Schon lange weil' ich hier --

Albrecht.

O Freund, nur Dir, nur Dir kann ich's vertraun,

Wem sonst? Nie darf es meine Hedwig wissen,

Ha! sie zuletzt! --

Kannst Du es denken, träumen, ahnden nur --

O ich weiß nicht, noch hab' ich meine Sprache

Noch wieder nicht gefunden, keine Worte. --

Du weißt, Geliebtester, wie ich schon früh

Hieher zum Schlosse kam, als meine Eltern

Gestorben, kaum nur war ich funfzehn Jahr,

Hedwig um ein'ge Jahre jünger, froh

Und heiter floß mein spielend Leben hin,

Nur Krieg und Ruhm war mein Gedanke, kühn

Träumt' ich mich als der Abentheuer Helden. --

Nun, -- o vergieb, nur was Du weißt, erzähl' ich --

Nun kam die Zeit, -- o wonnevolle Tage,

Als ich in Hedwigs Blick war neu geboren,

Dem unschuldvollen Lächeln flohn die Träume,

Nur Liebe dacht' ich: nun las ich die Bücher,

Die unsre deutschen Meister einst gedichtet,

Nun sang ich Liebesreime, ruhte nicht

Bis ich Dich kennen lernte, -- meine Jugend

Verknüpfte sich der Deinen, Du mein Freund,

Dein Bruder ich -- drei Jahr verschwanden so --

Darauf --

Ulrich.

Du zögerst jetzt, o sprich, Geliebter.

Albrecht.

Drauf, o mein Freund, was ist der schwache Mensch? --

Von Liebe trunken, in des Frühlings Blüthe,

Als Blumen auf die üpp'ge Flur gegossen,

Als so wie jetzt die Nachtigall zerfloß

In Liebesklagen und den Hain mit Feuer

Und schmelzendem Gesang durchrieselte, --

Hier, eben hier, als eben so die Donau

Erklang, den Busen voll von Liebesfeuer, --

Schon hatten wir die Sehnsucht uns gestanden,

Schon hatt' ich ihren süßen Kuß gekostet, --

Da führte mich mein Glück, mein Unstern, Schicksal,

An dieses Ufer, und ein Lied zu dichten

Schaut' ich die Fluth mit brünstgen Augen an, --

Ich bog hier um die Felsenecke, -- Augen!

Was saht ihr? Glanz und Licht die Blumen all,

Ein Frauenbild, wie aus dem Himmel selbst,

So groß, so klar und leuchtend, saß in Schöne,

In übermenschlicher, an diesem Stein,

Vom reichen leuchtenden Gewand umflossen, --

Sie redete mich an, -- ich nahm die Hand

Die zarte, sah den üpp'gen weißen Busen,

Mein Auge wurzelte auf ihren Lippen, --

Im Walde waren wir, in eine Hütte

Eintretend schwand mir rings die weite Welt

In ihren Armen, und zum erstenmal

Lernt' ich des Weibes hohe Schönheit kennen,

Und trank zum erstenmal den Rausch des Wahnsinns

Wild aus dem Wollustbecher, alles Holde

Und Schauerliche, Mährchen, Sehnsucht, Wonne,

Zog Feind und Freund bunthin durch mein Gemüth --

Ich kam zum Schloß zurück, noch klang der Wald,

Das Wasser rauschte noch, die Stimme tönte

Empfindlich rührend noch im Ohr, ich mied mit Angst

Die Blicke Hedwigs, -- drauf sucht' ich bald alles

Was mir geschehen zu vergessen, wagte

Zu sprechen, sie zu küssen, anzublicken,

Und aus der Unschuld blauen Kinderaugen

Goß sanfter Schein Verzeihung auf mich hin,

Mein Geist ward in dem Blicke neu geläutert, --

Ich mied den Ort, wo ich die Fremde fand, --

Gespenster schienen mir an dieser Stätte

Zu hausen, da vergaß ich ihn, und endlich

Nach langer Zeit verirrt' ich mich hieher,

Ein Grauen hielt mich fest, ich kehrte wieder,

Nur fragen wollt' ich sie, ihr zürnen, fluchen, --

Und nichts, nichts ließ sich sehn, -- dann rief der Krieg mich. --

--

Und nun nach langen mühevoll durchlebten

Vier Jahren tret' ich aus dem Wald hieher, --

Und wie ein heimlich Feuer plötzlich aufschlägt,

Und rings das ganze Dach die Flamme frißt;

Wie die Lauwine plötzlich nieder schmettert;

Wie ungesehn die Wasser aus der Tiefe

Oft springen und die Wiesen all' ertränken,

Eh noch der Schnitter nur den Quell bemerkt,

Wie sie die Dämme nieder reißen, Städte, Dörfer,

Pallast und Kirchen in den Wogensturz

Krachend begraben, -- so, auf einmal ganz

Den Sinn umfangend nahm es meine Seele,

Nur sie glaubt' ich zu hören und zu sehn, --

Als wäre jenes Schloß dort ein Gefängniß,

Hedwig wildfremd und kalt und überlästig,

Als müßt' ich suchen jenes einz'ge Glück,

Mich werfen in den Strudel fremder Wunder-

Begebenheiten, als sei sie die Göttin

Des Schicksals, Leben, Blume, Schönheit, Reichthum,

Und ew'ges, inn'ges Glück, als -- o mein Freund,

Was Du in Liedern sangst, was Dichter suchten,

Was Heiden von dem Wunderland der Götter

Gefabelt, und von Venus und Cupido,

Als sei es hier bei jener Unbekannten,

Als lebe Hedwig nicht, als sei die Liebe

Zu ihr nur Phantasie und Heuchelei, --

O komm! hör nicht die gift'gen Wogen rauschen,

O komm, daß wir hier auf der Erde bleiben,

Hinauf zum Felsenschloß, den Wolken näher,

Den Wald hinein, daß alle grünen Blätter

Im Sturm und im Gewitter brausen mögen,

Daß wir den Wellenklang nicht mehr vernehmen!

Er zieht ihn mit sich fort.

Herzbold ~kömmt betrunken~.

Holla! kein Mensch hört, und das Waldhorn hab' ich auch verloren. --

Kann sein, daß sie auch schon alle oben auf mich warten. -- Das war ja

des Teufels Reiterei! -- Aber auch nur einem hasenfüßigen Verliebten,

und einem Poeten, der an sich schon verrückt ist, ohne alle Ursache,

kann es einfallen, wenn sie auf die Hochzeit reiten, sich mit Bären

einzulassen, und so im Walde auf und ab, bald zu Fuß, bald zu Pferde.

Ich, der ich mich noch zuvor mit einigen Flaschen guten Ungarschen Wein

gestärkt hatte, verliere unversehens die Bügel, darauf verliert das

Pferd unversehens mich und schmeißt mich mit dem Kopf gegen eine

ziemlich harte Eiche, daß ich im ersten Augenblick, mein Seel, nicht

wußte, ob ich fluchen oder in Ohnmacht fallen sollte. Wie ich wieder ein

weniges zu mir komme, war ich in der einsamsten Einsamkeit, ohne Weg und

Steg. Nun, Gottlob, bin ich doch wieder an das Tageslicht gekommen, und

sehe dort oben unsre Herberge. Wenn ich nur erst droben wäre, denn ich

bin so grausam durstig, daß mir die Zunge am Gaumen klebt; ich wäre im

Stande Wasser zu trinken; ein gutes frisches Quellenwasser ist unter

gewissen Umständen nicht ganz zu verachten. -- Nun wird da droben bald

Hochzeit in aller Frömmigkeit und Einträchtigkeit gehalten werden, und

mein junger Herr wird sich im Himmel dünken, denn er hat ein so stilles

und kühles Blut, daß ich wohl darauf schwören möchte, er ist noch ein

Junggesell.

Lautes Gelächter vom Strom.

Wer lacht denn? Was hört' ich denn? Irgend ein unverschämter, naseweiser

Gelbschnabel! -- Ich sage, ja, er ist noch ein Junggesell, denn ich habe

ihn schon als einen kleinen Jungen gekannt, und er war nie hinter die

Mädchen drein, er war immer eine weichgeschaffne stille Seele, die sich

schämte, wenn ihn die jungen Weiber nur anredeten, oder gar küssen

wollten; nun wird er aber die alten Frauen nicht mehr so gern haben, wie

damals.

Noch lauteres Gelächter.

Aber nein, das klingt ja wie eine ganze Spinnstube voll schäkernder

Mädchen, die sich erzählen, was der und der zu jener gesagt hat, wenn

sie sich Nachts besuchen. -- Was Satan! bin ich blind? -- Nein, ich sehe

zu viel! Der ganze Strom voll Mädchen, nackt und wiegend und tanzend. --

Sind wir etwa unwissend in Mahomeds Paradies gekommen? -- ~Alle lachen

und tauchen unter.~ Weg! -- o Herzbold! Herzbold! nun seh' ich, daß du

alt wirst! Mach dich nur auf eine rothe Nase und zitternde Kniee gefaßt,

denn noch niemals haben drei oder vier Kannen dein Gehirn so betäuben

können; armer Mensch, dein Lauf ist vollendet! Oder hat es etwa der Fall

gegen die Eiche gemacht, daß dir solche Hirngespinste aufsteigen? Die

Doktores sagen, daß heftige Erschütterungen, oder selbst

Gemüthsbewegungen, den Menschen zum Narren machen können. Auch giebt es

wohl Fälle, daß durch dergleichen Anstoß sich neue seelische Kräfte

aufthun, und der Geist einen Blick in das verborgene Reich der Wahrheit

versucht. So hab ich mir von einem erzählen lassen, der, als er eine

hohe Treppe herunter geworfen wurde, unten auf einmal griechisch

sprechen konnte, als er wieder aufgestanden war, oben konnt' er kaum

deutsch; ein andrer, dem man einen tüchtigen Hieb über den Schedel maß,

war durch den Kloben mit einemmale Musicus geworden; und so könnt' ich

jener Eiche auch vielleicht als meinen aufmunternden Schulmeister zu

verdanken haben, Blicke in das Reich der Natur zu thun, und da Weiber

und Mädchen zu sehn, wo andre kaum Fische und Krebse finden. Ein Weiser

oder ein Narr muß ich auf jeden Fall sein, der Mittelstand verträgt sich

mit solchen Gesichten nicht. Scherzweise habe ich vorher vom Wasser

gesprochen, und hier springt eine allerliebste Quelle aus dem Felsen,

ich will jetzt im Ernst davon schöpfen, um die Phantasien zu vertreiben.

-- ~Er schöpft in seinem Huthe, und so wie er trinkt, tritt das Kind aus

dem Berge und stellt sich an ihn.~ Ha! das thut gut! Nun sind mir die

Augen heller als erst, -- aber was Kuckuk! Ei! ei! so hat Frau Fortuna

noch nicht mit mir Armen Versteckens gespielt, als heute; -- immer

besser! bist Du ein kreatürliches Wesen, -- eine wirkliche Figur, -- ein

gebornes Geschöpf, so sprich, Du kleine Krabbe!

Das Kind weint.

Herzbold.

Warum weinst Du denn, Du schmuckes Thierchen? -- Sprich, kleines

allerliebstes Mädchen. Wein' nicht, mir wird so bang um's Herz. Hast Du

Hunger?

Kind ~weinend~.

Ich habe keine Eltern, beide todt, ich komm' aus dem Gebirge schon weit

her.

Herzbold.

Armes Wurm! Was die kleine Kröte schon hat erleben müssen. Was willst Du

denn?

Kind.

Einen Vater, eine Mutter möcht' ich haben?

Herzbold.

Wie alt bist Du denn?

Kind.

Drei Jahr und zwölf Wochen. Bring mich zu Fräulein Hedwig; will sie

bitten, daß sie meine Mutter wird.

Herzbold.

Ja, mein Engel, schon gut, aber die denkt jetzt auf eigne Kinder.

Kind.

Die sollen meine Brüder und Schwestern sein.

Herzbold.

Das geht nicht so schnell, Du hast keine Erfahrung, Du kennst die Welt

nicht. Was so verliebtes Volk Kinder in die Welt setzt, und läßt sie

dann auf gut Glück im wüsten Gebirge herum laufen, andern zur Last zu

fallen.

Kind.

Bist Du nie verliebt gewesen?

Herzbold.

Nein, Gott hat mich in Gnaden davor bewahrt; ich habe immer mehr zu thun

gehabt.

Kind.

Ja, Du Spitzbube, Du hast es eben gemacht, wie so mancher andre

Taugenichts; gelt? Armen Mädchen etwas vorgeschwatzt und gelogen, und

sie dann mit ihrem Jammer sitzen lassen, und nachher noch obendrein

hübsch männlich gethan mit dem starken Herzen? So sind wir armen Mädchen

immer die Betrogenen. Und Du, Herzbold, hast ganz die Miene dazu.

Herzbold.

Ha! wie? Was? bin ich verhext? da nur stehn kann ich und das Maul

aufsperren, nichts sagen, nichts denken. Das wird ein Zeitalter werden,

in dem die dreijährigen Kinder schon so räsonniren: das heiß' ich

Fortschritte in Kultur und Bildung. Dagegen sind wir nur Backfische

gewesen. Und der Kobold weiß meinen Namen. Bald fürcht' ich mich, so

klein dies Ding ist. Um Gottes Willen, bist Du ein Kind, oder ein Rind,

oder der Satan selber, der mich narren will?

Das Kind lacht.

Herzbold.

Und ich träume es doch nicht; nein, es hat seine Richtigkeit.

Kind ~weinend~.

O führe mich auf das Schloß, mich hungert sehr. Erbarme Dich einer armen

Waise.

Herzbold.

Komm, Wahrsager, Zigeuner, ich mag Dir nichts abschlagen. Mögen die

droben sehn, wie sie mit Dir fertig werden. Was geht's mich an? darf ich

mir die Hand ausbitten?

Kind.

Hier, mein Lieber. Ach, Du bist doch nicht so böse.

Herzbold.

Fahre nur fort in Deiner geistreichen Unterhaltung, und wenn Du manchmal

zu hoch sprechen solltest, so laß Dich herab, die dunkeln Stellen

einigermaßen zu erläutern. ~Sie gehn ab.~

Hans und Peter kommen zurück.

Hans.

Nichts gefangen. Da, nimm die Netze auf den Buckel, es ist schon Mittag.

Peter.

Es ist heiß.

Hans.

Fort, Du Langsam. An Dir liegt alle Schuld. Sogar die unvernünftigen

Fische, so stumm sie sind, haben gemerkt, daß Du ein verliebter Narr

bist, und sind Dir mit Verachtung aus dem Wege gegangen. Der Bengel ist

noch mein Unglück, er ruinirt mich. Auf den Abend wieder her, die Nacht

muß einbringen was der Tag eingebüßt hat.

Peter.

So hat man denn gar keine freie Stunde.

Hans.

Wer hat Schuld als Du? Halt's Maul! Fort, nach Hause, die Mutter wartet

mit dem Essen!

Gehn ab.

Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente · 第 7 / 12 题