Von diesen Anschauungen sind die als omnanimistisch bezeichneten
bereits geschildert. Die der Theosophie angehörenden finden
später ihre Erledigung. Was übrig bleibt folgt wie von selbst dem
Pandeismus, und ist im Grunde nur durch Seele und Gott verschieden.
Eine ~All-Weltseele~ wird statt eines All-Weltgottes angenommen. Die
Seele steht uns näher als Gott, wir glauben sie besser zu kennen, da
wir sie uns selbst ja zuschreiben. Es hat darum scheinbar weniger
Schwierigkeit, sie mit der materiellen Welt verbunden zu denken als
Gott. Alle Einzelseelen sind dann nur Teile der Weltseele. Und wie
im Pandeismus von Gott den Dingen nur nach Maßgabe ihrer Stellung in
der Welt zukommt, so auch von der Seele. Da in unserer Seele Gutes
und Böses, Edles und Niedriges verbunden ist, entfällt bei Annahme
einer Allseele auch die Unbequemlichkeit eines Grundes für das Üble
in der Welt, den wir nicht gerne in Gott suchen, und nicht gerne für
einen zweiten Gott ausgeben. So gewinnen wir einen, wie man ihn auch
nennt, ~Hylopsychismus~ (ὕλη, Materie) oder ~Hylozoismus~, der dem
Pandeismus nur so weit entspricht, als dieser reiner ~Hylodeismus~
ist und Gott außerhalb der Materie nicht weiter gesucht wird. ~Thales
von Milet~ (phönizischer Abkunft, wahrscheinlich 624-546 v. Chr.)
scheint einen solchen Hylozoismus angenommen zu haben. Da er nach
Aristoteles gemeint haben soll, alle Dinge seien von Göttern voll
(πάντα πλήρη θεῶν εἶναι), so ist es freilich schwer, zu entscheiden,
ob seine Anschauung in einem höheren Sinne, als von der Annahme einer
Weltseele beherrscht, zu verstehen ist, oder lediglich in dem Sinne
des Naturmenschen. Man möchte fast das letztere glauben, da als
Beispiel der Magnetstein angeführt wird, der Eisen anzieht. Zeller
ist dieser Ansicht. Das Feuchte galt dem Thales als Seele, und darum
das Wasser als Urstoff, aus dem alles andere sich durch Erstarren
und Sichverflüchtigen bildete. Hiernach sollte in allem das Feuchte
noch bestehen, in größerem oder geringerem Grade. Daß die Seele im
Blut gesucht wurde und im feuchten Atem, wissen wir bereits. Es
macht keinen großen Unterschied, wenn ~Anaximenes~ (wahrscheinlich
585-528 v. Chr.) statt des Feuchten das Luftartige als Seele, die
Luft als Urmaterie annahm. „Wie Luft (Atem) unsere Seele ist und uns
zusammenhält, so umfaßt auch die ganze Welt der wehende Hauch (πνεῦμα)
und die Luft.“ Thales sah in der Seele, wie aus dem Beispiel des
Magnets zu erkennen, ein Bewegendes, Anaximenes erkennt in ihr ein
sich selbst Bewegendes. Im übrigen herrscht Übereinstimmung. Feinste
Luft (durch Wärme ausgedehnteste) ist das Feuer, also am meisten
seelisch; dichteste (durch Kälte verdichtetste) ist die Erde, also am
wenigsten seelisch. Die Gestirne sind (von der Luft) zusammengedrücktes
Feuer, also jedenfalls hochbeseelt und doch erdenähnlich. Der gleichen
Anschauung huldigte ~Diogenes von Apollonia~ (von 430 v. Chr.); er
sprach sie noch schärfer aus, indem er im Luftartigen geradezu ein
„ungewordenes, unbegrenztes, vernünftiges Wesen, das alles beherrscht
und ordnet“, behauptete. „Denn gerade dieser Stoff (Luft), dünkt mich,
ist Gott, ist allgegenwärtig, alles verwaltend und in allem vorhanden.
Und es gibt auch nicht das Geringste, das nicht an seinem Wesen
teilhätte.“ Dieser Stoff ist „ewig und unsterblich“, er ist „Seele
und Geisteskraft“. „Bloße Umwandlungen der Luft sind alle Dinge.“
Hier schwindet eigentlich die Materie und ist die Welt nur Seele in
verschiedener Darstellung, Manifestation. Schwierig ist es, die Rolle
der Wärme und Kälte (sie finden sich auch bei den Scholastikern als
Prinzipe) zu verstehen, die Diogenes wie auch seine Vorgänger zur
Bildung der Welt aus der Seelen-Urmaterie heranziehen. Man weiß nicht
recht, was sie neben der Seele noch sollen. Vielleicht, daß diese die
Wärme und Kälte aus sich selbst heraus entwickelt und so der eigene
Grund ihrer Verwandlungen mit der Urmaterie ist. Aber es wird auch von
äußerer Wärme gesprochen, der Sonnenwärme, welche Pflanzen, Tiere und
Menschen aus dem Urerdschlamm hervorgelockt haben soll.
Daß der zwischen Thales und Anaximenes lebende Landsmann dieser beiden,
~Anaximandros~, eine Weltseele angenommen hat, ist wohl nicht sicher,
aber wahrscheinlich. Er spricht von dem Ersten (ἀρχή) als von einem
Unbegrenzten (ἄπειρον), Unbestimmten, aus dem alles hervorgeht und in
das alles zurückkehrt nach der Ordnung der Zeit. Dieses Erste ist ewig
und ständig in innerer Bewegung, also wohl beseelt, zu denken. Durch
die Bewegung (also das Leben) treten Scheidungen und Bindungen des im
Ersten Enthaltenen ein, die so unsere Welt darstellen; wie Warmes und
Kaltes sich abtrennen und in ihrer Vereinigung das Feuchte bilden, wie
dann aus diesem durch die weiteren Bewegungen Erde, Luft und Feuer sich
sondern, letzteres sich zur Höhe begibt und sich in einem Feuerkreis um
die Luft sammelt, diese in Gewittern durchbrechend. Mit den Scheidungen
und Bindungen finden zugleich Lösungen und Durchmischungen statt. Und
so gibt die Bewegung im Ersten eine ständig sich entwickelnde Welt und
periodisch sich wiederholende Welten. Diese letztere Anschauung ist
viel bewundert und von vielen aufgenommen und weiter entwickelt worden.
Die Bewegung als Prinzip hielt auch der Ephesier ~Herakleitos~ (um 504
v. Chr.) fest, und er präzisierte sie sogar in dem berühmten Ausspruch
πάντα ρεῖ, „Alles ist in Fluß“. Nirgend ist auch nur für Augenblicke
Stillstand. „Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen und
nicht zweimal eine Substanz berühren.“ Allein das Seelische sah er
nicht in dieser Bewegung selbst, sondern in einem Feurigen; „diese
Welt (κόσμος), die Eine für alle Wesen, hat weder der Götter noch der
Menschen einer gemacht, sondern sie war immer und ist und wird sein ein
ewig lebendes Feuer, sich entzündend nach Maß und erlöschend nach Maß“.
Das Feuer wird auch als Hauch (ψυχή) bezeichnet, aus dem uns schon
bekannten Grunde. Die Welt ist aber stetige Umwandlungen von Feuer. Und
diese nie stillstehenden noch beharrenden Umwandlungen des eigentlich
Seelischen geschehen wie ein „Krieg, der ein Recht, Vater und König
aller Dinge ist“. „Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Und
die Einen macht er zu Göttern, die Anderen zu Menschen, die Einen zu
Sklaven, die Anderen zu Freien.“ So bildet das Psychisch-Wesentliche
in Heraklits Lehre die rastlose Tätigkeit der Seele auch im Kleinsten
der Welt, wodurch alles, wie es entsteht, sofort vergeht, so daß alles
ist und auch nicht ist. Der Begriff des Lebens ist der absoluter
Veränderung. Nach solcher steckt im Seelen-Feuer ein stetes,
unstillbares Verlangen. Und wie die Veränderungen nach der einen
Richtung gehen, geschehen sie auch nach der entgegengesetzten: „Des
Feuers Verwandlungen sind zuerst Meer, des Meeres zur Hälfte Erde, zur
Hälfte Feuer.“ „Für die Seelen ist es Tod: zu Wasser werden, für das
Wasser Tod: zu Erde werden. Aus Erde wird Wasser, aus Wasser Seele.“
„Verbindungen sind: Ganzes und Nichtganzes, Eintracht und Zwietracht,
Einklang und Mißklang, und aus Allem Eins und aus Einem Alles.“ „Der
Gott ist Tag-Nacht, Winter-Sommer, Krieg-Frieden, Überfluß-Hunger.“
„Gut und Schlecht ist eins.“ Ganz rein psychisch scheint die Anschauung
Heraklits nicht gewesen zu sein. Daß noch eine „verborgene Harmonie“
angenommen wird, die die Gegensätze immer ausgleicht, kann eine
Eigenheit der Weltseele bedeuten, wie ja auch die Menschenseele sich
in sich immer ausgleicht, daß trotz der vielen und stetig wechselnden
Tätigkeiten die Einheit gewahrt bleibt. Allein es wird auch von
göttlichen Gesetzen, von Weisheit, Vernunft, ja von Verhängnis --
die Heimarmene --, von Zeus als dem Regenten über alles gesprochen,
insgesamt von Prinzipien, „daß das Urwesen nach festen Gesetzen sich in
alle Dinge umsetze und aus ihnen wieder zurücknehme“. „Denn die Sonne
wird ihre Maße nicht überschreiten, ansonst werden sie die Erinnyen,
der Dike (als Weltordnung) Schergen ausfindig machen.“ Davon handeln
wir später. Ebenso von den hohen Anschauungen des Anaxagoras und
anderer, da sie über das rein Psychische bereits hinausragen.