Man teilt die Welt- und Lebenanschauungen in zwei Klassen ein, in
~monistische~ und ~pluralistische~ oder ~multistische~ (dualistische,
trialistische usf.). Die erstere Klasse soll Anschauungen enthalten,
die, von einem Gesichtspunkt ausgehend, das gesamte All, ohne irgend
eine Ausnahme darin, als eine Einheit mit zeitlich und räumlich
unbegrenzt gleichen Eigenschaften betrachten. So z. B. behauptet der
bekannteste Monismus -- den ich hier nicht mit dem unzureichenden und
irreführenden Beiwort: materialistischer, sondern allgemeiner und
treffender: physischer Monismus bezeichnen will --, daß das gesamte
All, belebt und unbelebt, stets und überall nur von den Erscheinungen,
die wir in der unbelebten Natur kennen, erfüllt und beherrscht worden
ist, wird und werden wird. Ihm gegenüber betrachtet der Dualismus die
Welt von zwei unabhängigen Gesichtspunkten, z. B. indem er das All
durchaus in Leben und Nichtleben, in Körper und Geist, in Gott und
Welt usf. teilt. Noch weiter würde die Teilung gehen im Trialismus,
Tetralismus usf. Dabei käme es eigentlich darauf an, daß die Trennungen
im Pluralismus absolute sind. Derartige Anschauungen besitzen wir nicht
recht; es läßt sich nicht vermeiden, daß eines in das andere eingreift.
Indessen gibt es, wie wir noch sehen werden, einen wirklichen Monismus
auch noch nicht. Überhaupt bringt es der Gegenstand mit sich, daß keine
der Anschauungen auch nur theoretisch, geschweige praktisch, durchaus
konsequent ist, wenigstens wenn man sie sachlich und nicht bloß nach
den Behauptungen untersucht. Mitunter erscheinen die Anschauungen
der Wilden, namentlich in ihrer praktischen Anwendung, bei weitem
konsequenter als die der Kulturmenschen. Und das hat seinen guten
Grund, den wir noch kennen lernen werden.
Der obigen Einteilung werden wir nur bei den einzelnen Anschauungen
Rechnung tragen können. Allgemein werden wir drei Hauptklassen
unterscheiden: psychisch-religiöse, religionsphilosophische,
philosophisch-physische, und werden darunter finden:
irdisch-menschliche, irdisch-göttliche, religiöse, psychische
(auch geistige), philosophische (metaphysische), physische
(naturwissenschaftliche); phantomistische, theosophische, mystische
Anschauungen. Die drei letzten sind durch das Semikolon absichtlich
von den anderen getrennt; sie bedeuten eine eigenartige Gattung
von Anschauungen diesen gegenüber, in der Phantasie und Grübelei
eine besonders große Rolle spielen. Aus den ineinandergreifenden
Benennungen in den Hauptklassen sieht der Leser schon, daß auch
hier scharfe Scheidungen nicht vorhanden sind. Und wie sollten auch
solche Scheidungen bestehen! Jede Anschauung wird regiert durch
Erfahrung, Wunsch, Religion und Nachdenken. Die Erfahrung gibt die
Welt wie sie ist, oder wenigstens erscheint, das ist das Physische.
Der Wunsch richtet sich auf den Gang der Welt in bezug auf uns und
auf andere, als positiver und negativer Egoismus, bedeutet also das
Irdisch-menschliche. Die Religion ist bei den meisten verdeckter
Egoismus, und zwar natürlicher Egoismus, der, berechtigt, auf
Erhaltung seiner selbst und anderer geht, aber auch häßlicher, der
die Gottheit oder die Weltordnung zur Demütigung, Dienstbarmachung
oder gar Vernichtung des Anderen sich zum Vorteil oder nur zur
Schadenfreude herbeiruft. Bei anderen, wie bemerkt, und wiederum
recht vielen, ist sie lediglich gedankenloses Anhängen an bestimmte
Satzungen. Verhältnismäßig die Minderzahl faßt die Religion innerlich
mit tiefem Fühlen und fester Überzeugung auf. Endlich das Nachdenken,
das philosophische, sucht die unmittelbare Erfahrung der äußeren
und inneren Welt zu verknüpfen; Widerstrebendes zu vereinigen, das
Mannigfaltige zu vereinheitlichen und aus allem diesen das Gewirr
der Welt und des Lebens unter wenige Gesichtspunkte zu bringen, die
auch Schlüsse auf Unbekanntes und Zukünftiges gestatten. Dazu können
wir getrost auch das Phantasieren und Grübeln rechnen, die beide
nur ein Übergreifen des Denkens auf übersinnliche oder unsinnliche
Objekte darstellen. Das eine oder das andere von diesen vier Steuern
auf dem Meere der Anschauungen mag hier und dort nicht zur Anwendung
gelangen, es mag sogar herausgehoben und als unnötig beiseite gelegt
werden. Das tut nichts und berührt die Bedeutung dieser Steuer für die
Gesamtbetrachtung nicht.
Und so kennzeichnen die gewählten Namen für die einzelnen Anschauungen
nur das Vorwiegende in der jeweiligen Anschauung. Denn beispielsweise
fehlt das Physische in keiner der Anschauungen, aber es gibt
Anschauungen, in denen es ganz besonders zur Geltung gebracht ist.
Gleicherweise verhält es sich mit dem Religiösen, wo nur die rein
materialistischen Anschauungen eine Ausnahme machen, und mit dem
Philosophischen und Irdisch-menschlichen.