Leb recht wohl. Ich bin Dein

Dich herzlich liebender Bruder

Gottlieb.

»Weise« ist ohne Zweifel der Kreissteuerrath Weiße, sein treuer

Beschützer, der ihm auch die Stelle in der Schweiz verschafft hatte.

Der Freiherr von Miltitz war der Edelmann, der so väterlich für

Fichte's Ausbildung sorgte. Derselbe nahm den Knaben Fichte zuerst

mit nach seinem Schlosse =Siebeneichen= bei Meißen an der Elbe,

welches in der Biographie (I, 9) auch ganz richtig beschrieben ist,

obwohl daselbst »Oberau« genannt ist, was aber östlich abseits der

Elbe liegt. Herr Pastor Carl Gottfried Beer in Niederau schreibt mir

darüber: »Auf Park und Schloß zu Oberau paßt die Beschreibung gar

nicht. -- Oberau und Niederau gehörten früher mit zu dem manchmal so

genannten Miltitzer Ländchen, und die letzten Besitzer dieses Namens

haben auch in Oberau gewohnt.« Sodann wurde Fichte dem Prediger in

Niederau anvertraut, bei dem er seine schönsten Jugendjahre verlebte.

Der Biograph sagt: »Leider wissen wir den Namen des trefflichen Mannes

nicht, wol aber erinnern wir uns, daß Fichte noch in seinen spätern

Jahren mit Rührung und herzlichem Danke des frommen Predigerpaars

gedachte.« Herr Pfarrer Beer, den ich um Auskunft ersuchte, macht mir

die dankenswerthe Mittheilung: »Der Pfarrer hieß Gotthold Leberecht

Krebel, starb 1795, nachdem er 31 Jahr, von 1764 an, Pastor der

Gemeinde zu Niederau gewesen. -- In meinem Garten stehen zwei Linden

und hinter demselben dicht an der Mauer noch zwei. Von diesen sagte

mir mein alter ehrwürdiger Schulmeister, den ich 1823 bei Antritt

meines Amts in Niederau fand: Diese Linden hat ein Knabe gepflanzt,

der bei dem seligen Krebel in Kost und Lehre gewesen ist; der Knabe

hat Fichte geheißen. So erzählte mein alter Hase, der übrigens weiter

nichts von Fichte und dessen Schicksalen gehört oder gelesen hatte.«

Nach »Sachsens Kirchen-Galerie« 1. Band (Dresden, Schmidt 1837),

S. 125 -- wo übrigens, wie ich nachträglich finde, auch schon Pastor

Krebel als derjenige genannt ist, bei dem Fichte einen Theil seiner

Knabenjahre verlebte -- war dieser Johann Georg Haase, geb. 1764 in

Würschnitz bei Radeberg, seit 1787 Lehrer in Niederau: also erst

nachdem Fichte längst weg war, wie auch die Perfect-Form der

Zeitwörter in seinem angeführten Berichte bestätigt. In Bezug endlich

auf den Freiherrn von Miltitz, dessen Name in der Biographie auch

nicht genauer bezeichnet ist, bemerkt Herr Pastor Beer: »Im Jahre 1774

hat der _P._ Krebel aufgezeichnet: Am 5. März verstarb zu Pisa Herr

Ernst Haubold von Miltitz &c. und ist zu Livorno christlich beerdigt

worden. Ein Vierteljahr darauf starb des gedachten Herrn von M.

einzige Tochter im fünften Lebensjahre, und ist auf dem Kirchhofe zu

Oberau beerdigt worden. -- Der genannte Herr von M. war nur 34½ Jahr

alt geworden; zur Pflege seiner Gesundheit nach Italien gegangen,

hatte er daselbst einer langwierigen Krankheit unterliegen müssen.

Dieser ist wahrscheinlich der Gönner, der sich um Fichte so verdient

gemacht hat.« -- Nach dem Kirchenbuche zu Rammenau war ein Pathe des

1766 in der katholischen Hofkirche zu Dresden getauften Johann

Centurius von Hoffmannesegg: »der hochwohlgeborene Herr Ernst Haubold

von Miltitz, Erb-, Lehn- und Gerichtsherr zu Oberau, Niederau,

Siebeneichen und Bazdorf, Churfürstl. Sächß. Obrist-Lieutenant und

Amts-Hauptmann des Meißnischen Creyßes«. Dieser kann aber wohl kaum

ein und derselbe mit dem obigen sein, sondern vielleicht der

gleichnamige Vater desselben. -- Wie sehr ihm Freunde fehlten, spricht

Fichte auch in einem Briefe nach der Schweiz vom 8. Juni aus (I, 71);

in demselben Briefe (I, 74) macht er den Buchhändlern ähnliche

Vorwürfe wie hier. Das Werk, was er zum Drucke vorbereitete, war eine

Schrift über Kants Kritik der Urtheilskraft, die aber nie gedruckt

ward (I, 96 f. 99 f. 105 f. 108 f. 111 ff.), deren Ausarbeitung seinen

durch das Studium der Kant'schen Philosophie bewirkten Uebergang von

Spinoza'schem Determinismus zur Anerkennung persönlicher Freiheit

bezeichnet.

Gotthelf ist sein Liebling unter seinen Brüdern, neben dem nur noch

Gottlob öfters erwähnt wird; seiner -- nächst seinem stets am höchsten

verehrten Vater -- gedenkt er auch in dem Tagebuche über seine Reise

nach Warschau besonders herzlich (I, 119); ihn macht er schon hier

sanft auf einen Fehler aufmerksam; ihn sucht er, wie wir später sehen

werden, ganz zu sich heran zu bilden. An ihn ist auch der folgende

Brief gerichtet, in welchem er mit größter Offenheit über die -- an

sich wohl ganz erklärlichen, ja von einem beschränkten Standpunkte aus

sogar natürlichen -- Erwartungen und Zumuthungen von Seiten seiner

Familie (an denen namentlich seine Mutter wesentlichen Antheil hatte;

vgl. unten den 12. Brief) seinem Herzen Luft macht, welches hier,

erfreulicher Weise nur vorübergehend, einen ziemlich hohen Grad von

bitterer Gereiztheit zeigt, da er wie Faust »in seinem dunkeln Drange

sich seines rechten Weges wohl bewußt« war. Diesem Bruder hatte er

auch, wie der Anfang dieses Briefes anzudeuten scheint, seine

Vertheidigung gegen jene Anforderungen aufgetragen, welche freilich

nicht gelang.

4.

Leipzig, d. 3. Jenner. 1791.

Erst gestern, mein lieber Bruder, habe ich Deinen Brief erhalten, und

heute antworte ich Dir, weil morgen Posttag ist. Schon fing ich an zu

glauben, mein lezter Brief sei zu hart gewesen; er reute mich, und ich

war im Begrif in einem gelindern Tone mich zu beklagen.

Dank Dir, Bruder, daß Du Deine Aufträge so richtig ausgerichtet hast,

daß er mich eben nicht mehr reuen darf. -- Doch reut er mich auch noch.

Ich habe Worte verlohren.

Ich fragte nicht etwan an, =ob= man meine Maasregeln billigte? Es

scheint, man hat meinen Brief falsch verstanden. Das weiß ich allemal

schon vorher, daß nie etwas wird gebilligt werden, was ich thue; und

dies ist nun eben auch mein geringster Kummer. Aber wie wäre auch das zu

billigen, daß ich schon wieder nicht in meinem =Dienste= geblieben bin;

daß ich wieder keinen =Herrn= habe? Die Leute haben in ihrer Art ganz

Recht. -- Ich fragte nur, ob man mir etwan =deswegen= nicht schriebe,

=weil= man meine Maasregeln nicht billigte? Daß es mich verdroß, daß

man that, als ob ich gar nicht mehr in der Welt war, läugne ich nicht.

Daß Du selbst, Bruder, so in ganzem Ernste die Nachlässigkeit im

Briefschreiben auf mich zurükschieben; daß Du das ohne Erröthen

niederschreiben; daß Du Deine Feder dazu leihen konntest, wundert mich

doch. »=Ich würde nicht geschrieben haben, wenn man mich nicht aufgesucht

hätte=« -- Ei! wer ist denn so klug, daß er weiß, was ich gethan haben

=würde=? Ich kann im Gegentheil versichern, daß ich darum keinen Tag

eher, und keinen später geschrieben hatte. Ich schrieb, sobald ich

=konnte= (im eigentlichen Sinne des Wortes =konnte=) Hätte ich eher

gekonnt, so hätte ich es eher gethan: hätte ich auch dann noch nicht

gekonnt, so hätte es auch dann bleiben müßen. Wer hat denn aber seitdem

auf 3. bis 4. Briefe aus der Schweiz -- auf den, den ich sogleich nach

meiner Ankunft in Leipzig schrieb, nicht geantwortet? mir nicht einmal

einen Empfangsschein zugeschikt? Wüste ich nicht sicher, daß sie richtig

abgegeben wären, so müste ich fest glauben, sie seien untergeschlagen.

Denen es so sehr leid thut, daß ich nicht mehr in der Schweiz bin, will

ich den Gefallen auch thun. =Ich reise Anfangs Aprills wieder in die

Schweiz zurük, um nie wieder nach Sachsen zu kommen.= -- Was will man

denn wohl mit diesem Bedauern? mit diesem Verheimlichen? Du hättest mich

Dir sehr verbindlich gemacht, wenn Du mir die Ursachen davon geschrieben

hättest. Nimmt man vielleicht die Maske, als ob es einem um meine

Wohlfahrt sei? O, wer kann denn über meine Wohlfahrt aus seinem engen

Gesichtspuncte so dreist urtheilen? Wer weiß denn die Gründe meines

Abgehens in der Schweiz? wer weiß denn das, was mich bewogen hat, wieder

nach Leipzig zu gehn? wer weiß denn, wie es mir in Leipzig geht? Man muß

scharfsinniger sein, als ich bis jetzt gewust habe. -- Oder ist es ihnen

nur darum zu thun, mich recht weit von sich zu wißen? O! ich mag weit

oder nahe sein, so sind sie immer sehr sicher, daß ich mich ihnen nicht

nahe. Laß sie glauben, ich bin gar tod; das ist noch weiter als die

Schweiz. -- Oder ist ihnen nur das zuwider, daß sie nicht mit mir,

nach ihrer Art, Staat machen können? Mögen sie doch immer sagen,

ich sei irgendwo ein Dorf Pfarrer. Ich werde nicht kommen, und ihnen

widersprechen. -- Beßer konnte man nicht sagen, daß man sich meiner

schäme. Aber laß sie es immer sagen. Ich will mich ihrer nicht schämen.

Daß man mein Glück wünscht, würde mich noch mehr freuen, wenn man mir

zugleich, -- mir, der ich schon längst mündig bin, der ich wohl etwas

von der Welt kennen sollte, der ich wenigstens eben so viel weiß, als

sie -- erlauben wollte, es nach meiner Art zu suchen.

Dies in Antwort auf Deine Aufträge. Richte es so pünctlich aus, als Du

Dich derjenigen an mich erledigt zu haben scheinst. Jezt blos an Dich.

Ich habe in meinem lezten Briefe auf niemand weniger gezielt, als

auf Dich. Du bist jung und =Dir= war eine solche Nachläßigkeit im

Briefschreiben eher zu verzeihen. Daß ein Brief an mich entworfen

gewesen ist, glaube ich. Aber warum nicht fortgeschickt? Daß ich in

Dreßden sei, war ein sehr albernes Gerücht, und es war übereilt ihm zu

glauben. Da ich mich nicht scheue, irgend jemand unter die Augen zu

gehen, so würde ich von Dreßden aus nicht ermangelt haben, meinen

Aufenthalt zu wißen zu thun. Eben so sicher war darauf zu rechnen, daß,

wenn ich meinen Aufenthalt auf eine andere Art verändert hätte, ich es

eben so richtig würde gemeldet haben, als ich meine Ankunft in Leipzig

meldete. Sind also alles dies nicht leere Entschuldigungen, wie ich

nicht glauben will, so gründen sich doch alle diese Muthmaaßungen auf

eine sehr verkehrte Meinung von meinem Character, und diese freut micht

nicht. In Dreßden bin ich vorigen August 2. Tage gewesen. Ich habe nicht

geglaubt Ursache zu haben, mich vor irgend jemand zu versteken.

Daß ich Dich, mein Bruder, noch liebe wie sonst, versichere ich Dich mit

eben der Offenheit, mit der ich Dir es frei heraussagen würde, wenn Du

bei mir verloren hättest. Ich denke der Tage, da ich in Dir die einzige

gute Seele fand, die mich liebte, und mit der ich ein Wort reden konnte,

wie ichs reden mochte. Gott erhalte Dein Herz unverdorben! und dann

erhalte mir Deine Freundschaft auch in der Entfernung; ob es gleich

nicht scheint, daß wir einander in diesem Leben wiedersehen werden.

In Absicht des Briefwechsels werde ich es immer halten, wie jezt. So

oft Du mir schreibst, erhältst Du den nächsten Posttag Antwort. Schreibst

Du mir nicht, so hast Du freilich auch auf keine Zeile von mir zu

rechnen. Worum Du mich fragst, werde ich Dir stets, so viel es sicher,

und gut ist, beantworten. Worüber Du mich nicht fragst, darüber sage ich

nichts. So hast Du z. B. jezt auf keine Nachricht über meine Lage,

Pläne, Aussichten zu rechnen, weil Du mich nicht darum gefragt hast.

Verändert sich mein Aufenthalt, so schike ich Dir meine Adresse, =wenn

du es verlangst=. So wollte ich Dir z. B. wohl rathen, wenn Dir oder

irgend jemand in unserer Familie an fortdauernder Verbindung mit mir

gelegen ist, mir noch vor Ende des Merzes zu schreiben. Sonst gehe ich

aus Sachsen, ohne daß irgend jemand von euch erfährt, wo ich bin.

Mein guter Vater -- Du weißt es, wie sehr ich ihn immer geliebt habe --

dauert mich, daß ich ihm, deßen Leben so leidenvoll war, nicht einst den

Rest seiner Tage versüßen, und seinen vortreflichen Umgang genießen

soll: Du dauerst mich, daß ich nicht etwas beitragen sollte, Deinen

Geist bilden zu helfen und wo möglich, Deine Schiksale etwas zu

verbeßern. Aber es ist nicht zu ändern. Du bist jung; Dich seh' ich

vielleicht noch hienieden wieder. Meinen geliebten Vater höchst

wahrscheinlich nur in beßern Welten, in denen seine Thränen abtroknen

und sein Leiden enden wird. Die Augen gehn mir über. Grüße diesen

theuern Vater herzlich, und sage ihm, aber =allein=, wie ich gegen ihn

denke: aber er solle mir verzeihen, daß ich nicht anders handeln könne.

Ueber Deine Zunahme freue ich mich; ich sehe zum Theil aus Deinem

Briefe, daß sie nicht bloße leere Einbildung ist. Aber, erlaube einem

ältern Dich herzlich liebenden Bruder Dir zu sagen, daß wahre Weißheit

immer bescheiden ist; und daß jede List das Herz verderbt. Ich habe mein

ganzes Moralsystem geändert. Doch davon ein andermal; wenn du =auf obige

Bedingungen= den Briefwechßel fortsezen willst. -- Grüße meine Eltern

und Geschwister herzlich. Ich bin Dein Dich liebender Bruder.

J. G. Fichte.

Meine Adreße ist bis Ende Merzes =Leipzig, auf der Schloßgaße neben dem

Petrino in Brauns Hause 3. Treppen=.

Demselben Bruder gilt der nächste Brief, welcher besonders darum

interessant ist, weil er außer verschiedenen schon angeregten

Beziehungen auch Fichte's Studium der Philosophie und seine

Herzensverhältnisse bespricht.

Ueber die hier berührte frühere Neigung zu Charlotte Schlieben (so

scheint der Name gelesen werden zu müssen) ist sonst Nichts bekannt.

Seine Gönnerin, die »Dame aus Weimar« schwieg, nach einem Briefe vom

1. August, worin ihr Name auch nicht genannt wird (I, 77), »seit ein

paar Monaten« über ihr »Project«, ihn »an einen gewissen sehr guten

Hof zu bringen«. Wie sehr aber sein Gemüth noch immer durch den Mangel

eines bestimmten, festen Wirkungskreises beunruhigt in unstetem

Schwanken gehalten wurde zu einer Zeit, wo seine Verheirathung bereits

beschlossen war, wie schon im vorigen Briefe angedeutet und in diesem

deutlich ausgesagt ist, wie er auch am 7. Febr. und noch am 1. März an

seine zukünftige Gattin schreibt (I, 98 f.), das beweist der Schluß

dieses Schreibens. Sicherlich bedarf es, zumal bei einem so auf

sich selbst gestellten Charakter, wie ihn Fichte besaß, keiner

Entschuldigung, sondern fordert vielmehr achtungsvolle Anerkennung,

daß sein Mannesstolz es nicht ertragen mochte, eine andere Seele an

sein unbestimmtes Schicksal zu fesseln oder in gemächlicher Ruhe sich

vom Vermögen seiner Frau zu nähren. Wohl aber ist dabei zu beachten,

daß nicht jugendlich blinde Leidenschaft ihn zu der vier Jahre älteren

Braut zog, sondern die mit näherer Bekanntschaft sich steigernde und

mit verständiger Besonnenheit verbundene Werthschätzung (I, 39 ff.).

Die »gewisse Begebenheit«, die er hier als nächste Veranlassung der

erneuerten Kämpfe nennt, dürfte wohl die in dem Briefe an seine Braut

vom 1. März 1791 (I, 99 f.) allerdings etwas dunkel beschriebene

Anklage wegen Entlarvung eines Betrügers sein.

5.

Leipzig d. 5. Merz. 1791.

Mein lieber Bruder,

Erst vor zwei Stunden habe ich Deinen Brief erhalten (denn entweder Du

datirst Deine Briefe falsch, oder giebst sie erst spät auf die Post).

Jezt habe ich die erste freie Stunde, und sogleich seze ich mich her,

Dir zu antworten, und wenn die paar Stunden die von jezt bis zum Abgange

der Post mein sind, zulangen, so geht noch heute mein Brief ab. Endlich

habe ich einen Brief von Dir gelesen, wie ich sie von Dir zu lesen

wünsche...... [Lücke] .. Freund. Ich weiß, Bruder, daß Du mich liebst,

und ich fühle immer mehr den Vortheil, einen Freund zu haben, den die

Natur selbst für uns bildete, und den sie uns so wunderbar ähnlich

schuf. Ich werde Dich immer lieben; nichts hat mein Herz gegen Dich

erkältet, denn die letztern Vorfälle habe ich nicht auf Rechnung Deines

Herzens, sondern auf Rechnung Deiner Jugend, und Deines Mangels an Welt-

und Menschen-Kenntnis geschrieben. Und wenn =ich= solche Fehler nicht

verzeihen könnte?

Habt Ihr nicht einen Brief von mir erhalten, der ohngefähr im Februar

vorigen Jahres aus Zürich geschrieben war, und worinn ich meinen

Entschluß wieder nach Sachsen zu kommen, ankündigte? Ich hoffe nicht,

daß Fritsche aus seiner sehr knauserigen Oekonomie auch diesen

zurükbehalten hat. Hat er das, so habe ich freilich bisher Unrecht zu

haben =geschienen=; aber es nicht =gehabt=. Aber da niemand allwißend

ist, so bitte ich, =aber nur in diesem Falle=, um Verzeihung. -- Ich

werde inzwischen die Sache mit den Briefen untersuchen. Ich verlies

Zürich, weil es mir, wie ich mehrmals nach Hause geschrieben habe, in

dem Hause, in welchem ich war, nicht ganz gefiel. Ich hatte von Anfange

an eine Menge Vorurtheile zu bekämpfen; ich hatte mit starrköpfigten

Leuten zu thun. Endlich, da ich durchgedrungen, und sie gewaltiger Weise

gezwungen hatte, mich zu verehren, hatte ich meinen Abschied schon

angekündigt; welchen zu widerrufen =ich= zu stolz, und =sie= zu

furchtsam waren, da sie nicht wißen konnten, ob ich ihre Vorschläge

anhören würde. Ich hätte sie aber angehört. Uebrigens bin ich mit großer

Ehre von ihnen weggegangen: man hat mich dringend empfohlen; und noch

jezt stehe ich mit dem Hause im Briefwechsel.

Ich ging mit den weitaussehendsten Aussichten und Plänen von Zürich:

nicht um in Sachsen zu bleiben, sondern um in Leipzig den Erfolg meiner

großen Pläne abzuwarten. Ich hatte ... [Lücke] .... und war daselbst

höher ... [Lücke] ... Auf meiner Reise lernte ich große Personen kennen,

die alle mich zu ehren schienen. Bewegungsgründe genug, um mir viel

zuzutrauen. Ich war von Zürich aus dringend an den _Premier Ministre_ in

Dänemark, Graf von Bernstorf, an den großen Klopstok, u. s. w. empfohlen.

Ich erwartete nichts weniger, als eine Minister Stelle in Coppenhagen.

-- Zu gleicher Zeit schrieb mir eine vornehme Dame aus Weimar: sie

arbeite, und habe Hofnung, mich an einen Hof zu bringen. -- Im kurzen

scheiterten alle diese Aussichten, und ich war der Verzweiflung nahe.

Aus Verdruß warf ich mich in die =Kantische= Philosophie (vielleicht ist

Dir der Name einmal in einem der Bücher, die Du liesest, vorgekommen)

die eben so herzerhebend, als kopfbrechend ist. Ich fand darin eine

Beschäftigung, die Herz und Kopf füllte; mein ungestümer Ausbeitungs

Geist schwieg: das waren die glücklichsten Tage, die ich je verlebt

habe. Von einem Tage zum andern verlegen um Brod war ich dennoch damals

vielleicht einer der glüklichsten Menschen auf dem weiten Runde der

Erden. -- Ich fing eine Schrift an, über diese Philosophie, die zwar

warscheinlich nicht herauskommen wird, weil ich sie nicht vollendet

habe; der ich aber doch glükliche Tage, und eine sehr vortheilhafte

Revolution in meinem Kopfe, und Herzen verdanke.

Eine neue Periode! Unter den Häusern, mit denen ich in Zürich sehr

genau bekannt war, war das, eines Mannes von ohngefähr 70. Jahren, der

mit dem besten Herzen viel Kenntniße und eine ungeheure Welt- und

Menschenkenntniß vereinigte. Dieser Mann wurde durch einen vertrauten

Umgang mit mir in die schönen Zeiten seiner Jugend zurükversezt. Er

liebte mich, als ein Vater; und verehrte mich höher, als es meine

Verdienste, oder seine Jahre eigentlich erlaubten. Dieser Mann hatte

eine einzige Tochter, die unter seinen Augen aufgewachsen war; die noch

nichts gefühlt hatte, als innige Verehrung dieses Vaters, und die von

Jugend auf gewohnt war, alles mit den Augen ihres Vaters anzusehen. War

es ein Wunder, daß, =ganz ohne mein Zuthun=, der Liebling des Vaters

auch der der Tochter wurde? Welche Mansperson ist nicht scharfsinnig

genug, Empfindungen von der Art bald zu entdeken, die noch dazu mir eben

nicht verholen wurden? Mein Herz war leer, Charlotte Schlieben war schon

längst daraus vertilgt. Ich ließ mich lieben, ohne es eben zu sehr zu

begehren. -- Ich reis'te von Zürich ab, nachdem wir einander unbestimmte

Versprechungen gemacht, und einen beständigen Briefwechsel verabredet

hatten. Dieser Briefwechsel wurde von Ihrer Seite immer dringender, und

zärtlicher. Endlich -- und das fiel in jene Periode meiner Philosophie,

meiner hohen Seelenruhe und meiner gänzlichen Gleichgültigkeit gegen

allen Glanz der Welt -- schrieb sie mir, ich solle, da meine Aussichten

scheiterten, zu ihr nach Zürich kommen; das Haus ihres Vaters, und ihre

Arme stünden mir offen. Ich besann mich in meiner damaligen Stimmung

keinen Augenblick Ja zu sagen. Noch erwartet sie mich in der Mitte des

Aprills, und will sich sogleich bei meiner Ankunft mit mir verheirathen.

Ihr Vater hat mich in dem zärtlichsten Briefe eingeladen. Sie selbst ist

die edelste, treflichste Seele; hat Verstand, mehr als ich, und ist

dabei sehr liebenswürdig; liebt mich, wie wohl wenig Mannspersonen

geliebt worden sind. Sie ist nicht ohne Vermögen, und ich hätte die

Aussicht einige Jahre in Ruhe mein Studiren abzuwarten, bis ich entweder

als Schriftsteller, oder in einem öffentlichen Amte, welches ich durch

die Empfehlung einer Menge großer Männer in der Schweiz, die sehr viel

von mir halten, und die Correspondenz in alle Länder Europas haben, wohl

erhalten könnte, selbst ein Hauswesen unterhalten könnte. -- Ich bin

seit Michaelis fest entschloßen gewesen, diesen Antrag zu ergreifen; und

noch da ich meinen leztern Brief schrieb, war ich der Meynung, und

schrieb daher, daß ich zu Ostern nach der Schweiz gehen würde. Aber von

einer andern Seite hat eine gewiße Begebenheit wieder meinen ganzen

Durst in die Welt hinaus aufgewekt; ich liebe die Sitten der Schweizer

nicht, und würde ungern unter ihnen leben, es ist immer eine gewagte

Sache, sich zu verheirathen, ohne ein Amt zu haben; und endlich fühle

ich zu viel Kraft und Trieb in mir, um mir durch eine Verheirathung

gleichsam die Flügel abzuschneiden, mich in ein Joch zu feßeln, von dem

ich nie wieder loskommen kann, und mich nun so gutwillig zu entschließen,

mein Leben, als ein Alltags Mensch vollends zu verleben. -- Ich bin also

seit einiger Zeit sehr unentschloßen, ob ich gehen werde.

Gehe ich aber nicht, so weiß ich nicht, was ich anfangen werde. Ich habe

mehreren Männern hier in Leipzig, die sich für mich intereßiren, gesagt:

daß ich ihnen für ihre Güte danke; weil ich auf Ostern anderweitige

Aussichten habe. Ich darf ferner dann nicht in Leipzig bleiben, weil

meine Geliebte mich hier zu gut zu finden weiß; weil ich mich der

Fortdauer eines Briefwechsels ausseze, der mir sehr beschwerlich werden

würde; weil ich ihr die in meiner Seele vorgegangene Veränderung nicht

plözlich sagen, sondern sie allmählich darauf vorbereiten will. -- Muß

ich aber Leipzig verlaßen, so bleibt mir nichts übrig, als Dreßden.

Davon unten ein mehreres.

Der Schluß des Schreibens fehlt.

Der nächste, ebenfalls nicht ganz vollständig erhaltene Brief führt

die Aufschrift:

Dem

Herrn _Fichte_

Krämer

in

_Rammenau_

_p. Bischofswerda_.

d. Einschluß bis Querfurt.

und stammt aus dem Jahre 1792, da Fichte am 1. Juli 1791 nach

Königsberg und im Herbste (September?) dieses Jahres in das gräflich

Krockowsche Haus in der Nähe von Danzig gekommen war.

6.

Theuerste Eltern;

Ich habe Ihnen schon verwichnen Herbst von Königsberg aus geschrieben,

ich ersehe aber aus der erst vor zwei Tagen eingelaufenen Antwort meines

Correspondenten in Sachsen, daß Sie diesen Brief erst im Februar dieses

Jahres können erhalten haben. Meine Lage hat sich seitdem sehr geändert,

und ich ergreife die erste Gelegenheit, da ich nach Sachsen schreibe, um

Sie davon zu benachrichtigen. Ich habe nemlich meinen Ekel gegen das

Hofmeister Leben noch einmal überwunden, und lebe seit October vorigen

Jahrs =in Krockow, bei Neustadt, in West Preußen= hart an der Ost See,

6. Meilen westwärts Danzig als Führer des Sohns des Königl. Preußischen

Obrist Grafen von Krockow. Diesmal hat mich meine Entschließung nicht

gereut, und wird mich warscheinlich nie reuen. Ich bin in einem Hause,

das in seiner Art einzig ist, weil es in unsrer Gräfinn durch eine

wohlthätige Göttin beseelt wird, geehrt, und geliebt; habe Aussichten,

wenn ich je daran denken sollte, mich fest zu sezen, so gut sie einer

haben kann; und beschäftige mich neben zu mit Schriftsteller Arbeiten.

Macht Ihnen also das Glük Ihres Sohns Freude, so erhalten Sie hierdurch

die Versicherung, daß ich jetzt so glüklich lebe als ..... [ist

abgerissen] .....

Ich hoffe, daß Sie alle sich wohl befinden, und sich meiner

freundschaftlich erinnern. Wollen Sie mich davon benachrichtigen, so

geben Sie Ihre Briefe unter der Addreße =Krockow, bei Neustadt in

West-Preußen= etwa in Frankfurt an der Oder auf die Post -- aber

postmäßig gepakt, und gut gesiegelt und überschrieben. -- Ich werde

nicht unterlaßen Ihnen von Zeit zu Zeit mit so wenig Kosten als möglich,

Nachricht von mir zu geben.

Mein ganzes Geschwister, besonders Gotthelfen, versichre ich meines

brüderlichen freundschaftlichen Andenkens. Dies einzige thut mir leid,

daß ich keine Aussicht habe, eines von Ihnen so bald wieder zu sehen.

Ich werde meine vielen Wanderschaften warscheinlich in West-Preußen auf

eine geraume Zeit beschließen. -- Auch den Herrn Pastor Wagner bitte ich

freundschaftlich von mir zu grüßen. Es ist jezt meine angelegenste

Sorge, und vielleicht begünstigt sie das Schicksal, meine wirthschaftlichen

Umstände auf so eine Fuß zu setzen, daß ich vorerst meine Schulden

([Zusatz am Rande:] die sich in manchen Ländern der Erde höher belaufen,

als man glauben sollte) bezahlen, und dann die heilige Pflicht meiner

geliebten Eltern Schiksal wenigstens in etwas zu versüßen, beobachten

kann.

Leben Sie recht wohl, und versichern Sie sich der kindlichen Liebe

Dankbarkeit und Ergebenheit .... [abgerissen]

Der folgende Brief mit der Aufschrift: »Meinen theuersten Eltern«,

also ebenfalls durch Einschluß befördert, ist geschrieben aus dem

Hause seines spätern Schwiegervaters, der Klopstock's Schwester zur

Frau hatte, des Waagmeisters Rahn in Zürich, dessen Tochter Johanna

Maria er schon vier Jahre früher, als er in Zürich als Erzieher lebte,

kennen gelernt und lieb gewonnen hatte (I, 38 ff. 148; vgl. Fichte's

eigene Aeußerungen über sie II, 154. 220. 256. 432. 503 ff., und ihre

Briefe an Charlotte von Schiller II, 402 ff.). Er hoffte schon im

April 1791 sie wiederzusehen und sich ehelich mit ihr zu verbinden;

aber Verluste, die Rahn an seinem Vermögen erlitt, zerstörten diesen

Plan. Der Biograph scheint mit den Worten: »Jetzt nach manchen

vereitelten Planen eilte er mit Sehnsucht dahin« (I, 116) die

Vermuthung aussprechen zu wollen, Fichte habe die Reise nach der

Schweiz wirklich gemacht oder begonnen; mir ist dies aber ganz

unwahrscheinlich, da Fichte nach obigem Briefe am 5. März noch in

Leipzig war und am 28. April bereits von da nach Osten und Norden

abreiste (I, 118).

7.

Theuerste Eltern,

Ich bin nach einer langen Reise glüklich und gesund in Zürich

angekommen, und habe meine Geliebte, ihren Vater, ihre Familie voll

Liebe, Freundschaft und Achtung für mich getroffen. Ein Umstand hat

unsre wirkliche Verbindung aufgehalten, und hält sie leider! noch auf.

Der Herr Pastor Wagner wird Ihnen den erklären, und Sie vielleicht um

eine schriftliche Einwilligung in unsre Ehe bitten, die Sie mir mündlich

schon gegeben haben.

Meine Geliebte grüßt Sie mit dem kindlichsten Herzen, und wünscht nichts

inniger, als daß auch sie einst dazu beitragen könne, Ihnen den Abend

des Lebens zu versüßen -- Ich überzeuge mich immer mehr, welch' eine

vortrefliche Person sie ist, und erfahre zugleich in welch' eine

ausgebreitete und große Verbindung mit allem was in Teutschland

angesehen, und gros ist, ich durch diese Heyrath komme -- ich, der ich

schon auf meinen Reisen nicht unwichtige Freundschaften geschlossen

habe.

Ich und meine Geliebte grüßen herzlich alle meine Geschwister, die ich

bitte sich unsrer freundschaftlich zu erinnern.

Nächstens schreibe ich Ihnen mehr. Jezt geht die Post ab.

Zürich, im Waaghause

d. 26. Jun. 1793.

Ihr

gehorsamer Sohn

J. Gottlieb Fichte.

Was Fichte's Verehelichung aufhielt, waren die Schwierigkeiten der

damaligen Züricher Gesetze bei der Verheirathung und Niederlassung

eines Ausländers (I, 155. II, 154), weswegen Fichte auch unter dem 16.

Juli an den Oberhofprediger Reinhard in Dresden schrieb mit der Bitte

um Ausfertigung eines Erlaubnißscheines vom sächsischen Kirchenrathe

zu seiner Trauung (II, 418).

Nicht lange aber dauerte es, bis Fichte den Ruf als Professor nach

Jena erhielt, wo er Sonntag, den 18. Mai 1794 ankam und schon am 23.

seine öffentlichen Vorlesungen, sowie Montag, den 26. Morgens von 6-7

Uhr seine Privatvorlesungen eröffnete. So sehr ihn nun auch dieses

neue Amt in Anspruch nahm, so fand er dennoch Zeit, an seinen schon

oben erwähnten Bruder Gotthelf zu denken und mit einer Art von

väterlicher Fürsorge ihm die Wege zu höherer geistiger Ausbildung zu

zeigen. An diesen ist denn nun eine ganze Reihe von Briefen gerichtet,

welche im höchsten Grade anziehend wie belehrend sind durch die

psychologische Einsicht und die pädagogische Weisheit, womit der

ältere Bruder den jüngeren nach der Eigenthümlichkeit seines Wesens,

seiner Anlagen und seiner Fehler beurtheilt und auf die Mittel zur

Verbesserung seiner schlechten Angewöhnungen und seiner Mängel

aufmerksam macht. Die Klarheit und Richtigkeit dieser Beobachtungen

und Bemerkungen ist so einleuchtend, daß darüber nichts weiter zu

sagen ist. Hervorzuheben aber ist namentlich noch erstens die von

trügerischen Einbildungen und unbesonnenen Hoffnungen reine

Nüchternheit, womit Fichte seinem Bruder gleich von vorn herein

ankündigt, daß der ganze Bildungs- und Studienplan unter den

obwaltenden Verhältnissen, bei dem vorgerückten Alter (genau findet

sich dasselbe nicht angegeben) u. s. w. nicht mehr als eben nur ein

Versuch sein könne. Hervorzuheben ist ferner auch die unerbittliche

Entschiedenheit, womit er ihm immer und immer wieder das nothwendig

Abzulegende wie das unumgänglich zu Erstrebende vorhält, -- eine

Entschiedenheit, die freilich auch heutzutage in manchen Kreisen

der Erziehung um so weniger gern gesehen wird, mit je größerer

Ueberzeugungstreue und Festigkeit sie auftritt, -- eine Entschiedenheit,

deren Berechtigung auch damals dem Bruder, gegen den sie geltend

gemacht wurde, nicht immer so ganz einleuchten mochte, so wie sie ja

selbst der Gattin Fichte's, deren höchst liebenswürdige Briefe ich mit

beifüge, zuweilen zu hart erschien (vgl. besonders den Brief Nr. 14).

So anziehend aber diese echt weibliche Milde ist, so achtungswerth ist

des Mannes Strenge, der als Erzieher auch gegen den Bruder von den

ernsten Anforderungen nichts nachließ, wo er nichts nachlassen durfte.

8.

Meinem Bruder Gotthelf.

Jena, d. 24. Jun. 1794.

Mein lieber Bruder,

Du hast in den Punkten, die ich Dir bei deiner Prüfung vorgelegt,

manches nicht aus dem richtigen Gesichtspunkte angesehen. -- Dahin

gehören die =gelehrten Sprachen=. In Erlernung derselben hat ein schon

gebildeter Kopf allerdings Vortheile, die das Kind nicht hat; er faßt

besser die allgemeinen Begriffe, die dazu nöthig sind; aber er hat auch

=Nachtheile=. Das mechanische Lernen bloßer Schalle, wie die Wörter

sind, ist ihm etwas troknes. Einen Nachtheil hat er, an dessen

Ueberwindbarkeit ich ganz zweifle: die =Verhärtung der Sprachorgane= zur

Hervorbringung der richtigen Töne, besonders in der Französischen

Sprache; wobei Du noch einen Nachtheil mehr hast, als andere, da Dein

mütterlicher Dialekt das verdorbene Sächsisch, und noch dazu das

höchstverdorbene Ober Lausitzer Sächsische ist. Ich selbst, der ich doch

von meiner ersten Kindheit an aus der Gegend gekommen, habe Mühe gehabt,

selbst meine teutsche Mundart so zu reinigen, daß man mir mein

Geburtsland nicht mehr anhöre; Du wirst das nie können. Französisch gut

sprechen habe ich nie lernen können; eben um dieser Muttersprache

Willen; und Du wirst nie auch soweit kommen, um einem Franzosen Dich

verständlich zu machen, aus Gründen, die ich Dir mündlich entwikeln

will: (nicht bloß der Gaum, und die Zunge, auch das =Ohr= wird

verhärtet; man hört den rechten Ton gar nicht.) -- Ferner ist ein

Hauptpunkt das feinere Betragen der großen Welt, das einem Gelehrten,

der zur höhern Klasse gehören, und nicht unter den gemeinen gelehrten

Handwerkern verbleiben will, schon jezt nöthig ist, und immer nöthiger

wird. Denn der Gelehrten Stand fängt an sich auf eine immer höhere

Stuffe empor zu arbeiten; und ehe Du auftrittst, wird die Sache wieder

weit höher getrieben seyn. Wem es in diesem Punkte fehlt, den macht man

lächerlich, eben darum, weil man die Uebermacht des Gelehrten unwillig

mit ansieht; und nun ist er um alle seine Brauchbarkeit. Du kannst Dir

das gar nicht so ganz denken, weil es gänzlich außer Deiner Sphäre

liegt. -- Ein solches feines Betragen nun lernt in spätern Jahren sich

nie; denn die Eindrüke der ersten Erziehung sind unaustilgbar. (Mir

sieht man die meinige jezt vielleicht nicht mehr an; aber das macht mein

sehr frühes Leben im Miltizschen Hause, mein Leben in Schulpforta, unter

meist besser erzognen Kindern, mein frühes Tanzenlernen u. s. w. Und

dennoch hatte ich noch nach meinem Abgange von der Universität einige

bäurische Manieren; die bloß das sehr viele Reisen, das viele

Hofmeisterieren, in verschiedenen Ländern, und Häusern, und besonders

die größte Aufmerksamkeit auf mich selbst vertilgt haben. Und weiß ich

denn, ob sie ganz vertilgt sind? --) Das also ist der Hauptpunkt, über

den wir nie kommen werden; und das -- gesteh ich -- thut mir weh, weil

ich die Wichtigkeit davon einsehe, die Du nicht siehst.

Dennoch glaub ich muß die Probe gemacht werden. Gesezt, es geht nicht,

so kann es nicht schaden, daß Du wenigstens mit einigen Seiten der

höhern Stände bekannt werdest, und eine solche Bekanntschaft kann Dir

in mancher Art nüzlich werden. Hierbei also kommt es auf die Frage an:

=ob Du Dir Seelenstärke genug zutraust=, um, wie es seyn muß, ohne

Beklemmung in Deinen jetzigen Stand wieder zurük zu treten? Ich stelle

mir, =bei gehöriger Seelen Größe=, einen solchen Zustand, als sehr

angenehm vor. Man kennt dann die Unannehmlichkeiten der höhern Stände

aus Erfahrung, und ist in dem seinigen desto zufriedener.

Komm also zu mir; denn ob ich gleich dadurch, daß ich Dich spreche, kaum

in irgend etwas näher von Deinem Zustande werde belehrt werden, als ich

es schon jezt bin, so freue ich mich doch theils darauf, Dich zu sehen;

theils erwarte ich von Dir einige Winke, =wohin= ich Dich zuerst thun

müße. Das allererste muß seyn, Deinen Körper, und Deine Sitten zu bilden

([Zusatz am Rande:] ehe dieses geschehen ist, kann ich Dich auch nicht

einmal bei mir haben, weil dadurch auf einer Universität, bei Studenten,

auf mich selbst ein übles Licht fallen würde): und nebenbei zu versuchen,

ob das Gedächtniß, und die Zunge die Sprachen faßt. Dies kann ein paar

Jahre dauren. Und Du brauchst vor der Hand weniger einen Lehrer, als

eine =Erzieherin=. Um einem jungen Menschen Sitten beizubringen, ist das

weibliche Geschlecht schlechthin unentbehrlich. Ferner muß das in einer

=Stadt=, und zwar in einer schon etwas großen Stadt geschehen, und da

kenne ich denn weder =Stadt=, noch =Haus=, in die ich Dich thun könnte.

Hier in der Nähe wünschte ich es nicht: sonst wäre allenfals =Weimar=

der Ort. =Tanzen= lernen müstest Du vor allen Dingen. Wenn Du dann so

gebildet wärest, daß Du ohne Anstoß in Gesellschaft erscheinen könntest,

so nähme ich Dich in mein Haus: und =dann= wollten wir wohl sehen. --

Aber ob es dahin je kommen werde, das ist eben die Frage.

Was Du mir über den Aufwand schreibst, den mir dieses verursachen

könnte, das muß ich Dir beantworten. -- Du irrst, wenn Du glaubst, daß

er gering seyn werde; weil Du die Sache nur =einseitig=; nur von der

Seite des =Lernens= ansiehst; und auch über diesen Punkt nicht weißt,

=wie viel= zu lernen ist, wovon Du noch gar keinen Begriff hast. Aber es

ist überhaupt am Wenigsten vom Lernen; es ist von ganzer =sittlicher

Bildung= die Rede; und diese kostet um so mehr Zeit, und Geld, wenn man

schon so lange her =verbildet= ist. Du wirst aus dem, was ich oben über

diese erste Vorbereitung gesagt habe, ohngefähr einen Schluß machen

können. Aber das thut nichts zur Sache. Was ich mir vornehme, das

=muß= seyn; und dazu =muß= das Geld =mir= werden; das wißt ihr ja aus

vielfältiger Erfahrung. Ueberhaupt erheitern sich meine Aussichten über

diesen Punkt: ich werde eine gute Einnahme, aber freilich auch eine

starke =Ausgabe= haben; denn das geht hier zu Jena stets mit einander,

und ist nicht zu trennen. -- Aber arbeiten muß ich schon jezt, und werde

ich müßen, wie noch nicht leicht ein Mensch gearbeitet hat.

Vom =wiedergeben= an mich, wovon Du auch redest, kann nie die Frage

seyn: und ich will Dir im Fall der Möglichkeit sogleich jetzo feierlich

eine Anweisung geben. Ich würde auf jeden Fall für unsere Eltern etwas

gethan, gesorgt haben, ihnen ein bequemeres, freudenvolleres Alter zu

verschaffen -- besonders unserm guten Vater, der in seinem mühevollen

Leben ein frohes Alter gar wohl verdient hätte. An diesen gieb zurük,

wenn Dir Dein Plan gelingt; ich will unsern Eltern in Dir noch einen

Sohn geben, der für sie thue, was =ich= vor der Hand nicht thun kann.

Ich erwarte Dich. Tritt nicht im Gasthofe ab, sondern komm gerade zu

mir: auf der =Bachgaße=, in der Spachmeisterin [so steht, ziemlich

deutlich, geschrieben; es soll wohl Sprachmeisterin heißen] Dyrr Hause

wohne ich. Ich weiß nicht, ob ich Dich die Nacht werde logiren können,

da ich jezt mir ein eigenes Hauswesen einrichte, ein paar Profeßoren den

Tisch bei mir haben, und ich vor jetzt nur zwei Stuben inne habe. Aber

wir werden ja sehen! -- Ich bin von 7. Uhr früh Morgens Vormittags immer

zu Hause, und ich werde sorgen, daß ich gegen den 7. Jul. nicht .....

[dringende?] Arbeit habe. Ich habe diese zwar immer; aber ich muß voraus

arbeiten wenn =ich= kann. -- Ferner wünschte ich nicht, daß Du weder auf

dem Wege hierher, noch in der Stadt, noch in meinem Hause verbreitest,

in welcher Beziehung Du mit mir stehst. Ich habe dazu meine Ursachen.

Wenn Du bei mir bist, so wird sich dann alles finden. Wenn Du aber als

mein Bruder erscheinst, so verlangen die Häuser, mit denen ich näher

bekannt bin, und es sind deren viele, daß ich Dich mit ihnen bekannt

mache: und das könnte weder Dir, noch ihnen, noch mir angenehm seyn. --

Der Brief hat keine Unterschrift, vielleicht ist noch ein Blatt

angefügt gewesen.

In Bezug auf Fichte's Hauswesen, welches in dem Briefe berührt wird,

mag daran erinnert werden, daß seine Gattin nebst seinem Schwiegervater

erst im Laufe des Sommers (nicht vor Ende Juli) ihm nach Jena

nachfolgte, und daß er unterdeß sich eine Köchin hielt, mit der er

ziemlich zufrieden war (I, 217). Daher kommt es auch, daß, wie die

späteren Briefe zeigen, Fichte's Frau seinen Bruder noch nicht kannte,

obschon dieser jedenfalls im Juli bei ihm in Jena gewesen ist.

Die Schlußbemerkungen, wie auch die Randnotiz in der Mitte des

Schreibens, zeigen, wie überaus sorgfältig, fast ängstlich, Fichte

auf seinen gesellschaftlichen Ruf bedacht war. Bei ihm, der nicht

blos Vorlesungen halten, sondern auf das ganze Wesen und Leben der

Studirenden einwirken und sie aus der damals herrschenden studentischen

Rohheit und Zügellosigkeit auch sittlich heben wollte, bei ihm

versteht sich von selbst, daß er nicht in leerer Eitelkeit sich seines

ungebildeten Bruders schämte, sondern höhere Rücksichten nahm.

9.

=Meinem Bruder Gotthelf.=

Jena, d. 4. August. 94.

Ich hätte Dir, und Deinetwegen nach Meisen schon lange geschrieben, wenn

ich Zeit gehabt hätte. Aber Du kannst mir's glauben, daß ich oft auch zu

einem Briefe die nöthige Zeit nicht habe.

Mit Anfange des Septembers dieses Jahres bist Du Kostgänger bei dem

ConRektor auf der Stadtschule zu Meisen, Herr _M._ Thieme, der in allen

Stüken für Dich sorgen wird. Du hast bei ihm alle Bedürfniße des Lebens,

und Unterricht in der Lateinischen, und Französischen Sprache, und in

der Geschichte. -- _M._ Kenzelmann wird immer Dein Freund seyn, und Dir

rathen. -- Richte Dich also ein, daß Du mit Anfange des Septembers in

Meisen bist. Was an den ConRektor zu bezahlen ist, ist schon bezahlt. --

Für Kleider, -- wobei Dir ohne Zweifel _M._ Kenzelmann mit seinem Rathe

an die Hand gehen wird; meinen Wunsch weißt Du; ja nicht =kostbar=, und

=theuer=, aber =modisch= -- und Büchern, wozu Dir nemlich der Herr C. R.

Thieme rathen wird, versorge Dich selbst aus dem Dir abgetretnen Gelde

([Zusatz am Rand:] auch bezahlst Du davon den Tanzmeister, den Dir Hrr.

Thieme zuweisen wird.). Ich denke, das soll langen. Wegen der Herrschaft,

denke ich, halten wir es so. -- Du bist verreis't, -- wer weiß es denn,

wo Du hin verreist bist; Du bist ja bisher immer auf dem Handel gewesen;

die andern Brüder sind auch auswärts, -- wer weiß denn, wo Du bist? Nur

hättest Du dann immer =schweigen= müßen. Habt ihr nicht =schweigen

können=, so ist die Sache freilich übel; und in diesem Falle bitte ich

Dich, mir sogleich zu schreiben, damit ich meine Maasregeln zu nehmen

wiße.

Gelingt dann Dein Vornehmen, so werde ich die Sache schon selbst

abzumachen wißen ([Zusatz am Rande:] bis dahin giebst Du Dein

=Schuzgeld=, wie vorher). =Gelingt es nicht=, so kannst Du ohne

Nachtheil, und Nachrede in Deinen vorigen Stand zurüktreten. Gelingt

es nicht, sagte ich -- denn ich muß frei mit Dir reden, mein liebster

Bruder. So ein Gedanke scheint Dir gar nicht einzufallen; ich muß

demnach selbst Dich darauf aufmerksam machen. Du hältst den Sieg

schon für errungen: aber er ist es noch gar nicht. Wir wollen es erst

versuchen; und ich habe nie Dir mehr versprochen, und kann Dir, wenn ich

vernünftig bin, nicht mehr versprechen, als =daß ich den Versuch machen=

will

1.) Wenn Du nicht wenigstens =hinlängliche Feinheit= der Sitten Dir

erwirbst, so kann, und will, und werde ich nichts für Dich thun; aus

Gründen, die ich Dir mündlich, und schriftlich mitgetheilt habe. Ob Du

das wirst, wißen wir beide noch nicht, weder ich, noch Du; Du kannst

höchstens .... [behaupten?], daß Du es =willst=, Du weißt aber noch

nicht, ob Du es =können= wirst; und ich eben so wenig.

2.) Steht Dir noch ein HauptUmstand, sowohl zur Verfeinerung Deiner

Sitten, als zur Erwerbung gründlicher Kenntniße im Wege, über den ich

endlich, nachdem ich mündlich Dir schon Winke genug gegeben, und ich an

Deinem Briefe doch noch nicht die geringste Aenderung spüre, freimüthig

mit Dir reden muß. -- Du traust Dir viel zu viel zu; hast eine viel zu

hohe Meinung von Dir: =und Du wirst daher diejenigen Männer=, denen ich

Dich jezt übergeben muß, =nicht achten=; -- =deswegen ihnen nicht

folgen=, weil Du Dich für klüger hältst; und =so wirst Du natürlich

weder Deine Sitten bilden, noch etwas lernen=. Ich weiß sehr wohl,

lieber Bruder, daß Du gegenwärtig auf keinen Menschen etwas giebst, als

auf mich; giebst Du nun nur wirklich etwas auf mich, und glaubst Du, daß

ich es redlich mit Dir meine, so lies aufmerksam, was ich Dir sagen

will, und -- richte Dich darnach.

Du hast Kopf, d. h. =Fähigkeit= etwas zu lernen, aber darum =weißt Du

noch nichts=: und, -- glaube es mir, -- der Schüler der untersten Klaße

weiß weit mehr als Du. Daß es so ist, ist Dir keine Schande; aber, wenn

Du das vergißest, so ist es Dir eine Schande. -- Du hast die, mit

welchen Du bisher gelebt hast, übersehen, weil sie auch nicht studiert.

-- Einige Studierte, z. B. den Herrn Pfarrer, seinen Bruder, u. s. f.

glaubst Du auch übersehen zu haben; aber da kann ich Dir aus dem Traume

helfen. 1.) Du glaubtest z. B. nicht, was die Kirche, und der Pfarrer

mit ihr glaubt; und darum hieltest Du Dich für aufgeklärter, als sie;

theils weil ich z. B. es auch nicht glaube. Aber das ist sehr zweierlei;

Du hast keine Einsicht =in die Gründe=, die ich habe, es nicht zu glauben;

noch Einsicht =in die Gründe=, die der =Pfarrer hat, es zu glauben=.

2.) Du verstehst keinen Gelehrten, noch kannst Du ihn verstehen, weil es

Dir an den nöthigen Vorerkenntnißen fehlt. Was Du also nicht verstehst,

hältst Du, wenn es nicht Jemand sagt, der bei Dir in Autorität steht,

für dummes Zeug: das mag es denn auch wohl seyn: aber Du wenigstens

kannst es nicht dafür erklären, denn Du verstehst es nicht. -- Um Dir

ein recht auffallendes Beispiel darüber anzuführen. Kenzelmann hat etwas

über den Ausdruck =Denkfreiheit= auf dem Titel einer gewißen Schrift

gesagt: ich weiß nicht, was es ist, denn =begreiflicher Weise= (hier

siehst Du wieder Deine Unwißenheit -- Du hältst es für möglich, daß er

mir darüber geschrieben haben könne, weil Du mit den Sitten der feinern

Welt unbekannt bist; aber nach ihnen ist es =unmöglich=, daß er mir

darüber geschrieben haben könne, =weil ich mich nicht als Verfaßer

genannt habe=.) hat er mir nicht darüber geschrieben; aber ich errathe

es sogleich, weil ein Studierter den andern auf einen Wink versteht. Da

glaubst Du nun, ihm aus dem Traume helfen zu können; und verstehst

nicht, was er tadelt. Es betrift den Ausdruck =Denkfreiheit=. Das

=Denken= ist doch wohl etwas innerliches, unsichtbares. Wie kann mir

denn jemand die Freiheit nehmen, in =meinem Herzen= zu denken, was ich

will? und wer hat denn jemals =diese= Freiheit unterdrücken =wollen=,

oder =können=? Das ohngefähr hat K. sagen wollen. Es sollte demnach

heißen, =Freiheit seine Gedanken mündlich oder schriftlich oder durch

den Druck mitzutheilen=. -- Nun hat er zwar nicht ganz Recht: denn in

der Schrift selbst ist der Ausdruck Denkfreiheit so erklärt worden; und

es ist nicht nöthig viel Worte zu machen, wo man mit einem einzigen

auslangt. -- Aber was Du sagst, paßt gar nicht auf seine Frage, und Du

hast ihn daher gar nicht verstanden.

So lange Du nun nicht bescheiden wirst, und erkennst, daß Du schlechthin

nichts weißt, aber etwas lernen sollst: und daß jeder Gelehrte Dich

lehren könne, so ist Dir nicht zu helfen. Beurtheilen, ob etwas nöthig

sey zu lernen oder nicht kannst Du gleichfalls nicht; denn Du weißt

nicht, wozu das unscheinbare, und geringfügige in der Zukunft dienen

könne, da Du die Wißenschaft nicht übersiehst. -- Denke, daß Du, als Du

die Buchstaben kennen lerntest, hättest sagen wollen: wozu das, zu

lernen was A. und B. ist, u. s. f. so könntest Du heute noch nicht

lesen. -- Dergleichen Dinge werden Dir gar viele vorkommen, die zuletzt

doch so nöthig sind, als das A. B. C. ob sie gleich unscheinbar

aussehen.

Ferner habe ich bemerkt, daß Du die Wißenschaft für viel zu leicht

hältst, und daß Du glaubst, daß das alles auf den ersten Anlauf gelernt

sey. Das ist nun der Fall gar nicht; und wenn Du Dich nicht mit Geduld

ausrüstest, so kann nichts werden.

Also =lege ab die große Meinung von Dir, und folge Deinen Führern auf

der Bahn der Wißenschaften= ~blindlings~. Zu seiner Zeit wollen wir

zusammen =selbst prüfen=, jezt bist Du dazu noch gar nicht reif.

Ich habe diejenigen, welche die Aufsicht über Dich führen, gebeten, mir

=freimüthig= zu melden, wie es mit Dir geht. Ich habe ihnen ferner Winke

über diesen Deinen Fehler gegeben. Ich werde also sehr bestimmt

erfahren, wie Du Dich hältst. Von Dir selbst erwarte ich, daß Du mir

alle 8. Tage =unfrankirt= schreibst, sobald Du in Meisen seyn wirst, und

mir meldest, =was= Du studirst, wie es Dir von Statten geht, Deine

Gesinnungen, Gedanken, Zweifel dabei u. s. f. Dabei sey -- darum

beschwöre ich Dich um Deines eigenen Besten Willen, -- offen und

freimüthig gegen mich. Wenn Du dann auch etwas ungeschicktes schreibst

und ich es Dir widerlege, -- was ist denn das weiter? Das bleibt unter

uns. Es ist beßer, daß ich Dir es verweise, denn daß es bei Dir bleibe.

Ich will nie ein anderes Verhältniß zu Dir haben, als das eines ältern,

weisern Freundes.

Ich bestimme Dir, -- wenn alles gut geht -- ein Jahr in Meisen. Könntest

Du in einem halben Jahre leisten, was zu leisten ist; so ersparst Du mir

freilich keine kleine Summe. -- Doch ist eigentlich hiervon nicht die

Rede. Werde nur, was Du werden sollst.

Das von der Probst-Stelle zu W. ist nicht klug ausgesonnen. Ich bin

zuförderst kein =Theolog=. Ich kann Profeßor der Philosophie mit Ehren

seyn: wäre es nicht thörigt von mir, wenn ich etwas nehmen wollte, dem

ich nur nothdürftig vorstehen könnte. -- Dann glaubt man denn, daß ich

mich in Wittenberg verbessern würde? Man hat doch drollige Begriffe,

scheint es, von einem Jenaischen Profeßor. -- So auch dem, was die Fr.

v. Kleist, der ich übrigens für ihr Andenken sehr verbunden bin, gesagt

hat. -- »Ich würde nicht lange in Jena seyn, sondern bald weiter gerufen

werden.« Ich möchte wohl wißen, wer mir etwas anbieten könnte, wodurch

ich mich verbeßerte. Wer in Jena arbeiten will, der kann es so hoch

bringen, als auf irgend einer teutschen Universität. Arbeitlosere

Stellen giebt es freilich; aber ich habe noch nicht Zeit, mich zur Ruhe

zu sezen. -- Doch wünschte ich wohl, daß ich gerufen würde; um es

ausschlagen zu können. =Das unter uns= wie sich versteht. -- Ueberhaupt

sey in Meisen vorsichtig in deinen Aeußerungen über mich. Du weißt

nichts; damit ist es zu Ende.

Grüße herzlich meine Eltern, und Geschwister.

Der Deinige

F.

Daß die »Probst-Stelle zu Wittenberg« für Fichte geeignet sein könnte,

war wohl nur ein Gedanke der Seinigen; von einem wirklichen Anerbieten

ist nichts bekannt. -- Zu dem Namen v. Kleist vgl. den 45. Brief.

10.

Jena, d. 13. Fbr. 94.

Mein lieber Bruder,

Dein Lehrer hatte mir schon vor einigen Wochen Deinethalben

geschrieben. Ich bin so überhäuft mit Arbeiten gewesen, daß ich ihm

nicht eher, als bis jetzt antworten konnte; ich hoffe aber, daß dadurch

für Dich kein Nachtheil entstanden seyn soll.

Die Methode, die der Herr Konrektor mit dem Decliniren, und Conjugiren

einschlägt ist die einzige für Dich zweckmäßige. Mag es immer

Kopfbrechens kosten. Decliniren, und Konjugiren ist das wenigste: die

Uebung der angestrengten Aufmerksamkeit, des geschwinden Besinnens

u. s. w. -- diese ist wichtig.

Dich an Arbeiten gewöhnen, ist gleichfalls eine Hauptsache. Fahre so

fort, wie Du mir schreibst, daß Du handelst. Ich wünschte auch zu wißen,

was Du in Geschichte, und Geographie gelernt hast.

Ich sehe, daß Du noch immer so sehr unorthographisch schreibst. Suche

Dich darüber zu belehren; und gib acht auf Dich, bei jeder Zeile die Du

schreibst; sonst wirst Du Zeitlebens nicht orthographisch schreiben

lernen; und das =paßirt gar nicht=. -- Ferner schreibst Du doch auch

gar zu schlecht. Ich wünschte, daß Du Deine Hand übtest. Berufe darin

Dich nicht etwa auf mich. Es ist etwas anderes eine flüchtige aber

=ausgeschriebene= Hand zu schreiben. Die Deinige ist nicht ausgearbeitet.

Ich sehe ein, daß Dir das etwas schwer werden wird, weil Deine Hände

durch Handarbeit steif geworden sind; aber Du mußt nur desto =mehr=

schreiben.

Des P. Wagners Vortrag habe ich selbst einmal genoßen. Er ist allerdings

sehr faßlich. Aber sey darum dennoch versichert, daß der jezige

Unterricht dennoch der zwekmäßigste für Dich ist, eben darum, weil er

Dir die Sache schwer macht. Es ist nicht um die Sache; es ist um die

Kraftübung. Leb recht wohl, und schreibe mir bald wieder.

Fichte.

Aufschrift:

Herrn _Fichte_

in

_Meissen_.

11.

_Jena_ d. 25. _Nov._ 1794.

Theurer Bruder!

Mein theurer Mann, welcher Sie herzlich grüßt, hat mir aufgetragen

Ihnen zu schreiben; dies Geschäft hab ich gern übernommen, nicht daß ich

gerne Briefe schreibe, (denn seitdem ich nicht mehr an meinem Fichte zu

schreiben habe, ist mir das Schreiben höchst unangenehm.) sondern weil

=Sie= der Bruder meines Lieben Mannes sind; und weil ich glaube daß Sie

auch ein Edler, rechtschaffener Mann sind; da habe ich sie nun schon

recht lieb, ohne Sie eigentlich zu kennen; auch freue ich mich auf die

Zeit, wo Sie zu uns kommen, und bey uns wohnen, recht innig; da ist mein

guter rechtschaffener Vatter, seine Kinder, und Sie unser Bruder; da

werden wir oft, so stille, geräuschlose Freuden, welche dem Herzen

wohlthun, in unserm Hause mit einander genießen; wie wir lezten Sonnabend

eine hatten; es war nämlich meines guten Vatters 75. Geburtstag. Der

Himmel war uns so günstig, daß wir spazieren fuhren, in der lieben Natur

herum schwärmten; und am Abend, unter herzlichen vertraulichen Gesprächen

bey einander saßen, wo uns denn innig wohl war; auch ist mein theurer

Fichte, so ganz zu diesen herzlichen Vertraulichkeiten gemacht; daß man

sich in Ihn verlieben muß; nun stellen Sie Sich vor, wie's mir armen

Geschöpfe dann geht? da ich Ihn schon sonst herzlich Liebe; meine Liebe

geht dann in Anbetung über.

Ich merke nun wohl, daß ich Ihnen beständig von meinem Lieben Mann

vorgeschwazt habe; Sie lieben ihn ja auch, drum kann Ihnen das nicht

unangenehm seyn; und ich wünsche Ihnen theurer Bruder, zu seiner Zeit,

auch eine weibliche Seele, die Sie so =einzig= liebt; und wenn Sie

wollen, so wollen wir Diese zu seiner Zeit, ja zu seiner Zeit, vergeßen

Sie dieses nicht, gemeinschaftlich suchen. Nun will, und muß ich Ihnen

Behüte Gott sagen; denn ich habe mehrere Briefe zu schreiben, Dieser muß

mich für die unangenehmen welche ich noch zu schreiben habe schadlos

halten; Leben Sie wohl! mein guter Vatter grüßt Sie herzlich; das

gleiche thut Ihre Schwester

Johanna _Fichte_.

Wir haben Ihren 2. Brief auch erhalten. Mein Mann wird Ihnen nächstens

schreiben.

Aufschrift:

_Herrn Fichte_:

in

_Meissen_.

bei Herrn ConRektor =Thieme=.

frey

(Nur »_Herrn Fichte_:« und »frey« von Johanna's Hand, das Andere von

J. G. F.)

Der folgende Brief, die Perle unter denen von Johanna's Hand ist mit

der Offenheit, mit der hier ein weibliches Gemüth über sich selbst

spricht, und mit dem leichten Anklang von Humor, so wie mit der

überströmenden Fülle kindlich einfachen Sinnes und reinster Liebe,

ein köstliches Cabinetsstück, ein wahres Meisterwerk.

12.

_Jena d. 27. Decemb: 1794._

Lieber theurer Bruder!

Ich habe eine Menge Briefe vor mir, die ich beantworten soll, und Ihrer

sey der erste, den ich beantworte, weil Sie mir die liebste Persohn

sind. Hören Sie Lieber, ich bin gar nicht Ihrer Meinung, daß ein schön

geschriebenner Brief, eine schöne Seele verathe; (nicht, daß nicht

beydes neben einander bestehen könne,) aber die Erfahrung hat mir schon

zur Genüge gelehrt, daß es oft nicht bei einander ist; und wenn ich

Ihnen allso, welches ich nicht weiß, einen schönen Brief geschrieben

habe, Sie daraus gar nicht so gütig schließen müßen, daß ich eine schöne

Seele habe; überhaupt sehe ich aus Ihr. Lieben Brief, daß Sie mich viel

beßer glauben als ich nicht bin; und das sezt mich in große Verlegenheit,

wenn Sie mit solch guter Meinung zu uns kommen, und dann durch die

Erfahrung belehrt sehen, daß ich das bey weitem nicht bin, was Sie

glaubten, daß ich sein würde, und auch sein könnte, so muß ich in Ihren

Augen gewaltig verliehren; und das würde mir dann weh thun; auch müßen

Sie nicht glauben eine schöne Schwester bekommen zu haben; denn ich weiß

wohl, die Lieben Männer sehn auch das gern, drum laßen Sie Sich nun

erzehlen wie ich aussehe: vors erste bin ich klein, und war im 16. Jahre

sehr fett, da ich seit der Zeit nun um ein merkliches gemagert bin, so

hat die einmahl zu stark ausgedehnte Haut, viele Runzeln bekommen, dazu

gab mir die Natur ein wiedrig langes Kinn; und was nun das ärgste von

allem ist, so hab ich wegen heftigen Zahnschmerzen, (welches fast alle

Leute in der Schweiz haben,) mir meine obern Zähne ausziehen laßen; nun

überlaße ich Ihrer eignen Einbildungskraft, mich so comisch

darzustellen, als ich wirklich bin.

Nachdem, was Sie mein Lieber, was mein Mann, mir von unsern Vatter

gesagt hat, fühl ich viele Achtung für Ihn, und ich bitte Sie, ihn

herzlich in meinem Namen zu grüßen; ich hätte schon an Ihn geschrieben,

hielte mich nicht der Gedanke, der guten Mutter davon ab, denn ich muß

Ihnen gestehen, daß, nachdem, was ich von ihr gehört, ich Sie wirklich

fürchte; Wir wollen Sie [soll natürlich heißen: sie] Lieber Bruder, als

gute Kinder ehren, und nicht vergeßen was sie während ihrem mühsamen

Leben, an ihren Kindern gethan hat; auch kennen wir ihre Erziehung

nicht, wißen nicht, wie das alles so kam; und vielleicht nach ihrer Lage

kommen mußte.

Ja Lieber, es wird einst auch ein gutes Geschöpf für Sie dasein, daß

Sie aufrichtig Lieben wird; und ich will es denn zu seiner Zeit mit

Ihnen suchen; ich biete mich darum zu Ihrer _Rath_geberin, über diesen

wichtigen Schritt, an, weil wir Weiber tiefer in die Seele unsers

Geschlechts hineinbliken, als oft die klügsten Männer nicht thun; und

denn, weil ich Sie gerne glüklich sehn möchte ..... [diese Punkte stehen

im Originale] Sie sind mein Lieber Bruder, und wollen, und werden gewis

ein brafer Mann werden, und darum lieb ich Sie sehr.

Sagen Sie mir nichts guter Lieber, von unsern gegenseitigen

Verhältnißen, von Wohlthaten, wie Sie es nennen wir wollen wie gute

Kinder sein, welche mit einander theilen, und durch dieses theilen,

ihrem eignen Herzen eine Wohlthat erzeigen.

Mein theurer Vatter, welcher, ich darf es sagen, an Güte des Herzens uns

alle übertrift, grüßt Sie von ganzer Seele, und freut sich recht darauf

Sie kennen zu lernen; Er wird Sie, wie seinen Sohn lieben. Er hat ein

Herz daß lieben kann, und dem nicht wohl ist, wenns nicht lieben kann.

Wenn Sie ein Freund der Natur sind so werden Sie auch an mir eine

Freundin der Natur finden, denn kann ich orndlich schwärmen, aber doch

nicht mehr in dem Grade, wie ichs konnte; dieses Gefühl hat sich ein

wenig bey mir verlohren, und es ärgert mich sehr.

Leben Sie wohl Lieber theurer Bruder! Schreiben Sie bald, und vergeßen

Sie nicht, wie Sie aufrichtig Liebt Ihre Schwester

_Johanna Fichte_

Aufschrift:

_Herrn Fichte_:

abzugeben beym _Herrn_ Conrector _Thieme_

in _=Meisen=_

=Frey=:

Einerseits zur Bestätigung, anderseits zur Erklärung und Milderung

des Urtheils über die Mutter vergleiche man, was oben zum 4. Briefe

bemerkt wurde, so wie die folgenden Briefe Nr. 19. 21. 42. 45. 47.

Nach reiflicher Ueberlegung habe ich geglaubt, auch diese Stellen

nicht zurückhalten zu müssen, weder aus übertrieben vorsichtiger und

zaghafter Pietät gegen Fichte, noch selbst gegen seine Mutter, die

trotz der vielleicht scharfen und grellen Beleuchtung, welche auf sie

fallen mag, doch nicht in einem schlechten Lichte erscheint. Für das

Verständniß von Fichte's eigenem Wesen aber scheint mir die Kenntniß

seiner Stellung in seiner Familie und der Beziehungen zu seinen

Angehörigen nicht unwichtig, weil die rücksichtslose Entschiedenheit

und die zuweilen bis an Schroffheit grenzende Strenge seines

Charakters, das oft stolz sich Abschließende und kalt Zurückweisende

seines Wesens gegen heterogene, anders geartete Persönlichkeiten, zum

Theil wohl -- ich sage nicht ihre Entschuldigung, deren scheint mir es

nicht zu bedürfen, wohl aber ihren Erklärungsgrund mit in dem

Gegensatze haben kann, in dem er schon frühzeitig zu einem Theile

seiner Umgebung sich befand. Nicht minder als die positiven müssen

auch die negativen Einflüsse bei dem Entwicklungsgange eines

Charakters in Anschlag gebracht werden.

Dürfen wir aus den spärlichen Andeutungen ein bescheidenes Urtheil

wagen, so war Fichte's Mutter wohl, zum Unterschiede -- vielleicht

auch zu einer nothwendigen Ergänzung -- von ihrem weichherzigen und

wohl bis an's Unpraktische gutmüthigen Gatten, eine wesentlich

energische, positive, thatkräftig auftretende Frau von etwas zusammen

geraffter, gedrungener, kantiger Natur, die ihre gut gemeinten,

verständigen Ansichten in eigensinniger, rechthaberischer Weise

geltend machte, vielleicht um so heftiger und, daß ich so sage,

verbissener, je weniger sie alle Mal sogleich einen Erfolg davon sah:

so daß sie schließlich eine von jenen Frauen wurde, als deren

hervorstechendste Seite die Zanksucht sich zeigt, während sie doch im

innersten Grunde ihres Wesens wohlmeinend und herzensgut sind. Etwas

davon, obwohl in vollkommen gereinigter und idealisirter Weise, war

auch in ihrem großen Sohne, der auch leiblich ihr Abbild war. Herr

Professor I. H. Fichte schreibt mir, daß ihm seine Großmutter noch aus

seiner »eignen Kinderzeit als stattliche, untersetzte Frau von mäßiger

Größe, bei auffallender Aehnlichkeit mit den Gesichtszügen ihres

Sohnes, Johann Gottl. Fichte, gar wohl in der Erinnerung« lebe. Daß

gerade zwei solche harte, feste Charaktere, innerlich und ursprünglich

verwandt, doch leicht dazu kommen konnten, sich gegenseitig abzustoßen,

liegt auf der Hand und ist psychologisch vollständig erklärbar,

namentlich wenn, wie hier, der Vater, passiv sich verhaltend, den Sohn

nachsichtig gewähren ließ, wo die praktische, resolute Mutter meinte,

den Sohn nach einer langen, mühsamen Vorbereitung zur Erfassung

einer geordneten, den nöthigen Lebensunterhalt sicher eintragenden

Berufsthätigkeit drängen zu müssen. Ihr Verhältniß zu den übrigen

Kindern ist aus den vorliegenden Quellen natürlich nicht so deutlich

erkennbar, und jedenfalls überhaupt minder klar durchgebildet gewesen.

Wir haben hier ganze, volle, markige Menschen vor uns, die in einen,

wir können wohl sagen echt tragischen, Conflict kommen, weil sie nicht

blos jeder nach seiner Meinung, sondern auch jeder in seiner Weise

Recht haben, so aber, daß nach allgemeineren, freieren Gesichtspunkten

wiederum jedem auch ein gewisses, mehr oder minder großes Unrecht

anhaftet, weil er seinen eigenen, individuellen Standpunkt zum

absoluten, allein berechtigten machen und dem des Andern nicht auch

eine theilweise Berechtigung zugestehen will. Tragisch ist dieser

Conflict, weil er der Idee nach, welche die Harmonie und den Frieden

fordert, nicht bestehen sollte, und weil er, wie die Dinge nun einmal

liegen, doch eben unvermeidlich ist, und weil schließlich auf der

einen oder der andern Seite eine Niederlage erfolgen muß, welche, in

ihrer Gesammtwirkung das genaue Maß der Schuld überschreitend, das

Mitleid und den Antheil des Herzens rege macht und einige wehmüthige

Klänge selbst in den Siegesjubel auf der andern Seite mischt. Es

braucht wohl kaum ausdrücklich hinzugefügt zu werden, daß jene

Differenz im vorliegenden Falle nicht wirklich zu einer äußerlichen

Katastrophe kam (war doch Fichte, dem geistig doch der Sieg bleiben

mußte, wie er ihm auch von der Geschichte zugesprochen ist, für seine

Mutter bis an das Ende ihres und seines Lebens in treuer Sorge

thätig): es ist dieses nur eine innerliche Auseinandersetzung gewesen.

Wem das Ganze als eine ungehörige Abschweifung in das ästhetische

Gebiet erscheint, der möge Nachsicht üben. Ich glaubte nicht anders

jenen beiden wackern Menschen gerecht werden zu können, wenn ich

einmal wagte, von ihnen zu reden; und was mich dazu bestimmte, habe

ich oben ausgesprochen. -- Indessen will ich auch nicht unterlassen

hinzuzufügen, daß mir Herr Pastor Werner in Rammenau sagte, im Dorfe

gelte Fichte's Mutter mehr für eine stille Frau, von der man nicht

Viel wisse, wogegen sein Vater als »der alte Bandmacher« noch vielfach

genannt werde. Dies ist allerdings keine Bestätigung der psychologischen

Hypothese, wie ich sie auf Grund des vorliegenden Materials aufgestellt

habe; es ist aber auch -- scheint mir -- keine unbedingte Widerlegung,

sondern läßt sich, zumal wenn man den verwischenden Einfluß der Zeit

in Anschlag bringt, sehr wohl damit vereinigen. --

Es gereicht mir zu hoher Befriedigung, daß die hier dargelegte

Ansicht nachträglich noch von competentester Seite her authentische

Bestätigung findet. Herr Prof. Fichte in Tübingen schreibt mir am

7. Juli d. J. über diese ihm mitgetheilte Stelle: .... »Damit komme

ich auf meine Großmutter und auf dasjenige, was Sie mit gewiß sehr

richtiger psychologischer Conjecturalkritik über dieselbe schreiben.

Was ich selbst über sie und über ihr Verhältniß zu Mann und Kindern

aus eigener Erinnerung und aus den Mittheilungen meiner seligen Mutter

weiß, ist folgendes. Sie war noch im Alter (im Jahre 1805 und 1811

besuchte mein Vater mit uns seine Eltern und so schwebt mir das Bild

der Großmutter noch in lebhafter Erinnerung vor) eine gerade, stämmig

untersetzte Frau, mittlerer Größe, mit Gesichtszügen, die ganz

auffallend denen ihres Erstgebornen glichen. Sie galt in der Familie

wegen ihres Verstandes und der Energie ihres Willens als die

eigentliche Herrscherinn, und ohne Zweifel hat mein Vater =ihr= das

Feste, Unerschütterliche seines Charakters als Erbstück zu danken.

Deshalb wurde sie aber auch gefürchtet in der Familie, und meiner

Mutter Aeußerung, sowie die meines Vaters erklären sich daraus

vollständig. Sie war dabei eine Frau von strenger Religiosität, und

mein Vater, der wenigstens in den spätern Jahren, wie ich es selbst

erlebt habe, seine Mutter mit kindlicher Ehrfurcht als ein ihm

ehrwürdiges Wesen behandelte, hat gegen meine Mutter ausdrücklich

erwähnt, wie viel er den ersten religiösen Eindrücken verdanke, welche

die Mutter ihm eingeflößt. Doch war das Verhältniß zwischen Mutter und

Sohn in seinen Studienjahren allerdings, wie ich aus vielen einzelnen

Andeutungen in übriggebliebenen Tagebuchresten und Briefconcepten

schließen konnte, ein getrübtes. Der Grund lag aber gerade in ihrer

Vorliebe für diesen ältesten Sohn, den sie sich nicht anders denken

konnte, denn als Prediger, und in dessen ganz abweichender und

excentrischer Laufbahn sie nur die bedenklichste Abweichung vom Pfade

des Frommen und Guten erblicken konnte; kurz, sie verstanden einander

nicht, es kam zu heftigen Scenen, weshalb er einige Jahre hindurch

sogar den Besuch zu Hause gemieden zu haben scheint, und so

erklärt sich mir z. B., daß er bei seiner allerdings abenteuerlich

erscheinenden Wanderung nach Warschau (Bd. I. S. 119 Aufl. II.) in

Bischofswerda blieb und brieflich seinen Vater und seine Brüder zu

sich beschied. Späterhin hat sich dies Verhältniß, wie ich selbst

gesehen habe, völlig wieder hergestellt..... Aber leider waren auch in

der Familie innere Mißhelligkeiten, unter denen der Großvater sehr

viel litt« .....

Die beiden folgenden Briefe tragen kein Datum, scheinen aber im März

1795 geschrieben zu sein, sie zeigen, wie Gotthelf's Reise nach Jena,

worauf die gutmüthige und weichere Johanna schon im November 1794

hindeutet und worauf sie ihn immer wieder vertröstet, nach Fichte's

klarer und kälterer Einsicht seinen Zwecken gemäß noch weit

hinausgeschoben werden mußte.

13.

Mein lieber Bruder,

Es ist mir nicht möglich gewesen, Dir eher auf Deinen letzten Brief zu

antworten. Ich habe Dir schon mehrmals gesagt, daß selbst ein kleines

Briefchen nicht allemal so gar leicht von mir geschrieben werden kann,

weil oft selbst die wenigen dazu erforderlichen Minuten mir fehlen.

Was du mir über Deine Lage schreibst, kann ich zum Theil wohl glauben.

Ich habe manches der Art vorhergesehen, weil ich unsere Schulleute gar

wohl kenne, und nicht erwarten konnte, daß Dein Lehrer von der =beinah'

allgemeinen Regel= eine Ausnahme machen würde. -- Erkenne aus diesem

Ausdruke, daß der Sache nicht wohl zu helfen war, wenn der Zwek erreicht

werden sollte.

Das Hauptübel, mein lieber Bruder, liegt in dem Misverhältnisse Deines

=Alters= zu Deiner =Lage=; ich habe das alles vorhergesehen, und

größtentheils es Dir vorhergesagt. Du mustest diesen Uebeln Dich

freiwillig unterwerfen. -- Dazu kommt Deine bis jetzt gewohnte Lebens

Art. Es ist kein geringes aus dem beständigen Leben in einer Familie,

aus fortdauernder Gesellschaft, sich in die Einsamkeit eines

Studierzimmers, und ohne Welt- und Menschenkenntniß, ein Jüngling an

Jahren, und ein Kind an Einsicht sich unter fremde Leute eines ganz

andern Standes wagen. -- Die unangenehmste Nachricht in Deinem Briefe

war mir dein Hang zur Hypochondrie. Ich weiß aber besser, daß es nicht

dies, sondern Sehnsucht nach Deiner vorigen Art zu seyn, Sehnsucht nach

Hause, u. s. f. ist. Darin wirst Du mir widersprechen; aber Du kannst

das nicht beurtheilen; es ist Sehnsucht, die nicht zum Bewußtseyn kommt.

Du irrst Dich gänzlich, wenn Du glaubst, daß Du schon jezt mit Nutzen

nach Jena kommen könntest; und das ist ein Beweiß, daß Dir noch bis jezt

über diejenigen Dinge, die ich Dir gleich anfangs sagte, und schrieb,

noch kein Licht aufgegangen ist; daß nemlich zu einem Gelehrten

=positive= Kenntniße gehören. Mein Umgang kann Dir hierin nicht viel

nützen. Denn =theils= habe ich des Tages gar sehr wenig Zeit übrig,

=theils= verstehst Du mich nur halb; =theils= kommen die Dinge, die Dir

jetzt zu lernen nöthig sind, in meinen Gesprächen nicht vor: ich habe

nicht Zeit Dich darin zu unterrichten, und bin auch selbst kein großer

Held darin. Endlich aber verhindert es besonders meine jezige Lage ganz

und gar Dich, ehe Deine Sitten mehr Feinheit haben, in mein Haus zu

nehmen. Ich habe meine sehr triftigen Gründe, zu wollen, daß nichts was

mir angehört, auf irgend eine Art dem Tadel des Publicums ausgesezt

sey. -- Du kannst für Deine Sitten höchstens Schüchternheit, und das

Complimentirbuch der kleinstädtischen Welt angenommen haben: das ist für

den Anfang nicht übel. Aber darauf muß eine anständige Freimüthigkeit,

und eine gewisse Leichtigkeit gesezt werden, und diese kannst Du in

Deiner gegenwärtigen Lage nicht annehmen, und ich weiß gar wohl warum.

-- Ferner weiß ich sehr sicher, daß Du die schöne Rammenauische Sprache

noch immer nicht abgelegt hast, und daß diese erst weg wäre, wünsche ich

gar sehr.

Dies sind meine Gedanken wegen Deines Anherkommens. Dies ist vor der

Hand unmöglich, und bleibt unmöglich, bis ich Dich selbst geprüft habe,

und Dich dazu fähig finde. Deinen Wunsch aber von Meissen wegzuseyn,

überhaupt misbillige ich nicht: wenn ich nur wüste, wo ich Dich hinthun

sollte. Es sind mir zwei Gedanken eingefallen; =entweder= als Externus

nach Schul-Pforte. Hierbei würdest Du den Vortheil haben, mit jungen

Leuten Deines gleichen bekannt zu werden, welches ein großer Vortheil

für das ganze Leben ist; aber leider -- würde Dir dabei Deine Unwissenheit

in demjenigen, wovon dort alles Ansehen abhängt, im Wege stehen, und es

würde eine sehr große Klugheit von Deiner Seite erfordern, Dich zu

behaupten, theils wäre auch dort für die Bildung feiner Sitten nicht

viel besser gesorgt, als in Meissen. Jedoch, Du wärst mir in der Nähe,

und ich könnte vielleicht durch meinen Einfluß und Namen bei den

umliegenden Familien etwas vermögen. ([Zusatz am Rande:] Dieser ganze

Plan stößt sich besonders daran, ob Du auch genug gelernt haben magst,

um in Pforte recipirt zu werden.) =Oder=, es ist mir eingefallen Dich

zum Pastor =Bischoff= zu thun, der seine schlechte Stelle mit einer sehr

guten, auch nicht allzu weit von hier, vertauscht hat. Ich werde in

einigen Wochen selbst zu ihm reisen, und die Lage selbst vollkommen

prüfen, ehe ich ihm einen Gedanken davon äußere. =In der Mitte künftigen

Monats sollst Du etwas bestimmtes von mir erfahren.=

Wie stehts mit dem Tanzen? Ferner, wie steht es mit Deiner Kleidung,

Deinen Büchern, Deiner Börse? -- Schreib mir das recht ausführlich,

damit ich meine Maasregeln darnach nehmen könne. Deinen Lehrer grüße von

mir, und sage ihm: ich bedauere, daß ich ihm Dein Viertel-Jahr-Geld

nicht habe schiken können. Es sey mir nicht möglich gewesen, und ich

müste ihn bitten zu warten, bis Monat May, wo ich es ihm richtig, und

mit Dank übersenden werde.

Bruder Christian hat von Finsterwalde aus an mich geschrieben und mir

seine Verheirathung gemeldet. Wenn Du ihm etwa schreibst, so versichre

ihn meines herzlichen Antheils. Ich werde ihm schreiben, sobald ich Zeit

haben werde. Eben so an Bruder Gottlob, und meine Eltern.

Dein treuer Bruder

Fichte.

14.

Lieber theurer Bruder! Ich kann meines Mannes Brief nicht vortgehn

laßen ohne Ihnen auch ein paar Zeihlen zu schreiben, ohne Ihnen zu sagen

daß mein theurer Vatter Sie innig liebt, und herzlich grüßt, daß Er und

ich aufrichtig wünschen daß Sie bald bei uns sein mögen; faßen Sie Muth

Theurer, die Zeit daß Sie bei uns Leben, wird ja auch nicht mehr so

lange dauern, und denn werden Sie Sich das überstanden zu [hier steht,

durchstrichen, »haben«] freuen haben.

Daß wir Ihnen so wenig schreiben, ist gewis nicht mangel Liebe, sondern

mangel an Zeit, das ist im ganzen ein wirwarvolles Leben hier, daß wenig

wahren Genuß schaft, und viel Zeit raubt; Sie werd einmahl selber sehn;

ich wünsche nur daß Sie bald kommen, und kann nicht so ganz einsehn

warum mein Mann es so aufschiebt, die Lebensart ist hier nicht gar fein,

so daß gewis ein jeder sich bald hineinfindt; ich wünschte nur auch Sie

einmahl zu sehn Lieber Bruder! Warum können, und sollen Sie uns denn nie

besuchen? Sie und ich, wir wollten, unsern Fichte denn schon bekehren,

ich glaube immer Er nimt die Sache viel zu strenge. Leben Sie wohl!

Guter theurer Bruder, von ganzem Herzen

Ihre Fichtin.

In dem nächsten Briefe klingt in bemerkenswerther Weise aus Johanna's

durch und durch christlichem Gemüthe eine ergebungsvolle Stimmung

heraus, das Gefühl, daß wir auf Erden schon Bürger des Himmels seien,

in welchem erst unsere wahre und ewige Heimath sei. So schreibt auch

später, gegen Ende des Jahres 1806, Fichte aus Königsberg an seine

Gattin: »Ich habe meine Entschiedenheit für das Leben, die in meinem

Innern nie zweideutig war, nun auch äußerlich realisirt. Du bist der

Erde ohnedies abgestorben, wie das Weib mag, der Mann nie darf noch

soll. Du wirst mit dem bescheidenen Platze, den ich mir behalten habe

in der letztern, vergnügt sein« (I, 371). Als äußerliche Veranlassung

zur Offenbarung dieser Denkart in diesem Briefe müssen wohl die bis

zu gewaltsamen Angriffen gehenden Anfeindungen und Beleidigungen

betrachtet werden, mit denen Fichte von den Ordensverbindungen

der Studenten verfolgt wurde, die er als die Quellen vielfacher

Unsittlichkeit erkannt und darum veranlassen wollte sich aufzulösen.

15.

_Jena d. 8. Aprill 1795._

Theurer Bruder!

Schon lange wollt ich Ihnen schreiben, schon lange einliegendes schiken;

und immer, und immer gabs Hindernisse: Sie sind eine gar zu gute Seele,

da Ihnen mein Geschreibsel angenehm sein kann; freuen thut's mich

freylich; da ich mich nun ganz treuherzig hinsezen kann, wenn ich Ihnen

schreibe; da ich denken darf, der gute Bruder versteht Dich schon, wie

du es meinst, daß ichs gut mit Ihnen meine, das weiß ich, das sagt mir

mein Herz, daß Sies aber auch gleich so einsehen, das macht Ihnen Ehre.

Mein Lieber Mann, wird in ein paar Tagen, zu _Pastor_ Bischoff reisen,

um wie er =hoft=, sich zu erholen, und um zu arbeiten; damit er künftig

Sommer nicht so stark arbeiten müsse; ich bleibe bey meinem Vatter,

welcher sich nicht ganz wohl befindt, und der Haushaltung, welche man

nicht gut allein laßen kann; auch muß verschiedenes im Hause ausgebeßert,

und verändert werden; so siehts nun bey uns aus Lieber Bruder; was man

im ganzen in _Jena_ für eine Art zu leben führt, werden Sie einst selber

sehn; es ist wie überhaubt in der Welt, häußliches Glück, können wir uns

nur selber schaffen, Stöhrungen von außen, muß man sich nicht laßen zu

Herzen gehn; dies ist auch hier höchst nothwendig; so geht ein Jahr,

nach dem andern hin, bis wir am Ziehle unsrer Laufbahn hienieden sind;

wohl uns, wenn wir viel Gutes, und nicht Böses thaten.

Ich freue mich, daß Sie so Muthvoll, Ihre Zeit, (ich hoffe, und wünsche

daß sie nicht mehr lange daure) ausharren; wir wollen uns nachher mit

Ihnen drüber freun.

Mein guter Vatter, und Mann grüßen Sie herzlich, Leben Sie wohl, und

errinnern Sie Sich dann und wann Ihrer Schwester

_Johanna Fichte._

Aufschrift:

_Herrn Fichte_:

in

_Meissen_.

bei dem Herrn Con Rektor _Thieme_.

=Inliegend ein Friedrichd'Or=

(Nur: »_Herrn Fichte_« von Johanna's Hand.)

Die erwähnten Mißhelligkeiten bewogen Fichte, Jena auf einige Zeit zu

verlassen und den Sommer in Osmannstädt zuzubringen (I, 260); darauf

beziehen sich die folgenden Briefe, von denen der erste der Zeitangabe

ermangelt.

16.

Theurer Bruder!

Wir werden wahrscheinlich diesen Sommer auf dem Lande Leben, und Sie

werden denn zu uns kommen, worauf ich mich herzlich freue; ich werde

Ihnen so bald möglich das bestimmtere drüber schreiben. Leben Sie wohl!

In Eyl Ihre Schwester

_Jo. Fichte nee Rahn_

Aufschrift:

_Herrn =Fichte=_:

Bey dem _H: Conrector Thieme_

in

_Meissen_.

Einliegend einen _Friedrichs'dor_:

17.

Jena, d. 27. April. 1795.

Da ich durch eine Veranlaßung, worüber mündlich, diesen Sommer frei

bekomme, und ihn auf dem Lande zubringen werde, habe ich mich

entschlossen, Dich zu mir zu nehmen. Komm daher, sobald Du willst,

und kannst. Wenn Du über Leipzig, und Naumburg reisest, so brauchst Du

gar nicht nach Jena, sondern hast von Naumburg aus über =Auerstedt= zu

reisen, und da nach dem Dorfe =Oßmannstedt= zu fragen, welches zwischen

=Auerstedt= und =Weimar= an der Straße, wie man mir sagt, liegt. In

Oßmannstedt auf dem Schloße trifst Du mich. Ich habe daßelbe, welches

sehr schön ist, und in einer angenehmen Gegend liegt, für diesen Sommer

gemiethet. Da ich Dich bald zu sprechen hoffe, so halte ich nicht für

nöthig, Dir noch irgend etwas zu schreiben, wozu ich ohnedies jezt nicht

Zeit hätte.

Ich bin jezt selbst mit meiner Caße etwas dürftig eingerichtet. Ich

hoffe daher, daß die inliegenden 2. Dukaten hinlänglich seyn werden, um

Dir das nöthige zu Deinem Abgange von _Meisen_ zu verschaffen, und um

damit die Reise anher zu machen.

Achtundvierzig Briefe von Johann Gottlieb Fichte und seinen Verwandten · 第 4 / 23 题