»Und dann, Felix, kannst du zweimal die Woche zu mir kommen. Meine
Tochter soll dir etwas Aufsatz beibringen, denn Junge, Junge, du
sprichst ja ein fürchterliches Deutsch.«
Ich hatte mich schon für einen ganz gebildeten Menschen gehalten, aber
mein »mir« und »mich« muß doch anderen noch auf die Nerven gefallen
sein, und bei den Aufsätzen war die Kritik immer: Deutsch mangelhaft.
Jetzt fing ich aber an zu lernen: »Mit, nach, nächst, nebst, samt, bei,
seit« usw., und legte es mir zurecht, wann »mir«, wann »mich« zu setzen
wäre. Einen Lebenslauf sollte ich jetzt verfassen, obwohl ich in meinem
Leben noch nie einen Brief geschrieben hatte. In dem »Lebenslauf« habe
ich sie aber tüchtig verkohlt, denn ich konnte doch nicht schreiben, daß
ich bei der Heilsarmee war oder Leuchtturmwärter. Meine ganze Laufbahn
hätte ich mir damit verdorben.
Ich lebte mich schnell bei der Marine ein und die Sache ging gut als
Rekrut zuerst, dann auf dem »Mars« zum Artilleriekursus. Als ich von
dort in die Flotte kam, stieß mir bald ein schwerer Unfall zu. Ein Boot
mit Beurlaubten, das zum »Kaiser Wilhelm dem Großen« zurückfuhr, war im
Begriff, in das unglücklicherweise ungeheißte Fallreep des
Kriegsschiffes hineinzufahren, als ich gerade auf diesem die Wache ging.
Ich versuchte, das Boot mit Hilfe seiner Vorleine zu stoppen, und
verließ mich dabei zu sehr auf meine eigene Kraft. Ich erreichte auch,
daß der Zusammenstoß stark gebremst wurde, aber das Fahrtmoment war doch
viel zu schwer, und das Boot zog mich gegen das Kettengeländer, wo eine
eiserne Stütze war. Diese ging mir durch den Leib und durchriß den Darm
zweimal. Die Operation durch Professor Helfferich gelang vorzüglich; als
ich aber nach acht Tagen aus dem Zimmer der Schwerkranken in das
Leichtkrankenzimmer überführt worden war, habe ich eine große Dummheit
begangen. Ich ahnte gar nicht, wie zerrissen mein Darm war, und fühlte
mich durch das lange Fasten so ausgehungert, daß ich mir eines Sonntags,
als mein Bettnachbar von Besuchern Pflaumen bekam, auch davon ausbat.
Als Einjähriger hätte ich mich ja mehr beherrschen sollen, aber die
Pflaumen taten mir wohl. Als aber der Verband am nächsten Tag erneuert
wird, schlägt der Stabsarzt die Hände überm Kopf zusammen, denn da lag
die ganze Pflaumengeschichte im Verband. Ich hatte nicht gewußt, daß der
Darm abgebunden war; der war nun gerissen. Ich sollte sofort in Arrest
kommen, wenn ich gesund wäre, und bekam zunächst mal eine Wache, damit
ich nicht wieder »in die Plum« ginge.
Die im Lazarett verlorene Zeit wurde mir infolge meiner
zufriedenstellenden Leistungen an Bord geschenkt. Ich wurde
Unteroffizier; dann kam der Tag, wo ich die Übung als Vizesteuermann
machen durfte, und nun wurde ich als Leutnant zur See der Reserve
entlassen. Da mußte ich nochmals bei Onkel Fritz antreten, der mir
Anweisung gab, wie ich es machen sollte, wenn ich nach Hause käme.
[Illustration:
Auf der Reichskriegsmarine
(an Bord S. M. S. »Kronprinz«, im Jahre 1915).]
Ich zog mir kleine Uniform an, kaufte mir einen Dreimaster, Epauletten,
Säbelschärpe und Visitenkarten und ging nach so viel Jahren zum
erstenmal »to hus«.
In Halle a. Saale angelangt, stellte ich mein Zeug in einem Gasthof
unter und zog mich sorgfältig an. Ich gehe zu dem stillen Haus auf der
»Alten Promenade«; es hat sich in all den Jahren nichts verändert. Ich
steige die Treppe hinauf und gebe die Karte ab.
Da höre ich die wohlbekannte Stimme des alten Herrn: »Leutnant zur See
Felix Luckner? Gibt's ja gar nicht, aber ich lasse den Grafen bitten.«
Nun trete ich ein und sage ganz kurz: »Tag, lieber Vater! Glaube meine
Äußerung verwirklicht zu haben, Kaisers Rock in Ehren zu tragen.«
Der alte Herr weiß nicht, wie ihm ist und was er machen soll.
Marineoffizier? Der Bengel ist nicht versetzt, man wäre froh, wenn er
Armeeleutnant geworden wäre und jetzt im kaiserlichen Rock?! Alles das
saust ihm durch den Kopf, und ich höre nur, wie er mit erstickter Stimme
ruft: »Alte!«
Die Mutter kommt, sieht mich, setzt sich vor Schreck auf die Treppe und
fällt mir dann in die Arme, und wenn ich in der Erinnerung nachsuchen
soll, so ist es mir, als ob sie eine halbe Stunde darin gelegen hätte.
Dem alten Herrn laufen jetzt auch die Tränen herunter. Nun mußte ich
erzählen: Wie hast du gelebt? Was hast du getan? Das waren so viele,
viele Fragen, ehe ich überhaupt geantwortet hatte. Aber nachdem sich der
alte Herr etwas gefaßt hatte, fing er gleich sich zu brüsten an: »Siehst
du, Alte, ich hab' es doch immer gesagt! Ist es ein Luckner, so wird
etwas aus ihm, da braucht man keine Bange zu haben. Und geht er
verloren, dann ist es auch kein Luckner. Dann ist es kein Schade. Und
was ist er? Ein Luckner.«
Überall wurde nun hintelegraphiert zu den Geschwistern, Vettern, Onkeln,
Klostertanten. Ich wurde von den Lehrern in den Schulen als gutes
Beispiel hingestellt! Man hatte überall nach mir geforscht, hatte sich
den Kopf zerbrochen, auf welche Weise das Kind wohl untergegangen wäre.
Leben konnte es ja nicht mehr, denn sonst hätte es ein Lebenszeichen
gegeben. Und jetzt stand ich vor ihnen, der ewige Tertianer, der, ohne
Kadett geworden zu sein oder das Einjährigenexamen gemacht zu haben, auf
den Schiffsplanken Offizier geworden war.
Seit dieser Zeit war ich nicht mehr das Sorgenkind, sondern der Verzug.
Keine Mutter hat je ihr Kind so umsorgt, wie die meinige.
Das war der Abschluß meiner Wanderjahre. Jetzt kamen die Jahre, die
normal verliefen.
[Illustration:
Graf Nikolaus von Luckner, geb. 11. Januar 1722 als Sohn des
Hopfenhändlers und Stadtkämmerers Samuel Luckner in Cham, gest.
3. Januar 1794 als Marschall von Frankreich auf dem Schafott.]
In den Schoß der Familie aufgenommen, wurde ich auch in die
Familiengeschichte eingeweiht. Dabei entdeckte man einiges, was auf die
eigene Entwicklung Licht warf. Man war doch nicht so aus der Art
geschlagen, wie man gedacht hatte. Unser Stammvater Nikolaus Luckner,
1722 in Bayern geboren, erhielt als Schüler im Passauer
Jesuitenkollegium »wegen einigen Leichtsinns und Wildheit« den Beinamen
Libertinus. Er entlief aus nicht näher bekannten, aber sicher zwingenden
Gründen mit fünfzehn Jahren der Schule, trat in ein bayrisches
Infanterie-Regiment und kämpfte gegen die Türken. Dann wurde er, da ihm
das Zufußgehen zu langsam ging, Leutnant in einem Husarenregiment, das
aus dem bayrischen Dienst 1745 als gemietete Truppe in den holländischen
übertrat. Der Deutsche hatte damals ja leider noch kein Vaterland,
bestenfalls Vaterländer. Als aber der alte Fritz gegen die Franzosen
kämpfen mußte, übernahm Major von Luckner 1757 die selbständige Bildung
eines hannöverschen Husarenkorps, das unter preußischem Oberbefehl
focht. Die Lucknerhusaren, die der Ahnherr Mann für Mann nach Ablegung
einer Mutsprobe persönlich anwarb, waren bald in ganz Norddeutschland
durch unzählige Waffenstreiche berühmt, und ihr Führer wurde der Ziethen
des westlichen Kriegsschauplatzes. Als aber nach Beendigung des
Siebenjährigen Krieges das Regiment durch seinen Landesherrn, den
englischen König, aufgelöst wurde, entgegen den Versprechungen, die man
ihm gegeben hatte, nahm General v. Luckner gekränkt seinen Abschied aus
hannöverschen Diensten. Der Feind wußte seinen Degen besser zu schätzen:
der König von Frankreich bot dem sagenumwobenen Kämpfer ein neues
Wirkungsfeld. Sein Herz schlug deutsch wie das eines Johann von Weerth
oder Derfflinger; aber Deutschland hatte für sein Soldatenblut keine
Verwendung. So wurde Herr Nikolaus, der einmal in der Schlacht inmitten
eines französischen Regiments einen Überläufer erkennend, in die
enggeschlossenen Glieder hineingesprengt war, um dem Ausreißer den Kopf
zu spalten, selber ein Söldner des Auslandes, nicht der erste und leider
auch nicht der letzte deutsche Haudegen, der diesen Weg gegangen ist.
Er, der kaum französisch konnte, als er übertrat, mußte nun zuletzt als
Marschall von Frankreich und Führer der französischen Nordarmee 1792
gegen Österreicher und Preußen kämpfen. Er hatte aber als »Franzose«
ebensoviel Unglück, wie er früher als preußischer Parteigänger Glück
entwickelt hatte, und als der Greis 1794 nach Paris fuhr, um seine
Pension abzuholen, die ihm die Republik nebst vielen Vorschüssen an
seine Armee schuldig geblieben war, legte man seinen Kopf unter die
Guillotine, ungeachtet dessen, daß der Dichter der Marseillaise sie ihm
gewidmet hatte.
Er selbst war willens gewesen, sein Leben in Holstein zu beschließen, wo
er durch Heirat Gutsherr geworden war. Schiffskapitäne und
Husarenoffiziere, die leichtbeweglich sind und viel durch die Welt
streifen, siedeln sich auf ihre alten Tage gern dort an, wo auf ihren
Wanderzügen ihr Herz hängen geblieben ist. So kamen die Luckners nach
Holstein und wurden dänische Grafen. In Holstein ist mein Vater geboren.
Als er das kritische fünfzehnte Jahr erreicht hatte -- es war gerade im
Jahre 1848 -- lief auch er von der Schule weg. Er wollte gegen die Dänen
fechten, nahm jahrelang an allen Kämpfen teil und kehrte 1850 als
Dragonerleutnant nach Hause zurück. Den Geschmack an den Studien hatte
er verloren. Er wurde Landwirt und war bald in ganz Holstein durch
Gastfreundschaft und allerhand lustige Streiche bekannt. In Bramstedt
wird noch das Denkmal gezeigt, dessen Sockel der »tolle Luckner« auf dem
selbstgezüchteten, edlen Hengst im Sprunge nahm. So oft der König rief,
1864, 1866, 1870, trat mein Vater in die Armee ein. Aber nach beendetem
Kriege kehrte er jedesmal nach Hause zurück. Er wollte im Frieden nicht
Soldat sein, nur Schütze und Jäger. Gute Freunde nutzten den
liebenswürdigen Herrn und seine Sportleidenschaft aus; er verlor
schließlich seine Besitzung und siedelte nach Dresden über, wo sein
Vetter lebte, der gleichfalls nur der »tolle Luckner« hieß. Dieser fuhr
gern mit knallroter Equipage sechsspännig durch Dresden -- auch
hinderten ihn dabei nicht die Stufen der Brühlschen Terrasse --, und als
ihm der König das Sechsspännigfahren verbot, nahm er fünf Pferde und
einen Maulesel. Eines Tages saß er mit einem Freund im Gasthof bei
Tisch, als eine schöne junge Dame, Gräfin X, den Saal betrat. Mein
Onkel, der ihr noch nicht vorgestellt war, fing Feuer und wettete sofort
mit seinem Freund um ein Rittergut, daß er sich die Hand der Dame
erringen werde. Wenige Wochen darauf war das Paar aufgeboten; er hatte
aber inzwischen bei näherer Bekanntschaft die Lust verloren und zog es
vor, anstatt zur Trauung auf die Festung Königstein zu wandern, um wegen
Pistolenzweikampfs mit einem Verwandten der Dame in Haft zu büßen. Auf
Königstein war es langweilig, und so vertrieb er sich die Zeit, indem er
in die vorbeifließende Elbe mit Talern warf, um herauszubekommen, ob sie
»rikochierten«.
Kavalleristisch galoppiert es durch die Lucknersche Familiengeschichte.
Einsetzen der Person und ein fröhliches Lachen ist vom Ahnherrn erblich;
irdische Güter sind gekommen und gegangen, das Herz ist auf dem alten
Fleck geblieben. Viel deutsche Geschichte drängt sich schon auf den
wenigen Blättern unserer Familienchronik durcheinander. Aber sollte
Deutschland noch einmal ums Dasein kämpfen müssen, sind hoffentlich auch
die Luckners wieder zur Stelle.
Sechstes Kapitel.
Offizier und immer mal wieder Matrose.
Ich fuhr nun zwei Jahre bei der Hamburg-Amerika-Linie. Während dieser
Fahrten bereitete ich mich aufs Kapitänsexamen vor. Ich bin nicht mehr
auf eine Schule gegangen, sondern habe mich privat vorbereitet. In
Hamburg nahm ich einige Zeit Privatstunden zu diesem Zweck. Nachmittags
pflegte ich dann auf der Unterelbe hinter Altona bei Neumühlen mit
einigen Kameraden zu segeln. Es ereignete sich einmal, daß in einem vor
uns segelnden Boot ein Mann, der weder ordentlich segeln, noch schwimmen
konnte, ein Kölner Kaufmann, durch den Besanbaum von Bord geschlagen
wurde. Ich schwamm nach der Stelle, wo er hineingefallen war. Wie ich
hinkomme, ist er untergegangen, so daß ich tauche und ihn in ziemlicher
Tiefe fasse. Ich schiebe ihn hoch, und er gelangt dadurch früher an die
Oberfläche als ich. Wie ich nun nachkomme und Luft hole, umkrallt er mit
Armen und Beinen meinen Körper. So werde ich mit ihm hinuntergezogen.
Endlich werden durch Zufall meine Beine frei, ich stoße mich von ihm ab
und komme dadurch los und gelange wieder hoch. Es wurde mir schon
schwarz vor den Augen, aber ich erholte mich und tauchte nochmals. Lange
blieb ich mit dem Unglücklichen auf der gleichen Höhe des Flusses, da
der Strom uns mit gleicher Geschwindigkeit fortriß. Endlich bekam ich
den schon Bewußtlosen zu fassen und arbeitete mich gut 500 Meter über
die breite Elbe ans Ufer. Als ich drüben ankomme, hat sich eine große
Menschenmenge gesammelt. Ich bin ganz erschöpft und will meinen Mann
abgeben, als ich Grund spüre. Da brach ich infolge der Kraftanstrengung
bewußtlos zusammen. Ein alter Herr will mich da mit dem Regenschirm
herangestakert und herausgeholt haben. Der Verunglückte wurde wieder
belebt und nach einer halben Stunde kam ich auch wieder zum Bewußtsein
und fuhr nach Hause.
Lebensrettungen sind verhältnismäßig langweilig zu erzählen. Ich muß sie
nur erwähnen, weil sie in meiner Laufbahn eine gewisse Rolle gespielt
haben. Im übrigen lernt man nie einen Menschen richtig retten, da man ja
nicht wie ein Bademeister immer auf der Hut steht, sondern zufällig dazu
kommt, dann ist man selber so aufgeregt, daß man die Örtlichkeit und die
Besonderheiten des Falles nicht lange überlegen kann. Im Reglement »Wie
man Ertrinkende retten soll«, ist das alles so rosig und einfach
dargestellt. Zum Beispiel: man soll den Ertrinkenden von hinten her bei
den Haaren fassen. Aber abgesehen davon, daß man oft nicht weiß, ob der
Betreffende Haare hat, ist in den Vorschriften der Fall nicht
vorgesehen, wenn ein Ertrinkender in trübem, undurchsichtigem Wasser
untergetaucht ist, wobei es leicht vorkommt, daß er einen unter Wasser
schneller anfaßt, wie man ihn selbst packen kann, und das sind die
häufigsten Fälle, denen man bei Rettung Ertrinkender begegnet.
Acht Tage später lud mich das Bezirkskommando vor; sie hatten die
Geschichte aus den Zeitungen erfahren, und ich sollte nun Zeugen
angeben, damit ich die Rettungsmedaille bekäme. Ich erwiderte, daß ich
nicht nach Zeugen suchen möchte. Es hieß aber, daß die Bestimmung Zeugen
verlangte. So konnten wir uns nicht einigen.
Inzwischen hatte ich mich zum Examen vorbereitet und meldete mich bei
Professor Bolte in Hamburg. Er fragte: »Wo sind Sie auf der Schule
gewesen?« Ich erzählte ihm, daß ich privat gearbeitet hätte. Das war ihm
sichtlich unangenehm. »Wozu haben wir unsere Schulen?«, fragte er, »wir
müssen Sie zum Examen annehmen, aber daß wir Ihnen auf den Zahn fühlen,
kann uns nicht verwehrt sein.«
»Daß Sie mehr wissen als ich, Herr Professor, davon bin ich überzeugt,«
erwiderte ich und ging nach Altona. Dort war meine Hoffnung der alte
Direktor Jansen. Augenscheinlich war er aber schon durch Fernsprecher
unterrichtet.
»Wo waren Sie auf der Schule?«, fragte er mich.
»Ich habe mich privat vorbereitet.«
»Sie sind Abiturient, nicht wahr, mit guten Grundkenntnissen?«
»Nein, ich bin Tertianer.«
»So,« sagte er, »ich bin bis zur Prima gekommen, habe es aber doch für
nötig gehalten, sieben Monate noch zur Schule zu gehen. Nun, kommen Sie
in drei Wochen zum Examen.«
Ich äußerte die Befürchtung, man wünschte wohl diejenigen auszumerzen,
welche die Schule umgingen.
Er meinte zwar, das hätte er nicht gerade gesagt, aber er interessierte
sich natürlich in besonderem Maße dafür, was dabei herausgekommen wäre.
Meine Selbstsicherheit war doch so sehr erschüttert, daß ich wiederum
weiterzog nach Flensburg, zum Oberlehrer Pfeifer. Der wollte mich gleich
annehmen, aber ich müßte mich erst in Altona bei Direktor Jansen
vorstellen. Das wäre ein so gemütlicher Mensch!
»Nein,« sagte ich, »da komme ich ja gerade her. Der Herr interessiert
sich so sehr für hohle Zähne. Können Sie mir nicht sagen, wo noch eine
Schule ist, an die ich mich wenden kann?« In Lübeck paßten mir nämlich
die Termine damals nicht.
Da riet er mir, nach Timmel bei Papenburg in Ostfriesland zu gehen, da
würden so schwerfällige Menschen unterrichtet. Papenburg ist ein kleines
Nest mitten in Ostfriesland, wo es nur Torf gibt. Es ist eigentlich die
größte Stadt der Welt, nämlich die längste, denn man braucht 2½ Stunden,
um hindurchzulaufen. Sie hat drei Postämter. In früheren Zeiten war es
eine Torfkolonie. Ein Kanal läuft hindurch und die Kolonisten haben sich
rechts und links angebaut.
Ich gehe also dorthin zur Schule. Da war ein alter, würdiger Herr mit
einem weißen, fusseligen Bart. Ich war schon gewitzigt und erzählte ihm,
ich hätte aus Gesundheitsrücksichten keine Schule besuchen können, daher
die Zeit auf meinem Krankenlager benutzt, um mich privat vorzubereiten.
Ich wäre pekuniär nicht in der Lage gewesen, die Schule noch nach meiner
Krankheit zu besuchen, wäre aber sehr fleißig gewesen usw. Ich verstand
es schon besser, mich auszudrücken.
Er meinte, das wäre ja sehr nett, es wäre ihm auch ganz angenehm, denn
sie hätten augenblicklich nur einen Schüler. Ich dachte, das hast du ja
gut getroffen. Der Schüler wäre auch recht schwach. Ach, dachte ich, das
konnte sich ja gar nicht besser treffen. Dann fragte er mich nach meinen
Personalien.
»Das ist ja eine große Freude und Ehre für uns; wie sind Sie denn gerade
auf Papenburg gekommen?«
»Hm ja! Ich hatte einen guten Freund, der hat die Schule hier besucht
und mir davon vorgeschwärmt.«
»Wie hieß er denn?«
(Du lieber Himmel) ... »Meier!«
»Von welchem Jahrgang war er denn?«
»Das weiß ich nicht mehr.«
»Hat er schon das Kapitänsexamen?«
»... Nein.«
»Na, das muß er aber auch bald machen.«
Ich erhielt einen Brief mit zu dem Direktor in Geestemünde, dort mußte
ich mich erst vorstellen. Das war ein reizender Herr, der sich sehr
freute, daß ich mein Examen machen wollte. Er könne mir das nachfühlen,
nach meiner Krankheit, daß ich schnell in die Prüfung wolle; es werde
auch schon gehen, das Examen sei in drei Wochen, ich solle da und dort
noch etwas Nachhilfeunterricht nehmen.
Dieser Nachhilfeunterricht förderte mich gut; es wurde dabei gern
zusammen eine gemütliche Pulle Rotspon getrunken. Ich war der einzige
Trost der Schule, denn der andere war immer in Schweiß gebadet vor
lauter vergeblichem Fleiß.
Das Examen nahte. Direktor Prahm und Oberlehrer Neptun, wie wir ihn
nannten, hatten die Aufsicht, und ich war wirklich als der erste fertig,
und der andere brütete da herum und schmorte. Bei mir stimmte alles, ihm
wurde noch ein bißchen unter die Arme gegriffen. Einer mußte
durchkommen, das war für die Schule ja nötig, aber schließlich kam der
andere auch noch durch. Zuletzt kam das Maschinenexamen. Das war wenig
verwickelt und beschränkte sich auf solche Fragen: Womit Dampf erzeugt
wird? Durch Hitze. Wie die beiden Rauchkammern vorn und hinten heißen?
»Vordere Rauchkammer und hintere Rauchkammer.« »Richtig.« So wurde die
Prüfung bestanden, kraftvoll mit dem Lehrer gefeiert, und dann reiste
ich stolz nach Hamburg.
Dann fuhr ich bei der Hamburg-Amerika-Linie weiter bis zum Spätjahr
1911. Dann bin ich aktiver Seeoffizier in der Kaiserlichen Marine
geworden. Der Anlaß dazu war meine fünfte Lebensrettung, die am
Weihnachtsabend dieses Jahres passierte. Ich war bei einer Feier in
Hamburg gewesen und komme nachts zurück und will an Bord meines
Schiffes, des »Meteor«. Ich stehe auf dem Fährponton und warte auf den
Fährdampfer. Neben mir steht ein Zollbeamter. Da sehe ich im trüben
Lampenscheine der Hafenbeleuchtung im Wasser einen Kerl treiben und will
mich in das Wasser stürzen. Da hält mich der Beamte zurück: »Ist es denn
nicht genug, wenn da einer ersäuft?« »Aber ich kann den Menschen doch
nicht ertrinken lassen!« »Sie sind wohl ganz verrückt, in das eiskalte
Wasser gehen zu wollen. Er hält mich am Überzieher fest, aber ich reiße
mich heraus aus dem Überzieher und springe hinunter. Donnerwetter, wie
ich in das Wasser komme -- es waren 13½ Grad Kälte in der Nacht -- war
es mir, als wenn mir einer einen glühenden Draht in den Nacken hielte.
Ich mußte noch etwa 25 Meter schwimmen, bis ich den Ertrinkenden faßte.
Die Kälte und sein Weihnachtsrausch waren sein Glück gewesen, denn er
war steif, und wer ruhig im Wasser liegt, der geht nicht so leicht
unter. Ich bringe ihn zurück zum Ponton. Das ist aber etwa einen
Meter über Wasser, und ich hätte nicht mehr die Kraft gehabt, dort
hinaufzukommen, wenn der Zollbeamte mich nicht zu fassen gekriegt und
mir herausgeholfen hätte.
»Solch oll dösiger verrückter Kerl,« sagte er, »wenn ich nich west wär,
denn wärt ji all beid' versopen.«
Man brachte mich und meinen Mann (es war der englische Matrose Pearson)
in eine Grogstube; da roch es fürchterlich nach Tabak und allem
möglichen: es waren nämlich die alten Hoppenmarkt-Löwen gemütlich beim
Weihnachtsfeiern. (Hoppenmarkt-Löwen nennt man die Männer, die den
Fischweibern die Körbe auf den Markt tragen.) Sie wickelten uns in
wollene Decken und pumpten uns einen Grog nach dem andern ein. Ich
erholte mich auch wieder und überwand den Schrecken von dem kalten
Wasser, desgleichen auch mein Mann, der nun seine zweite Ladung bekam.
Eigentümlich ist es, daß ich beim Retten Ertrinkender beinahe mehr Angst
habe als der Ertrinkende selbst. Mein Körper fliegt und zittert, wenn
ich jemandem nachspringe. Das Baden im freien Wasser ist mir deshalb
förmlich zuwider, weil mir dabei stets die Eindrücke wieder wach werden,
die ich beim Retten habe. Es ist mir beim Schwimmen, wie wenn sich einer
an einem Leibgericht einmal ordentlich überpräpelt hat; man mag es
schließlich nicht mehr. Wenn ich erst einmal im Wasser drin bin, ist mir
wieder wohler. Stoße ich aber im Wasser an irgend etwas, so geht es mir
durch und durch, und ich denke dabei stets an einen Toten.
Überall stand seit der Weihnachtsgeschichte in den Zeitungen: Hoch
klingt das Lied vom braven Mann usw. Es hieß, ich hätte fünf Menschen
das Leben gerettet und noch immer nicht die Medaille. Einer von den
fünfen war zudem eine bekannte Persönlichkeit. Aber das Bezirkskommando
beharrte immer noch bei seinen Zeugen und ich weigerte mich aus reiner
Dickköpfigkeit, sie zu beschaffen. Dem »Hamburger Fremdenblatt« verdanke
ich es in diesem Zusammenhang, daß ich aktiver Offizier geworden bin.
Denn als ich kurz nachher in Kiel eine dreimonatige Reserveoffiziersübung
mitmachte, bekam Prinz Heinrich von Preußen von mir zu hören.
Eines Tages erhalte ich eine Order und werde gefragt, ob ich Lust hätte,
aktiv zu werden. Ich erwiderte, daß dies mein sehnlichster Wunsch wäre,
ich glaubte nur, dafür zu alt zu sein. Darauf wurde mir geantwortet, das
sollte ich nicht meine Sache sein lassen. Am 3. Februar 1910 erhielt ich
ein Telegramm des Inhalts: Graf Luckner kommandiert zur Marine zwecks
späterer Aktivierung. Was war ich glücklich; Welt, was bist du schön!
Jetzt galt es zu arbeiten: Ich mußte ja nachholen, was Seekadetten und
Fähnriche sonst in 3½ Jahren lernen.
Nach dem Infanteriekursus ging es zum Torpedokursus. Diese enorme
Technik! Die Vollkommenheit des Apparates, der ganz allein arbeitet, mit
dem Tiefensteller, der erhitzten Luft, und allem, was damit
zusammenhing: nun hörte ich noch, daß es sogar vier verschiedene
Torpedos gab, die wir alle durchnehmen mußten.
Es sind hundertfünfzig Schrauben an solch einem Ding. Die Namen aller
Teile muß man behalten und den Apparat so kennen, daß man ihn selbst
zusammensetzen könnte. Ich dachte bei mir: Das lernst du nie, jetzt
bist du wieder der Dumme wie damals in Tertia.
Kapitänleutnant Kirchner interessierte sich für mich und half mir nach
Kräften. Ferner war da als Lehrer Kapitänleutnant Pochhammer, dessen
Vater zu gleicher Zeit Vorträge über Dante hielt. So ging ich fleißig
auch zu diesen Vorträgen und studierte Dante. Was wußte ich vorher
davon! Ich verstand ja auch jetzt nicht viel, aber die Beatrice hat mir
doch gefallen, das eigentümliche Mädel. Meine Danteinteressen machten
einen guten Eindruck, man drückte darauf hie und da ein Auge zu. Ich
bekam die nötige Sicherheit und bestand wieder einmal ein Examen.
[Illustration: Auf »Kronprinz«.]
Auch die Schießübungen gingen gut. Auf der Schiffsartillerieschule in
Sonderburg gab es viel Neues zu lernen, leichte, mittlere und schwere
Artillerie, die hydraulischen und die elektrischen Funktionen usw.
Junge, wat wirst du för'n kloken Keerl! Ich bekam eine wilde
Begeisterung für allen technischen Kram, so daß ich mich da wie in einen
Pott voll Erbsen hineinschmuddelte. Ich wollte immer noch mehr lernen
und dachte: Wenn du Hasen schießen kannst, dann kannst du doch auch mit
der Artillerie schießen. So habe ich auch diesen Kursus bestanden.
Mit meinen Kameraden und den Lehrern bin ich gut Freund geworden, obwohl
ich viele Neider hatte. Ich gehörte ja nie zu denen, welchen das
Begreifen leicht fiel, und nun entwickelte ich nach so viel
Hindernissen auf einmal so viel unglaubliches Glück. Ein
Korvettenkapitän hat es damals fertig gebracht zu äußern, die Marine
hielte sich jetzt gut genug als Aufnahmestätte für solche Elemente, die
aus dem Elternhaus hinausgeworfen wären. Das war seit den sechziger
Jahren auch nicht mehr vorgekommen, daß einer so wie ich in die Marine
kam.
Die Kurse machte ich aus kaiserlicher Schatulle, da an sich kein
Reserveoffizier nach den Bestimmungen aktiv werden konnte. Als Offizier
beteiligte ich mich an den Fähnrichskursen und erhielt obendrein 300
Mark monatliche Kommandozulage auf private Kosten Seiner Majestät.
[Illustration: Auf »Kronprinz«.]
Mein erstes Schiff war die »Preußen«, da war ein wirklich bedeutender
Mann erster Offizier, der Korvettenkapitän v. Bülow, der sich meiner
annahm. Durch sein erweckendes Interesse arbeitete ich mich wunderbar
ein. Ich lernte alle die »Rollen« aufbauen, die es gab, Reinschiff,
Bootsrolle, Klar Schiff zum Gefecht usw., die Flut- und Lenzeinrichtung:
kurz alles, was dazu gehört, holte ich in Bälde nach. Die Hauptsache ist
der resolute Entschluß, der bei vielen Menschen fehlt. Die Kritik macht
es nicht. Man muß nur die Richtung haben, wohin man will, den freien
Willen darauf lenken und nicht fragen, ob es so oder anders kommen
könnte. Das habe ich immer empfunden, auch als ich später auf meinem
»Seeadler« war.
Mein Jahr Probedienstleistung war um, und vom Kabinett wurde Bericht
eingefordert. Darauf teilte man mir mit, daß ich drei Jahre
vorpatentiert wäre, und so lauteten die gnädigen kaiserlichen Worte:
»Bei weiterer günstiger Berichterstattung über den genannten Offizier
behalte Ich Mir vor, sein Dienstalter abermals zu erhöhen.«
[Illustration: Auf »Kronprinz«.]
Als die endgültige Aktivierung gekommen war, hatte ich doch das Gefühl:
jetzt bist du nicht mehr abhängig von der Reederei, vom Inspektor, der
einen einfach an die Luft setzen kann. Der »olle Seemann« war abgetan.
Jetzt durfte man nicht mehr mit dem Löffel einhauen. Die »Gesellschaft«
lag nicht mehr in unerreichbarer Ferne. Man fühlte, wie man gewandter
wurde und fand sich in die neue Rolle. Die Kieler Woche ward mitgemacht
und mancher sportliche Preis dabei geholt. Je mehr ich aber so
hineinkam, um so mehr sproßte auch die Sehnsucht nach dem Vergangenen
wieder im Stillen. Nachdem ich mein Steuermannsexamen gemacht hatte, war
mein Fuß ja auf kein Segelschiff mehr gekommen. Aber die heimliche Liebe
verließ mich nicht. Auf der »Preußen« habe ich meinen ersten Rückfall
gehabt und in meiner freien Zeit das Modell eines Segelschiffes
geschnitzt.
Jetzt wurde ich Wachoffizier. Das ist der wichtigste Posten für einen
jungen Marineoffizier, wo er selbständig Wache gehen, das Schiff im
Verbande führen muß usw. Ich hatte anfangs einige Schwierigkeiten mit
den Leuten, die mir den Aufstieg nicht gönnten und äußerst mißtrauisch
aufpaßten, wie ich meine Sache machte. Endlich kam meine Beförderung zum
Oberleutnant heraus, und ich trat meinen ersten Urlaub an.
Ich fuhr wie üblich nach Hamburg.
Dort sitze ich mit einem Bekannten zusammen, der eine Reederei hatte,
und sage zu ihm: »Ich möchte doch einmal wieder an Bord eines
Segelschiffes. Wie ich heute durch den Hafen fuhr, merkte ich, wie man
an den Schiffen hängt. Ich denke an den Feierabend an Bord, wo man die
Handharmonika hörte, wenn die Sonne unterging, und hatte Heimweh nach
meinen schönsten Stunden.«
Er sagte: »Du bist wohl verrückt. Jeder strebt doch vorwärts. Man denkt
wohl gern an die Zeiten, die man erlebt hat. Aber das habe ich doch nie
gesehen, daß ein Diplomingenieur wieder Sehnsucht hat, am Amboß zu
stehen.«
Dann war er aber einverstanden, mich wieder auf ein Segelschiff zu
bringen.
Wenn ein Segelschiff in den Hafen kommt, wird es gelöscht, die Leute
mustern ab. Wird es neu beladen, so mustert man die Mannschaft
allmählich wieder an. Die einzelnen werden zunächst vorgemustert, und
erst wenn eine ganze Mannschaft beisammen ist, werden sie alle auf
einmal vom Seeamt angemustert. Ich ließ mir also von meinem Bekannten
einen Vormusterungsschein geben für das Schiff »Hannah«, ging in ein
Ausrüstungsgeschäft für Seeleute und kaufte mir Arbeitshose und Hemd,
Matratze und Decke. Letzteres lasse ich an Bord schicken. Das Zeug und
eine blauweiße Bluse, wie die Seeleute sie tragen, ferner eine Mütze
nehme ich persönlich mit, packe alles in meinem Hotel in die Handtasche
um und lasse mir eine Droschke kommen. Ich sage dem Kutscher, er solle
mich nach der Rosenbrücke fahren, nach dem Baumwall. Während der Fahrt
ziehe ich meine Uniform aus, die Arbeitshose an, binde den Riemen um den
Leib und packe die Uniform in die Handtasche und schließe sie ab.
Wir kommen am Ziel an, ich steige aus.
Der Kutscher macht große Augen: »Wat is denn dat? Sind Se de
Seeoffizier, de mit mi von Hotel Atlantic kamen is?«
»Jawohl.«
»Se, Se! Wat wüllt Se don? Se wüllt sik afsupen (ertränken) hier! So'n
junges Leben! Don Se mi dat nich an! Warom hewwt Se sik anner Tüg
antrokken? Se wüllt sik unkenntlich moken.«
Ich versuche ihn zu beruhigen und sage, ich hätte hier etwas zu
besorgen. Aber er ließ sich nicht begütigen: »Ne, Se wüllt sik afsupen.
Seggn Se mi doch, wat Se hebben, Se bruk sik doch nich glik Ehr junges
Leben to nehmen!«
Ich sagte ihm, er sollte ruhig meine Tasche nach dem Hotel zurückfahren,
ich gäbe ihm das Doppelte, was die Fahrt kosten sollte.
»Un Se komm' nich wedder?«
»Doch ich komme wieder.«
Schließlich mußte ich ihm im Vertrauen sagen, ich hätte hier eine Sache
aufzuklären und müßte da als Matrose auftreten, könnte nicht in Uniform
hinkommen. Er fragt, ob er denn das auch glauben dürfte? Ich versicherte
es ihm. Da, wie er losfährt, dreht er sich noch einmal um und sagt: »He
=deit doch dat nich=?«
Ich gehe also auf einen Jollenführer los, mache mir unterwegs die Hände
schmutzig, reibe mir Staub in die Poren, wiege mich beim Gehen, wie ein
Seemann, mache mir das feine Benehmen ordentlich aus, versuche, ob ich
noch spucken könne, und rauche meine Piep an. So trollte ich an Bord,
die Hände in den Hosentaschen. »Gu'n Tag« segg ick zum Steuermann und
zeige ihm meinen Vormusterungsschein. Er fragte mich, wo ich gefahren
hätte, wie lange ich zur See wäre, und alle solche Fragen.
»Wie lange seid Ihr an Land?«
»Drei Wochen.«
»Na, Filax Lüdicke denn komm man un mak di an de Arbeit.«
»Ne, ik hev doch min Tüg noch nich hier. Do sind doch blot ok drei Mann
an Bord.«
»Ja, dat deit doch nix.«
»Un wenn ik nu nich kamen wär?«
»Denn wär eben 'n annern kamen.«
»Ne, vormittags törn ich nich to.«
Dabei blieb es. Ich gehe noch nicht an die Arbeit, sondern schlendre
nach vorn, da sehe ich auch schon den Smutje stehen, einen breiten Kerl
mit rotem Bart. Er fragt mich: »Wat war din letztes Schip?« und meinte
dann: »N' feinen Kaptein, n' fein Schip. Ik mak schon de tweete Reis'
hier.«
Da seh ich auch so einen lütjen Nauke beim Tellerabwaschen und denke bei
mir: »Der ist genau wie du damals so ungeschickt.«
Ich komme nach vorn ins Logis, da sitzen ein Hein und ein Jan auf einer
Kiste mit ihrer Piep. Beide haben sich von der Arbeit gedrückt. Ich
wollte sehen, ob sie was merken, und fange an, mich mit ihnen zu
unterhalten. Hein fragt: »Wie heest du?«
»Filax.«
»Du büst woll lang an Land west?«
»Wo so?«
»Du sühst so fein ut. Du hest de Hoor so fein sneden und büst so fein
rasiert. Wo hest du fohrt?«
»Op de Persimon.« Das Schiff hatte ich gerade da liegen sehen.
»Da fahr ik nich mehr. Bei Laeisz, da gibt et nix to freeten. Hast du
nich 'n Olsch (Alte)?«
»Ne.«
»Ik hev 'n Olsch, de wär all dreimal verheirat, un hett nie den
Richtigen kriegen können, awwer jetzt, seggt sie selbst, hett se 'n
ganzen Kerl.«
»Wat is se denn?«
»Plätterolsch. Die kann plätten! Und hett mi all in Stand sett, und nu
is se so glücklich. Dat kann ik di seggn, abends, da bringt se mi warm
Eten. Dat is ne feine Deern, de hett Sneid.«
»Ik freu mi ja bannig, dat se an Bord kümmt,« sag ich.
Wir unterhalten uns so, da kommt der Steuermann: »Mokt dat Ji rut kümmt,
de Filax kann sin Tüg utpacken un an de Arbeit gohn.«
»Ne,« sag ich, »ik hebbt seggt, erst Nachmittag.« Ich dachte, du mußt
ordentlich großspurig sein; das ist nämlich beim Seemann ein Zeichen,
daß er was kann.
Dann kommt der Kapitän von Land und fragt den Steuermann: »Wat hevt wi
för Lüd kregen?«
»Een Mann is hüt kamen, de lang na See to fohrt, awwer he is höll'sch
altbacksch.«
»He soll mal rut komm'.«
Nauke wird geschickt: der Filax soll mal achtern rut komm'n taun
Kaptein.