Drei Hauptaufgaben haben wir zu erfüllen: die Anschauungen einzeln
oder in Klassen vorzuführen, sie auf ihre theoretische und praktische
Bedeutung zu untersuchen, sie miteinander zu vergleichen. Über die
beiden ersten Aufgaben ist nichts besonderes mehr zu sagen. Die dritte
Aufgabe aber gibt zu einer wichtigen Bemerkung Anlaß. Die Vergleichung
kann zu zwei Zwecken geschehen. Einmal um die Kulturzustände der Völker
oder Zeiten, innerhalb deren die Anschauungen geäußert sind, gegen
einander abzuwägen. Sodann um über die Priorität einer aufgestellten
Anschauung zu entscheiden. Das erstere gehört nur zu sehr geringem
Teil hierher, da wir ja keine Kulturgeschichte schreiben, und wird
sich meist bei den Vorführungen selbst erledigen. Das zweite lassen
wir fort, sofern es sich um Prioritäten einzelner Personen handelt.
Diskussionen hierüber haben nur dann einen Wert, wenn mit der Priorität
auch der Sinn der Anschauung verbunden ist, den wir ja bei einem
gedankentiefen Manne immer eine Stufe höher verstehen müssen als bei
einem mittelmäßigen Kopf, wenn der Ausdruck der Ansicht dazu Raum
läßt. Nun aber werden Anschauungen nicht bloß von einzelnen Personen
ersonnen, sondern, wie Lieder, von einem ganzen Volke, so daß es
sich um Volksanschauungen handelt. Dann können Völker miteinander in
Wettbewerb treten und hat die Frage nach der Priorität doch große
Bedeutung. Ich darf nur an den Streit Babel und Bibel erinnern, der
mit so außerordentlicher Heftigkeit in unseren Tagen geführt worden
ist. Und gerade an diesen Streit kann ich anknüpfen. Er entsprang aus
behaupteten Ähnlichkeiten zwischen der Literatur der Babylonier und
gewissen Teilen der Bibel, so daß die erstere Vorläufer und Muster
für die Erzählungen und die Lehren der Bibel sein sollte. Auch ganz
abgesehen davon, ob die Ähnlichkeiten wirklich so bedeutend sind, daß
man es wagen dürfte, ein Werk wie die Bibel in wichtigsten Teilen
der Originalität zu entkleiden, machte sich in diesem Streit eine
verblüffende Außerachtlassung aller Errungenschaften der Anthropologie
geltend. Längst haben die Anthropologen erkannt, daß die Menschheit
eine auffallend gleichartige Masse bildet, daß Gebräuche, Gedanken
und Vorstellungen sich oft an den entferntesten Punkten der Erde in
gleicher Weise vorfinden. Ein so ekelhafter und so seltsamer Brauch
wie das Auffangen und Verwenden der Fäulnisflüssigkeit des Leichnams
zeigt sich im Herzen Afrikas und auf weit abliegenden ozeanischen
Inseln. Die Entstehung der Menschen aus Bäumen oder Steinen wird fast
auf der ganzen Erde erzählt. Reineckes Streiche und Schlauheiten, nur
übertragen auf Hasen und Schakale, geben auch den verschiedensten
Negerstämmen Stoff zum Lachen. Märchen fast des gleichen Inhalts finden
sich bei Völkern, die weder sprachlich noch stammlich zusammenhängen.
Ich habe mir mehr als zwanzig Ähnlichkeiten sogar im Einzelnen
zusammengestellt. Eine sehr seltsame und sehr wichtige, daß nämlich
die Wasser über dem Himmel der Bibel in Ozeanien sich wiederfinden,
habe ich schon in meinem Buche „Die Entstehung der Welt und der
Erde nach Sage und Wissenschaft“ hervorgehoben. Ich kann hier mit
noch einer, nicht minder bedeutenden, vielleicht noch bedeutenderen
aufwarten. Nach der Bibel schafft Gott zwischen den Wassern eine
Dehnung, wodurch die Scheidung zwischen Himmel und Erde bewirkt
wird. Bei den Neuseeländern sind Himmel und Erde ursprünglich auch
aufeinander und der Gott Tane-mahuta trennt sie, daß ein Zwischenraum
zwischen ihnen entsteht. Geschieht letzteres auch grobsinnlich --
der Gott stemmt den Kopf gegen die Erde, Papa, und die Füße gegen
den Himmel, Rangi, und drückt so diese Gatten auseinander -- die
Sache ist doch die gleiche, das Schaffen der Ausdehnung zwischen
Himmel und Erde. -- Der Neuseeländische Maui wird von seiner Mutter,
eingewickelt in einen Wulst ihrer Haare, ins Meer geworfen, von
den Wogen ans Land gespült und dort aufgefunden und erzogen. Damit
vergleiche man die Kindheitsgeschichte Mose. Der Hauptunterschied
besteht nur darin, daß Mose von einer Königstochter aufgenommen
wird, Maui von einem männlichen Vorfahr. -- Die Polynesier haben
Schwanenjungfrauen wie wir und mit fast den gleichen Erzählungen. -- Ra
kennzeichnet in Ozeanien den Sonnengott, genau wie im alten Ägypten.
-- Fast noch verwunderlicher ist, was Max Müller mitteilt, daß einem
Zwillingsgötterpaar der indischen Mythologie, Yama und Yami, ein
anderes, Yame und Yama, mit gleicher Bedeutung in Peru entspricht. Nun
denke man, welche wilde Theorien unsere Babylonier darauf gegründet
haben, daß im Babylonischen, das doch eine Schwestersprache des
Hebräischen ist, ein Wort sich fand, das an Jehova anklang! Und Indien
und Peru, Altägypten und Ozeanien! -- Josuas Wunder, daß die Sonne auf
sein Geheiß stehen bleibt, ist von vielen Ozeaniern nachgeahmt, z. B.
bis ein Haus fertig ist oder ein Wanderer seinen Weg zurückgelegt hat.
-- Totenschiff und Totenführer kennen nicht bloß die Griechen, sondern
auch die Polynesier und einige Afrikastämme und Indianer. -- Maui raubt
das Feuer wie Prometheus. -- Solare Gottheiten der Neger erregen
Krankheiten durch Wurfgeschosse wie Apollon. -- Gleich den Israeliten
geht ein Hottentottenheros, Heitsi-Eibibs, durch das Wasser, das sich
vor ihm spaltet und wie dort über dem Verfolger zusammenschlägt. --
Ich könnte noch viel mehr anführen, Regenbogen, Weltei, Wahrsagekunst,
Jonas und anderes betreffend. Aber ich glaube, daß die obige kurze
Aufzählung schon genügt darzutun, wie außerordentlich vorsichtig man
bei Schlüssen aus Ähnlichkeiten sein muß. Diese Vorsicht muß aber geübt
werden, sonst kann man hinsichtlich der Völkerzusammenhänge zu den
bösesten Schlüssen kommen. Wir werden später noch vieles andere kennen
lernen, was auf gleichem Gebiete liegt, Ost und West, Nord und Süd
verbindet und seine Wurzel eben in Zufall oder in der Gleichartigkeit
des Menschengeschlechts hat. Im allgemeinen kann man sagen, daß alles
Entlehnte sich ziemlich bald durch Mißverständnis, Unstimmigkeit und
Gezwungenheit verrät. Echtes, Eingeborenes, geht frei nach rechts
und links ausgreifend und entwicklungsfähig einher. Doch sollen die
Schwierigkeiten bei der Scheidung nicht verkannt werden.