26. ~Panpsychistische Anschauungen; Hylopsychismus, Hylozoismus.~

Von diesen Anschauungen sind die als omnanimistisch bezeichneten

bereits geschildert. Die der Theosophie angehörenden finden

später ihre Erledigung. Was übrig bleibt folgt wie von selbst dem

Pandeismus, und ist im Grunde nur durch Seele und Gott verschieden.

Eine ~All-Weltseele~ wird statt eines All-Weltgottes angenommen. Die

Seele steht uns näher als Gott, wir glauben sie besser zu kennen, da

wir sie uns selbst ja zuschreiben. Es hat darum scheinbar weniger

Schwierigkeit, sie mit der materiellen Welt verbunden zu denken als

Gott. Alle Einzelseelen sind dann nur Teile der Weltseele. Und wie

im Pandeismus von Gott den Dingen nur nach Maßgabe ihrer Stellung in

der Welt zukommt, so auch von der Seele. Da in unserer Seele Gutes

und Böses, Edles und Niedriges verbunden ist, entfällt bei Annahme

einer Allseele auch die Unbequemlichkeit eines Grundes für das Üble

in der Welt, den wir nicht gerne in Gott suchen, und nicht gerne für

einen zweiten Gott ausgeben. So gewinnen wir einen, wie man ihn auch

nennt, ~Hylopsychismus~ (ὕλη, Materie) oder ~Hylozoismus~, der dem

Pandeismus nur so weit entspricht, als dieser reiner ~Hylodeismus~

ist und Gott außerhalb der Materie nicht weiter gesucht wird. ~Thales

von Milet~ (phönizischer Abkunft, wahrscheinlich 624-546 v. Chr.)

scheint einen solchen Hylozoismus angenommen zu haben. Da er nach

Aristoteles gemeint haben soll, alle Dinge seien von Göttern voll

(πάντα πλήρη θεῶν εἶναι), so ist es freilich schwer, zu entscheiden,

ob seine Anschauung in einem höheren Sinne, als von der Annahme einer

Weltseele beherrscht, zu verstehen ist, oder lediglich in dem Sinne

des Naturmenschen. Man möchte fast das letztere glauben, da als

Beispiel der Magnetstein angeführt wird, der Eisen anzieht. Zeller

ist dieser Ansicht. Das Feuchte galt dem Thales als Seele, und darum

das Wasser als Urstoff, aus dem alles andere sich durch Erstarren

und Sichverflüchtigen bildete. Hiernach sollte in allem das Feuchte

noch bestehen, in größerem oder geringerem Grade. Daß die Seele im

Blut gesucht wurde und im feuchten Atem, wissen wir bereits. Es

macht keinen großen Unterschied, wenn ~Anaximenes~ (wahrscheinlich

585-528 v. Chr.) statt des Feuchten das Luftartige als Seele, die

Luft als Urmaterie annahm. „Wie Luft (Atem) unsere Seele ist und uns

zusammenhält, so umfaßt auch die ganze Welt der wehende Hauch (πνεῦμα)

und die Luft.“ Thales sah in der Seele, wie aus dem Beispiel des

Magnets zu erkennen, ein Bewegendes, Anaximenes erkennt in ihr ein

sich selbst Bewegendes. Im übrigen herrscht Übereinstimmung. Feinste

Luft (durch Wärme ausgedehnteste) ist das Feuer, also am meisten

seelisch; dichteste (durch Kälte verdichtetste) ist die Erde, also am

wenigsten seelisch. Die Gestirne sind (von der Luft) zusammengedrücktes

Feuer, also jedenfalls hochbeseelt und doch erdenähnlich. Der gleichen

Anschauung huldigte ~Diogenes von Apollonia~ (von 430 v. Chr.); er

sprach sie noch schärfer aus, indem er im Luftartigen geradezu ein

„ungewordenes, unbegrenztes, vernünftiges Wesen, das alles beherrscht

und ordnet“, behauptete. „Denn gerade dieser Stoff (Luft), dünkt mich,

ist Gott, ist allgegenwärtig, alles verwaltend und in allem vorhanden.

Und es gibt auch nicht das Geringste, das nicht an seinem Wesen

teilhätte.“ Dieser Stoff ist „ewig und unsterblich“, er ist „Seele

und Geisteskraft“. „Bloße Umwandlungen der Luft sind alle Dinge.“

Hier schwindet eigentlich die Materie und ist die Welt nur Seele in

verschiedener Darstellung, Manifestation. Schwierig ist es, die Rolle

der Wärme und Kälte (sie finden sich auch bei den Scholastikern als

Prinzipe) zu verstehen, die Diogenes wie auch seine Vorgänger zur

Bildung der Welt aus der Seelen-Urmaterie heranziehen. Man weiß nicht

recht, was sie neben der Seele noch sollen. Vielleicht, daß diese die

Wärme und Kälte aus sich selbst heraus entwickelt und so der eigene

Grund ihrer Verwandlungen mit der Urmaterie ist. Aber es wird auch von

äußerer Wärme gesprochen, der Sonnenwärme, welche Pflanzen, Tiere und

Menschen aus dem Urerdschlamm hervorgelockt haben soll.

Daß der zwischen Thales und Anaximenes lebende Landsmann dieser beiden,

~Anaximandros~, eine Weltseele angenommen hat, ist wohl nicht sicher,

aber wahrscheinlich. Er spricht von dem Ersten (ἀρχή) als von einem

Unbegrenzten (ἄπειρον), Unbestimmten, aus dem alles hervorgeht und in

das alles zurückkehrt nach der Ordnung der Zeit. Dieses Erste ist ewig

und ständig in innerer Bewegung, also wohl beseelt, zu denken. Durch

die Bewegung (also das Leben) treten Scheidungen und Bindungen des im

Ersten Enthaltenen ein, die so unsere Welt darstellen; wie Warmes und

Kaltes sich abtrennen und in ihrer Vereinigung das Feuchte bilden, wie

dann aus diesem durch die weiteren Bewegungen Erde, Luft und Feuer sich

sondern, letzteres sich zur Höhe begibt und sich in einem Feuerkreis um

die Luft sammelt, diese in Gewittern durchbrechend. Mit den Scheidungen

und Bindungen finden zugleich Lösungen und Durchmischungen statt. Und

so gibt die Bewegung im Ersten eine ständig sich entwickelnde Welt und

periodisch sich wiederholende Welten. Diese letztere Anschauung ist

viel bewundert und von vielen aufgenommen und weiter entwickelt worden.

Die Bewegung als Prinzip hielt auch der Ephesier ~Herakleitos~ (um 504

v. Chr.) fest, und er präzisierte sie sogar in dem berühmten Ausspruch

πάντα ρεῖ, „Alles ist in Fluß“. Nirgend ist auch nur für Augenblicke

Stillstand. „Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen und

nicht zweimal eine Substanz berühren.“ Allein das Seelische sah er

nicht in dieser Bewegung selbst, sondern in einem Feurigen; „diese

Welt (κόσμος), die Eine für alle Wesen, hat weder der Götter noch der

Menschen einer gemacht, sondern sie war immer und ist und wird sein ein

ewig lebendes Feuer, sich entzündend nach Maß und erlöschend nach Maß“.

Das Feuer wird auch als Hauch (ψυχή) bezeichnet, aus dem uns schon

bekannten Grunde. Die Welt ist aber stetige Umwandlungen von Feuer. Und

diese nie stillstehenden noch beharrenden Umwandlungen des eigentlich

Seelischen geschehen wie ein „Krieg, der ein Recht, Vater und König

aller Dinge ist“. „Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Und

die Einen macht er zu Göttern, die Anderen zu Menschen, die Einen zu

Sklaven, die Anderen zu Freien.“ So bildet das Psychisch-Wesentliche

in Heraklits Lehre die rastlose Tätigkeit der Seele auch im Kleinsten

der Welt, wodurch alles, wie es entsteht, sofort vergeht, so daß alles

ist und auch nicht ist. Der Begriff des Lebens ist der absoluter

Veränderung. Nach solcher steckt im Seelen-Feuer ein stetes,

unstillbares Verlangen. Und wie die Veränderungen nach der einen

Richtung gehen, geschehen sie auch nach der entgegengesetzten: „Des

Feuers Verwandlungen sind zuerst Meer, des Meeres zur Hälfte Erde, zur

Hälfte Feuer.“ „Für die Seelen ist es Tod: zu Wasser werden, für das

Wasser Tod: zu Erde werden. Aus Erde wird Wasser, aus Wasser Seele.“

„Verbindungen sind: Ganzes und Nichtganzes, Eintracht und Zwietracht,

Einklang und Mißklang, und aus Allem Eins und aus Einem Alles.“ „Der

Gott ist Tag-Nacht, Winter-Sommer, Krieg-Frieden, Überfluß-Hunger.“

„Gut und Schlecht ist eins.“ Ganz rein psychisch scheint die Anschauung

Heraklits nicht gewesen zu sein. Daß noch eine „verborgene Harmonie“

angenommen wird, die die Gegensätze immer ausgleicht, kann eine

Eigenheit der Weltseele bedeuten, wie ja auch die Menschenseele sich

in sich immer ausgleicht, daß trotz der vielen und stetig wechselnden

Tätigkeiten die Einheit gewahrt bleibt. Allein es wird auch von

göttlichen Gesetzen, von Weisheit, Vernunft, ja von Verhängnis --

die Heimarmene --, von Zeus als dem Regenten über alles gesprochen,

insgesamt von Prinzipien, „daß das Urwesen nach festen Gesetzen sich in

alle Dinge umsetze und aus ihnen wieder zurücknehme“. „Denn die Sonne

wird ihre Maße nicht überschreiten, ansonst werden sie die Erinnyen,

der Dike (als Weltordnung) Schergen ausfindig machen.“ Davon handeln

wir später. Ebenso von den hohen Anschauungen des Anaxagoras und

anderer, da sie über das rein Psychische bereits hinausragen.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 78 / 108 题