Ueber das Treiben im englischen und amerikanischen Handel. S. 174

Fest der Gründung der Unabhängigkeit. -- Parade und Festzug. --

Amerikanische Bankgebäude. -- Englands Lage in der merkantilischen

Welt. -- Ursachen, warum England für reich gehalten wird. --

Entstehung der Banken in England. -- Englands Welthandel. -- Ein

Tagelöhner als Theilnehmer am Welthandel durch Hülfe der Banken.

-- Zustand des Waarengeschäfts in New-York. -- Ueber Amerika’s

Handelsbilanz. -- Tabelle über Ein- und Ausfuhr und Revenuen.

-- Wozu werden diese verwendet? -- Arbeit des Congresses in

dieser Hinsicht. -- Rußland und Preußens Verfahren als Vergleiche

hierbei. -- Rußlands Fabriken. -- Der Zollverband, und Preußens

Cassen-Anweisungen. -- Czar Wassilrewitsch, Peter der Große, und

der Kaiserin Catharine Verfahren beim Bankwesen. -- Was sind

amerikanische Banken?

Oertlichkeiten von New-York, Volkscharakter, Abreise und Ankunft in

Hamburg. S. 203

Besuch des Criminal-Gerichtshofs. -- Der Uhrenhändler. -- Die

Lage der deutschen Auswanderer -- deren Commissionair Wolff. --

Nothwendigkeit des Praktischen in Amerika. -- Das Praktische im

Müßiggange. -- Spazierfahrt nach Staten-Island. -- Der sanfte

Polizeibeamte. -- Die Loafer. -- Der Prediger Försch. -- Die

Bierkneipe Shadow. -- Der Castle-Garden. -- Die Badeanstalt. --

Theaterbesuch. -- Ueber die Fortschritte der Seiltänzerkunst.

-- Vergnügen in New-York. -- Anzahl und Macht der Journale. --

Charakter der Amerikaner. -- Ueber die Geldbegierde derselben. --

Nothwendigkeit einer Unterscheidung der verschiedenen Nationen.

-- Licht und Schatten des Reisens in Amerika. -- Besuch des

Redakteurs. -- The Morning Herald. -- Sonderbarer Irrthum in Bezug

auf des Verfassers Person. -- Festliche Abreise auf der Brittish

Queen. -- Herrliche Einrichtung und Bewirthung. -- Beschwerlichkeit

der Zoll-Revision in London. -- Reise nach Hamburg auf der

Caledonia. -- Ankunft daselbst. -- Ueber die Dampfschifffahrt

zwischen London und Hamburg. -- Hannover zum Zollverbande.

Einleitung.

Reisen ist, wie Viele sagen, eine angenehme Sache, weshalb sehr Viele

darnach streben. Was man gern thut, dazu findet man denn auch bald

Gründe. Demnach wird sich der Leser auch nicht wundern, wenn der

Entschluß, eine Reise nach den Vereinigten Staaten und West-Indien

zu unternehmen, mir eben keine große Mühe kostete. Ich hatte zwar

keinen Spleen zu vertreiben, wie die Engländer, wenn sie auf Reisen

gehen; auch waren es gerade nicht Geschäfts-Angelegenheiten, die meine

Anwesenheit dort nothwendig machten; und noch weniger verdiene ich

es, zu den unruhigen Köpfen gezählt zu werden, denen überall die Welt

zu enge ist. Indeß das kaufmännische Geschäftsleben hat ohne Ausnahme

etwas Einförmiges, und langweilet am Ende. Waarenhändler (wozu ich

nun leider bestimmt war) entdecken jene Mängel weit geschwinder, als

Banquiers, Fabrikanten etc. etc. Wie! dachte ich eines Abends, als ich

mich in meiner wohleingerichteten Wohnung in mein sehr comfortables

Bett niederlegte, sollst du hier sauer werden? Kannst du nicht auf

Reisen das Leben besser genießen? Nicht auch dich besser belehren,

und Andern nützlicher seyn, als wenn du hier den alten Schlendrian

immer von Neuem durcharbeitest? Mußt du denn stehen bleiben auf der

Stelle, wohin der Zufall dich geworfen hat? -- -- Diese und andere

Gedanken, die mich oft aufgeregt hatten, gingen mir jetzt so sehr im

Kopfe herum, daß ich noch vor dem Einschlafen den Entschluß faßte,

baldmöglichst nach dem neuen Welttheil abzureisen.

Mit demselben Gedanken erwachte ich den andern Morgen, und sogleich

hätte ich in den Wagen springen mögen. Ich gratulirte mir selbst zu

meinem glücklichen Entschluß, und um mir alle Bedenklichkeiten und

Rückwege abzuschneiden, theilte ich sofort mehreren Bekannten meinen

Entschluß als unumstößlich mit. Nachdem ich mich auf diese Weise selbst

gebunden hatte, fühlte ich mich leichter, und heiterer, und eilte

jetzt mit raschen Schritten zur Beendigung meiner Angelegenheiten in

Berlin. Es währte gar nicht lange und ich saß in der Schnellpost, bot

der Königsstraße, der Schloßfreiheit, Berlin und Charlottenburg ein

fröhliches Lebewohl, und näherte mich meinem guten altbefreundeten

Hamburg. Meine zahlreichen Freunde daselbst wunderten sich nicht wenig,

als sie meinen festen Entschluß vernahmen, und meinten, sie würden mich

wohl in einigen Monaten von London zurückkommen sehen. Ungefähr acht

Tage blieb ich bei denselben, und fand die alten bekannten Müßiggänger

(deren Anzahl hier nicht geringer als in Berlin ist) noch in ihrer

alten Arbeit (die Zeit todtschlagen) begriffen, d. h. in Hamburg vom

Frühstück bis zum Mittagsessen in den Pavillons, vom Mittagsessen bis

zum Theater in den Pavillons, und nach dem Theater bis um Mitternacht

in den Pavillons zubringen. Nachdem ich sie hinlänglich angestaunt, und

mich über ihre Virtuosität im Müßiggang mehr als jemals zuvor gewundert

hatte, befiel mich dennoch die Furcht, davon angesteckt zu werden, und

beschloß daher, zur Vermeidung dieser Krankheit, mich dem ersten besten

Dampfschiff zur Ueberfahrt nach England zu übergeben.

Durch Güte der hamburger Bootsknechte, und unter Mitwirkung einer

hinreichenden Anzahl holsteinischer Zweidrittelstücke (Gulden) befand

ich mich bald in der Cajüte des Huller-Dampfschiffs +Rob-Roy+, ein

„höchst bequemes, elegantes, auch überaus rasches Schiff,“ wie die

Huller Times meint. Allein mir kommt es so vor, als sei der Redacteur

dieses Blattes sehr oft verhältnißmäßig rascher in seinen Urtheilen,

wie jenes Dampfschiff auf seinen Fahrten, denn es bewegte sich so

langsam fort, daß ich über alle Erwartung spät, und in England viel

zu spät ankam, um meine Reise, wie ich berechnet hatte, in der Great

Western nach New-York fortsetzen zu können. Sollten die Maschinen

vielleicht irrthümlicher Weise den Herrn Redacteur der Times im Schiff

vermuthet haben, und, um demselben Zeit zum Nachdenken zu geben, in

mäßiger Bewegung geblieben sein? In diesem Falle wäre es für die

Passagiere höchst wünschenswerth, daß der Herr Redacteur die Maschinen

jenes Schiffs kaufen und sie in seinem Arbeitszimmer aufstellen möchte.

-- Mir blieb jetzt nichts Anderes übrig, als mit einem noch weit

langsameren Dampfschiff von Hull nach London zu reisen, um von dort

meine Reise in einem Paquetboot fortzusetzen.

Die Reise nach London bot wenig Bemerkenswerthes dar, die Gesellschaft

-- inclusive der vielen Schafe die von Hull nach London zur

Schlachtbank geführt wurden, -- bot auch keinen Stoff zur Unterhaltung

dar, und ich behielt Zeit, über die Ausführung meines Reisezweckes

nachzudenken, welcher hauptsächlich darauf hinausging, mich der

europäischen merkantilischen Welt durch mein Wirken in der neuen Welt

eben so nützlich zu machen, als ich, meinen geringen Kräften nach,

durch Anordnung beim Expediren ausländischer Waaren an ausländische

Kaufleute auf den Meßplätzen für die deutschen Zollverband-Staaten

geworden war. Die Zeit verstrich rasch; bald sah ich Londons Zollhaus

vor mir, und bald darauf fand ich mich in London wegen der Fortsetzung

meiner Reise beschäftigt.

„Für 43 L. Sterl.“ sagte Jemand, „können Sie auf dem Königlichen

Post-Paquet die Ueberfahrt nach Havanna mitmachen, wobei Sie jedoch

für Bett und Proviant selbst sorgen müssen.“ Für die Planke erschien

mir der Preis zu hoch; ich ging deshalb nach den West-Indischen

Docks, woselbst ich das Paquetschiff +Quebeck+ segelfertig antraf.

Der dienstfertige Capitain forderte 36 L. 15 Sh. inclusive der

Lebensmittel, und gab mir nur eine Stunde Bedenkzeit, wenn ich das

letzte vorräthige Bett haben wollte. Sofort schloß ich den Handel,

und zahlte 16 L. Sterl. à Conto. Die Abreise erfolgte zur bestimmten

Stunde, und ein Dampfschiff stand bereit, unser Schiff in’s Schlepptau

zu nehmen und es nach Gravesand hinüber zu bringen. Das Wetter war

ausgezeichnet schön, was nicht wenig dazu beitrug, mich zu erheitern,

denn meine Gemüthsstimmung war durch Verhältnisse, die ich bald an

einem andern Ort zu erzählen Gelegenheit haben werde, fürchterlich,

jedoch, wie schon bemerkt, keineswegs durch den Spleen. Außer der

Cajüten-Gesellschaft waren noch etwa 130 bis 150 Auswanderer meine

Reisegefährten. Um den vom Capitain mir zugetheilten Schlaf-Cameraden

kennen zu lernen, ging ich jetzt die steile Cajüten-Treppe hinunter.

Wie erstaunte ich, als ich das bedungene Bett anderweitig vermiethet,

und mich in ein weit kleineres Gemach, nahe der Treppe, verwiesen fand.

Der mir zugetheilte Schlaf-Camerad war ein schmutziger Schottländer,

der auf eine nicht sehr ergötzliche Weise ein Falset und durch die Nase

sprach; er hatte schon acht Tage vor der Abreise am Bord logirt, und

das bessere Bett eingenommen. Ich wollte mich beim Capitain beschweren,

allein -- er war in London, und mir blieb daher nichts übrig, als den

Schottländer im Diskant als meinen Schlaf-Cameraden aufzunehmen. Er war

in jeder Hinsicht schmutzig, ja der schmutzigste aller Schmutzigen,

welche ich auf meinen vielen Reisen kennen gelernt habe.

Bis nach Gravesand begleiteten uns viele Spekulanten mit Proviant

allerlei Art; sie fanden, wie es mir schien, ihre Rechnung, indem sie

Vieles an die Auswanderer absetzten. Von Gravesand kamen wir nach

einer Fahrt von drei Tagen vor Portsmouth an. Der Capitain, der sich

einfand, lud sämmtliche Passagiere ein, mit ihm Portsmouth zu besuchen,

da wir vor unserer Abfahrt erst bessern Wind abwarten müßten. Nur eine

Dame verließ das Schiff, eine Dame, die aus keinem andern Grunde nach

Portsmouth mitgereist war, als um durch eine Seekrankheit -- der Leser

rathe -- ihre Schönheit zu restauriren. O Schönheit! Welche Macht übt

nur der Gedanke an dich über das schöne Geschlecht aus! Wenn dieses

seltsame Schönheitsmittel die erwartete Wirkung nicht verfehlt, so kann

die Dame Londons Venus geworden sein, und es dürfte in Folge dessen

vielleicht sehr bald an Schiffen für Geschäftsreisende fehlen, denn sie

bekam in der That von der Seekrankheit eine gute Dosis, und befand sich

während der ganzen Reise in einem beklagenswerthen Zustande.

Schon warten wir bereits vier Tage auf bessern Wind; der Capitain

versorgt sein Schiff mit Proviant jeder Art. Unter und mit den

vielen Schafen, die derselbe an Bord schickte, erschien auch ein --

Constabler, mit dem Auftrage, eine aus London entflohene Ehegattin,

welche aus des Gemahls Geldkiste 40 L. Sterl. mitgenommen hatte, in

dessen Arme zurückzuführen. Der Capitain stellte es dem Polizeidiener

frei, jeden der Passagiere nach Belieben zu arretiren. Eine herrliche

Finanz-Operation für den Paquetboots-Verein, indem die Passagiere sammt

und sonders ihre Passage bezahlt hatten. Der Beamte kann die gesuchte

Person, ungeachtet er von derselben bis zum Kutter begleitet wird,

nicht vorfinden; sie sagt ihm ein herzliches Lebewohl und vielleicht

noch im Stillen mit Don Juan: „Sagen Sie Ihrer Behörde, daß sie in

Zukunft nicht solchen Esel schicke.“

Noch ein kleines Abenteuer will ich erzählen, um den Lesern, die in

einen ähnlichen Fall kommen, Vorsicht zu empfehlen. Es war bereits der

zehnte Tag, daß wir London verlassen hatten; meine Geduld war bald

erschöpft, ich nahm daher jetzt die Einladung des Capitains an, mit ihm

und noch einigen anderen Passagieren nach Portsmouth zu fahren. Ich

kaufte daselbst mehreres ein, da ich aber Portsmouth langweilig finde,

und in keinem von allen Wirthshäusern ein Bett für mich finden kann, so

beschließe ich, auf das Schiff, welches etwa vier Seemeilen entfernt

lag, zurückzukehren. Es ist sehr finster, das Meer tobt, und bald bin

ich von den Wellen durchnäßt.

Wir fahren in der Dunkelheit immer fort, können jedoch das Schiff

nicht finden; über eine Stunde müssen die braven Bootsleute suchen,

ehe wir es finden. Und nun wieder eine neue Verlegenheit! Das kleine

Boot wird dermaßen von den Wellen geworfen, daß mir das Erklimmen der

Strickleiter unmöglich wird. Wir rufen, wir schreien um Beistand,

Niemand hört uns. Erst nach einer großen gemeinschaftlichen Anstrengung

gelang es mir, hinauf zu kommen. Die Passagiere waren nicht wenig

überrascht, als sie mich in dieser Dunkelheit ankommen sahen. Der

mitreisende Dr. +Morgan+ besonders machte mich auf die bei dieser Fahrt

stattgefundene dreifache Gefahr aufmerksam, der ich mich ausgesetzt

hatte: 1. Bei diesen tobenden Wellen in einem kleinen Boot zu fahren;

2. hinsichtlich der Mordlust von Seiten der Bootsknechte, welche

schon, um zehn Schilling Sterling zu erbeuten, Reisende ins Meer

gestürzt haben; 3. die Gefahr beim Ersteigen des Schiffs. Ich dankte

nach dieser Auseinandersetzung meinem Schöpfer im Stillen, der Gefahr

entwischt zu sein, kleidete mich um, und ließ mir vom Steward ein Glas

heißen Punsch zubereiten, ein bei solchen Gelegenheiten willkommener

nützlicher Freund.

Am folgenden Morgen, nachdem wir noch mehreres frisches Wasser

eingenommen hatten, gingen wir unter Segel. Jetzt nun, da wir

endlich mit günstigem Winde auf dem Meere sind, wird es Zeit sein,

die Reisegesellschaft etwas näher zu betrachten. Wenn ich sage, daß

sämmtliche Mitreisende, mit Ausnahme eines Italieners, Engländer waren,

so werden die geehrten Leser schon den Mangel an Unterhaltungs-Stoff

begreiflich finden.

Die Krone der Gesellschaft war der Director des National-Theaters in

New-York, der eben mit neuangeworbenen Subjekten (zu welchen auch

der Italiener gehörte) zurückkehrte. Es war ein sehr unterrichteter

Mann und höchst angenehmer Gesellschafter -- jedoch nur dann, wenn er

nicht an sein Unternehmen dachte. Er klagte sehr häufig über unruhige

Nächte, und zeigte mir sogar eines Morgens eine Masse von Contracten,

die er mit den engagirten Mitgliedern abgeschlossen hatte, mit den

Worten: „solcher Packen kann wohl zu unruhigen Nächten beitragen.“

Seine beiden Söhne (die er bei sich hatte) waren so eben aus der

Schule entlassen worden; der älteste, obgleich ohne Stimme, zeigte

viel Neigung für Gesang, und suchte mit einem verstimmten Instrumente

die Mängel seiner eigenen Stimme zu bemänteln; er gefiel daher sich

selbst weit mehr, wie den mitreisenden Frauen. Beide, der ältere und

der jüngere Sohn, waren Günstlinge eines jungen Mädchens, der Tochter

eines Malers. In pecuniärer Beziehung wurde von den Schauspielern

und den übrigen ein Zucker-Fabrikant verehrt, der früher in Amerika

gewohnt hatte, jenes Land aber vor etwa 30 Jahren, um der Strafe

wegen einer begangenen Schmuggelei zu entgehen, bei Nacht und Nebel

verlassen mußte. Sein in Amerika wohnender Sohn hatte Gnade für ihn

ausgewirkt, und er kehrte jetzt mit seinem Hab und Gut zurück; auch

hatte er mehrere deutsche Arbeiter, denen er in der Fabrik Arbeit zu

geben versprach, auf ihre eigenen Kosten zum Mitreisen bewogen. Dieser

Mann dünkte sich ein Krösus zu sein, wofür ich ihn jedoch, auch in

Hinsicht seines Verstandes, nicht passiren lassen konnte. Um sich bei

der Gesellschaft in Respect zu setzen, mußte der Thee oder Caffee in

aller Frühe für ihn in seinem silbernen Geräthe aufgetragen werden,

und er lud auch wohl den einen oder andern aus der Gesellschaft zum

Frühstück ein, welches die großen Kosten für ihn verursachte, daß die

Getränke aus +seinen+ silbernen Geschirren, jedoch in die dem Schiff

Quebeck zugehörigen Tassen, auf Unkosten des Capitains -- flossen. Er

war angewiesen, seinen eigenen Wein zu trinken und hatte eine Sorte

Teneriffa-Wein, dem Grüneberger an Säure gleich. Unter dem Namen

weißer Madeira offerirte er hin und wieder ein Glas einem aus der

Gesellschaft. Auch mir wurde diese Ehre zu Theil, und als er mein

Urtheil über die Qualität forderte, worauf ich freimüthig erwiederte,

daß ich diesen nicht für die beste Sorte von Teneriffa-Weinen halte,

so soll er, wie der Director mir erzählte, mich für wahnsinnig erklärt

haben. Einer von seinen Arbeitern mußte als Aufwärter für die besten

Bissen aus den Schüsseln sorgen. Fiel diese Auswahl nicht aus, wie

der Herr Zucker-Fabrikant es erwartet hatte, so war der Aufwärter

angewiesen, die Schüssel dem Vorschneider wegzunehmen, und sie seinem

Herrn vorzusetzen.

Der bereits erwähnte Maler war zu der Zeit der Krönung der Königin

nach London gereist, um ein treffendes Bild derselben für Amerika zu

gewinnen, und hatte, wie er behauptete, seinen Zweck über Erwarten

erreicht. Die Königin, versicherte er, habe die Gnade gehabt, seiner

Tochter den Purpur zum Anlegen herzugeben. Die Königin sei stets

zugegen gewesen, um die sitzende Tochter auf ihre (der Königin)

eigenthümlichen Attitüden aufmerksam zu machen -- wodurch er denn

das korrekteste Bild zu erzeugen im Stande war. Der Herr Maler leerte

übrigens, wie alle Genies und Künstler, sein Gläschen, so oft er es

gefüllt vor sich stehen sah; daß es unter diesen Umständen wenig volle

Flaschen gab, ist leicht zu ermessen.

Der Italiener B... war seit dem Jahre 1811 erster Buffo bei der

italienischen Oper in London gewesen, er verläßt die alte Welt aus

Verzweiflung, weil sein Talent durch +Lablache+ in Schatten gestellt

war. „Meine Superiorität“ sprach er „ist anerkannt; durch Madame

+Catalani+ anerkannt; sagte doch die große Sängerin im Jahre 1816

zu mir: Herr B... Sie sind der erste Figaro, und werden es stets

sein!“ Seiner Ungestalt ungeachtet, (denn seine Figur war die eines

Schlächters, oder Brauerknechts) wollte er, dem Ausspruch jener

gefeierten Künstlerin zufolge, ein niedlicher Figaro sein. In allem

dünkte er sich vollkommen: wenn er Whist spielte und, seines schlechten

Spiels wegen, verlor, so offerirte er seinen Gegnern eine Parthie

um eine sehr hohe Summe, und triumphirte, wenn es nicht acceptirt

wurde, mit den Worten: „Sie fürchten mich, weil sie meine Superiorität

kennen.“ Standen mehrere des Abends in Mäntel gehüllt auf dem Verdeck,

so warf er auch rasch den seinigen über, stellte sich jenen gegenüber,

und sagte leise zu mir: „Nun sehen Sie meine Stellung im Mantel, im

Vergleich zu den gegenüberstehenden Philistern!“ Die See fürchtete

er dermaßen, daß er jede Nacht auf dem Verdeck zubrachte, um bei

entstehender Gefahr der Erste im Rettungsboot sein zu können. Sehr

spaßhaft war er in den Morgenstunden gekleidet. Man denke sich eine

ungeheure Figur in einem sehr langen und weiten, vielfarbig-türkischen

Schlafrock, durch einen sehr breiten Gürtel am Unterleibe befestiget;

ferner drei von den grellfarbigsten seidenen Tüchern, nachlässig als

Halsbinden mit den langen Zipfeln auf der Brust hängend, den Kopf

mit einem schwarz-seidenen Baret bedeckt; ferner an jedem seiner

dicken Finger zwei oder drei Ringe von Edelstein, Granaten etc.,

deren Glanz jedoch durch den Glanz des Fetts, welches gewöhnlich an

seinen Fingern klebte, sehr verdunkelt wurde. Er bediente sich nie des

Messers und der Gabel, und da es keine Servietten gab, so folgte er dem

Beispiel der Bären und säuberte seine Finger im Munde. Es war nichts

Seltenes, daß er sich eine ovale Schüssel mit 8 bis 10 Cotelettes

vorsetzen ließ, und zum Frühstück allein verzehrte. Nach beendigtem

Frühstück ging er sogleich zu Bett. Im Trinken dagegen suchte mein

Schlaf-Camerad, der schmutzige Schottländer, alles Mögliche zu leisten,

wahrscheinlich, weil er früher in den Vereinigten Staaten, woselbst er

ein Detail-Geschäft führte, hierin nicht viel gethan haben mochte. Da

der Wein im Passagiergelde mit einbegriffen ist, so war er zu jeder

Tageszeit zum Trinken bereit, und schien, wo möglich, für einige Jahre

voraus trinken zu wollen.

Ein ähnliches Subjekt, wie jener Schottländer, war ein Mützenhändler,

der mit einem Lager seiner Waaren nach Canada eilte; weil die Bewohner

jener Kolonie sich auf die Köpfe stellten, glaubte er, ein bedeutendes

Geschäft dort machen zu können; wenn er indeß im Handel eben so dumm

war, als in der Conversation, so dürfte er wohl ohne Mützen, aber auch

ohne Schuhe nach Europa zurückkehren.

Ein junger Amerikaner, Sohn eines Gutsbesitzers, kehrte von seinen

Reisen in Europa zurück. Er hatte, wie er versicherte, in Zeit von

drei Monaten einen großen Theil Frankreichs, die Niederlande und den

Rhein bereist; er brachte als Documente dafür Französische Handschuhe,

Brüsseler Kanten und ein Faß Laubenheimer mit, und schlief fast den

ganzen Tag auf seinen Lorbeeren.

Ein für das National-Theater engagirter Violinspieler reiste mit

seiner unpäßlichen, starken brannt- und portweinsüchtigen Frau und

einem allerliebsten muntern Knaben, der sich so an mich attachirt

hatte, daß er fast nicht von meiner Seite kam. -- Ein Staatsbeamter

aus Canada kehrte mit Depeschen für +Lord Durham+ zurück. Mit Ausnahme

der recht liebenswürdigen Tochter des Malers, bestand das weibliche

Personal aus Frauen von Schiffs-Capitainen, die, in jüngern Jahren von

England entführt, jetzt nach 20 Jahren einmal ihre Verwandten besucht

hatten; der Zahn der Zeit, welcher Alles erreicht, hatte auch an ihnen

bedeutend genagt.

Von dem Dr. und dessen Bruder, einem Schiffs-Capitain, ist nicht

viel zu sagen, als daß der Letztere von seinem heftigen Wein- und

Branntwein-Durst nur dadurch geheilt werden konnte, daß unser

Schiffs-Capitain Geld dafür forderte. Dieser selbst war ein nicht sehr

gebildeter, aber erträglicher Mensch, äußerst lustig, so daß es oft

Scenen gab, und so lachlustig, daß er wohl dreißigmal lachte, ehe er

+einmal+ sprach.

Dieses waren die Häupter und Matadore unserer Gesellschaft, die ich dem

geneigten, nicht auf der See gereisten Leser nur darum so ausführlich

beschrieben habe, damit er wisse, was er auf einem Schiffe zu erwarten

habe. Wer gern a son aise, und comfortable lebt, muß an keine Seereise

denken. Hiervon sind freilich die Dampfschiffe Brittish Queen und

Great Western ausgenommen, allein hier ist die Feuersgefahr, welche

durch das beständige Heizen, und die dadurch verursachte Gluth in

den Schornsteinen entstehet, für jeden Beobachter abschreckend, und

realisirt sich weit häufiger, als das Zerspringen des Kessels oder

andere Unglücksfälle auf der See.

Die Unterhaltung war, wie man sich leicht denken kann, sehr

mittelmäßig. Das Haupt-Thema der Unterhaltung war, wie immer,

die Vorzüge, der Reichthum, das Vielwissen der Engländer. Nur der

Schauspiel-Director und ich banden wohl miteinander an, und da setzte

es von beiden Seiten Hiebe; ohne ihn und den Staatsbeamten aus Canada

wäre mir die Reise noch viel langweiliger gewesen. Der Wind war uns

ganz entgegen, so daß wir mehrere hundert Meilen außer den Cours

geriethen, und näher bei New-Foundland ankamen, als bei New-York. Wir

erreichten jetzt die Bank, etwa 1100 Seemeilen von New-York.

Da die Vorräthe unsres Proviants sich ihrem Ende näherten, und die

Portionen kleiner wurden, so war es uns sehr erwünscht, daß wir

auf eine von den vielen hier stationirten Fischer-Briggs trafen,

von welcher unser Capitain sechzig sehr große Fische für 2½ Dollar

erhandelte. Nach der Erzählung der Schiffer, die sie abholten,

hatte jene Brigg in einer Zeit von 6 Wochen, von New-York hierher

segelnd, gegen 10,000 von den großen Fischen gefangen. Uebrigens

hatte ich wenig Genuß von diesem Einkauf, da ich durch folgendes

unglückliche Ereigniß auf das Krankenlager geworfen wurde. Der kleine,

liebe Knabe des Musikers, den ich auf seinen dringenden Wunsch auf

das Bett im Rauchzimmer gebracht hatte, war dort eingeschlafen;

denn die portweinkranke Mutter desselben bat mich, ihr Söhnchen

herabzutragen, da sie selbst nicht dazu im Stande sei. Nun sind

aber diese Cajüten-Treppen äußerst steil, und schon im trockenen

Zustande zum Herabsteigen gefährlich; jetzt war sie durch den Nebel

noch schlüpfriger geworden; mit Einem Worte, ich stürzte trotz aller

Vorsicht die Treppe hinunter, wendete mich aber im Fallen so, daß der

Knabe keinen Schaden litt, ich selbst hatte eine Rippe gebrochen. --

Der Dr. +Morgan+ wollte mich mit einem Glas heißen Brandy und Water

kuriren, welches ich nicht annahm; ich ersuchte ihn öfters und

dringend, mir zur Ader zu lassen, welches er seinerseits abschlug. Man

denke sich meinen Zustand! Der Steward hatte, um einem Anderen gefällig

zu sein, mein Kopfkissen, und eine meiner Matratzen jenem überliefert

und ich mußte nun, einem Sträfling gleich, auf Latten liegen, was der

gebrochenen Rippe nicht besonders behagte. Die Schmerzen wurden immer

heftiger; -- der schmutzige Schottländer schlief ruhig unter mir auf

seinem guten Bette. Erst beim Frühstück kam meine Lage zur Sprache;

der Arzt überzeugte sich jetzt von meinem bedenklichen Zustande, er

berathschlagte mit den Andern, und es wurde beschlossen, daß der Diener

des Zucker-Fabrikanten sein Zimmer, das er für sich allein hatte, für

mich räumen, und dafür mein Bett nehmen sollte -- welcher Beschluß dann

am Abend endlich durchgesetzt wurde.

Liegen konnte und durfte ich nicht, es wurden daher alle Reisebeutel

zu einer -- freilich harten -- Rückenlehne angewendet, an welche ich,

da das Schiff auf längere Zeit auf eine ungestüme Weise von den Wellen

geworfen wurde, fortdauernd sehr aufrecht anstieß. Mein Zustand wurde

immer schlimmer; Fieber, Kopfweh, und Husten, mit dem stärksten Auswurf

begleitet, nahmen stündlich zu. Die sonderbarste Theilnahme hierbei

zeigte der Mützenhändler, um Abbitte zu thun, wegen einer ungerechten

Behauptung, er wolle das Wissen und Vermögen aller Deutschen in den

zwei Taschen seiner Pantalons forttragen; er verlangte, daß ich ihm

die Hand reiche und zugleich verspreche, ich wolle keinen Haß gegen

ihn mit ins Grab nehmen -- was ich denn auch that und ihn beruhigte.

-- Der kleine Knabe saß fast immer bei mir, und erkundigte sich stets

nach meinem Befinden. -- Das Krankenlager ist freilich unter allen

Umständen eine -- unangenehme Gegend, wie der Berliner Trinkkünstler,

Herr +Drucker+, sagt; doppelt und zehnfach wird es dies, wenn der

Schlaf, der doch sonst von Zeit zu Zeit die Schmerzen etwas weniger

fühlbar macht, durch Sing- und Musik-Proben ganz verscheucht wird, wie

es hier der Fall war, so daß ich mich keine Viertelstunde der Ruhe

erfreuen durfte.

Am neunten Tage trat für meine Krankheit eine glückliche Krisis durch

einen heftigen Schweiß ein. Am folgenden Tage kamen wir bei New-York

an; ein Dampfschiff hörte ich, soll von der Stadt kommen, um die

Passagiere abzuholen. Welch einen erfreulichen Eindruck dies auf mich

machte, vermag ich nicht zu beschreiben. Ich hörte das Hinauf- und auch

Hinabsteigen der Passagiere (indem die Treppe über meinem Lager sich

befand) sehr deutlich, und jetzt auf einmal einen Fall und allgemeines

Wehklagen. Mit großer Mühe erhob ich mich von meinem Lager, und siehe

da! der jüngste Sohn des Schauspiel-Directors war es, dem ein ähnliches

Schicksal, wie mich, getroffen zu haben schien. Der Vater raufte sich

die Haare, die Frauen wurden ohnmächtig; der Gefallene indessen trank

aufs zierlichste ein Glas Brandy mit Wasser aus. Unterdessen war das

Dampfschiff herangekommen und bald -- waren die Meisten fort. Der Knabe

befand sich noch an demselben Abend wieder gesund.

Das Schiff Quebeck wurde nach der Abfahrt des Capitains wie gewöhnlich

von Lootsen geführt und zwar glücklicher Weise mit großer Vorsicht;

fast alle anderen Schiffe wurden in jener Nacht entmastet, und gegen

30 große Schiffe fanden wir am folgenden Morgen auf den Strand

getrieben. Der Capitain, der um Mittag mit einem Steuer-Beamten zur

Revision unserer Effecten auf einem Dampfschiffe ankam, erzählte, daß

er die letzte Nacht in den größten Sorgen, fast schlaflos zugebracht

habe. Ehe wir nach New-York abfahren, muß ich noch die Revision durch

den Quarantaine-Arzt erwähnen, die auf folgende Weise geschieht.

Sämmtliche Personen auf einem Haufen versammelt, werden mit einer

Barriere von Tauen umgeben; einzeln werden sie jetzt von dem Doctor und

seinem Gehülfen aus dem Haufen gelassen, der Arzt sieht jeden genau an,

und im Fall, daß Jemand den Kopf hängen läßt, wird kommandirt: Kopf

in die Höhe! Und eben so muß Jeder die Stirn beim Gehülfen passiren.

Die Quarantaine-Anstalt ist in den V. S. ganz vortrefflich, aber

freilich für das Land von großer Bedeutung. Der Steuerbeamte revidirte

alle Gegenstände mit großer Loyalität und fand nichts Verdächtiges,

als einige blecherne Kochgeschirre bei dem schmutzigen Schottländer,

worüber man sich jedoch verständigte.

New-York.

Das Wetter war herrlich, so schön, wie es in Deutschland nur im Monat

Juni sein mag. Nach Verlauf von etwa einer Stunde langten wir in

New-York an. Hier findet man nicht wie in England, oder Hamburg am

Ufer eine Menge dienstbarer Geister zum Fortschaffen der Sachen. Zwar

standen mehrere einspännige Karren am Ufer des Stroms, aber Niemand

meldete sich; keiner von diesen freien Menschen will sich gern zum

Diener hergeben, sie wollen besonders aufgefordert sein zu einer

Dienstleistung.

Auf Anrathen einer der Frauen der Schiffs-Capitaine kehrte ich in

Beverley-House (broadway) ein; ein Zimmer konnte mir vorläufig nicht

angewiesen werden, weil alle besetzt waren. Das Erste, was mir

auffiel, war das Signal zum Mittagsessen, welches auf einer rauhen

Metall-Platte mit einem solchen Getöse gegeben wurde, daß alle meine

Nerven erzitterten. Bald war auch denn auf dem Hausflur ein Publicum

versammelt, welches man für eine Börsenversammlung hätte ansehen

können. Die Speise-Charte war brillant, obgleich nicht für mich, denn

etwas Suppe war Alles, was ich genießen konnte, wofür jedoch der

Wirth 1½ Piaster einstrich. (Ein Piaster beträgt in unserm Gelde 43

Silbergroschen.) Sogleich nach Tische suchte ich meinen Correspondenten

Herrn P... auf, der bereits ein Zimmer für mich gemiethet hatte, und

der auch so gefällig war, mir bald einen Arzt zuzuschicken. Dieser

Arzt, ein Deutscher, ein theilnehmender junger Mann, fand mich, was ich

freilich selbst am besten fühlte, ernsthaft krank. Ein Aderlaß gleich

nach dem Fall, behauptete er, würde von den meisten Leiden mich befreit

haben. Jetzt aber nahm Husten und Auswurf mit jedem Tage zu, so daß ich

die Gestalt einer Mumie bekam, und mit jedem Tage meinem Grabe näher

zu rücken schien. Ich gebrauchte Medicamente auf Medicamente, ohne

sonderliche Besserung. Ein sehr warmes Bad, welches ich eines Tages auf

mein eigenes Risico nahm, that mir wesentliche Dienste, ich wurde durch

fortgesetztes Baden mit jedem Tage besser, konnte jedoch den Husten

nicht los werden. „Sie müssen das Klima verändern“ sagte zuletzt der

Arzt zu mir, „sonst fürchte ich das Schlimmste für Sie; in Havana, das

glauben Sie mir, werden Sie bald von Ihrem Uebel befreit sein.“ Gern

hätte ich seinen Rath sogleich befolgt, allein das Wetter und andere

zufällige Umstände verzögerten die Abreise. Mit regem Geist sah ich

meine gewohnte Thätigkeit gefesselt, indessen war mir mein einsames

Zimmer doch tausend Mal lieber, als die Schiffs-Cajüte auf dem Quebeck,

wo ich zudem beständig die Lobpreisungen der Engländer von Engländern

anhören mußte. Ich hatte jetzt Zeit, meine Betrachtungen über diesen

Gegenstand zusammenzufassen, und das Resultat war folgendes:

Die Engländer sind das reichste Volk -- an Eigendünkel sowohl, wie an

Geld; sie halten sich wegen des letztern für das klügste, vornehmste,

erste Volk auf dem Erdball. Es ist wahr, sie sind im Technischen am

weitesten, aber warum? weil Frankreich und Deutschland, mit andern

Dingen beschäftigt, sich wenig um die praktische Technik bekümmert

haben. Lasset diese, wie es jetzt geschieht, auch allmählig hieran

Theil nehmen, und wir wollen sehen, wie lange sie die ersten bleiben.

Die von Napoleon den Engländern beigebrachte Wunde ist nach meiner

Ueberzeugung unheilbar. Wie sehr sie auch prahlen, so büßen sie doch

jeden Tag mehr von ihrem Handel ein; ihr Gewicht in der politischen,

so wie in der Fabrikwelt, wird immer geringer, und wird, wenn wir

30 - 40 Jahre Frieden behalten, immer mehr sinken, indem Preußen,

vermöge Dinte, Feder und Papier zerstörender für das englische Volk

gewirkt hat, als Napoleon mit allem Geschütz zu wirken vermochte.

Großbrittanien, und alle englischen Colonieen zusammengenommen erfreuen

sich einer nicht viel geringern Bevölkerung als die des großen

russischen Reichs; dieses bestehet aber durch sich selbst, in Hinsicht

auf Ackerbau, Fabrikation, und Handel; England aber will für sämmtliche

Bewohner der Welt (wovon dessen eigene Bevölkerung noch nicht den 1/50

Theil ausmacht) fabriciren und Handel treiben, obgleich die andern

Völker dazu doch meistens eben so fähig sind, welches die Engländer

nicht begreifen können. Ist das nicht absurd? Wird das nicht immer mehr

aufhören? England kann eben so wohl wie Rußland durch Ackerbau und

Fabrikation für sich bestehen. Man versetze Leute von den Spinn- und

Webestühlen an den Pflug und die Egge, damit für die enorme Anzahl des

englischen Volkes das allernöthigste Product, Korn -- in hinreichender

Menge erzeugt wird; und die Wunde, welche (wie jetzt Handel und Gewerbe

sich gestellt haben) unheilbar scheint, weniger fühlbar werde für die

Armen und Hungrigen in den vereinigten drei Königreichen. So gut wie

die vielen Joint Stock-Banks, und Banking Compagnieen zur Ausdehnung

des Fabrikgeschäfts in England dienten, in demselben Grad müssen sie

jetzt den Untergang vieler Fabriken (nachdem in allen Ländern fabricirt

wird) herbeiführen, wenn die Bank von England fortfahren sollte, jeden

von jenen Banken gerirten Wechsel für 3½ Procent Zinsen zu discontiren.

Denn die Fabrikanten fertigen, ohne die Consumtion zu berechnen,

ungeheure Massen von Waaren an, und die Amerikanischen Waarenhändler

kaufen sie mit demselben Leichtsinn, ohne zuvor über die Möglichkeit

des Absatzes nachzudenken. Die Bank von England mußte daher unbedingt

zu denselben Maßregeln schreiten, welche der Präsident der V. S., um

das Land gegen eine Ueberschwemmung von englischen Manufactur-Waaren

zu schützen, adoptirte, d. h. den Credit für Fabrikanten einschränken.

Für welches von beiden Ländern diese Maßregeln schädlicher sich zeigen

werden, davon wird später die Rede sein, wenn wir mehrere Thatsachen

genau kennen gelernt haben.

Von England nur will ich noch bemerken, daß seine Reßourcen, die

hauptsächlich in Fabriken und Maschinen liegen, immer mehr versiegen.

In den frühern Zeiten lieferte für England eine Tonne Kohlen, wenn sie

zur Fabrikation verbraucht wurde, einen Klumpen Goldes; es war daher

nicht fühlbar, wenn damals (wie jetzt) Bedürfnisse an Holz, Flachs,

Hanf, Wolle, Talg, Pottasche, Häute, Taback, Korn, Weine, Borsten,

Wachs, Oele, Lumpen etc. mit baarem Gelde bezahlt wurden, indem die

ausgegangenen Summen unbedingt wieder eingehen mußten. Allein jetzt, da

jedes Land mehr und mehr für seine Manufactur- und Fabrik-Bedürfnisse

selbst sorgt, England dagegen alle oben angeführten Artikel einführen

und baar bezahlen muß, jetzt muß wohl die Regierung, welche die ganze

Baarschaft der vereinigten Königreiche auf nicht mehr als höchstens

drei und zwanzig Millionen Pfund berechnen kann, dem Abfluß des baaren

Geldes aus dem Lande entgegenarbeiten, wenn die Nation nicht das

Schicksal aller früheren Handelsnationen -- d. h. baldigen Untergang

theilen soll. Daher ist die von der englischen Bank (Bank of England)

ergriffene Maßregel zu loben, der übermäßigen Fabrikation wird

hierdurch Einhalt gethan, und alle Fabrikanten in allen Ländern werden

sich bei dieser Maßregel besser befinden, weil der Waarenüberfluß

dadurch aufhören wird, und Verkäufe zu bessern Preisen gemacht werden

können.

Diese und andere Bemerkungen schrieb ich während der kalten und

nassen Tage nieder, da ich das Zimmer hüten mußte. Meine Abreise nach

Westindien wurde verzögert, indem das Schiff +Norma+, womit ich fahren

wollte, noch nicht geladen hatte. Während dieser Zeit hatte ich eine

Angelegenheit mit Amerikanischen Advokaten, die der Leser bei dieser

Gelegenheit genau kennen lernen wird. Ich suchte auf Empfehlung meines

Freundes P... einen Advokaten, Herrn J...... auf, damit er mir in den

Besitz von 180 L. St. verhelfen möchte, welche mir ein New-Yorker

Handlungshaus M.... und H..... bei einer Abrechnung gekürzt hatte.

Der Advokat findet nach Durchsicht meiner Papiere meine Forderung

rechtmäßig, lehnt es jedoch ab, etwas gegen diese Leute, deren Anwalt

er sei, zu unternehmen, verspricht dagegen, die Zahlung in Güte für

mich auszuwirken, und mir binnen zwei Tagen darüber zu berichten.

Indessen der Bericht erfolgt nicht, und ich muß mich nach einem andern

Advokaten umsehen. In den Zeitungen finde ich, daß ein gewisser

L.... bei einer Prozeßsache gegen eine Versicherungs-Gesellschaft

sich tüchtig und trefflich gezeigt hat; ich begebe mich sogleich

zu ihm. Der Doctor, dessen Aeusseres einen gewandten und denkenden

Rechtsgelehrten verrieth, gab mir sogleich nach meiner Eröffnung die

Papiere zurück, da er der Anwalt meiner Opponenten sei. Nachdem ich

meine Verwunderung bezeigt hatte, daß mich das Schicksal treffe, nur zu

Anwalten meiner Gegner zu kommen, und ihm das Ergebniß der Conferenz

mit dem Advokaten J...... mitgetheilt hatte, fand er sich bereit,

sich meiner Sache anzunehmen, nur mußte ich zuvor die Correspondenz,

und alle Documente, welche in deutscher Sprache geschrieben waren,

ins Englische übersetzen. Da meine physischen Kräfte zu dieser Arbeit

nicht hinreichten, so ersuchte ich meinen Arzt, mir einen jungen

Menschen zu recommandiren. Dieser war denn auch so gütig, mir einen

solchen zuzuschicken, der die Arbeit in kurzer Zeit beendete. Bei

dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß man in New-York mit Regenschirmen

sehr vorsichtig sein müsse, denn der junge Mann, dem ich den meinigen

ganz neuen von 1 L. St. -- Werth geborgt hatte, brachte mir denselben

nicht wieder, und als ich hierüber dem Arzt mein Befremden äußerte,

entgegnete derselbe: „Regenschirme haben in diesem Lande keine

Eigenthümer, jeder hilft sich mit diesem Artikel so gut wie er kann,

aus der Verlegenheit, Sie werden ihn ohne Zweifel nie wieder bekommen.“

Die Deutschen stehen hier in keiner Achtung, und so weit meine

Erfahrung reicht, glaube ich auch nicht, daß der größere Theil dieselbe

besonders verdiene; ich wenigstens bin von dreien, mit denen ich in

Berührung kam, betrogen worden. --

Noch muß ich der Artigkeit des Theater-Directors erwähnen, der

mich zum Mittags-Essen einlud und mir einen bequemen Sitz in der

Directions-Loge, auch bei außerordentlichen Vorstellungen, anbot --

was ich jedoch ablehnte.

Meine Gesundheit stellt sich allmählig wieder ein, ich kann an der

Gesellschaft im Hause Theil nehmen, fand mich aber bewogen, aus meinem

bisherigen Logis auszuziehen, da ich für vieles Geld erbärmlich und

ohne Bequemlichkeit logirte. Bald finde ich auch eine weit wohlfeilere

und comfortable Wohnung bei der Frau eines französischen Buchhändlers.

Hier finde ich eine Gesellschaft von 15 Personen, bestehend aus

Deutschen, Franzosen und Schweizern.

Beim Abziehen aus dem frühern Logis wurde ich noch recht tüchtig

geprellt, und konnte nicht einmal alle Stücke meiner Wäsche

zurückerhalten, diese Schuld war nur der Dienerschaft beizumessen,

welche in diesem Lande miserable ist. Die weiße Dienerschaft besteht

größtentheils aus Vagabonden die aus Europa herüber gekommen sind,

weshalb die meisten hier Ansässigen sich der schwarzen bedienen. Die

Deutschen der untern Stände, welche herüber kommen, werden entweder

Ackerbauer oder Lumpen- und Knochen-Einsammler; zum Dienen will sich

kein Einziger verstehen, weshalb sie verachtet sind und zur Ehre

Deutschlands nicht Deutsche, sondern Holländer genannt werden.

So viele Gebrechen es in diesem Lande in Hinsicht der Dienerschaft

giebt, eben so groß sind die des Logirens. Die Miethen sind enorm

theuer, nach dem Zinsfuße reguliren sich natürlich dieselben. Es

ist gar nichts Seltenes, daß die Pfandleiher hier 12-15 Procent pro

Monat nehmen. In einem der hiesigen Blätter las ich eine Verhandlung

vor einem Gerichtshofe, die neulich hier statt gefunden hatte. Ein

Ausländer hatte einen Diamant-Ring und eine Uhr mit Perlen zu 15

Procent monatlich versetzt und reklamirte solche, weil sie ein theures

Erbgut von einem Verwandten seien, von dem Pfandleiher, welcher

die Rückgabe verweigerte, weil der stipulirte Termin der Auslösung

verstrichen war. Der Kläger wurde abgewiesen. Nach unsern Gesetzen

würde ein solcher unerhörter Wucher bestraft, allein in diesem Lande

heißt es: Jeder kann den Werth seines Geldes selbst feststellen, und

wenn sich ein Narr findet, der für einen Solitair ein Stück Silber im

Werth eines Piasters kaufen will, so kann er es immerhin thun, die

Gesetze können nichts dagegen einwenden.

Jeder Hauseigenthümer ist daher Wucherer, und schlägt nach dem

Maaßstabe des Zinsfußes die Miethe an; so bezahlt jeder enorme Miethen,

und aus diesem Grunde giebt es hier sehr wenige Haushaltungen. Die

meisten Familien leben in Boarding Houses (Pensions), die eigentlich

nichts mehr und nichts weniger sind als Gasthöfe; es giebt deren

ungemein viele. Die Deutschen nennen sie Kosthäuser, auch findet man

in den Straßen, an vielen Häusern Aushängeschilder mit der Aufschrift:

+deutsche Kosthäuser+; vorzüglich findet man diese in den Straßen, wo

sich die ärmere Klasse der Deutschen aufhält. Mit Ausnahme sehr weniger

Kaufleute und Banquiers ersten Ranges wohnt jeder Geschäftsmann hier

in einem solchen Boarding-Haus. Der Preis wird pro Woche bestimmt,

die Mahlzeiten sind folgende: ein Frühstück, bestehend aus Thee,

Caffee, Fisch-, Fleisch-, Eier- und Mehlspeisen; ein Mittags-Essen

nach englischer, französischer, oder deutscher Weise, am Abend kalte

Küche (Ueberreste von Mittag) und Desert, Thee; der Preis regulirt sich

nach dem Zimmer, fängt von sieben Piaster pro Woche an, und steigt bis

20 pro Kopf. Um 7 Uhr des Morgens giebt eine Glocke das Signal zum

Aufstehen, um 8 Uhr verkündet dieselbe, daß das Frühstück aufgetragen

ist; um 4 Uhr hört man sie das Mittags-Essen, um 7 Uhr Abends die

Theezeit verkünden. Von dieser Zeit an bleiben die Herren und Damen

in dem gut decorirten und beleuchteten Saal zusammen. Unter den

Damen findet man hier sehr gute Schachspielerinnen, die mit ihren in

französischen Glacé-Handschuhen verschleierten Fingern so geschickt zu

manövriren verstehen, daß ihre männlichen Gegner bald matt sind.

Zwei oder dreimal wöchentlich wird nach der Musik eines Piano getanzt.

Man findet verschiedene Klassen von Boarding-Häusern, sehr lustige, und

auch sehr solide.

Die jährliche Miethe für solche Häuser ist von 6 bis 10,000 Piaster;

bringt man nun noch Silberzeug, Mobilien, Domestiken, und die höchst

brillante Beleuchtung in Anschlag, so muß man sich wundern, daß sie

bestehen können. Hinsichtlich der Weinpreise sind diese Häuser (ersten

Ranges) alle übereinstimmend; weniger als 1 Piaster verdient Niemand an

einer Flasche, wohl aber mehr, weshalb Jeder, der sich hier einmiethet,

in Kenntniß gesetzt wird, daß er sich gegen Bezahlung von funfzig Cens

(etwa 18 Ggr.) pro Flasche seinen eigenen Wein halten könne (hierbei

ist indeß Gefahr).

Der Amerikaner ist kein Weinkenner, Madeira ist sein Lieblingswein

und von dieser Sorte giebt es denn hin und wieder einen Kenner. Der

theuerste Wein ist der beliebteste, und es würde kein Gastwirth eine

Flasche unter 1½ Piaster anbringen können. Aster-House, das erste

Hotel in New-York, verkauft den besten Madeira für 12 Piaster. Der

Eigenthümer dieses Hauses ist als armer Kürschner-Geselle eingewandert,

und soll jetzt über ein Vermögen von 10 Millionen Piaster commandiren

(?)

New-York ist in den Monaten August, September und October am

besuchtesten, denn die Reichen aus dem südlichen Amerika kommen um

diese Zeit hierher, um sich gegen die Fieber zu schützen, und kehren

erst im November nach Hause; es ist daher in diesen Monaten sehr

schwierig, ein Unterkommen zu finden. Hinsichtlich des Bodens ist

Amerika ein Land von ungeheuern Ressourcen (wovon später mehr), die

Gutsbesitzer sind diejenigen, welche so zu sagen, das Geld zum Fenster

hinaus werfen. Der Boden ist ergiebig, die Erzeugnisse finden stets

Abnehmer; wer etwas Vermögen hat, kauft sich Land, und befindet sich

alsdann wohl. Das Arbeitslohn wird hier stets hoch sein, weil jeder

Arbeitsmann, sobald er sich ein kleines Vermögen erspart hat, sofort

Gutsbesitzer wird. Ich fand in einem öffentlichen Blatte folgenden

Artikel:

„Als Beweis, wie hoch man den Werth des Hornviehs von Durham in diesem

Bezirk schätzt, sei nur dieses angeführt. Samuel Smith verkaufte in

dieser Woche mehrere seiner Kühe: eine säugende Kuh nebst dem Kalbe

würde mit 2000 Piaster (etwa 3000 Rthlr) eine zweite mit 1350, andere

für 1200 und 1000 Piaster verkauft; er verkaufte von seinen Kühen

für den Werth von 20 bis 30,000 Piaster.“ Welcher Preis für einen

Gutsbesitzer, selbst wenn man auch den geringen Werth des Geldes in

den V. S. in Anschlag bringt! In demselben Grade, als die Umstände

der Gutsbesitzer brillant sind, eben so morsch scheinen mir die des

Handelsstandes zu sein. Als es noch wenige Commissionaire hier gab, und

die Europäer es beinahe für unmöglich hielten, jene zu kontrolliren,

da erwarben sie viel Geld, denn sie ließen ihren Freunden etwa die

Hälfte des Ertrags von den an sie consignirten Waaren zukommen, und

jene mußten mit dem, was ihnen zuerkannt wurde, zufrieden sein. Wie

haben aber die Verhältnisse sich jetzt gestaltet! Man denke sich einen

Bezirk von der Größe der Stadt Leipzig, welcher nichts als 4-5 Etagen

hohe Speicher enthält, die mit englischen, französischen und deutschen

Fabrikwaaren jeder Art überfüllt sind. Viele Tausende stehen hier stets

zum Ein- und Verkaufe bereit; zu dem ersteren findet sich jede Minute

Gelegenheit, denn jeden Tag langen doch mit Manufacturen beladene

Schiffe an, welche theils von europäischen Kaufleuten auf Speculation,

zum Theil aber auch von New-Yorker Kaufleuten bestellt worden sind,

und daher so rasch wie möglich verborgt werden müssen, um von den

Borgern schriftliche Versprechungen dafür zu erhalten, welche die

Banken gegen gedruckte Bank-Versprechungen discontiren.

Obgleich ich hinsichtlich des Betriebs solcher Art bereits viele

Erfahrungen gesammelt habe, so will ich doch noch näher in das

Specielle eindringen, um später für unsere europäischen Kaufleute desto

belehrender sein und erweislich machen zu können, daß jedes Geschäft

von Europa in der neuen Welt durch Commissionaire besorgt, nur allein

für Letztere von Nutzen sein muß.

Vier Wochen hatte ich jetzt (den 30sten September) größtentheils auf

dem Krankenlager zugebracht. Ein freundlicher Sommerabend, wie wir ihn

wohl in Deutschland im Juni haben, zog mich aus meiner Wohnung; kein

Wölkchen trübte den Horizont, der Mond verbreitete ein herrliches Licht

über Broad-Way, die Hauptstraße New-Yorks; ich war so entzückt, als

ich auf die Straße heraustrat und dies alles empfand, daß ich hätte

weinen mögen. Ich muß zuvor bemerken, daß diese Straße, vielleicht nur

um ⅓ länger und ¼ breiter als die Leipziger Straße in Berlin, etwas

sehr Eigenthümliches und Anziehendes hat. In dieser Straße befinden

sich alle Hotels, Boarding- und Caffee-Häuser, alle Kaufmanns- und

Conditor-Läden von ungeheurer Tiefe, welche sämmtlich sehr brillante

Gasbeleuchtung haben. Wer ein Geschäft von Bedeutung machen will, muß

einen Laden in Broad-Way haben. Die Miethen sind daher in dieser Straße

enorm hoch, ein Chemist (Droguist) unter der Firma Rushton et Aspiewald

soll, wie mir versichert worden ist, 7000 Piaster jährlich bezahlen;

allein in Soda-Wasser (welches ein Lieblings-Getränk der Amerikaner und

Amerikanerinnen ist) 20,000 verdienen. (?)

Bemerkenswerth ist es, daß, obgleich es in den Wochentagen 500 Omnibus

und einige 100 andere Miethswagen giebt, am Sonntag doch kein einziger

in den Straßen anzutreffen ist; Alles, die beau monde und die ganze

Stadt ist in Bewegung -- aber zu Fuße; ich möchte behaupten, daß die

Anzahl der an jenem Abend sich in Broad-Way bewegenden Personen sehr

wenig der beim Einzug der Kaiserin von Rußland in Berlin versammelten

Menge nachgab. Weder Polizei noch Constabler wurden bemerkt, und doch

war die Sittlichkeit, wie ich sie in keiner Stadt angetroffen habe.

Frauenzimmer ohne männliche Begleitung, gehen, ohne die Aufmerksamkeit

des Mannes rege zu machen, mit der größten Sicherheit -- ein großer

Contrast gegen die Ungeschliffenheit der Europäer, besonders der

Engländer, welche sans façons die Frauen, den Hunden gleich, in den

Straßen herumzausen (hierbei ist jedoch nur von den untern Ständen

die Rede, denen der Sonntag allein zu einer ungestümen Erholung

angewiesen ist). Auch der Amerikaner der untern Klasse unterfängt

sich nicht, den Anstand gegen Frauenzimmer zu verletzen; selbst das

verworfenste behandelt er mit Schonung, weshalb denn auch dieser Theil

der weiblichen Bevölkerung sehr zurückgezogen und unbemerkbar ist. Man

sieht hier in den Straßen eben so wenig öffentliche Dirnen als einen

Betrunkenen. Wohlgekleidet in sehr reiner Wäsche ziehet Jung und Alt

mit brennender Cigarr ruhig durch die Straße und man glaubt sich eher

in einer Kirche als auf der Straße zu befinden. Während ich durch

Broad-Way schlendere, lese ich auf einem Schilde: Rochés Café de mille

colonnes, mit großer Schrift; das ist eine französische Windbeutelei

dachte ich, und so fand ich es auch. Ich trete ein und befinde mich

in einem Zimmer von 20 Fuß Länge, und 15 Fuß Breite; die beiden

Wände haben an jeder Seite 15 Säulen, und zwischen jedem Paar von

Säulen finden sich Spiegelgläser, welche denn freilich in brillanter

Gasbeleuchtung die Säulen vervielfachen. Weiterhin finde ich in

New-York-Garden ein ziemlich enges, von Oel-Lampen und altmodischen

Laternen erleuchtetes, nicht besonders comfortables Local.

Die Franzosen deren es in New-York 12-15000 giebt, beschäftigen sich

mit Allem, und verdienen viel Geld. Die Wirthe der Restaurationen,

Conditoreien und Caffee-Häuser sind größtentheils aus Frankreich, und

werden vorzugsweise besucht. Die Preise, welche sie festgesetzt haben,

übersteigen die bei uns um das Dreifache. Eine kleine Tasse Caffee, der

in der Regel sauer schmeckt, kostet ⅛ Piaster, und eben so viel kostet

die geringste Kleinigkeit. Eine meiner nächsten Wanderungen führte mich

nach Chatham-Street, das Judenviertel, ungefähr so wie die Elb-Straße

in Hamburg und die Reetzen-Gasse in Berlin, jedoch im großartigsten

Stil, etwa ¼ deutsche Meile lang, von beiden Seiten mit Kleiderläden,

Kram-, Galanterie- und aller Arten Waaren-Läden angefüllt. Juden

von allen Nationen sind in dieser Straße anzutreffen. Alle Waaren,

welche im Lande gestohlen oder aufgeschwindelt sind, werden in

Chatham abgesetzt, und wer wohlfeil kaufen will, gehet hieher. Die

Ladenherren, obgleich sie von Posen oder Schermeisel abstammen, haben

Namen angenommen, wodurch ihre Geburts-Länder nicht verrathen werden,

z. B. King, Christalli, etc. etc. etc. Hierbei muß ich ein Verhör

im Polizei-Amte, welches heute statt fand, anführen. Seit mehreren

Wochen war die Polizei bemüht gewesen, Diebstählen, die seit einiger

Zeit durch Einbrüche in Waarenläger verübt worden waren, auf die

Spur zu kommen. Dies gelang endlich und der Dieb wurde eingezogen.

Als er gefragt wurde, für wie viel Werth er die Zeit hindurch aus

jenem Laden entwendet habe, erwiederte er: für circa 15,000 Piaster,

von welchen jedoch noch für etwa 1500 Piaster unverkauft da lägen,

weil der gewöhnliche Abnehmer, Mr. King in Chatham, sie zu kaufen

verweigert und ihm eröffnet habe, er besitze von dergleichen Waaren

jetzt zu viel Vorrath, er werde jetzt nur wollene oder seidene Waaren

für baares Geld kaufen, worauf denn, wie natürlich, Mr. Kings Locale

unter polizeiliche Aufsicht gestellt und er selbst eingezogen worden

ist. Diebereien werden hier sehr hart bestraft, Mordthaten hingegen

mit weniger Strenge als in Europa instruirt, weshalb sehr viele Mörder

der verdienten Strafe entgehen. Das Treiben in Chatham ist großartig;

jüdische Actionaire halten ihre Verkäufe auf einem Karren, worauf sich

die zu verkaufenden Gegenstände befinden (über diese Straße später ein

Mehreres).

Als ich von Chatham zurückkehrte, fand ich in meinem Logis ein

Schreiben von einem jungen Berliner vor, für welchen ich von seinen

dortigen Verwandten einen Brief mitgebracht hatte. In jenem Schreiben

wurde ich ersucht, ihn doch im Stadt-Hospitale, wohin er wegen eines

Armbruchs gebracht worden sei, zu besuchen. Ich war um so begieriger,

diese Anstalt kennen zu lernen, da sie mir früher, bei meinem

Kranksein, von unserm Schiffs-Capitain empfohlen worden war. Nach

dessen Schilderung erwartete ich etwas dem Hamburger Krankenhause

oder der Berliner Charité Aehnliches; die Fonds, erzählte er, müßten

beträchtlich sein, da jeder Capitain der in New-York ankommenden

Schiffe für jeden Reisenden 1½ Piaster und für jeden Matrosen 1 Piaster

zu diesem Fonds einliefern müsse, und die Einkünfte dieser Art werden

nur zur Bequemlichkeit der Kranken verwendet; es sei in ganz New-York

kein Haus, was in Betreff der Pflege, Reinlichkeit und Aufwartung etwas

Aehnliches zu leisten im Stande sei. Ob ich Recht oder Unrecht gehabt,

den Rath des Capitains unbefolgt zu lassen, war mir sehr interessant zu

erfahren.

Die Apotheke dieser Anstalt, welche ich passirte, fand ich geregelter

als die sogenannten Droguist-Shops, da sich in derselben nicht, wie

in den letztern, Spielkarten, Wachslichte, Zahnbürsten, Cigarren

etc. sondern nichts als Medicamente befanden. Das Zimmer Nro. 10, in

welchem der Kranke lag, wurde mir geöffnet. Es war von ziemlicher

Breite; an jeder Seite befanden sich 5-6 Lager, aber keins derselben

war eine Bettstelle, es waren Bretter, auf welchen sich ein mit wenigem

Stroh gefüllter Sack, ein sehr dünnes Kopfkissen, und eine sehr dünne

wollene Decke befand. Da indessen der Brodherr dieses jungen Mannes

für die meisten Chirurgen New-Yorks die Instrumente verfertigt, so

hatte man dem Patienten vorzugsweise ein kleines Kissen, auf welchem

der gebrochene Arm ruhte, hergegeben. In den klinischen Anstalten zu

Berlin, und Deutschland überhaupt, liegen doch die Patienten auf Betten

und nicht auf Stroh. Am meisten wunderte ich mich, diese Jämmerlichkeit

in einem Lande anzutreffen, in welchem man das Geld sonst wegwirft für

lumpige Kleinigkeiten. Wie pries ich mich glücklich, daß ich nicht

hierher gerathen war! Unterdessen wurde während meiner Anwesenheit

das Essen aufgetragen, und zwar auf einen in der Mitte des Zimmers

befindlichen langen Tisch, an dessen beiden Seiten sich Bänke ohne

Rückenlehne befanden; jeder der Patienten erhielt eine Schale voll

Suppe, und eine Portion gekochtes Rindfleisch mit einem Stück Brod.

Dem kranken Landsmanne wurde seine Portion auf den Fensterkopf neben

seinem Lager mit einer ungewöhnlichen Gefühllosigkeit hingesetzt.

Mittlerweile kam der Oberarzt, gefolgt von 8-9 sehr jungen Unterärzten,

oder vielleicht Studenten, welche ihm die Krankheit der Patienten

vortrugen; zuletzt sagte er: „nun will ich das deutsche Gesicht sehen!“

Die jungen Chirurgen zeigten ihm flüchtig die Stellen des doppelten

Armbruchs, „schon gut!“ sagte er, und hiermit zogen sie ab. „Ach Gott!“

rief der Kranke aus, „wie gleichgültig wird ein Ausländer in diesem

Lande behandelt: so ist es vom ersten Augenblick an gewesen, als ich

hierher gebracht wurde, und drei volle Stunden ohne Hülfe blieb, und

so bleibt es immer.“ Welcher Deutsche im Auslande auch sonst wenig

an sein theures Vaterland denkt, der vermißt es sicherlich, wenn er

krank wird; diese Erfahrung habe ich auch oft an mir selbst gemacht;

nirgends, in keinem Lande, in keiner Stadt habe ich die deutsche

Herzlichkeit gefunden. Wir wollen sehen, junger Mann, dachte ich, als

ich den Kranken verließ, ob du sechs Jahre, wie du dir vorgenommen,

hier aushalten wirst!

Ich ging jetzt nach dem Platze Wall (nach der Straße dieses Namens),

um mehreren Wein-, Colonial- und andern Waaren-Auctionen beizuwohnen.

Da stehen die Auctions-Commissarien auf den Fässern, Säcken u. s. w.

und jeder derselben hat seine Anzahl von Kauflustigen um sich; sie

rufen die gebotenen Preise wohl funfzig Mal mit einer erstaunlichen

Schnelligkeit und Unverständlichkeit aus, so daß ihre Mäuler in einer

wirbelnden Bewegung bleiben; nur dann weiß man, daß der Zuschlag nicht

mehr fern ist, wenn sie +going+ rufen; beim zweiten +going+ ist der

gebotene Preis vernehmbar, jedoch nur für die in der englischen Sprache

sehr geübten. Täglich giebt es in New-York hunderte von Auctionen;

rothe Flaggen, an welchen Cataloge baumeln, sind die Zeichen, daß im

Hause, oder auf dem Platze, wo sie wehen, Auctionen statt finden. Es

soll, so ist mir versichert worden, hier Auctions-Commissarien geben,

die ein jährliches Einkommen von 200,000 Piaster haben.

Es giebt in New-York Importeurs, welche ihre Waaren nur per Auction

absetzen, indem die Commissarien gegen Abzug von sieben Procent Zinsen

pro Anno und 2½ Procent Provision, sofort den Belauf auszahlen.

Da das Creditgeben in diesem Lande sehr riskant ist, so ist diese

Verkaufsweise die sicherste. Der Gewinn ist natürlich sehr gering, ja

häufig ist sogar Verlust damit verbunden. Jedoch gegen den letztern

kann man sich einigermaßen dadurch sichern, daß man die Auctionen

nur in der Frühjahrs- oder Herbst-Season, wenn sich alle Käufer aus

dem Innern in New-York eingefunden haben, statt finden läßt. Der

solide Handel wird freilich dadurch zu Grabe gebracht; denn in der

Voraussetzung, daß die Land-Krämer, von den Zwischenhändlern kaufen

werden, haben diese ihre Waaren-Läger gepfropft voll, und sind den

Importeurs dafür alles schuldig; ist nun auch der eine oder der andere

von den Land-Krämern wirklich gesonnen, seinen Bedarf von einem

Zwischenhändler zu erstehen, so wird er durch die rothen Fahnen, die in

den Gewölben der Commissarien, zwischen denen der Kaufleute aushängen,

abgezogen. Er geräth in ein den Commissarien zugehöriges Lokal, und

wird gesättigt. Die Folge ist, daß die Zwischenhändler ihre Vorräthe

per Auction zu verkaufen gezwungen sind.

Siehet man die Waarenmassen, die in den Stadttheilen liegen, in welchen

das Waarengeschäft betrieben wird (welche Massen unstreitig bedeutender

sind, als die auf allen Meßplätzen Deutschlands zusammengenommen)

sieht man die hohen Häuser von den Böden bis zu den Kellern hinab

vollgepfropft von Waaren jeder Art, so muß man erstaunen und kann die

Frage nicht unterdrücken: Wie, wann und wo soll dieses Alles verbraucht

werden? Man kann sich keine Idee von der Größe des Fabrications-Wesens

in Europa machen, wenn man nicht in New-York gewesen ist, und die

Waaren-Vorräthe daselbst gesehen hat; ich gestehe, daß ich von Furcht

und Schrecken ergriffen wurde, als ich mich orientirt hatte. Der

Gedanke, mich von meinen Waaren sobald und so gut wie möglich los zu

machen, gelangte nach jenem Augenblick bei mir zur völligen Reife.

Meines Erachtens geht man im Waarenfache einer fürchterlichen Zeit

entgegen; es dürfte in einigen Jahren eine weit gefährlichere Krisis

eintreten, als diejenige war, die wir vor zwei Jahren erlebten.

Amerika hat zu viel Ressourcen, um nicht fortwährend groß zu bleiben;

wenn selbst die große Hälfte der Waaren-Händler untergehen müßte,

wird Amerika nichts von seiner Größe eingebüßt haben. Die Regierung

ist sehr vernünftig, sie hält den Waaren-Händlern die Zügel kurz;

durch die hohen Preise, welche der europäische Fabrikant für die

prima Materie hergiebt, verliert er oft das ganze Arbeitslohn, und

vielleicht noch mehr. Dieses war vor zwei Jahren der Fall, und dieser

Fall wird wiederum, noch ehe zwei Jahre vergangen sind, eintreten. Daß

es der americanischen Regierung nur darum zu thun ist, den Ackerbau,

und nicht die Fabriken zu begünstigen, beweist sie dadurch klar und

deutlich, daß sie jedem Kaufmann den Zoll für seine eingehenden Waaren

auf sechs Monate creditirt; thäte sie dieses nicht, so würden weit

weniger Waaren eingeführt werden, indem die Summen für Zollgefälle von

vielen Importeurs nicht ohne Mühe würden angeschafft werden können,

und ein großer Theil derselben vom Importiren würde abstehen müssen,

wodurch die in Amerika fabricirten Waaren bessern Absatz finden würden.

Allein die Regierung denkt, Ackerbau ist einträglicher als Fabriken,

und denkt, so lange europäische Fabrikanten das Arbeitslohn verlieren

wollen, sehr richtig (hierüber weiterhin ein Mehreres).

Nach dem, was ich hier im Geschäft wahrgenommen habe, muß jede zwei,

spätestens drei Jahre eine allgemeine Stockung im Zahlen eintreten,

und die nächste dürfte die furchtbarste von allen bisherigen

werden, da England jetzt nicht im Stande ist, wie vor zwei Jahren,

eine Baarsendung von 2 Millionen L. Sterl. zum Stützen der für die

englischen Fabrikanten unentbehrlichen americanischen Banken zu

machen. Am deutlichsten kann der Schwindel bemerkt werden, wenn man

sich während der Börsenzeit unter den Stock-Jobbers und Broakers

umsieht. Unter den letztern findet man Subjecte, welche 60,000 Piaster

Courtage jährlich verdienen; sie arbeiten darauf hin, einen Wirrwarr

zu Stande zu bringen. Der Handelsstand hier ist das größte Kunstwerk

der menschlichen Gesellschaft. Jeder handelt, und wie handelt er? Im

Großen. Man sieht Kram-Läden von der Länge, oder besser Tiefe eines

kleinen Exerzier-Platzes; in solchen Läden liegen vielleicht für 60,000

Piaster Waaren, von denen nicht ein einziger Cens (der hundertste

Theil eines Dollars) bezahlt ist. Ist der Mann durch gute Lösung in

Stand gesetzt, einem Theil seiner Verpflichtungen nachzukommen, nun,

so geschieht es; ist dies aber nicht der Fall, so stellt er für sich

den größten Theil in Sicherheit, läßt seine Creditoren zu sich kommen,

und ersucht diese, das Nachgebliebene für ihre Schuld zu empfangen. Die

Handlungsbücher sind vielleicht schon einige Tage vorher den Flammen

überliefert worden, und kömmt einer von den Creditoren auf den Einfall,

nach den Büchern zu fragen, so kann der sich auf die Antwort gefaßt

machen: „das ist mein Geheimniß, deshalb werde ich sie Ihnen nicht

zeigen.“

Das Wetter fand ich hier im Anfang October noch den Sommertagen in

Deutschland gleich; es war sehr heiß und man wird von den Musquitos,

welche unsere Mücken auch hier an Bosheit weit übertreffen, ungemein

geplagt. Dieses Ungeziefer findet sich hier erst im September mit aller

Kraft ein, und man darf sich vor Eintritt eines Frostes, im November,

keine Ruhe versprechen. Es ist jedoch ein Leichtes, sich von ihnen im

Schlafzimmer zu befreien: man schließt nämlich vor dem Anzünden der

Lichter die Fenster, und macht mit dem brennenden Lichte Jagd auf sie.

Bevor ich dies that, hatte ich in der Nacht wenig Ruhe, und mehrere

meiner Tischgenossen adoptirten meine Kriegsweise.

Noch muß ich einiges von den Straßen New-Yorks bemerken; ich fand, daß

die Straße Broad-Way viele Aehnlichkeit mit dem Newski Perspective in

St. Petersburg hat; jedoch hat die erstere, außer dem ihr zugehörigen

freien Platze (Park-place) viel Eigenthümliches; der freie Platz

gewährt des Abends bei der Gasbeleuchtung einen herrlichen Anblick, da

sich auf demselben mehrere öffentliche Gebäude, nämlich das Rathhaus,

Theater, Museum etc. befinden. Die Nebenstraßen von Broad-Way laufen

parallel und in grader Linie, wie die der großen Friedrichsstraße

in Berlin, jedoch sind die Häuser in derselben nicht so schön. Das

Eigenthümliche besteht besonders darin, daß man, da New-York eine

Insel ist, an jedem Ende der Straße die Masten von großen Schiffen

wahrnimmt, was einen höchst angenehmen Eindruck macht -- besonders

nach Untergang der Sonne, wenn so viele Masten der großen Schiffe mit

den vielen Tauen, durch welche man die herrliche Abendröthe erblickt,

einem Walde gleich, sich dem Auge darbieten. An Vergnügungen kann es

in einer so reichen Stadt nicht fehlen. Der Yankee (Amerikaner der

V. S.) ist, was den Lebensgenuß betrifft, mit dem Wiener zu

vergleichen; er ist für das Materielle; kein Preis ist ihm zu hoch,

wenn der Gegenstand reellen Genuß verspricht. Ein Hauptvergnügen

ist ihm das Kegelspiel, wobei die Damen mit den Herrn wetteifern;

man findet viele Keller (den Hamburgischen ähnlich), woselbst

Restaurationen und Kegelbahnen eingerichtet sind, und Erfrischungen

aller Art gereicht werden. Die Austern sind hier, obgleich um

sehr vieles größer als die holsteinischen, die allerfeinsten und

schmackhaftesten, die ich genossen habe; sie werden in allen

Kegelbahn-Kellern zubereitet, und für einen nicht übertriebenen

Preis gereicht: ½ Dutzend kostet etwa 4 Ggr., wozu man noch eine

ziemliche Quantität Kohl-Sallat, Butter, Brod, und Zwiebacke bekommt.

Schäferstunden sind nach der Versicherung eines meiner Freunde, die

theuersten Genüsse in dieser Stadt, die Schäferinnen, entweder aus

England, oder Töchter der aus Irland als Arbeitsleute Eingewanderten,

sind die einzigen von allen englischen Erzeugnissen, wie mein Freund

meint, die sich im Preise halten; 10-15 Piaster ist der fixe Preis für

eine Schäferstunde. Für wenig bemittelte aber kräftige Männer sollen

die couleurten Frauen ein vortreffliches Surrogat sein, man sieht

diese in heller Kleidung mit seidenen Schnupftüchern in der Hand,

sehr anständig umherziehen. Damen von Stande bedienen sich der weißen

Tücher, die sie stets in den Händen tragen.

Die Theater werden hier sehr besucht, und mein Reisegefährte,

der Director W....., machte gute Geschäfte. Das Personal ist von

London (woselbst jeder amerikanische Schauspiel-Director eine

Anwerbungs-Anstalt erhält), und die angeworbenen Mitglieder finden

gute Rechnung, so lange die Direction Rechnung dabei findet. Das

Entrée ist 1 Piaster, fürs Parterre ½ Piaster. Von Ausländern, die in

New-York sonst den dritten Theil der Bevölkerung ausmachen, werden die

Theater im Allgemeinen wenig besucht. Der Yankee ist nicht Kunstkenner

genug, um über die Poesie und mimische Darstellung des Dramas richtig

zu urtheilen, daher denn die Directoren, um ein großes Publikum von

Yankees für sich zu gewinnen, ein leichtes Spiel haben. Die für

Gastrollen engagirten Subjecte langen von England successive an, denn

jeder derselben ist für 8, 10 bis 12 Rollen, d. h. Vorstellungen, und

zwar, je nachdem er unter den Künstlern einen Rang einnimmt, für die

Hälfte oder ⅔ der Einnahme engagirt, und tritt daher nur in zwei,

höchstens drei seiner vorzüglichsten Rollen auf. Jetzt liest man auf

den Theaterzetteln von 2 Yard (2 Ellen) Länge, die am Eingange in den

Straßen an den Häusern und großen Hotels auf Bretter geklebt sind, die

Londoner Theater-Kritiken der Times, des Examiner, Courier etc. etc.

wörtlich abgedruckt, in Beziehung auf die Rolle des Gastes; das Haus

wird demnach am ersten Abend gefüllt und nun liest man am folgenden

Morgen in allen Morgenblättern, wie gedrückt voll das Haus gewesen,

mit welchem Applaus der berühmte Gast empfangen und begleitet worden

sei. Die natürlichste Folge ist, daß Alles sich beeilt, das Wunderkind

in der Kunst zu sehen, und somit sind denn auch die Schauspielhäuser

in den übrigen Städten der V. S., wohin die Wunderkinder reisen, jeden

Abend gefüllt.

Es herrscht über die Geringfügigkeit der Militairmacht der V. S.

ein bedeutender Irrthum, den ich vorläufig bloß durch die Copie,

oder vielmehr Uebersetzung einer Ordre, die mir irrthümlicherweise

zugestellt wurde, widerlegen will. Sie ist folgende:

125stes Regiment, 45ste Brigade, 28ste Division N. G. S. Infanterie.

Unter dem Adler liest man in einem Bande:

Ex pluribus unum.

Zweite Compagnie.

+Ordre.+

Hauptstadt New-York den 1. Octbr. 1838.

Hiermit wird Ihnen angezeigt, daß Sie in Person auf dem

Compagnie-Paradeplatz Broad-Way- und Biberstraße, equipirt und

armirt, wie es die Gesetze vorschreiben, um 2 Uhr am Montag den 8.

d. M. zur Compagnie-Parade, und zur Regiments-Parade am Freitag den

12. um 9 Uhr Vormittags, so wie auch zur Inspection der Revue am

Montag den 15. Vormittags um 8 Uhr erscheinen sollen.

In Ordre. +Wellstood+, Capitain.

+Welsh+, Sergeant.

NB. Es ist erforderlich, daß Sie in weißen Pantalons erscheinen.

Kein Stellvertreter wird gestattet.

Es sei mir erlaubt, wieder zu merkantilischen Dingen überzugehen, womit

ich mich am liebsten beschäftige. Die Einrichtung des hiesigen Packhofs

fand ich in jeder Beziehung tadelhaft, und gar nicht zu vergleichen

mit den europäischen Einrichtungen, besonders denen des deutschen

Zollverbandes. Die Importation ist in New-York enorm. Es giebt Tage,

an welchen 15 und mehr mit Stückgütern beladene Schiffe ankommen, und

zwar Kasten von 6-800, oder wohl gar tausend Tonnen Größe. Die Procedur

hierbei ist nun folgende.

Einen Packhof, auf welchem die vom Schiffe gebrachten Güter aufbewahrt

werden, giebt es nicht; im Mittelpunkt der Geschäftswelt ist ein

interimistisches Packhofs-Gebäude, denn das durch den Brand zerstörte

ist noch nicht wieder aufgebaut, und dasjenige, was jetzt gebaut und

bald fertig sein wird, wird zwar, da das Material aus Italienischem

Marmor besteht, ein Prachtgebäude geben, ist jedoch nur für das bei

diesem Institut angestellte Personal bestimmt. Für die Güter, welche

zur Revision gestellt, oder auch zur Niederlage declarirt werden,

sind in verschiedenen Straßen Separat-Gebäude, von keinem besondern

Umfange, durch Schilder mit der Aufschrift: Public-Store bezeichnet.

Sobald die mit Güter beladenen Schiffe einen günstigen Platz zum

Ausladen gefunden haben, was oft sehr schwer hält, so melden sich die

Interessenten beim Ober-Inspector (hier zu Lande Collecter genannt),

und produziren deren Connecemente und eine Factura, auf welcher der

Inhalt und Werth jedes Ballens genau aufgeführt sein muß. Von diesem

werden nun diejenigen Colly’s, welche zur Revision gestellt werden

sollen, bestimmt. Der Eigentümer erhält jetzt vom Collecter ein Permitt

(Erlaubnißschein), die zur Revision bestimmten Colly’s nach dem

Public-Store zu bringen, damit sie revidirt werden können. Mit diesem

Permitt begiebt er sich nach dem Schiff mit der Hoffnung, die Colly’s

jetzt zu erhalten. Allein der Schiffer versichert ihm, daß dieselben

in der Mitte, oder wohl gar auf dem Boden liegen, und da sich noch

Niemand mit einem Permitt über die obersten Güter gemeldet habe, wohl

noch 8-10 Tage verstreichen dürften, ehe er die geforderten Colly’s

werde haben können. Unter diesen Umständen muß man so lange warten;

ich selbst hatte dieses Schicksal und erlitt hierdurch einen Verlust

von 3-400 Piaster, denn die Waaren gingen im Preise um 20 Procent

herunter, wie es häufig der Fall ist, wenn viele Schiffe zugleich

ankommen. Die Zollerhebung ist von derselben Art wie in England; die

Revisoren verfahren jedoch sehr oft eigenmächtig, indem sie nicht

Waarenkenner genug sind. Früher ist viel geschmuggelt worden, bei

dem jetzigen Collecter aber ist dies, wie man sagt, ganz unmöglich,

weshalb man jetzt (im Jahre 1838) der Meinung ist, daß an den mehrsten

englischen Waaren, besonders an den Tüchern (welche unter dem Namen

+Flanell+ eingeführt wurden), das halbe Capital verloren geht.

Man hört allgemein Klagen über die Strenge des Collecters, und die

Engländer klagen am meisten, da es ihnen früher ein Leichtes war, 50

oder wohl hundert Ballen feiner Tuche für Flanelle hereinzuschmuggeln.

Im Einverständniß mit dem alten Inspector wurden früher nur die Ballen,

welche Flanelle in sich begriffen, aber keinesweges diejenigen, welche

Tuche enthielten, revidirt, und hiermit soll sich, wie man sagt, der

alte Inspector, welcher von seinem Dienst in Gnaden entlassen worden

ist, ein Vermögen von 100,000 Piastern gesammelt haben.

Bei den gegenwärtig (in der letzten Hälfte des Octobers 1838) statt

findenden Wahlen für den im December zusammenkommenden Congreß in

Washington ergiebt es sich deutlich, wie sehr der größere Theil

der Handelswelt darauf hinarbeitet, den frühern Schwindel wieder

einzuführen, der durch die Vorsicht des Präsidenten so ziemlich

beseitigt wurde. Das Manufactur-Waarengeschäft, welches, wie schon

früher bemerkt, die Hauptbranche ist, und mit welchem sich mehrere

Millionen beschäftigen, weiter auszudehnen, ist der Wunsch Vieler.

Obgleich die Handels-Bilanz Manchem brillant scheint, so könnte diese

in der Wirklichkeit brillant sein, wenn es genug Fabrikanten gäbe, um

den Bedarf für die Bewohner des Landes zu erzeugen; indessen es fehlt

noch immer an Arbeitern jeder Art, und da die Regierung vernünftiger

Weise dem Ackerbau mehr Aufmerksamkeit schenkt, als dem Fabrikwesen,

so ist es natürlich, daß der größere Theil der Einwanderer zum ersten

Zweck verwendet wird. Die Regierung sieht wohl ein, daß der Werth nicht

in der Prima-Materie, sondern zum großen Theil im Arbeitslohn steckt,

und überläßt es lediglich den Waarenhändlern, die Handels-Bilanz

zurecht zu setzen. -- „Wir müssen eine National-Bank haben!“ ist das

Geschrei der Waarenhändler, „denn nur diese kann uns in Stand setzen,

unser Geschäft auszudehnen; haben wir eine solche Bank, so sind wir

im Stande, die doppelte, drei- oder vierfache Quantität Waaren von

Europa einzuführen.“ Die Regierung muß vernünftiger Weise einem solchen

Etablissement entgegen sein, weil die Actionaire sammt und sonders

nicht im Stande sind, eine Bank auf solchen soliden Fuß, wie die

Hamburger oder Bank of England, zu errichten. Wer Grundstücke besitzt,

will Actionair werden, ohne daran zu denken, daß die Grundstücke um

das Zehnfache über den Werth bezahlt worden sind, und demzufolge dem

etwanigen Inhaber der Noten (von der zu errichtenden National-Bank)

nicht die mindeste Sicherheit gewähren würden. So lange mithin nicht

so viel nobles Metall vorhanden ist, den Inhabern von Banknoten

damit zu begegnen, so ist jedes Etablissement gefährlich, und aus

diesem Grunde widersetzt sich die Regierung dem Etablissement einer

National-Bank, welche zu nichts Anderem führen würde, als das Land mit

den Fabrik-Erzeugnissen Europa’s dermaßen zu überschwemmen, daß schon

in Zeit von +Einem+ Jahre das ganze Gebäude zusammenfallen würde,

welches ohne National-Bank vielleicht noch zwei Jahre stehen kann.

Daß der im Jahre 1835 hier stattgefundene Brand zum großen Glück der

Fabrikwelt war, bin ich jetzt überzeugt. Ohne diesen würden jetzt alle

Waaren, statt daß sie seitdem nur etwa um 25 bis 30 Procent im Preise

gesunken sind, um das Doppelte herunter gegangen sein. Feuersbrünste,

wie der hiesige war, sind bei dem jetzigen Fabrikations-System, ähnlich

wie der Krieg in andern Verhältnissen, ein nothwendiges Uebel, und alle

zwei Jahre erforderlich. Die Assekuranz-Compagnieen würden hierbei

freilich die Leidenden sein; sie würden indessen nur immer einen

geringen Theil von dem viele Jahre hindurch Gewonnenen zurückgeben.

Viele der hiesigen Compagnieen haben, trotz des ungeheuern Brandes,

von welchem nur derjenige einen Begriff haben kann, der den Platz

kennt, das Volle des versicherten Quantums, und einige unbedeutende

Compagnieen 75 Procent desselben bezahlt.

Sieht man die Waaren-Massen in allen Städten der V. S., so gelangt man

zur Ueberzeugung, daß die Art und Weise, wie jetzt fabricirt wird,

den Wohlstand sehr Weniger befördern, aber den Untergang sehr Vieler

herbeiführen muß, indem 31/32 aller Geschäfte Creditgeschäfte sind, und

dennoch mit einem sehr unbedeutenden Gewinn abgeschlossen werden. Jeder

drängt sich zum Verkauf, und Jedem werden ohne Bedenken Waaren verkauft

und abgeliefert. Sieht man des Commissionairs Verkaufrechnungen

über die an diesen zum Verkauf überschickte Waaren, so findet man,

daß er sie auf 8 Monate Zeit verkauft hat, wobei er 2½ Procent für

die Garantie aufführt, und mehrere, oder wohl gar die meisten der

Commissionaire befinden sich in der Lage, die garantirte Summe nicht

bezahlen zu können, wenn sie dieselbe nicht bezahlt erhalten, wie

dies im Jahre 1837 der Fall war. Die übermäßige Production, die

immerwährenden Modenveränderungen, dazu der immerwährende Geldmangel

in den V. S., dies alles muß nachtheilig auf die Waaren-Vorräthe

einwirken, Bankerotte herbeiführen, und zerstörende Resultate für

Commissionaire erzeugen.

Kein Land ist in dieser Hinsicht gefährlicher als Amerika, weil die

handelnde Welt kein reelles Vermögen besitzt, und Jeder sich nur so

lange halten kann, als sich Alle halten; stockt ein kleiner Theil in

der Gesellschaft, so stockt nicht lange darauf ein größerer, und bald

das Ganze.

Besucht man die Ausstellung der Industrie-Erzeugnisse, so wird man

bemerken, daß, wenn die Regierung es wollte, die V. S. vielleicht

in einem Zeitraum von etwa 15-20 Jahren Manufactur-Waaren jeder

Art exportiren, und mit jeder Nation zu koncurriren im Stande sein

würden. Folgende Tabelle enthält über die Fabrikation der V. S. die

interessantesten Data.

------------------------+---------------+-------------------

Manufactur-Fabriken. | Capitalien. | Arbeiter-Anzahl.

------------------------+---------------+-------------------

Baumwollen-Waaren | 60,000,000 | 80,000

Wollene Waaren | 30,000,000 | 104,000

Seidene Waaren | 4,000,000 | 12,000

Pelz-Waaren | 6,000,000 | 15,000

Kämme | 1,000,000 | 2,000

Säge-Mühlen | 12,000,000 | 20,000

Sägen | 230,000 | 300

Taschenbücher | 1,000,000 | 250

Oefen von Gußeisen | 1,500,000 | 600

Parfümerieen | 500,000 | 500

Bürsten | 1,000,000 | 900

Neu-Silber | 20,000 | 15

Geschwind-Wagschale | 1,090,000 | 600

Reise-Mützen aller Art | 1,500,000 | 1,200

Lampen | 300,000 | 220

Eiserne Geldkasten | 170,000 | 89

Dampfmaschinen | 2,000,000 | 3,000

Leinwand | 2,490,000 | 2,500

Porzellan | 30,000 | 60

Bronze | 10,000 | 8

Bijouterieen | 1,000,000 | 500

Glaswaaren | 2,360,000 | 2,400

Tapeten | 50,000 | 140

Holzschneiden | 11,000 | 20

Compositionen zum Bau | 20,000 | 60

Halsbinden | 4,000,000 | 2,500

Feuerspritzen | 160,000 | 200

Wagenbauer | 2,000,000 | 1,200

Baumwoll-Pressen | 1,000,000 | 550

Kunstblumen | 500,000 | 600

Sattler und Zäumer | 1,000,000 | 400

Siegellack | 20,000 | 30

Piano’s | 200,000 | 300

Orgel | 150,000 | 60

Buchbinder | 1,850,000 | 2,000

Schrauben | 400,000 | 208

Kofferfabriken | 600,000 | 850

Wenn mithin bis jetzt nur etwa 200,000 Menschen in den Fabriken

beschäftigt sind, und etwa 140 Millionen Piaster Capital dazu verwendet

wird, so kann es doch nicht fehlen, daß im Verlauf von 10 Jahren die

Fabriken um das Doppelte und vielleicht Dreifache anwachsen würden,

wenn die Regierung hülfreiche Hand leisten wollte. (Hierüber später ein

Mehreres.)

Die Ausstellung (Mechanical Fair) kann für den Deutschen nicht

viel Interesse haben, denn es zeigt sich offenbar, daß das ganze

Fabrik-System sich noch in der Entwickelung befindet, wie dies auch

aus der mitgetheilten Tabelle zu ersehen ist. Das Auffallendste unter

allen aufgestellten Gegenständen, waren mehrere Feuerspritzen, mit

einer Eleganz gearbeitet wie man sie selten an Staatswagen findet.

Die Lackirung, die Malerei, die Broncen an jeder derselben müssen,

meines Erachtens, wenigstens 1000 Rthlr. gekostet haben. Als ich einen

anwesenden Freund fragte, ob diese Spritzen wirklich zum Löschen

dienen sollten, oder nur als Kunstwerke zur Schau aufgestellt waren,

erwiederte er mir, man habe hier noch elegantere als diese und erklärte

mir die Ursache hiervon auf folgende Weise: „Wir Bürger,“ fing er

an, „sind sammt und sonders dienstpflichtig: wer nicht Militair sein

will, muß Feuermann sein. Bei Feuersbrünsten hat er den Dienst bei

der Spritze zu versehen. Diese Feuerleute sind, wie das Militair,

in Compagnieen eingetheilt, und so wie sich die Soldaten armiren

und montiren müssen, so haben die Feuermänner für die Anschaffung

ihrer Spritze Sorge zu tragen, und diese wetteifern nun, eben so die

elegantesten Spritzen zu besitzen, wie Jene, die schönste Uniform zu

haben.“ Auffallend ist es, daß die Deutschen, deren es hier 45,000

giebt, zu den vorzüglichsten bei den Feuerlöschungs-Anstalten gezählt

werden.

Am Sonntage, vor meiner Abreise nach Havana, besuchte ich die deutsche

Kirche, deren Prediger von allen anwesenden Deutschen vergöttert wurde;

ich ging mit der gespanntesten Erwartung ungefähr eine halbe deutsche

Meile weit und finde in demselben -- einen Demagogen, der an der

Gottheit zweifelt; die Predigt war durchaus verworren, so daß mir der

Prediger selbst nicht bei gesunder Vernunft zu sein schien. Nichts

destoweniger hatten sich zwei Partheien, eine für, die andere gegen ihn

gebildet, die beim Ausgang der Kirche über den Werth und Unwerth des

Predigers in Streit geriethen. Sehr oft tritt hierbei der Fall ein,

daß, wenn gewöhnliche Beweise nicht fruchten wollen, mit den Fäusten

gegeneinander argumentirt wird. Dieser Fall soll erst kürzlich bei

der Predigt eines Predigers E.., angeblich der Sohn eines deutschen

Bischofs, vorgekommen sein, welcher allen Hader damit geendet hat, daß

er sich bald nachher auf- und davon gemacht und zugleich zum Ueberfluß

einiges Silbergeschirr aus der Kirche auf die Reise nach Ostindien

mitgenommen hat.

Heute vor meiner Abreise hatte ich auch noch Gelegenheit, in dem

Kaffeehause eines Italieners den vormaligen Wüthrich des deutschen

Wollgeschäfts, den famösen Behr aus Mecklenburg zu sprechen. Obgleich

seine Kleidung reinlich war, so verrieth sie doch, daß er nicht mehr

so recht in der Wolle saß. Er kannte mich nicht, erinnerte sich jedoch

bald meiner, als ich ihm meine Karte gab.

~Zweite Abtheilung.~

Havana.

~Reise nach Havana, Oertlichkeit und Einrichtung daselbst.~

Schilderungen des Treibens im Leben und Handel in den Vereinigten Staaten und Havana. Gezeichnet auf Reisen in den Jahren 1838 und 1839 · 第 17 / 24 题