so kalt, daß das Eis in den Straßen wohl 1 Zoll stark gefroren war,
und wir auf der Norma, einem beliebten Paquetboot zwischen New-York
und Havana, worauf keine Oefen sind, tüchtig froren. Die Gesellschaft
bestand aus etwa 25 Personen, worunter einige sehr häßliche Nichten
des frühern Präsidenten der V. S., die Frau eines Generals, der
Secretair des französischen Consuls, ein deutscher Arzt, ein in
Matanzas etablirter, aus Hamburg stammender Kaufmann, Trunkenbold
erster Klasse, der Sohn eines der ersten Geld-Aristokraten in Hamburg;
ein in kaufmännischen Geschäften ohne die geringsten Kenntnisse in
Havana etablirtes junges Bürschchen u. A. waren. Ich rathe jedem
geehrten Leser, der diese Reise macht, sich mit einem besondern Passe
zu versehen, welches ich unglücklicher Weise vergessen hatte; auch
hatte ich meinen preußischen Gouvernements-Paß nicht von dem spanischen
Consul in New-York visiren lassen. Als der Capitain und die andern
Reisegefährten dies erfuhren, meinte man, dies sei sehr schlimm, um so
mehr, da das preußische Cabinet mit der Königin von Spanien nicht in
freundschaftlichen Verhältnissen stehe. Der Secretair des französischen
Consuls erzählte, daß 21 Franzosen, welche ohne Pässe angekommen wären,
nach Frankreich zurückgewiesen worden seien, und auch wirklich hätten
zurückreisen müssen, wenn der Consul nicht sich für die Herbeischaffung
der Pässe verbürgt hätte; -- ich indeß -- behielt guten Muth, im
Vertrauen, daß ich mich durch meinen Paß sowohl als durch angesehene
Häuser in Havana würde legitimiren können; Einige glaubten sogar, ich
würde als Arrestant behandelt werden. Nur ein junger Mensch, der Bruder
eines Advokaten in Havana, sagte mir heimlich, daß er den Beamten
kenne und für Alles sorgen wolle, was ich zunächst mit Dank annahm.
Einmal, in einer Nacht, war die Gesellschaft sehr allarmirt, wir fuhren
nämlich zwischen Felsen, an einer Stelle, welche von den Schiffern
The hole in the Wall (das Loch in der Wand) genannt wird und waren in
großer Gefahr, auf einen Felsen zu gerathen; allein der Capitain fand
in der tiefsten Dunkelheit die Passage und am nächsten Morgen hatten
wir das Fort von Havana vor Augen. Noch muß ich eines Zuges des jungen
deutschen Arztes erwähnen; er war der Sohn eines Leipziger Professors,
hatte aber wegen zu großer Gedankenfreiheit sein Vaterland verlassen
müssen, und kam jetzt von New-Orleans, wo er gewesen war, um sich mit
der Heilung des gelben Fiebers vertraut zu machen. Nur das muß ich
an dem jungen Manne tadeln, daß er sich keines Patienten anders, als
nachdem er nachdrücklich von demselben ersucht worden war, annahm.
Er konnte, wie er selbst sagte, keinen Betrug leiden; dies zeigte
sich hier bei unserer Fahrt ebenfalls bei einer eigenen Gelegenheit.
Es ist auf allen für Reisende eingerichteten Paquetschiffen die
Anordnung getroffen, daß an den Sonn- und Donnerstagen Champagner
gratis zum Mittagsessen gereicht wird. Der Schiffs-Eigenthümer denkt
auf wohlfeilen Proviant, und rechnet auf unkundige Trinker, und zwar
auf solche, welche, wie es größtentheils der Fall ist, den Werth des
Champagners nach dem Mußiren beurtheilen, und kein Wunder, daß unser
Schiff mit dergleichen mußirendem Stoff versehen war. Meister in der
Zubereitung solcher Getränke sind die Amerikaner; besonders verstehen
sie, aus den Aepfeln einen mußirenden Cyder zu bereiten, der von
Nichtkennern für Champagner getrunken werden muß -- er wird jedoch
vom Fabrikanten unter dem Namen Champagner-Cyder verkauft. Solcher
Champagner-Cyder wurde an den erwähnten Tagen reichlich aufgetischt,
und wurde denn auch allgemein mit Wohlgefallen für Champagner genossen;
ich meinerseits schmeckte denselben beim ersten Glase heraus, und ließ
es bei demselben bewenden. An einem der letzten Tage machte ich meinen
Landsmann darauf aufmerksam, und ersuchte ihn, das Geheimniß bis zum
Landungstage zu bewahren. „Stören wir die Illusion nicht,“ sagte ich
zu ihm, „bis wir landen; dann wollen wir mit den Hamburgern, welche
sich die ersten Champagnerkenner zu sein dünken, und die letzten
Flaschen den ersteren stets vorzogen, unsern rechten Spaß haben, und
dieselbe necken.“ Er versprach, meiner Bitte Gehör zu geben; allein
als am andern Mittage sämmtliche Tischgenossen wieder den Champagner
priesen, versicherte der Doctor, das, was sie tränken, sei nichts als
Aepfel-Cyder; Keiner wollte weiter trinken, man ging unzufrieden von
Tisch und meine so wie des Capitains Freude war verdorben. Als ich ihm
darüber Vorwürfe machte, erwiederte er: ich hasse jeden Betrug, und es
ist ein wahrer Betrug, Cyder für Champagner aufgesetzt zu bekommen.
Das Schiff lag vor Anker. Der Platz-Major, unter Begleitung eines
Militair-Commando’s, langte auf einer Galeere zum Empfang der Pässe
an. Mir ging es hierbei ganz glücklich; als der Dolmetscher den
Inhalt meines Passes vortragen wollte, legte der Capitain denselben
zusammen und sagte „schon gut!“ Es durfte indeß noch keiner von den
Passagieren das Schiff verlassen; selbst der hohe Staatsbeamte mußte
die schriftliche Erlaubniß von Seiten des Gouverneurs abwarten. Nur
erst, nachdem sich ein in Havana Etablirter für den Ankommenden
verbürgt hat, wird demselben die schriftliche Erlaubniß zum Landen
gegeben. Der Gouverneur hat die Stunde von 12-1 Uhr zum Unterzeichnen
dieser sogenannten Permitts festgestellt, weshalb Schiffe, welche des
Nachmittags ankommen, bis zum folgenden Tage warten müssen.
Diese Maßregel soll dazu dienen, das Land von Vagabonden frei zu
halten. Die Meisten und Unterrichteten zeigen ihre Ankunft in früher
absegelnden Schiffen an, und finden das Permitt beim Einlaufen vor.
Auch ich hatte zwei Briefe nach der Stadt befördert, hatte aber durch
die Schuld meines Correspondenten M... noch einige Weitläuftigkeiten,
indem ich nämlich kein Permitt fand, und auch der Capitain, der
sogleich nach Havana hinübergefahren war, mir keins mitbrachte, weil,
wie er sagte, mein Paß in Unordnung sei. Ich faßte jetzt den Entschluß,
selbst an’s Land zu fahren, und die Kraft des goldenen Spruches von
Wieland: „Ein goldener Schlüssel öffnet jedes Schloß“ zu versuchen.
Rasch griff ich in die Tasche und zeigte dem spanischen Don-Soldat,
der auf Posten stand, einige Silberlinge, ohne etwas zu sagen; der
Don verstand meine Silbertöne, und sagte in spanischer Sprache, wie
mir gedolmetscht wurde: fahren Sie in Gottes Namen, kommen Sie jedoch
nicht später als 8 Uhr morgen früh zurück, denn um 8 Uhr ist die
Ablösung und meinem Nachfolger muß ich Sie überliefern. Mit andern
Personen fuhr ich jetzt nach Havana über, und wir langten vor einem
Boarding-Hause ohne Namen an. Eine eben so bejahrte, als beredsame
Wirthin kam sofort herbei und gab mir sowohl auf Englisch, wie auf
Französisch zu verstehen, daß ich dasjenige Zimmer, welches mir
angewiesen wurde, in welchem sich eine Feldbettstelle, in der Form
eines deutschen Stickrahmens mit einer dünnen Kattundecke, ferner
ein ganz ordinairer Waschtisch und zwei hölzerne Schemel befanden --
für nicht mehr, aber auch nicht weniger als 17 Piaster inclusive des
Mittagessens und des Frühstücks pro Woche haben könnte. Nachdem ich
diese erfreulichen Bedingungen mit philosophischer Ruhe vernommen und
meine Sachen abgelegt hatte, eilte ich, meinen Correspondenten, den
Consulvertreter M..., an den ich mich bereits früher wegen des Permitts
gewendet hatte, aufzusuchen. Ihn und seine sämmtlichen Commis fand ich,
wie es hier bei der Hitze üblich ist, im tiefsten Negligé bei Tische.
Entrée und Speisesaal bilden ein mit Zugwind versehenes Ganze. Beim
Caffee sagte M... zu mir, ich würde wohl daran gethan haben, meine
Ankunft einige Wochen vorher anzuzeigen, damit ich alles Nöthige, Logis
u. s. w. in Ordnung angetroffen hätte. Da ich dieses gethan zu haben
mir bewußt war, so wußte ich, woran ich mit diesem Helden war. Wegen
des Permitts versprach er, das Nöthige zu besorgen, und am andern Tage
um die Mittagszeit, nachdem ich vorher meinem Versprechen gemäß, zu
dem Don-Soldat zurückgekehrt war, erhielt ich denn auch endlich die
schriftliche Erlaubnis Sr. Exzellenz, versehen mit 7 Unterschriften.
Meine Sachen ließ ich am andern Tage Vormittags abholen, weil das
Steueramt nur bis 12 Uhr expedirt; die Revision war nach preußischer
Weise, d. h. sehr liberal; mein geringes Gepäck passirte ohne viele
Umstände. Zum Fortschaffen desselben muß man hier drei Neger bezahlen,
wo man in Europa nur eine Person gebraucht. Als ich nach meinem Logis
zurückkam, trat mir ein Don-Soldat entgegen mit der Aufforderung,
ihm sofort zum Capitain de Place zu folgen. Nachdem ich rasch meine
Toilette gemacht, wobei der Soldat sich vor der Thür meines Zimmers
befand, führte mich dieser zum Capitain, einem überaus artigen Manne,
welcher, nachdem er mein Permitt gesehen hatte, mich um Verzeihung
bat, und meinte, es müsse hier ein Irrthum in der Person stattgefunden
haben; allein ich habe Ursache zu glauben, daß einer von meinen
Reisegefährten eine Anzeige gegen mich gemacht hat.
Vor allem Uebrigen, dachte ich, als die Paß-Verlegenheit beseitigt
war, ein Logis für mich zu miethen, weil die Ausgabe von 100 Piaster
pro Monat für ein schlechtes Zimmer und eben so schlechte Kost mir zu
theuer schien, und 100 Piaster kann man vollkommen die Ausgaben in
einem solchen Boarding-Hause anschlagen. Es wurden mir von mehreren
Bekannten Logis in Vorschlag gebracht, die ich sofort besah, und
mit Pferdeställen zu vergleichen nicht umhin konnte; für Möbel und
Bedienung sollte ich überall noch besonders sorgen. Zuletzt miethete
ich eins was mir besonders empfohlen wurde, bei einer sehr braven Frau,
die von Geburt eine Französin war, worin sich, wie in jedem Hause in
Havana, Ratten, Mäuse, Scorpione, Cucerachas (große Würmer) aufhalten,
und war dies Gemach in Hinsicht der vielen Thierarten mit Noah’s Arche
zu vergleichen. In meiner Wirthin sowohl, als in ihren beiden Söhnen
fand ich treffliche Leute, bei denen ich mich ungemein wohl befand,
und mich von meinen körperlichen Leiden und den Widerwärtigkeiten der
Handelskrisis merklich erholte.
Es ist so manches über Havana, seine Sitten und Verhältnisse
geschrieben worden, auch der Herr von Humboldt berührt dieses Capitel
in seinen berühmten Werken; allein was den Handel betrifft, so hätte
in keinem Falle dieser ausgezeichnete Mann, dem übrigens auch wohl
die praktische Erfahrung in Handelssachen abging, hierüber etwas sagen
können, was jetzt noch genügte, da jetzt die Handelsverhältnisse sich
ganz anders gestaltet haben, und wenn es noch um das Jahr 1802 etwa
drei Häuser gab, die sich mit dem Handel nach Europa beschäftigten, so
giebt es deren jetzt vielleicht 300. Es wird nicht ohne allgemeines
Interesse sein, nachzuweisen, in wie fern die jetzt stattfindende
überaus große Concurrenz vortheilhaft oder nachtheilig für diese Insel
und die europäischen Kaufleute ist. Meine gesammelten Erfahrungen
werde ich ohne Scheu niederschreiben, meine Behauptungen klar und
bestimmt aufstellen und beweisen, und endlich auch solche Vorschläge
zur Verbesserung des Handels zu machen mich bemühen, welche mir, als
praktischem Kaufmann, ausführbar scheinen. Zuvor werde ich jedoch
Einiges über den Ort, über die Lebensweise der Bewohner etc. bemerken.
Havana ist an und für sich klein, obgleich es gegen 120,000 Einwohner
zählt. Für die Passagiere ist der Place des Armes, welchen Platz er
gleich nach der Landung am Werft betritt, höchst überraschend und
anziehend; ein Viereck, auf welchem sich drei prächtige Gebäude,
das Haus der Gouverneurs, der Intendantur, das Palais eines Großen
und eine Kaserne im großartigsten Stil gebaut, präsentiren. In der
Mitte ist ein Platz von der Größe des Lustgartens zu Berlin, und
ähnlich wie dieser arrangirt. Vier kleine Fontainen und das Monnument
Ferdinand’s befinden sich in den kleinern mit Gußeisen eingefaßten
Quarrées, in welchen blühende oder fruchttragende Orangen-, Cedern- und
Palmbäume majestätisch prangen. Zur Bequemlichkeit der Spaziergänger
sind die Wege mit Quadratsteinen von Granit belegt. Die Promenade
auf diesem Platz ist jeden Abend von 8-9 Uhr, wenn das Musik-Corps
der Garnison, welches ausgezeichnet brav ist, die Retraite bläst,
und zugleich die gewähltesten Stücke spielt. Die Damen erscheinen
alsdann in Ballkleidern, jedoch ohne Kopfbekleidung und Handschuhe,
die hier nicht Gang und gebe sind; Blumen, Perlen und dergl. dient den
hiesigen Damen zum Kopfputz; die ältesten Frauen tragen nichts auf dem
Kopfe, nur bei großer Kälte wird ein chinesischer Shawl über den Kopf
genommen. Damen ersten Ranges verbleiben in den Volanten. Von diesem
schönen Platz, durch welchen jeder Ankommende eine sehr vortheilhafte
Meinung von Havana bekommt, gehe ich zu den vier Hauptstraßen über,
sie heißen: Orili, Obispo, Lamperillia und Obra Pia, haben 16-18 Fuß
Breite und sind mit schmalen, etwa 20 Zoll breiten, sehr fehlerhaften,
zum Beinbrechen eingerichteten Trottoirs versehen. Man muß sich
daher sehr vorsehen, auf diesen Trottoirs nicht auszugleiten, oder
von einer vorübergehenden Volante gerädert zu werden. Die Volante
ist ein zweirädriges Cabriolet mit einem Pferde, oder auch Maulthier
bespannt, die gewöhnlich von einem Neger geleitet werden. Man muß
daher mit sehr großer Vorsicht in den Straßen gehen, indem die Achsen
dieser Cabriolets 6 Fuß in der Breite messen, und die Räder eine Höhe
desselben Maßes erreichen, welche des Umwerfens wegen in der Art
angebracht sind, daß der Raum an den obern Theilen auf 7 Fuß anzunehmen
ist. Begegnen sich daher zwei solcher Volanten in den 16 Fuß breiten
Straßen, so bleibt für den Fußgänger äußerst wenig Raum übrig; ein
Rad muß nothwendig über das Trottoir gehen, wobei es nicht selten an
den Röcken der Vorübergehenden gereinigt wird. Dazu kommt, daß die
Neger darauf los fahren, ohne die Fußgänger anzurufen und Vorsicht zu
empfehlen.
Die Straßen sind ungepflastert und daher oft, besonders nach starkem
Regen, nicht zu passiren, indem das Wasser 6-8 Zoll hoch steht:
welcher Umstand den Wäscherinnen nicht minder als den Volanten eine
gute Erndte verschafft, denn es ist in Havana allgemein Sitte, in
weißen Pantalons, feinen weißen Strümpfen, und Schuhen mit umgewendeten
Sohlen umherzugehen. Bei großem Schmutz müssen diese 3-4 Mal täglich
gewechselt werden. Es ist nichts Seltenes, daß Commis von Comptoiren
15 Piaster Waschgeld pro Monat bezahlen; ein junger Mann versicherte
mir, daß er im Sommer täglich dreimal die Wäsche wechsele, und wohl
7 Dutzend Pantalons besitze. Die Kutscher der Volanten sind oft so
mechant, daß sie im Vorbeifahren vorsätzlich den Vorübergehenden die
weißen Pantalons beschmutzen, damit diese einsteigen und nach Hause
fahren müssen, um auf’s neue Toilette zu machen. Man bezahlt für eine
Tour etwa acht Groschen Courant, bei schlechtem Wetter oft das Doppelte.
Für die ankommenden Schiffer ist hier die Art und Weise des Abladens
weit angenehmer als in New-York; es wird ihnen hier sogleich nach ihrer
Ankunft ein bestimmter Platz dazu angewiesen, wogegen sie in New-York
vielleicht 10 Tage warten müssen. Da indessen die Räume für die Waaren,
die zur Niederlage gebracht werden, zu klein für die Importation sind,
die Zollbeamten aber auch nur bis 12 Uhr Vormittags arbeiten, so ist es
gar nichts Seltenes, daß die Empfänger von Gütern vier Wochen und noch
länger warten müssen.
Das Weihnachtsfest begann hier ohne besondere Zurüstungen und
Festlichkeiten; am sogenannten heiligen Abend sah ich nichts
Ungewöhnliches in der Stadt vorgehen. Nur die Schiffer kündigten das
Fest dadurch an, daß sie alle vom Werft in den Strom hinauslegten.
Die bedeutenden spanischen Handlungshäuser schließen ihr Geschäft bis
zum zweiten Januar und besuchen ihre Freunde auf dem Lande. (Es giebt
hier nichts als Sommertage.) Man fährt von einer Plantage zur andern,
und findet überall Schmausereien und Bälle. Die Commis machen es eben
so; sie fahren auf der Eisenbahn, oder auch auf Dampfschiffen zu ihren
Bekannten. Die Gastfreundschaft ist hier größer, als ich sie irgendwo
gefunden habe, indeß sind auch solche Parthieen in der Regel sehr
kostspielig, indem man an dem National Hazardspiele Theil nehmen muß,
welches, wie alle dergleichen Spiele, für Pointeurs nachtheilig ist,
man jedoch Theil daran zu nehmen nicht gut verweigern kann, weil jeder
Spanier gern spielt, und als Wirth es einigermaßen erwartet, daß die
Geladenen sich nicht davon ausschließen werden. Ein junger Deutscher
versicherte mir, bei einem sehr gemäßigten Spiele 8 Unzen (à 17 Piaster
die Unze) verloren zu haben. Mit dem 24. December hören alle Geschäfte
auf, selbst der Packhof bleibt von diesem Tage an bis zum 2. Februar
geschlossen -- sehr hart für Geschäftsleute.
Das Weihnachtsfest wurde von Mitternacht an aus allen Kräften mit
allen Glocken verkündet. Es regnete in Strömen, und dennoch zogen die
Menschen zu jener Zeit in Massen nach der Kirche. Junge Leute von allen
Religionen verfehlten nicht, den Messen und -- noch etwas Anderem
-- beizuwohnen. Da ich indeß in meinem Leben von den Leipziger und
Frankfurter Messen zu viel Genuß gehabt habe, so blieb ich von diesen
Messen zurück, und legte mich in meiner Arche zu Bette.
Am Nachmittage des Weihnachtstages begab ich mich nach dem sogenannten
Passeo de Tacon, einer von dem vorigen Gouverneur in großem Stil
angelegten Promenade, welche, wenn die darauf gepflanzten Orangen-,
Ceder-, Cocus-, Palm- und Brodbäume in Zeit von 50 Jahren etwa einmal
Schatten für die Spaziergänger darbieten werden, zu den ersten
Promenaden auf der Erde gerechnet werden dürfte. In derselben fand
ich mehrere 100 Volanten, die, wie in St. Petersburg bei großen
Schlittenfahrten in der Butterwoche, in der größten Ordnung fahren.
Lanciers bilden eine Barriere zwischen den Hin- und Zurückfahrenden.
Die Damen sitzen en deux oder auch en trois in Ball-Anzügen in den
Volanten, wo sie ihre sehr schönen Füße, welche in den allerschönsten
seidenen Strümpfen und Atlas-Schuhen ihr Obdach haben, so vortheilhaft
präsentiren, daß die Vorübergehenden über diesen reizenden Theil des
weiblichen Körpers ein vortheilhaftes Urtheil auszudrücken sich nicht
enthalten können. Ich muß gestehen, daß ich die schönsten Füße, und die
geschmackvollste Chaussirung hier antraf, denn was man in Paris und
London nur hin und wieder sieht, das findet man hier im Allgemeinen.
Dies ist wohl dem Umstand zuzuschreiben, daß die hiesigen Damen wenig
oder gar nicht stehen oder gehen; in ihren Wohnungen sitzen sie stets
und wenn sie durch Geschäfte aus dem Hause gerufen werden, so fahren
sie in ihren eigenen Volanten, die jede Frau zu ihrer Disposition hat.
Alle Einkäufe werden in den Volanten gemacht; die Laden-Diener müssen
die Artikel, nach welchen die Käuferinnen fragen, an den Wagen bringen,
man beordert, das Nöthige zu schicken, und fährt dann nach einem
Conditor-Laden, um Gefrornes zu genießen (ebenfalls im Wagen). Aus
diesem Grunde hat Jeder, der einen offenen Laden besitzt, eine Masse
von Dienern nöthig, welche, wenn das Wetter die Damen vom Ausfahren
abhält, den Orgelpfeifen gleich, hinter den Ladentischen stehen. Da die
Damen hier zu Lande das Abdingen nicht so verstehen, wie die Berliner
Damen, so weiß der Verkäufer es so einzurichten, daß dieselben den Lohn
für jene Masse von Dienern mit bezahlen müssen. -- Als ich gegen 8
Uhr von meinem Spaziergang durch die herrliche Allee von Orangen etc.
zurückkehrte, dachte ich an meine guten Berliner, und wünschte, daß
sie meinen Genuß auf diesem Spaziergange mit mir theilen könnten, ohne
daß sie nöthig hätten, sich, wie ich, diesen Winter hier aufzuhalten,
denn ein immerwährender Sommer muß dem Menschen, welcher den Wechsel in
allen Dingen fordert, am Ende lästig werden, und dieses war mit mir der
Fall.
Obgleich ich schon einiges von den häuslichen Einrichtungen in Havana
berührt habe, so erscheint mir doch dieser Gegenstand wichtig und
interessant genug, um etwas ausführlicher darüber zu sein. Das Erste,
woran Jemand denkt, der sich hier etablirt, ist der Ankauf von Sclaven.
Viele Leser werden hierin etwas Widriges, und Ungerechtes erblicken,
daß man einen Menschen als Sache behandelt und ihm die Freiheit nimmt,
zu der er geboren ist. Allein, da hier keine Dienstboten zu miethen
sind, und man dienende Leute nicht gut entbehren kann, so muß man schon
zum Ankauf von Sclaven, d. h. der Neger schreiten, die hier wie ein
Bündel Schwefelhölzer d. h. mit derselben Gleichgültigkeit gekauft und
verkauft werden. Sie sind zu jeder Zeit zu haben, da es sehr viele
Kaufleute giebt, die auf diesen Artikel spekuliren und immerwährend ein
wohlassortirtes Lager von 6-800 besitzen. Der Preis eines Sclaven ist
400 bis 450 Piaster en detail und etwa 360, wenn man en gros kauft.
Ueber den Handel en gros werde ich weiter unten ausführlicher sprechen.
Hat man Sclaven, so sieht man sich nach einem Hause um, welches
monatsweise vermiethet wird und zwar zu 100 bis 500 Piaster; ein Haus
von dem erstern Preise ist sehr unbedeutend, und eins von dem letztern
nicht das ausgezeichnetste. Das Ameublement ist im Durchschnitt höchst
mittelmäßig und mit dem in Europa in gar keinen Vergleich zu stellen.
Die Hauptrolle in demselben spielen die Armstühle, statt der vier
Füße mit zwei Untergestellen, wie in Europa die Wiegen, versehen,
wovon sechs bis acht vor den großen nur mit eisernen Gittern, ohne
Glas, umgebenen Fenstern zum Empfang der Gäste bereit stehen. Die
Damen sitzen Abends auf denselben und schaukeln sich, um von den
Vorübergehenden bewundert werden zu können. Die Zimmer sind entweder
durch hängende Lampen erleuchtet, oder dieselben stehen auf einem
Tische in der Mitte des Zimmers. Ein oder zwei Volanten müssen in den
Vorhäusern zum Zeichen der Wohlhabenheit des Eigenthümers, und zur
Unbequemlichkeit der Eintretenden dastehen; hin und wieder bemerkt
man auch eine Volante im Gesellschaftszimmer in der Nähe des Piano.
An der Thür muß ein Portier im weißen recht feinen Hemde sitzen, und
seinen Cigarr rauchen, wenn das Haus einen vollkommenen Anstrich
von Anständigkeit haben soll; die Portiers sind gewöhnlich Spanier.
Oft sieht man im Vorbeigehen die ganze Damengesellschaft auf ihren
Schaukelstühlen oder am Fortepiano mit brennenden Cigarren. Die Köche
sind in der Regel freie Menschen und werden für ihr Metier sehr gut
besoldet. Hier ist, wie es sich von selbst versteht, nur von Häusern
erster Klasse die Rede. In der Mittelklasse sucht man gewöhnlich einen
Sclaven zum Koch abzurichten, was sehr leicht ist, denn die Hauptkunst
besteht hier darin, die Fricassées in Oel schwimmend auf den Tisch zu
schicken, die Fleischspeisen zu Brei zu kochen oder zu braten, und
mit tüchtig viel Knoblauch und Zwiebeln zu würzen. Die Bedienung bei
Tische geschieht durch Sclaven, welche wie die Hunde dressirt sind,
und beständig auf die Gäste aufmerken. Da steht Einer mit der vollen
Flasche in der Hand, um das leere Glas sofort zu füllen; dort steht
ein Zweiter, die Hände über die Brust gefaltet, er sieht den Gast
scharf an, um seine Befehle entgegen zu nehmen; ein Dritter paßt mit
reinen Tellern, Gabeln und Messern auf den Dienst. Bei Leuten untern
Ranges ist es eben so, nur unterscheiden sich die Sclaven im Anzuge
und es gilt von diesen, was der große Kant in seiner Anthropologie von
den Polen bemerkt, daß nämlich bei den Großen in Polen man von Silber
speise, und die Bedienung ohne Schuhe und Strümpfe aufwarte, wozu in
Havana oft noch zerrissene Kleider kommen. Dem Eingebornen ist solche
Schwäche nachzusehen, aber die Ausländer, die Deutschen sollten hier
dasselbe thun, was sie in den V. S. thun müssen, d. h. sich ihre Diener
von Europa mitbringen. Doch was giebt es in Westindien für Deutsche?
daß sich Gott erbarmen möge! Größtentheils solche, welche sich in
Bremen mit Tabacks-Krämerei beschäftigt haben.
Haushaltungen kosten hier sehr viel; die Frauen in denselben bekümmern
sich um nichts, jeder einzelne Sclave um das, was ihm übergeben ist;
der Einkäufer von Proviant sorgt hauptsächlich für Knoblauch, das
Lieblings-Gewürz der Spanier. Die Anzahl der Gerichte ist hier sehr
bedeutend, aber die Schüsseln von geringem Umfange, und der Inhalt
derselben ist wegen der ungeheuern Oeldecke schwer zu ermitteln. Es
wird sehr rasch gegessen, Caffee getrunken, ein Cigarr geraucht, wenig
gesprochen und man entfernt sich. Hinsichtlich des Essens befinden sich
die Sclaven hier außerordentlich wohl, da sie Alles in Ueberfluß haben
und daher mit ihrem Schicksal in Havana nicht selten zufriedener sind,
als mit dem vorigen in Afrika. Die Neger, welche in gallonirten Jacken
und Schuhen ohne Strümpfe, an deren Stelle sie große Cürassier-Schäfte
von gebranntem Leder, auf deren Stülpen sich Silberstifte in
Unzahl befinden, mit Schnüren über den Beinen befestigen, dünken
sich Groß-Moguls zu sein, wenn sie mit großen silbernen Sporen und
Schnallen, durch welche letztere jene Schäfte unter den Knieen
befestigt sind, ihren Gebieter vom Pferde herab kutschiren. Alles,
was man in Europa an den Wagen und Geschirren in Gürtlerarbeit von
Bronce bemerkt, wird hier meistens vom besten Silber verfertigt, und
alles dies ist für Leute ersten Ranges, an welche sich die deutschen
Commissionaire auf Unkosten der europäischen Geschäfts-Freunde
anreihen, unbedingt nothwendig.
Den zweiten Festtag wendete ich dazu an, mich mit den Vergnügungen der
Sclaven bekannt zu machen; ich durchstrich die entlegensten Theile
der Stadt, um die Belustigungs-Oerter dieser unsern Gefühlen nach
unglücklichen Menschen aufzufinden. Indeß giebt es freilich nur wenige
Herren, die nicht ihre Sclaven, einige Stunden der Ruhe abgerechnet,
ununterbrochen im Joche halten. Ich folgte dem Zuge einer Masse
von jungen Negern und langte in ihrer Mitte unter den Wällen der
Festungswerke an. Mehrere Trommeln und verworrenes Geschrei, welches
die Unglücklichen Gesang nennen, zogen mich zu den Häusern, wo die
Belustigung stattfand, und ich sah eine junge Negerin die Königin
des Balles machen und tanzen, nach der Trommel und dem Geschrei der
zuschauenden Neger; Arme und Körper bewegten sich nach dem Takte,
und sie gefiel ungemein; diesen Ball hatte, wie ich hörte, ein
Cigarren-Fabrikant veranstaltet, der seine Arbeit wegen Mangel an
Taback auf 14 Tage einstellte.
Die Erfahrung, welche ich in Hinsicht des Handels hier machte, war für
mich höchst traurig; ich werde Alles ziemlich ausführlich erzählen,
damit der kaufmännische Leser auf seiner Hut sei und nicht ein
ähnliches Schicksal erleide.
~Ueber die
Handels- und Geschäfts-Verhältnisse
in~
Havana.
Mein Correspondent, der Herr M... aus Bremen, war gleich bei meiner
Ankunft sehr gesprächig und zuvorkommend. Da es hier üblich ist,
den ankommenden Geschäftsfreunden seinen Tisch zu offeriren, so
verfehlte auch Hr. M... nicht, mir zu eröffnen, daß ich an seinem Tisch
ein Couvert für mich bereit finden würde. Ich habe indessen nie da
gefrühstückt, und ging höchstens ein paar mal die Woche zum Mittagessen
hin und zwar lediglich, weil mir das Essen in der ersten Restauration
la belle Europe zuwider war. Die Bedienung der Restauration nämlich
erscheint mit brennenden Cigarren im Munde und Pantoffeln über den
nackten Füßen. Wenn etwas von der Asche des Cigarrs auf den Teller
fällt, so wissen die Aufwärter dieselbe sehr gewandt fortzunehmen,
und dies möchte noch hingehen; aber nichts Seltenes ist es auch, daß
sie, wenn sie Bratfische oder Pudding bringen, vor dem Ueberreichen
sich von der Wärme dieser Speisen überzeugen, und mit dem Tabackssaft
an den Fingern dieselben betasten. Daher nahm ich zuweilen, obgleich
mit einem innerlichen Widerwillen, den Platz ein, den M... an seinem
Tische für mich bestimmt hatte. Die ganze Gesellschaft war gewöhnlich
im Negligé, was auf mich einen höchst unangenehmen Eindruck machte. Die
Unterhaltung war eben so trocken und kraftlos wie die Braten, beides
nicht für einen deutschen Geist und Magen. Ich merkte bald, daß M...
sich für mich intressirte, in der Hoffnung, große Geschäfte mit mir
zu machen; daß dies von keiner großen Dauer sein würde, war leicht
vorauszusehen, und zeigte sich bald aufs Deutlichste.
Als er eines Nachmittages über Zucker-Spekulationen zu sprechen
anfing, und mir zuredete, daß ich eine im Belauf von 40,000 Piaster
zu unternehmen nicht säumen möchte, und gute Rechnung finden würde,
erwiederte ich ihm: In meinen Jahren ist der Kaufmann, der etwas
Vernunft besitzt, nie so ambitiöse, sich über seine eigene Kräfte
erheben zu wollen; wenigstens denke ich so, und werde mich daher nie
in unabsehbare und unberechenbare Spekulationen einlassen. Meine
Antwort mißfiel ihm sichtlich, und er entgegnete: „freilich wird man
bedenklich, wenn man alt wird.“ Er brach jetzt ab, indessen bemerkte
ich von nun an eine Gleichgültigkeit und Kälte, die sich in der Folge
noch vermehrte, als er sah, daß ich mich selbst um den Verkauf meiner
Waaren zu bekümmern anfing. Ich zeigte nämlich die Proben von einigen
meiner Artikel in einem Handlungshause, und der Chef desselben, ein
gewandter Geschäftsmann (Pole), sagte zu mir: „diese Waaren verkaufe
ich Ihnen, sobald wir etwas von Mexico erfahren; ich habe einen Mann,
der für 150,000 Piaster kaufen wird, er will jedoch zuvor das Paquet
von Vera-Cruz abwarten.“ Auf sein Anrathen ließ ich die Proben bei ihm
liegen. Mit Proben von einem andern Artikel begab ich mich nach dem
Comptoir eines Amerikanischen Hauses, und erfuhr, daß diese Waare knapp
(rar) und folglich gesucht sei; ich acceptirte den vorgeschlagenen
Preis und verkaufte diese Waare sogleich. Als ich nun dem M... sagte,
daß ich die Waare, von welcher er mir gesagt hätte, daß sie gar nichts
werth sei, weil es keine Käufer dafür gebe, verkauft hätte, und ihm
auftrug, sie dorthin zu expediren, so ergrimmte er gänzlich; auf alle
meine Fragen wurde mir wenig oder gar keine Antwort ertheilt, kurz
er wollte mir jetzt über Nichts Rede stehen. Aufgebracht über dies
Verfahren, stellte ich ihn endlich förmlich über sein Betragen gegen
mich zur Rede und erhielt zur Antwort, daß ihm meine Geschäfte nicht
conveniren könnten, indem er nicht gewohnt sei, daß Leute, welche
Waaren bei ihm in Commission hätten, sich selbst um den Verkauf
bemühten, und Proben herumzeigten. „Wir wollen das jetzige Geschäft
abwickeln,“ setzte er hinzu, „und an kein neues denken; überdies
sind Sie mir fremd, da Sie kein Empfehlungsschreiben aus Europa an
mein Haus mitgebracht haben.“ Ich entgegnete: „fremd kann ich Ihnen
unmöglich sein, da ich eine bedeutende Parthie Waare bei Ihnen liegen
und schon mehrere Jahre mit Ihrem Hause in Verbindung gestanden habe.
Daß ich dieses Geschäft mit Ihnen abwickele, ist freilich nothwendig.“
-- Hier muß ich eine Bemerkung einschalten. Es scheint nämlich in
dieser Stadt eine Convention unter den Commissionairen zu sein, daß
sie keine Geschäfte, welche bereits einem andern Hause übertragen
gewesen sind, übernehmen. Es verhält sich also mit diesen, wie mit den
Karrenschiebern in Holland. Diesen durfte man nichts zum Fortschaffen
übergeben, ohne vorher aufs bestimmteste mit ihnen accordirt zu haben,
denn hatte derselbe die Sachen eine kurze Strecke gekarrt, so forderte
er +seinen+ Preis, und verweigerte man ihm diesen, so warf er das
sämmtliche Gepäck von der Karre herunter, und man mußte sich dann der
Willkühr eines andern Karrenschiebers unterwerfen. „Da ich also das
Geschäft mit Ihnen abwickeln muß,“ fuhr ich fort: „so bin ich Ihnen
für Ihr gefälliges Anerbieten sehr verbunden; daß ich übrigens die
Proben selbst vorgezeigt, können Sie mir um so weniger übel nehmen, da
Sie mir den Artikel als unverkäuflich schilderten, welchen ich selbst
sofort verkaufte; da mir ferner Ihr Verkäufer, wenn ich ihm Käufer für
einen oder den andern Artikel nenne, erwiedert: Sie wollen doch wohl
nicht, daß ich zum Käufer hingehen soll, um die Waaren anzubieten? Wird
er hieher kommen, um die Waaren zu kaufen, so werde ich mich bemühen,
etc.“ -- Hierauf erwiederte M... „Nun gut! Wir wollen es abwickeln,“
und ich verließ ihn. Ich mußte ihm alle Proben zustellen, die jetzt
ruhig liegen blieben. Wären meine Waaren in den Händen eines andern
Commissionairs gewesen, so würden sie sicherlich nach der Einnahme des
Forts von Vera-Cruz verkauft worden sein, aber so blieben sie leider
unverkauft; nachdem die Nachricht von der Niederlage der Republikaner
von Vera-Cruz eintraf, war an das Verkaufen derselben nicht mehr zu
denken.
Das Waarengeschäft ist in ganz Westindien das schlechteste von allen
Geschäften, besonders für die Europäer, welche es durch Commissionaire
betreiben zu lassen für gut erachten, die entweder Tabacks- und
Käse-Verkäufer in Hamburg und Bremen, oder auch Händler fertiger Wäsche
gewesen sind, denen es daher an Waarenkenntniß gänzlich mangelt. Junge
Leute, die zum Schreiben in Comptoirs, oder bei Lotterie-Collecten
in Hamburg 5 Jahre als Lehrbursche gearbeitet haben, werden als
Verkäufer engagirt, bekommen, da sie sich der Gefahr des gelben Fiebers
aussetzen, große, ja enorme Salaire, und die Vollmacht, über das im
Schweiße des Angesichts erworbene Eigenthum der in Europa wohnenden
Kaufleute oder Fabrikanten frei zu schalten und zu walten. Der
Commissionair will verkaufen, um seine großen Ausgaben für den Lohn der
Leute, Miethen und luxuriöse Lebensweise zu decken. Zehn Procent wird
für die Verkäufe, Garantie und das Remittiren in Rechnung gestellt;
rechnet man aber das Angehängte hinzu (worüber ich später ausführlicher
abhandeln werde), so sind es wohl 15 Procent, die in Rechnung
gebracht werden. In den Comptoirs und demzufolge in den Caffeehäusern
wimmelt es stets von jungen Comptoir-Bedienten, diesen Blutegeln für
die europäischen Kaufleute, die nach Westindien Handel treiben. Es
wird mit dem Gelde geworfen, die feinsten Weine werden getrunken,
Landparthieen, die 50-80 Piaster kosten, werden unternommen, und wer
bezahlt Alles dies? Antwort: wir armen Europäer. Wir erhalten nicht nur
die Equipagen, die Sclaven, die Maitressen der Principale, sondern wir
müssen auch Sorge dafür tragen, daß die Handlungsdiener sich Reitpferde
halten, jeden Abend die italienische Oper oder das Theater de Tacon à
1½ Piaster Entrée etc. und nach Beendigung derselben ihre Mädchen
mit fünf Piastern in der Hand besuchen können. Wer dies Alles gesehen
und die Art und Weise der Verkäufe beobachtet hat, dem vergeht ohne
Zweifel die Lust, Geschäfte hieher zu machen. Man hat nur nöthig,
mit den Käufern, Mercader genannt, in Berührung zu kommen und deren
Schlauheit in Benutzung der schwachen Seiten der braven Commissionaire
zu bemerken; wer dieses vermag, in dem wird der letzte Funken zu
Geschäften aufs Gerathewohl erlöschen. Ich halte es für Pflicht und
Schuldigkeit, die Handelswelt auf das Risico beim westindischen Handel
aufmerksam zu machen, und werde deshalb (wie schon früher bemerkt) frei
und ohne Furcht niederschreiben, was ich erlebt habe; kann Jemand meine
Urtheile widerlegen, so werde ich es mit Dank annehmen, jedoch hierzu
dürfte schwerlich Einer gefunden werden.
Die Insel Cuba, mit einer Bevölkerung von 800,000 Menschen,[A]
unter denen 620,000 Neger und 180,000 Weiße, importirt jährlich
für 20,000,000 Piaster, mithin im Durchschnitt für 25 Piaster auf
jeden Kopf. Da indessen mit Gewißheit anzunehmen ist, daß die
Durchschnitts-Consumtion sich nicht höher als auf 12 Piaster beläuft,
so ist der Import auf Cuba noch einmal so hoch, als er sein sollte und
wirkt nachtheilig auf die Preise. (Die V. S., mit einer Bevölkerung
von 13 Millionen Weißen und 3,000,000 Schwarzen, importiren nur für
140 Millionen Piaster, von welchen noch etwa für 10 Millionen nach
andern Staaten, Texas u. s. w. ausgeführt wird). Sämmtliche Waaren
werden hingegen in Havana eingeführt und auch daselbst gelöscht, den
Waaren-Einkäufern ist mithin hierdurch eine genaue Uebersicht von den
Beständen gereicht, und können demnach beurtheilen, ob sie theuer, oder
zu wohlfeilen Preisen einzukaufen haben, welches in den V. S. nicht der
Fall ist, da es außer dem New-Yorker Hafen viele andere Städte giebt,
in welchen Waaren direct importirt und nach dem Innern weiter versendet
werden.
Die hiesigen eigentlichen Kaufleute und Waarenhändler en gros,
Mercadere genannt, werden es, wie mir scheint, noch einmal dahin
bringen, daß Commissionaire für Rechnung ihrer auswärtigen Freunde,
deren Waaren sie kaufen, und gewöhnlich erst nach 6-8 Monaten, wenn
sie zahlungsfähig sind, bezahlen, daß die Commissionaire, sage
ich, für jedes Colly beim Empfang eine gewisse Summe baar ihnen
einhändigen müssen, damit sie ihre Miethen und ihren Lohn bezahlen
können. Es hat wirklich etwas Komisches, wenn man die Verkäufe in den
hiesigen Commissionshäusern mit ansieht, wie diese Mercadere von den
Verkäufern schmeichelnd und tändelnd tractirt werden; obgleich Jeder
der Hereintretenden gesonnen ist, nicht mehr als höchstens die Hälfte
des Fabrikpreises zu offeriren und die Zahlung innerhalb 8 Monaten
zu versprechen, so wird er dennoch von den Verkäufern behandelt,
als wisse dieser, der Mercader sei gesonnen, für die vorgezeigten
Waaren einen ansehnlichen Gewinn und baare Zahlung zu gestatten;
und nun die Procedur beim Verkauf! sie ist folgende. In kleinen
Handschreiben berichtet der Commissionair den Mercaderen, daß er an
diesen bestimmten Tagen im Auftrag eines auswärtigen Hauses eine
Parthie Manufactur-Waaren verkaufen müsse, und ersucht diese, sich am
Vormittag einzufinden, um die Waaren anzusehen und ein Gebot darauf zu
machen. Die Eingeladenen erscheinen, und nehmen eins der geschriebenen
Verzeichnisse, worauf diese deutlich specificirt sind, zur Hand,
bemerken, nachdem sie die Waaren durchgesehen, auf denselben den Preis,
den sie in Bausch und Bogen für seidene-, wollene-, baumwollene-, kurz
alle Waarensorten durcheinander geben wollen, fügen ihre Unterschrift
bei, legen dies auf den Tisch nieder und gehen weg. Daß die Käufer
meistens unter sich einverstanden sind, versteht sich von selbst.
Dem, der das größte Gebot gethan hat, schickt nun der Commissionair
die Waaren zu; die Hälfte des Factura-Preises muß wenigstens geboten
worden sein, wenn der Commissionair sich zum Verkauf geneigt fühlen
soll; ist nur 45 Procent geboten, so wird weiter nicht Rücksicht
auf ihn genommen. Bei Leinwand findet die Ausnahme statt, daß der
Commissionair nur auf 15, höchstens 20 Procent unter den Fabrikpreisen
eingeht. Die Käufer sind in der Regel nicht dringend mit ihrem Einkauf,
da sie in derselben Woche vielleicht zehn dergleichen Einladungen von
andern Commissionairs zu erwarten haben. Sie kennen die Bestände, den
Bedarf, und wissen, daß für die ankommenden Waaren, durch Fortschaffung
der alten, Platz werden muß, eben so gut, als daß der Commissionair
rasch verkaufen muß und möchte, um die Waaren, worauf er 10 Procent
für Provision verdient, selbst zu verkaufen und nicht durch Andere
verkauft zu wissen, denn wie leicht könnte die Ordre zur Auslieferung
von Europa eintreffen! Alles dies trägt dazu bei, daß die Käufer nie
auf den selbstbestimmten Preis etwas zulegen und sich des Zuschlags für
gewärtig halten. Die letztere Furcht aber wirkt am meisten. Es kommt
daher nicht selten vor, daß hiesige Commissionaire, wenn sie sich im
Auftrage eines Europäers zum Empfang der Waaren melden, die Antwort
erhalten: die Waare ist schon verkauft, und die Abrechnung, welche
bereits ausgefertigt ist, geht mit erster Gelegenheit ab.
Wie die Verkäufe hier betrieben werden, ist mithin eine Factura
überflüssig, und man kann sich in Europa der Mühe überheben,
dergleichen, anzufertigen, da sich kein Commissionair daran hält, es
vielmehr den Käufern überläßt, die Preise festzustellen.
Detailleurs giebt es hier in Unzahl, d. h. unbedeutende Krämer-Läden,
welche hier Magazin genannt werden, nicht aber bedeutende, wie in den
V. S. und in Europa. So klein indeß wie sie sind, so vielfältig sind
die Artikel, die man in denselben antrifft; von Allen liegen einige
Stücke da, aber Leinwand spielt die Hauptrolle. Deshalb müssen auch
viele Diener gehalten werden; vier ist die geringste Anzahl. Die
Detailleurs kaufen nichts von den importirenden Kaufleuten, aus dem
Grunde, weil sie ganz von den Mercaders abhängig sind, und alle Waaren
von ihnen entnehmen müssen -- bei Gefahr, ihres Credits verlustig zu
gehen. Sie stehen unter starker Controlle, und die Preise sind in allen
Läden so ziemlich gleich.
Hausirer giebt es in Masse; man sieht sie hier beim größten Schmutz
in den entlegensten Straßen der Stadt, Männer und Weiber von allen
Nationen, vorzüglich aber Neger; sie sind eben so zudringlich wie die
Collecteurs der hiesigen Lotterie, welche jede drei Wochen gezogen wird
und 144 Gewinne und 23,856 Nieten enthält. In Lumpen gehüllt, ohne
Strümpfe und Schuhe, sieht man diese Collecteurs umherlaufen, wobei
sie ihre Viertel-Loose à 1 Piaster ausschreien, wie Gemüseweiber bei
uns. Sie sichern der Regierung eine Revenue von 25,000 Piaster pro
Monat; sie kaufen eine Anzahl Loose auf Speculation, und bestimmen die
Preise, je nachdem sie Liebhaber dafür finden. Viele Abnehmer finden
sie unter den Sclaven, welche nach ihrer Freiheit streben, die sie nur
gegen Erlegung der für sie bezahlten Summe erlangen können. Jedoch
auch der Spanier, so wie jeder Ausländer spielt mit Leidenschaft; oft
wird der doppelte Werth für ein Loos bezahlt, wenn die Ziehung ihren
Anfang nimmt. Hat der Collecteur sein Loos verkauft, so bekümmert
er sich nicht mehr um dasselbe. Sobald die Ziehung, welche nur ¼
Stunde dauert, vorüber ist, werden gleich wieder Loose zur folgenden
ausgeboten, und wirklich verkauft. Einmal im Jahre, am Geburtstage der
Regentin, kostet das Loos acht Piaster, und dann ist der größte Gewinn
40,000, der zweite 8000 Piaster; alle übrigen sind unbedeutend; der
Monarch erhält zum Geburtstag aus der Lotterie-Casse 50,000 Piaster.
Zu allen bemerkten Uebelständen im Handel der Commissionaire
kömmt nun noch, daß sowohl der größte Theil der Mercadere als die
Commissionaire keine Kenntnisse im Waarenfach haben. Um sich gegen
Verlust zu schützen, bieten daher die ersteren ungeheuer wenig; oft
bietet Jemand 100 Piaster für eine Parthie Waaren; die ein Anderer
für 700 Piaster kauft, dennoch haben die Mercadere mehr Kenntnisse
als die Commissionaire, und diese glauben den Versicherungen der
Käufer Alles. Sind diese daher einig, so wird ihnen ein Artikel, der
jenem neu ist, für so viel wie nichts nachgeworfen. Ein Beispiel aus
eigener Erfahrung. Ich hatte einen Stoff, für Mäntel passend, an einen
Commissionair geschickt und ausdrücklich bemerkt, daß ich wenigstens
den Factura-Preis haben müsse. Als ich die Verkaufs-Nota über diese
Waaren erhielt, sah ich sie für den halben Factura-Werth verkauft. Um
mich zu überzeugen, ob ich selbst die Waare nicht besser verkaufen
könnte, schickte ich an ein anderes Haus eine ähnliche Parthie, mit
der Ordre, bis zu meiner Ankunft mit dem Verkauf zu warten. Als ich
angekommen war, erzählte mir dieser Commissionair, daß derselbe Käufer,
der im vorigen Jahre von einem andern Hause dieselbe Waare gekauft
habe, auch diese Parthie, jedoch nur zu demselben Preise kaufen wolle,
weil er diesen Artikel nur zu Kartuschen an das Gouvernement verkaufen
könne. Um diesen unkundigen Commissionair einigermassen vom Holzwege
abzuführen, entschloß ich mich die Läden von fertigen Kleidern zu
durchstreichen, und überzeugte mich bald, daß derselbe Stoff auch hier
zu Mänteln verbraucht werde. Als ich dies dem Commissionair erzählte,
wollte er es nicht glauben, behauptete vielmehr, daß dieser Stoff nur
zu Kartuschen zu gebrauchen sei. Auf solche Weise verlieren wir armen
Europäer durch Unkunde der Commissionaire unser Vermögen, während die
Mercadere mit diesem (indem dieselbe den langen Credit genießen) 300
Procent verdienen.
„Macht keine Geschäfte nach andern Welttheilen, besonders nach
Westindien!“ so möchte ich meinen handelnden Landsleuten zurufen. Aber
die Königliche Seehandlung, höre ich Viele sagen, macht überseeische
Geschäfte, warum sollten wir, als gelernte Kaufleute, dieselben nicht
mit eben so viel Nutzen, wie jenes Institut treiben können? Hierauf
entgegne ich: ist es denn so gewiß, daß jenes Institut bei diesen
Geschäften Gewinn hat? Antwort: Nein! Hierbei fällt mir ein, was einst
der denkwürdige Minister +Maaßen+ bei einer Unterredung mir sagte:
Der Staat muß zuweilen, ohne eine Miene zu verzucken, eine Million
Thaler verlieren; obgleich dies sehr viel für unsern Staat ist, so
ist es dennoch nicht viel, wenn eine hohe Nothwendigkeit es gebietet.
Wir wollen ein Beispiel anführen. Die Seehandlung hat Schiffe, Eins
derselben liegt in Havana, S.... et Comp. sind die Agenten; sie
können dieses Schiff nicht mit Ballast zurückschicken, um so mehr,
da die Zucker-Erndte vor der Thür ist. Beladen Sie es mit Zucker!
Schreibt die Deputation der Königl. Seehandlung an ihren Agenten
in Havana; sie denkt, unsere Raffinerieen brauchen rohes Material
und werden sicher vorzugsweise von dem Institut kaufen. Man kauft,
man trassirt, der Zucker wird verschifft. Die Havanesischen Häuser
bemerken es und sprechen: die S... et Comp. kaufen 4000 Kisten; es
muß in Deutschland etwas Bedeutendes vorgehen; wir müssen für unsere
Freunde in Europa sorgen! Und warum sollten sie nicht für diese sorgen,
da sie sich doch zugleich selbst dabei versorgen? Somit kaufen auch
alle diese für Rechnung der Europäer Zucker, welcher nun in Havana im
Preise steigt, schicken diesen so rasch als möglich ab, damit ihre
Ladungen vor denen der Seehandlung in Hamburg eintreffen mögen; sie
trassiren 2 Monat Sicht für den Belauf und melden den Verkauf der in
Commission gehabten Leinwand etc., wodurch zwar Verlust entstanden sei,
welcher jedoch durch den höchst vortheilhaften Einkauf des Zuckers
bald um das Doppelte ersetzt werden müsse. Ihre Zucker-Sendungen
langen nun wirklich vor denen der Königl. Seehandlung an; um jene
Entnehmungen zu decken, werden sie jetzt per Auction verkauft, +weil
sie verkauft werden müssen+, und siehe da! das Provenue ist 3
Piaster pro Kiste unter dem Einkaufspreis. Hat die Deputation der
Seehandlung dieses voraussehen können? Oder wird diese den Nachtheil
der Spekulation fühlen? Nein! Wohl aber fühlen den Nachtheil und
Schaden die europäischen Kaufleute, und zwar doppelt, weil sie auf zwei
Seiten verlieren, wogegen die Havaneser Commissionaire die zweifach
Gewinnenden sind.
Aehnlich wie die Havaneser in Zucker-Spekulationen mit der Seehandlung
wetteifern, ähnlich machen es die Bremer und Hamburger, wenn sie jenes
Institut auf Fabrik-Erzeugnisse eingehen sehen. Allein dieses hat sehr
viele und gute Mittel, und außerdem, wie mir der Herr Minister Rother
schriftlich versicherte, +lauter erprobte+ Commissionaire; den
spekulirenden Kaufleuten fehlt es aber an beiden. -- Daher, sollte
jedes Geschäft nach und von Westindien von Niemanden, als von ganz
Reichen unternommen werden.
In Westindien können die kaufmännischen Geschäfte schon deswegen nicht
gedeihen, weil, das Geld zu viel Werth hat, d. h. weil es im Verhältniß
der Erzeugnisse und der Importation in zu geringer Quantität vorhanden
ist. Wo der Zinsfuß auf 21-24 Procent steht, wie es in dem allergrößten
Theil Westindiens der Fall ist, da muß der Spekulationsgeist dem
Wucher unterliegen. Der beste, stets begehrte Artikel ist baares
Geld, Fabrikwaaren der Allerschlechteste. Es klingt sehr lächerlich,
wenn man die hiesigen Commissionaire von dem überaus großen Bedarf
der Waaren in Havana erzählen hört; daß dies nur Kunstgriffe zur
Aufmunterung europäischer Kaufleute sind, liegt am Tage, denn für
800,000 Menschen, unter welchen ⅔ stets im Hemde und leinenen Patalons
umherlaufen, langen jährlich über 100 Schiffe, vielleicht gar 150 mit
Manufactur-Waaren an. Man sehe die im Königl. Packhofe zur Niederlage
gebrachten Waaren-Vorräthe an, und man wird die Hände über’m Kopf
zusammenschlagen und fragen: „was sollen diese Vorräthe in einem Lande,
was kaum die Hälfte der Bevölkerung Londons hat?“ Anderwärts ausgeführt
wird hiervon nichts, denn das Wenige, was zuweilen nach Mexico verkauft
wird, ist so gering, daß es nicht in Betracht kommt. Die Commissionaire
aber antworten: Unsere Vorräthe, die der Mercadere, und die im Königl.
Packhofe (Depot) werden bald verbraucht sein, wenn die Havaneser und
Havaneserinnen nur Ernst gebrauchen, jeden Tag ein neues Kleid anziehen
und am Abend diese neue Robe fortwerfen zu wollen, wie es oft der Fall
ist. Dieses ist das Lied, welches die Herren mit ihren Commis täglich
im Chor singen, wenn ein Europäer angelangt ist. Indeß es sind der im
Jahre 1838 übrig und unverbraucht gebliebenen Waaren so viele, daß
sicherlich für jeden Bewohner der Insel Cuba täglich zwei Kleider
gemacht werden müßten, wenn sie in zwei Jahren verkauft werden sollten.
Um eine Krankheit zu heilen, die zwar schon tief Wurzel geschlagen
hat, jedoch keinesweges unheilbar ist, wäre Folgendes zu thun
nöthig. Für Krankheiten, die aus Ueppigkeit entstehen, werden
nicht selten Hunger-Kuren angewendet; so auch müßten die Havaneser
Mercadere ausgehungert werden, damit sie nicht ganz das Vermögen
der europäischen Kaufleute verschlingen. Mein Vorschlag wäre daher
dieser. Kaufleute und Fabrikanten, welche nach Westindien Geschäfte
treiben, errichten auf Actien eine Westindische Compagnie, d. h.
sie etabliren Depots in Hamburg und Bremen, in welchen sie für den
Actien-Belauf Waaren niederlegen und nur zu den festgestellten
Preisen, durch die dabei angestellten Verkäufer verkaufen lassen;
diese Compagnie muß zugleich mit einem baaren Fonds versehen sein,
um Fabrikanten nöthigenfalls gegen das übliche Disconto die Hälfte
des Werths ihrer Waaren vorzuschießen. So wie es jetzt in Westindien
einige Commissionaire giebt, welche für ihre eigene Rechnung Leinwand
aus Europa committiren, so würden sie durch diese Maßregel, wenn sie
keine Consignationen erhielten, um nicht stille zu sitzen, für eigene
Rechnung Waaren committiren müssen. Der Verkauf für eigene Rechnung
würde ihnen besonders dadurch erleichtert werden, daß sie 12½
Procent für Provision, Del credere, Miethen etc. allein verdienen,
die der Europäer bezahlen muß, und welche im Durchschnitt den Verlust
auf Consignationen ausmachen und welcher im Ganzen genommen nicht
übermäßig ist. Waarenbegehr in Westindien würde den Absatz in den
Depots befördern, und es würden nicht nur bessere Preise behauptet
werden, der Eigenthümer würde durch diese Maßregel auch zu jeder Zeit
über sein Eigenthum disponiren können, wogegen er jetzt sehr oft zwei
Jahre hindurch, wegen des Schicksals seines Eigenthums in Zweifel ist,
und nach Ablauf dieser Frist wohl gar noch Abrechnungen empfängt, nach
welchen ihm für 2000 Rthlr. 25,000 Cigarren zukommen.
Indem ich mir vorbehalte, auf die Art und Weise des Verfahrens der
hiesigen deutschen Commissionaire zurückzukommen, will ich, ehe ich zu
andern Gegenständen übergehe, Einiges über die Grundsätze vieler unter
denselben bei Anfertigung von Abrechnungen mit Europäern berichten, was
mir von einem nach Europa zurückkehrenden glaubwürdigen jungen Manne
mitgetheilt worden ist.
+Eine Unterredung des Herrn G. mit dessen Diener+.
+Herr G+. Machen Sie die Verkaufsrechnungen für die Herren B. und
L.
+Diener+. Es ist bereits geschehen, Abrechnungen für Beide sind
fertig.
+Herr G+. Wie ist die für B?
+Diener+. Es bleiben 25 Procent reiner Gewinn.
+Herr G+. (Mit Erstaunen) 25 Procent? Aendern Sie dieselbe; 25
Procent ist zu viel, der Mann kann sich mit 8 Procent begnügen; -- und
des Ls. Rechnung?
+Diener+. Der arme Teufel verliert 11 Procent.
+Herr G+. Aendern Sie auch diese; lassen Sie ihn 18 Procent
verlieren, denn 7 Procent mehr oder weniger kann für den Mann keinen
wesentlichen Unterschied machen.
* * * * *
Mein Commissionair M... macht es indessen keinesweges wie Herr G.;
er steht im Ruf eines reichen, daher großen Mannes, der dergleichen
Abrechnungen nicht +selbst+ macht, es vielmehr seinen Commis
überläßt; sein Hauptgeschäft ist das mit -- Fleisch! Die Leser würden
ihn jedoch unrichtig beurtheilen, wenn sie ihn für einen Shylok
halten wollten. Keinesweges! Mit Kleinigkeiten giebt sich derselbe
nicht ab; er erhält von Montevideo Ladungen des benannten Artikels,
den er centnerweise abzusetzen versteht. Genug! Er ist Einer von den
Commissionairen, von denen man sagen könnte: Man kann sein Fleisch
durch ihn los werden! er ist ein vortrefflicher Mann, der nicht,
wie Shylok selbst tranchirt, sondern tranchiren läßt. Er ist von
seinen Abnehmern geschätzt, weil er nicht wie die meisten, die das
animalische Geschäft treiben, es mit den Käufern verdirbt. Waaren,
welche verkauft sind, werden, wenn sogar der Verkauf schriftlich
abgeschlossen wäre, als unverkauft angesehen, wenn es dem Käufer
einfällt, einen Abzug zu fordern. Besteht der Europäer auf Erfüllung
des schriftlichen Contracts, so erwiedert der Herr Fleisch-Inhaber:
Hier ist der Contract, prozessiren Sie mit dem Käufer, ich tranchire,
wie Sie wissen, nie selbst etc. Ergo! ich wiederhole, für Europäer
können überseeische Geschäfte nie vortheilhaft ausfallen, weil die
Commissionaire im glücklichsten Fall 12½ Procent haben müssen, und
bei der starken Concurrenz nicht zu erwarten ist, daß zwei Procent
verdient werden können. In früheren Zeiten, als es nur wenige Häuser
hier gab, welche hin und wieder eine Consignation erhielten, traf
es sich zuweilen, daß an einem Artikel 25 Procent verdient wurden,
wovon der Commissionair großmüthigerweise seinem europäischen Freund
den ⅛ Theil zufließen ließ. Aber solche Fälle können jetzt nicht
wieder vorkommen. Die Waarensendungen müssen wenigstens um die Hälfte
vermindert werden. Die europäischen Kaufleute würden sehr wohl daran
thun, ihre Waaren, wenn sie auf diese zu sehen überdrüssig sind, in
einen abgelegenen Raum eine Zeitlang zu verschließen. Besser diese in
Europa unter eigenem Schloß und Riegel, als in Havana, oder sonst wo in
den Räumen der Bremer zu haben, wodurch der ganze Belauf aufgerieben
wird. Der Denkwürdigkeit wegen will ich aufzählen, was ich selbst von
europäischen Waaren für den Betrag von 98 Piaster einem Mercader habe
verkaufen und überliefern sehen; es waren folgende: 6½ Dutzend
Toiletten und Arbeitskästchen für Damen; 300 Dutzend Mund-Harmonika’s
mit Elfenbein-Fourniren; 200 Dutzend Blumen-Guirlanden, für Negerinnen
berechnet; viele Dutzend Rosen, Windsor-Seife und Seifenpuder, nebst
mehreren Dutzend von wohlriechenden Oelen und Wassern in geschliffenen
Gläsern.
Auf die letztern Artikel setzte der Käufer gar keinen Werth, und
schenkte Mehrern der Anwesenden 1 Dutzend Seifen, und mehrere
Flaschen von den wohlriechenden Oelen und Wassern, auch ich wurde auf
diese Weise beschenkt, und dürfte vielleicht ein größeres Capital
erlangt haben, als der Eigenthümer obiger Waaren, nach Abzug der
Steuer-Provision, Del credere etc. erhalten wird.
So lange der Sclavenhandel in Westindien mit so gutem Erfolg, wie
bisher wird betrieben werden, darf sich Niemand von allen Spekulanten
ein besseres Schicksal versprechen, als derjenige hatte, dessen
Waaren, wie vorhergehend gezeigt, für 98 Piaster verkauft worden
sind. Wer denkt wohl daran, sein baares Geld auszuthun, um Waaren,
welche der Mode und Conjunctur unterworfen sind, anzukaufen, wenn
er sein Capital, im Handel mit Menschen ausgethan, in einem Jahr
doubliren kann? In diesem Artikel giebt es zu viele Spekulanten. Ich
sah 720 Sclaven im Total-Werth von 275,400 Piaster in einem Zeitraum
von 2 Stunden verkaufen, und einen großen Theil davon wiederum en
Detail mit einem Gewinne von 8-10 Unzen absetzen. Dem Rindvieh
gleich, werden diese Unglücklichen alsdann vom Marktplatz nach der
Käufer-Wohnung gebracht. So lange also der Handel mit Menschen solchen
bedeutenden Gewinn abwirft, wird der hohe Zinsfuß stattfinden, und
das Fabrikwaaren-Geschäft kein Gedeihen finden, weil stündlich zum
Discontiren solcher Wechsel, welche aus den Geschäften mit Menschen
entsprungen sind, bedeutende Summen gesucht werden. wofür sehr
hohe Zinsen gestattet werden können, da 8-10 Unzen Gold pro Kopf
gewonnen werden. Die meisten Sclaven werden jetzt zur Anlegung von
Zucker-Plantagen benutzt, indem diese gegen jede Executions-Gewalt
geschützt und unantastbar sind. Man hat Beispiele, daß Caffee-Plantagen
in dem Augenblick, als sie subhastirt werden sollten, in
Zucker-Plantagen umgeschaffen wurden und ihrem Umsturz entgingen.
Epidemische Krankheiten machen, wie es damals bei der Cholera war, die
reichsten Sclavenbesitzer zu Bettlern.
Der Getraidebau ist von der Regierung untersagt. Alles für Cuba
erforderliche Mehl wird von den V. S. in Fässern von 165 Pfund Gewicht
jedes Faß eingeführt. Der Einfuhrzoll war stets 9½ Piaster pro
Fäßchen, seit dem Kriege in Spanien ist er 10½, der aber erst 6-8
Monate nach Empfang des Mehls erlegt wird. Für den Belauf des Zolles
sind die Empfänger verbunden, Pagarées (Wechsel) auszustellen. Man kann
mit Gewißheit sagen, daß im Durchschnitt an jedem Faß Mehl zwei Piaster
verloren werden. Indeß verstehen es die Verkäufer, sich, da das Mehl
pro Cassa verkauft wird, beim Placiren dieser Gelder durch hohe Zinsen
und durch Schmuggelei für jenen erlittenen Verlust zu erholen! indem
sie 2-3 Procent Zinsen pro Monat nehmen, welches, wenn die Hälfte des
Mehls geschmuggelt ist, und dies ist gewöhnlich der Fall, einen guten
Gewinn erzeugt.
Nach dem bisher Erzählten und Dargestellten, wird sich der geneigte
Leser nicht wundern, wenn ich mein Vorhaben, mehrere westindische
Inseln zu besuchen, um Geschäfte und Gewerbe daselbst zu prüfen, wieder
aufgab. Mit großen Erwartungen war ich hierher gereist und wiederholt
war ich zum Reisen aufgefordert worden, „um den Geschmack des Landes
kennen zu lernen.“ Doch worin besteht hier der Geschmack? In nichts
Anderem, als die Waaren für die Hälfte des Fabrikpreises zu bekommen:
wird doch von den Negerinnen nur buntes Zeug verbraucht; die Damen
aber sitzen stets in weißen und knieen in schwarzen Kleidern. Die
Mercaders sind, wie schon angeführt, ganz einig und bieten für die
allerneuesten Gegenstände nie mehr, als die Hälfte des Fabrikpreises,
in der Ueberzeugung, daß sie, wenn nicht jetzt, doch später den Artikel
erhalten. Ob derselbe alt oder neu ist, darum kümmern sie sich nicht
sehr, denn dem Publikum erscheint jeder Artikel in ihren Läden neu;
wenn er auch wirklich ganz veraltet ist. Europäische Spekulanten irren
daher bedeutend, wenn sie ihre in Commission geschickten Waaren als
veraltet betrachten und für die Hälfte des Werthes verkaufen lassen;
sie würden besser daran thun, dieselbe nach Europa zurückgehen zu
lassen, wie es in der letzten Zeit auch Mehrere wirklich gethan haben;
sie würden hierdurch den kenntnißlosen Commissionair des Urtheils
überheben; „diese Waaren sind über den doppelten Werth facturirt
gewesen!“ denn dies glaubt derselbe, wenn der Europäer, aus Furcht, daß
seine Waare veraltet und werthlos sei, die Ordre giebt, sie mit Verlust
des halben Werthes zu verkaufen.
Meine Verhältnisse hierselbst waren von der Art, daß ich mir
wenig Erfreuliches versprechen durfte; ich beabsichtigte ja, mein
Eigenthum zu vertheidigen, d. h., die Commissionaire, mit denen ich
nun einmal in Verbindung war und bleiben mußte, zu kontrolliren.
Daß diese meine Absicht nicht lange verborgen bleiben konnte, ist
leicht zu erachten und daß sie die Laune derselben verderben und sie
gegen mich aufbringen mußte, ist eben so einleuchtend. Herren und
Diener, Neger und Trabanten, Alle, ausgenommen die Spanier, welche
meistens brav sind, wurden meine Feinde und begegneten mir mit einer
Gleichgültigkeit, die mir freilich auch sehr gleichgültig war. Einer
meiner Commissionaire, der Sohn eines sehr reichen Mannes, welchen sein
Vater in der Absicht in Havana etablirt hatte, um aus anderer Leute
Leder Riemen zu schneiden, ohne Zweifel aber besser gethan hätte, ihn
zu Hause zu behalten, um ihn zum Riemenschneider für sich und seine
ledernen Geldsäcke auszubilden, war mein größter Feind, weil ich ihm
in einem Schreiben erklärte, daß ich nicht mit 25,000 Cigarren für
eine mir schuldige Summe von 2000 Rthlr. zufrieden sei und daß ich,
trotz seiner schriftlichen Anzeige, über diesen Gegenstand nicht mehr
correspondiren zu wollen, -- „weil sonst seine Geduld ausrisse“ -- mich
der Correspondenz durch die Behörde nicht enthalten würde.
Ein sehr achtungswerther Spanier, dem ich meine Lage im Verhältniß
zu den hiesigen Deutschen mittheilte, schlug mir vor, mich einem
einflußreichen Advokaten, Namens A.s zu empfehlen, was ich mit Freuden
annahm. Der Advokat bezeigte viel Theilnahme, erklärte sich bereit, mir
zu dienen und fand das Benehmen des Commissionairs „abscheulich.“
Hierbei ist zu bemerken, daß die Advokaten hierselbst nichts
thun als instruiren; die Geschäfte in den Gerichtshöfen besorgen
die Prokuratoren, die sich deshalb in den Morgenstunden bei den
einflußreichen Advokaten einfinden und um Beschäftigung nachsuchen.
Dieser Umstand trägt sehr dazu bei, die Prozesse in die Länge zu
ziehen, denn die Prokuratoren verständigen sich oft sehr bald mit den
Beklagten, wovon der beste gerechteste Advokat nichts wissen kann. Aus
demselben Grunde und weil jedes Blatt Papier in Prozeß-Angelegenheiten
gestempelt sein muß, werden die Prozeßkosten sehr hoch; es giebt
Prozesse, zu welchen für 10,000 Piaster Papier verbraucht wird.
Die Vollmacht, welche ich mir zunächst von einem Notar mußte anfertigen
lassen, kostete mir 17 Piaster, das Uebersetzen der Briefe u. s. w. ins
Spanische 1 Unze; Herr A.s übernahm sie mit Freuden und meinte, in
Zeit von 4 Wochen sollte ich meinem Ziel recht nahe sein.
Meine Prozedur wurde bald stadtkundig und der Haß der Deutschen nahm
so zu, daß Wenige nur noch mit mir zu sprechen wagten. Obgleich ich
mir hieraus wenig machte, so konnte ich doch nicht umhin, meine Lage
unangenehm zu finden. Da stand ich ganz allein in einem fremden Lande,
der Sprache unkundig, mit einer Parthie Waaren, die ich verkaufen
wollte und keiner von allen Commissionairen wollte etwas mit denselben
zu thun haben. Ich suchte Käufer und fand solche, jedoch wiederholt
zerschlugen sich die Verkäufe, wenn die Waaren abgeliefert werden
sollten. Welcher böse Dämon hierbei sein Wesen trieb, war mir zu
ermitteln stets unmöglich. Einst hatte ich einen Handel mit einem
Mexikaner und zwar mit einem sehr fühlbaren Verlust abgeschlossen. Als
er mit mir nach dem Depot zum Empfang gekommen war und die Kattune
in den Kisten, die geöffnet werden mußten, von gewöhnlicher Breite
erblickte, trat er vom Handel zurück, weil er (vorgeblich) dieselbe
Waare von doppelter Breite für 14 Sgr. pro Staab gekauft hätte.
Jetzt suchte ich einen Sclavenhändler auf, welche gewöhnlich viel
Waare kaufen und offerirte ihm Artikel, indem ich ihm die Proben
vorwies, aber er bot so wenig darauf, daß ich die Hoffnung aufgab,
mit ihm einen Handel abschließen zu können; Ein spanischer Don-Mäkler
M...m, der, wie Viele, dies Metier unerlaubter Weise treibt, weil
er die Summe von 2000 Piastern, die hierfür zu bezahlen sind, nicht
anschaffen kann, hatte mir auf den Dienst gepaßt. Er meldet sich bei
mir, fordert Proben -- und versichert mir, daß ein großer Theil meines
Vorraths bald durch ihn abgesetzt sein solle. Proben aus den im Depot
befindlichen Kisten zu nehmen, ist eine schwere Aufgabe, indessen es
war mir daran gelegen, die Kosten dieser Prozedur kennen zu lernen
und siehe da! ich mache dasselbe für etwa 15 Sgr., wofür die braven
Commissionaire 6 Piaster in Rechnung zu stellen sich nicht schämten.
Dieser Vorfall bringt mich zum Entschluß, eine Parthie Cigarren selbst
zu verschiffen und was ergiebt sich? Daß ich diese Verschiffung
mit einem Kosten-Aufwand von 2 Piastern besorge, während daß der
Fleisch-Inhaber M... dafür 24 Piaster und 4 Realen berechnet hatte.
Zwei große Geister wurden hierbei durch meinen Heroismus in Erstaunen
gesetzt: 1stens der Don-Mäkler, weil ich mich nach dem Depot auf meinen
eigenen und nicht auf Esels- oder Maulthier-Füßen hinschaffte und die
Proben unterm Arm tragend mitbrachte -- was in Havana, wie der Mäkler
meint, noch nicht vorgekommen ist. Der Fleisch-Inhaber war wegen der
in Rechnung gestellten 24 Piaster mit sich selbst in Uneinigkeit und
meinte, da er nicht selbst tranchire, daß ich mich mit diesem kleinen
Anliegen an seinen Commis wenden müsse. Dies geschah und ein vom
Fleisch-Inhaber wohlgenährter korpulenter Commis ertheilte mir die
Antwort, daß jener, in Berücksichtigung meiner Gegenwart, die mit
vielen Strapazen verbunden sei, die Hälfte der 24 Piaster erlassen
wolle -- als besondere Gnadenbezeugung, wobei keine Umänderung der
Rechnung stattfinden könne.
Unterdessen hatte der Don-Mäkler, ungeachtet meines Verbots, die Proben
dem Sclavenhändler gezeigt und mit ihm einen Handel abgeschlossen, ohne
mir den Namen des Käufers zu nennen. Ich erfuhr ihn erst, als ich von
ihm in einem Schreiben die Baarzahlung ausdrücklich bemerkt zu wissen
wünschte. Da erfuhr ich denn, daß ich für den Werth von 2000 Piastern
auf verschiedenen Sclaven-Schiffen Actien an Zahlungsstatt annehmen
müsse; ich sollte also Sclavenhändler werden. Ich hatte ungemein vielen
Verdruß, sowohl mit dem Käufer als dem Mäkler, willigte indeß zuletzt
ein, nachdem ich jene Actien mit einem Verlust von 10 Procent verkauft
hatte; -- unmittelbar nachdem ich das Geld empfangen hatte, nahm ein
englisches Kriegsschiff Besitz von einem der Schiffe, woran ich eine
Actie hatte.
Kaum war dies Ungewitter vorübergezogen, als sich ein zweites über mir
zusammenzog. Ich erhalte nämlich von M... die Anzeige, daß der Käufer,
der auf die früher erwähnten Mantel-Stoffe reflektirte, jetzt gänzlich
renoncire und daß überdies der Handel sehr nachtheilig für mich
ausfallen würde, indem die Douane jetzt nicht wie sonst, einen Realen,
sondern zwei Realen Zoll pro Vara dafür fordere. Diese Nachricht
erzeugte in mir den Gedanken, daß der Fleisch-Inhaber mich tranchiren
wolle; ich schnitt sofort eine Probe von einem der Stücke jenes Stoffs,
ließ für den Collecter der Douane durch den Advokaten A.. eine Supplik
anfertigen, in welcher vorgestellt war, wie durch ein Versehen meines
vorigen Commissionairs für wollene Waaren ein Zoll von seidenen bezahlt
worden sei -- welcher Zoll von den letztern beinahe noch einmal so hoch
ist, als der von den ersteren; -- ich hoffe, der Herr Intendant werde
den Befehl ertheilen, für diese Waaren, welche im Tarif aufzuführen man
vergessen habe, den Zoll von Filleilas und nicht den für seidene Waaren
zu erheben.
Der Collecter zeigte sich zur Abänderung geneigt und forderte, daß ich
an die Intendantur, unter Beifügung dieser Probe, eine schriftliche
Auseinandersetzung einreichen solle, bemerkte jedoch sofort, daß ich
den Zoll für die erste Parthie, die durch den Commissionair als seidene
Waaren versteuert worden seien, nicht zurück erhalten könne.
Wie aus den Wolken gefallen, stand ich beim Eintritt in das nächste
Zimmer, als ich des M.. Expedienten dort fand und zwar, als sei er der
Ober-Inspector, meinem Gesuche entgegentretend. „Diese Waare ist für
dasjenige eingegangen, wofür Sie den Zoll bezahlen müssen und bezahlen
werden; abgeändert kann hierbei nichts werden.“ Entrüstet über diese
Bosheit, begab ich mich sogleich nach dem Comptoir des Herrn M.., um
durch den Waaren-Aufseher, der mir versichert hatte, diese Parthie
sei für Filleilas eingegangen und koste nur einen Realen Zoll, die
Wahrheit zu erhärten. Aber welche Antwort erhielt ich? „Nun! wenn sie
als etwas anderes als Filleilas eingegangen ist, so werden Sie sich dem
unterwerfen müssen!“ -- Ich ließ die Supplik dem Intendanten übergeben
und nach einigen Tagen erhielt ich durch einen der Estimateurs den
Bescheid: „Sie haben zwei Realen als Zoll für diese Waaren zu erlegen,
indessen soll es Ihnen freistehen, dieselbe zollfrei auszuführen.“
Aufgebracht hierüber und über vieles Andere, beschloß ich, unverzüglich
meine Rechnung mit Herrn M... zu schließen und sah mich zu diesem
Zwecke nach einem Vermittler um. Ein Schottländer, Namens Dakin,
schien mir die geeignetste Person hierzu, da er, wie ich erfahren
hatte, früher mit jenem in ähnlichen Verhältnissen, wie ich, gewesen
war. Allein hier kam ich aus dem Regen in die Traufe; er versprach
mir -- ein Zug von Redlichkeit! -- das Beste für mich bei dieser
Auseinandersetzung zu thun. Er that auch wirklich so viel, daß ich in
Folge +seines+ Vielthuns über meine Kräfte viel für M... thun und
viel Geld einbüßen mußte. Ich mußte ihm nämlich eine Bescheinigung
ausstellen, mit seiner Abrechnung vollkommen zufrieden zu sein,
ungeachtet daß ich in einer Abrechnung etwa 50 Procent für mein
Capital und in den andern mehr oder weniger zurückerhielt, um meine
Waaren und Gelder, welche er (M...) nicht unter andern Bedingungen
ausliefern wollte, zur freien Disposition zu haben. Außerdem fand ich
in seiner Rechnung Summen für Provision von 5 Procent, für Waaren, die
ich selbst verkauft und wobei er gar nichts zu thun gehabt hatte, so
wie auch Summen für Negerlohn, die mir eine volle Ladung Neger hätten
zugesichert. Allein -- ich mußte mich fügen. Einen Prozeß in Havana,
dachte ich, magst du der Erfahrung wegen haben, Einer ist aber auch
genug.
Die Bescheinigung wurde also, wie M... verlangte, ausgefertigt und ich
hatte einen funkelnagelneuen Commissionair, der, wie ich mich bald
überzeugte, in den Mysterien des Commissions-Geschäfts aufs genaueste
eingeweiht war. Wie ist dies möglich in so kurzer Zeit? werden die
geehrten Leser fragen. Ein gewisser, für Westindien unentbehrlicher
Herr K.. verfertigte in der Art des sogenannten faulen Rechenknechts
ein Hülfsbüchlein für Commissionaire, so wie auch Preis-Courante für
Europäer; dieser höchst brauch- und unbrauchbare Mann sorgt also dafür,
daß selbst die jüngsten und in Geschäften unerfahrensten nicht dermaßen
zu Grunde gehen, wie er wiederholt zu Grunde gegangen ist.
Mit meinem Dakin hatte ich es mithin jetzt zu thun. Zunächst erhielt
er von M... die schriftliche Ordre, die Waaren, welche für meine
Rechnung im Packhofe lagerten, in Empfang zu nehmen. Bald bemerkte
ich jetzt, daß die Mantelstoffe zum Theil als Filleilas zum Theil als
Ginghams einpassirt waren, benachrichtigte Dakin hiervon und sagte:
„nun dürfen Sie nur einen Realen als Zoll bezahlen;“ er indeß hatte
die Sache anders geleitet. Am folgenden Morgen begegnete er mir und
sprach: ich muß Ihnen eine gute Nachricht mittheilen, der Douanier hat
Ihre Mantelstoffe für das passiren lassen, was sie sind, nämlich für
Filleilas à einen Realen Zoll; ich habe demselben jedoch 102 Piaster (6
Unzen) versprochen, weil er sie der falschen Declaration des M... wegen
hätte confisciren können. -- Geben Sie, erwiederte ich, dem Douanier
für Ihre Rechnung so viele Unzen, wie Sie wollen, aber nichts für die
meinige, denn die Waaren sind für Filleilas eingegangen und müssen
auch dafür passiren. -- Ich werde ihm geben, so viel ich versprach,
sagte er im Fortgehen, weil ich den Mann in meinem Geschäfte brauchen
muß, und somit fand ich auch wirklich in der Rechnung: Allowance to
guard for reduction of duty and excuse of fines 102 Piaster (d. h.
Geschenk dem Zollbeamten für Nachlaß auf Steuer und Niederschlagung der
Strafe.) In Europa würde sich wohl schwerlich Jemand diese Frechheit
erlauben.
Glücklicherweise sah ich mich bald in Stand gesetzt, mich des Dakins
zu debarrassiren. Zufällig traf ich nämlich den Mercader, der auf die
Mantelzeuge reflektirte. Wie erstaunte ich, als er mir erzählte, daß
er stets darauf reflektirt hätte, von M... aber nie etwas bestimmtes
habe erfahren können. Ich verkaufte die Parthie und befreite mich
von Dakins. Die Rechnung, die ich jetzt von diesem Dilettanten in
der commissionärischen Kunst erhielt, wich um kein Haar breit von
denjenigen der frühern Commissionaire ab; sogar drei Piaster für
Volanten-Lohn seiner Diener fanden sich darin. Als ich denselben wegen
aller Prellereien zur Rede stellte, da ergriff er ein Federmesser und
drohte, mich damit zu durchbohren.
Nachdem ich mehrere von meinen unverkauft gebliebenen Waaren nach
New-York expedirt hatte, -- worauf ich später zurückkommen werde, hätte
ich unterdessen von Havana abreisen können, wäre nicht -- mein Prozeß
gewesen. Schon waren drei volle Monate verstrichen und noch immer kam
es mir so vor, als sei gar nichts geschehen, obgleich der Herr Advokat
mich immer so vertröstete, als ob ich innerhalb acht Tagen am Ziele
sein würde. Endlich entschloß ich mich, einen andern Weg einzuschlagen,
auf welchem der geübte Forscher nicht ganz unbefriedigt abzieht und
siehe da! es gelang mir; ich erfuhr, daß in der Sache noch gar nichts
geschehen, daß noch nicht einmal mein und meines Gegners Name genannt
worden sei. Im Zorn lief ich sogleich, als ich dies gewiß wußte,
zu Herrn A.., überhäufte ihn mit Vorwürfen und er überzeugte sich
sehr bald, daß sein Herr Procurator mit dem meines Gegners in gutem
Einverständnisse sein müsse.
Hierbei kann ich zu bemerken nicht unterlassen, daß ich unterdessen
mehrere edle Spanier zu meinen Freunden gewonnen hatte, die sich meiner
annahmen. Auch des englischen Consul muß ich rühmlichst erwähnen;
von meiner ersten Ankunft an behandelte er mich mit der größten
Aufmerksamkeit und Auszeichnung und lud mich sogar zu sich ein,
obgleich ich keine weitere Empfehlung hatte, als seinen Namen von einem
seiner Jugendfreunde in Hamburg auf einem Zettelchen geschrieben, zu
präsentiren. Von Spaniern also wurde ich jetzt in Allem unterstützt.
Ueberhaupt ist mein Rath, daß Jeder, der Geschäfte auf Havana treiben
will oder muß, sich nur an Spanier wendet, man gewahrt in ihren
Comptoirs zwar nicht Legionen von Commis in Pantoffeln und Negligée,
allein man bemerkt bald, daß die wenigen Arbeiter viel und gut arbeiten.
Nach der Weisung eines Kaufmannes und Beisitzers im Gerichte verfuhr
ich jetzt. Ich ließ mir sofort von meinem Advokaten eine Klage
niederschreiben, trug sie auf die Gerichtsstube des Friedensrichters
und erlegte die Sporteln. Einige Tage darauf erhielt ich die Vorladung,
vor dem Friedensrichter zu erscheinen. Am bestimmten Tage fand ich
mich ein; allein, da ich nicht hinreichend Spanisch verstand, so
wurde mir bedeutet, daß ich meinen Anwalt zur Seite haben müsse. Ich
ging zu demselben, aber er wollte sich bei der großen Hitze nicht
dazu verstehen, mich zu begleiten und expedirte einige Zeilen an den
Friedensrichter. Dieser indeß wollte nichts von diesen schriftlichen
Vorschlägen wissen und bestand auf dessen persönlicher Erscheinung.
Durch viele Vorstellungen und Bitten, mir von der süßen Insel durch
seinen Beistand los zu helfen, gelang es mir endlich, ihn zum Mitgehen
zu bewegen -- ein hierselbst nie in der Advokatenwelt vorgekommener
Fall, da diese, wie schon bemerkt, nie selbst in den Gerichtshöfen
auftreten. Beim Hingehen eröffnete mir der brave Advokat, daß er
sich auf die Entscheidung von guten oder Schiedsmännern nur unter
+einer+ Bedingung einlassen würde und zwar der folgenden: daß
die Schiedsmänner aus den Assessoren des Gerichts erwählt würden. Er
änderte jedoch nach einer langen Unterredung mit dem Friedensrichter
seine Ansicht, wendete sich zu mir und sagte: „ich habe genehmigt, daß
hiesige Kaufleute, Einer für jede der Partheien den Streit schlichten
sollen; Sie haben mithin ohne Weiteres zu bestimmen, wem Sie die
Sache übertragen wollen.“ Ich wählte den englischen Consul und mein
Gegner auch. Es ward sogleich ein Protokoll von dieser Verhandlung
ausgefertigt und beigefügt, daß die Partheien sich gutwillig dem
Ausspruche, wie er auch ausfallen möge, unterwerfen müßten und nur
alsdann die Hülfe des Gerichtshofs, gegen Bezahlung von 500 Piaster an
die andere Parthei, in Anspruch nehmen dürften. Mein Gegner und ich
unterzeichneten dies Protokoll, welches einige Piaster kostete und
es wurde zugleich festgestellt, daß die Entscheidung von Seiten des
Richters in spätestens 14 Tagen erfolgen müsse.
Nach Ablauf dieser Frist wurde mir das vom Consul abgefaßte Urtheil
zugeschickt. Es verrieth einen feinen kaufmännischen Takt und bewies,
daß der Consul über die Sache nachgedacht hatte, was in diesem Lande,
der großen Hitze wegen, etwas Seltenes ist. Das Urtheil fiel so aus,
wie sie in der Regel ausfallen, d. h. die Forderung wird compensirt,
da jeder Schiedsrichter in ähnliche Verhältnisse gerathen kann und
gern das Vergeltungs-Recht auf keine schlimme Art für sich ausgeübt
wissen mag. Mir also wurde die Hälfte meiner Forderung aus den darin
angeführten Gründen zuerkannt und ich wurde verurtheilt, eine Parthie
Cigarren, woran mein Gegner ohne Zweifel tüchtig verdiente, zu nehmen,
wobei mir freigestellt wurde, daß ich dieselben, wenn ich sie des
hohen Preises wegen nicht sollte verkaufen können, für meinen eigenen
Gebrauch verwenden dürfte -- und der Consul war der Meinung, daß diese
mir munden würden, weil das Theure in der Regel gut schmeckt.
Meine Gegner fragten mich zu wiederholten Malen, ob ich mit dem Urtheil
zufrieden sei, wahrscheinlich auf ein verfängliches Wort lauernd.
Vorsichtiger Weise aber bezeigte ich nicht allein meine Zufriedenheit
mit demselben, sondern pries auch die Gerechtigkeitsliebe des Consuls.
Ich wurde auf den folgenden Morgen zu meinen Gegnern beschieden, um
die Sache zu ordnen. Dort versprachen sie mir denn auch, sofort die
mir zuerkannte Summe zu zahlen. Als sie mir die englisch abgefaßten
Quittungen zur Unterschrift vorlegten, verstand ich mich hierzu, wenn
ich die auf meine Waaren für Zölle bezahlte Summen durch Quittung
würde bewiesen sehen haben, -- was zu fordern mir zufolge des
schiedsrichterlichen Urtheils frei stand. Gleich einem Leoparden sprang
der eine Chef, der übrigens eher einem Burschen als einem Kaufmann
ähnlich sieht, auf mich zu und schrie: „Sie sind mit dem Urtheil nicht
zufrieden?“ Im Gegentheil, erwiederte ich mit der größten Ruhe, ich
bin ganz zufrieden. „Nein!“ erwiederte jener, „machen Sie, daß Sie von
hier fortkommen,“ und ruft Portier, Neger und eine Menge dienstbarer
Geister herbei. Allein, wie ich war, mußte ich mich schon zur Retraite
entschließen. Nach einigen Tagen erfuhr ich, daß meine Gegner beim
Gericht auf die Auszahlung der 500 Piaster von meiner Seite angetragen
hätten, weil ich, wie es ihr Commis bezeugen wolle, mit dem Urtheil
nicht zufrieden sei. -- Indeß Herr A.. fertigte mir ein Schreiben aus,
welches ich auf der Gerichtsstube abgab und der Erfolg war, daß ich
nach einigen Tagen die mir zuerkannte Summe durch einen braven Spanier
Franzisco Guyri et Comp. ausbezahlt erhielt und daß meine Gegner die
durch ihren Starrsinn entstandenen Kosten allein tragen mußten.
Bei dieser Gelegenheit zeigte es sich, daß es noch honette, brave
Advokaten in den Welt giebt. Als ich nach Beendigung der Angelegenheit
bei dem Advokaten Herrn A.. für seine Arbeit und Mühe liquidiren
wollte, weigerte er sich, etwas anzunehmen. „Sie,“ sagte er, „haben
genug verloren, ich darf nach meinem Gefühle Nichts nehmen. Schicken
Sie mir, nachdem Sie wieder in Berlin angekommen sind, das allgemeine
Landrecht und ich werde mich für die geringe Mühe belohnt wissen.“
-- Auch einige Silbergeschirre, die ich ihm überreichen wollte,
verweigerte er anzunehmen.
Die verweigerte Vorlegung der Quittung von Seiten der verurtheilten
Gegner und der Vorfall mit den Mantelstoffen, mit dem Fleisch-Inhaber
und dem Schottländer Dakins brachten einen Gedanken in mir zur Reife,
mit welchem ich lange schwanger gegangen war, nämlich diese Herren
durch eine genaue Nachsuchung in den Douanen-Büchern zu kontrolliren.
Ich theilte meinen Vorsatz einem jungen Spanier mit und dieser meinte,
daß ich dasselbe jetzt, da der Intendant zufolge eines Befehls von
Madrid verabschiedet sei und der Gouverneur selbst dessen Geschäft
vorstehe, vielleicht werde auszuführen im Stande sein, obgleich ich
viele Schwierigkeiten dabei finden dürfte. „Mein Rath,“ setzte der
junge Mann hinzu, „wäre dieser: daß Sie, im Falle Sie ihren Endzweck
bei diesem Unternehmen erreichten und, woran ich nach dem, was sich
zugetragen hat, nicht zweifle, Sie die Diebereien gegen die Krone
und Sie selbst entdeckten, daß Sie alsdann für sich selbst Nutzen
davon zögen, ohne das Gouvernement darauf aufmerksam zu machen. Denn
sehen Sie, die Krone wird bestohlen, sie weiß dieses, weiß aber auch
zugleich, daß das nicht zu ändern ist. Der Regierung ist es sehr wohl
bekannt, daß diese Insel eine jährliche Revenue von 100 Millionen
Francs abwirft, wovon ein guter Theil für die Armee und Salaire an die
Beamten verbraucht, und vielleicht 11-12 Millionen veruntreut werden.
Nimmt man indeß an, daß etwa 5 Millionen Piaster in Golde von diesen
jährlichen Einkünften nach dem Mutterlande ausgeschifft werden, so
bleibt es für uns Alle nicht wünschenswerth, daß jene 11-12 Millionen
ebenfalls dahin geschickt werden, weil wir unter diesen Umständen bald
ohne Geld wären. -- Wenden Sie daher den Erfolg Ihrer Nachsuchung für
sich an, da ohnedies jede etwanige Publicität Sie verhaßt machen würde.“
Noch an demselben Tage nach dieser Unterredung begab ich mich des
Abends um 7 Uhr zum Gouverneur, der Jedem ohne Ausnahme, mit oder
ohne Fußbekleidung, Gehör giebt, um ihm eine, jene Sache betreffendes
schriftliches Gesuch zu überreichen. Der Gouverneur erschien sehr
bald in Civilkleidern und so anspruchslos, daß ich beim Vorbeigehen
nicht den hohen Staatsbeamten in ihm erkannte, bis mir der Adjutant
sagte: „c’est le Gouverneur.“ Ich näherte mich jetzt der Thür des
Gemachs, in welchem er die Supplikanten sprach und mußte die Ruhe und
Gelassenheit bewundern, mit welcher er wohl eine halbe Stunde einem
alten geschwätzigen Weibe, die für ihren Sohn ein Gesuch anbrachte,
sein Ohr lieh. Mit vieler Artigkeit bat er sie endlich, zu enden, indem
er, auf uns übrige zeigend, noch mehrere hören müsse. Nachdem sie
und noch eine zweite Dame abgezogen war, kam ich heran, überreichte
mein bescheidenes schriftliches Gesuch mit der ergebenen Bitte, wegen
dieser Behelligung mich zu entschuldigen. Der Gouverneur las das
Schreiben durch, versicherte mir, daß er sich nicht im Geringsten
dadurch behelligt fühle; es sei seine Schuldigkeit, einen Jeden und
insbesondere Ausländer zu hören und zugleich erlaubte er mir, wann und
zu welcher Zeit ich wolle, wiederzukommen. „Gehen Sie in etwa 3-4 Tagen
zum General-Secretair der Intendantur; ich werde die angemessenen
Befehle ertheilen, daß Sie Alles, was Sie wünschen, in der kürzesten
Zeitfrist erhalten sollen.“ Hierauf verabschiedete ich mich. Welcher
Contrast im Betragen dieses Cubaschen Königs und jenes von Bremen
stammenden Commissionairs!
Nach vier Tagen ging ich zum Secretair R...; des Gouverneurs Befehl an
den Collecter der hiesigen Douane wurde mir vorgelegt und angedeutet,
daß ich in zwei Tagen in diesem Bureau um nähern Bescheid nachfragen
könne. Ich ging hin, aber vergebens, und so 10 Tage lang. Ich
beschwerte mich stark, lehnte aber ab, selbst zum Collecter zu gehen,
weil ich es nur mit dem Gouverneur zu thun haben wollte. Endlich wurde
von der Intendantur aus hingeschickt und ich erhielt den Bescheid, des
Gouverneurs Befehlen in Betreff meines Gesuchs könne nicht so bald
nachgekommen werden, da der zu dieser Arbeit unbedingt erforderliche
Beamte sich auf dem Krankenlager befinde. Jetzt blieb mir nichts
anderes übrig, als den Gouverneur wiederum anzugehen. Es geschah; der
Gouverneur empfing mich höchst artig. „Wie weit sind Sie mit Ihren
Nachforschungen gekommen?“ -- Ich befinde mich noch am Anfange; -- man
giebt vor, daß der Beamte, welcher Ihrem Willen gemäß die Papiere für
mich ausfertigen soll, krank sei. -- „Sonderbar! kommen Sie morgen
Vormittag um 11 Uhr hierher.“ Als ich am andern Morgen wiederkam, sagte
er zu mir: „der Secretair R. hat die bestimmteste Ordre von mir, was
er thun soll; melden Sie sich bei ihm, damit er das Weitere für Sie
besorgt.“ Dies that ich sofort. Sämmtliche Expedienten standen bald als
sie mich kommen sahen, am Tische des ersten Secretairs R. und dieser
sagte zu den übrigen: „Ich kann mir das Benehmen des Collecters gar
nicht erklären und weiß fürwahr nicht, was ich thun soll. Geben Sie
dem Herrn Ries,“ meinte einer der Secretaire, „einen offenen Befehl im
Namen des Gouverneurs, daß ihm das nachgesuchte Papier unverzüglich
ausgefertigt werde.“ Ohne Zögern folgte der Secretair diesem Rathe.
Ich empfing den Befehl und lief, wie eine Katze vom Taubenschlag, zum
Collecter, den ich an seinem Arbeitstische sehr beschäftigt fand.
Eingedenk des Gebotes: Du sollst das Alter ehren, wartete ich, bis Alle
sich entfernt hatten, weil ich voraussetzte, daß ein solcher offener
ernsthafter Befehl, aus der Feder eines jungen Secretairs geflossen,
dem ergrauten Staatsdiener nicht erfreulich sein würde.
Ich überreichte demselben jetzt meine unversiegelte Depesche; er las
sie und las sie wieder wohl zehnmal, beguckte sie von allen Seiten,
obgleich auf dem winzigen Blättchen nur wenige Worte geschrieben
standen. „Ich weiß nichts von Ihrer Eingabe,“ fing er endlich an. Sie
ist hier, entgegnete ich, denn ich weiß, daß sie von der Intendantur
schon vor 14 Tagen hierher geschickt worden ist. Der Collecter rief
jetzt einem seiner, am nächsten Tische stehenden Secretaire zu: „wissen
Sie etwas von des Herrn J. Ri--es (so wird mein Name im Spanischen
ausgesprochen) Eingabe?“ Der Secretair mußte unsere kurze Unterredung,
da er so ganz in der Nähe stand, mit angehört haben, fragte aber ganz
fremd: „Ri--es? -- Kommen Sie, ich will mich erkundigen.“ Er führte
mich in das Nebenzimmer und nach eingezogener Erkundigung wurde mir
gesagt, daß der Expedient, dem die Anfertigung übertragen worden,
krank sei, indessen das Papier solle bis zum andern Vormittage um 11
Uhr in dem Bureau der Intendantur ausgeliefert sein. Ich ging jetzt
nach der Intendantur zurück, um dem Secretair R. Bericht abzustatten,
der mich dann auch auf den folgenden Morgen beschied und hoffte, daß
der Bescheid eingehen werde. Am andern Morgen erfuhr ich nun, daß der
Bescheid da sei, aber nicht der erwartete. Der Herr Collecter berichtet
nämlich, daß, da die Bücher nach dem Archive geschafft wären, nur
der Archivist über das Geforderte Bericht erstatten könne. Meinem
Verlangen gemäß, wurde mir dies auf einem Billet niedergeschrieben, mit
welchem ich mich sofort zum Gouverneur begab.
„So muß ich also dem Archivisten den Befehl ertheilen, Ihnen den Auszug
anzufertigen,“ sagte der gutmüthige Gouverneur; „gehen Sie morgen
früh, aber nicht vor 12 Uhr zum Secretair R., Sie werden dort meinen
Befehl für den Archivisten finden.“ -- Ich fand denselben in der That
zur festgesetzten Zeit und der Secretair R. war so gefällig, denselben
durch einen Beamten aus seinem Bureau nach dem Archiv zu befördern und
ich folgte nach. Der Chef des Archivs sprach sehr geläufig französisch
und englisch und bemerkte lächelnd, er könne mir im Voraus sagen,
daß ich mehr bezahlt haben werde, als die Commissionaire nach den im
Archiv befindlichen Büchern bezahlt hätten; er, der früher einmal auch
Kaufmann gewesen, wisse, wie es zugehe. Er versprach, das Papier am
folgenden Morgen in Ordnung zu haben. Er forderte zugleich von mir,
daß ich ihm einen genauen Auszug von den Monaten und Tagen, an welchen
die Schiffe, die ich in meinem Verzeichnisse namhaft gemacht hatte,
in Havana eingelaufen seien, welches er aus den Büchern nicht ersehen
zu können vorgab. Obgleich ich dieses nach der Art und Weise, wie
die Bücher in Havana auf der Douane geführt werden, für eine leere
Entschuldigung anzusehen berechtigt war, so versprach ich ihm doch,
mich der Besorgung unterziehen zu wollen. Anfänglich schien mir die
Aufgabe sehr schwer, indeß fand ich bald einen sichern und leichten
Weg hierzu. Ich ging nämlich nach der Lonja (Börse) und machte aus
den daselbst liegenden Büchern, welche über die Ankunft aller Schiffe
sprechen, einen genauen Auszug, den ich schon nach Verlauf von einer
halben Stunde nach dem Archiv bringen konnte, worauf der Archivist
wiederholt mir den Auszug am folgenden Morgen für ganz gewiß versprach.
Es vergingen indeß wohl 14 Tage und jeden Tag erzählte mir der
Archivist etwas Anderes, warum er es nicht möglich machen könne.
Als ich zuletzt sehr dringend ward und mit Beschwerdeführung beim
Gouverneur drohte, sagte er mir: „Ich kann wenige von den durch M...
für Sie eingeführten Waaren weder in den Büchern noch in den Manifesten
finden.“ So wurde ich noch länger als acht Tage hingezogen, bis endlich
der Archivist, da er meine Geduld erschöpft glaubte, mir eröffnete:
„Sie finden die geforderten Papiere beim Gouverneur, ich habe sie
heute dorthin befördert.“ Ich wendete mich jetzt an diesen, aber er
wußte von nichts. Nach einigen Tagen nun endlich wurden sie mir in der
Intendantur überreicht. Das Resultat war komisch, für mich freilich
traurig, weil Herr M... beinahe Alles, was er mir für Zölle angesetzt
hat, worüber dessen mir übergebene Rechnungen sprechen, nicht bezahlt
hat, und ist das Original dieses Instruments beim Verfasser einzusehen.
Jedes Forschen, welches nicht aus Neugierde, sondern aus Wißbegierde
entspringt, ist ein eben so mühseliges als undankbares Geschäft; es
erfordert immer einige Selbst-Aufopferung, wird jedoch selten, obgleich
es das Beste der menschlichen Gesellschaft zum Gegenstand hat, nach
seiner löblichen Absicht gewürdigt. -- Was die Leser auch von meinen
Nachforschungen denken mögen, so habe ich selbst doch das ruhige
Bewußtsein, daß ich die kaufmännische Gesellschaft gegen Diebereien in
Westindien zu schützen beabsichtigte.
Aus dem Bericht des Ober-Tribunals, der eigenhändig vom Gouverneur
unterzeichnet wurde, ergab sich also aufs bestimmteste, daß der mit
dem Buchstaben M... bis jetzt von mir bezeichnete Commissionair Moyer
in Havana sehr viele von meinen Waaren eingeschmuggelt hat, „indem die
Collys,“ wie der Bericht lautet, „weder in den Schiffer-Manifesten,
noch in den Büchern zu finden seien.“ Erwäge nur der Leser, was den
höchsten Staatsbeamten Cuba’s bewog, diesen offenbaren Betrug ganz zu
übersehen! Ist er vielleicht in Hinsicht der Zollbeamten mit Friedrich
dem Großen einverstanden, der bei einem ähnlichen Gesuch äußerte:
„ein schlechtes Pferd ist dasjenige, welches an einer mit Hafer
gefüllten Krippe steht und nicht frißt!“ Wir wollen dem Leser die oben
angeführten Bemerkungen des jungen Spaniers ins Gedächtniß zurückrufen,
denn von den veruntreuten 11-12 Millionen Francs bleibt doch ohne
Zweifel ein großer Theil an den Händen der Douaniers kleben.
Wie sollte der Gouverneur und wie durfte er handeln, wenn er nicht die
ganze Maschine ins Stocken bringen wollte? Den Moyer zur Verantwortung
ziehen, hieß nichts anderes als das ganze Personal des Packhofs in
Anklage-Zustand versetzen, und was dann? Wo Leute hernehmen zum Betrieb
des Packhofs-Geschäfts. Ich zweifle nicht, daß der Gouverneur, dem die
ganze Regierung in Cuba obliegt, dem von Madrid aus die strengsten
Instructionen zur Abschaffung von Mißbräuchen ertheilt worden sind,
nach Lesung jenes Berichts den Nutzen für die Regierung daraus gezogen
hat und gewiß sehr bald etwas thun wird. Dies darf ich wohl aus seinem
Benehmen folgern. Nachdem er nämlich einen schriftlichen Aufsatz über
Vereinfachung und Verbesserung der Douanen von mir verlangt und ich
seinen Wunsch erfüllt hatte, fand dieser Aufsatz in seinem Hute Platz,
wohin, wie mir gesagt wurde, alle schriftlichen Eingaben kommen, welche
seine besondere Aufmerksamkeit rege machen.
Eilf bis zwölf Millionen, sagte der junge Spanier, werden jährlich
veruntreut. Sehr viel! Unglaublich! dürfte mancher Leser denken.
Wogegen ich behaupte: nicht viel! wenn man hiermit die Diebereien
vergleicht, welche sich die dortigen Commissionaire gegen ihre
europäischen Handelsverbündeten erlauben. Zur nähern Beleuchtung
dieser Behauptung will ich die Mantelstoffe zum Thema nehmen und klar
beweisen, wie viel die beiden Commissionaire Moyer und Dakin dabei
geschluckt haben.