»Ja Nauke, wenn ich das wüßte.«
Ein Pfiff ertönt, Pferdegalopp, und etwa vier Menschen laufen zu Fuß
hinterdrein. Sie vermuteten uns auf dem Weg, den wir hergekommen waren.
Wir liefen aber am Haus vorbei nach der entgegengesetzten Richtung und
kamen nach längerem Umherirren wieder in Honolulu an den Strandweg. Ich
erzählte alles einem Polizisten. Der zuckte mit den Achseln. Wenn er
ausfindig machen sollte, wie oft hier Seeleute verschwänden, müßte eine
ganz andere Organisation erst neu geschaffen werden. Wir erzählten es
dem Kapitän, der sagte aber: »Sie hätten euch ruhig das Jack vertobacken
sollen, was treibt ihr euch auch draußen herum?«
Wir Kameraden verabredeten, am nächsten Sonntag die Bude in der Plantage
zu stürmen, und legten uns allerlei Waffen dafür zurecht. Aber am
Freitag kam der Befehl: Quarantäne! Da war eine ansteckende Krankheit
ausgebrochen.
So blieb für mich das Rätsel dieses Erlebnisses bis heute ungelöst wie
ein wirrer Traum. Ich weiß nicht, ob einer meiner Leser über den
Schlüssel des Verständnisses verfügt.
Das Messer hatte ich übrigens tatsächlich beim Koch liegen lassen.
So war alles ganz klug eingefädelt: Nauke bekam als der Schwächere den
Pudding. Erst sollte ich allein abgefertigt werden. Ein älterer Herr,
der Honolulu gut kannte, erzählte mir später, daß schon viele Seeleute
verschwunden wären, aber ein so genauer Bericht, wie der meinige, war
ihm noch nie bekannt geworden. Vielleicht haben alle anderen, die in
jenes Haus kamen, keine Gelegenheit mehr gehabt, zu berichten.
Ich sollte noch eine sehr peinliche Erfahrung durchmachen, bevor mein
brennender Drang, neue Berufe kennenzulernen, sich endgültig legte. Ein
Freund vom Schiff, August H., ein Neffe des berühmten Schäfers Ast, aus
Winsen an der Luhe, heckte einen Plan aus, an dem ich großen Gefallen
fand. Der Leser wird dem, was ich jetzt zu berichten habe, nur mit
Kopfschütteln folgen, auch wenn er bedenkt, daß ich noch in dem Alter
stand, welches Schülerstreichen eine gewisse Straflosigkeit verleiht,
und wenn man hinzurechnet, daß meine Erziehung doch stark aus den Fugen
gegangen war und das Herumschweifen unter immer neuen Menschen und
Völkern zur Festigung der moralischen Begriffe nicht gerade beitragen
konnte. Bei der Erinnerung an jene Tage kecken Schiffsraubs ist klar,
daß nicht nur äußere, sondern auch innere Gefahren meine Entwicklung
bedroht haben, und daß ich dem Geschick danken muß, das mich durch diese
verschlungenen Pfade doch nach oben geführt hat.
Also, mein Freund August und ich fanden es notwendig, einmal aus der
abhängigen Stellung an Bord hinüberzuwechseln zu einem selbständigen
Beruf, bei dem wir unser eigener Herr waren. Als Ideal erschien uns
diesmal das Fischerleben. Die Fische wollten wir schon besorgen, aber es
fehlte uns zunächst an einem dazugehörigen Fahrzeug. Es ist keine
Fischerei so ergiebig wie bei Vancouver. Ferner mußte ich ein Gewehr
haben. Wir wollten heute ein bischen fischen und morgen ein bischen
jagen und zugleich ein Schiff haben, damit wir uns sagen konnten, wir
hätten eine Heimat. Ein Gastwirt an Land, ein Stettiner, der uns viel
von den Rocky Mountains erzählte, hatte uns auch ein Gewehr gezeigt,
zwölfschüssig, System »Winchester Rifle«. Er sagte, daß es für drei
Dollar zu bekommen wäre. Es stand fest, daß wir ein »Winchester Rifle«
haben mußten. Bald waren wir glückliche Besitzer; das Gewehr wurde an
Bord versteckt. Wenn wir dann im Schiff den Rost zu klopfen hatten,
machten wir beim Schein der Petroleumfunzel in der Vorpik die
phantastischsten Pläne. Wir kamen auf die Idee, in dem Fischerdorf
Modeville eines der Segelboote an uns zu nehmen, dann hätten wir eine
Heimat, könnten Fische fangen und hinfahren, wo wir hinwollten. Wir
hielten uns den ganzen Abend in Modeville auf; man sah die Lagerfeuer
der Eingeborenen, die Halbindianer sind. Ich bekam Angst, weil die Hunde
so kläfften. Kleine Boote lagen am Ufer, wir nahmen eins, steuerten ein
Segelboot an, gingen leise hinauf und kappten einfach den Anker; das
Segel hatten wir schon losgemacht, es war zum Trocknen nur leicht
befestigt. Da nur wenig Wind war, trieben wir ganz langsam vom Land ab.
Kaum sind wir in Bewegung und haben das Segel gerade hoch, da sieht es
einer vom Land und glaubt, das Boot treibe ab. Sie machen ein Boot klar,
eilen sich noch gar nicht, denn das nur halb geheißte Segel war ihnen
nicht verdächtig. Da reißen wir noch einmal an der Gaffel, und das sehen
sie. Sie kommen immer näher. Was machen? Da endlich kommt das Boot aus
dem Lee der hohen Berge frei, und wir erhalten Wind. Ausgerissen sind
wir wie der Teufel. Da schossen sie an Land, aber wir sind glücklich
durchgekommen und die ganze Nacht gefahren nach Seattle herunter. Da
liegt ein deutsches Segelschiff, das außenbords gemalt wird. Wir kommen
vorbei und bitten um Schwarzbrot, Schiffszwieback und weiße Farbe. Mit
der Farbe haben wir das Boot weiß gestrichen und dann Fischerei
getrieben. Aber wir waren doch Zugvögel, die nicht an einem Platz
bleiben konnten. Nach kurzer Zeit hatten wir vom Fischen genug und
wollten das Boot heimlich wieder nach Modeville zurückbringen. Dabei
wurden wir entdeckt und als jugendliche Übeltäter vors Fürsorgegericht
gebracht. Die Taugenichtse wurden noch glimpflich behandelt und ein paar
Wochen unter Aufsicht gestellt. Wenn die Engländer freilich gewußt
hätten, daß sich mit diesem Schiffemausen ein Talent für später regte,
so hätten sie die Fürsorgeerziehung wohl über den Weltkrieg hinweg
ausgedehnt.
[Illustration: Phylax Lüdicke.]
Drittes Kapitel.
Als Matrose rund um die Welt.
Nach diesen bösen Erfahrungen zog es mich wieder nach der Heimat. Darum
musterte ich auf dem englischen Viermaster »Pinmore« an. Auf ihr habe
ich nun die längste ununterbrochene Seereise meines Lebens gemacht, 285
Tage von San Franzisko bis nach Liverpool. Wir hatten lange
stillgelegen und wurden dann bei Kap Horn durch viele Stürme
aufgehalten. Das Unangenehme war, daß wir nur für 180 Tage Rationen
mithatten und auch das Wasser knapp und brackig wurde, da die Wellen in
die Wassertanks eingedrungen waren. So starben unterwegs sechs Mann an
Skorbut und Beriberi. Die Krankheit ging so weit, daß die Beine und der
Unterkörper wässerig anschwollen und beim Druck darauf die Druckstelle
nicht mehr zurückging. Wir fuhren nur mit Sturmsegel, weil keiner von
uns mehr imstande war, in die Takelage zu gehen. Wir lebten von halben
Rationen.
[Illustration: »... Es war, als ob der Teufel auf >Pinmore< wäre.«]
Es war, als ob der Teufel auf dem Schiffe wäre. Kein Schiff, das wir um
Proviant hätten bitten können, begegnete uns auf dieser Fahrt. Keine der
Regenböen, die wir in der Ferne vorüberziehen sahen, senkte sich auf uns
nieder, um Wasser zu spenden. Als wir vor England auf der Höhe der
Scillys waren, wurde die letzte Portion Erbsen ausgegeben, und als im
Sankt Georgskanal der Schlepper kam, schrien wir alle: »Wasser, Wasser!«
Wenn man jetzt auch so viel trank, daß man sich übergeben mußte, der
Durst war nicht im mindesten gelöscht, so ausgedörrt war der Körper. So
verließ ich die »Pinmore«; unter welch eigentümlichen Umständen ich sie
als Pirat wieder betreten sollte, werde ich später erzählen.
Nach vierzehntägigem Lazarettaufenthalt ging es per Bahn nach Grimsby,
von da mit einem Wochendampfer nach Hamburg. Ich hatte gut verdient und
an die tausend Mark Erspartes mitgebracht. Die ließ ich mir in Silber
einwechseln, um recht viel zu haben.
Stolz schlenderte ich als Vollmatrose durch die Stadt. Es war Dezember,
die Zeit des Hamburger »Doms«, an welchem Volksbelustigungen aller Art
stattfinden.
Da war auch Lipstulian, der Ringkämpfer, 50 Mark waren ausgesetzt, für
den, welcher ihn würfe.
Die Kameraden sagten: »Mensch, das laß dir doch nicht zweimal sagen, du
schmeißt doch den Kerl.«
»Das mache ich nicht,« meinte ich, »wir sind doch in Hamburg.«
Aber Lipstulian rief: »Mensch, bring di en Büdel (Beutel) mit, dat du
din Knoken da drin wedder nah Hus nehmen kannst.«
Diese Äußerung fasse ich doch als Beleidigung auf und steige aufs
Podium. Der Ausschreier ruft: »Hereinspaziert, meine Herrschaften, das
Opfer hat sich gefunden.« Lipstulian läuft wie ein Stier auf und ab.
Meinen Geldbeutel hatte ich unserem Segelmacher zur Aufbewahrung
gegeben.
Ich werde in eine kleine Bude geführt, bekomme ein rot und weiß
gestreiftes Hemd an und einen Gürtel.
Das Zelt füllt sich. Man hatte das Eintrittsgeld rasch erhöht.
Wie ich auf das Podium herauskomme, schaut Lipstulian meine Arme an und
wird stiller. Der Ausrufer verkündigt: »Noch sind es Freunde, noch
reichen sie sich die Hand.« Dann ging es los. Es war aber kein
technischer Ringkampf, sondern lediglich eine Kraftprobe. Er will mich
zu sich heranziehen und überkippen, als ich noch dastehe, bevor das
Zeichen gegeben war. Da wurde ich wütend. Es ging immer abwechselnd mit
dem Angriff. Ich setzte an, konnte ihn aber nicht lüften. Die Leute
riefen: »Du bist doch ein Hamburger, du mußt doch den Kerl kriegen!« Ein
Schiffsmaat setzte noch 50 Mark, wenn ich ihn runterbrächte. Beim
dritten Male ziehe ich ihn hoch, drehe ihn herum, er will sich mit dem
Fuß gegen eine Zeltstütze halten, rutscht aber dabei aus. Ich werfe ihn,
er liegt auf dem Boden. Da behauptet der Ausschreier, ich hätte ihn
nicht auf dem Rücken gehabt. Aber da bewegte sich das Zelt geradezu in
Diagonalen vor Empörung des Publikums. Man bezahlte mich in Silber, gab
mir aber nur 20 Mark statt der vereinbarten 50. Ich sollte darüber kein
Aufsehen erregen, wurde von den Kameraden auf den Schultern in eine der
nächsten Zeltwirtschaften getragen und mußte hier feste als Sieger
ausgeben.
[Illustration: Als »Meisterschaftsringer von St. Pauli«.]
Das blieb mein einziges öffentliches Auftreten als Athlet. Aber die in
Queensland erworbene Kraft habe ich mir auch später durch Übungen zu
erhalten gesucht und ihr verdanke ich es, daß ich kürzlich in
Düsternbrook, selbst unbewaffnet und allein, zwei Straßenräuber, die
mich mit zwei Parabellumpistolen und einem Totschläger anfielen,
entwaffnen und niederschlagen konnte. Bei der bedauerlichen
Unsicherheit, die sich in Deutschland verbreitet hat, kann ich
wenigstens diesen Teil meiner ungewöhnlichen Erziehung zur allgemeinen
Einführung empfehlen.
Nach vierzehntägigem Landaufenthalte musterte ich an Bord der »Cäsarea«
an; das war mein erstes deutsches Schiff.
[Illustration:
»... musterte ich an Bord der >Cäsarea< an.« (× Phylax Lüdicke.)]
Freund Nauke kam mit. Die Reise ging wieder nach Australien, und zwar
nach Melbourne mit einer Ladung Stückgüter. Der Kapitän war in vielem
tüchtig, aber ein Genie an Knickrigkeit, und der Koch arbeitete in
seinem Sinn und unterstützte ihn, indem er uns mangelhaft verpflegte.
Der Schiffskoch heißt in der Schiffssprache »Smutje«, d. h.
Schmierlappen.
Ich sitze eines Tages im Top auf der Bramrahe und denke an gar nichts,
und Smutje hantiert in der Kombüse unten und pfeift das Lied: »Mein
Herz, das ist ein Bienenhaus« so recht süß und selig vor sich hin. Da
auf einmal werden zwei Arme sichtbar und zwischen ihnen ein Tablett. Was
schiebt der Smutje denn da aus der Kombüse heraus auf das Dach? Ich
traue meinen Augen nicht, ein ganzes Tablett voll Pfannkuchen.
Was? denk ich, Pannkauken auf hoher See, tausend Meilen ab vom Land,
frisch und warm ...
Die schrien mich ja ordentlich an. Ich von oben herabgerutscht,
rangeschlichen, die Pannkauken in die offene Brust gestopft ... was war
das heiß, aber einerlei ... und wieder auf den Mast zu meinem Platz. Ich
verbrannte mir das Fell, aber was tat das. Vierzehn Pannkauken, was ist
das für ein Genuß.
Smutje flötet immer weiter. Na, du wirst schon merken, was dein Herz für
ein Bienenhaus ist!
Nach einer Weile greift Smutje mit einem sicheren Griff herauf nach den
inzwischen genügend gekühlten Kuchen, ganz vorsichtig, damit bloß kein
Pfannkuchen herausfällt ... Man hört einen langen Durchreißerauspfiff
und dann den erstickten Schrei: »Min Pannkauken ...«
Er geht auf das Kombüsenhaus, in der Meinung, daß sie vielleicht durch
das Rollen des Schiffes aus dem Tablett gerutscht seien. Auch das nicht!
So ein Spitzbubenpack, verdammtes!