Der liebenswürdige Capitän hat mir zwei sehr gute Cabinen zugetheilt,

von welchen ich die eine bewohne, und in der anderen meine ganze Bagage

untergebracht habe.

Nachdem ich mich häuslich eingerichtet und das Tiffin eingenommen hatte,

liess ich mir auf Deck einen Tisch stellen und begann sofort, trotz der

formidablen Hitze, fleissig an meinem Tagebuche zu schreiben. Während

meines Aufenthaltes in Bombay hatte ich mir nur Vormerkungen gemacht, und

ich musste nun trachten, alle noch frischen Eindrücke in der nächsten

Zeit zu Papier zu bringen.

Wir waren einstweilen so weit in das offene Meer gelangt, dass man von der

indischen Küste nichts mehr sehen konnte und wir uns also wieder zwischen

Himmel und Wasser befanden. Kein Lüftchen rührte sich, in unabsehbarer

Ferne, vollkommen ruhig, dehnte sich die Wassermasse in krystallheller

tiefer Bläue vor uns aus, und still und stolz glitt unser Dampfer darüber

hinweg, in jeder Stunde 16 km hinterlegend. Ueber uns breitete sich

der Himmel in reinem Lichtblau aus und schien sich an den Grenzen des

Horizontes in die Ebene des Meeres zu versenken. Die Nacht war zwar

fürchterlich heiss, dennoch schlief ich vortrefflich gut.

_Am 2. März_ hatten wir die gleichen Witterungsverhältnisse wie Tags

vorher, und wieder war die Hitze (24-25° R. im Schatten) erdrückend.

Dessenungeachtet setzte ich die Beschreibung meiner Erlebnisse und

Eindrücke in Bombay mit Eifer fort und erlangte dadurch den grossen

Vortheil, auf die Hitze zu vergessen.

Wir kamen an diesem Tage zu Mittag in die Höhe der an der Westküste von

Vorder-Indien gelegenen Stadt Goa, welche mit einem kleinen anliegenden

Gebiete den Holländern gehört. Dieses kleine Gebiet, sowie die drei

Städte an der Ostküste von Vorder-Indien, und zwar Yanaon, Pondicherry

und Karikal, welche den Franzosen gehören, sind die einzigen Fleckchen

Erde in Vorder-Indien, die nicht England direct oder indirect unterstehen.

Die Portugiesen, welche vom 14-17. Jahrhunderte ausgedehnte Besitzungen in

Vorder-Indien hatten, haben dieselben schon seit Anfang dieses Jahrhunderts

aufgegeben, und nur die Nachkommen, aus der Mischung von ihnen und

Einheimischen hervorgegangen, führen noch den Namen »Portugiesen«. Diese

sogenannten »Portugiesen«, welche sich in Indien in sehr untergeordneten

Stellungen, meistens als Köche, befinden, sind ein trauriges Wahrzeichen

von Portugals einstiger Macht und Grösse in Indien.

_Am 3. März_ setzte das Schiff seine Fahrt zwischen der Malabarküste

von Vorder-Indien und der Laccadiv-Inseln mit der Geschwindigkeit von 11

englischen Meilen = 20⅓ ~km~ per Stunde, also von 488 ~km~ per Tag,

weiter fort, Die Temperatur beträgt 24° R. im Schatten, die Luft

ist noch immer ruhig, der Himmel wolkenlos und daher die Hitze recht

unerträglich. Eine solche Reihe von schönen Tagen ist wahrlich nicht

leicht zu ertragen. Die Qual der Hitze wurde durch das tägliche Baden in

den mit Meerwasser gefüllten Wannen etwas herabgemindert, wenn auch

das Meerwasser selbst ebenfalls 24° R. hatte. Das Schreiben an meinem

Tagebuche half mir über diese schweisstriefende Zeit glücklich hinüber.

In der Nacht entlud sich plötzlich ein fürchterliches Gewitter mit Blitz

und Donner und mit fluthenartigem Regen, ein in dieser Zeit unendlich

seltenes Ereigniss, und dieses Naturschauspiel brachte den ersehnten

Umschwung der Temperatur.

_Am 4. März_ zeigte das Thermometer nur mehr 23° R., eine kleine Brise

strich über das Schiff und trug dazu bei, die Luft noch mehr abzukühlen.

Wir seufzten wahrlich wie neubelebt auf! Unser Dampfer umfuhr das Cap

Comorin und gelangte in der Nacht in die Nähe von Colombo auf der Insel

Ceylon. Das Schiff durfte aber nicht an die Küste anlaufen, weil dasselbe,

von Bombay kommend, pestverdächtig war. Ungeachtet dessen, dass ich also

als pestverdächtig erklärt wurde, ging es mir sehr gut.

_Am 5. März_ sah ich vom Deck aus die herrliche Insel Ceylon mit ihren

bis über 2000 ~m~ hohen Bergen, mit ihren ausgedehnten Palmenhainen und

der malerischen, am Meeresufer gelegenen Hauptstadt Colombo -- und dennoch

konnte und durfte ich nicht dahin gelangen, so sehr ich mich auch

lange darauf gefreut hatte. Ich fasste daher den Entschluss, bei meiner

Rückfahrt ein wenig länger in Colombo und auf der Insel Ceylon zu

verweilen. Ich änderte nämlich mein Reiseprogramm für die Rückfahrt von

Japan und dazu bewogen mich die nachstehenden Motive. Nach Bombay wollte

ich nicht mehr kommen, um dort abermals fünf bis sechs Tage zu bleiben,

weil die Stadt mir nichts Neues mehr bot und ich der schrecklichen

Regenzeit halber, die dort Anfangs Juni eintritt, wenig Bekannte mehr

vorgefunden hätte; auch schien es mir ganz überflüssig zu sein, noch

einmal in einer von der Pest inficirten Stadt zu wohnen. Ausserdem wollte

ich überhaupt der zwischen 10. und 15. Juni beginnenden Regenzeit

(Monsum) so viel als möglich entgehen, weil um diese Zeit, nach den

Aussagen der Seeofficiere, auf dem Indischen Ocean gewaltige Stürme und

fortgesetzt ungeheuere Regenstürze herrschen, und die letzteren die Luft

derartig mit Wasseratomen erfüllen, dass Wäsche und Kleider selbst in

verschlossenen Räumen nass werden. Demgemäss reifte in mir der Plan,

mit dem Lloyddampfer nach einem einmonatlichen Aufenthalte in Japan am

30. April abzureisen und mit demselben nach Colombo zu fahren, wo die

Ankunft am 25. Mai erfolgen soll. Auf der Insel Ceylon beabsichtige ich,

bis 1. oder 2. Juni zu bleiben, dann mit dem Deutschen Lloyd oder der

französischen Messagerie bis nach Aden zu reisen, was die Zeit bis 8. oder

9. Juni in Anspruch nimmt, und von dort mit dem am 9. desselben Monates

abgehenden Eildampfer unseres Lloyd die Heimreise nach Triest anzutreten.

Sollte diese Combination aus irgend einem Grunde nicht möglich sein, so

würde ich von Colombo mit dem Dampfer einer anderen Gesellschaft bis Port

Said und von da mit der Bahn nach Alexandrien fahren, von wo aus jeden

Samstag ein Eilschiff des Oesterreichischen Lloyd nach Triest abgeht.

Diesen Plan gab ich der Verkehrsdirection unseres Lloyd in Triest in einem

Schreiben mit dem Ersuchen bekannt, mir eine derartig combinirte Karte nach

Kobe in Japan zu senden.

In Colombo kamen neue Passagiere an Bord, und zwar ein Engländer, ein

Geschäftsreisender aus Wien, zwei Frauen mit einem Wickelkinde und einer

schwarzen Magd, und dann für die III. Classe vier hübsche Frauen und

vier Männer aus Russland.

Noch am selben Tage gegen Mittag setzte unser Schiff seine Reise fort.

Dieses Mal blieben wir aber näher dem Ufer, und so konnte ich die

Besichtigung der Insel Ceylon besser fortsetzen. Längs der ganzen Küste

befinden sich weit in das Land hinein, soweit das Auge reicht, dichte

Cocosnusspalmenwaldungen, die mitunter eine solche Dichtigkeit haben,

dass ein Durchgehen oder Durchschliefen geradezu unmöglich erscheint.

Am Südrande der Insel sah ich die Stadt Port de Galles, welche mit ihren

vielen schönen Gebäuden landeinwärts auf dem Hange eines Berges

liegt und einen reizenden Anblick gewährt. Da die ganze Insel keinen

natürlichen Hafenplatz besitzt, so haben die Engländer, welche

Eigenthümer der Insel sind, sowohl bei Colombo als auch bei Port de Galles

Riesenbauten aufführen lassen, um dort künstliche Häfen zu schaffen. In

Colombo war ich in der Tageszeit um netto 4 Stunden vor Wien voraus und um

4700 ~km~ südlicher als unsere Kaiserstadt.

In der Zeit vom _6. bis 9. März_ durchquerte die ^Marie Valerie^

den Indischen Ocean südlich vom Bengalischen Meerbusen und steuerte

fortwährend im 6. Grade nördlicher Breite von der Südspitze der Insel

Ceylon bis zur Nordspitze der Insel Sumatra. Dabei hatte der Dampfer sowohl

die entgegenkommende Meeresströmung als auch den von Tag zu Tag

sich stärker entwickelnden Nordostwind zu überwinden, wodurch die

Fahrtgeschwindigkeit auch etwas vermindert wurde. Am 6. März legten wir

in 24 Stunden 500 ~km~, am 7. März 433 ~km~, am 8. März 400 ~km~ und

am 9. März wieder 440 ~km~ zurück.

_Am 8. März_ war der Wind schon so stark, dass die Schaumperlen der

Wellen hie und da bis auf das Deck geschleudert wurden, und dennoch machte

sich die schaukelnde Bewegung dieses famos gebauten Schiffes kaum fühlbar.

Dasselbe soll keinen Kiel an seinem Boden haben, sondern ganz flach sein,

ein Umstand, der auch den grossen Vortheil mit sich bringt, dass die

unteren Räume eine sehr grosse Ladung aufnehmen können. Der stärker

blasende Wind verschaffte uns indess den Gewinn, dass die Temperatur,

obgleich wir nur 6 Grade vom Aequator entfernt waren, sich ganz annehmbar

anliess. Allerdings hatten wir noch 24° R., aber durch die heftige

Bewegung der Luft wurde die Wirkung dieses Wärmegrades sehr abgeschwächt.

Ausser der jetzt regelmässigen Führung meines Tagebuches beschäftigte

ich mich in diesen Tagen viel mit der Lectüre des höchst interessanten

und wissenschaftlich sehr gediegenen Werkes »Nippon« (zwei starke

Bände), welches die Freiherren Alexander und Heinrich von _Siebold_

aus dem Nachlasse ihres Vaters, des niederländisch-indischen

Generalstabsobersten Philipp Freiherrn von _Siebold_, herausgegeben haben,

und das mir einer der Söhne, welcher k. u. k. Legationsrath ist, zum

Geschenke machte. Des Abends las ich kleine englische Romane, um mich in

der Kenntniss der englischen Sprache zu verbessern.

Ganz nett war ein Bewegungsspiel, welches Nachmittags in der Zeit von 4 bis

6 Uhr auf dem Deck des Schiffes arrangirt wurde. Zum Zwecke dieses Spieles

ist auf dem Fussboden des Deckes ein Rechteck mit 1·2 ~m~ und 1·4 ~m~

Seitenlängen in 12 Abtheilungen mit den nebenstehenden Ziffern in

Kreide gezeichnet, ausserdem sind mehrere 1·8 ~m~ lange, dünne, runde

Holzstöcke mit flachen, unten 10 ~cm~ breiten Ansätzen, sowie 12

hölzerne, mit Bleiplatten eingelassene Quadrate, 10 ~cm~ Seitenlänge und

1·8 ~cm~ Dicke, vorhanden. Sechs der Quadrate sind mit weisser, und

sechs mit rother Farbe bestrichen. In einer Entfernung von 7·5 ~m~ vom

gezeichneten Rechtecke ist der Anfangspunkt des Spieles bezeichnet, von

welchem aus die kleinen Brettchen gegen die Figur geschoben werden.

Es spielen zwei Personen, welche abwechselnd je mit einem Stosse ihre

Brettchen so gut als möglich zu postiren, oder die gut placirten Brettchen

des Gegners wegzuschieben, oder ihm oder auch sich selbst eine Barrière

zu machen bestrebt sind. Sind beiderseits je die sechs Brettchen

hinausgeschoben worden, so werden die Resultate jeder Person notirt,

die Hölzchen zurückgenommen, und es beginnt die zweite Tour, wobei

die Spieler abwechselnd anfangen. Steht ein Brettchen auf 0, so ist das

Resultat für diese Tour für den betreffenden Spieler ebenfalls 0. Sieger

ist Derjenige, welcher nach Schluss der Touren 51 Einheiten erreicht hat.

Auf Deck ist dieses Spiel um so interessanter, als bei jedem Stosse die

wechselnde Neigung des Schiffes in Erwägung gezogen werden muss.

[Illustration]

An diesem Tage, um 10 Uhr Vormittags, als wir eben im 6. Grad nördlicher

Breite und 90·5 Grad östlicher Länge waren, sahen wir ein grosses

Segelschiff, einen Dreimaster, in der Richtung gegen Südafrika segeln. Als

der Segler unseren Dampfer wahrgenommen hatte, gab er ein Flaggenzeichen

und näherte sich unserem Schiffe. Der Brückenofficier erstattete hiervon

sofort dem Schiffscapitän die Meldung, der auf der Brücke erschien,

worauf mit dem Schiffsglase die Signalsprache entziffert wurde. Der Segler

gab das Signal, dass er Däne sei und Enedika heisse, was der Capitän der

^Marie Valerie^ zum Zeichen, dass er verstanden wurde, durch das Hissen der

österreichisch-ungarischen Flagge beantwortete. Hiernach gab das dänische

Segelschiff noch das Signal, dass auf seinem Schiffe Alles wohl sei, was

wir mit dem Aufziehen der Salutflagge erwiderten. Der Däne gab diesen

Salut zurück, wendete die Richtung wieder nach Südafrika und setzte die

Fahrt fort. Unser Schiff hatte in der Zwischenzeit natürlich seinen Lauf

nicht unterbrochen. Der Capitän theilte mir späterhin mit, dass das

Segelschiff die Signale gegeben habe, damit von ihm, dem Capitän, aus

im nächsten Hafen der Ort und die Stunde des Antreffens dieses Seglers

angegeben werde. Dies wird dann von dort aus in die Heimat telegraphirt,

und auf diese Weise bleibt das Schiff in Evidenz. Der Segler mag etwa

2000 ~t~ Reis aufgeladen haben, um diese vermuthlich nach England,

Schweden oder Dänemark zu bringen. Hierzu dürfte er aber, trotzdem er in

Hinblick auf Meeresströmung und Windrichtung die richtige Zeit für die

Fahrt gewählt hat, immerhin noch fünf Monate nöthig haben!

_Am 9. März_ zur Mittagszeit nahmen wir zu beiden Seiten des Schiffes

Land wahr, und zwar war es im Süden die den Holländern gehörige Insel

Sumatra und im Norden eine Insel, die zur Nicobaren-Gruppe zählt und unter

englischer Herrschaft steht. Später fuhren wir knapp am Nordrande

von Sumatra vorbei und erblickten dichtbewaldete und tief zerklüftete

Gebirgsketten ohne alle Spuren menschlicher Niederlassungen. Diese Gegenden

sollen von Menschen bewohnt sein, die sich bisher noch jeder Civilisation

entzogen haben, sich wie die Thiere im dichtesten Walde verbergen, und

sogar noch zur Classe der Menschenfresser gehören.

_Am 10. März_ durchquerte die ^Marie Valerie^ den nördlichen Eingang

zur Meeresenge (Strasse) von Malakka und steuerte direct auf den Ort Penang

oder Pinang an der langgestreckten Halbinsel von Malakka zu. Von

dieser Halbinsel gehört der nördlichste Theil, anschliessend an Burma

(Hinter-Indien), den Engländern, der mittlere Theil zum Königreiche Siam,

und der südlichste Theil (Peninsula) wieder den Engländern. Die Stadt

Penang oder Pinang liegt auf einer, England unterstehenden Insel, welche

sich an der Grenzlinie zwischen dem englischen und siamesischen Besitze

befindet.

Der König von Siam, Chulalonkorn, in seiner Hauptstadt Bangkok, ist

wohl noch selbständig, sein Königreich ist aber einerseits von den

Engländern, und andererseits von den Franzosen mit ihren im Osten

liegenden Besitzungen Tonking, Annam und Cambadja (Küste Chochinchina)

ganz umfasst, und so hat es den Anschein, dass die Unabhängigkeit des

Königs Chulalonkorn nicht mehr von langer Dauer sein dürfte.

Der König machte vor mehreren Jahren eine Reise durch Europa und hat sich

aus dieser Zeit eine besondere Vorliebe für Oesterreich bewahrt, die er

mit Freuden manifestirt, wenn ihn Oesterreicher in Bangkok besuchen. Es

wurde mir auch von verschiedenen Seiten dringend anempfohlen, von Singapore

aus auf einige Zeit dorthin zu reisen, um dort wieder neue und höchst

interessante Verhältnisse kennen zu lernen. Leider wird es mir aber nicht

möglich sein, diese kleine Reise zu unternehmen, da das Dampfschiff in

Singapore nur zwei Tage anhält, und das Benützen anderer Schiffe meine

ganze Reiseroute zerstören würde.

Die Temperatur in dem 6. Grad nördlicher Breite hat während der ganzen

Zeit meiner Reise vom 6. bis 10. März nicht mehr als 24° R. betragen

und machte sich aus dem Grunde weniger fühlbar, weil fortwährend ein

nordwestlicher Wind mit grösserer oder geringerer Triebkraft über

die Meeresfläche hinstrich. Am 10. März (Freitag) ging wohl nur eine

kleinere Brise über Deck, der Himmel war aber leicht umwölkt, das

Thermometer zeigte nicht viel mehr als 23° R., und es war somit der

Aufenthalt auf dem Deck recht angenehm.

Der Aufenthalt in Penang.

_Am 11. März_, als ich des Morgens auf das Deck kam, sah ich Penang vor

mir liegen. Ein sehr anmuthiger Anblick. Grosse, schöne Baulichkeiten am

Hafen, daran anschliessend Palmenhaine, aus deren Mitte hübsche Villen

hervorguckten, im Hintergrunde eine mit dichten Waldungen bedeckte

Berglehne. Wieder zeigten sich mir neue Arten, neues Wesen und neues Leben,

und kaum konnte ich all' die mannigfaltigen Bilder voll aufnehmen, die

im Laufe des Tages auf mich einstürmten. Vorerst waren es die Leute und

Kähne, welche unseren Dampfer umschwärmten, die die Aufmerksamkeit auf

sich zogen. Da waren andere Gestalten und Gesichter zu sehen als in Indien,

theils waren sie braun, wie mit Patina überzogen, aber leider nicht so

geruchlos als Patina, theils dunkel-, theils lichtgelb; die Einen hatten

die Köpfe ganz, die Anderen halb rasirt, und den Dritten hing rückwärts

ein langer Zopf herab. Die braunen Singhalesen (Ureinwohner von Ceylon) und

die Malayen (Bewohner vom malayischen Archipel) waren in weisse Leibchen

und in weisse, um die Lenden geschlungene, bis unter die Kniee reichende

Linnen gehüllt; die gelben Leute waren entweder Siamesen oder Chinesen

und trugen dunkle Gewänder, speciell die Chinesen mit Vorliebe

schwarzglänzende, von der Hüfte abfallende Röcke. Sehr viele Bursche

hatten den Oberleib ganz bloss und auf dem Kopfe ein weisses Tuch wie einen

Kranz herumgewunden. Die Chinesen trugen Hüte, meistentheils aus grauem

Filz. Der Hauptunterschied zwischen den Stämmen, die ich in Bombay, und

jenen, die ich hier sah, besteht darin, dass alle hiesigen Leute in einem

viel besseren Nähr- und Kraftzustande sind als dort. Die Kähne waren

vorne kantig, rückwärts breit and nach diesen beiden Seiten hin stark

nach aufwärts gebogen. Sie schaukelten daher lustig auf den Wellen herum.

Ich überschiffte mich mit den beiden Doctoren, von welchen der eine nach

Singapore reiste und der andere Schiffsarzt war, an's Land, und nahm mir

dort einen Wagen, um mit den beiden Herren nach dem ¾ Stunden entfernten,

als schön gerühmten Park zu fahren. Nun bot sich uns ein ganz sonderbarer

Anblick dar; 20-30 Personen drängten sich heran, um sich als Kutscher und

Pferd in einer Gestalt anzutragen. Es ist unglaublich und menschenunwürdig

und dennoch ist es wahr, dass die Menschen hier Pferdedienste leisten, und

dies zu einem so geringen Preise, dass man bei uns nicht den schlechtesten

Wagen dafür miethen könnte. Die Leute erhalten für einen halben Tag

50 kr. und für einen ganzen Tag 70 kr. und sind froh, wenn sie dies

verdienen können.

Dieses Fuhrwerk (Jinriksha) besteht aus einer zweiräderigen Dachkalesche

mit einer Gabelstange, die vorne geschlossen ist, und der Zieher derselben

(Riksha genannt) läuft innerhalb dieser Stange und bringt sein Gefährt,

fortwährend laufend, stundenlang weiter. Derselbe trägt nur einen kurzen

Linnenrock von der Hüfte herab und hat ein Leinentuch um den Hals hängen,

mit dem er sich nach Bedürfniss abwischt. Es gibt aber auch Pferdewagen,

bei welchen der Wagen für vier Personen sehr luftig eingerichtet ist, und

der von einem 10 bis 12 Faust hohen Pony, aus Sumatra stammend, gezogen

wird. Diese kleinen Pferdchen sehen nicht hübsch aus, sind aber kräftig

und sehr ausdauernd.

Ich wählte einen solchen Pferdewagen zur Fahrt nach dem Parke, die uns

viele und interessante Momente verschaffte. Vorerst sahen wir in der sich

sehr weit landeinwärts erstreckenden Stadt die Auslagen der Verkaufs-

und Arbeitsläden an der Front der Häuser mit den für den gewöhnlichen

Haushalt jener Leute nöthigen Artikeln, alle in sehr einfacher Form. Die

Strasse ist sehr rein gehalten, auch die Läden sehen ziemlich rein aus,

aber die ausgebotenen Artikel sind nicht zum Kaufe einladend.

Auf unserem weiteren Wege gelangten wir an einen Platz, auf welchem sich

ein heidnischer Tempel erhebt, und wo sehr viele oben beschriebene Wagen

und eine grosse Menge von Menschen sich zu einer Leichenfeier vereinigt

hatten. Viele der von Menschen gezogenen Wagen hatten die Form

von Frachtkarren, auf welchen Schüsseln theils mit abgestochenen,

unzubereiteten, oder mit schön gebratenen kleinen Schweinen, theils

mit Gänse- und Entenbraten oder mit schön aufgeputztem Zuckerwerke

aufgestellt waren. Diese Esswaaren wurden dem Todten gewidmet, damit er

nach seinem Tode nicht an Hunger leide. Die Frachtwagen waren zum Theil

sehr hoch und schön hergerichtet, und über denselben wurden schmale

Baldachine getragen. Der Todtenwagen selbst hatte die Form eines kleinen,

kunstvoll auf Rädern gebauten Hauses, welcher von zwei kleinen, reich

beschirrten Pferden gezogen wurde. Die Leidtragenden waren ganz in Weiss

gekleidet, in diesem Lande die Farbe der Trauer, verriethen indess in

ihrem Wesen, ebenso wie in Bombay, gar keine Trauer über den Verlust des

Verstorbenen.

Nach dem Austritte aus der Stadt führt die sehr gut gehaltene Strasse

mehrere Kilometer weiter durch mehr oder weniger dichte Anpflanzungen

von Cocosnusspalmen und Bananensträuchern. Der Blick auf diese herrlich

grünen Haine ist überraschend schön. Hoch hinauf ragen die Palmen, deren

Stämme horizontale Wachsthumsringe zeigen, und welche erst an der obersten

Spitze mit dichten, grossen Palmenblättern bedeckt sind. Im Schatten

dieser Blätter setzen sich nächst dem Stamme gruppenweise die Cocosnüsse

an. Zwischen den grossen Palmenbäumen stehen kleine, in die Höhe

strebende Palmenbäumchen oder mit riesengrossen Blättern ausgestattete

Bananenpflanzen. Saftiges grünes Gras bedeckt den Boden, und buntfärbige

Blütensträuche umgeben den Strassenrand. Elegante Villen und die auf

meterhohen Piloten stehenden Holzhäuser der Eingeborenen sind in diese

Haine eingestreut und befinden sich, des Staubes halber, weiter von der

Strasse entfernt. Näher gegen den Park zu bemerkte ich ein Haus, in

welchem allerlei ausgestopfte Thiere, als Schildkröten, fliegende Hunde,

Ottern, Füchse und sehr viele grössere und kleinere buntgefiederte Vögel

zum Verkaufe ausgestellt waren.

Nach ¾ Stunden langten wir bei dem Parke an, dessen sorgsame Pflege

sofort ersichtlich ist. Der Park steigt sanft an der Lehne eines Berges

hinan und besitzt in seinem oberen Theile einen recht hübschen Wasserfall.

Inmitten des Gartens befindet sich ein sehr grosses Bassin, welches die

Stadt Penang mit Trinkwasser versorgt. Die Bäume und Pflanzen, sowie

die in einem offenen Gartenhause gehaltenen Blumen sind von grosser

Vielfältigkeit und Schönheit, und geben Zeugniss von der riesigen

Ueppigkeit des Bodens in den Tropengegenden. Wahrlich reizend gestaltete

sich der Spaziergang in diesem Parke. Vögel, deren Gefieder eine seltene

Farbenpracht zeigten, zwitscherten und durchflogen die vom Blumendufte

aromatisch gewürzte Luft, mächtig grosse Schmetterlinge flatterten von

Strauch zu Strauch, und kleine Aeffchen sprangen an den Aesten der Bäume

herum. Ungestraft ergeht es sich aber nicht unter den Palmen! Dies mussten

auch wir erfahren, denn die Hitze war erdrückend, und nur im Schweisse

unseres Angesichtes konnten wir dieses prachtvolle Bild geniessen. Auf

der Rückfahrt kehrten wir denn auch, um die ausgetrockneten Kehlen wieder

anzufeuchten, in das Hôtel »Oriental«, das beste von Penang, ein, und

liessen uns das in den Tropen übliche Getränk: Whisky mit Sodawasser,

reichen.

In diesem Hôtel sah ich auch den Engländer wieder, welcher von Colombo

bis Penang mit uns gefahren war, und der, obgleich ich während der Fahrt

sehr wenig mit ihm gesprochen hatte, schliesslich die Anfangs zur Schau

getragene Steifheit derart abstreifte, dass er -- der überaus wortkarge

Engländer -- mir beim Abschied seine Visitkarte mit der Bitte übergab,

ihn während meines bevorstehenden Aufenthaltes in Ceylon jedenfalls auf

seinem Landgute zu besuchen und auch den Tag meiner Ankunft in Colombo

seinerzeit von Penang aus telegraphisch bekanntzugeben, weil er mir nach

Colombo entgegenkommen wolle.

Fahrt von Penang nach Singapore.

Reise über Indien und China nach Japan. Tagebuch mit Erfahrungen, um zu überseeischen Reisen und Unternehmungen anzuregen. · 第 5 / 19 段