Der Kleine und Braka gerieten in die größte Verlegenheit; Braka hatte

indessen bald ihre Überlegung flott gemacht; sie setzte schnell zur Partei

der Bella über und sagte: was sie gesprochen, sei aus Furcht vor dem

kleinen Männchen ihr in den Mund gekommen, sie müsse jetzt eingestehen,

daß irgendeine falsche Gestalt unter dem Namen Bella dem Alraun vermählt

worden sei, die jetzt, sie wüßte nicht wie, verschwunden sei; diese echte

Bella müßte sie aber als Fürstin verehren, wie sie ihr seit frühern Jahren

gedient habe. Dabei heulte sie wie eine Meute Hunde, die ihr Fressen

erwarten, und warf sich vor Bella nieder.

Der kleine Wurzelmann tobte jetzt wie ein Rasender, warf seinen Handschuh

hin und schwur, daß er mit jedem fechten wolle, der ihm seine Frau

streitig machen oder ihn für einen Alraun erklären wollte. Chievres

erklärte jetzt, daß erst dieser letzte Punkt berichtigt sein müsse, ob er

ein Mensch, um ihm ritterlichen Zweikampf einzuräumen, ferner ob er

ebenbürtig und christlicher Religion sei. Der Kleine behauptete, er habe

einen Diener, Bärnhäuter genannt, der dies alles, was ihm hier

abgestritten, bescheinigen würde, man möchte nur erlauben, daß er den

herbeiholte. Dies wurde ihm bewilligt.

In der Zwischenzeit kam durch Brakas Geschwätzigkeit an den Tag, wie der

Alraun alle verborgnen Schätze zu heben wisse und allerorten dergleichen

angetroffen habe. Chievres horchte auf und sagte zum Erzherzoge: "Gott

segnet ihre Hoheit mit einem Finanzminister in der kleinen Person dieses

Alrauns, der ihre künftige Größe fest begründen kann; unabhängig von den

Launen der Stände schafft er Eurer Hoheit künftig die Mittel, jede

Tätigkeit für sich zu benutzen. Er wird die Seele des Staates; sein Genie

wird göttliche Rechte und menschliche Wünsche, die ewig einander

widersprechen, ausgleichen können. Lange lebe der Erzherzog und sein

Reichsalraun!"

Dem Erzherzoge wurde in diesem Augenblick die künftige Klugheit, die ihn

in allen Verhältnissen leitete, vorahndend; er nickte Chievres

wohlgefällig zu und sann darauf, wie er das kleine, nützliche Wesen sich

verbinden könne. Chievres stieg in seiner Gnade und in seinem Zutrauen

durch die unerschöpfliche Erfindungskraft seiner Klugheit.

Der Erzherzog begrüßte diesmal den Kleinen sehr freundlich, als er mit dem

Bärnhäuter hereintrat, der die zurückgelassenen Kleider und das

angefangene Bild der Golem Bella trug. Der Kleine hatte dem armen Kerl

den ganzen Rest des Schatzes auf einmal zu geben versprochen, insofern er

ein recht kräftiges Zeugnis ablegte, daß es nur eine Bella gebe, daß diese

ohne alle Veranlassung nach ihrer Verheiratung aus dem Hause entwichen und

eine Masse Leimen, von ihren Kleidern und ihrem Mantel umhüllt,

zurückgelassen habe; zugleich solle er beschwören, daß er des Alrauns

Eltern gekannt, die im Lande Hadeln als gute Christen und alter Adel

bekannt gewesen. Der alte, tote geizige Bärnhäuter hatte ihm das alles

versprochen; er trat vor und begann die verabredete Lügengeschichte. Wie

aber Braka oder Bella ihn zur Rede setzten, so antwortete der

neuangefressene Teil seines Leibes, gleichsam die verbesserte Ausgabe

seiner Natur, ganz entgegengesetzt mit einer helleren Stimme:

Mensch--Nichtmensch, Bella verheiratet--Bella aus dem Haus gejagt,

durchkreuzte sich so gewaltig, daß sein Zeugnis, nachdem die Richter

mehrere Bogen beschrieben, in Null aufging. Der kleine Mann wurde fast

unsinnig aus Ungeduld, entriß dem armen, ganz in sich zerrissenen

Bärnhäuter die Kleider und das Lehmbild, jagte ihn mit Fußtritten zur Tür

hinaus und schwur ihm, daß er den Schatz jetzt, statt ihn auszuliefern, in

alle Welt als Almosen zerstreuen wolle; daß der Bärnhäuter umsonst bis zum

Jüngsten Tage von einem Herren zum andern sich verdingen solle, um ihn

zusammenzubringen; daß er umsonst für einen alten Taler einen Herren dem

andern verraten werde, umsonst im Kriege von einem zum andern übergehe, um

das Werbegeld zu stehlen; seine bessere frische Natur werde das schändlich

gewonnene Geld zur großen Qual seines alten Leibes verschenken und

verschleudern, und so werde er am Jüngsten Tage noch so arm, abgerissen

und trostlos wie im gegenwärtigen Augenblicke erscheinen(1). Nachdem der

Kleine diesen Fluch ausgesprochen, wendete er sich in trostlosem Ärger zu

der Lehmfigur. Chievres fragte ihn, wen diese Gestalt bezeichne. Der

Kleine wies auf Bella und weinte bitterlich; wer hätte aber in der langen

Gurke, welche die Mitte des breiten Erdenkloßes bezeichnete, die feine,

zierlich geschwungene Nase der schönen Bella erkannt. Seiner Art Liebe

genügte aber vorläufig dieses Bild; es war zum Erstaunen, wie zärtlich er

den von seinen Tränen angefeuchteten Ton berührte. Der arme Prometheus!

Oft sah er Bella so grimmig an, daß der Erzherzog fürchtete, er möchte ihr

das Feuer ihrer Augen ausstechen, um es seinem Erdenkloße einzupropfen.

Dann fürchtete wieder der Erzherzog, er möchte mit seinen Händen in dem

Ton einwurzeln und seine geldbringende Weisheit in der Rückkehr zur

Wurzelnatur aufgeben. Er und Bella hatten längst erraten, daß dies der

irdische Rest des Golems sei, und ihnen graute davor(2).

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(1) Der Fluch war etwas lang, aber er gehörte

ausführlich hieher, wenn sich etwa ein solcher Bedienter oder ein solcher

Soldat, mit falschen Zeugnissen versehen, irgendwo melden sollte; ein

jeder kann ihn leicht aus der zweierlei einander widersprechenden Rede

erkennen und meiden.

(2) O ihr kunstschwatzenden Menschen, die ihr in alles sinnige Treiben

unserer eigentümlichen Natur mit ewig leerem Widerhall von griechischer

Bildung hineinschreit, euch muß ich, der Erzähler, hier anreden! Ihr

dünkt euch wohl hoch über die Arbeit des Alrauns erhaben, aber ich schwöre

euch, eure leeren Augen, mit denen ihr vor den alten Götterbildern steht,

euer leeres Herz, das sich in tausend abgelebten Worten darüber ausläßt,

sieht in den herrlichsten Schöpfungen des Altertums viel weniger als der

arme Kleine in seiner halbgebildeten Masse; denn was sie ist, das wurde

sie durch ihn, und wie er bis dahin gelangt, so wird er weiter dringen.

Von euch ist aber nichts übergegangen zu den Göttern und von den Göttern

nichts zu euch. Euch sind die kunstlebendigen Götterbilder Golems, und

lösche ich euch die Worte aus, so sind sie euch in nichts zerfallen.

Leugnet ihr das? Auf, so schafft etwas Eigenes, das ihr zu jenen stellen

könnt, ohne daß ihr selbst darüber lacht--aber eure Hände sind stets arm

an Werken und euer Mund voll von Worten.

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Bella lachte nicht des Bemühens im Kleinen, dies Bild ihr ähnlich zu schaffen.

Die gutmütige Bella fühlte Mitleiden; sie bat, diese öffentliche

Versammlung zu endigen, denn sie müsse sich endlich doch sein Unglück

wieder selbst vorwerfen, denn ihr Vorwitz habe ihn aus dem ruhigen Schoß

der Erde gerufen. "Den Kuckuck mag's da ruhig gewesen sein", sagte der

Kleine, indem er sich aus Widerspruchgeist verschnappte, "die Maulwürfe,

die Reitwürmer, die Ameisen haben mich da noch viel ärger geschoren als

ihr alle zusammen."

Chievres sagte, daß diese Anerkennung hinreiche, und verließ mit den

übrigen Herren vom Hofe das Zimmer. Der Erzherzog klopfte nun dem Kleinen

auf die Schulter und sagte ihm: er möchte jetzt an den Unterschied,

welchen die Geburt, die ihn aus einer Wurzel, Bella aus einem

Fürstenstamme hervorgehen lassen, mit ernstem Gemüte denken; eigentlich

der Mann von Bella zu sein, wäre ihm nun unmöglich, denn wie in der Bibel

stände: und der Mann soll dein Herr sein, so würde das Volk, das ihr

gehorchte, ihn nie an ihrer Seite dulden; was aber möglich wäre und schon

viel wert, er sollte ihr an der linken Hand angetraut werden und mit ihr

in einem Hause unter dem Titel ihres Feldmarschalls wohnen, doch von Tisch

und Bett geschieden sein; nur müßte er geloben, um sich dieser

Auszeichnung würdig zu machen, mit unermüdlichem Fleiße alle verborgenen

Schätze aufzusuchen und ihm, als dem Schützer des künftigen Zigeunerreichs,

zu überliefern.

Der Kleine besann sich, endlich rief er: "Bravo, so ist's mir ganz recht,

und ich möchte Eurer Hoheit um den Hals fallen, wenn Sie nicht so groß

wären. Habe ich mein eignes Schlafzimmer, so werde ich ruhig liegen; ich

weiß so nicht, wozu das Schlafen soll. Meine verlorene Frau, wenn es

diese nicht ist, ließ mir keine Ruhe und hat mir ein Paar ganz neue Augen

gekostet, die ich noch im Nacken sitzen hatte und mit denen ich

voraussehen konnte, wenn ich sie vorzubringen vermochte. Das

Zusammenessen hat mir auch bei meiner vorigen Frau, wenn es diese nicht

ist, niemals sonderlich behagt: ich mochte schreien, soviel ich wollte,

sie nahm die besten Stücke, und wenn ich nicht ruhig sein wollte, schlug

sie mir mit den heißen Knochen, item mit dem Suppenlöffel ins Gesicht."

Als Bella sich dem Vorschlage ebenfalls gefügt hatte, so schickte der

Erzherzog zu demselben Pfarrer, der den Alraun schon einmal getraut hatte,

und ließ drohen, ihn bei Wasser und Brot wegen der heimlich vollzogenen

Einsegnung gefangen zu setzen, wenn er eine zweite feierliche Einsegnung

zu verrichten sich weigerte. Die arme Seele war zu allem bereit, und

abends in einer Versammlung von wenigen Vertrauten des Erzherzogs wurde

die Vermählung an der linken Hand gefeiert, welche sowohl die

untergeordneten Seelen, wie Braka, Cornelius Nepos und den geizigen

Pfarrer, als auch die Häupter unsrer Geschichte, den Erzherzog und Bella,

miteinander in ein ruhig begründetes Verhältnis zu setzen versprach. Doch

Bella weinte während der Vermählungsfeier so heftig, so unwillkürlich, daß

sie keine Einwilligung geben konnte; umsonst fragte Karl zärtlich nach der

Ursache ihrer Tränen, aber sie wußte keine, als daß ihr eine kleine Katze

eingefallen, die sie einmal des Alrauns wegen ersäuft hatte: diese Sünde

hätte sie vergessen zu beichten. Da sie keine Einwendung gegen diese

Hochzeitzeremonien machte, so wurde die Hochzeit als beendigt angesehen,

und der Kleine bezeigte noch an dem Abend seine Dankbarkeit gegen den

Erzherzog, indem er aus einer zugemauerten Nische des Schlosses einen

Schatz an Münzen und goldnen Ketten befreite, der über zweihundert Jahre

darin geruht hatte.

Der Erzherzog, als er am Abende mit Bella allein war, fühlte sich ganz

unerwartet durch die Erinnerung an die Golem Bella, wie sie in Erde

zerfallen, so gestört, und Bella konnte die alte, ganz hingebende

Vertraulichkeit so wenig in sich finden, daß beide froh waren, ihre Betten

einander nicht so nahe wie in Buik gestellt zu sehen. Der Erzherzog

versank in einen schönen Traum: es war ihm, als sähe er mit den

prachtvollen Goldketten, die ihm der Alraun gefunden, die spanischen

Großen, die selbst vor dem Könige mit bedecktem Haupte zu erscheinen

wagten, zur Erde gedrückt; es war ihm, als könnte er viele tausend

Soldaten mit diesen Ketten ziehen, und überall, wohin er mit ihnen zog,

wurde ihm gehuldigt. Sein Nebenbuhler unterdessen, der doch aus einer

Regung seines Blutes nicht schlafen konnte, fühlte sich wieder zu dem

Leimen, der jetzt seines Wurzelherzens einziger Schatz geworden war,

zurückgetrieben, und in der Begeisterung über sein Glück gelang es ihm

diesmal besser: alles bildete sich unter seinen Händen so ähnlich, daß er

entzückt den Besitz dieses selbstgeschaffnen Weibes jedem von Gott

geschaffenen vorzog, das sich unmöglich den wunderlichen Gedanken eines

solchen am Sonntage Quasimodogeniti gebornen fügen konnte. Bella aber

genoß wohl in dieser Nacht des höchsten Glückes von allen, als ein

wunderbarer Klang sie in der Mitternachtsstunde ans Fenster rief. Sie

hörte die Sprache ihres Volkes, dessen zerstreute Führer, nachdem der

Erzherzog ihnen eine Freiheit des Aufenthalts in den Niederlanden gewährt

hatte, zu der anerkannten Fürstin ihres Volkes geeilt waren, sie mit einem

Gesange nächtlich zu begrüßen, ihr Treue und Liebe bis in den Tod zu

schwören. Wir wollen es versuchen, diese herzliche Begrüßung in einer

Übersetzung wiederzugeben, nachdem wir vorher noch über die Einrichtung

ihres Tanzes gesprochen haben. Sie hatten ihre Hände und Kleider mit

einer Phosphorauflösung getränkt, die in jener Zeit nur ihnen bekannt war;

sie leuchteten in Dampfwolken, und wo sie einander berührten oder

aneinander strichen, wurde dies Leuchten zu einem hellen Glanze, der

einige Zeit nachwährte und währenddessen der Gesang einfiel:

Gebüßt sind alle Sünden!

Wir steigen ans den Flammen

Und werden uns zusammen

Bei unsrer Fürstin finden;

Wir wecken die Schöne

Mit leisem Getöne,

Es klinget die Krone,

Vom Szepter berühret,

Der endlos regieret

Vom Vater zum Sohne

Im Herrschergeschlechte

Nach göttlichem Rechte.

Es füllt des Herbstes Odem

Das Aug' mit heißen Tränen,

Das Herz mit heil'gem Sehnen

Nach unsres Landes Boden.

Jetzt sinken die Wogen,

Die alles umzogen;

Die schaffende Stunde

Durchspielet die Felder,

und blühende Wälder

Entsteigen dem Grunde,

Und zahllose Kinder

Besingen den Winter.

Komm, Bella, führ die Deinen,

Wir schwören dir die Treue,

Komm, eil mit uns ins Freie,

Vom Schloß aus tote Steinen;

Wie schwarz sind die Mauern,

Da wohnet das Trauern,

Wie klirren die Waffen

Der lauernden Wachen;

Wie freundlich wird lachen

Des Morgens Erschaffen,

Wir folgen in Zuge

Den Vögeln im Fluge.

Wohl gehörte auch Bella zu einem Geschlechte der Zugvögel, die trotz aller

zärtlichen Pflege und Liebe durch den Menschen, wenn sie die Stimme ihrer

Brüder aus den Lüften vernehmen, nicht widerstehen können. Gibt es doch

arme Völker am Eispol, denen die Freuden und Erfindungen unserer Zone kein

Gefallen abgewinnen, und die beim Anblick eines Schwanes sich ins Wasser

stürzen und mit ihm nach ihrer Heimat zu schwimmen wähnen; wieviel

mächtiger wirkt die eigentümlich überlegene Natur in dem stolzen

Herrschersinne nach, aus welchem Bella hervorgegangen. Sie war doch in

Europa wie die fremde Blume, die sich nächtlich nur erschließt, weil dann

in ihrer Heimat der Tag aufgeht. Ihre Sehnsucht, ihre Wehmut überströmten

sie grenzenlos, sie konnte nicht bleiben und wußte doch nicht, warum; sie

liebte den Erzherzog, wie sie ihn jemals geliebt, aber sie fühlte, seit er

eine andre wie sie geliebt, daß sie seine erste Liebe mit sich trüge in

die Ferne, und erst jetzt gestand sie sich, daß diese scheinbare

Vermählung, so wenig dabei die Reinheit ihrer Sitte leiden konnte, sie

tief gekränkt habe, weil ihr Karls Gesinnung, sich nicht heilig und

ewiglich, wie ihr fürstlicher Sinn gemeint, mit ihr zu vermählen, deutlich

daraus hervorgegangen sei. Was galt ihr seine Klugheit, wie er den

Reichtum sich verbinden und benutzen wollte; sie kannte nur die

Herrlichkeit der Armut, die alles besitzt, weil sie alles verschmähen kann:

sie kannte nur ihr Volk, das jede Bezahlung von ihren Herrschern

verschmähte und jede Tat für sie als schönsten Gewinn achtete. Sie nahete

sich im innern Kampfe dem Bette des Erzherzogs, sie küßte ihn; wäre er

erwacht, sie hätte nicht von ihm lassen können; aber er stieß sie im

Schlaf von sich: ihm träumte, als ob die goldne Kette, worin er die Völker

führte, ihm selbst, der sie hielt, immer enger sich um den Fuß wickelte,

daß er dadurch zu fallen fürchtete; darum stieß er sie von sich. Sie aber

fühlte das im bewegten Gemüte anders und sprang leicht aufs Fenster und zu

den Ihren herab, ohne zu denken, ob ihr Sprung hoch oder nieder; aber das

Glück ihres Volkes wollte sie unverletzt erhalten. Ihre Zimmer waren im

ersten Geschoß, und der fahrende Schüler, den seine Liebe und Traurigkeit,

nachdem er sie im Schlosse erkannt, des Nachts unter ihr Fenster getrieben,

fing sie in seinen Armen auf. Die Zigeuner erkannten sie, setzten ihr

die Krone auf, gaben den Szepter ihr in die Hand und zogen, ohne daß die

Wachen etwas bemerkt hatten, stillschweigend mit ihr und dem fahrenden

Schüler, daß er sie nicht verraten konnte, vors Tor, wo sie auf leichten

Pferden, auf verborgenen Pfaden aller Nachforschung entgingen.

Als der Erzherzog aus dem bänglichen Schlusse seines Herrschertraumes zum

Lichte aufwachte, das allen Träumen mit den kecken Worten entgegenzutreten

scheint: ihr seid nicht wahr, denn ihr besteht nicht vor mir!--da meinte

auch er, alles Traurige, was ihn bedroht, sei ein Hirngespinst gewesen.

Wer spinnt aber im Innern unsres Hirnes? Der die Sterne im Gewölbe des

Himmels in Gleichheit und Abwechselung bewegt! Der Schatz der Erzherzogs

lag unversehrt vor dem Bette, er spielte leise damit, um Bella nicht zu

erwecken. Aber der geschäftige Drang des Tages nahte immer tosender auf

allen Straßen, und Bella erwachte immer noch nicht; er rief, er sah nach

ihrem Bette, aber er fand sie nicht. Er durchlief ängstlich das Haus;

aber Bella war nicht zu errufen. "Pflückt sie mir einen Blumenstrauß,

unsern Morgen zu schmücken? Ist sie in der Frühmesse und dankt Gott für

ihr Geschick?"

Beides widerlegte die nächste Stunde, und der Erzherzog befragte ohne

Erfolg die Wachen, ließ Braka vergebens rufen. Die alte Braka weinte

ernstlich um die schöne Bella, alle schöne Aussichten schwanden ihr. Wie

aber Weiber im Unglücke sind, der vornehme Stand hält die Zunge ihres

Unwillens nicht zurück, ihr Kopf füllt sich so ganz mit einem Gefühle, daß

sie jeder Rücksicht vergessen: statt den zornigen, ungeduldigen Erzherzog

zu fürchten, machte sie ihm die bittersten Vorwürfe, daß seine Grausamkeit,

Bella mit dem Kleinen zu verheiraten, sie zur Flucht veranlaßt hätte.

Der Erzherzog schwieg beschämt, er fühlte, daß sie recht hatte, daß seine

törichte Klugheit ihm das Köstlichste entrissen, was sein ganzes Leben

ausgestattet hätte; er fühlte sich so verächtlich vor den Augen der Alten,

als der kleine Alraun nimmer vor seinen Augen gestanden. Er befahl Braka,

sich zu entfernen, und gebot ihr nachher, ein Gnadengehalt anzunehmen und

es in der Nähe seines Hofes zu verzehren, damit er jemand hätte, mit dem

er von seiner Bella reden könnte. Seine unzähligen Boten, die Deutschland

durchstreiften, kamen ohne Nachricht zurück; sein Großvater Maximilian,

der etwas von seiner Leidenschaft vernommen, hatte sie allerorten abweisen

lassen. Erst sehr spät, nachdem Isabella mit den Ihren längst

weitergegangen, erfuhr er, daß sie im Böhmerwalde von einem Prinzen

entbunden worden, der in der Taufe den Namen Lrak (der umgekehrte Name des

Vaters Karl) erhalten hätte, und daß der fahrende Schüler, der mit den

Zigeunern entwichen, durch Bellas Gunst, unter dem Namen Sleipner, einer

ihrer Anführer geworden sei.

Das Warten auf diese Nachrichten war die Ursache seines unbegreiflichen

Zögerns, ehe er aus den Niederlanden nach Spanien ging, wo sein Großvater

inzwischen gestorben war und die gewaltsame Klugheit des Ximenez, ohne

seine Gegenwart, leicht bürgerliche Kriege veranlassen konnte. Als er

diese Kunde von Isabellen erhalten, wäre er ihr gern nachgezogen, aber wo

sollte er sie treffen? Wie sollte er den Jugendträumen seiner

Herrscherlust entsagen? Doch ward ihm die Krone, die er bis dahin bloß

als Schmuck angesehen, zu einem drückenden Gewichte, und die

Feierlichkeiten, die ihm bis dahin die Zierde der Tage geschienen, zu

einer verlornen Zeit, wie das Stundenschlagen, das mit seinem Klange die

ruhige Folge sehnender Gedanken unterbricht. Irren wir nicht, so läßt

sich manche seiner Launen, an denen seine wichtigsten Unternehmungen

scheiterten, aus diesem ersten Mißgriffe seiner Klugheit erklären: diese

Gleichgültigkeit, womit er das Regierungswesen zuerst behandelte, wie er

Chievres und die Seinen in der verächtlichsten Bestechlichkeit Spanien

verderben ließ; die Sinnlichkeit, in der er sich oft zu vergessen suchte

und worin er die Stärke seines Leibes früher erschöpfte; alles

Unbefriedigte und Unbefriedigende in seinem Leben. Er bedurfte der Zeit,

großer Ereignisse, wie die Eroberung von Neuspanien und seine Ernennung

zum Kaiser, und eines unermüdlichen Gegners, um nicht früher in einen

Überdruß gegen alle Regierungsgeschäfte zu versinken; endlich bedurfte er

auch des Alrauns, um seine übereilende Tätigkeit in Wirkung zu setzen.

Was wurde aus diesem Nebenbuhler seiner Liebe? Der Kleine hatte nach

allen Kräften seiner nun doppelt verlornen Gattin nachgeforscht, aber

vergebens; doch fand er früher als Karl eine Beruhigung, indem er mit

rastloser Tätigkeit an der Beendigung des Bildes der schönen Bella

arbeitete. In seiner unruhigen Betrübnis kam Karl eines Morgens auf sein

Zimmer, begrüßte das ähnliche Bild mit einem Schrei der Verwunderung und

trug es, ohne der Bitten und Drohungen des Kleinen zu achten, auf sein

Zimmer. Während er es da mit Blumen bekränzte und kniend es begrüßte,

vernahmen die Bewohner des Schlosses ein unerträgliches Lärmen im Zimmer

des Kleinen; mit Fluchen des Kleinen hatte es angefangen, bald waren immer

mehr Stimmen darin gehört worden. Als die Wachen das Zimmer erbrachen,

geschah ein heftiger Schlag, das Zimmer roch nach Schwefel, der kleine

Wurzelmann lag zerrissen und ohne Bewegung auf dem Boden. Als er heimlich

begraben, glaubte sich Karl von ihm befreit, die Menschen glaubten ihn

gänzlich zerstört, er aber war in seiner Wut dämonisiert, und der Kaiser

wußte bald, daß er ohne eine große Buße von seiner überlästigen Gegenwart

nicht wieder los und ledig werden konnte.

Umsonst wechselte er Wohnort und Kleider, umsonst versuchte er sogar den

afrikanischen Himmel; wenn er ihn auf immer gebannt glaubte und es bewegte

irgendein böser Wunsch sein Gemüt, gleich war der Alraun ihm nahe, bald in

der Gestalt eines Heimchens, das hinter dem Ofen ihm zurief, wo er Geld

und Gelegenheit dazu finden könnte, bald als eine Spinne, die von der

Decke des Zimmers sich auf seine Schreibereien herabließ, bald als eine

Kröte, die ihm im Gartengange entgegentrat, oft schnurrte er ihn auch an

als ein fliegender Käfer, abends und nachts schrie er wie ein wilder Vogel.

Karl horchte und gehorchte nur zu oft dieser Stimme, wehe uns Nachkommen

seiner Zeit. War ihm vieles durch diesen geldbringenden Geist möglich, so

mußte er dagegen früher seine Herrscherbahn schließen, um in heiligem

Leben, in Buße und Gebet jeden bösen Wunsch zu bannen.

Zu Gent, von den Erinnerungen seiner ersten Liebe und ihres Untergangs

abgetötet, beschloß er seinen eignen Sonnenuntergang zu feiern: hier

entließ er seinen Sohn Philipp mit vielen Tränen, auch von den Gesandten

nahm er Abschied und lebte bis zu seiner Abfahrt nach Spanien in der

tiefsten Einsamkeit eines gesonderten Lebens. An seinem Geburtstage nahm

er Besitz von dem für ihn eingerichteten Hieronymitenkloster St. Just in

Spanien: er dachte, daß dieser Tag den Alraun auch auf die Welt gesetzt,

der seine irdische Bahn verletzt hatte, und sprach, daß er an eben dem

Tage, da er auf Erden sei geboren worden, auch dem Himmel wolle

wiedergeboren sein. Sein ernstes Gebet ist ihm erfüllt worden, seine

blutige Geißel, die nach seinem Tode als ein Heiligtum bewahrt worden,

bezeugt, wie schwer es ihm geworden, sich den gewohnten Lieblingsgedanken

zu entschlagen; wir aber, deren Voreltern durch sein politisches

Glaubenswesen so viel erlitten, die von des Alrauns schnöder Geldlust fort

und fort gereizt und gequält worden, und endlich selbst noch an der

Trennung Deutschlands untergingen, welche er aus Mangel frommer Einheit

und Begeisterung, indem er sie hindern wollte, hervorbrachte, wir fühlen

uns durch das erzählte Mißgeschick seiner ersten Liebe, durch diese Reue

mit seiner Natur versöhnt und sehen ein, daß nur ein Heiliger auf dem

Throne jene Zeit hätte bestehen können.

Isabella von Ägypten: Kaiser Karl des Fünften erste Jugendliebe · 第 9 / 10 段