27. ~Anschauungen aus Gesetz, Harmonie, Weltvernunft, Ideen und Formen.~

Der Leser wird mir in den späteren Auseinandersetzungen leichter folgen

können, wenn ich, die bisherige Systematik scheinbar, jedoch nur

scheinbar, unterbrechend, zuvor von den Anschauungen spreche, die sich

an die Namen in der Kapitelüberschrift knüpfen.

~Pythagoras~, aus Samos (etwa 571-497 v. Chr.), gehört zu den

geheimnisvollen Gestalten des Griechentums; und so rätselvoll wie er

sich darstellt, sind auch seine und seiner Schüler, der ~Pythagoreer~,

Lehren, mit denen sich schon die Alten abgemüht haben, und die wir

fortwährend wieder aufgenommen finden. Das Wesentlichste aus diesen

Lehren verdanken wir hier, wie in so vielen anderen Gebieten, den

Mitteilungen des Aristoteles. Originales scheint von ~Philolaos~

(S. 242) überliefert zu sein. Alle Dinge in der Natur bestehen aus

Begrenzendem und Nichtbegrenztem, „wie denn auch die ganze Weltordnung

(κόσμος) und alles in ihr aus diesen beiden besteht“. Das Begrenzende

wird als Punkt oder Punkte aufgefaßt; und sofern jeder Punkt eine

Einheit bildet, heißt es das Eins und, weiter gedehnt, die Zahl.

Diese sei das Wesen aller Dinge. „Und in der Tat hat ja alles, was

man erkennen kann, eine Zahl. Denn ohne sie läßt sich nichts erfassen

oder erkennen.“ Das Nichtbegrenzte ist, was zwischen den begrenzenden

Einheiten sich befindet, wie beim Klang das Intervall, bei den Körpern

die Leere zwischen den einzelnen Punkten. Und so bestehe alles aus

den Gegensätzen des Begrenzenden und des Nichtbegrenzten, das die

Pythagoreer auch durch Grade und Ungrade arithmetisch symbolisierten.

Entstanden nun sei die Welt an sich nicht, sondern nur nach der

menschlichen Denkweise. Von je sei das ~Ureins~, das Ungrade, gewesen

und das ~Leere~. Indem dieses Ureins das Leere an sich und in sich sog,

zerging es in eine Vielheit von Einsen, die durch das Leere getrennt

wurden. Und so seien die Dinge der Welt gegeben. Das Ureins war also

eigentlich eine lückenlos zur Einheit zusammengezogene Vielheit. Da

die Punkte mathematisch angesehen wurden, so konnte diese Urvielheit

auch als Urpunkt bezeichnet werden, denn sich berührende Punkte, selbst

in unendlicher Zahl, geben immer nur einen Punkt. Die Dinge entstehen

erst durch das Zwischentreten des Nichtbegrenzten, der Leere, des

Intervalls. Daher wird das Ureins „als Grund aller Dinge, als Gott

gepriesen, welcher alles lenke und führe, ein einiger und ewiger,

bleibend und unbewegt, sich selbst gleich und verschieden von allen

anderen Dingen“. Denn alle anderen Dinge enthalten ja noch ein anderes,

das Leere. Und die Weltentstehung und Weltentwicklung beruht auf einem

An- und Einatmen des Leeren durch das Ureins, auf einem Lebensprozeß.

„Das Eins (τὸ ἕν auch ἥ μονάς) ist aller Dinge Anfang.“ So ist die Welt

dualistisch erwachsen und dualistisch gedacht; das absolut vollkommene

Ureins ist ihr einer Teil, das völlig negierende Leere der andere

Teil. Darum die Unvollkommenheit der Welt. Die Verschiedenheit der

Dinge folgt aus der Verschiedenheit der Menge des Leeren, die sie

enthalten, wie die Verschiedenheit der Klänge aus der Verschiedenheit

der Intervalle zwischen den Tönen.

Um auch die Ordnung der Welt zu erklären, gingen die Pythagoreer von

dem Prinzip aus, daß schon das Eins die Verbindung der Gegensätze

enthalte, denn zu Gradem addiert gibt es Ungrades, zu Ungradem Grades;

es vereinige in sich das Wesen des Graden und des ihm entgegengesetzten

Ungraden. In dieser Vereinigung liege die Grundharmonie. Und so

seien die Zahlen nicht bloß das Wesen der Dinge, sondern auch das

Wesen ihrer Zusammenstimmung, die ~Harmonie~. Das Leere aber bedinge

die Gegenstimmung, die Disharmonie. Zwei Töne für sich wären stets

harmonisch; nach Maß der Leere zwischen ihnen, ihres Intervalls,

können sie harmonisch bleiben wie in der Oktave, Quinte usf., oder

disharmonischen Klang geben, wie in der Sekunde, Septime usf. Im ganzen

wäre aber die Welt nach bestimmten Zahlenverhältnissen geordnet. „Denn

nichts von den Dingen wäre irgendwem klar, weder in ihrem Verhältnis

zu sich noch zu anderen, wenn die Zahl nicht wäre und ihr Wesen.“ So

richtig der letztere Gedanke an sich ist, so übertrieben verfolgten

ihn die Vertreter dieser Lehre, die schließlich alles in der Welt

durch Zahlen ausdrücken zu können glaubten, selbst Begriffe und

konkrete Gegenstände. In letzterer Hinsicht ist bekannt, wie sie durch

Zahlenverhältnisse die fünf regelmäßigen Körper: Kubus, Pyramide,

Oktaeder, Ikosaeder, Dodekaeder, daraus die fünf antiken Elemente:

Erde, Feuer, Luft, Wasser, Äther, letzteres das „Lastschiff“ der

Weltkugel, darstellten. Und so hatten sie eine gewaltige Ehrfurcht vor

den Zahlen, und die Vierzahl (Tetraktys), der sie eine ganz besondere

Bedeutung beimaßen, war ihnen sogar „die Quelle der nimmer versiegenden

Natur“.

Das vornehmste, ursprünglichste und eigentlichste Element des Lebens

ist das Feuer. Es befinde sich in der Mitte der Welt, strahle von

da in die ganze Welt aus und ernähre so die ganze Welt und halte

sie zusammen. Um dieses Zentral~feuer~ (die Hestia, die Burg

des Zeus) drehen sich die zehn Sphären, nämlich, von außen nach

innen, der Fixsternhimmel, die fünf Planeten (Merkur, Venus, Mars,

Jupiter, Saturn), Sonne, Mond, Erde und Gegenerde. Die Gegenerde

(ἀντίχθων) ist eingeführt, um die heilige Zahl Zehn zu erhalten,

die „alles vollendend, alles wirkend und Anfang und Führerin des

göttlichen, himmlischen und menschlichen Lebens“ ist. Die leuchtenden

Gestirne strahlten entweder das Licht der Sonne zurück oder das des

Zentralfeuers. Letzteres gelte insbesondere von der Sonne, die einem

spiegelnden Kristall zu vergleichen sei. Zwischen den Abständen der

Sphären und ihrer Bewegung herrsche musikalische Harmonie; und indem

jede Sphäre durch ihre Schwingung einen Ton erzeuge, erklänge die Welt

in der berühmten ~Sphärenharmonie~, die wir nicht wahrnähmen,

entweder weil die Töne für unsere Wahrnehmung zu hoch liegen, oder weil

wir sie ständig in gleicher Weise hören. Über der ganzen Welt und sie

umgebend sei wieder das Feuer. An der Unvollkommenheit der Erde liege

es, daß wir vom Zentralfeuer nichts direkt bemerkten, sondern unter

Vermittlung der anderen Weltkörper, welche von ihm Strahlung erhielten.

Diese anderen Weltkörper werden dann auch für vollkommener als die Erde

angesehen, so auch als von vollkommeneren Wesen bewohnt. Die Welt aber

ist einheitlich, und von der Mitte aus begann sie zu entstehen.

Kaum eine Schule ist so konsequent verfahren wie die pythagoreische und

hat, von trockenen Zahlenbeobachtungen ausgehend (bekanntlich bei den

Experimenten über die Tonverhältnisse), so phantasievolle Vorstellungen

entwickelt. Ihr Weltgebäude ist kühn und schön entworfen, und seine

Entwicklung aus Punkt und Leere ist groß erdacht. Und Pythagoras soll

ja zuerst für die Welt die Bezeichnung Kosmos benutzt haben, was

Schmuck, Ordnung und Schönheit bedeutet. Wie die Pythagoreer, deren

bedeutendste ~Philolaos~ und ~Archytas~ (beide etwas älter als Platon)

waren, ihre Ideen bis in die feinsten Regungen der Seele harmonisch

verfolgten, gehört nicht hierher. Die Seele selbst scheinen sie für

die Harmonie des Körpers gehalten zu haben. Doch unterschieden sie

die animalische Seele, mit dem Sitz im Herzen, von der Vernunft,

deren Wurzel im Gehirn liegt. „Hirn ist das Prinzip des Verstandes

(νοῦς), Herz das des Lebens (ψυχή) und der Empfindung (αἴσθησις)“. Von

einer dritten Seele, im Nabel, ließen sie Wachstum und Fortpflanzung

abhängen. Von einer vierten, im Schamglied, Zeugung. Wegen der

pythagoreischen Seelenwanderung darf ich auf Früheres verweisen (S.

217).

Wie bei den Pythagoreern die Harmonie die Welt durchdringt, so bei

~Anaxagoras~ aus Klazomenai (um 500 bis 428 v. Chr.), dem Freunde

des Perikles und der Aspasia, die ~Weltvernunft~ (Nus, νοῦς). Es ist

freilich nicht sicher, daß er diese Vernunft durch die ganze Materie

verbreitet sich gedacht hat. Indessen wirkt sie unmittelbar auf die

Materie ein. Diese ist ursprünglich, wie bei Anaximandros, eine

regellose Mischung aller möglichen Dinge. Die Weltvernunft aber bringt

in dieser Mischung eine Wirbelbewegung hervor, die sich weiter und

weiter ausbreitet, indem sie sich zugleich erhält. Durch die Bewegung

aber wird Verwandtes zusammengeführt, Verschiedenes getrennt; so

entstehen die Dinge. Verbindung und Scheidung ist niemals vollständig,

sondern nur mehr oder weniger vollständig, so daß jedes Ding von allen

Dingen an sich etwas enthält; nur von gewissen mehr, von anderen

weniger, wodurch seine Art bestimmt ist. Z. B. besitze der weiße Schnee

auch ein Dunkles, denn er löse sich im dunklen Wasser dunkel auf. Die

Gesamtheit aber kann sich weder vermindern noch vermehren, sondern

alles bleibt stets gleich. Ein ganz modernes Prinzip! „Der Geist ist

unendlich und nach eigener Wahl herrschend, und vermischt ist er mit

keinem Dinge (wiewohl in einigen Dingen enthalten), sondern allein

selbst ist er für sich“, sagt der Philosoph. Der Geist ist nicht nur

Ursache des Beginnes der Weltbildung, sondern auch der Entwicklung

der Welt, ihrer Ordnung, er ist der „Wächter“ der Welt, „er bewege

und ordne nicht nur das Vergangene, sondern auch das Gegenwärtige

und Zukünftige“. Schöpfer ist er nicht, die Materie besteht neben

ihm von je, nicht einmal ihre Bestandteile vermag er zu ändern. Ja

selbst die Bewegung und Entmischung beherrscht er nur teilweise, da

diese auch von der Natur der Materie abhängt. Er kann sein Streben nur

angenähert durchführen. Und so ist die Welt nur im großen und ganzen

durch ihn geordnet. Daher wohl das Unvollkommene. „Da der Geist anfing

(„von einem gewissen kleinen Punkte aus“) zu bewegen, sonderte er aus

dem bewegten All; und so viel der Geist bewegte, alles dieses wurde

ausgeschieden. Der bewegten, aber ausgesonderten, Dinge Umkreisung

machte noch um vieles mehr ausscheiden.“ Also die Welt bildet sich

nach dem Anstoß auch selbst weiter; wiederum ganz modern gedacht!

Die Griechen aber sahen in seinem Dualismus und der halben Macht der

Weltvernunft einen erheblichen Mangel seines Systems. Anaxagoras war

Physiker, Mechanist, nebenbei auch Theosoph. Als solchem werden wir

ihm noch begegnen. Die Athener nahmen ihm seine Indifferenz gegen die

Götter übel, die schon aus der halben Wirksamkeit selbst der Vernunft

folgt; und weil er auch die Gestirne für Steine (von der Erde durch

die Wirbel losgerissen oder im Äther durch die Entmischung entstanden)

erklärte, verfiel er der bösen Anklage der Gottlosigkeit, die selbst

einem Sokrates das Leben kostete. Er mußte trotz des Schutzes des

gewaltigen Perikles fliehen. ~Euripides~ soll sein Schüler gewesen sein.

Es ist bekanntlich noch nicht gelungen, mit Sicherheit festzustellen,

was ~Platon~ (427-347 v. Chr.) unter den „~Ideen~“ (εἶδος, ἰδέα)

verstanden hat, und der Auffassungen gibt es gar viele. Ihre

Konzeption verdanken die Ideen offenbar der Erkenntnis, daß trotz des

Mannigfaltigen gewisse Züge ganzen Klassen von Dingen und Erscheinungen

gleicherweise zukommen. Rein dialektisch wäre also eine Idee das in

einer Mannigfaltigkeit Gemeinsame. So bedeutete die Idee jedoch nur

ein Abgezogenes, einfach einen Denkakt ohne jede Realität. Das ist

aber nicht Platons Meinung. Zunächst behandelt er die Ideen als vor

der Welt Vorhandenes. Im Timaios heißt es, indem von der Bildung der

Welt durch Gott (Zeus) gesprochen wird: „So ist denn jene (die Welt)

nach dem Urbilde dessen entstanden, was der Vernunft und Erkenntnis

erfaßbar ist und beständig dasselbe bleibt. Schreiten wir nun auf

diesen Grundlagen zur Betrachtung dieser unserer Welt fort, so ist

sie eben hiernach ganz notwendigerweise ein Abbild von etwas Ewigem.“

Dieses „Ewige“, oder auch die „ewigen Götter“, sind eben die Ideen, die

also vor der Welt vorhanden sein mußten, wenn die Welt ihr Nachbild

sein sollte. Und von ihnen, als dem „Vorbilde“ (παράδειγμα, Paradigma)

heißt es weiter: „Von allem nun, was zur Gattung der Teile gehört,

werden wir sie mit ~Nichts~ in Vergleich bringen wollen, denn was dem

~Unvollkommenen~ (eben als Teil) gleicht, das kann nicht schön sein.

Wohl aber werden wir sie ~demjenigen~, wovon die übrigen lebendigen

Wesen (nämlich nach Platons panpsychistischer Ansicht alle Wesen

überhaupt) als Einzelne und nach ihren Gattungen bloße Teile sind, als

am allerähnlichsten setzen“. Im weiteren Verlauf des Gesprächs, an das

wir uns vorläufig halten, wird dann untersucht, „ob es ein Feuer an und

für sich gibt und überhaupt alles übrige, wovon wir ein jedes so als

an und für sich seiend zu bezeichnen pflegen. Oder aber, ob nur das,

was wir sehen und was wir sonst mit den Sinnen des Körpers wahrnehmen,

bereits die Wahrheit bedeutet, die wir suchen, und einzig und allein

Wahrheit hat, und es außerdem schlechthin nichts anderes gibt. So daß

es nur ein eitler Wahn von uns wäre, wenn wir jedesmal von einem jeden

Dinge eine nur dem Denken erfaßbare Idee als das Seiende annehmen,

und dieselbe nichts als ein Name wäre.“ Man kann die Aufgabe nicht

schärfer stellen. Und Platon entscheidet sich, daß zugestanden werden

müsse: „das Eine sei die stets auf dieselbe Weise sich verhaltende

Art, ~unerzeugt~ und ~unvergänglich~, weder in sich ein Anderes von

anderswoher aufnehmend, noch selber in irgendein Anderes ausgehend,

unsichtbar und auch sonst mittelst der Sinne nicht wahrnehmbar, das,

dessen Betrachtung dem vernünftigen Denken zuteil geworden ist. Das

~Zweite~ aber, jenem gleichnamig und ähnlich, sei sinnlich wahrnehmbar,

erzeugt, in steter Bewegung, entstehend an einem Ort und wieder von da

verschwindend.“ Andere Äußerungen Platons in anderen seiner Gespräche

stimmen damit im wesentlichen überein, daß die Ideen das An-sich-

und Für-sich-Seiende (οὐσία, αὐτοζῶον) und zugleich, als Urbilder

(~Paradigmen~) der Dinge, das An-sich dieser Dinge, überhaupt von Allem

seien. Und indem jede Idee eine Klasse von Dingen in sich verkörpert,

ist sie eine Einheit, eine Henás oder Monás. Unter diesen Ideen scheint

Platon eine Rangstellung anerkannt zu haben, vermöge deren sie einander

untergeordnet, übergeordnet und beigeordnet sind. Ja, indem er von der

mitgeteilten Behauptung, daß jede Idee für sich sei, abgeht, bringt

er die Ideen selbst miteinander in Verbindung, so daß in einer Idee

auch mehrere Ideen sich abspiegeln können und in der Vorstellung jede

ein Vieles zu sein vermag, wodurch auch die sinnliche Mannigfaltigkeit

erklärt ist.

Die Nachbilder der Ideen sind in etwas ausgeprägt, das am besten wohl

mit dem Heraklitischen Apeiron, dem unbegrenzten Etwas, verglichen

wird. Es ist nicht, was wir Materie heißen. Platon nennt es die

„~Gattung des Raums~“, „dem Untergange nicht unterworfen, welche

allem, was ein Werden hat, eine Stätte gewährt, selbst aber den

Sinnen unzugänglich ist, auch vom Geiste nur sozusagen durch einen

erschlichenen Schluß erfaßt und kaum zuverlässig bestimmt wird,

die, welche wir auch im Auge haben, wenn wir träumen, es müsse doch

notwendig das, was ist, an einem Orte sein und einen Raum einnehmen;

was aber weder auf der Erde noch sonst im Weltall sich befinde,

sei überhaupt gar nicht vorhanden“. Dieses also Geträumte ist nach

Platon auch das „Nichtseiende“, indem ihm eben nur die Ideen das

wahrhaft Seiende bedeuten. Es ist auffallend, daß Platon den Raum

als ein Besonderes denkt, da doch die Zeit als Abbild der Idee

„Ewigkeit“ erklärt wird. Warum ist nicht der Raum ein Abbild der Idee

„Unbegrenztheit“? Ist der Raum der Ort der Äußerungen (Bilder) der

Ideen, so gibt die ~Seele~ die Verbindung zwischen diesen Bildern

und den Ideen. Sie wird hiernach die Vorstellung dieser Ideen sein

und zugleich das deren Abbilder Belebende und Bewegende. Sie tritt

im Einzelnen auf, aber auch als Gesamtseele, ~Weltseele~. Sie wird

als der Grund aller körperlichen Gestalten bezeichnet und als die

Herrscherin. Ihr Sitz ist in der Mitte der Welt, die kugelförmig

gedacht ist; sie zieht sich aber durch alle Dinge, und die Einzelseelen

sind ihr angehörig. „Und so darf man es denn mit Wahrscheinlichkeit

aussprechen, daß diese Welt als ein wirklich beseeltes und vernünftiges

Wesen durch Gottes Vorsehung entstanden ist.“ Weltseelen und

Einzelseelen werden für Götter (zu diesen sind auch die Gestirne als

selige Wesen, „sichtbare Götter“, und die Götter der Volksreligion

gezählt) und Menschen von Gott selbst geschaffen, für Tiere, Pflanzen

und andere Dinge von den Göttern. Doch wird auch gesagt, die Seelen

seien von je. Davon und von ihren Wanderungen ist bereits gesprochen

(S. 217 f.). Die Umgebung der Seelen mit dem Leibe erfolgt durch die

Götter, wenn es nicht, wie es auch den Anschein hat, durch die Seelen

selbst, wenigstens durch die Weltseele, geschieht. Und indem die Seelen

das Ewige sind und dem wahren Sein so nahe stehen, haben sie im Leben

dem Werden und Vergehen, dem Einstürmen der Veränderungen Widerstand

zu leisten, um ihre ewige Göttlichkeit zu wahren. Das würde freilich

dem, daß die Seelen auch das Bewegende sein sollen, widersprechen, wenn

nicht die von der Seele stammende Bewegung ein anderes bedeutet, als

die von außen kommenden Veränderungen, vielleicht die innere Bewegung

der Triebe, Gedanken und Gefühle. Dann wären die Veränderungen in

dem „Raum“ begründet. Und dieser müßte doch etwas mehr bedeuten als

bloß ein Nichtseiendes, zumal er ungeschaffen neben Gott bestehen und

dessen Wirken auf Vollkommenheit hinderlich sein soll, daß die Welt nur

unvollkommen aus den Händen des höchsten Werkmeisters hervorgeht. Trotz

der Allmacht dieses Werkmeisters und der absoluten Vollkommenheit der

Vorbilder, der Ideen.

Eine weitere Schwierigkeit besteht in dem Verhältnis der Seele zu der

Ideenwelt. Sie soll in diese Welt hineinragen. Ist sie geschaffen, so

kann sie selbst nur Abbild einer Idee sein, also von den Ideen keine

vollkommene Kenntnis erreichen. Besteht sie seit je, so ist nicht

zu begreifen, wie sie in ein Abbild der Ideen gerät, da die Ideen es

doch nicht tun. Und noch weniger, wie sie aus den Abbildern der Ideen

Kenntnis von den letzteren erlangen soll, da doch die ganze Kenntnis

nur die aus den Abbildern geschöpfte sein kann, also unvollkommen und

schattenhaft. Indessen wird auch gesagt, die Seele kenne die Ideenwelt

aus ihrer Existenz außerhalb des Körpers, und im Leben erinnere sie

sich dieser Welt (S. 225 f.). Das ist aber doch nur ein Notbehelf,

trotz dessen ~Ontologie~ und ~Ideologie~ unvermittelt bleiben. So

ist in Platons Lehre so manches unverständlich und einiges mit

anderem nicht zu vereinen. Der große Mann hat in seinem langen Leben

wahrscheinlich seine Ansichten nicht immer festgehalten oder gegenüber

weiteren Überlegungen nicht immer festhalten können. Und eine letzte

Zusammenfassung seines Systems besitzen wir nicht. Er hat wohl auch ein

festes System gar nicht geben wollen. Denn sein eigentliches Bemühen

gehörte der Sokratischen Ethik an. Das Gute und das Schöne sind ihm die

eigentlichen Ideen, beide sogar die Gottheit selbst. Und so knüpft sich

an seinen Namen der ~Sokratische Idealismus~ in seiner eingreifendsten

Bedeutung. Wir aber haben zunächst seine Reihe: Gott, Ideenwelt, Raum

(auch Materie), Weltseele (auch Einzelseelen), Welt (mit Einzeldingen).

Die Welt ist durch die Ideenwelt bestimmt. Gott schafft nach der

Ideenwelt, er schafft auch die Seelen. Ist der Raum bedeutungslos, so

bildet das Ganze eine Art Monismus. Allein das geht wohl zu weit, kaum

kann man in Platons Lehren auch nur einen Dualismus mit Sicherheit

anerkennen. Plutarch freilich, in seinen Lehrmeinungen der Philosophen,

sagt: „~Sokrates~, des Sophroniskos Sohn, und ~Platon~, Aristons Sohn,

haben über das All gleiche Meinung. Sie geben drei Prinzipien an: Gott,

die Materie und die Idee. Gott ist nämlich der Verstand, die Materie

der erste Gegenstand des Entstehens und Vergehens, und die Idee ein

unkörperliches Etwas, das in den Gedanken und Vorstellungen Gottes

existiert. Gott aber ist die Seele der Welt“. Er meint also in der Tat

einen Dualismus, indem er die Ideen und die Weltseele in Gott verlegt

oder als Emanationen Gottes ansieht und neben Gott die Materie bestehen

läßt. Nach Xenophon hat übrigens ~Sokrates~ es absichtlich vermieden,

über das Weltganze zu sprechen, und sogar diejenigen für Toren erklärt,

die darüber grübeln, da noch so viel über den Menschen selbst zu denken

sei. In seinen späteren Jahren muß Platon die Einfachheit der Ideen

aufgegeben haben. Pythagorisierend nahm er sie als zusammengesetzt

an aus dem Eins, als dem Guten, und aus dem Unbegrenzten -- dem

Großen und dem Kleinen. Das soll wohl heißen, daß jede Idee in sich

ein unterschiedsloses Gutes einheitlich darstellt, das in seiner Art

allumfassend ist. Das Umfassende als „unbestimmte Zweiheit“ angesehen,

wäre jede Idee Einheit und Zweiheit. Diese Darstellung ist von anderen

übernommen, wir werden ihr wieder begegnen (S. 256).

Platons Schule ist die ~Akademie~, zu der viele hervorragende Männer

gehörten, die jedoch mehr und mehr in pythagorisierende Zahlenlehre

verfielen, wie ~Speusippos~, der unmittelbare Nachfolger Platons, alles

aus Eins und der Vielheit abzuleiten suchte, ohne dabei die Weltseele

und die Idee des Guten aufzugeben, und ~Xenokrates~, dem das Eins

oder das Ungrade und das Zwei oder das Grade „Vater“ und „Mutter“ der

Götter waren, das Eins sogar dem Zeus und dem Nus gleichkam. „Indem zu

der Zahl das Selbige und das Andere hinzutritt, entsteht die (Welt-)

Seele.“ Die Kräfte der Natur waren ihm Götter. Die Zahlenangaben sind

symbolische Ausdrucksweisen, deren Verständnis sich uns meist entzieht.

Von den Neuplatonikern sprechen wir später. Über Weltzeitalter,

Seelenwanderung und den Platonischen Ideen ähnliche Dinge bei anderen

Völkern ist bereits gesprochen (S. 226).

Der größte Schüler des Platon, der große ~Aristoteles~ (384-322 v.

Chr.), der Sohn des Nikomachos, hat die Lehren seines Meisters vielfach

sehr scharf kritisiert. Er hat sie auch zu verbessern gesucht. Die

~Formen~ (εἶδη) der Dinge entsprechen den Platonischen Ideen. Sie sind

aber bei ihm nicht Wesen für sich, sondern nur das, was die Dinge als

solche ausmacht. Alle Dinge bestehen zunächst aus Stoff (ὕλη) und Form

oder Inhalt (μορφή, εἶδος, λόγος, τό τὶ ἐστί usf.). Der Stoff als

solcher ist nicht die Dinge selbst, wie auch nicht bei Platon, er ist

eine „erste Materie“. Indem er aber doch Dinge werden kann, muß er dazu

die Fähigkeit besitzen. So ist er eine ~Dynamis~, eine Möglichkeit,

~Potentialität~ für Wirkliches. Verwirklicht ist ein Ding in der Form,

und so bedeutet diese die ~Energie~ oder ~Entelechie~ des Dinges. Und

sie ist so unveränderlich und ewig wie bei Platon die Idee, nur daß

sie nicht außerhalb des Dinges etwas, ein Reales, bedeutet. Sie ist

das, was das Ding zum Dinge macht, also auch dessen Wesen, Begriff und

Endzweck. „Wenn etwas wird, so wird es nicht nur aus etwas, sondern

~durch~ etwas“, heißt es in der „Metaphysik“. Auch der Stoff ist ewig;

er soll auch das Unausweichliche, die ~Ananke~, einbegreifen und den

Zufall, die Tyche, und darum die Unvollkommenheit der Welt bedingen,

die Platon in dem „Nichtseienden“ des Stoffes sah. Die Form muß Macht

haben, den Stoff sich zu unterwerfen. Diese Macht aber wird nicht aktiv

in der Form gesucht, sondern passiv in dem Stoff, dem ein Verlangen

(ὁρμή) nach der Form zugeschrieben wird. Das wäre eine dritte Eigenheit

des Stoffes. Aristoteles faßt also den Stoff realer auf als Platon.

Indessen kann etwas Stoff mit Bezug auf Eines und Form mit Bezug auf

ein Anderes bedeuten. So ist Erz Stoff einer Bildsäule, Form aber mit

Bezug auf die Teile, aus denen es gewonnen ist; dadurch verläuft alles

freilich ins Begriffliche. Aus Form und Stoff gehen, wie die Dinge, so

auch die Veränderungen hervor; diese sind Wirklichkeiten von Möglichem

und als solche gleichfalls Energien oder Entelechien. Das Verändernde

ist die Form, das Veränderte der Stoff.

Die Veränderung ist so anfang- und endlos wie Form und Stoff. Daher

(?) muß es ein unveränderliches Veränderndes (unbewegtes Bewegendes)

geben, also eine Form ohne Stoff, eine reine Aktualität, die, als ohne

Stoff, auch das absolut Vollkommene ist. Diese Form ist der ~Geist~

(νοῦς), die ~Gottheit~, die allumfassende, absolute ~Vernunft~, die

in unaufhörlichem Sich-selbst-Denken (θεωρία) das „Denken des Denkens“

ist; eine Wendung, die Andere viel benutzt und auch mißbraucht haben.

Diese letzte Form ist nur in sich tätig; sie wirkt aber durch ihre

Anwesenheit, daß alles ihr zustrebt, und bedingt dadurch das Leben der

Welt in seiner bestimmten Ordnung. „Einen auf die Welt gerichteten

göttlichen Willen, eine schöpferische Tätigkeit oder ein Eingreifen

der Gottheit in den Weltlauf hat Aristoteles nicht angenommen“, sagt

Zeller. Man sieht, die ganze Anschauung ist höchst mechanisch, im

Grunde ist die letzte Form auch überflüssig; sie besagt ja nur, daß

das Leben der Welt einen bestimmten Lauf von Ewigkeit zu Ewigkeit

hat. Und so gehörte diese Lehre sachlich nicht hierher, wenn es sich

nicht sonst empfohlen hätte, sie an Platons lebendige Ideenlehre

anzuschließen. Auch ist die Stellung des νοῦς, nachdem dieser einmal

angenommen ist, in der Tat die einer besonderen Gottheit, die nur

als solche mit der Welt aktiv nichts zu tun hat. Diesen Mangel der

Gottheit, wenn er ein solcher ist, ersetzt Aristoteles durch Einführung

der „~Natur~“ (φίσις), die für Leben und Sein in der Welt den Grund

abgibt, wie eine wirkliche Kraft. Vielleicht hat Aristoteles doch die

reine Passivität Gottes verlassen und Gottes Vernunft als Weltvernunft

aufgefaßt. Allein Aristoteles sagt, die Natur sei nicht göttlich (οὔ

θεία), sondern dämonisch (δαιμονία), sie wirke wie eine nach unbewußten

Trieben handelnde Künstlerin. Gleichwohl ist seine Anschauung, wie die

Platons und vieler Philosophen vor und nach ihm, eine ~zweckheitliche~,

~teleologische~. „Die Natur tut nichts zwecklos“, „sie strebt immer

nach dem Besten“, „sie macht nach Möglichkeit immer das Schönste“. Und

insofern die Natur die Welt selbst mit allen Geschehnissen ist, liegt

die Teleologie in ihr. Ihre Entwicklung ist durch sie selbst bestimmt.

Das wäre durchaus modern gedacht. Noch sei erwähnt, daß Aristoteles

als drittes Prinzip den Dingen die ~Beraubung~, ~Privation~ (στέρησις)

zuschreibt, sicher um die Verschiedenheiten der Dinge dialektisch zum

Ausdruck zu bringen. Und er denkt sich die Dinge in der Tat auch der

Art nach verschieden und meidet die mathematischen Konstruktionen der

Pythagoreer und Platons, sowie die Ableitungen der Atomisten, die wir

noch kennen lernen werden.

Die Welt hat bei Aristoteles Kugelform; in der Mitte ruht die Erde,

der Himmel dreht sich in stets gleicher Weise. Alles an diesem ist

viel vollkommener als auf der Erde, die Gestirne sind vollkommenere

Wesen als selbst der Mensch. Es gibt einen oberen Himmel der Fixsterne

und untere Himmel der Planeten. Außer der allgemeinen Bewegung des

oberen Himmels, der diese unteren Himmel mitführt, haben diese auch

noch eigene Bewegungen; schwingende und neigende, eben zur Erklärung

der scheinbaren Bewegungen der Planeten, zu denen auch Sonne und Mond

gezählt werden. Eine ähnliche Anordnung nimmt auch Platon an, und zwar

von der Erde aus: Mond, Sonne, Merkur (Stilbon), Venus (Heosphoros),

Mars (Pyroeis), Jupiter (Phaethon), Saturn (Phainon), Fixsterne. Im

übrigen ist alles in der Welt möglichst konzentrisch kugelförmig

geordnet, wie auch die Bewegung der Sphären kreisförmig sich darstellt

und die Elemente kugelig sich übereinander lagern (Erde, Wasser, Luft,

Feuer, Äther). In Aristoteles Ansichten liegt es, daß das Bessere

immer das Schlechtere regiert. So hängen die Winde der Luft von den

Gestirnen ab, die Wogen des Meeres von den Winden. Je mehr die Zahl der

Regierenden wächst, desto geringere Einheitlichkeit; und so herrscht in

allem auf der Erde die größte Unordnung, und diese nimmt ab, je höher

wir steigen. Aristoteles sah darum auch diejenigen Gestirne als die

ferneren an, die die geordneteren Bewegungen aufweisen, die Fixsterne

also als die fernsten. Die Sonderbewegungen der Planeten werden schon

von Platon und Früheren durch Einführung weiterer Sphärendrehungen

erklärt. Mit der Fixsternsphäre wird die Zahl aller erforderlichen

Sphären von Eudoxos auf 23, von Kallippos und Aristoteles auf 34

geschätzt. Da aber jede höhere Sphäre jede tiefere in ihre Bewegung

hineinziehen müßte, sind noch 22 Sphären angenommen, die sich entgegen

jenen drehen. Insgesamt hat man so 56 Sphären. Jede Sphäre muß von

einem unkörperlichen und unbewußten Geist bewegt werden, davon also

56 vorhanden sind, zu denen eben die Gestirne zählen. Dieses System,

in Verbindung mit pythagoreischen Harmonielehren, hat wohl Cicero

vorgeschwebt, als er seinen wunderlichen Aufsatz „Scipios Traum“

schrieb. Die Welt ist ewig von je in je, und, indem auch die Formen

ewig sind, hat es die gleichen Dinge, zum Beispiel Menschen, immer

gegeben, wie auch Platon annimmt, trotz der stetigen Entwicklung nach

oben. Das Leben der Wesen hat niemand nach der vitalen wie nach der

geistigen Seite so eingehend zergliedert wie Aristoteles. Das gehört

nicht mehr hierher. Nur an seine berühmte, aus seiner Formenlehre

folgende Definition der ~animalen Seele als der Entelechie des

organischen Körpers~ sei erinnert. Der Mensch besitzt noch einen Geist

(νοῦς) außerdem, mit der animalen Seele verbunden. Wie, ist nicht zu

ersehen, zumal vom Geist mindestens ein Teil, der tätige (ἀίδιος), ewig

sein soll.

Aristoteles’ Schule ist die der ~Peripatetiker~, seine eigentlichen

Schüler aber hat er im Mittelalter unter den Arabern und

abendländischen Scholastikern gehabt, bei denen er Jahrhunderte

hindurch souverän herrschte, bis nach Anbruch der neueren Zeit diese

Herrschaft unter harten Kämpfen allmählich gebrochen worden ist, ohne

doch bisher ganz zu verschwinden. Er war eben ein außerordentlicher

Mann, der auf dem Gebiete der Dialektik Großes und auch als

Naturforscher höchst Bedeutendes geleistet hat. Er wird uns noch

oft begegnen, er und sein Lehrer Platon, die eigentlichen Sterne

griechischer Idealphilosophie.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 80 / 108 题