13. Kapitel: Schiffbruch und Robinsonleben 200
14. Kapitel: Zweitausenddreihundert Seemeilen im offenen Boot 219
15. Kapitel: Im Zuchthaus 237
16. Kapitel: Auf Motuihi 249
17. Kapitel: Flucht und neue Kaperfahrt 276
Letztes Kapitel: Der Vogel im Käfig 291
Die Besatzung des »Seeadler« 310
Die Besatzung der »Kronprinzessin Cäcilie« und der »Moa« 311
Verzeichnis der Abbildungen 315
Das Umschlagbild mit Darstellung des »Seeadler« wurde mit gütiger
Erlaubnis des Marinemalers =Christopher Rave= nach einem im Besitze des
Grafen =Luckner= befindlichen Ölgemälde gedruckt.
Neben dem Verfasser haben hauptsächlich die Herren =Karl Kircheiß=, =Alfred
Kling=, =Franz Pfeil= und =R. Hofmann= durch Übermittlung der in ihrem
Besitz befindlichen Photographien den reichen Bilderschmuck ermöglicht.
Seit Erscheinen der 1. Auflage ist das von =I. K. H. der Kronprinzessin=
dem Seeadler bei seiner Ausfahrt gestiftete Bild in Deutschland
eingetroffen. Auf Seite 151 findet sich eine getreue Reproduktion des
Originals. Die Wiedergabe erfolgt mit Erlaubnis der Firma W.
Niederastroth, Kgl. Hofphotograph, Potsdam.
Allen Genannten sei auch an dieser Stelle verbindlichster Dank
ausgesprochen.
Auf Grund von Aufzeichnungen, die Leutnant z. S. =Kling= nach seiner
Rückkehr aus Chile in freundlicher Weise zur Verfügung stellte, konnten
die Erlebnisse des in Mopelia verbliebenen Hauptteiles der
Seeadler-Besatzung in der vorliegenden Auflage (Seite 247/48)
ausführlicher behandelt werden. Den vielen Freunden des Buches wird
diese Ergänzung willkommen sein.
Die Verlagsbuchhandlung.
Erster Teil.
Erstes Kapitel.
Wie ein Seemann entsteht.
Seitdem ich das vielleicht letzte Segelschiff der Kriegsgeschichte auf
seiner Piratenfahrt geführt habe, werde ich häufig von Freunden und
Fremden nach meinen Lebensschicksalen gefragt. Man vermutet, daß nicht
ganz normale Entwicklungslinien zu dem ungewöhnlichen Gedanken
hingeführt haben, im zwanzigsten Jahrhundert den Krieg per Segel auf das
Weltmeer hinauszutragen.
In der Tat habe ich mancherlei rund um die Welt erlebt und aus
besonderen Tiefen mich emporarbeiten müssen. Heute als Seeoffizier in
der deutschen Reichskriegsmarine sollte ich vielleicht verheimlichen,
was alles ich schon in meinem Leben gewesen bin. Aber da nun einmal
meine besondere Art und Weise, Krieg zu führen, nur aus meiner
Jugendentwicklung zu verstehen ist, so will ich ruhig bekennen, wie mich
der Seeteufel von frühen Tagen an beim Schopf gefaßt und hin und her
geschleudert hat.
Ihr, in glückliche Lebenslagen Hineingeborene, seid nicht zu streng mit
armen Schelmen, die ihren Geburtsschein eine Zeitlang in den Strumpf
wickeln müssen; vielleicht ziehen sie ihn später wieder mit Ehren
heraus. Und ihr, die ihr hart und mühselig arbeitet, um einen Weg aus
der Niederung des Lebens emporzuklimmen, verzaget nie! Das Mauseloch
findet sich. Vielleicht steht auch ihr noch einmal auf der
Kommandobrücke.
Und ihr deutschen Leser insgesamt, denen das Herz blutet beim Gedanken
an die weite, herrliche, große See, wo jetzt die deutsche Flagge nicht
mehr fahren soll, seid getrost! Ein Volk, das die blauen Jungens vom
»Seeadler« hervorgebracht hat, wird auch die See wieder grüßen dürfen,
dessen seid in Not und Schmach gewiß!
Wenn ich nun so unbescheiden sein darf, von mir zu erzählen, ersuche ich
den geduldigen Leser, sich zunächst in die Quinta des Gymnasiums zu
Dresden zu versetzen, und zwar genauer in die Seele eines bereits recht
hoch aufgeschossenen, in Quinta doppelt seßhaften Jünglings.
Als ich nicht nach Quarta versetzt wurde, wie ich versprochen hatte, gab
es zu Hause das Jack voll.
Meine Großmutter aber hatte eine andere Erziehungsart als mein Vater.
Sie war viel sanftmütiger und weicher.
Es ging ihr immer wie ein Stich durchs Herz, wenn man mich mit brutaler
Gewalt bessern wollte. Eines Tages sagte sie zu meinem Vater: »Ich will
mal versuchen, den Jungen mit Liebe zu erziehen.«
»Du wirst den Bengel noch mehr verderben, aber versuch' es,« war die
Antwort.
Großmutter nahm mich beiseite und sprach: »Kind, wenn du versprichst,
fleißig zu sein, erhältst du für jeden Platz, den du in der Klasse
hinaufkommst, fünfzig Pfennige.«
Im Augenblick war ich außerstande auszurechnen, wieviel Geld ich dabei
verdienen konnte, aber ich sagte: »Großmütterchen, ich verspreche dir,
fleißig zu sein.«
»Das genügt,« sagte sie.
Ich war so stolz, daß man mir solches Vertrauen schenkte, und fing an
tüchtig zu arbeiten. Das erste Extemporale kam, aber ich ging enttäuscht
nach Hause und sagte: »Nicht versetzt.«
»Macht nichts, mein Kind,« sagte Großmütterchen, »ich merke, dein
Ehrgeiz rührt sich.«
Das nächste Mal: Vier Plätze höher. »Siehst du,« sagte sie, »das ist der
Lohn deines Fleißes.« Also zwei Mark.
Das nächste Mal: Zwei Plätze herunter. »Macht nichts,« meinte die
Großmutter. »Du kannst dich noch nicht auf solcher Höhe halten, bewahre
nur deinen Ehrgeiz.«
Sie zog aber die heruntergekommenen Plätze nicht ab. Ich entdeckte, daß
ich somit aus allen Geldverlegenheiten kommen könnte. An Gewinnsucht
habe ich nie besonders gelitten, aber die Sache hatte auch ihre
sportliche Seite. Ich wollte mir nämlich eine Karnickelzucht anlegen und
einen Kaninchenbock kaufen. Der kostete 7 Mark, dazu mußte ich also
mindestens 14 Plätze springen.
Und es gelang!
Freilich nur ganz vorübergehend. Der Mammon machte mich zu einem ganz
abscheulichen Kerl. Die Sprünge hinauf und hinunter wurden infolgedessen
immer größer, immer gewagter. Ich wurde auf diese Weise eines Tages
sogar Primus.
Großmutter selbst legte mir nahe, es dem Vater noch nicht zu erzählen.
Aber als sie in jenen Tagen einmal den Gymnasialdirektor Oertel traf,
konnte sie ihren Stolz doch nicht zurückhalten: »Was sagen Sie nun zu
Felix? Das Kind ist durch meine Methode, durch diese bescheidene Sache
mit den fünfzig Pfennigen, sogar Primus geworden. Ich bin so glücklich.
Was steckt doch in dem Kinde.«
Da sagte der Direktor erstaunt: »Felix Primus? Das muß wohl ein Irrtum
sein. Der Ordinarius hat ja in keiner Konferenz etwas davon erwähnt. Ich
glaube, Felix ist immer noch der Letzte.«
Großmütterchen war außer sich. Sie eilte nach Hause und machte mir die
bittersten Vorwürfe, doch so, daß Vater nichts hörte. Denn sie wollte
sich nicht mit ihrer Erziehungsweise blamieren. Nun besaß sie zwei
Möpse. Georg, der jüngere, war 13 Jahre alt, Friedrich, der ältere, 14
Jahre; beide waren starke Asthmatiker. Georg fuhr immer Schlitten auf
dem Teppich, wenn er unten gewesen war. Dem Friedrich mußte das wohl
gefallen und er ahmte es nach, gerade als Großmütterchen mich vorhatte.
So wurde sie von dem Thema abgelenkt und bemerkte dabei, daß der
Friedrich eine unverdauliche Wurstschnur gefaßt hatte, die ihn genierte
und die er eben abschleppen wollte. Georg lag seines Asthmas wegen am
Sessel und pumpte Luft. Großmütterchen, als sie Friedrich sah, war ganz
entsetzt, denn ihre Möpse standen ihr näher, und dabei entschlüpfte ich
ihrer Strafpredigt. Nachdem Großmutter sich wieder mir zugewandt hatte,
erklärte sie nur noch kurz: »Mit uns beiden ist es aus!« und so stand
ich in meiner ganzen Schlechtigkeit wieder auf neutraler Zone, ihr nicht
zu nahe und dem alten Herrn nicht zu nahe. Aus einem solchen Bösewicht
konnte alles werden, nur nichts Ordentliches.
Als Ostern herankam, wurde ich versuchsweise versetzt, aber mir
nahegelegt, die Schule zu verlassen. So kam ich nach Halle a. Saale, zu
Hütter & Zander, einer berühmten Presse, die vielerlei versprach und
mich durchaus noch nicht verloren gab. Versetzt mußte ich ja schließlich
noch ein paarmal werden, um die Offizierslaufbahn einschlagen zu können.
Mein Vater nahm mir noch einmal das Versprechen ab, mich ernstlich
dahinterzusetzen, um Kaisers Rock tragen zu können.
Das ging mir sehr nahe. Ich versicherte: »Ja Vater, ich werde versetzt!
Ich verspreche dir, Kaisers Rock in Ehren zu tragen.«
Ich ahnte damals so wenig wie mein Vater, daß ich den zweiten Teil
dieses Gelöbnisses einmal auch ohne den ersten Teil erfüllen konnte.
Freilich nur nach ungewöhnlichen Krisen.
Vater versprach mir seinerseits, daß ich in den Ferien zu meinem Vetter
reisen dürfte, wenn ich zu Ostern versetzt würde. Die Ferien begannen;
ich aber fiel durch.
Meine Eltern waren verreist. Der Hauslehrer, ein Student, der Vollmacht
erhalten hatte, mir die Reiseerlaubnis zu erteilen, kam mir schon
entgegen: »Bist du versetzt?«
Ich biß auf die Zähne und erwiderte: »Jawohl, aber der Rektor ist
verreist und hat die Zensur noch nicht unterschreiben können. Sie wird
nach der Unterschrift per Post an Ihre Adresse gehen.«
Der Student war hocherfreut, daß sein Unterricht Erfolg gehabt hatte und
beglückwünschte mich. Ich durfte reisen.
Ich traf nun in Ruhe meine Vorbereitungen.
Mein Bruder und ich besaßen jeder eine Kasse, da wurde, wenn Onkel oder
Tante zu Besuch kamen, zuweilen je ein Goldfuchs hineingesteckt. Diese
Kasse sollte schon immer mein Retter in der Not sein. Ich holte meine 80
Mark heraus, nahm aus meines Bruders Kasse auch 40 Mark ... sollten sie
liegen bleiben? Etwas wollte ich ihm ja lassen ... Aber es handelte sich
jetzt für mich um das Betriebskapital zur Gründung einer Existenz, und
ich hoffte, ihm diese Zwangsanleihe dereinst mit Zins und Zinseszins
zurückzahlen zu können. Mein Plan war einfach und beruhte auf angenehmen
Vorstellungen, die das wenige, was ich vom Seemannsleben wußte, in mir
erweckt hatte (das Landleben war mir in meinem bisherigen Schuldasein
über große Strecken hin reichlich trocken vorgekommen). Insbesondere war
mir einmal eine Speisekarte des Schnelldampfers »Fürst Bismarck« in die
Hand gefallen. »Was, so feine Sachen gibt das auf See? Und Offizier auf
einem solchen Schiff kann jeder werden?« Man hat Geschichten gelesen vom
listenreichen Odysseus, der im Meer so viel herzkränkende Leiden
erduldet, von Sindbad, dem Seefahrer. Aber diese größeren Vorgänger
können dem ewigen Tertianer, der weder ein griechischer König noch ein
arabischer Kaufmann ist, wenig praktische Winke für die Laufbahn
hinterlassen. Seemännische Erfahrungen hatte ich bisher nur auf der
Saale sammeln können, insbesondere in der Badeanstalt, wo mir Paddel- und
Rammversuche mit einem selbstgezimmerten Kistenboot den Spitznamen
»Seeräuber« eingetragen hatten.
Nun packte ich die Koffer, Jagdzeug vom Vater, Revolver und Dolch, und
alles, was man in dieser Richtung brauchen konnte, dazu auch eine
Tabakspfeife. Dann ging ich zum Bahnhof und fuhr nach Hamburg. Ich
wollte gleich von unten anfangen und dachte: IV. Klasse ist das
richtige. Ein Schlachtergeselle wurde mein Sitznachbar; der wollte auch
zur See gehen. Weshalb, begriff ich nicht ganz. Bei mir wäre ohne Latein
nie dieser Schwung in das Leben gekommen.
Als wir abends um ½11 Uhr am Klostertorbahnhof ankamen, sah ich ein
großes Schild: »Concordia-Schlafsäle, Bett 50 Pfennig und 75 Pfennig.«
Ich fand das für meinen Barbestand schon reichlich vornehm. Ein
Dienstmann mit zweirädrigem Karren bietet sich mir hilfreich an. »Wohin
soll das Gepäck?« »Nach Hotel >Concordia<.« »So! Na de Concordia! Denn
komm man mit, min Jung, di hevt se woll na See to jagt?« Ich war nicht
wenig erstaunt über die plötzlich vertrauliche Tonart und den feinen
Riecher, den dieser olle Hamburger hatte. So kam ich zum erstenmal in
meinem Leben über St. Pauli und war erstaunt über das riesenhafte
Tingeltangel-Getriebe dieser internationalen Vergnügungszentrale der
seefahrenden Nationen. Hier sah ich Chinesen, Schwarze. Wie ist das
alles interessant! Vor allem belustigten mich die Schwarzen, die in
bunten Röcken als Reklamefiguren vor den Lokalen standen.
Als wir in der »Concordia« ankamen, die sich im Hinterhaus befand,
bestelle ich bei dem Portier ein Bett für 75 Pfennig. Der Dienstmann
schleppt den Koffer nach oben. Der Portier öffnet die Tür und zeigt mir
ein Zimmer, worin sich sechs Betten befanden. Ich sage ihm darauf: »Ich
habe doch ein Bett für 75 Pfennig bezahlt.« »Ja Mensch, schlafen dir da
noch nicht genug darin? Da nimm schon lieber ein Zimmer zu 50 Pfennigen,
da hast du das Vergnügen, mit 50 zusammen zu schlafen.« Ich zog denn
doch vor, das Zimmer zu behalten. Darauf überreichte er mir den
Schlüssel, an dem sich ein riesiges Brett befand. Zunächst dachte ich:
Du bist jetzt ein freier Mann, sieh dir doch zunächst einmal das
Hamburger Leben an, das solch großen Eindruck auf dich gemacht hat. Als
ich den Portier passierte und das Schlüsselbrett ellenlang aus meiner
Tasche herausschaute, bemerkte er in seiner rohen Art: »För di kann man
wohl 'n Balken an 't Schlötelbrett hängen, dann steckst du den ok noch
in. Denkst du, daß wir für alle Menschen, die da kampieren, einen
Extraschlüssel zur Hand haben?«
Am nächsten Morgen erkundigte ich mich, wie man zu einem Schiff kommt.
Mir wurde gesagt, ich müßte zu einer Reederei gehen.
»Die warten schon auf dich,« sang es in meinem Herzen, und ich begab
mich zu Laeisz.
Dort wurde mir gesagt, man wollte mich gern vornotieren, ich müßte aber
einen Erlaubnisschein vom Vater mitbringen, eine Urkunde über mein
Lebensalter, genügend Geld für die Ausrüstung usw.
O weh, einen Erlaubnisschein? Aber es gab noch andere Reedereien am
Platze. Ich ging also zu Wachsmuth und Krogmann, zu Dalström. Überall
dieselbe Frage.
Nun dachte ich bei mir: Geh lieber selber auf ein Schiff und sprich mit
dem Kapitän. Ich pirsche mich also nach dem Segelschiffshafen durch. Da
lag das mächtige Becken mit seinem Mastenwald, und im stillen
überströmte mich der Gedanke: Jetzt gehörst du in diesen Kreis.
[Illustration: (Mit Genehmigung der Firma Glückstadt & Münden, Hamburg.)
».. Da lag das mächtige Becken mit seinem Mastenwald.«]
Aber wie sollte ich nun auf ein Segelschiff kommen? Denn wider mein
Erwarten lagen diese nicht am Kai, sondern draußen an Pfählen.
Ich erfuhr, in dem Häuschen dort am Landungssteg säße ein Jollenführer,
der würde mich rüberbringen. Ich sehe durch die Scheiben in das enge,
gemütliche Innere der Bude und gewahre ein altes Seemannsgesicht. Der
Alte fragt: »Wat willst, Jung?«
»Ich will auf ein Segelschiff.«
Ich trat zu ihm ein; er trank seinen Kaffee zu Ende, danach gingen wir
zum Boot, und er brachte mich hinüber. Er wriggte mit einem Riemen[1];
ich war sprachlos über diese Rudertechnik. So kamen wir längsseit
irgendeines Schiffes, das er mir auf meine Bitte erklärte. Da sah ich
die hohen Masten aus der Nähe und hatte einige Furcht, daß man da hinauf
müßte. Indessen beruhigten mich die Taue und Rahen, denn ich dachte, das
wär eine Art Rouleausystem, das man gemächlich von Deck aus auf- und
niederzieht. Zweifelnd wagte ich die Frage: »Müssen da Menschen hinauf?«
»Aber natürlich,« sagte mein Führer, »möt de Minschen da herop, un ganz
boben, da hürt de Schipjung hen. In Hobn (Hafen) is dat nich slimm, aber
wenn dat Schip op See is un hen un her kullert un stampen deit, denn
denkst du wat anners.«
[Illustration: »... un ganz boben, da hürt de Schipjung hen.«]
Da fühlte ich doch einen gewissen Block auf dem Herzen sitzen.
Alles wurde mir erklärt; durch die hohen Masten hatte ich trotzdem etwas
die Begeisterung verloren.
Als wir wieder an Land kamen, schüttete ich dem Alten mein Herz aus. Da
sagte er mir: »Min Jung, lot dat no (laß das nach)! Ik fohr all
fiefuntwinting Johr na See to un bün nich wider kamen, wie as Kaptein op
min lüttje Joll. Wat is denn din Vadder?«
»Gutsbesitzer.«
»Wie heetst du denn, min Jung?«
»Graf Luckner.«
»Wat, en Grof,« sagt er, »du büst 'n Grof? Un willst no See to? Min
Jung, en Grof is doch 'n Mann, de 'n Bondsche (Geschäft) bi 'n König
hett? Dank din Vadder op Kneen, dat he so 'n feines Bondsche hett. Lat
di dat Jack full hauen, un dank em bi jeden Slag daför. Ik wull, ik kunn
för 'n Jack full so 'n Vadder mit so 'n Bondsche kriegen, denn wull ik
woll ruhig hen holln.«
Aber daß ich den Eltern entlaufen war, gab ihm doch zu denken, und er
meinte: »Ik heet Pedder, segg du man >du< to mi, ik will di wol torecht
helpen. Du sallst nich no See to. Da kümmst du nich wider. Kik mi ollen
Mann an, ik möt op so 'n lütt Schip fohren un krieg kein Penn för de
Ladung.«
[Illustration: (Mit Genehmigung der Firma Ludwig Carstens, Hamburg.)
»... Ik heet Pedder, segg du man >du< to mi.«]
»Pedder, ich will aber doch zur See.«
Ich kam den nächsten Tag wieder, brachte ihm einen Priem Kautabak mit
und lernte bei ihm das Wriggen. Er riet andauernd dringend ab. »Du
sallst nich to See gahn.« Allgemach kam ich so weit, daß ich ihm das
Fahren abnehmen konnte, und wriggte für ihn die Passagiere, während er
den Kaffee kochte. So wurden wir Freunde. »Meine Eltern wissen noch
nicht, daß ich fortgelaufen bin,« sagte ich, »aber ich will nicht
zurück, denn wenn ich wieder auf die Schule gehe, dann weiß ich schon,
wie es kommen wird; in Obertertia heben sie mich zum Militär aus, lange
bevor ich das Einjährige habe.«
»Jung, Jung, lat dat Schipfohren sin. Bliev hier, min Jung.«
Er versicherte mir wiederholt, das Fahren wäre unmöglich, ich müßte die
Erlaubnis dazu beibringen und zwei- bis dreihundert Mark für die
Ausrüstung. Heutzutage würde aus den Schiffsjungen nur Geld gemacht und
dergleichen.
Ich ließ mich aber nicht abbringen. Als ich nun am fünften Tag morgens
wieder zu ihm kam, da winkte er mir schon von ferne und rief mir
freudestrahlend zu:
»=Jung, ik hev en Schip för di.= Ik hev 'n russischen Kaptein översett nah
sin Schip. Ik hevn fragt, ob he en düchtigen Jung hebben wull. >Ja,
gern,< seggt de Kaptein, >wenn he kein Heuer[2] hebben will.<
>He will bloot en Schip,< harr ik seggt. >Denn lat em man an Bord kamen,<
seggt de Kaptein.«
Am liebsten hätte ich oll Pedder bei dieser Nachricht umarmt.
»So min Jung, jetzt bring ik di röver op dat russische Bullschip >Niobe<
un stell di vör.«
Der russische Kapitän machte einen wenig vertrauensvollen Eindruck auf
mich, sah gelb und häßlich aus, halb Mephisto, halb Napoleon III., mit
einem fiesigen Ziegenbart.
»Du kannst mitkommen,« sagte er in gebrochenem Deutsch. »Finde dich
morgen ein.«
Er gefiel mir nicht.
»Min Jung, dat is ganz egal,« sagte oll Pedder und klopfte mir auf die
Schulter, »ob dat en dütschen odern engelschen Schip is oder 'n Russen
is, dat blievt sick glik. Seefahrt is överall datsülwige. So, min Jung,
nu wüllt wi an Land gahn un di 'ne Utrüstung besorgen.«
Er machte sich landfein, schloß sein Häuschen ab und wankte mit mir nach
Hamburg hinüber.
Es waren noch etwa 90 Mark, die ich hatte. Davon kaufte er bedächtig
prüfend alles ein, was ich brauchte, warmes Zeug, Ölzeug, Messer mit
einer Scheide und eine sachgemäße Pip mit Tobak. Wie war ich stolz. Aber
für eine Seekiste und für einen Seesack langte es nicht mehr. Oll Pedder
sagte: »Ick gew' di min Seekist, mit de ik all 25 Johr um de Welt seilt
bin. Ick hev damit glücklich fohren, un dat sallst du ok.«
Wir biegen in eine schmale, graue Straße im ältesten Hamburger
Hafenviertel, in den »Brauerknechtsgraben« ein. Eine schmale, steile
Holztreppe führt nach oben. Peter steigt schwer, sich an dem Geländer
festhaltend, hinauf. An der Tür steht auf einem Messingschild »Peter
Brümmer«. Er grabbelt umständlich nach seinem Schlüssel, fühlt mit dem
Finger nach dem Schlüsselloch und schließt auf. »So, min Jung, hier bin
ik to Hus, komm mal rin.« Zunächst fällt mir ein geschwärztes
Dreimastvollschiff an der Wand auf, das ich anstaune. Ich frage:
»Pedder, hast du das gemacht?«
»Ja, min Jung.«
Ferner hing ein ausgestopfter fliegender Fisch an der Decke, ein auf
Segeltuch gemaltes Schiff mit einem selbst an Bord verfertigten Rahmen
an der Wand, auf der Kommode standen verschiedene chinesische Sachen und
sonstige Reiseerinnerungen. In der Ecke stand ein Käfig mit einem
Papagei, der ziemlich zerrupft war und ebenso alt aussah wie Pedder.
»Ja,« sagt er, »den hew ik von Brasilien mitbröcht, de snackt blot
span'sch.« Dann: »Hier is min Kist.« Er schloß die Kiste auf, kramte aus
und zeigte mir noch verschiedenes, was er früher an Bord an Flechtwerk
gemacht hatte, packte alles bedächtig heraus und bemerkte: »Min Jung, de
Kist' swemmt, de hölt waterdicht.« Während er meine Sachen in die Kiste
verstaut, werde ich auf das bescheidene Sofa genötigt, dessen Bezug mit
weißen Porzellanknöpfen angenagelt war. Als die Kiste gepackt war,
trugen wir sie gemeinsam an den Griffen zum Hafen hinab.
Nachdem ich den letzten Tag ganz mit ihm verbracht hatte, fuhr er mit
mir an Bord. Er führte mich an die Koje, wo ich schlafen sollte, packte
Matratze und Keilkissen hinein und sagte: »Un noch eins, min Jung, een
Hand för 't Schip un een Hand för die sülwsten[3].«
Dann gab er mir noch den Rat, nicht unter meinem Namen zu fahren. Als
Graf ginge das nicht. »Dat is all datsülwige, as wenn en Oldenburger
Faut (Fuß) in Pariser Schohtüg (Schuhzeug) sett.« Wie denn meiner Mutter
Mädchenname hieße. Danach riet er mir, ich sollte mich Luckner genannt
Lüdicke nennen. Das war fortan mein Name, sieben lange bunte Jahre
hindurch. Pedder drückte mir zum Abschied die Hand mit den Worten: »Min
Jung, verget din oll Pedder nich!« Das Schiff warf los. Der Schlepper
war vorgespannt, und oll Pedder wriggte neben dem sich langsam in
Bewegung setzenden Schiff bis nach St. Pauli Landungsbrücken. »So, min
Jung, wider kann ik nich,« und mit Tränen in den Augen: »Goode Reis' nah
Australien. Min Jung, ik seh di nie wedder, du geihst mi doch nah.« Ich
wollte was sagen, aber die Tränen kullerten mir runter. Ich hatte nicht
Heimweh nach Hause, aber nach meinem alten, braven Seemann. Wie ich
nachher die Kiste aufmache und sehe, wie er alles gepackt hat, da liegt
ein Bild von ihm obenauf mit einer Widmung drauf: »Verget din Pedder
nich.« Ne, min oll, good Pedder, ik verget di nich!
Ich verstand nichts von der Sprache der Leute auf dem Schiffe und der
Kapitän zeigte auch bald böse Miene, denn ich war natürlich sehr
unbeholfen. Der Steuermann, der etwas englisch sprach, fragte, was mein
Vater wäre.