Im Begriffe fortzugehen, stieß ich im Wartezimmer des Direkt

Eine

Reise nach Freiland.

Von

Theodor Hertzka.

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Vorwort.

Zunächst das Geständnis, daß dieses Büchlein eine Tendenzschrift im

schlimmsten Sinne des Wortes ist. Unter dem Deckmantel der Unterhaltung

und Belehrung will sie den Leser nicht bloß für eine bestimmte Meinung,

sondern geradezu für bestimmte Handlungen gewinnen, sie hat es nicht

bloß auf seinen Geist und sein Herz, sondern auf seine Entschlüsse und

seinen Geldbeutel abgesehen.

Wohl dürften die meisten -- an diese Stelle angelangt -- mit überlegenem

Lächeln sich sagen, der allzu gewissenhafte Autor hätte diese Warnung

sparen können; die Gemüter sowie die Geldbeutel seien heutzutage viel zu

gut verwahrt, als daß es noch so aufdringlicher Tendenz leichthin

gelingen könnte, sich ihrer zu bemächtigen. Wenn ich hinzufüge, daß das

Unternehmen, zu welchem ich thatkräftige Mitwirkung durch diese Schrift

gewinnen will, nicht mehr und nicht weniger ist, als die Schaffung eines

Gemeinwesens der socialen Freiheit und Gerechtigkeit, d. i. eines

solchen, welches jedermann den vollen und ganzen Ertrag der eigenen

Arbeit bei unbedingter Wahrung seines freien Selbstbestimmungsrechtes

gewährleisten soll, dann wird wahrscheinlich besagtes überlegene Lächeln

eine leise Beimischung von Mitleid erhalten, und wenn ich vollends

gestehe, daß dieses Eldorado in den Hochlanden Afrikas just unter dem

Äquator geplant ist, so dürfte es wohl wenige geben, welche die

Zumutung, sie könnten derart überspannte Phantasien ernsthaft nehmen,

nicht als beleidigenden Zweifel in ihre Bildung, in ihren gesunden

Menschenverstand, ja in ihre Zurechnungsfähigkeit auffassen würden. Der

Autor möge nur ruhig sein, so höre ich sie ausrufen; Utopien dieser Art

liest man -- falls sie unterhaltend geschrieben sind -- um sich über

eine müßige Stunde hinwegzuhelfen, und damit holla!

Aber der verständige Leser irrt! Ich spreche aus Erfahrung! Dieses

Büchlein ist nämlich nicht das erste, das ich zu gleichem Zwecke

geschrieben. Vor vier Jahren veröffentlichte ich »Freiland, ein sociales

Zukunftsbild«, von welchem er vielleicht dunkle Kunde bereits vernommen.

Nun denn, die bisher erschienenen neun deutschen und zahlreichen

fremdsprachlichen Auflagen dieses Werkes verlockten tausende und

abertausende von Männern und Frauen aus allen Teilen der bewohnten Erde

und aus allen Ständen, vom reichsunmittelbaren Fürsten bis zum einfachen

Arbeiter zu dem Entschlusse, auszuführen, was in ihm geschildert ist; in

achtundzwanzig Städten Europas und Amerikas haben sich Vereine zum

Zwecke der freiländischen Propaganda gebildet, Gelder wurden zur

Verfügung gestellt, eine Vereinszeitschrift[1] gegründet, an der

ostafrikanischen Küste sind der Gesellschaft zur Anlage von

Etappenstationen geeignete Ländereien geschenkt worden und alle

Vorbereitungen zu praktischer Inangriffnahme des großen Werkes sind im

Zuge.

Und die Erklärung dieses seltsamen Unterfangens, die Traumgebilde eines

Buches zu verwirklichen? Sie liegt darin, daß dieses Traumgebilde den

Stempel höchster innerer Wahrhaftigkeit trägt, daß es buchstäblich

verwirklicht werden kann, sofern sich nur eine genügende Anzahl

thatkräftiger, von Mitteln nicht allzusehr entblößter Menschen in diesem

Entschlusse zusammenfindet und daß damit vollbracht wäre, was

Jahrtausende hindurch den edelsten Geistern unseres Geschlechts als Ziel

all ihres Denkens, Kämpfens und Leidens vorgeschwebt. Der Verfasser von

»Freiland« maßt sich nicht an, weiser, scharfsinniger oder mutiger zu

sein als diese großen Vorfahren, indem er zur That machen will, was jene

bloß ersehnten; aber er zeigt, daß und warum nunmehr möglich, ja

notwendig geworden, was im bisherigen Verlaufe der menschlichen

Entwickelungsgeschichte unmöglich gewesen. »Freiland«, so behauptet er,

ist nichts anderes, als das Schlußkapitel jenes großen Erlösungswerkes,

an welchem die Menschenfreunde aller Generationen mitgearbeitet.

[Fußnote 1: »Freiland, Organ der Freilandvereine«, Wien VIII., Lange

Gasse 53.]

Für diese erlösende That neue Helfer zu gewinnen, das ist die

ausschließliche Absicht auch des vorliegenden Büchleins. Der Leser wird

darin nach Freiland geführt, als ob es schon bestände, in der Erwartung,

daß die Einrichtungen, die ihm dort vor das geistige Auge treten, den

Entschluß in ihm erwecken, das Seinige zu möglichst rascher und

großartiger Verwirklichung dieses Gemeinwesens der Freiheit und

Gerechtigkeit beizutragen. In welcher Weise diese Verwirklichung vor

sich gehen soll, oder vielleicht schon vor sich geht -- denn möglicher-,

ja wahrscheinlicherweise sind die ersten freiländischen Pioniere bereits

unterwegs, wenn die »Reise nach Freiland« die Presse verläßt --, muß in

meinem oben erwähnten früheren Werke[2] nachgelesen werden; nur so viel

sei hier nochmals versichert, daß der äußere Schauplatz wie die innere

Begründung der im nachfolgenden geschilderten, überaus einfachen

Begebenheiten in allen Stücken der nüchternsten Wahrheit entspricht. Die

Alpenlandschaften des Kenia sind thatsächlich jenes irdische Paradies,

als welches sie sich hier dargestellt finden, und die Menschen, die ich

handelnd und redend auftreten lasse, sie handeln und reden zwar

einstweilen nur in meiner Phantasie, aber alles, was sie thun und was

sie sprechen, folgt den Gesetzen der nüchternsten Notwendigkeit.

Freiland ist zur Stunde, wo ich dies schreibe, noch nicht gegründet;

aber wenn es gegründet sein wird, kann in ihm nichts wesentlich anderes

geschehen als was die »Reise nach Freiland« ihren Lesern erzählt.

Und zum Schlusse noch eines.

Ich habe in meiner Geschichte einen Professor der Nationalökonomie als

Kritiker der freiländischen Einrichtungen auftreten und seine

Bemängelungen durch meine Freiländer widerlegen lassen. Es könnte nun

scheinen, als ob in dieser Figur ein Popanz vorgeführt würde, der

möglichst durchsichtige Irrtümer eigens zu dem Zwecke vorzubringen habe,

um der freiländischen Sache zu wohlfeilen Siegen zu verhelfen; dem ist

jedoch nicht so. Zwar die Person besagten Professors lebt nur in der

Vorstellung des Verfassers, dagegen ist alles, was er sagt, wörtlich in

den gegen »Freiland« gerichteten gelehrten Kritiken zu lesen. In der

Vorrede zu meinem erwähnten früheren Buche hatte ich nämlich in

Anbetracht des Umstandes, daß selbiges in erzählender Form ein Bild der

wirklichen socialen Zukunft zu bieten den Anspruch erhebe, die

fachmännische Kritik aufgefordert, es in allen seinen Teilen der

strengsten Prüfung zu unterziehen. Dieser Aufforderung wurde denn von

seiten meiner Fachgenossen in ausgiebigstem Maße entsprochen; zahllose

Artikel in den großen Tagesblättern, in gelehrten Fachzeitungen und

Broschüren haben sich mit »Freiland« teils zustimmend, teils tadelnd

beschäftigt, und was ich nun meinem Professor Tenax in den Mund lege ist

nichts anderes, als eine Blütenlese aus den gegnerischen Recensionen.

Dabei darf ich versichern, daß es nicht die schlechtesten, sondern die

besten Argumente der Gegner sind, die sich hier behandelt finden; ich

habe nichts übergangen, was irgend durch das persönliche Gewicht des

Kritikers oder durch den leisesten Anschein innerer Berechtigung

Anspruch auf Berücksichtigung haben mochte, und ebenso nichts

aufgenommen, was nicht unter dem einen dieser beiden Gesichtspunkte

Beachtung erforderte. Ich habe nichts erdichtet und nichts verschwiegen,

und wenn der unbefangene Leser finden sollte, daß die Angriffe, die mein

Professor Tenax gegen die freiländische Sache richtet, durchaus danach

angethan sind, deren Unanfechtbarkeit erst recht in helles Licht zu

setzen, so wird dies ein Erfolg sein, den ich nicht mir, sondern meinen

Kritikern verdanke.

[Fußnote 2: »Freiland, ein sociales Zukunftsbild« von Theodor Hertzka.

Erste vollständige Ausgabe bei Duncker und Humblot, Leipzig; die

folgenden Ausgaben bei E. Pierson, Dresden und Leipzig.]

_Wien_, 1893.

Theodor Hertzka.

Erstes Kapitel.

Warum ich auswanderte.

Jetzt hält mich nichts mehr; mein Entschluß steht fest; ich ziehe nach

Freiland!

Warum? -- Meine guten Freunde sagen, weil ich ein überspannter Phantast

sei, ja, ich vermute, daß es, wenn ich nicht dabei bin, kürzer und

einfacher heißt: »weil er ein Narr ist.«

Ob sie nicht vielleicht recht haben?

Wenn in allen Stücken anders denken, als alle andern, närrisch sein

heißt, dann bin ich ein Narr. Denn ich denke wirklich in allen, zum

mindesten in allen wichtigen Stücken anders, als meine Bekannten und

Freunde, deren ich, da ich reich bin, eine erstaunlich große Zahl

besitze. Und sie alle halten mich für glücklich, beweisen mir täglich

mit unwiderleglichen Gründen, daß ich es sei, während ich -- und das ist

eben meine fixe Idee -- mich tief unglücklich fühle. Nicht etwa, daß ich

den Spleen hätte; bewahre! Ich bin voll Lebensdrang und von Natur aus

heiteren Gemütes; dabei jung, gesund und wie schon gesagt, reich,

besitze ein angenehmes Äußere und meine Erfolge in der »Gesellschaft«

lassen so wenig zu wünschen übrig, daß ich bis vor wenigen Stunden der

vielbeneidete Bräutigam eines der schönsten, gebildetsten und

liebenswürdigsten Mädchen aus einer der ersten Familien unserer Stadt

war.

Wenn der scharfsinnige Leser hier die Schlußfolgerung zieht, daß ich zur

Stunde, wo ich dieses schreibe, nicht mehr Bräutigam dieser schönen,

gebildeten und liebenswürdigen Dame aus vornehmem Hause sei, so hat er

richtig geraten; wenn er aber weiter kombinieren sollte, daß vielleicht

dieser Verlust mich in so weltschmerzelnde Stimmung versetze, so irrt

er. Mein Weltschmerz trägt die Schuld, daß ich meine Braut verlor, aber

der Abschied, den mir meine Braut gab, ist ganz und gar unschuldig an

meinem Weltschmerz. Im Gegenteil; ich darf behaupten, daß ich mich

ruhiger, hoffnungsvoller fühle, seitdem mich mein zukünftig gewesener

Schwiegervater für einen unverbesserlichen Faselanten erklärte, der sich

hinfort seine Tochter aus dem Kopfe schlagen möge, und diese Tochter,

unter Thränen, aber deshalb nicht minder entschieden, ihm Zustimmung

genickt hatte. Aber auch gegen die Auffassung muß ich mich verwahren,

als ob mir meine Braut gleichgültig gewesen, es sich zwischen ihr und

mir wohl gar um eine bloße Konvenienzehe gehandelt, bei welcher

gesellschaftliche Stellung und Vermögen die Hauptsache, die Personen

bloßes Beiwerk gewesen. Zwar auf der andern Seite -- darüber gab ich

mich keinen Augenblick einer Täuschung hin -- waren meine äußeren

Glücksumstände wohl stets das ausschlaggebende; meiner Braut und ihrer

ganzen Familie wäre es sicherlich nicht beigefallen, an eine Verbindung

mit mir zu denken, auch wenn ich tausendfach klüger, hübscher, gelehrter

wäre, als thatsächlich der Fall, dabei aber nicht genügendes Vermögen

besäße; indessen gerade der Anlaß des Bruches beweist, daß ihnen denn

doch auch meine persönlichen Eigenschaften nicht ganz gleichgültig

erschienen, denn nur um diese, nicht um meine Glücksumstände hatte es

sich bei der Lösungskatastrophe gehandelt. Und was vollends _meine_

Gefühle betrifft, so kann ich mit gutem Gewissen versichern, daß

dieselben stets nur den persönlichen Tugenden und Reizen meiner

Verlobten galten. Für »ewig« hatte ich meine Liebe selber niemals

gehalten; doch wer mir gestern gesagt hätte, daß ich auf dieses

schönheitstrahlende Geschöpf verzichten könnte, ohne in gelinde

Verzweiflung zu verfallen, den hätte ich für einen schwarzen Verläumder

erklärt. Aber Thatsache ist eben, daß mich der Bruch dieses Verlöbnisses

wunderbar gleichgültig läßt, ja daß ich eine sonderbare Genugthuung und

Beruhigung darob empfinde. Mir ist zu Mute, als ob ich einer Fessel

ledig wäre, als ob ich meinem ureigensten Selbst wiedergegeben sei und

jetzt erst thun könne und müsse, was ich längst hätte thun sollen und

eigentlich, ohne mir selbst klar darüber geworden zu sein, längst

gewollt.

Doch mit all dem habe ich immer noch nicht gesagt, worin mein Unglück,

oder das, was ich dafür halte, zu suchen sei. Es ist -- fast schäme ich

mich, es zu gestehen -- das Elend anderer Leute. Ich leide, weil

Menschen, die mich offenbar gar nichts angehen, hungern und frieren, in

Not und Entwürdigung schmachten. Ich werde den Gedanken nicht los, daß

es meine Pflicht wäre, ihnen irgendwie zu helfen, trotzdem sie durchaus

keinen andern Anspruch auf mein Mitgefühl besitzen, als die Thatsache,

von einem menschlichen Weibe geboren zu sein, gleich mir. Und das ist

nicht etwa ein kühler, nüchterner Gedanke, der durch die Vorstellung,

daß sich diesen Elenden eben nicht helfen lasse, leicht zum Schweigen zu

bringen wäre, sondern ein brennendes, stürmisches Begehren, welches

allen Einschläferungsversuchen standhält. Der leckerste Bissen wird mir

vergällt, wenn ich, indem ich ihn zum Munde führe, zufällig daran denke,

daß Mitmenschen, die durchaus für meinesgleichen zu halten ich mir nun

einmal in den Kopf gesetzt habe, Mangel am Notwendigsten leiden, während

ich prasse. Meine krankhafte Phantasie gaukelt mir in solchen Momenten

allerlei aberwitzige Vorstellungen von hohläugigen, verschmachtenden

Männern, Weibern und Kindern vor, und gesellt sich dazu noch die

Einbildung, daß diese Ärmsten vielleicht gerade diejenigen sind, die den

Schweiß ihres Angesichtes und das Mark ihrer Knochen daransetzen mußten,

dasjenige hervorzubringen, was zu genießen ich mich anschicke, so wird

mir, als röche ich diesen Schweiß, als schmecke meine Zunge das Mark --

und mit dem behaglichen Genießen ist es natürlich vorbei. Ähnlich ergeht

es mir mit all den guten und schönen Dingen, die ich mir kraft meines

Reichtums verschaffen kann, und deren sich andere, normal veranlagte

Menschen harmlos erfreuen; mir grinst aus ihnen allen die Marter um ihr

Recht am Leben betrogener Mitmenschen entgegen.

Und wenn es dabei noch sein Bewenden hätte! Aber der Quälgeist in meinem

Gemüte macht mich verantwortlich für die Laster und Verbrechen anderer.

»Jener Dieb, den sie heute eingefangen,« so raunt er mir zu, »hätte sich

niemals gegen die Gesetze vergangen, wenn ihm diese die Möglichkeit

ließen, sich und die Seinen ehrlich zu ernähren; du aber bist es, der

Vorteil aus diesen Gesetzen zieht. Der Raubmörder, den sie morgen henken

werden, er hat seine That aus Not begangen; du mit den deinen, ihr

schuft seine Not! Das Mädchen dort an der Straßenecke, das seinen Leib

um Geld feil hält, es wäre glückliche Gattin und Mutter, hättet ihr den

Mann, der sie liebte, nicht gehindert, eine Familie zu gründen!«

Und so erfolgreich waren diese unablässigen Einflüsterungen, daß der

Dämon mich endlich dahin brachte, Redensarten wie: »Liebe deinen

Nächsten wie dich selbst« oder: »Was du nicht willst, daß man dir thu',

das füg' auch keinem andern zu,« buchstäblich zu nehmen und mich mit dem

Gedanken ihrer Ausübung zu beschäftigen, als ob nicht jeder Gebildete

wüßte, daß sie nur da sind, damit empfindsame Gemüter sich an der

Erhabenheit ihres Inhaltes erbauen, nicht aber, damit man danach handle.

Wohin kämen wir, wollten wir unsern Nächsten wirklich lieben _wie uns

selbst_? Wir leben im Zeitalter der Humanität und leisten an

Nächstenliebe ohnehin das Menschenmögliche; aber: »wie sich selbst«, das

hieße ja: »wie ein Wesen derselben Art, desselben Rechts an das Leben,

wie wir, also nicht wie unsere Haustiere, die wir ausnützen, als bloße

Mittel zu unseren Zwecken behandeln.« Oder: »Andern nicht zufügen, was

man nicht wolle, das einem selber geschehe!« Kann ich wollen, daß andere

mich zum Tragen ihrer Lasten gebrauchen? Sicherlich nicht. Also dürfte

ich auch andere nicht zum Tragen meiner Lasten gebrauchen?

Zum Entsetzen all meiner wohlgesinnten Freunde schrecke ich selbst vor

dieser äußersten Konsequenz nicht zurück. Die erprobtesten

Vernunftgründe scheitern an meiner Verblendung. Das möge dem Ideale der

Gerechtigkeit entsprechen -- so wird mir vorgehalten --, wenn wir aber

allesamt an der Last dieser Welt gleichmäßig mitzutragen hätten, dann

wäre das unvermeidliche Ergebnis, daß wir allesamt hart beladene, arme

Teufel blieben, was nicht bloß ein schlechter Tausch für die Wenigen

wäre, die in der angenehmen Lage sind, ihre Last den Vielen aufzubürden,

sondern schließlich auch für diese Vielen selbst. Denn allgemeine Armut

bedeute ja Stillstand der Kultur, Barbarei; die Kultur aber sei es, was

uns die Mittel zu Erleichterung der Lasten des Lebens an die Hand gebe,

mit andern Worten, der ausgebeutete Arbeiter der Kulturwelt sei immer

noch besser daran, als der Wilde.

Und was antworte ich auf diesen grundgelehrten, von tiefster Einsicht in

den Zusammenhang aller Dinge Zeugnis ablegenden Vorhalt? Bin ich gerührt

vom Opfermute jener Edlen, die sich lediglich im Interesse des

Kulturfortschrittes dazu hergeben, zu genießen, was das Ergebnis der

Arbeit anderer ist? Keineswegs. Ich frage mit teuflischem Hohne, wozu

wir denn all die herrlichen Erfindungen der Neuzeit, auf die wir so

stolz sind, gemacht hätten, wenn nicht dazu, den _Elementen_ jene Last

aufzuerlegen, die wir gestützt allein auf die eigene Kraft allerdings

nicht ohne Schaden für die Kultur gerecht verteilen könnten? Ob wir den

Wolken ihren Blitz, der Unterwelt ihr Feuer bloß deshalb geraubt, damit

aus zahllosen Schloten möglichst dichter Kohlendampf als süßer Opferduft

gen Himmel steige? Ob das vielleicht der Weihrauch sei, mit dem wir

unserem Götzen »Mammon« räucherten? Denn einen andern Zweck unseres

sogenannten Fortschritts vermochte ich bisher nicht zu entdecken. Keines

arbeitenden Menschen Plage sei zur Stunde durch die Riesen »Dampf« und

»Elektrizität« erleichtert worden, ja das Elend von Millionen werde nur

desto ingrimmiger und bitterer, je höher unsere Kunst wachse, Überfluß

zu erzeugen. Und ob denn die Menschheit wirklich so blödsinnig geworden

sei, das alles für selbstverständlich und unabänderlich zu halten, eine

Gedankenlosigkeit, von welcher frühere Jahrhunderte und Jahrtausende

frei gewesen. Zwar, daß Elend und Knechtschaft notwendig seien, habe man

vor Zeiten ebenso geglaubt als gegenwärtig, aber man habe wenigstens

gewußt, warum man das glaubte und auch recht klare Vorstellungen darüber

genährt, was geschehen müßte, damit Elend und Knechtschaft überwunden

würden. Schon Plato und Aristoteles hätten gelehrt, daß die Knechtschaft

in dem Unvermögen begründet sei, Reichtum und Muße für alle zu erzeugen.

»Wenn das Weberschiffchen ohne Weber läuft und der Pflug ohne Stier sich

bewegt, dann werden alle Menschen frei und gleich sein --« erklärte

Aristoteles. Und ganz im gleichen Sinne, nur viel bestimmter noch, habe

sich zwei Jahrtausende nach dem großen Griechen Bacon von Verulam, der

Begründer der modernen Naturwissenschaften, ausgesprochen. Er habe

prophetischen Blicks die Zeit kommen sehen, wo die Elemente alle grobe

aufreibende Arbeit für den Menschen verrichten würden, und als

selbstverständliche Folge davon vorhergesagt, daß Knechtschaft und Elend

aus der Welt verschwinden. Nun denn, diese Zeit sei gekommen, das

Weberschiffchen bewege sich ohne den Weber, der Pflug ohne den Stier,

die Elemente seien bereit, alle grobe aufreibende Arbeit für den

Menschen zu verrichten; das Geschlecht aber, das all das erlebt und das

dreimal selig zu preisen wäre, wenn es zu nützen wüßte, was ihm zu teil

geworden, es verschließe seine Augen gegen die einzig vernünftige

Bedeutung des unermeßlichen Heils, glaube noch immer der Knechtschaft zu

bedürfen und verurteile sich damit selber zum Elend.

Nur freilich, wie man es anzustellen habe, um die Menschheit dieses

Heils teilhaftig werden zu lassen, darüber hatte ich, trotz meines

Dämons, lange Zeit keinerlei klare Vorstellung. Daß die kommunistischen

und anarchistischen Weltverbesserungspläne nichts taugten, begriff ich.

Die einen hätten die Erde in ein großes Zwangsarbeitshaus verwandelt,

die zweiten unmittelbar der Barbarei überantwortet. Ich wollte weder die

Freiheit noch die Ordnung missen -- wie beide zu vereinbaren wären,

wußte ich nicht, so felsenfest auch meine Überzeugung war, daß es

geschehen müsse und daher geschehen werde.

Da erstand Freiland, der Weg der Freiheit und Ordnung war gefunden und

mächtig drängte es mich, ihn zu betreten. Aber mein Wille war nicht

stark genug, um die Bande zu zerreißen, die mich hier festhielten. Ich

hätte eine alte Mutter und als diese gestorben war, eine reizende Braut

zurücklassen müssen; zu beidem fand ich nicht den Mut und nicht die

Kraft. Jetzt aber bin ich frei, frei wie der Vogel in der Luft, und das

ist folgendermaßen gekommen. Man erwarte hier keine hochromantische

Verwickelung; alles, was sich begab, ist so alltäglich als möglich, und

was für mein Verlöbnis zur trennenden Katastrophe geworden, würde die

meisten in meiner Lage sehr gleichgültig gelassen haben. Doch zur Sache.

Nach all dem, was ich dem Leser schon gebeichtet, wird er es erklärlich

finden, daß es meinem Geschmacke nicht entsprach, als vornehmer

Müßiggänger zu leben, wie mir mein Reichtum ermöglicht hätte. Nicht daß

ich mir einbildete, durch welche Thätigkeit immer innerhalb des Rahmens

der bestehenden Gesellschaft das Unrecht, welches deren Unterlage ist,

gutmachen oder auch nur mildern zu können. Ich wollte arbeiten,

ernstlich arbeiten lediglich aus dem Grunde, weil mir der Müßiggang

verächtlich erschien. Ich wählte daher einen Beruf und zwar den eines

Ingenieurs und bewarb mich nach beendigten Studien um eine entsprechende

Stellung. Meiner Verlobten und deren Eltern war das nicht recht, denn

sie meinten, daß für einen jungen Mann meines Reichtums und meines

gesellschaftlichen Ranges, wenn er schon durchaus »arbeiten« wolle, ein

anderer Beruf passender gewesen wäre. Indessen, da ich auf meinen Willen

bestand, ließ man mich gewähren. Aber die Anstellung verzögerte sich; es

verstrichen zwei Jahre und immer noch kam das erwartete Dekret nicht. Da

mengte sich der Vater meiner Braut in die Sache: Sicherlich hätte ich --

als unpraktischer Idealist, der ich nun einmal sei -- alles so verkehrt

als möglich angefaßt, da andernfalls ganz und gar unbegreiflich wäre,

daß man einen Mann von meinen »Konnexionen« so lange auf eine so

bescheidene Stelle warten lasse. Darauf antwortete ich, daß meine

Konnexionen mit meinem Anstellungsgesuche nichts zu thun hätten. Der

Amtsvorstand, mit dem ich in der Sache verkehrte, kenne mich nicht

näher, und da mein Familienname zu den häufig vorkommenden gehört, so

vermute der gute Mann offenbar nicht im entferntesten, daß es der

vornehme, reiche N. sei, der ihm die Ehre anthun wolle, unter seiner

Leitung Pläne zu zeichnen und Maschinen zu konstruieren.

Dieses Gespräch hatte vorgestern stattgefunden. Heute morgens brachte

mir ein Amtsdiener mein Bestallungsdekret ins Haus. Freudig überrascht

eilte ich in die Anstalt, um dem Direktor meine Dankesvisite

abzustatten. Er empfing mich mit freundschaftlichen Vorwürfen darüber,

daß ich gleichsam inkognito mich um ein Amt beworben und entschuldigte

sich geradezu, mich so lange warten gelassen zu haben. »Hätte Ihr

zukünftiger Schwiegerpapa mich nicht mit seinem Besuche beehrt,« meinte

er schmunzelnd, »so wüßte ich heute noch nicht, wer Sie sind.«

Mich ärgerte das nicht wenig. Ich hatte mir geschmeichelt, durch meine

Zeugnisse, die Beweise meines Fleißes und meiner Kenntnisse, etwas

erlangen zu können und sah mich nun durch meine »Konnexionen« ins Amt

gebracht. Allein die Sache war einmal geschehen und so machte ich denn

leidlich gute Miene zum bösen Spiel. Ich verabschiedete mich unter den

üblichen Höflichkeitsphrasen und hatte nur die Absicht, meinem

schwiegerväterlichen Freunde einige Vorwürfe wegen seiner unerbetenen

Einmischung zu machen. Allein es sollte anders kommen.

Im Begriffe fortzugehen, stieß ich im Wartezimmer des Direktors auf

einen Kollegen, den ich schon wiederholt hier getroffen und der, wie ich

wußte, gleichfalls auf Anstellung wartete -- nur, zum Unterschiede von

mir, nicht seit zwei, sondern schon seit vier Jahren. Ich erzählte ihm,

daß ich soeben eine Stelle erhalten hätte und bezeichnete dieselbe auf

Befragen genauer. Da verfärbte sich der Mann plötzlich und wäre, hätte

ich ihn nicht rasch aufgefangen, zu Boden gesunken. Peinlicher Ahnungen

voll forschte ich nach der Ursache dieses auffallenden Benehmens und

erfuhr denn, daß die mir zuteil gewordene Stelle gerade diejenige sei,

auf die man ihn seit Jahr und Tag vertröstete. Nun wußte ich, daß der

Bedauernswerte früher einmal schon Angestellter des nämlichen Instituts

gewesen, seinen Dienst auch zu voller Zufriedenheit versehen und nur

deshalb entlassen worden war, weil die Abteilung, in welcher er

beschäftigt gewesen, aufgelöst wurde. Dabei war der Mann verheiratet,

Vater von vier Kindern und während der langen Wartezeit allgemach ins

tiefste Elend geraten. Die letzte Habe war bereits gepfändet und die

Familie stand unmittelbar vor dem Hungertode. Das alles erzählte er mir,

mühsam die Worte hervorwürgend, und in seinen Augen flimmerte es seltsam

unheimlich, wie von Gedanken an Rasiermesser, Kohlendunst oder sonstige

Mittel des Selbstmordes.

Mein Entschluß war sofort gefaßt. Ich ersuchte den Ärmsten, mich zu

erwarten und ließ mich neuerlich beim Direktor melden. Diesem erklärte

ich in kurzen, dürren Worten, was ich erfahren, gab ihm mein Dekret

zurück und forderte ihn auf, die Anstellung dem älteren, besser

berechtigten Bewerber zuzuwenden. Er lachte mich aus. »Wenn Sie es nicht

werden, so giebt es andere Aspiranten in Fülle, die Ihrem Schützling

vorangehen. Ich selbst bedauere den armen Teufel, aber was soll ich

machen? Nicht weniger als sieben Bewerber um dieselbe Stelle werden von

unterschiedlichen einflußreichen Persönlichkeiten protegiert und sie ist

nur aus dem Grunde bisher nicht vergeben worden, weil diese

verschiedenen Einflüsse sich gegenseitig die Wage hielten. Ihre

Konnexionen gehen denen aller anderen entschieden vor; dies hat dem

Schwanken ein Ende gemacht. Sie blicken mich verächtlich und

zornsprühend an? Ja, vermuten Sie denn, daß mir Protektionskinder lieber

sind als verdiente Kollegen? Bin ich denn der Herr hier? Hänge ich nicht

selber ab von jenen Einflüssen, die bei dieser Anstellung spielen? Ließe

ich mir beifallen, gegen diese Gönnerschaften anzukämpfen, sie würden

sehr bald mich selber hinwegfegen. Glauben Sie mir, junger Freund, mit

den Wölfen muß man heulen, und wer es nicht ertragen kann, Hammer zu

sein, der wird sich gar bald als Ambos finden, auf den die anderen

loshämmern. Wenn Sie das nicht einsehen, taugen Sie nicht für unsere

Verhältnisse, und ich kann Ihnen nur den Rat geben, uns möglichst bald

den Rücken zu wenden.«

Ich erklärte dem weltklugen Geschäftsmann, dem ich im übrigen nicht

unrecht geben konnte, er möge es mit der Stelle halten wie er wolle und

könne, ich für meinen Teil verzichte endgültig auf dieselbe. Meinem

Mitbewerber erzählte ich draußen, was vorgefallen und händigte ihm eine

Summe ein, genügend groß, um ihn und seine Familie für längere Zeit vor

Not zu bewahren, gab ihm aber den wohlgemeinten Rat mit auf den Weg,

sein Bündel zu schnüren und nach Freiland auszuwandern.

Eine halbe Stunde später hatte ich eine Auseinandersetzung mit dem Vater

meiner Verlobten. Ich wollte ihm seine unberufene Einmischung vorhalten;

kaum aber hatte er erfahren was geschehen, als er den Spieß umkehrte und

mich mit den heftigsten Vorwürfen überschüttete. Ich sei ein durchaus

unzurechnungsfähiger, für den »Ernst des Lebens« schlechthin

unbrauchbarer Mensch; längst schon habe er es bereut, seine Einwilligung

zur Vermählung seines Kindes mit solchem Faselanten erteilt zu haben;

nunmehr aber wäre seine Langmut zu Ende; ich möge mich zum T.....

scheren und meine Menschenfreundlichkeit anderswo an den Mann bringen.

Der Engel, dem ich mich hatte verbinden wollen, war Zeuge dieser Scene.

Einen Augenblick lang hoffte ich, die Erwählte meines Herzens für mich

Partei nehmen zu sehen. Es geschah nicht; im Gegenteil, sie stand auf

Seite des Vaters und versuchte bloß schüchtern, auf mildernde Umstände

für mich zu plaidieren. Ich sei noch jung, meinte sie, eine

augenblickliche Gefühlswallung habe mich wohl übermannt und man dürfe

die Hoffnung nicht aufgeben, daß ich, durch Schaden klug geworden,

hinkünftig derlei Thorheiten unterlassen würde. Als ich aber erklärte,

mit gutem Vorbedachte gehandelt zu haben, als ich hinzufügte, ich müßte

mich verachten, wenn ich jemals anders handeln könnte, da kehrte sie mir

geringschätzig den Rücken.

Als sie sah, daß ich mich, ohne Buße zu thun, zum Abschied anschicke,

machte sie zwar noch einen Versuch, mich unter Thränen und Beschwörungen

festzuhalten. Aber der Kehrreim all ihrer Bitten war immer und immer

wieder, ich möge doch endlich ein »vernünftiger Mensch« werden,

aufhören, mich um fremder Leute Angelegenheiten zu kümmern. Der Zauber,

der mich an das anmutige Geschöpf bis dahin gebunden, war gründlich

zerstört; ich erkannte, daß es eine gemütlose Puppe gewesen, der ich

gehuldigt. Was ich anfangs als Opfer meiner Überzeugungstreue angesehen

-- der Bruch mit ihr -- das nahm, je mehr sie sprach und weinte, mehr

und mehr die Gestalt einer Belohnung an. Ich sah, meine Handlungsweise

hatte mich davor bewahrt, Opfer eines Irrtums zu werden, den ich bei

Auswahl meiner zukünftigen Gattin begangen. Das merkte endlich der

Gegenstand meiner einstigen Zärtlichkeit selber; ich erhielt unter

zornigen Worten meinen Abschied.

So ist das letzte Band, das mich festhielt, gerissen. Meine

Angelegenheiten hier werden in wenigen Tagen geordnet sein und dann auf

nach Freiland!

Zweites Kapitel.

Die Reise.

Ich wählte für die Reise nach Freiland ein freiländisches Schiff. Es

flößte mir zwar einiges Bedenken ein, daß auf den Riesendampfern, welche

dieser Staat seit einer Reihe von Jahren zwischen der ostafrikanischen

Küste und den Haupthafenplätzen Europas wie Amerikas laufen läßt,

keinerlei Klassenunterschiede bestehen, denn da diese Schiffe in der

Regel von mehr als tausend Auswanderern benutzt werden, so hegte ich

hinsichtlich der Bequemlichkeit dieser gleichförmigen Unterkunft einige

Zweifel und ich war einen Augenblick lang versucht, die Seereise mit den

französischen _Messageries maritimes_ oder mit der englischen _P. & O.

Company_ zu machen. Indessen, schließlich überwog der Wunsch, das

freiländische Wesen so früh als möglich kennen zu lernen, und so meldete

ich mich denn bei der nächsten freiländischen Agentur für den am 2. Mai

von Triest abgehenden Dampfer »Urania« an.

Ich hatte diese Wahl nicht zu bereuen. Wir waren unser nicht weniger als

1160 Passagiere, aber die freiländischen Schiffe sind so eingerichtet,

daß alle Mitfahrenden in zwar kleinen, aber netten, bequem

ausgestatteten Kabinen gesonderte Unterkunft finden. Tagsüber nehmen

gewaltige, luftige Speise- und Gesellschaftssäle die Reisenden auf, für

die Nacht hat jedermann und jede Familie gesonderte Schlafräume. Da

insbesondere während der Fahrt durch das rote Meer die Hitze mitunter

sehr groß ist, so wird durch kräftige Ventilationsapparate, die allen

Räumen des Schiffes frische Luft zuführen, für ausreichende Abkühlung

gesorgt. Die Verpflegung ist einfach, aber vortrefflich, die

Reinlichkeit über jedes Lob erhaben.

Die Erlebnisse der Seefahrt will ich übergehen. Am 8. Mai passierten wir

den Suezkanal, am 19. desselben Monats warf die »Urania« in der Reede

von Lamu Anker.

Dieser Ort, noch vor sieben Jahren, als Freiland gegründet wurde, ein

unansehnliches Arabernest, ist jetzt eine große, mit allen Behelfen des

modernen Verkehrs ausgestattete Handelsstadt. Die Engländer, die hier

herrschen, haben die Vorteile, die ihnen das freiländische Hinterland

gewährt, trefflich auszunutzen verstanden.

Die Einwanderung nach Freiland, die mit verschwindenden Ausnahmen die

Richtung über Lamu und die Tanamündung nimmt, hat im Vorjahre die Ziffer

von 500000 Seelen nahezu erreicht und ist in stetem Wachstum begriffen;

der Warenhandel betrug im selben Jahre 92 Millionen Pfund Sterling in

der Ausfuhr und ebenso viel in der Einfuhr. Dieser Handel ruht zwar in

den Händen des freiländischen Gemeinwesens, aber die Engländer und die

ganze Küstenbevölkerung haben selbstverständlich kolossale Vorteile

davon, wie sich am rapiden Wachstum Lamus und dem sichtlichen Wohlstande

der dortigen Bevölkerung deutlich zeigt.

Der größere Teil von uns Einwanderern stieg in Lamu ans Land, wo große,

Freiland gehörige Hotels uns aufnahmen. Bloß ein kleiner Teil -- nicht

ganz zweihundert -- bestiegen sofort in der Reede einen kleinen Dampfer,

der, das Vorgebirge von Ras-Schaga umschiffend, durch die Bay von Ungama

direkt in die Tanamündung einläuft. Diese direkte Einfahrt in den Strom,

der auch uns später als Weg in die neue Heimat diente, ist mitunter,

wenn der Wind nicht gerade günstig weht, nicht ungefährlich, denn der

Tana bildet an seiner Mündung eine Barre, die früher beinahe ganz

unpassierbar war und auch jetzt, nachdem Baggerungen vorgenommen worden

sind, der Schiffahrt ernstliche Hindernisse bereitet. Man muß die

Brandung passieren, die dabei in recht häßlicher Weise über Deck zu

spülen pflegt, wird aus diesem Anlasse jedenfalls gehörig hin- und

hergeworfen, und das ist, insbesondere wenn man gerade eine

siebzehntägige Seereise glücklich hinter sich hat, nicht jedermanns

Sache.

Die Mehrzahl, und darunter auch ich, zog es -- wie gesagt -- vor, die

Tanabarre auf dem Landwege zu umgehen. Lamu liegt auf einer Insel, vom

Festlande durch einen schmalen Kanal getrennt. Dieser Kanal bildet Lamu

gegenüber eine tief in das Land hineinreichende Bucht und vom äußersten

Endpunkte dieser Bucht, wo die Ortschaft Mkonumbi liegt, haben die

Engländer eine Eisenbahn an den untern Tana gebaut, die wir dann

benutzten.

In Engatana, wo wir den Tana erreichten, nahmen uns freiländische

Flußdampfer auf, und zwar standen zu diesem Behufe für die

signalisierten neunhundert Passagiere fünf Dampfschiffe bereit. Der Tana

ist ein mächtiger Strom, so breit und tief als der Rhein bei Köln oder

die Donau bei Wien, und ich konnte daher nicht begreifen, warum man es

nicht vorzieht, größere Schiffe zu bauen. Später, als wir nach

vierzehnstündiger Bergfahrt Odaboruruwa erreichten, wurde mir das Rätsel

gelöst. Der Tana teilt sich von da ab in zahlreiche Arme, die so

mannigfaltig verschlungen und gewunden sind, daß größere und

insbesondere längere Schiffe leicht steckenbleiben könnten; deshalb

zieht es die freiländische Verwaltung vor, kleinere Schiffe gehen zu

lassen, die dafür den Vorzug haben, die Reisenden, ohne daß ein

Umsteigen nötig wäre, bis Hargazzo befördern zu können, wo die

Stromschnellen und Katarakte beginnen und alle Schiffahrt ein Ende hat.

Auch die zwanzig Stunden dauernde Stromreise auf dem Tana, von Engatana

bis Hargazzo, will ich kurz übergehen. Bis Odaboruruwa war die Fahrt

ziemlich einförmig. Die Ufer des herrlichen Stromes sind auf beiden

Seiten von Gebüschen und Waldungen eingesäumt, die das Hinterland dem

Blicke vollständig entziehen. Häufig zwar sind diese Uferwaldungen von

üppigen, mitten in denselben eingebetteten Ansiedelungen, sei es der

schwarzen Ureinwohner, sei es weißer Einwanderer, unterbrochen; aber

diese Ansiedelungen gleichen mit ihren netten, von Bananen beschatteten

Häuschen, mit ihren üppigen Feldern und Obsthainen einander so sehr, daß

sie schon nach wenigen Stunden die Aufmerksamkeit nicht mehr erregen.

Ganz anders wird die Scenerie von Odaboruruwa an. Hier bieten die

zahllosen Inseln und die Krümmungen des Flußlaufes stets neue und

entzückende Ansichten, dabei beginnt der Fluß, der von da ab äußerst

fischreich ist, eine überaus belebte Tierwelt zu zeigen. Flamingos und

anderes Wassergevögel besetzt zu Myriaden alle seichten Uferstellen; die

Flußpferde sind an einzelnen Plätzen so zahlreich und dichtgedrängt, daß

es fast scheint, als würden sie den Schiffslauf aufhalten; doch sind die

ungeschlachten Gesellen stets, bevor sie der Dampfer erreicht,

untertauchend verschwunden, um mit einer Behendigkeit, die man ihnen gar

nicht zutrauen sollte, erst in weiter Entfernung wieder aufzutauchen.

Nicht so eilig haben es in der Regel die Krokodile, die gleichfalls in

großer Zahl an allen sonnigen Uferbänken lagern und im Vertrauen auf

ihren Panzer die Dampfschiffe unbesorgt herannahen lassen.

Nach Mitternacht erreichten wir Hargazzo, die Umschlagstation zwischen

Tanaschiffahrt und freiländischer Eisenbahn. Hier haben die Freiländer

ihre erste Ansiedelung gegründet, die jedoch noch außerhalb ihres

eigentlichen Gebietes liegt. Sie ist dazu bestimmt, den Reisenden

Unterkunft zu bieten, und eine großartige Land- und Gartenwirtschaft

dient dazu, die für den Empfang der zahllosen, täglich wechselnden

Ankömmlinge erforderlichen Bedarfsartikel an Ort und Stelle zu erzeugen.

Die Fruchtbarkeit ist hier eine außerordentliche, alle Vorstellungen

überflügelnde. Die oberhalb dieses Ortes beginnenden Stromschnellen

ermöglichen die reichliche Bewässerung des fetten Humusbodens, die

glühende äquatoriale Sonne -- denn Hargazzo liegt bloß einen halben

Breitegrad südlich vom Äquator -- bringt jegliche Frucht in fabelhaft

kurzer Zeit zu üppigster Reife, so daß einhundertzwanzig- bis

einhundertfünfzigfache Ernte vom gesäeten Korn hier zweimal im Jahre die

Regel ist.

Ich habe mich in Hargazzo nur einen Tag lang aufgehalten und muß

erklären, daß ich trotz der äquatorialen Lage und trotzdem die Seehöhe

des Ortes nicht ganz dreihundert Meter ist, von absonderlicher Hitze

wenig bemerkte. Die Gegend beginnt hier schon gebirgig zu werden, kühle,

schattige Thäler verlaufen sich bis unmittelbar an den Fluß und da es in

der Nachbarschaft keine Sümpfe giebt, so halte ich den Ort auch für

durchaus gesund. Trotzdem betrachten die Freiländer Hargazzo nicht als

dauernden Ansiedelungspunkt. Die Bewohner verweilen hier immer nur kurze

Zeit und werden längstens nach Jahresfrist durch Ersatzmänner abgelöst.

Die Freiländer haben nämlich die Erfahrung gemacht, daß die, wenn auch

nicht übermäßige, so doch andauernde Hitze, die überall im äquatorialen

Tieflande herrscht, den meisten Europäern auf die Länge der Zeit nicht

zuträglich sei. Einige Monate, ja selbst Jahre hindurch erträgt man sie

ohne Beschwerde, dann aber stellt sich leicht Appetitlosigkeit in

Verbindung mit lästigen Leberleiden ein. Und da die Freiländer es nicht

nötig haben, ihre Gesundheit zu gefährden, um reichlichen

Lebensunterhalt zu finden, so vermeiden sie es, einen der Ihren auch nur

der entfernten Möglichkeit solcher Gefahren auszusetzen.

Nach eintägigem Aufenthalte dampfte ich mit der freiländischen Eisenbahn

nordwestwärts dem Kenia zu. Der Ausdruck »dampfen« ist jedoch hier bloß

figürlich zu nehmen, denn diese Linie wird nicht durch Dampf, sondern

durch Elektrizität betrieben. Die Stromschnellen und Katarakte des Tana

liefern hierfür, wie für eine Menge anderer Verkehrs- und

Industrieanlagen Freilands, die elektrische Kraft. Um das begreiflich zu

finden, muß man wissen, daß der Strom von Hargazzo bis Kikuja eine

ununterbrochene Kette von Schnellen und Wasserfällen bildet, deren

Großartigkeit in der ganzen übrigen Welt nicht ihresgleichen hat. Der

Tana besitzt auf dieser rund 200 Kilometer langen Strecke ein Gefäll von

über 5000 Fuß und einzelne der Katarakte haben eine Fallhöhe von 300

Fuß. Es ist also hier eine motorische Energie von vielen Millionen

Pferdekräften verfügbar und trotzdem Freiland bisher schon für die 2½

Millionen seiner derzeitigen Einwohnerzahl diese Kraftquelle recht

ausgiebig angezapft hat, so ist für fernere Zwecke noch immer genug

vorhanden.

Also der Tana war es, der, auch nachdem wir ihn verlassen, unsere

Beförderung weiter besorgte. Die Schwerkraft, die sich in seinen Wässern

auf ihrem Wege vom Kenia zum Thale gleichsam aufgestapelt hatte, dient

nun dazu, in Elektrizität verwandelt uns bergauf durch alle Windungen

der mächtigen Gebirgswelt, in die wir jetzt eintraten, dem Kenia

entgegenzuheben.

Unser Zug brauchte für die 280 Kilometer der Tana-Keniabahn zwölf

Stunden. Vom Schlusse des nächsten Jahres ab, wenn die bereits im Bau

begriffene neue Tana-Keniastrecke vollendet sein wird, dürften für den

gleichen Weg vier Stunden genügen. Die derzeit noch im Betriebe

befindliche Linie ist ein provisorischer Bau, den Freiland im zweiten

Jahre seines Bestandes in Angriff genommen und vollendet hatte. Es giebt

da eine Menge sehr scharfer Krümmungen und steiler Steigungen; die

Brücken und Viadukte sind zum Teil aus Holz gezimmert, was alles

notwendig macht, daß langsam gefahren werde.

Die großartige Romantik der Hochgebirgswelt, in welche wir bald nach

Hargazzo eindrangen, spottet jeder Beschreibung. Die Bergriesen, an

deren Fuß und Seite der Zug emporkletterte, haben bis zu 12000 Fuß Höhe;

ihre Lehnen sind teils von undurchdringlichem, majestätischem Urwalde

bestanden, teils von parkartigen Wiesen bedeckt, teils aber starren sie

uns in unheimlicher, wilder Schroffheit entgegen. Die Mittagsrast

hielten wir in einem Thale, dessen lachende Lieblichkeit an die

schönsten Landschaften der oberitalienischen Alpenwelt erinnert; eine

Stunde später rollte der Zug durch eine Felsenwildnis von schauriger

Öde, in welcher kein Grashalm, kein Tier die Starrheit des Todes

unterbrach. Und abermals eine Stunde später durchmaßen wir ein üppiges

breites Flußthal, welches von ungezählten Schaaren friedlich weidender

Antilopen, Zebras und Büffel, Rhinocerosse und Elefanten gleichsam

erfüllt schien.

Alles bis dahin Gesehene trat jedoch weit in den Hintergrund, als um die

vierte Nachmittagsstunde der Zug den Kamm des zwischen Tana und Kenia

gelagerten Gebirgsstockes erklommen hatte und nun die Gletscherwelt des

Kenia sich urplötzlich unseren entzückten Blicken darbot. Zugleich

machte die bis dahin herrschend gewesene ziemlich drückende Schwüle

einer erfrischenden Kühle Platz, hervorgerufen offenbar durch die vom

Kenia herabwehenden Brisen. Wir hatten die Hochebene von Freiland

erreicht und liefen um fünf Uhr nachmittags in die erste freiländische

Station, Washington geheißen, ein.

Mit der Schilderung auch dieses Ortes will ich mich nicht aufhalten. Um

acht Uhr abends langten wir in Edenthal, der Hauptstadt Freilands, an.

Der Bahnhof und alle Straßen, die ich auf dem Wege nach dem Gasthofe

durchfuhr, waren mit elektrischen Bogenlampen taghell erleuchtet. Von

Häusern sah ich auf dieser ersten Fahrt durch Edenthal so gut wie

nichts, denn die Straßen sind von mehrfachen Palmenalleen eingesäumt,

die Häuser selber liegen allesamt inmitten üppiger Gärten, so daß alles,

was man von ihnen wahrnehmen konnte, das Blinken einzelner beleuchteter

Fenster war. Desto deutlicher sagte mir mein Ohr, daß Edenthal keine

ausgestorbene Stadt sei. Aus zahlreichen Gärten, an denen ich

vorüberfuhr, tönte mir Musik, Becherklang und fröhliches Lachen

entgegen.

Ich war übrigens zu müde und erschöpft von der Reise, um die Versuchung

zu spüren, irgend wie an der allgemeinen Fröhlichkeit heute schon

teilnehmen zu wollen. Der Omnibus, den ich am Bahnhof mit sieben anderen

meiner Reisegefährten bestiegen, setzte uns nach einviertelstündiger

Fahrt vor einem jener großen Gasthöfe ab, die von besonderen

freiländischen Gesellschaften unterhalten werden.

Nachdem ich ein einfaches Mahl genommen, suchte ich mein Bett auf und

trotz der fieberhaften Erwartung, mit welcher ich dem nächsten Tage

entgegensah, umfing mich alsbald tiefer, erquickender Schlaf.

Drittes Kapitel.

Wo Freiland liegt und was Freiland ist.

Nachdem mir der gütige Leser bereitwillig bis in die Hauptstadt von

Freiland gefolgt ist, wird es an der Zeit sein, ihm etwas ausführlicher

zu sagen, wo sich diese Stadt und dieses Land befinden, was es mit ihnen

für eine Bewandtnis hat und was ich eigentlich hier suche. Ich habe

bisher vorausgesetzt, daß er das alles so gut weiß, wie ich selber. Und

in der That hat seit sieben Jahren Freiland und die von ihm vertretene

Sache der wirtschaftlichen Gerechtigkeit viel von sich reden gemacht;

aber wenn ich es bei Lichte besehe, so schreibe ich denn doch gerade für

diejenigen, die all das noch nicht oder wenigstens nicht ganz genau

wissen, und es ist daher durchaus notwendig, zur Klarlegung des

äußerlichen und innerlichen Schauplatzes der sich in den folgenden

Kapiteln abspielenden, im übrigen höchst einfachen Begebenheiten zu

schreiten.

Also Freiland ist ein socialer Freistaat, der vor sieben Jahren von ein

paar tausend Enthusiasten auf den Hochlanden des Kenia begründet wurde.

Verfolgt man auf der Karte von Afrika die Ostküste vom Kap Guardafuy

nach Süden zu genau bis zum Äquator und geht dann der durch diesen

gebildeten Linie westwärts ins Innere des Kontinents nach, so wird man

in der Luftlinie nicht ganz 500 Kilometer von der Küste des indischen

Oceans entfernt den Kenia finden, einen Berg, der zu den großartigsten

und merkwürdigsten des ganzen Erdballs zählen würde, auch wenn die

Freiländer nicht auf den Gedanken geraten wären, sich an seinem Fuße

anzusiedeln. Es ist das kein vereinzelter Gipfel, sondern ein gewaltiger

Gebirgsstock, dessen centrale Spitze nahezu 6000 Meter hoch in die

Region des ewigen Eises und Schnees hineinragt. Das eigentümliche des

Kenia aber ist, daß er sich, unähnlich dem etwa 500 Kilometer weiter

südlich gelegenen, ihm an Mächtigkeit im übrigen ähnlichen

Kilimandscharo, nicht unmittelbar aus der Tiefebene erhebt, sondern

rings um sich her, viele Hunderte Kilometer weit nach allen Seiten, ein

1200 bis 2200 Meter über dem Meeresspiegel sich erhebendes Hochplateau

vorgelagert hat. Und dieses Hochplateau, unterbrochen von zahlreichen

mehr oder minder mächtigen hochromantischen Gebirgszügen und bewässert

von mannigfaltigen, teils dem Kenia selber, teils den Riesen der

Vorberge entspringenden Flüssen, Strömen und Seen, bildet das Gebiet von

Freiland.

Soviel über die Geographie meiner nunmehrigen Heimat. Über ihre

politische und sociale Verfassung will ich einstweilen nur soviel sagen,

daß durch dieselbe verwirklicht worden ist, was seit dritthalb

Jahrtausenden das Ideal der Menschheit gewesen, nämlich die vollkommene,

sich auch auf das wirtschaftliche Leben erstreckende Gleichberechtigung.

Die Freiländer sind keine Kommunisten, sie gehen nicht von der Ansicht

aus, daß alle Menschen schlechthin gleich seien, anerkennen vielmehr

deren Verschiedenheit nach Fähigkeiten sowohl als nach Bedürfnissen;

aber sie halten alle Menschen für gleich_berechtigt_, und unter

Gleichberechtigung verstehen sie nicht bloß die allen Menschen

gleichmäßig zuerkannte Befugnis, Abgeordnete zu wählen, Steuern zu

zahlen, eingesperrt zu werden und sich für das Vaterland totschießen zu

lassen, sondern auch das allen gleichmäßig zu sichernde Recht, zu leben.

Sie behaupten, daß demjenigen, der auf den guten Willen anderer

angewiesen ist, um die eigenen Kräfte zur Fristung seines Lebens

gebrauchen zu können, alle anderen noch so freigebig erteilten

Freiheiten nicht das geringste nützen, daß er vielmehr ein Knecht

desjenigen bleiben muß, von dessen gutem Willen seine Existenz abhängt.

Eine Reise nach Freiland · 第 1 / 15 段