prüfen, ob er bereit sei zu dem großen Übergange, der selbst dem
abgelebten Alter überraschend ist, mag es sich durch Betrachtung
vorgewöhnen oder in erkünstelter Tätigkeit ihn übersehen wollen, sich ein
prächtiges Grabmal in der Klosterkirche nach eigenem Plane bauen ließ, das
in kunstreichen Galerien, welche mit den Bildnissen seiner Vorgänger
bedeckt, zur Spitze anlief, wohin sein eigener Sarg gestellt werden sollte.
Er fühlte sich gerechtfertigt, als er sich nun lebend in diesen Sarg
legte, von Trauergesang, Glockengeläut und schwarzen Kerzen begleitet,
sich einsam hinaufstellen ließ und durch die irdisch geschlossene Decke
der Kirche Isabella erblickte, wie sie ihm tröstend und liebend an den
Gefilden der ewigen Gedanken begegnete, wo die Irrtümer des Menschen mit
der Last seines Leibes in Staub zerfallen. Sie winkte ihm, und er folgte
ihr bald und sah ein helles Morgenlicht, worin Isabella ihm den Weg zum
Himmel zeigte, und fragte die Anwesenden, ob es schon so hoch am Tage sei.
Der Erzbischof sagte aber, es sei Nacht. Da befahl er seinen Geist in
Gottes Hände und starb. Befragen wir unser Herz, wie wir sterben möchten:
sicher wie Karl, die Geliebte unsrer Jugend als einen heiligen Engel
zwischen uns und der Sonne, von der wir scheiden, weil sie uns blendet;
gleichsam wie einen farbigen Vorhang, daß selbst die Schatten der
blumenpflückenden und nichts fassenden Hände gefärbt erscheinen. Jenes
Leichenbegängnis Karls muß uns nicht wie eine wunderliche Schauspielerei
erschrecken. Derselbe Gedanke, der bei dem Beherrscher einer Welt zur Tat
wurde, bewegt viele Gemüter, die ein ernstes Leben geführt haben; aber er
bleibt Gedanke und verwandelt sich sonst häufig in eine Sorgsamkeit in der
Anordnung des wirklichen Leichenbegängnisses, worin sich selten Eitelkeit,
häufiger der Wunsch äußert, ein Leben, das nach gewissen festen
Grundsätzen geführt, in derselben Gesinnung zu schließen. Unsre eitle
Zeit verachtet jede Leichenfeier, bei unsern frommen Voreltern war oft ein
anständiges Leichentuch einzige Mitgabe der Braut, und ein prachtvoller
Sarg schloß ein bescheidnes Leben. Wer wagt das Sonderbarkeit zu
schelten? Es war Nebenäußerung jener Einheit, die uns in aller ihrer
Geschichte anspricht, aber noch lebendiger in den Denkmalen ihrer
vielhundertjährigen Andacht, die in den Kirchengebäuden alter deutscher
Zeit vor uns steht. Welche Einheit und Ausgleichung aller Verhältnisse,
wie fest begründet alles an der Erde und doch alles dem Himmel eigen, zum
Himmel führend, an seiner Grenze am herrlichsten und prachtvollsten
geschlossen. Zum Himmel richtet die Kirche wie betende Hände unzählige
Blütenknospen und Reihen erhabener Bilder empor, alle zu dem Kreuze hinauf,
das die Spitze des Baues als Schluß des göttlichen Lebens auf Erden
bezeichnet, das als die höchste Pracht der Erde, die sich dadurch zu
unendlichen Taten begeistert fühlt, einzig mit dem Golde glänzt, womit
kein andres Bild oder Zeichen neben ihm in der ganzen heiligen Geschichte,
die der Bau darstellt, sich zu schmücken wagt. Nicht nur über Kaiser
Karls Leichenbegängnis, auch über sein Leben hat die Nachwelt ein
langwieriges Totengericht gehalten, aber nur die Mitlebenden können einen
Herrscher am Ende seiner Laufbahn würdigen, und wie lehrreich scheinen
darin die Totengerichte der alten Ägypter, sie gehören aber nicht in unsre
europäische Welt. Noch jetzt finden wir sie in Abessinien, noch jetzt
werden die Nachkommen unsrer Isabella auf dem Throne den Tag nach ihrem
Tode in dem Eingange der Pyramide, die ihnen als Grabstätte dient,
öffentlich ausgestellt, und jeder ist verpflichtet, auszusagen, was er
über den Verstorbenen denkt. Auch über Isabella hat dieses Totengericht
gesprochen; noch jetzt sprechen die Abessinier von diesem Totengerichte,
das sie bei ihrem Leben noch über sich halten und aufzeichnen ließ; sie
zeigen noch jetzt ihr Bild bei den Quellen des Nils, wie sie da alle in
einem Siebe vereinigt, durch das sie als unzählige Quellen zur Erde laufen,
zum Zeichen, wie sie zwar die getrennten Völkerstämme der Abessinier oder
Zigeuner vereinigte, aber nicht hindern konnte, daß sie durch innern
Streit auseinanderliefen. Wir danken diese Nachrichten dem berühmten
Reisenden Taurinius, dessen eigene Worte wir hier mitteilen wollen:
"Isabella, die berühmte Königin, berief ihren Sohn Lrak, den sie von Karl
nach der Voraussagung Adrians empfangen, ihren Feldherren Sleipner, der
als ein armer fahrender Schüler aus Gent mit ihr fortgezogen war, ferner
alle Ehrenmänner und Vorsteher des Volks, nach dem Eingange der großen
Pyramide an den Quellen des Nils, welche sie sich zum Grabmal erbaut hatte.
Es war am 20. August 1558, an demselben Tage, wo ihr geliebter Karl
sein Leichenbegängnis bei lebendem Körper mit offenen Augen feierte,
gleichsam in einer heimlichen Ahndung, als wollte sie mit einem gleichen
ernsten Vorbilde vom Leben scheiden. Sie erklärte dort, indem sie von
allen freundlichen Abschied nahm und den trostlosen Sleipner auf den
Himmel verwies, wo seine Liebe eine reiche Belohnung finden würde, und
ihren Sohn an ihr Herz drückte. Da, sage ich, denn also habe ich es
mehrmals erzählen hören, erklärte sie, daß sie sich zu krank und hinfällig
fühle, um der Regierung länger vorzustehen, und weil sie jetzt aufhöre zu
herrschen und gleichsam aus der Welt gehe, so wäre es ihr sehnlicher
Wunsch und ihre letzte Bitte, daß die alte heilige Sitte des Totengerichts
nicht bis zu ihrem wirklichen leiblichen Tode ausgesetzt bleibe, sondern
daß ein jeglicher jetzo gleich, während sie sich in ihrem Sarge ausstrecke,
vorübergehe und seine Meinung nach geleistetem Eide wahr und unverhohlen
über sie ausspreche. So hatte sie sich erklärt, und da keine Bitten,
keine Tränen ihr diesen Entschluß auszureden vermochten, so schritt man
also gleich zur Eidesleistung. Die Königin legte sich unter unzähligen
Tränen in ihren Sarg, und ein jeglicher trat seiner Würde gemäß, wie er
pflegte, vor ihr hin und ließ sein wohlüberdachtes Urteil, also, daß sie
es deutlich vernehmen konnte, in das königliche Buch eintragen. O welch
ein seliger Tag für die Reine! Wie leicht war der Tadel gegen die
Vorwürfe, die sie sich selbst gar oft soll gemacht haben. Der Priester,
der mir das Ausführlichste darüber mitteilte, las mir, wie ihr dabei
geschehen und wie selig sie während des Totengerichts verstorben sei, wie
folget, aus einer alten Pergamentrolle vor, woraus ich es sogleich in
unsre deutsche Muttersprache zu übersetzen wagte, wobei mir aber zuweilen
copia verborum gefehlet hat, weswegen ich es nochmals von Magister Uhsen
wieder übersehen und sehr verbessern lassen: Sie versank während des
Totengerichts in ein freudiges Anschauen. Aus dem Nebel, der das
herrliche Land, das sie geschaffen, bisher noch gedeckt hatte, traten ihr
erst die nahen seligen Gärten hervor, darinnen die glücklichen Kinder
ihres umgetriebnen Volkes wieder ruhig spielten; darinnen die Brunnen
sprangen, wo sonst die Krokodile im dürren Sande sich gesonnt hatten;
darinnen rote und blaue Vögel sangen, wo sonst die Schlangen gezischt
hatten. Weiterhin erschien ihr die grüne Wiese voll Blumen, und die
Lämmer mit ihren Glocken bewegten sich langsam klingend zwischen den
Halmen, wo sonst der Tod unter dem grundlosen Moraste auf alles Lebende
lauerte. Dann aber strömte der Fluß, der Fluß aller Flüsse vorüber, das
unschuldige Metall der Oberwelt glänzend poliert wie ein Schwert; von den
Rudern der Schiffer fleißig gehämmert, wo sonst nur der Fisch in seichter
Fläche zu schwimmen wagte. Aber das Herrlichste lag drüben und jenseits,
und wie sie in tiefer Seele an dem Gedanken sich entzückte, ihrem
geliebten Volke in unablässigem Bemühen alle einzelnen Steine zu den
Palästen künftiger Macht behauen zu haben, da glänzten ihr drüben schon
die Schlösser und Kirchen künftiger Herrlichkeit im aufgehenden Lichte.
Sie näherte sich verwundert dem Strome und sah nur nach drüben, wo sich
die geahndete Erfüllung in sichrer Wirklichkeit zeigte, und so stürzte sie
in den Strom und ward von ihm hinübergeführt und war drüben--mit diesem
Bilde suchte ein frommer Zeuge ihres Todes die Seligkeit ihres sterbenden
Angesichtes auszudrücken und zu erklären."--Liebreiche Isabella! wir
haben dich schuldlos erfunden im kleinen Kreise deiner Jugendliebe, warum
sollten wir zweifeln an den Erzählungen der Reisenden, daß du auch auf der
Höhe eines Thrones im Überblick einer Welt dir selbst treu geblieben bist;
denn was ist diese Welt gegen diese Treue, die unwandelbar bleibt, wo sie
einmal bewährt ist. Deine Liebe ist nicht untergegangen in ihrer
Verschmähung, der eine sollte sie nicht begreifen, nicht würdigen, nicht
bewahren, daß sie übergehe zu einem Volke, welches in deiner Liebe sich
befreite. Kein Leiden, keine Reue, kein Zweifel wird deinen Blick
zurückgewendet haben zu dem, den du verlassen, weil er dich aufgegeben
hatte; was in reiner Seele die Begeisterung eines Augenblickes tut, bleibt
ihr notwendiges Gesetz in Ewigkeit. Reines Bild des jugendlichen Lebens,
wir blicken zu dir und flehen: Reinige uns von eingebildeten Leiden der
Liebe und von angebildeten Sünden der Zeit; das Totengericht der Menschen
soll uns nicht schrecken, aber wer scheut nicht die Totenrichter in sich
selbst, die unerbittliche Strenge der Gedanken, die sich nicht täuschen
lassen, wo wir andern genügen, aber nicht der eignen Kraft; heilige
Isabella, wehe Himmelsluft auf meine heiße Stirne, wenn ich Gericht halte
über mich selbst!
Am Himmel steht ein drohender Komet und glühet den Herbst zum Sommer, wozu
wird er den Frühling entbrennen? Sei getrost, liebe Seele, sei getrost,
du Welt, dir ist viel vom Herren verheißen.
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Isabella von Ägypten" von
Achim von Arnim.