einem unbescheidenen Uebermuth beymessen, was eine nothwendige Würkung
der Zauberey ihrer Reitzungen ist. Wenn sie mir das Leben wieder nehmen
wollen, das sie mir gerettet haben, (denn wer kan sie gesehen haben,
und die Beraubung eines so entzückenden Anblicks ertragen?) so tödten
sie mich wenigstens auf eine großmüthige Art; machen sie ein Denkmal
ihrer alles bezwingenden Schönheit aus mir, und lassen mich hier in
ihrem Anschauen zum Marmorbilde erstarren.
Sie haben, wie ich höre, eine hübsche Belesenheit in den Poeten,
versetzte die Nymphe; wo nahmen sie doch diese Anspielung? -- War nicht
einmal eine gewisse /Medusa/ -- Sie haben ihren Ovidius gelesen, daß
ist gewiß, und man muß gestehen, daß sie ihrem Schulmeister Ehre machen.
Grausame! rief /Biribinker/ mit Ungedult, was für ein Belieben finden
sie, die Sprache meines Herzens, welches keinen Ausdruck für seine
Empfindungen stark genug findet, mit den Figuren eines schülerhaften
Witzes zu verwechseln? -- Sie nehmen ihre Zeit sehr übel, wenn sie
disputiren wollen, fiel ihm die Nymphe ein, sehen sie denn nicht, wie
viel Vortheile ich in dem Element, worinn ich bin, über sie habe? Aber
ich bitte sie, gehen sie hinter diese Myrthen-Hecken, und erlauben sie
mir, daß ich mich ankleide, wenn sie so gut seyn wollen -- Würde es
aber nicht großmüthiger von ihnen seyn, wenn sie mir erlaubten, daß
ich sie ankleiden hülfe? -- Glauben sie das? erwiederte die Nymphe;
ich danke ihnen für ihre Dienstfertigkeit; aber ich möchte ihnen nicht
gerne Mühe machen, und sie sehen auch, daß ich Leute genug habe, die
diese Arbeit besser gewohnt sind als sie.
Mit diesen Worten bließ sie in ein kleines Ammons-Horn, so ihr an
einer Schnur der grösten und feinsten Perlen am Halse hieng, und in
einem Augenblick erfüllte sich der ganze Brunnen mit jungen Nymphen,
die plätschernd aus dem Wasser herauf fuhren, und einen Kreis um
ihre Gebieterin machten. /Biribinker/ konnte sich jetzt noch weniger
entschliessen als zuvor auf die Seite zu gehen; aber die Nymphen
erblickten ihn kaum, so spritzten sie ihm eine solche Menge Wassers
ins Gesicht, daß er, aus Furcht ein anderer /Actäon/ zu werden,
so eilfertig davon lief, als ob er schon Hirschläufte hätte. Er
fühlte sich alle Augenblicke an die Stirne, da er aber weder Geweyh
noch Sprossen merkte, so schlich er wieder zurück, um hinter den
Myrthen-Hecken der Ankleidung seiner schönen Nymphe zuzusehen. Allein
er kam schon zu spät, die Nymphen waren wieder verschwunden, und indem
er hinter der Hecke hervor gehen wollte, fehlte es nicht viel, daß er
mit dem Kopf an die Stirne seiner Erretterin angeschlagen hätte, die im
Begriff war, ihn zu suchen. Er erstaunte ungemein, da er sie sahe. Wie?
Madame, rief er aus, nennen sie das angekleidet seyn?
Warum nicht? antwortete die /Nymphe/; sehen sie denn nicht, daß ich
in einen siebenfachen Schleyer von Leinwand eingewickelt bin? -- Das
gestehe ich, sagte der Prinz; wenn das Leinwand ist, so möchte ich wohl
denjenigen sehen, der sie gewebt hat; denn das feinste Spinnen-Gewebe
ist Segeltuch gegen dieses. Ich hätte geschworen, daß es Luft wäre. Es
ist die feinste Art von gewebtem Wasser, versetzte sie, von einer Art
trocknem Wasser, welches von Polypen gesponnen, und von unsern Mädchen
gewebt wird; es ist die gewöhnliche Kleidung, die wir andern /Ondinen/
zu tragen pflegen. Was für eine andere wollen sie, daß wir haben
sollen, da wir uns weder vor Frost noch Hitze zu verwahren brauchen?
Der Himmel verhüte, sagte /Biribinker/, daß ich ihnen eine andere
wünsche; aber mich däucht, wenn sie es nicht ungnädig nehmen wollen,
sie hätten vorhin nicht nöthig gehabt, so viel Umstände zu machen,
wie sie aus dem Bade steigen wollten -- Hören sie, mein Herr von
Honigseim, sagte die Nymphe mit einem kleinen spöttischen Naserümpfen,
das ihr sehr gut ließ; wenn ich ihnen rathen dürfte, so gewöhnten sie
sich das moralisiren ab, denn es ist gerade das, worauf sie sich am
wenigsten verstehen. Wissen sie denn nicht, daß der Gebrauch über die
Anständigkeit entscheidet? Man sieht wohl, daß sie die Welt nie anders
als in einem Bienen-Korbe gesehen haben, und sie würden sehr wohl thun,
wenn sie nach dem Rath des weisen /Avicenna/ über nichts urtheilten,
was sie zum erstenmal sehen. Aber lassen sie uns von etwas anderm
reden. Sie haben noch nicht zu Mittag gegessen, nicht wahr? und so
verliebt sie immer, mit gewissen Ausnahmen, in ihr Milchmädchen sind,
so weiß ich doch wohl, daß sie nicht gewohnt sind, von Seufzern zu
leben.
Nach diesen Worten bließ sie wieder in ihr kleines Ammonshorn, und
augenblicklich stiegen drey Nymphen aus dem Brunnen hervor. Die erste
brachte einen kleinen Tisch von Bernstein, der von drey Gratien empor
gehoben wurde, die aus einem einzigen Amethyste geschnitten waren.
Die andere breitete eine Matte von den feinsten gespaltenen Binsen
darüber aus, und die dritte trug ein Körbchen auf dem Kopfe, aus dem
sie verschiedene bedeckte Muscheln auf den Tisch stellte. Man sagt mir,
sie essen nichts als Honig, sprach die Nymphe zu /Biribinker/, sie
sollen einen kosten, der nicht der schlimmste ist, ob er gleich aus
lauter Seegewächsen gezogen wird. Der Prinz versuchte ihn, und fand
ihn so gut, daß er bey nahe die Schaale mit verschluckt hätte. Wie sie
abgespeißt hatten, erschienen zwo andere Najaden mit einem kleinen
Schenktisch von Saphir, der mit einer Menge Trinkschaalen aufgesetzt
war. Sie waren alle aus gediegenem Wasser geschnitzt, hart wie Diamant,
durchsichtig wie Cristall, und wie es schien mit lauter Brunnenwasser
angefüllt. Aber wie /Biribinker/ davon kostete, befand sichs, daß die
besten persischen Weine Phlegma dagegen waren. Gestehen sie, sagte
die /Ondine/, daß sie hier nicht schlimmer sind, als bey der Fee
/Cristalline/, bey der sie die vergangene Nacht zugebracht haben.
Sie sind allzubescheiden, schönste /Ondine/, antwortete der Prinz, daß
sie sich mit einer Fee vergleichen, die in allen Stücken so weit unter
ihnen ist.
Wieder übel geschlossen! erwiederte die Nymphe; ich sagte das nicht aus
Bescheidenheit, sondern nur, um zu hören, was sie mir darauf antworten
würden.
Aber ich bitte sie, meine Göttin, sagte der Prinz, wie geht es zu,
daß sie so gute Nachrichten von mir haben? So bald sie mich sehen,
nennen sie mich bey meinem Namen -- Sie sehen daraus, antwortete die
Nymphe, daß ich eine so gute Kennerin bin als die Fee Cristalline
-- „Sie wissen, daß ich in einem Bienen-Korb erzogen worden bin“ --
das riecht man ihnen auf zwanzig Schritte weit an -- „daß ich ein
Milchmädchen liebe“ --; O! ja, wie man noch nie geliebt hat, und daß
sie noch verliebter sind, seit dem sie eine Schäferin worden ist; und
wer weiß, wie weit sie ihr Glück getrieben hätten, wenn nicht der
Riese /Caraculiamborix/ -- Aber haben sie keinen Kummer; sie sollen
sie wieder sehen, und so glücklich seyn, als man in Besitz eines
Milchmädchens nur immer seyn kan.
O! rief /Biribinker/, bey dem die Getränke der Ondine mächtig zu würken
anfiengen, kan man etwas anders zu sehen oder zu besitzen wünschen,
nachdem man sie gesehen hat, göttliche Ondine? Ich erinnere mich nur
nicht mehr, daß ich vorher Augen hatte, und der Augenblick, da ich sie
zum erstenmal sah, ist der Anfang meines Daseyns. Ich kenne und wünsche
mir keine andere Glückseligkeit, als zu ihren Füssen von dem Feuer
verzehrt zu werden, das ihr erster Blick in meiner Brust entzündet hat.
Prinz /Biribinker/, antwortete die /Ondine/, sie haben einen schlimmen
Lehrmeister in der Redekunst gehabt. Ich hätte gedacht, die Fee
/Cristalline/ sollte ihnen die lächerliche Meynung benommen haben,
daß man uns Unsinn vorsagen müsse, um uns die Heftigkeit seiner
Leidenschaft zu beweisen. Ich wette was sie wollen, daß es nicht wahr
ist, daß sie zu meinen Füssen verzehrt zu werden wünschen; glauben
sie mir, ich weiß besser was sie wünschen, und sie würden mehr dabey
gewinnen, wenn sie natürlich mit mir reden wollten. Diese schwülstige
Sprache, die sie sich angewöhnt haben, ist vielleicht gut, Milchmädchen
zu rühren; aber, lassen sie sich ein für allemal sagen, daß man uns
nicht nach einerley Methode behandeln muß. Ein Frauenzimmer, das den
/Averroes/ so lange studirt hat, wie ich, wird durch keine poetische
Blümchen gewonnen; man muß uns überzeugen können, wenn man uns rühren
will, und die Macht der Wahrheit ist das einzige, was uns nöthigen kan,
uns zu ergeben.
/Biribinker/ war es zu sehr gewohnt von den Damen, denen er in die
Hände fiel, gehofmeistert zu werden, als daß er sich durch einen
Verweiß hätte kleinmüthig machen lassen sollen, der ihm die Mittel
zeigte, wodurch man bey den Schülerinnen des /Averroes/ glücklich
werden kan; und in der That fühlte er, daß es ihn weit weniger
Mühe kosten werde, sie durch die Energie der Wahrheit, als durch
spitzfündige und schwülstige Liebes-Erklärungen zu überwältigen. Die
Reitzungen der /Ondinen/ übertreffen, nach dem vollgültigen Zeugniß des
Grafen von /Gabalis/, alles, was den Besitz der schönsten unter den
Töchtern der Menschen begehrenswürdig macht. Kurz, /Biribinker/ wurde
nach und nach so natürlich und überzeugend, als sie es nur wünschen
konnte, und ob sie gleich eine genaue Beobachterin dessen war, was man
/Gradationen/ nennt, so wußte sie doch die Zeit so gut einzuteilen, daß
es eben Nacht wurde, wie der Prinz die Ueberzeugung bis zu derjenigen
Evidenz trieb, die keinen Zweifel übrig läßt. Die Geschichte sagt
weiter nichts von dem, was zwischen ihnen vorgegangen, als daß sich
/Biribinker/ des Morgens, da er erwachte, zu seinem nicht geringen
Erstaunen, auf eben dem Ruhebette, in eben dem Zimmer, in eben dem
Pallast, und in dem nehmlichen Zustande befand, worinn er des Morgens
zuvor gewesen war.
Die schöne /Ondine/, welche, man weißt nicht warum? sich nicht weit von
ihm befand, merkte kaum, daß er erwacht war, als sie ihn, mit einer
Anmuth, die ihn vor etlichen Stunden eben so sehr entzückt hatte, als
sie ihn jetzt gleichgültig ließ, also anredete: Das Schicksal, mein
lieber /Biribinker/, hat sie dazu ausersehen, sich unglückliche Feen
verbindlich zu machen. Da ich das Vergnügen habe, eine davon zu seyn,
so ist es billig, daß ich sie berichte, wer ich bin, und wie viel ich
ihnen zu danken habe. Wissen sie also, daß ich eine von denjenigen
Feen bin, die man /Ondinen/ nennt, weil sie das Element des Wassers
bewohnen, aus dessen subtilesten Atomen ihr Wesen zusammen gesetzt ist.
Man nannte mich /Mirabella/, und der Stand einer Fee mit dem Rang, den
mir meine Geburt unter den Ondinen gab, hätte mich glücklich machen
können, wenn irgend etwas fähig wäre, uns gegen die Einflüsse eines
feindseligen Gestirns zu schützen. Das meinige verurtheilte mich, von
einem alten Zauberer geliebt zu werden, dem seine tiefe Wissenschaft
eine unbegrenzte Gewalt über die elementarischen Geister gab. Allein
bey allem dem war er der unangenehmste Mensch von der Welt, und ohne
die Freundschaft eines Salamanders, der ein Günstling des alten
/Padmanaba/ war ----
Wie? rief der Prinz, /Padmanaba/, sagen sie? der Mann mit dem
schneeweissen Ellenlangen Bart, der arme Mädchens, die Langeweile
haben, in Nachtgeschirre und kurzweilige /Gnomen/ in Hummeln verwandelt?
Eben dieser, versetzte die /Ondine/, war es, der sich die Rechte eines
Ehemanns über mich anmaßte, ohne zu den Pflichten dieses Characters die
mindeste Tüchtigkeit zu haben. Eine meiner Vorgängerinnen, die er in
den Armen eines häßlichen Gnomen überraschte, hatte ihn so mißtrauisch
gemacht, daß er auf seinen eigenen Schatten eyfersüchtig war. Er hatte
alle Gnomen abgeschaft, und dafür lauter /Salamander/ angenommen, deren
feurige Natur, wie er dachte, geschickter war, Schrecken als Liebe
einzuflössen. Sie erinnern sich ohne Zweifel aus ihrem /Ovidius/ an die
schöne /Semele/, die in der Umarmung eines Salamanders zu Asche wurde.
Aber der gute Alte vergaß mit aller seiner Vorsichtigkeit, daß die
wässerichte Natur der Ondinen sie vor einer solchen Gefahr vollkommen
sichert, und das gedämpfte Feuer der Salamander zu einer sanften
Hitze mäßiget, die der Liebe nicht wenig günstig ist. /Padmanaba/
verließ sich so völlig auf seinen Günstling, daß er uns alle Freyheit
ließ, die wir nur wünschen konnten. Sie bilden sich vielleicht ein,
Prinz /Biribinker/, daß wir uns diese Gelegenheit nach der Weise
materieller Liebhaber zu Nutze gemacht haben würden; aber sie irren
sich. /Flox/, so hieß mein Freund der Salamander, war zu gleicher Zeit
der zärtlichste und der geistigste Liebhaber von der Welt. Er merkte
gleich, daß mein Herz nur durch den Verstand gewonnen werden könne,
und trieb seine Gefälligkeit gegen meine Delicatesse so weit, daß er
gar nicht einmal zu bemerken schien, daß ich, wie sie sehen, eine
ziemlich feine Haut, eine nicht ganz gleichgültige Figur, und ein paar
niedliche kleine Füßchen hatte, mit denen ich im Nothfall so fertig zu
reden wußte, als eine andere mit den Augen. Mit einem Wort, er gieng
mit mir um, als ob ich lauter Geist gewesen wäre. An statt wie andere
Liebhaber mit mir zu tändeln, analysirte er mir die geheimnißvollen
Schriften des Averroes; wir sprachen ganze Tage lang von unsern
Empfindungen, und ob es gleich im Grund immer eben dieselbigen waren,
so wußten wir ihnen doch so vielerley Wendungen zu geben, daß wir immer
etwas neues zu sagen schienen, wenn wir in der That immer einerley
sagten. Sie sehen, mein Prinz, daß nichts unschuldigers seyn konnte,
als unsere Freundschaft, oder, wenn sie es so nennen wollen, unsere
Liebe. Und doch konnte uns weder die Lauterkeit unsrer Absichten,
noch die Vorsichtigkeit einer jungen Gnomide, die in meinen Diensten,
und in der That ein dummes kleines Ding war, vor den boshaften
Beobachtungen so vieler Augen, die der Neid auf uns offen hielt,
sicher stellen. Verschiedene Salamander, von den Vorzügen beleidigt,
die ich meinem Freund über sie gab, unterstunden sich, über unsern
Umgang gewisse Glossen zu machen, die sich (ihrem Vorgeben nach) auf
gewisse Vertraulichkeiten gründeten, die sie zwischen uns wahrgenommen
haben wollten. Der eine bemerkte, daß ich außerordentlich munter sey,
und daß ein gewisses Feuer in meinen Augen blitze, welches lange Zeit
darinn erloschen gewesen war; ein anderer konnte nicht begreiffen,
daß meine Lust zur Philosophie groß genug seyn könne, um mir so gar
in meinem Schlafzimmer Lectionen darinn geben zu lassen; ein dritter
wollte eine gewisse Sympathie unserer Knien und Ellenbogen, und ein
vierter ich weiß nicht was für ein geheimes Verständniß zwischen unsern
Füssen entdeckt haben. Sie sehen, mein Prinz, daß, wenn auch in einer
von den Zerstreuungen, denen die metaphysischen Seelen am häuffigsten
unterworfen sind, etwas dergleichen vorgegangen wäre, man doch die
Bosheit und materielle Denkungs-Art unserer Feinde haben mußte, um
solche Kleinigkeiten zum Nachtheil einer Tugend auszudeuten, die sich
jederzeit durch die strengsten Grundsätze in der Sittenlehre in einem
festgesetzten Ansehen erhalten hatte.
Inzwischen wurde das Gemurmel unserer Mißgünstigen so laut, daß es
endlich auch vor den alten /Padmanaba/ kam, der nur allzu geneigt war,
dergleichen Eingebungen ein aufmerksames Ohr zu leihen. Er wurde desto
stärker dadurch aufgebracht, je grösser die Meynung gewesen war, die
er von meiner Tugend oder wenigstens von der Kälte meines Bluts gefaßt
hatte. Man machte einen Anschlag, uns zu überraschen, und es gelung
endlich unsern Feinden, uns in einer von den obgedachten Zerstreuungen
anzutreffen, die, zum Unglück, stark genug war, daß wir etliche
Augenblicke den Gebrauch unserer Sinne verlohren zu haben schienen. Die
donnernde Stimme des furchtbaren /Padmanaba/ weckte mich endlich aus
einer Art von Entzückung, worinn es sehr unangenehm ist, unterbrochen
zu werden, sie können sich vorstellen, ob ich betroffen war, da ich in
einem so delicaten Umstand, mich von so vielen Augen beleuchtet sah.
Indeß verließ mich doch die Gegenwart des Geistes nicht ganz; ich bat
meinen alten Gemahl, mich nicht eher zu verurtheilen, bis er meine
Rechtfertigung gehört hätte, und war im Begriff, ihm aus dem siebenten
Capitel der Metaphysik des /Averroes/ zu beweisen, wie betrüglich das
Zeugniß der Sinne sey, als er mich mit diesen Worten unterbrach: Ich
habe dich zu sehr geliebt, Undankbare, als daß ich fähig wäre, die
Rache an dir zu nehmen, die meine beleidigte Ehre fordert. Deine Strafe
soll nichts anders als eine Probe der Tugend seyn, an welche du noch
Ansprüche zu machen verwegen genug bist. Ich verbanne dich, fuhr er
fort, indem er mich mit seinem Stab berührte, in die Bezirke des Parks,
der dieses Schloß umgibt; behalte deine Gestalt und die Vorrechte
deines Feen-Standes, aber verliere beydes, und verwandle dich in das
häßlichste Crocodill, so oft du mit jemand, wer er auch sey, in eine
Zerstreuung fällst wie diejenige war, worinn ich dich hier gefunden
habe. Wie sehr bedaure ich, daß es nicht in meiner Gewalt ist, diese
Bezauberung unauflößlich zu machen! Aber die Zukunft wird, wie ich
besorge, einen Prinzen hervor bringen, dessen wunderbares Gestirn aller
meiner Macht Trotz bietet.
Alles, was ich thun kan, ist, die Auflösung meiner Bezauberungen an
die Talismanische Kraft eines so seltsamen Namens zu binden, daß er
vielleicht in vielen Jahrtausenden in keiner Sprache des Erdbodens
wird gehört werden. Nachdem /Padmanaba/ diese geheimnißvollen Worte
gesprochen hatte, ward ich durch eine unsichtbare Gewalt in den Brunnen
versetzt, wo sie mich zuerst gesehen haben, und bald darauf erfuhr
ich, daß der Alte aus Verdruß über meine vermeynte Untreue das Schloß
verlassen habe, ohne daß man wisse, was aus ihm oder meinem geliebten
Salamander geworden sey. Ich war untröstbar über den Verlust des
letztern, und machte meinen Nymphen etliche Tage lang so abscheuliche
Gesichter, daß einige davon in Gichter fielen, und andere vor Angst auf
der Stelle nieder kamen. Allein wie kein heftiger Schmerz langwierig
seyn kan, so währete auch der meinige nur so lange, bis ich mich
erinnerte, daß mir /Padmanaba/ doch ein Mittel gelassen hatte, die Ehre
meiner Tugend zu retten. Was soll ich ihnen sagen, Prinz /Biribinker/?
Mehr als fünfzig tausend Prinzen und Ritter haben seit mehr als einem
Jahrhunderte das Abentheuer vergeblich unternommen, das sie allein
fähig waren, zu Stande zu bringen. Von was für Klagen, von was für
Verwünschungen erschallte nicht dieser Wald, wenn diese Unglücklichen
statt einer reitzenden Nymphe, die sie umfangen wollten, plötzlich
ein ungeheures Crocodill -- der Abscheu, den eine so demüthigende
Erinnerung mir verursacht, läßt mich nicht weiter reden; es ist wahr,
diese häßliche Verwandlung hörte sogleich wieder auf, aber jeder neuer
Versuch, den sie machen wollten, sie aufzulösen, hatte jedesmal den
nehmlichen Erfolg. Dieser Brunnen, welcher ehemals die gewöhnliche
Grösse hatte, ist allein durch ihre Thränen so groß und tief worden,
daß er, wie sie gesehen haben, einem kleinen See ähnlich sieht; und
viele, die sich aus Verzweiflung hinein stürzten, würden einen feuchten
Tod darinn gefunden haben, wenn meine Nymphen sie nicht aufgefangen,
und wieder mit dem Leben ausgesöhnt hätten. Sie allein, glücklicher
/Biribinker/, waren mächtig genug, eine Bezauberung zu vernichten, die
mich in die traurige Nothwendigkeit setzte, so viele tausende zu Zeugen
meines Unglücks zu machen. ----
Aber eben das ist etwas, das ich noch nicht recht einsehe, sagte der
Prinz. Wozu hatten sie alle diese Zeugen nöthig? Mir däucht, die Ehre
ihrer Tugend, wie sie es nennen, wäre am besten gerechtfertiget worden,
wenn sie sich nie in den Fall gesetzt hätten ein Crocodill zu werden.
So schliessen sie und ihres gleichen, erwiederte /Mirabella/. Sagen sie
mir einmal, was für Ehre kan eine erzwungene Tugend machen? Welches
Frauenzimmer ist nicht fähig, ihren Begierden Gewalt anzuthun, wenn
sie zu gleicher Zeit die Unmöglichkeit, sie zu befriedigen, und eine
schimpfliche Strafe vor Augen sieht? Aber der Liebe zur Tugend die
Furcht der Schande, ja in gewissem Sinn die Tugend selbst aufopfern,
das ist ein Grad von moralischem Heldenmuth, dessen nur die edelsten
Seelen fähig sind.
Erklären sie mir doch das deutlicher, sagte /Biribinker/, ich bin sonst
eben nicht der dummste, aber ich will gehangen seyn, wenn ich ein Wort
von allem, was sie da sagten, verstanden habe.
Unsere Tugend, erwiederte die Fee, ist nur alsdann ein Verdienst, wenn
es in unserer Willkühr stehet, ob wir sie behalten oder verlieren
wollen. /Lucretia/ würde nie als ein Muster der Keuschheit aufgestellt
worden seyn, wenn sie den jungen /Tarquinius/ in die Unmöglichkeit
gesetzt hätte, einen Versuch auf ihre Ehre zu machen. Eine alltägliche
Tugend würde ihr Schlafzimmer verriegelt haben; die erhabene /Lucretia/
ließ es offen. Sie that noch mehr, sie ergab sich so gar, um
Gelegenheit zu haben, durch das grosse Opfer, das sie der beleidigten
Tugend brachte, der Welt zu zeigen, daß der kleinste Flecken, der ihren
Glanz verdunkelt, mit Blut ausgelöscht zu werden verdient.
Sie sehen aus diesem Beyspiel, mein Prinz, wie weit die geläuterte
Denkart grosser Seelen über die gemeinen Begriffe des moralischen
Pöbels erhaben ist. Um eine Bezauberung aufzulösen, die meiner Tugend
ihren grösten Werth, die Freywilligkeit und das Vergnügen der besiegten
Schwierigkeit raubte, mußte ich mich so oft in den Fall setzen sie
zu beleidigen, bis ich denjenigen gefunden hatte, der mich von einer
Strafe befreyen konnte, wovon die blosse Vorstellung meiner edlen
Denkungsart unerträglich war. Nun verstehen sie mich doch, hoffe ich?
Unvergleichlich, rief /Biribinker/ aus, sie erklären sich immer
dunkler. Aber das muß ich gestehen, daß sie, wenn sie es nicht übel
nehmen wollen, die allersonderbarste Preciöse sind, die man vielleicht
jemals in der Welt gesehen hat. Was sagen sie, versetzte die schöne
/Ondine/ sehr lebhaft? Wie? eine Preciöse? ich? eine Preciöse, sagen
sie? Wahrhaftig sie kennen mich sehr schlecht, oder sie müssen in
ihrem Leben keine Preciöse gesehen haben. Was finden sie geziertes
oder gekünsteltes an meiner Person, an meinen Manieren, an meiner
Kleidung, an meiner Art, mich auszudrücken? Was ist gezwungenes --
Mit einem Wort, wollen sie, daß ich ihnen Proben gebe, daß ich keine
Preciöse bin? /Biribinker/ erschrack über diesen unverhoften Antrag so
sehr als über die Art, wie sie ihm bewieß, daß es ihr Ernst sey. O!
Madame, erwiederte er, ich glaube alles, was sie wollen! Ich brauche
keine Probe, und ich sehe auch nicht wie ihre Tugend -- Meine Tugend,
rief die Fee! eben meine Tugend fordert von mir, sie zu überzeugen,
daß ich keine Preciöse bin. Wenn sie keine Preciöse sind, antwortete
/Biribinker/, so schwöre ich ihnen, daß ich kein Salamander bin, und
daß meine Natur nicht feurig genug ist ----
Fy, sagte die /Ondine/, schämen sie sich nicht, vor einem Frauenzimmer
so unanständig zu reden? Was bilden sie sich ein? Wer fordert denn
etwas von ihrer Natur, oder was geht es mich an, ob sie kalt oder
feurig ist? Lassen sie sich sagen, daß sie ein Mensch ohne Delicatesse
sind, der weder die Ohren noch die Wangen einer Dame zu schonen weißt.
Wissen sie denn nicht, daß es ein Verbrechen ist, ein Frauenzimmer
um einer Kleinigkeit willen erröthen zu machen? Unsere Tugend -- O!
Madame, fiel ihr /Biribinker/ in die Rede, ich bitte sie, nennen sie
mir dieses Wort nicht mehr! Wenn sie nur wüßten, wie es ihren schönen
Mund verzerrt! Und erlauben sie mir, ihnen mit aller der Delicatesse,
deren ich fähig bin, zu sagen, daß ich so viel gethan zu haben glaube,
als man von einem braven Mann fordern kan, indem ich ein Abentheuer zu
Stande gebracht, woran fünfzig tausend tapfere Helden zu kurz gefallen
sind. Was noch mehr zu thun seyn mag, überlasse ich den Salamandern,
Sylphen, Gnomen, Faunen und Tritonen, welche nunmehr ein ofnes Feld
haben, ihre Tugend im Athem zu erhalten. Alles, warum ich sie bitte,
ist ihr Schutz und meine Entlassung.