Eine vollkommene Unkenntnis des einstigen deutschen Badewesens zeigt

~Wichelhausen~ in seinem 1807 erschienenen geschichtlichen Werke über

die Bäder. Vieles hat er des Leibmedikus ~Moehsen~ Geschichte der

Wissenschaften in der Mark Brandenburg entnommen, selbst aber noch

reichlich Verwirrung angerichtet. Kaiser Karl der Große trug nach ihm

„zur Erhaltung des kunstgemäßen Badegebrauches nicht wenig bei“. Unter

dessen ersten Nachfolgern scheint sich der Badegebrauch noch erhalten,

im 10., 11. und 12. Jahrhundert aber abgenommen zu haben. ~Moehsen~

behauptet, daß die Bäder damals in Deutschland vernachlässigt worden.

Daß der Gebrauch derselben in diesen Zeiten der bürgerlichen Kriege

und der Anarchie sehr abgenommen, erhellt auch daraus, was ~Moehsen~

anführt. Er behauptet, daß es in diesem Zeitalter den Regenten und

Geistlichen schwer geworden wäre, die Menschen an Reinlichkeit und

den Gebrauch der Bäder zu gewöhnen, die doch wegen des herrschenden

Aussatzes doppelt notwendig gewesen. Die Mönche bedienten sich in

der Hinsicht damals des Kunstgriffes, daß sie den Badegebrauch durch

religiöse Grundsätze heiligten, indem sie behaupteten, daß durch das

Baden die Sünden abgewaschen und Absolution von allen Vergehungen

erhalten werden könnte. Diese Bäder nannten sie Seelenbäder (balnea

animarum, refrigeria animi). Unter diesem Vorwande erhielten sie

Vermächtnisse, wofür sich arme Leute entweder in den Klöstern, in den

Hospitälern oder den Badestuben frei baden durften, auch auf Verlangen

geschröpft und zur Ader gelassen werden konnten und gespeiset oder mit

Brot, Bier und Salz beschenkt wurden. Diese Werke der Wohltätigkeit

sollten auf das Wohl der Seelen der Stifter im Fegefeuer einen Einfluß

haben, sie abkühlen und ihre Pein vermindern. Die Ritter und Knappen

scheinen damals auch keine Muster der Reinlichkeit gewesen zu sein

und an Bädern großen Gefallen gefunden zu haben, weil ein Gesetz

notwendig war, nach welchem kein Ritter nicht am Abend vorher gebadet

und ihre schmutzigen langen Bärte hatten abnehmen lassen. Auch durfte

damals kein Brautpaar getrauet und kein Gast zur Hochzeit gelassen

werden, wenn sie sich nicht vorher gebadet hatten. Die Handwerker

suchte man dadurch an die Bäder zu gewöhnen, daß sie alle Sonnabend

durch eine Prozession der Lehrlinge der Bader unter dem Klange der

Becken zum Baden aufgemuntert wurden.“ Schon seit der Mitte des 14.

(!) Jahrhunderts sollen sich die Badeanstalten allmählich infolge

ansteckender Krankheiten ihrem gänzlichen Verfall im abendländischen

Europa genähert haben. „Die große, schreckliche, aus dem Morgenlande

gekommene Pest, welche von dem Jahre 1347 oder nach anderen 1348 an,

den größten Teil der Bevölkerung von Europa aufrieb, hat zuverlässig

die Vernachlässigung der Bäder zur Folge gehabt“[155].

[Sidenote: _Gebrauch der Thermometer_]

Das Thermometer fand zur Bestimmung des Badewassers erst allmählich

volle Anerkennung. 1793 sagt noch ~Zwierlein~, es könne nicht

zum allgemeinen Maßstab dienen, das Gefühl sei der richtigste

Wärmemesser[656], andere wollten wieder, man solle mit dem Thermometer

feststellen, ob sich die Temperatur nicht über und nicht unter

bestimmten Graden befände, innerhalb derselben müsse das Gefühl

entscheiden. In den Kurorten wurde im allgemeinen der Gebrauch des

Thermometers vernachlässigt. Das Journal des Luxus und der Moden

warf ~Marcard~ vor, daß er wohl in seinen Schriften die verschiedene

Wirkung verschieden warmer Bäder erörtere, in seinem Bad Pyrmont

die Bäderwärter die vorgeschriebene Temperatur des Bades aber gar

nicht beachteten. ~Wetzler~ fand (1822) in zwanzig Bädern nur zwei

Thermometer. Wenn er danach fragte, hieß es immer, sie seien erst

vor ein paar Tagen zerbrochen worden[370]. ~Hufeland~ rühmte dagegen

1815 die pünktliche Temperaturmessung in Nenndorf, wo besondere

Badethermometer auf einer Korkscheibe senkrecht im Wasser schwammen und

man die Veränderung der Wärme während des Badens beobachten konnte,

um rechtzeitig einen nötigen Zusatz von warmem Wasser feststellen

zu können[642]. Sehr viele Thermometer wichen in ihren Angaben vom

Normalen ab. Als die besten galten gegen Ende des 18. und zu Anfang

des 19. Jahrhunderts die ~Ramsden~schen Badethermometer, doch sagt

~Kahtlor~ 1722, daß man jetzt vollkommen richtige auch in Deutschland

anfertige, und er rühmt die Fabrikate aus Frankfurt a.❆M., Jena,

Nürnberg und Wien, die manchem ~Ramsden~schen vorzuziehen seien[644].

[Sidenote: _Wildbad Gastein_]

Wildbad Gastein (S. 227, S. 269 und Abb. 121) behielt bis ins 19.

Jahrhundert seinen alten Charakter. 1832 besaß es zwanzig Häuser, von

denen mit Ausnahme des Schlosses und des erzherzoglich Johannschen

Gebäudes kaum drei steinern waren. „Untersuchen wir nun die innere

Beschaffenheit derselben, so kommen wir leider abermals zu keinem

tröstlicheren Resultate; denn mit Ausnahme des Schlosses und zum

Teil des neuen Straubinger und Grabenwirtshauses, dann der Wohnung

des Chirurgen sind alle übrigen und namentlich das dreihundert Jahre

alte, ganz und gar aus Holz gebaute und daher mit Recht die alte

Straubingerhütte[A] genannte Haus höchst dürftig und unbequem. Wer

die Beschreibungen vom Gasteiner Wildbad früher gelesen hat, kommt

ohnehin mit einer bangen Erwartung hier an; hat er aber das Unglück, in

eine solche erbärmliche, bretterne Spelunke verwiesen zu werden, dann

fällt ihm der Mut gewaltig, und nur die unerwartete Überzeugung von

der Gleichgiltigkeit, womit die andern Badegäste das gemeinschaftliche

unvermeidliche Mißgeschick tragen, muntert ihn einigermaßen auf,

ein Gleiches zu thun.“ Folgende Anekdote wurde von einem Gasteiner

Tavernisten erzählt: „Einer dieser letzteren äußerte sich über die

unbilligen und übertriebenen Forderungen der jetzigen Badegäste

ungefähr also: Ich weiß nicht, was die Leute heut zu Tag alles

begehren; sonst waren gar viele froh, wenn sie in der Gastein auf Heu

schlafen konnten; die Vornehmen legte ich je zwei und zwei in ein Bett,

und solcher Betten standen zwei bis drei in einem Zimmer; nur in ganz

besonderen Fällen wurde einer einzelnen Person ein einzelnes Zimmer zu

Teil; jetzt will jeder Gast gleich dem größten Herrn bedient und für

sich allein bequartiert sein!“

Über die Beschaffenheit der Bäder sagt dieselbe Schrift: „In dieser

Hinsicht werde ich mich wieder vorzugsweise an die Straubingerschen

halten, da jene im Schloß, sowie alles daselbst, keiner Kritik

bedürfen, und diese unter den übrigen nicht allein die zahlreichsten,

sondern auch die zweckmäßigsten sind. Das alte Straubingerhaus besitzt

sieben Bäder und zwar ein Kommun- oder gemeinschaftliches, dann vier

Solitär- oder Separat- und zwei für gemeine Leute bestimmte Bäder;

im neuen Hause befinden sich ein Vollbad und zwei Einzelnbäder.

Außerdem besitzt der Mitterwirt drei und der Grabenwirt ebenfalls drei

Bäder, und endlich ist noch in dem Hause des Chirurgen das sogenannte

Schröpf- oder Krükenbad. Die gemeinschaftlichen oder Vollbäder sind

alle kaum so groß, daß zwölf bis sechszehn Personnen bequem zusammen

baden können, d.❆h. jedoch nur in dem Fall, wenn die Ankleidezimmer

darnach eingerichtet wären. Diese aber sind in einer Art angelegt,

daß man sich nicht genug über den Baumeister wundern kann. Denn hat

man sich eine zweiundvierzig Stufen zählende, ziemlich steile Stiege

mühsam hinabgeschleppt, so gelangt man durch einen engen Gang in

die bretternen Verschläge, die man Ankleidezimmer nennt. Sie sind

sämtlich so eng, daß sich höchstens zwei Personen zu gleicher Zeit

an- und auskleiden können, aber dabei so finster, daß man anfangs

beim Eintritt ganz blind zu sein scheint, und endlich bieten sie zur

Bequemlichkeit außer einer kaum einen Schuh breiten, längs der Wand

hinlaufenden hölzernen Bank ein paar Nägel zum Aufhängen der Kleider

und einem eisernen Ofen zum Wärmen der Badewäsche weiter nichts dar.

Ein jedes Vollbad besitzt, was ebenfalls unbegreiflich ist, nur ein

solches Zimmer, und man kann sich demnach leicht denken, wie sehr die

Badegäste hier beengt sind, indem beide Geschlechter sich desselben

Zimmers bedienen müssen und der kleine Raum desselben nicht gestattet,

auf einmal mehr als zwei Personen aufzunehmen. Die Solitärbäder sind

nur etwas wenig kleiner, entsprechen daher ihrem Zweck insofern

gar nicht, als sie für jedes einzelne Bad nicht besonders ab- und

vollgelassen werden können, weil sie zu groß sind und daher zu langsam

erkalten würden. Man badet also auch hier zumeist in demselben Wasser,

worin sich früher ein Anderer schon befunden hat. Alle Bäder haben

den gemeinschaftlichen Fehler, daß sie nur mit einem bretternen Dach

bedeckt, daher nicht selten dem Wind und Wetter zu sehr Preis gegeben

sind, indem es sich selbst in diesem Jahr sogar ereignet hat, daß die

Badenden mit Schneeflocken heimgesucht wurden ..... Endlich kann ich

nicht ungerügt lassen, daß in den sämtlichen Bädern längs den Wänden

des Wasserbehälters nur zwei Bänke angebracht sind, und daß daher

Kinder und solche Kranke, welche z.❆B. nur die untern Gliedmaßen

und das Gesäß in Wasser setzen wollen, so wie sehr Schwache, da sie

sich nirgends als an der Bank zu halten vermögen, ohne besondere

Unterstützung nicht baden können.“

Die „ungünstige und wahrhaft furchtbare“ Lage des Wildbades Gastein

regte den Gedanken an, das Wasser nach einer für Bauten günstigeren

Stelle zu leiten. Schon im Jahre 1760 hatte der Erzbischof Sigmund von

Schrattenbach eine kleine Badeanstalt für zwölf Personen unterhalb

des Wildbades bei der sogenannten Badbrücke errichtet, die aber nach

dem Tode des Erbauers wegen Gefährdung durch die wilde Kötschach

einging. Spätere Pläne, darunter einer, das Wasser aufwärts zu

leiten, scheiterten aus verschiedenen Gründen, bis 1829 der Bau der

Wasserleitung nach Hof Gastein — zwei-undeinviertel Stunde vom Wildbad

gelegen — in Angriff genommen wurde. Das Wasser, das mit 36° R im

Bad entspringt, traf mit 26 bis 29° im Hof ein. Übrigens wurde es

schon früher in Fässern nach dem dreizehn Meilen entfernten Salzburg

mit Postpferden geführt und konnte daselbst noch mit 29° R zum Baden

gebraucht werden. Auch nach Hof Gastein wurde schon vor Herstellung der

Leitung seit 1824 das Wasser vom Wildbade fuhrenweise in Fässern in die

Brauerei hinabgeführt, wo in Wannen gebadet wurde. Eine zweispännige

Fuhre reichte für sechs Bäder hin[688].

[Sidenote: _Fabian Sommer über Karlsbad 1572_]

Schon ~Fabian Sommer~ erwähnt in seinem Buche über Karlsbad (deutsch

nach seinem Tode 1572 von seinem Bruder Matthias herausgegeben), daß

man beim „Brudel“ (Sprudel) Eier koche, Hühner, Gänse und Schweine

abbrühe (S. 267 und Abb. 144). „Aber das wir wider auff den Brudel

kommen, beim Stege auff der lincken seiten, da man von der Kirchen

herunter gehet, ist ein ebener blatz, dahin das Wasser zu mancherley

nutz fleusset, denn daselbst die Hüner, Gense (wie oben berurt), Enten,

Schwein, mit dem heissen Wasser abgebrüet werden, daselbst reibet vnd

weschet man allerley gefes, vnd mit dem Wasser brühet man dem Vieh

das Grummet an, vnd sonst machet man allerley garstige weide rein,

daselbst fenget man das warme Wasser, welchs den Becken zum kneten

vnd backen sehr dienstlich, vnd ist das Wasser fast zu allen dingen

nützlich, darzu man sonst das schlecht gesottene Wasser gebrauchet.“

[Sidenote: _Die Bäder und die Quellen in Karlsbad_]

An das Sprudelgehäuse „sind viel Rinnen geleget, welche denn das Wasser

an alle örter, in der Wirte Heuser zum baden einführen .... Auff das

ich aber widerumb komme auff die Rinnen, die in die zwey Heuslein

angesetzet, so sind derselben sehr viel vnd mancherley in vnd nach

einander gesetzet, Denn etliche in die lenge, etliche in die breite

vber das Wasser auffgerichtet, vnnd in der Bürger Heuser eingefüret

werden, dadurch das Wasser in die Bade einfliessen möge (S. 334 und

Abb. 142). Von dem ort (Hospital), wenn man hienauffwarts nach dem

Marckt zugehet, seind die Wirdt gegen der Döpel zu, vnd die Herbergen

für diese Geste, so eines bessern vermügens sind, vnter welchen etliche

zwey, etliche drey, etliche auch vier Bade haben, welche für allerley

gelegenheit vnd kranckheit frembder Leut auffgebawet sind. Vnd treget

sich offt zu, dieweil jr viel in einem Hause sind, denen doch nicht

zugleich mit einander zu baden geraten, das ein Gast ein bad für sich,

der ander dergleichen ein anders, vnd so fort an, jnnen hat.

Eben an denselben ort da man nach dem Stege (beim Sprudel) zugehet, ist

das grosse gemeine Bad, welches in zwey Theil vnterschiedlich gebawet

ist, denn in den ersten die Menner, in den andern die Weiber baden

(Abb. 144). Vnd mag in denselbigen jederman beyde frembde vnd Inwoner

baden, wo sie nicht kretzig, aussetzig, oder dergleichen schedliche

vnnd schwirichte kranckheit an sich haben, denn inn diesen fellen

werden sie inn andere Bad gewiesen, welche hart bey den gemeinen Baden

sind gelegen. Denn für diese Krancken hat man drey Bad auffgebawet, die

nach eines jeden kranckheit ort vnterschieden, Denn in dem ersten baden

die schlechts kretzig sind, in dem andern so aussetzig (vgl. S. 200),

in dem dritten so mit hefftigen vnd gefehrlichen geschwüren beladen

sind. (Die Angabe ~Becher~s S. 200, daß nach ~Sommer~ Kretzige und

Aussätzige in Karlsbad zusammen badeten, ist demnach nicht richtig).

Es wolte sich aber wol gebüren das die Aussetzigen oder mit andern

gefehrlichen Geschwürn befleckten Leut, an einem andern von gesunder

leut gemeinschafft abgesünderten ort, mit sonderlichem baden versorget

würden. Welches beyde den Auslendischen die jhre Krancken fast alle Jar

ins warme Bad verschicken (siehe S. 200), vnd den Inwohnern gebüren

wil. Wiewol ohne das die Inwohner mehr denn zu viel von armen leuten,

auch sonsten von allerley Streichern vnd Stürtzern beschweret

werden ....

Es ist auch vor etlichen Jaren ein Geschrey in viel Lender kommen, als

solte das Wasser wegen der Inwohner Geitz aussen blieben sein (vgl.

S. 330). Vnd ob ich wol den Geitz nicht lobe, sondern viel mehr als

ein Laster straffe, Doch so ist des aussenbliebenen Wassers, dieses

nicht die vrsach, sondern weil es an eim andern ort sich gesamlet vnd

auffgesprungen ist, hat dieser Brudel auffgehöret (vgl. S. 336) ....

Eben an dem ort, da jetzt das Rathaus stehet, sind vor zeiten die

gemeinen Bad gestanden, die jetzt vber den Steg bey der Döpel gelegen.

Vnnd dieselbigen Bad waren an einem nidrigen ort auffgebawet, mit

Mawren verwahret, vnd also vnterschieden, wie diese so jetzt für

Man vnnd Weibs Person vnterschiedlich sind auffgebawet. Es ist aber

das sehr heisse Wasser, von dem Brudel, vber die Döpel, in die alten

gemeine Bade, so beym Rathaus gestanden, eingeführet worden. Vnd weil

das Wasser allzu heis gewesen, ist das lalichte welches an bemeltem

ort auffgequollen, das es zu baden bequem vnnd nützlich werden möchte,

durch sonderliche Rinnen ins heisse Wasser eingefüret, vnnd damit

vermenget worden.“

[Sidenote: _Die Karlsbader Badekuren_]

Dieses laue Wasser, in dem Kaiser Karl IV. gebadet haben sollte, das

1572 aber unbenutzt war, hatte die Haut so heftig aufgebissen, daß es

des Fressers Namen bekommen. Das laue Creusinbad, dessen Quelle zur

gleichen Zeit mit Mist verschüttet war, hieß aus demselben Grunde der

Fresser. Auch von anderen lauen Adern hebt ~Sommer~ hervor, daß sie die

Haut aufbissen, die heißen Quellen auch dann, wenn das Wasser etwas

kühler und lauer geworden war. Wie schon S. 252 erwähnt, bildete das

Baden mit dem Aufbeißen der Haut in Karlsbad eine besondere Badeart

neben dem gewöhnlichen Baden. Bei letzterem ließ ~Sommer~ im warmen

Wasser vierzehn oder fünfzehn Tage mit Ansteigen bis fünf Stunden

täglich baden. Einen Ausschlag erwähnt er bei der Beschreibung dieser

Kur nicht, er scheint aber doch aufgetreten zu sein; denn an anderer

Stelle sagt ~Sommer~: „Aber wenn das wasser etwas wermer ist, so wird

dieselbe verschlossene vnd kalte materien beweget vnd thetig, das

daraus kretz, Bletterlein vnnd dergleichen geschwür erfolgen. Aber

man mus darumb nicht gedencken, dieweil das warme Wasser solche kretz

heraus in die Haut treibet, das es dieselbe auch auffbeisse.“

[Sidenote: _Der Fresser_]

Das Aufbeißen der Haut war demnach nur eine besondere, mit starker

Entzündung derselben einhergehende Form des Badeausschlags, bei der der

Leib offen war und die böse Materie herausfloß. Nach ~Sommer~ sollte

man am Tag bis zwölf Stunden baden, die Kranken taten es aber bis zwei

Tage und Nächte hintereinander und darüber. Daß bei diesem langen

Baden der Ausschlag stärker ausfiel als bei fünfstündigem am Tag, ist

selbstverständlich, im Gegensatz zu allen anderen Bädern geschah dies

aber in Karlsbad nicht im warmen, sondern im lauen oder gar kalten

Wasser; denn Sommer kämpft gegen die Ratschläge der Wirte, daß die

Gäste kalt baden sollten, wenn ihnen auch die Haut darüber schauern

möchte, sagt aber selbst: „Da aber einer mit dem baden, vnd auffbeissen

eilen wolte, sol er das Wasser nicht alle tage auslassen, sondern ein

drey, oder vier tage lassen stehen, denn wenn es stehet (also doch kalt

ist!), wird es scherffer, vnd beisset die Haut desto eher auff.“

[Sidenote: _Eigenart des Karlsbader Wassers beim Baden_]

Das Karlsbader Wasser muß also ganz besondere Eigenschaften haben;

denn allgemein galt, das warme Wasser „beisse die Haut auff, vnd

mache sie schwürich, welches doch nicht ist,“ wie ~Sommer~ auf Grund

seiner Erfahrung in Karlsbad annimmt, „sondern wie zuuor vormeldet,

das warme Wasser machet widerumb gantz vnd heilet“. Ausnahmen kämen

allerdings vor. Man war damals verschiedener Meinung über die Ursache

der eigenartigen Wirkung. „Die erste vrsach, warumb das lalichte wasser

auffbeisset“, schreibt ~Sommer~, „stehet inn des Alauns, Vitriols, vnnd

Salpeters scherffe, welche mineren im warmen Wasser, wenn es lalicht

worden, gar krefftiger wircken. Denn so das Wasser warm ist, so werden

die theil der vorbenandten mineren zurstrewet, vnd etwas stumpffer, das

sie nicht so thetig in warmen, als in lalichten wasser sein können.

Wenn aber wie gesaget, das wasser lalichter ist worden, werden sie

etwas scherffers vnd thetigers, dieweil die hitze (welche die jetzt

bemelten mineren etwas vndüchtig gemacht) dem wasser entgangen ist. Die

ander vrsach ist, das keine fettigkeit mehr vorhanden ist, vom Kalch

weisser vnd roter Erden, wie wir oben Bergröte vnnd Bergweisse genandt

haben. Denn wenn die zehen feuchtigkeiten durch die hitze im wasser

allent halben beysammen vnd gantz bleibet, vnd nicht durch den Braden

vnd das auskülen von dem Wasser abgesondert werden, so dempffen sie die

obbemelte mineren das sie jre kreffte, nicht haben vnd wircken können,

denn die fettigkeit drückt vnter die scherff der jetzt benandten

mineren. Wenn sich aber solche zehe vnd schleimichte fettigkeit, durch

das ausbrednen verliret (welches geschieht, wenn das Wasser kalt

wird) werden die Mineren, so von der zehen fettigkeit frey sein, viel

krefftiger vnnd thetiger. Vnnd aus diesen zweyen vrsachen beisset das

kalte Wasser die haut auff, nemlich weil die hitz dem Wasser entgangen

vnd fettigkeit des kalchs, Schwefels, Bergröt, vnd Bergweis durchs

ausbrednen zerstrewet, welche fettigkeit zuuor, da das Wasser warm war,

bemelte mineren krafft vnd wirckung gedempfet hat.“ Im gleichen Sinne

erklärt er, warum das warme Wasser die Haut wiederum zuheile.

~Sommer~ hat an der Wahrheit wohl nicht allzuweit vorbeigeschossen,

wenn er die Wirkung verschieden temperierter Bäder von Karlsbader

Wasser dem verschiedenen Verhalten der mineralischen Bestandteile

zuschreibt. Vielleicht kann uns heute die physikalische Chemie darüber

aufklären, warum die mineralischen Bestandteile des Karlsbades in

heißem Wasser weniger reizend als in lauem oder kaltem wirken.

[Sidenote: _Trinkkuren_]

~Sommer~ wandte sich gegen den gleichzeitigen Gebrauch einer Trink-

und Badekur. Manche tranken einen Tag, den anderen badeten sie, andere

tranken früh und badeten am Nachmittag, und wieder andere hatten den

bösesten Brauch, im Bade Mineralwasser zu trinken. Sechs oder sieben

Tage sollte die Trinkkur betragen, an die sich die Badekur, wenn

vonnöten, anzuschließen hatte.

[Sidenote: _Duschen / Dampfbäder in Karlsbad_]

Eingehends handelt ~Sommer~ von der „Trefft“ (Dusche), die, wie wir ja

sahen, in Karlsbad reichliche Anwendung fand. Die „Stuffen“ (Dampfbäder

über den Quellen) waren aber noch nicht in Gebrauch. ~Sommer~ machte

Vorschläge zur Errichtung derselben[684].

[A] „~Westenrieder~ nennt diese Hütte eine armselige, unbehülfliche,

modernde, traurige und gefahrvolle und sagt, daß die Fußböden und

Stubenwände so dünn sind und hörig, daß man jeden leisen Tritt

über sich wie ein Geklapper, jede leise Bewegung und Stimme eines

Gastes neben sich, als stünde er vor uns, vernehmen kann; ferner

daß fast keine Stube mehr in ihrer ursprünglichen, rechtwinkligen

Lage, sondern die meisten sichtlich verschoben und auf einer Seite

bedeutend abhängig, endlich daß die alten Treppen stark gespalten

und so wie die Abtritte, welche in der freien Luft über Abgründen

schweben, das tief unten vorbeischäumende Wasser erblicken lassen.

Und diese Beschreibung, wer wundert sich darüber nicht! paßt heute

(1832) nach zwanzig Jahren noch aufs genaueste! — ~Blumauer~ sagt in

seiner Epistel vom Jahre 1785:

............... die Fenster alle

Stehn mit dem Wind Jahr aus Jahr ein

Dem Ansehn nach in förmlichen Tractaten,

Ihm stets den Durchgang zu gestatten.“

LITERATUR

1. +Tacitus+, Germania. Die Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit.

Die Urzeit. Bd. 1. Berlin, 1849.

2. +Alpenpost+. Bd. 7. Zürich, 1874.

3. +Heyne+, Fünf Bücher deutscher Hausaltertümer. Bd. 1

(Wohnungswesen), Bd. 3 (Körperpflege und Kleidung). Leipzig, 1899 u.

1903.

4. +Schreger+, Balneotechnik oder Anleitung, Kunstbäder zu bereiten und

anzuwenden. Fürth, 1803.

5a. +Retzius+, Finland i nordiska museet; några bidrag till

kannedomen om finnarnes gamla odling (Bidrag till vår odlings häfder ut

gifna af Artur Hazelius. I.). Stockholm, Beijers Förlag, 1881.

5b. Dasselbe Buch, übersetzt von +Appel+. Berlin, 1885.

6. Badenfahrt von +Thomas Murner+. Neudruck nach der Ausgabe Straßburg

1514. Mit Erläuterungen insbesondere über das altdeutsche Badewesen

von +Martin+. Straßburg, 1887. Beiträge zur Landes- und Volkskunde von

Elsaß-Lothringen. Bd. 1. Straßburg, 1889.

7. +Kochendörffer+, Zum mittelalterlichen Badewesen. Zeitschrift für

deutsche Philologie. Bd. 24. Halle, 1892.

8. +Keller+, Bauriß des Klosters St. Gallen vom Jahr 820. Zürich, 1844.

9. Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten, Landen vnd Völckeren

Chronick wirdiger thaaten beschreybung .... Durch +Johann Stumpfen+.

Zürych, 1548.

10. +Herbords+ Leben des Bischofs +Otto von Bamberg+. Übersetzt

von +Prutz+. Die Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit. XII.

Jahrhundert. Bd. 6. Berlin, 1869.

11. Die +Stretlinger Chronik+. Herausgegeben von +Baechtold+.

Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz. Bd. 1.

Frauenfeld, 1877.

12. +Fastnachtspiele+ aus dem 15. Jahrhundert. Bibliothek des

litterarischen Vereins in Stuttgart. Bd. 28, 29, 30 und Nachlese Bd.

47. Stuttgart, 1853 und 1858.

13. +Ekkeharti+ (IV.) Casus sancti Galli, herausgegeben von +Meyer

von Knonau+. Mitteilungen zur vaterländischen Geschichte. Heft 15

und 16. St. Gallen, 1877. — Deutsch von +Meyer von Knonau+. Die

Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit. X. Jahrhundert. Bd. 11.

Leipzig, 1878. Dort Bruchstücke aus Cod. Nr. 915 (lat. Mitteilungen

usw. Heft 11).

14. +Stephani+, Der älteste deutsche Wohnbau und seine Einrichtung. Bd.

2. Leipzig, 1903.

15. Der +Mönch von St. Gallen+ über die Taten Karls des Großen.

Übersetzt von +Waltenbach+. Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit.

IX. Jahrhundert. Bd. 13. Berlin, 1850.

16. +Zappert+, Über das Badewesen mittelalterlicher und späterer Zeit.

Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen. Bd. 21. Wien, 1859.

17. +von Arx+, Geschichten des Kantons St. Gallen. St. Gallen,

1810–1813.

18. +Sach+, Deutsches Leben in der Vergangenheit. Halle, 1890 u. 1891.

19. +Grimm+, Deutsche Mythologie. 4. Ausgabe von +Meyer+. Berlin und

Gütersloh, 1877.

20. +Scheuchzer+, Beschreibung der Naturgeschichten des Schweizerlands.

Zürich, 1706–1708.

21. Von dem Bad Pfeffers. Gelegen in ober Schweitz, von seinen

tugenten, krefften, vnd wirckung, vrsprung vnd herkommen, Regiment

vnd ordinantz. Durch den hochgelehrten, vnd erfarnen baider artzney

Doctorem Philippum Theophrastum +Paracelsum+. Getruckt zů Straßburg,

bey Christian Müller, MDLXXI.

22. Gvilhelmi +Fabricii Hildani+ ... Consilivm: In quo de conservanda

valetudine, item, de thermis Vallesianis, et acidulis Griesbachcensibus

... agitur. Accessit epistola ..., in qua de thermis Piperinis, et

nonnullis aliis, lectu dignis, agitur. Francofvrti, MDCXXIX.

23. +Brügger+, Ostrhätische Studien zur Geschichte des Badelebens,

insbesondere der Kurorte Bormio und St. Moritz. Zürich, 1863.

24. +Uhland+, Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder. Bd. 1. Abt. 2.

Stuttgart und Tübingen, 1845.

25. +Regimen Sanitatis+. Dis ist das Regiment der gesuntheit durch

all monat des gantzen iors wie man sich halten soll mit essen vnd

trincken vnd ouch von lossen u. Impressum Argentine per Mathiam Brant

im Rosengarten u. Anno dni. im V. ior (1505).

26. Ein +kalender+ mit sinem nüwen vnd stunden vs des hochgelerten

doctor iohannis +kung+ (Kungsberger) sunst vil subtiler sachen mit vil

figuren.... Getruckt in der keiserlichen statt +Zürich+ durch +Hansen

am wasen+ ... 1508.

27. Johann Wilhelm +Simlers+ Teutscher Getichten die vierte, von Ihme

selbsten und auß hinterlassenen Schrifften um einen Viertheil vermehrt-

und verbesserte Außfertigung. Zürich, 1688.

28. +Wackernagel+, Das deutsche Kirchenlied. Stuttgart, 1841.

Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen · 第 46 / 53 段