der deutschen Sprache
mit etymologischen Angaben, kurzen Sacherklärungen
und Verdeutschungen der Fremdwörter
von
Konrad Duden.
Nach den neuen amtlichen Regeln.
Dritte, umgearbeitete und vermehrte Auflage.
Neuer Abdruck.
[Illustration]
Leipzig.
Verlag des Bibliographischen Instituts.
1890.
Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.
Vorwort.
Die vorliegende dritte Auflage des „Orthographischen Wörterbuchs“
ist eine vielfach erweiterte. Sie enthält nicht nur einen Zuwachs
von etwa 1000 neuen Artikeln, sondern sie ist auch durch kurze
Sacherklärungen und etymologische Angaben bei allen Fremdwörtern, sehr
vielen Lehnwörtern und einer Anzahl seltener oder sonst ein besonderes
Interesse bietender deutscher Wörter wesentlich bereichert worden.
Da für diese von vielen Seiten gewünschte Erweiterung, wenn das Buch
seinen Charakter als „#Orthographisches# Wörterbuch“ bewahren sollte,
nur ein ganz geringer Raum zur Verfügung stand, so mußten die Zusätze
ganz knapp gefaßt werden. Wo die Sacherklärung sich nicht mit wenigen
Worten geben ließ, mußte ich mich darauf beschränken, das Gebiet zu
bezeichnen, in welches das betreffende Wort gehört. Ebenso war es
unmöglich, den Weg, den ein Fremdwort oder ein Lehnwort gemacht, ehe es
bei uns die vorliegende Gestalt angenommen, bis zu seiner Geburtsstätte
rückwärts zu verfolgen.
Es kann nicht fehlen, daß bei dem Versuch, auf so knappem Raum eine
solche Fülle von Belehrungen über Bedeutung und Herkunft so vieler
Wörter zu geben, hier und da ungleichmäßig verfahren ist. Auch von
Irrtümern wird das Buch nicht frei sein. Dagegen bedarf es wohl kaum
der Versicherung, daß überall aus den besten Quellen geschöpft ist.
Insbesondere sind nirgends haltlose Vermutungen über die Herkunft der
Wörter gewagt, sondern als sicher ist nur angegeben, was nach dem
heutigen Stande der Forschung feststeht oder doch den größten Meistern
der Wissenschaft als feststehend gilt. Wo die Herkunft eines Wortes
noch zweifelhaft erschien oder überhaupt nicht zu ermitteln war, da
ist dieser Zweifel durch ein der landläufigen Erklärung beigefügtes
„angeblich“ oder durch ein Fragezeichen ausgedrückt.
Die neu aufgenommenen seltenern deutschen Wörter sind alle aus der
neuern Litteratur geschöpft. Vielleicht trägt ihre Zulassung zu
dem Wörterbuch etwas dazu bei, daß manche alte Wörter von schönem
Gepräge, wie sie #J. Wolff#, #G. Legerlotz# u. a. mit Vorliebe aus dem
heimlichen Schatz der deutschen Sprache hervorgeholt haben, wieder in
Umlauf gesetzt oder wenigstens ihrem Wert und ihrer Bedeutung nach
erkannt werden.
Bei der Erklärung der Fremdwörter bin ich bemüht gewesen, durch Angabe
guter deutscher Ausdrücke Eindringlinge, die das deutsche Bürgerrecht
nicht verdienen, als entbehrlich zu bezeichnen.
Da das „Orthographische Wörterbuch“ als Richtschnur für die amtlich
angeordnete Rechtschreibung in #ganz Deutschland# gelten soll, so
sind in der neuen Auflage auch die Abweichungen der seit Erscheinen
der vorigen Auflage herausgegebenen #württembergischen# amtlichen
Regeln überall, wo es irgend erforderlich erschien, und zwar meist
in kurzen Anmerkungen unter dem Text angegeben. Wen es interessiert,
alle Abweichungen der verschiedenen amtlich angeordneten Schreibungen
voneinander zusammengestellt zu sehen, den verweise ich auf mein bei C.
H. Beck in Nördlingen erschienenes Schriftchen: „Die Verschiedenheiten
der amtlichen Regelbücher über Orthographie nebst Vorschlägen zur
Vereinbarung über die streitigen Punkte“.
Bei deutschen Wörtern sind diese Verschiedenheiten nur geringfügig;
mehr fallen sie ins Auge bei den Fremdwörtern. Es läßt sich nicht
leugnen, daß seit der ersten Ausgabe des preußischen Regelbuchs die an
die Befolgung der amtlichen Regeln nicht gebundene Presse auf dem von
den Regierungen nur angedeuteten Wege, welcher zu deutscher Schreibung,
besonders des =K=- und des =Z=-Lautes, führt, mit Entschiedenheit
vorangegangen ist. Die preußische Regierung selbst ist bei der zweiten
Ausgabe des Regelbuchs in einigen Punkten dieser Strömung gefolgt.
Die württembergische, welche mit ihrem Regelbuch zuletzt auf dem
Plan erschienen ist, geht naturgemäß in der angedeuteten Richtung
am weitesten. Ja, sie kommt dem Ziele schon ziemlich nahe, wenn sie
geradezu sagt: „Der Gebrauch entscheidet sich bei den Fremdwörtern mit
=K=- und =Z=-Laut mehr und mehr für die deutsche Schreibung, #welche in
Zweifelsfällen ohne Anstand gewählt werden kann#“. Obwohl diese Regel
meiner Auffassung von der notwendigen Entwickelung unsrer Schreibweise
vollständig entspricht[1], so enthält der Text dieses Buches doch auch
bei den hier in Betracht kommenden Wörtern überall in erster Linie die
Schreibung, welche nach den preußischen Regeln als die vorzüglichere
erscheint.
In Begriff, das Vorwort abzuschließen, erhalte ich die Trauerkunde von
dem Hingang #Frommanns#. Ich erfülle nur eine Pflicht der Pietät, wenn
ich dem hochverehrten Manne, der, solange er unter uns weilte, von Dank
nichts hören wollte, an dieser Stelle nachträglich für das lebhafte
Interesse, welches er für dieses Buch seit dessen erstem Erscheinen
durch zahlreiche Mitteilungen an den Tag gelegt hat, den herzlichsten
Dank ausspreche.
Dann wiederhole ich #Wilmanns#, dessen Kommentar nach wie vor als
klassischer Zeuge für die wissenschaftliche Berechtigung der „neuen
Orthographie“ unentbehrlich ist, hier nochmals meinen herzlichen Dank.
Von den vielen Männern, welche mich sonst durch Mitteilungen und
Berichtigungen bei dem Ausbau dieses Buches unterstützt und zu Dank
verpflichtet haben, glaube ich noch den Königlichen Berginspektor Herrn
#Fr. Wappler# zu Freiberg i. S. nennen zu sollen. Obwohl mir persönlich
ganz unbekannt, hatte Herr #Wappler# die Güte, lediglich aus Interesse
für die Sache mir mehrere Berichtigungen und eine ganze Anzahl von
Beiträgen, zumal aus dem Gebiete der Chemie und des Bergbaus, zugehen
zu lassen.
Wohlwollende Beurteiler dieser neuen Bearbeitung des „Orthographischen
Wörterbuchs“ bitte ich, nicht außer acht zu lassen, daß das Buch auch
in seiner neuen Gestalt in erster Linie ein „#Orthographisches#“, nicht
ein „#Deutsches#“ Wörterbuch und noch weniger ein #Fremdwörterbuch#
ist, und daß es wegen seiner Bestimmung, ein #wohlfeiles#, für #alle
zugängliches# Nachschlagebuch zu sein, sowohl hinsichtlich der Aufnahme
von Fremdwörtern als auch in betreff der etymologischen Angaben und
Sacherklärungen sich auf eine Auswahl des Notwendigsten unter dem
Wissenswerten beschränken mußte. An Fremdwörterbüchern ist kein Mangel,
und wer die Etymologie der Fremdwörter bis auf deren Quelle verfolgen
will, der findet unter anderm in den großen Wörterbüchern von #Diez#
und #Littré#, für das Englische bei #Chambers# Aufschluß. Für die
Etymologie der deutschen Wörter, die uns vor allem interessiert, ist
durch #Kluges# „Etymologisches Wörterbuch“ eine rein und reichlich
fließende Quelle erschlossen. Den unerschöpflichen Reichtum unsers
deutschen Sprachschatzes aber kann man nur aus #Weigand#, #Grimm# und
#Sanders# kennen lernen. Des letztern „Ergänzungswörterbuch“ reicht
bis auf unsre Tage, und nicht leicht wird man in demselben ein Wort
vergeblich nachschlagen.
Aus allen diesen Quellen und noch aus manchen andern, weniger
zugänglichen muß schöpfen, wer gründliche Belehrung sucht. #Unser# Buch
beansprucht nichts weiter, als für das Bedürfnis des Augenblicks den
notwendigsten Aufschluß zu geben.
Möge es denn auch in seiner neuen Gestalt seinen alten Ruf, ein
zuverlässiger Ratgeber in orthographischen Nöten zu sein, bewahren und
sich neue Freunde gewinnen unter denen, die über Herkunft und Bedeutung
üblicher Fremdwörter und seltener deutscher Wörter sich schnell und
leicht unterrichten wollen.
#Hersfeld#, im Januar 1887.
=Konrad Duden.=
Vorbemerkungen.
Die früher an dieser Stelle gegebene Darlegung der bei der Auswahl der
aufzunehmenden Wörter und der Feststellung ihrer Schreibung befolgten
Grundsätze erscheint jetzt überflüssig. Nachdem dies Buch in mehr als
100,000 Exemplaren Verbreitung gefunden, darf wohl angenommen werden,
daß der Plan desselben im allgemeinen das Richtige getroffen hat und
einer Rechtfertigung nicht weiter bedarf. Es folgen daher sofort einige
Ergänzende orthographische Regeln.
Diese sind zum Teil solche, die zur Begründung der im Wörterbuch
befolgten Schreibung dienen sollen, zum Teil solche, welche sich an den
einzelnen Wörtern nicht veranschaulichen lassen.
•Über die S-Laute.•
In betreff des S-Lautes in Verbindung mit andern Konſonanten merke man
folgendes:
Vor =t= und =p= ſteht in der Regel =ſ=, also: faſten, Knoſpe; ebenſo
in Fremdwörtern, z. B. Diſtanz, Deſpot. Nur bei Zuſammenſetzungen,
deren erſter Teil auf =s= ausgeht und leicht als ein ſelbſtändiger
Beſtandteil der Zuſammenſetzung erkennbar iſt, bleibt dieſes =s= auch
vor =t= und =p=, z. B. distribuieren, disputieren; dagegen abſtrakt,
abſtrus, Abſtinenz.
Bei #tranſpirieren# und ähnlichen iſt das =s= des erſten Beſtandteils
vor dem =ſ= des zweiten ausgefallen.
Vor andern Konſonanten als =t= und =p= gehört der S-Laut in der Regel
zur erſten Silbe und wird daher mit =s= bezeichnet, z. B. Maske,
Boskett, Rekonvalescent, Diskus. Iſt aber aus der Etymologie oder den
Lautgeſetzen erkennbar, daß der S-Laut zur zweiten Silbe gehört, ſo
ſchreibt man ihn auch hier mit =ſ=, z. B. proſkribieren, obſkur.
•Die S-Laute in lateiniſcher Schrift.•
Zu merken iſt, daß man in lateiniſcher Schrift =~s~= für =ſ= und =s=
ohne Unterſchied, =~ss~= für =ſſ= und =~ſs~= für =ß= anwendet. Statt
=~ſs~= iſt auch =ß= zuläſſig[2].
•Zusammentreffen dreier gleicher Konsonanten.•
In betreff des Zusammentreffens dreier gleicher Konsonantzeichen
in zusammengesetzten Wörtern folgt das Wörterbuch der preußischen
Regel. Nach dieser schreibt man #dennoch#, #Dritteil#, #Mittag#,
#Brennessel#, #Schiffahrt#. In allen übrigen Wörtern, in welchen durch
Zusammensetzung drei gleiche Konsonanten zusammentreffen, behaupten
alle drei ihren Platz; z. B. Betttuch, Schwimmmeister etc. Das
bayerische Regelbuch schreibt vor, daß in #allen# Wörtern, in denen
durch Zusammensetzung drei gleiche Konsonantzeichen zusammenstoßen
würden, eins auszulassen sei; also z. B. auch #Schalloch#, #Bettuch#,
#Kammacher#; aber #Rückkehr#, #Schutzzoll#. Bei den geläufigsten
derartigen Wörtern ist unter dem Text auf die bayerische Schreibung
hingewiesen.
•Über die Silbenbrechung.•
Über die Silbenbrechung lautet die #Hauptregel#: Man trennt nach
#Sprech#silben, nicht nach #Sprach#silben, d. h. nach der #Aussprache#,
nicht nach der #Ableitung#, also z. B. lie- ben, nicht lieb- en, En-
dung, nicht End- ung.
Abweichend von dieser Regel werden zusammengesetzte Wörter nach #ihren
Bestandteilen# zerlegt, auch wenn diese Teilung der Aussprache nicht
gemäß ist; z. B. war- um, vor- aus, her- ein, be- ob- ach- ten, voll-
en- den, Inter- esse, Atmo- sphäre, Mikro- skop, Di- stinktion, Dis-
put.
Als #besondere Regeln# merke man:
1) Steht nur #ein# Konsonant zwischen zwei Vokalen, so kommt er,
wenn nicht, wie in den obigen Beispielen her- ein, Inter- esse etc.,
Zusammensetzung vorliegt, #immer# auf die zweite Zeile; z. B. tre- ten,
le- sen, nä- hen, bü- ßen.
Die Konsonantenverbindungen, welche nur #einen# Laut bezeichnen: =ch=,
=sch=, =ph=, =th=, können nicht getrennt werden und kommen daher
ebenfalls auf die zweite Zeile; z. B. Bräu- che, lö- schen, Or- thogra-
phie; ebenso ist =dt= zu behandeln, wo es nur #einen# Laut bildet,
z. B. Stä- dte, Verwan- dte.
2) Stehen #mehrere# Konsonanten im Inlaut, so kommt der letzte auf
die zweite Zeile; z. B. här- ten, Laſ- ten (auch Las- ten), Waſ- ser
(auch Was- ser), Knoſ- pe (auch Knos- pe), hak- ken (=ck= wird in =kk=
aufgelöst), klop- fen, krat- zen, Ach- sel, An- ker, Fin- ger, Hoffnun-
gen. Steht vor =pf= noch ein =r= oder =m=, so gehört =pf= zur zweiten
Zeile; z. B. däm- pfen, Kar- pfen. Ebenso steht nach vorhergehendem
Konsonanten =st= auf der zweiten Zeile; z. B. Für- sten, gün- stig,
schwül- stig[3].
•Über den Bindestrich (wörtlich nach dem preußischen Regelbuch).•
1) Wird ein zu mehreren aufeinander folgenden Compositis gehörendes
Wortglied nur einmal gesetzt, so tritt an den übrigen Stellen statt
seiner der Bindestrich ein; z. B. Feld- und Gartenfrüchte, Vokallänge
und -kürze.