftige Richter des Volkes?!
Ach, und es gefiel ihm so gut -- daß er's ganz hastig und mit fliegenden
Fingern ins Reine schrieb und kuvertierte ... dann stülpte er die grüne
Mütze auf, lauschte, ob seine Nachbarin daheim sei ... und da er
keinerlei Geräusch hörte, klinkte er im Vorbeigehen sachte die Tür zum
Nebenstübchen auf und sah --
Sah durch den Spalt eine zierliche Mädchengestalt in weißem Unterrock
und weißem Frisiermantel schlafend aufs Sofa hingestreckt ... ein
schwarzes Wuschelköpfchen ... und über den Rand des Sofas guckten ein
paar schwarzbestrumpfte Füße, an denen zierliche rote Halbpantöffelchen
baumelten ...
Und schon hatte er mit einem Ruck den Briefumschlag mit seinen
unverschämten Versen mitten in die Stube geschleudert, die Tür mit
hartem Knall zugeklinkt -- und flog nun die Stufen hinunter -- die grüne
Mütze war ihm in den Nacken gerutscht, seine Wangen brannten, und
draußen zog er mit seinem spanischen Rohr einen Durchzieher durch die
Luft, daß es nur so pfiff.
Wie in Hans Thumsers unoffiziellem Herzen, so war auch in Valentin
Pilgrams korrekter Chargiertenseele Revolution ausgebrochen, und auch
die um einer Zimmernachbarschaft willen. Aber diese Revolution war doch
von einer ganz anderen Sorte und gipfelte in der Erklärung, die der
Senior in energischem Tone an die Frau Kanzleirat Buchner abgab: er
kündige hiermit seine Bude und werde sofort ein andres Quartier suchen,
wenn man den ruhestörenden Lärm und groben Unfug da nebenan nicht
abzustellen die Mittel finden würde ...
Und das war so gekommen:
Valentin Pilgram stand im sechsten Semester. Er war bereits zwei
Semester in Berlin inaktiv gewesen und nur nach Leipzig zurückgekehrt,
weil er als Königlich sächsischer Untertan sein Referendarexamen in
Sachsen ablegen mußte. Er war auf dringendes Bitten des C. C. zu Anfang
des Semesters noch einmal wieder aktiv geworden und hatte die erste
Charge interimistisch übernommen, weil kein anderer geeigneter
Korpsbursch für diesen Posten da war, und der Vertreter des Marburger
Kartellkorps, der die erste Charge später definitiv bekommen sollte,
doch erst einmal in Leipzig und im Korps warm werden mußte.
Interimistisch bekleidete dieser junge Herr die zweite Charge. Und so
teilte Pilgram mit seiner ganzen feierlichen Gewissenhaftigkeit seine
Zeit zwischen dem Korps und der Vorbereitung fürs Examen. Und in der
letzteren war er nun plötzlich und gründlich unterbrochen worden durch
ein grollendes Getöse, das aus der Nachbarkammer in seinen
Studienfrieden hinüberklang, aus der Nachbarkammer, in der, wie er
gelegentlich mit halbem Ohr vernommen hatte, die Tochter seiner
Hauswirte, die herzoglich meiningische Hofschauspielerin Jucunda
Buchner, für die Dauer des Gastspiels ihres Ensemble einquartiert
worden war. Mitten in die Lektüre der Windscheidschen Drogenweltweisheit
war da plötzlich eine sonore Altstimme hineingeklungen, zunächst in
sachtem, murmelndem Repetieren, dann aber in selbstvergessen wildem
Ausbruch:
»Und =einer= Freude Hochgefühl entbrennet,
Und =ein= Gedanke schlägt in jeder Brust --«
Da war der reckenhafte _candidatus iuris_ mit einem Wutknurren
aufgefahren ... aber umsonst: die sonore Stimme drinnen grollte weiter
-- sänftigte sich nun zu herzbeklommener Klage:
»Doch mich, die all dies Herrliche vollendet,
Mich rührt es nicht, das allgemeine Glück,
Mir ist das Herz verwandelt und gewendet,
Es flieht von dieser Festlichkeit zurück ...«
Aber bald schrillte sie wieder auf mit jähem Wehlaut, daß sich vor Wut
und Entsetzen dem Rechtskandidaten die Gedärme umkehrten.
»Sollt' ich ihn tö--öten? Konnt' ich's, da ich ihm
Ins Auge sah? I--h--n tö--ö--öten? Eher hätt' ich
Den Mordstahl auf die eig'ne Brust gezückt!«
Das war zuviel! Der Student riß einen seiner Lederpantoffeln von den
Füßen und pfefferte ihn krachend gegen die Nachbartür.
Einen Augenblick verblüffte Stille -- doch o weh -- sein Warnsignal war
offenbar nicht verstanden worden -- schon nach wenigen Sekunden setzte
das Gegroll und Gewimmer drüben wieder ein:
»Und bin ich strafbar, weil ich menschlich war?
Ist Mitleid Sünde?«
»Nee!« brüllte Valentin Pilgram. »Mitleid is keene Sinde nich! Haben Sie
ruhig Mitleid mit mir und halten Sie den Mund -- ich muß lernen!!«
Einen Augenblick war drüben alles stumm -- todesstarres Schweigen. Und
plötzlich fauchte ... ja fauchte, anders war's nicht zu nennen -- keifte
-- ja man muß schon sagen, keifte die sonore Stimme von nebenan:
»So? Lernen müssen Sie? Na -- ich auch ... stopfen Sie sich Watte in die
Ohren!« Und noch dreimal mächtiger und markerschütternder grollte nun
der majestätische Alt:
»Ist Mitleid Sünde? Mitleid! Hörtest Du
Des Mitleids Stimme und der Menschlichkeit
Auch bei den andern, die Dein Schwert geopfert?!«
Da sprang Valentin Pilgram wütend auf, riß den Klingelzug, daß es
schrill durch den Flur gellte, und als die stattliche runde Frau
Kanzleirätin ganz entsetzt ins Zimmer schoß, schnauzte er sie an:
»Was ist das für ein gottverfluchter Spektakel daneben? Wenn das nicht
in fünf Sekunden aufhört, zieh' ich!«
»Erlooben Se mal, mei gutester Herr Pilgram!« entrüstete sich die
behäbige Dame im geblümten Morgenrock sehr energisch. »Se wissen,
scheint's, nich so recht, mit wäm Se's zu tun ha'm! Das is Se nämlich
meine Tochter, die große Jucunda Buchner von die Meininger -- die
Jungfrau von Orleans!«
»Und wenn je die Jungfrau Maria selber wär' -- hier verlang' ich meine
Ruhe, versteh'n Se mich, Frau Kanzleirat?! Ich hab' diese Bude
gefälligst zum Studieren gemietet -- versteh'n Se? Wir sind Se hier nich
im Theater!!«
»Se sollten Ihn' was schämen, Herr Pilgram, daß Se nich mal kenn'n
bißchen Ricksicht nähm' auf Studium von eener gottbegnadeten Ginstlerin,
wo ganz Leipz'g stolz drauf is!«
»Wenn eener ä Vierteljahr vor'm Examen steht, dann hört die
Rücksichtnahme ergebenst auf!« brüllte Pilgram. »Ich muß ooch studieren,
aber mei Studium is wenigstens geräuschlos! Wenn Se e gottbegnadetes
Mädchen zur Tochter haben, die beim Studieren einen Schkandal macht, wo
die Mauern von Jericho von könnten einstürzen, dann vermieten Se
gefälligst keene Buden an Studenten nich!«
»Herr Pilgram -- wenn ich gewußt hätte, was für e ungeschliffener Mensch
Sie sein kenn' -- nie wär'n Se mir ieber de Schwell gekomm', weeß
Knebbchen!«
»Mamaa!« tönte da plötzlich der sonore Alt aus dem Nebenzimmer, »rege
Dich doch bitte ja nicht auf, Mamaaa! Der Herr mag ruhig ziehen -- ich
komme Deiner Haushaltungskasse für den Schaden auf!«
Frau Kanzleirat musterte den Studenten von oben bis unten mit einem
Blick tiefster Verachtung. »Da heer'n Se's, Herr Pilgram! So benimmt
sich e wahrhaft vornähmer Mensch! -- Also wenn Se zieh'n woll'n, ich hab
Sie nich das mindeste dagegen -- lieber heut als morgen! Adieu, Herr
Pilgram -- ziehen Se glicklich!«
Und die stattliche Dame rauschte hinaus mit der Würde einer Königin. Die
Schleppe des geblümten, nicht mehr ganz saubern Morgenrockes waberte
hinter ihr drein.
Valentin Pilgram aber blieb etwas benommen an seinem einsamen
Studiertisch. Es war doch höchst fatal, nun so mitten in den
Examensvorbereitungen das lieb gewordene Quartier gegen ein noch
unbekanntes eintauschen zu müssen ... am Ende hätte er auch ein bißchen
weniger hitzig sein können ... vielleicht mit einem guten Wort hätte
sich die Sache viel besser einrenken lassen ... Aber das machte diese
verfluchte Kandidatenstimmung, das Bangen vor diesem fahlen Gespenst,
das am Ende der Studentenzeit hockte mit stieren Augen und sich ganz,
ganz unmerklich immer näher heranschob ... da sollte der Teufel nicht
nervös werden ... Was keine sausende Säbelklinge fertiggebracht hatte:
das Schreckbild der drei Männer hinterm grünen Tisch hatte es erreicht:
Valentin Pilgram hatte Angst ... und dieser Zustand, so ungewohnt, so
unmöglich, der hatte ihn toll gemacht ... Eigentlich hatte er sich ja
doch wirklich unqualifizierbar benommen ... es waren doch weibliche
Wesen, beinahe Damen, mit denen er so gröblich umgesprungen ... zwar ein
Kanzleirat war ein Subalternbeamter, und seine Frau gehörte nicht zur
Gesellschaft ... und vollends eine Komödiantin ... aber wenn auch ...
wenn auch ... Valentin Pilgram, ich glaube, dein Benehmen war durchaus
nicht auf der Höhe der berühmten korpsstudentischen Direktion ... deren
eifriger Hüter du selber so lange im C. C. gewesen ...
Valentin wartete mit Spannung, ob nicht alsbald da drinnen wieder der
dunkeltönige Alt mit dröhnendem Jambenschwall einsetzen würde ... er
wartete mit Spannung und Verlangen ... das Fortdauern der Störung wäre
wie eine nachträgliche halbe Entschuldigung seiner Hitze gewesen ...
aber er wartete umsonst. Alles blieb still darinnen. Er hätt' also
triumphieren, den ertrotzten Arbeitsfrieden eifrig büffelnd genießen
können ... aber seltsam ... die richtige Streberstimmung wollte nicht
wiederkommen ...
Teufel auch, Valentin Pilgram, du hast doch nicht etwa einen
»Moralischen«?