Wer der im Briefe erwähnte Herr Boden sei, dafür finde ich keinen
Anhalt. Der erwähnte Obergesell war der spätere Generalsuperintendent
in Riga Karl Gottlob Sonntag, dessen Aufsicht er übergeben wurde, weil
er die Behandlung seines ersten Obergesellen nicht länger ertragen
mochte (I, 12. 14. f.). Die Zahl der Geschwister, über deren Vermehrung
Fichte sich wundert, betrug überhaupt sieben, wie mir mündlich
mitgetheilt worden; es waren sechs Brüder und eine Schwester.
2.
Wolfishein d. 13. Mai. 1787.
Bester Vater,
Ich hoffe, daß Er meinen Brief vom Ende vorigen Monats, im Einschlage
an Herr Burschen schon erhalten hat. Ich habe darinnen von meinen
Befinden, und von meinen Umständen alles gesagt, was zu sagen war. Jetzt
habe ich einen Auftrag an Ihn, den ich so bald, als möglich zu besorgen
bitte.
Ich weiß, daß in Rammenau ein ganzer Busch von =Lerchenbäumen= ist. Im
Gespräch sagte ich das einmal meinem Herrn Principal, und er wünschte
dergleichen Saamen zu haben, und hat mir Auftrag gegeben, ihn welchen zu
verschaffen. Ich bitte Ihn also hiermit, mir bei dem Jäger (wenn er
nicht gerne wollen sollte, so muß er ihn in seinem, und auch in meinen
Namen sehr bitten, und ihm sagen, daß mir eine große sehr große
Gefälligkeit damit geschähe, und daß ich zu allen möglichen Gegendiensten
bereit sey --) =Ein Loth Lerchen Saamen= zu verschaffen, gegen =baare
Bezahlung=, die ich Ihn vor der Hand auszulegen bitte, die ich aber
gleich nach Erhaltung des Saamens überschiken werde: sich aber zugleich
bei eben dem Jäger =genau= und =sorgfältig= zu erkundigen, =wenn=?
(ob im Frühlinge, oder Herbst) und =wie=? (ob dichte, oder dünne)
der Lerchen Saamen gesäet wird, und besonders =was vor Boden=, ob
=leimigten=, oder =schwarzen schweren=, oder =sandigten= erfordert:
und mir =so bald als möglich= mit der Post den Saamen, nebst dieser
Nachricht, genau und deutlich, zu überschiken, und zu melden, was er
kostet.
Hierdurch, bester Vater, geschieht mir eine sehr große Gefälligkeit.
Suche Er also ja mir sowohl den Saamen, als die dazu gehörigen Nachrichten
zu verschaffen. Sollte, wie ich befürchte, der Jäger den Saamen nicht
weggeben wollen, oder dürfen; oder sollte Er es sich nicht getrauen, es
bei ihm dahin zu bringen, so bitte Er doch den Herrn Pfarrer Wagner,
nebst vielen Empfehlungen von mir, die Sache zu übernehmen, der ihn
vielleicht eher erhalten wird. Nur bitte ich mir auf jeden Fall baldige
Antwort aus. Uebrigens ist meine Lage noch ganz die vorige. Ich wünsche,
beste Eltern, daß Sie recht wohl, und glüklich leben, grüße alles mein
Geschwister herzlich, und bin mit der kindlichsten Achtung
Ihr
Gehorsamer Sohn
_Fichte_.
Viel Empfehlungen an den Hr. Pfarrer, Frau Mutter, und Herrn Bruder. Ich
bitte auf jeden Fall um baldige Antwort.
Dieser zweite Brief mit der Aufschrift:
Herrn
Herrn _=Fichte=_
in
=Rammenau=.,
ist aus Wolfishein, wo Fichte Hauslehrer gewesen sein muß. Ein
»Wolfshain« oder »Wolfshayn«, welches wohl hier gemeint ist, liegt
2¾ Stunden östlich von Leipzig; das dortige Rittergut kaufte um die
Mitte des vorigen Jahrhunderts Buchdrucker Breitkopf. Außerdem giebt
es ein »Wolffshain« in der Niederlausitz, 5 St. östlich von Spremberg.
Ueber diese Zeit seines Lebens berichtet sein Sohn nur (I, 27): »Von
seinen äußern wechselnden Verhältnissen um diese Zeit wissen wir nur
Einzelnes und Abgerissenes.« Der in dem Briefe erwähnte Herr Bursche
wohnte nach anderen Briefen in Pulsnitz und war Seifensieder; der
Pfarrer Wagner war der um Fichte hoch verdiente Pastor zu Rammenau.
Hier ist nämlich ein doppelter Irrthum der Biographie zu berichtigen.
Dieselbe (I, 7 f.) nennt diesen Mann =Diendorf=. -- Es gab aber in
Rammenau nur einen Pfarrer _M._ Johann Gottfried =Dinndorf= -- so habe
ich selbst den Namen in dem Kirchenbuche gelesen -- und dieser starb,
nachdem er ziemlich 53 Jahre sein Amt verwaltet, am 19. März 1764,
also kaum zwei Jahre nach Fichte's Geburt. Auf ihn folgte zunächst
_M._ Karl Christoph Nestler, und auf diesen am 5. August 1770 Adam
Gottlob Wagner. Derselbe war, wie mir Herr Pastor Werner in Rammenau
mündlich mittheilte, vorher Erzieher auf dem herrschaftlichen Schlosse
gewesen und daher mit den Ortsverhältnissen und den Dorfbewohnern wohl
bekannt; und so empfahl er später den etwa zehnjährigen Fichte dem
Herrn von Miltitz, der gewünscht hatte, eine von Wagners Predigten zu
hören. Aber selbst hiervon abgesehen, und ein noch geringeres Alter
angenommen -- wie der Biograph sagt: »der Knabe mochte bereits acht
oder neun Jahre alt geworden sein« --, kann immer nur an Wagner
gedacht werden. Auch war derselbe, wie ich selbst von andern
Seiten in der Lausitz gehört habe, als Prediger berühmt. -- Jene
Namensverwechslung kann, wie Herr Pastor Werner vermuthet, vielleicht
dadurch entstanden sein, daß Fichte wohl zuweilen seiner Familie von
dem alten wackern, zu seiner Zeit noch nicht vergessenen, Dinndorf
erzählt haben mag, der während seiner langen Amtsführung gar Vieles
erlebt hatte, z. B. den siebenjährigen Krieg, einen Neubau der Kirche
u. s. w., und der ein unermüdlich fleißiger Prediger war, denn er
soll während seines Lebens beinahe 8000 Mal gepredigt haben. -- Der
damalige Gutsherr von Rammenau wird in der Biographie (I, 7) Graf von
Hoffmannsegg genannt. Genau genommen aber hieß er damals nur Johann
Albericus von Hoffmann und war Geheimer Cabinets-Assistenzrath; denn
erst 1779 wurde er unter dem Namen Hoffmannsegg (er soll einen mit
einer Egge verbundenen Pflug erfunden haben) in den Reichsgrafenstand
erhoben. -- Uebrigens ist bemerkenswerth, wie in Fichte's Briefen mit
der Zeit die Anreden wechseln: im ersten Briefe nennt Fichte seinen
Vater, »Ihr«, in diesem »Er«, in allen ferneren aber nach unserer
Weise »Sie«.
Im Sommer 1788 ging Fichte nach Zürich, wo er anderthalb Jahre
Erzieher im Hause eines angesehenen Gasthofbesitzers, Namens Ott, war
(I, 32 f. 39). Ende März des Jahres 1790 reiste er von dort wieder ab
und traf in der ersten Hälfte des Mai in Leipzig ein, wo er den
folgenden Brief an seine Eltern schrieb, welchem auf der Rückseite
desselben Blattes einer an seinen Bruder Gotthelf angefügt ist.
3a.
Leipzig. d. 20. Jun. 90.
Liebste Eltern,
Ich bin seit 6. Wochen, und drüber, in Leipzig. Wenn ich es Ihnen nicht
eher meldete, so kam es blos daher, weil ich keine Gelegenheit; und wenn
Gelegenheit, keine Zeit hatte.
Ich bin 7. Wochen auf der Reise gewesen: bin sehr gesund und angenehm
gereißt: habe viel schönes gesehen und viel große Männer kennen gelernt.
Jetzt habe ich keine =bestimmten= Aussichten: Hofnungen und Versprechungen
genug, aber noch nichts sicher. Sobald sich welche finden werden; sobald
ich meinen Aufenthalt verändern werde, werde ich nicht ermangeln, es
Ihnen zu melden. Lieber wäre es mir fast, wenn ich etwa ein Jahr in
Leipzig bleiben könnte. Könnte ich dies möglich machen, so würde ich die
vortheilhaftesten Anträge ausschlagen.
Mein Plan ist noch der ehemalige. Nur will ich nicht mehr zu Kindern;
sonst könnte ich längst eine Stelle haben. Ich will reisen, oder an
einen Hof. -- Sollte dies etwa Jemand nicht begreifen können: so --
wundert mich das nicht. Wenn ich es nur begreife.
Ich bin mit höchster Ehre von Zürich abgegangen. Weise ist mehr als je,
mein Freund. Der Hr. von Miltitz ist gut auf mich zu sprechen. Ich
wechsele Briefe von Zürich bis Coppenhagen -- und mit großen Personen.
Ich gehe einen Weg es entweder sehr hoch zu bringen, oder ganz zu
verlieren, sagt ein hiesiger Professor, der mein Freund ist. -- Er hat
recht; aber ich hoffe das erstere; und würde das letztere ertragen.
Den gewöhnlichen Weg schleichen -- mich auf eine Dorfpfarre setzen, kann
ich einmal nicht, und Gott, der mir diesen Sinn gab, weiß, daß ich es
nicht kann.
Ich bitte Sie, mich in Ihrem gütigen Andenken zu behalten, und zu
glauben, daß ich unverändert bin
Ihr
gehorsamer Sohn
Gottlieb.
_P. S._ Es thut mir leid, daß ich diesen Brief nicht frankiren kann. Ich
schike ihn durch Einschluß bis Dreßden, gebe ihn also nicht hier auf die
Post. -- Aber über 1 Gr. 3 Pf. darf er nicht kosten, denn er kömmt von
Dreßden.
3b.
=Meinem Bruder Gotthelf.=
Lieber Bruder,
Daß ich wieder in meinem Vaterlande bin, wirst du nun wißen. -- Ich bin
gesund, -- gesünder, als ich vielleicht je war; das thut das Reisen --
muthig, voll Lust und Hofnung. Aussichten, wie ich sie wünsche, habe ich
genug, aber ich erwarte sie mit Geduld, und Ergebung. Was mir am meisten
fehlt, sind Freunde. Mit gewöhnlichen Studenten mag ich keinen Umgang
haben; meine alten Freunde sind alle weg: ich wünsche also oft Dich zu
mir, um so ein Gespräch zu führen, wie wir es im Jahr 88 oft hatten. Mit
den wenigsten Menschen komme ich im vertrauten Umgange zu rechte. In Dir
hatte mir die Natur einen Freund gegeben, wie ich ihn bedarf. Warum
musten so verschiedene Lebensarten, und solche Entfernungen uns trennen?
Erseze, was dem mündlichen Umgange fehlt, durch Briefe. Schreib mir oft,
und so viel Du willst und kannst. Ich werde Deine Briefe gern lesen, und
beantworten. -- Da Du aber nicht postmäßig schreiben kannst, und da ich
wünsche, daß Du mir große Briefe schriebest, so gieb sie den Fuhrleuten.
Ich wohne auf der =Fleischer Gaße, in Weinholds Hause, 1. Treppe hoch,
vorn heraus=.
Ich muß mich jezt mit Bücherschreiben ernähren; wenn ich leben will. Das
ist mir denn nun keine angenehme Arbeit. Will ich was gutes, nüzliches,
schönes schreiben, wie ich wohl möchte, und könnte, so erfordert es viel
Zeit, und -- der Buchhändler will nichts nüzliches. Schreibe ich, wie
der Buchhändler es gern hat, leichte Waare, Mode Zeug, so macht mir das
weder Ehre, noch Vergnügen.
Zur Zeit ist noch nichts erschienen, aber auf die Michaelis-Meße wird
einiges von mir die Preße verlassen.
Sehen möchte ich Dich, und die übrigen aus dem Hause, die mich lieben,
wohl gern einmal. Aber -- ich hänge in Ansehung des Reisens von meinem
Beutel ab, und der verträgt jetzt keine Reise. Auf Michaelis =vielleicht=
komme ich -- nicht nach Rammenau; dahin in meinem Leben schwerlich
wieder -- sondern in eure Nähe, wo mich sehen können, die mich sehen
wollen.