5. ~Einteilung der Welt- und Lebenanschauungen.~

Man teilt die Welt- und Lebenanschauungen in zwei Klassen ein, in

~monistische~ und ~pluralistische~ oder ~multistische~ (dualistische,

trialistische usf.). Die erstere Klasse soll Anschauungen enthalten,

die, von einem Gesichtspunkt ausgehend, das gesamte All, ohne irgend

eine Ausnahme darin, als eine Einheit mit zeitlich und räumlich

unbegrenzt gleichen Eigenschaften betrachten. So z. B. behauptet der

bekannteste Monismus -- den ich hier nicht mit dem unzureichenden und

irreführenden Beiwort: materialistischer, sondern allgemeiner und

treffender: physischer Monismus bezeichnen will --, daß das gesamte

All, belebt und unbelebt, stets und überall nur von den Erscheinungen,

die wir in der unbelebten Natur kennen, erfüllt und beherrscht worden

ist, wird und werden wird. Ihm gegenüber betrachtet der Dualismus die

Welt von zwei unabhängigen Gesichtspunkten, z. B. indem er das All

durchaus in Leben und Nichtleben, in Körper und Geist, in Gott und

Welt usf. teilt. Noch weiter würde die Teilung gehen im Trialismus,

Tetralismus usf. Dabei käme es eigentlich darauf an, daß die Trennungen

im Pluralismus absolute sind. Derartige Anschauungen besitzen wir nicht

recht; es läßt sich nicht vermeiden, daß eines in das andere eingreift.

Indessen gibt es, wie wir noch sehen werden, einen wirklichen Monismus

auch noch nicht. Überhaupt bringt es der Gegenstand mit sich, daß keine

der Anschauungen auch nur theoretisch, geschweige praktisch, durchaus

konsequent ist, wenigstens wenn man sie sachlich und nicht bloß nach

den Behauptungen untersucht. Mitunter erscheinen die Anschauungen

der Wilden, namentlich in ihrer praktischen Anwendung, bei weitem

konsequenter als die der Kulturmenschen. Und das hat seinen guten

Grund, den wir noch kennen lernen werden.

Der obigen Einteilung werden wir nur bei den einzelnen Anschauungen

Rechnung tragen können. Allgemein werden wir drei Hauptklassen

unterscheiden: psychisch-religiöse, religionsphilosophische,

philosophisch-physische, und werden darunter finden:

irdisch-menschliche, irdisch-göttliche, religiöse, psychische

(auch geistige), philosophische (metaphysische), physische

(naturwissenschaftliche); phantomistische, theosophische, mystische

Anschauungen. Die drei letzten sind durch das Semikolon absichtlich

von den anderen getrennt; sie bedeuten eine eigenartige Gattung

von Anschauungen diesen gegenüber, in der Phantasie und Grübelei

eine besonders große Rolle spielen. Aus den ineinandergreifenden

Benennungen in den Hauptklassen sieht der Leser schon, daß auch

hier scharfe Scheidungen nicht vorhanden sind. Und wie sollten auch

solche Scheidungen bestehen! Jede Anschauung wird regiert durch

Erfahrung, Wunsch, Religion und Nachdenken. Die Erfahrung gibt die

Welt wie sie ist, oder wenigstens erscheint, das ist das Physische.

Der Wunsch richtet sich auf den Gang der Welt in bezug auf uns und

auf andere, als positiver und negativer Egoismus, bedeutet also das

Irdisch-menschliche. Die Religion ist bei den meisten verdeckter

Egoismus, und zwar natürlicher Egoismus, der, berechtigt, auf

Erhaltung seiner selbst und anderer geht, aber auch häßlicher, der

die Gottheit oder die Weltordnung zur Demütigung, Dienstbarmachung

oder gar Vernichtung des Anderen sich zum Vorteil oder nur zur

Schadenfreude herbeiruft. Bei anderen, wie bemerkt, und wiederum

recht vielen, ist sie lediglich gedankenloses Anhängen an bestimmte

Satzungen. Verhältnismäßig die Minderzahl faßt die Religion innerlich

mit tiefem Fühlen und fester Überzeugung auf. Endlich das Nachdenken,

das philosophische, sucht die unmittelbare Erfahrung der äußeren

und inneren Welt zu verknüpfen; Widerstrebendes zu vereinigen, das

Mannigfaltige zu vereinheitlichen und aus allem diesen das Gewirr

der Welt und des Lebens unter wenige Gesichtspunkte zu bringen, die

auch Schlüsse auf Unbekanntes und Zukünftiges gestatten. Dazu können

wir getrost auch das Phantasieren und Grübeln rechnen, die beide

nur ein Übergreifen des Denkens auf übersinnliche oder unsinnliche

Objekte darstellen. Das eine oder das andere von diesen vier Steuern

auf dem Meere der Anschauungen mag hier und dort nicht zur Anwendung

gelangen, es mag sogar herausgehoben und als unnötig beiseite gelegt

werden. Das tut nichts und berührt die Bedeutung dieser Steuer für die

Gesamtbetrachtung nicht.

Und so kennzeichnen die gewählten Namen für die einzelnen Anschauungen

nur das Vorwiegende in der jeweiligen Anschauung. Denn beispielsweise

fehlt das Physische in keiner der Anschauungen, aber es gibt

Anschauungen, in denen es ganz besonders zur Geltung gebracht ist.

Gleicherweise verhält es sich mit dem Religiösen, wo nur die rein

materialistischen Anschauungen eine Ausnahme machen, und mit dem

Philosophischen und Irdisch-menschlichen.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 54 / 108 题