Hierin 2. Ducaten

Auf einer leeren Seite des 17. Briefes befindet sich ein Herzenserguß

Gotthelf's, der in merkwürdiger Art beweist, wie Fichte seinen Bruder

von Anfang an nur allzu richtig beurtheilt hatte, als er in seine

ausreichende Entwicklungsfähigkeit einigen Zweifel setzte -- ein

Mißtrauen, dessen Richtigkeit sich bestätigt hatte, als der Professor

den Schüler persönlich prüfte. (In welchem Monat Gotthelf nach

Osmannstädt kam, ist nicht angegeben.)

18.

Das Glück ist sehr veränderlich. Als ich diesen Brief von meinem Bruder

erhielt, so schätze ich mich für außerordentlich glüklich und dachte,

von nun an sey mein Glük so fest gegründet, daß es gar nicht mehr wanken

könnte. Und siehe! -- nie wankte es mehr als eben da, denn dieses war

der Anfang, zu meiner jetzigen mißlichen Lage: wäre ich nicht so zeitig

aus Meißen weg gekommen, so hätte wohl etwas mit mir werden können. Ich

hätte alsdann doch die Lateinische Sprache so ziemlich gelernt gehabt,

hätte auch einen Anfang in der Französischen, und vielleicht auch in

der Griechischen gemacht gehabt, wäre zu einer weit gelegenern Zeit zu

meinem Bruder gekommen, als ich so zu ihm kam, er hätte vielleicht, wenn

er vom Anfang an eine bessere Meinung für mich gefaßt gehabt hätte, mich

nicht so kalt behandelt, und ich wäre also auch nicht genöthigt gewesen,

mich gegen ihn zurükzuhalten, und also hätte die Sache vielleicht ganz

anders gehen können, als sie leider jetzt geht. Indessen ist es nun

einmal nicht anders, und ich wenigstens kann die Sache nicht ändern, ich

habe auch die Teufeleien nicht vorher sehen können. Gute Nacht.

Fichte.

Was Gotthelf hier noch zu seiner Entschuldigung anführt, hat um so

weniger Grund, als er ja, wie aus den vorigen Briefen vielfach

ersichtlich ist, selbst die Zeit nicht hatte erwarten können, wo er

Meißen verlassen und nach Jena kommen durfte. Der trotz des bittern

Ernstes fast komische Schluß aber bekundet doch den Humor und die

ausreichende »Seelenstärke« (vgl. oben den 8. Brief), womit er die

Enttäuschung zu ertragen und sich in einen andern Wirkungskreis zu

finden vermochte. Dasselbe bezeugt der folgende Brief, der anderseits

einen Beweis liefert, mit welchem Geschicke J. Gottlieb Fichte auch

praktische Dinge zu behandeln wußte und mit welcher Energie er einige

bei seinem Aufenthaltswechsel eingetretene Mißverhältnisse ordnete.

19.

Jena, d. 14. November. 95.

Deine Gesinnung, mein lieber Bruder, die in Deinem Briefe sich zeigt,

freut mich, und ich wünsche Dir von Herzen Glük dazu. Auch ist es mir

sehr angenehm, daß diejenigen, die Dich umgeben, gleichfals in die Lage

sich geschikt haben.

An sich -- ich gestehe es Dir aufrichtig -- sehe ich auch dabei kein

Unglük, wenn Du Soldat würdest; es versteht sich auf einige Zeit. Wenn

Du Dich appliciertest, könntest Du eine Unter Offizier, eine Fourier

Stelle, u. s. w. erhalten: (nur wäre dabei zu wünschen, und nöthig, daß

Du eine beßere festere Hand schriebest.) Auch dieser Stand giebt eine

eigne Bildung, eine eigne Bearbeitung, eine Gefügigkeit in die Welt, die

Dir besonders, so wie ich Dich kenne, sehr nüzlich seyn würde. Da aber

allerdings dadurch Dein anderweitiger Plan aufgehalten würde, und was

die Hauptsache dabei ist, da Du eine Abneigung gegen diesen Stand hast,

so billige ich auch die Weise, wie Du Dich davon befreien willst.

Ich würde Deinen Brief noch eher beantwortet haben, wenn nicht die

Ueberlegung, ob ich Dir mit Vernunft =jetzo= die begehrten 30. Rthr

schiken könnte, mich einige Zeit aufgehalten. Meine Lage ist die: Ich

habe zwar eine gute Einnahme gehabt; aber durch Vergeßlichkeiten war

eine solche Unordnung in meinem Hause eingerißen, daß ich an ~100 rthlr.~

Schulden habe bezahlen müßen, =auf die ich nicht gerechnet, und von

denen ich kein Wörtlein= gewußt; überhaupt, daß ich seit 14. Tagen

über 200 rthr. Schulden bezahlt habe. Bedenke selbst welche Unordnung

besonders der erste Umstand in einer Haushaltung verursacht, in der ich

schlechterdings, es koste was es wolle, von nun an strenge Ordnung haben

will. So unbedeutend nun 30. rthr. an sich mir seyn mögen, so sehe ich

doch nicht mit Sicherheit vorher, daß ich sie, bis ich wieder Geld

bekomme

* * * * *

Ich hatte den Brief so weit geschrieben, als mir eine unerwartete

Schuld einging, die jenes _deficit_ ersezt und mich in den Stand

sezt, Deinem Begehren selbst zu willfahren. Ich mag den Brief nicht

umschreiben; und so mag denn der Anfang stehen bleiben, um Dir einen

Beweiß zu geben, daß Du nicht etwa unbedachter Weise auf mich rechnest.

Ich wollte Dir rathen, die 30. thr. in Deiner Gegend, auf mein Wort

zu borgen; allenfalls auch auf einen Wechsel von mir, zahlbar zur

Jubilate-Messe. Ich kann es jezt baar schicken; und so ist es besser.

Aber so erneure ich denn auch meine Versicherung, daß auf mich gar nicht

zu rechnen ist. Habe ich etwas übrig, so kann ich es dann wohl zum

Vortheil der Meinigen anwenden; aber mein eignes Hauswesen in Unordnung

bringen, oder mich in Schulden steken, das thue ich jezt, und in

Ewigkeit nicht. --

Ich hoffe, daß der Hauskauf schon gemacht ist. Mit der Werbung wird es

nun wohl auch nicht mehr so große Noth haben, weil Sachsen Friede

geschlossen hat.

Ein Wink, den Du mir über die Lage der Unsrigen giebst, betrübt mich:

ärgert, und empört mich. Ich kann diese zanksüchtigen Menschen recht

herzlich haßen. Es bleibt dabei, daß ich künftigen Herbst meinen Vater

zu sehen hoffe, sehr darauf mich freue den lieben, guten, würdigen zu

sehen: aber ich werde nie über eine Schwelle treten, innerhalb welcher

es solche Menschen giebt.

Der Deinige

Fichte.

N. Sch. Ich denke Dir dieses Geld keineswegs zu =schenken=; sondern ich

denke es Dir nur zu borgen: und es mag auf dem Hause, unter uns, stehen

bleiben.

Beantworte mir doch nach genauer Erkundigung folgende Fragen: Sind bei

Euch auf gute Art, und wohlfeil liegende Gründe zu erkaufen: z. B.

Bauergüter, die von Hofdiensten frei gemacht werden könnten; oder

beträchtliche Stüke von den herrschaftl. Gründen: Wir möchten es, um

gewißer Ursachen Willen, gern wißen.

Meine Frau grüßt Dich herzlich; und dankt für Deinen Brief.

Aufschrift:

An Herrn

_Samuel Gotthelf Fichte_

in

_Rammenau b. Bischofswerda_

über _Leipzig_ u. _Dresden_.

Inliegend 5 Stück _Carolin_.

Die beigegebenen rührenden Zeilen Johanna's nehmen Bezug auf den am

29. Sept. erfolgten Tod des Vaters Hartmann Rahn.

20.

Ich kann doch den Brief meines Lieben Mannes nicht abgehen lassen, ohne

Ihnen auch zu schreiben. Ich freue mich herzlich, daß Sie so glüklich

angekommen sind, daß Sie alle Lieben so wohl fanden; und Ihr lieber

Brief an mich, voll wahrer Lebensweisheit ist; Sie haben den wirklichen

Punkt gefunden, um in der Welt glüklich zu seyn, halten Sie ihn ja fest,

denn ohne diesen einzigen wahren Gesichtspunct, können wir nie glüklich

sein.

Ich bin ziemlich wohl; aber der Verlust meines theuren, redlichen, mir

unvergeßlichen Vatters, macht mich sehr betrübt; ich fühl auch besonders

izt, seinen ganzen _Werth_, den ganzen Umfang seines edlen Herzens; wie

grenzenlos Er mich liebte, was Er für ein herrlicher Mann war; wie oft

sagte Er zu mir; ach wüßt ich nur was zu erfinden, um dem guten Fichte,

ein glükliches Schiksahl, zu machen; auch hatte er mancherley Pläne,

ihrenthalben entworfen, aber der Tod rafte ihn weg. Er wird nicht wieder

zu uns kommen, zu ihm aber kommen wir. Das ist auch der einzige Gedanke,

welcher mich einigermasen tröstet; und die freudige Ueberzeugung, daß

ihm izt unaussprechlich wohl ist; Daß er nun schon so manches weiß, was

wir nur hoffend glauben; daß seine Seele, erlößt von der gebrechlichen

irdischen Hülle, nun ganz andre Vortschritte macht; was mag das für eine

Freude gewesen sein, als er meine theure Edle Mutter wieder fand, die

hatte auch ein Herz, wie man nur sehr wenige findt; auch nahm sein

Verlangen nach ihr, mit dem Tode sehr zu, es war gleichsam, eine

Vorempfindung, daß Er sie nun bald sehen werde. Ach theurer, Lieber

Bruder laßen Sie uns Edel und groß sein, und im Guten, immer stärkere

Vortschritte machen, damit wir auch zu diesen Edlen kommen. Gott sey mit

Ihnen! Es liebt Sie von ganzem Herzen,

Ihre Schwester

Johanna Fichte

g. _Rahn_

Tausend herzliche Grüße, an die lieben Eltern, und Geschwister, mögen

Sie Alle recht glüklich und braf sein.

Es folgen nun der Zeit nach eine Reihe von Briefen vom 8. Juni 1797

bis zum 9. December 1798 an den Bruder Gotthelf, die hauptsächlich auf

Geldverhältnisse und Geschäftssachen sich beziehen, da Gotthelf und

Gottlob ein Haus gekauft hatten und darin die Bandweberei betrieben,

wozu Johann Gottlieb Fichte ihnen verschiedene Geldsummen schickte,

wofür er sich einen Gewinnantheil ausbedungen hatte. Namentlich wollte

er, daß davon seinem unermüdet thätigen Vater Etwas zu Gute kommen

sollte. Von anderen seiner Verwandten scheint Fichte mitunter in nicht

ganz zarter und bescheidener Weise in Anspruch genommen worden zu

sein, so daß er ihnen zuweilen etwas derbe Zurück- und Zurechtweisungen

ertheilt.

Beachtenswerth ist vorzüglich, wie eingehend Fichte sich nach den

Specialitäten des Geschäfts erkundigt, die wandelbaren Werthe der

verschiedenen Geldsorten in Anschlag bringt u. s. w., und wie er, der

Philosoph, seinen Brüdern, den Geschäftsmännern, vielfach Rathschläge

giebt. Man wird dabei an das Wort erinnert, daß der Philosoph auch

der beste Schuster sein würde, sofern er nämlich prüft und entdeckt,

worauf es ankommt, und also jede Sache, die er in Angriff nimmt, mit

Verständniß und mit Erkenntniß des Zweckes behandelt.

Ich theile aus diesen Briefen nur mit, was als irgendwie

charakteristisch von wirklich allgemeinerem Interesse sein kann,

indem ich das rein Geschäftsmäßige und Kaufmännische übergehe und

durch Punkte andeute.

21.

Jena, d. 8. Jun. 97.

Lieber Bruder,

Ich trug Bedenken, Dir das Geld geradezu durch die Post zu übersenden,

weil ich das ungeheure Porto fürchtete, und wollte deswegen sehen, ob

es etwa durch Wechselbriefe zu übermachen wäre. Ich erfahre so eben auf

meine Nachfrage auf der hiesigen sächß. Post, daß

Achtundvierzig Briefe von Johann Gottlieb Fichte und seinen Verwandten · 第 6 / 23 题