4. ~Vergleichung der Anschauungen, Parallelen~.

Drei Hauptaufgaben haben wir zu erfüllen: die Anschauungen einzeln

oder in Klassen vorzuführen, sie auf ihre theoretische und praktische

Bedeutung zu untersuchen, sie miteinander zu vergleichen. Über die

beiden ersten Aufgaben ist nichts besonderes mehr zu sagen. Die dritte

Aufgabe aber gibt zu einer wichtigen Bemerkung Anlaß. Die Vergleichung

kann zu zwei Zwecken geschehen. Einmal um die Kulturzustände der Völker

oder Zeiten, innerhalb deren die Anschauungen geäußert sind, gegen

einander abzuwägen. Sodann um über die Priorität einer aufgestellten

Anschauung zu entscheiden. Das erstere gehört nur zu sehr geringem

Teil hierher, da wir ja keine Kulturgeschichte schreiben, und wird

sich meist bei den Vorführungen selbst erledigen. Das zweite lassen

wir fort, sofern es sich um Prioritäten einzelner Personen handelt.

Diskussionen hierüber haben nur dann einen Wert, wenn mit der Priorität

auch der Sinn der Anschauung verbunden ist, den wir ja bei einem

gedankentiefen Manne immer eine Stufe höher verstehen müssen als bei

einem mittelmäßigen Kopf, wenn der Ausdruck der Ansicht dazu Raum

läßt. Nun aber werden Anschauungen nicht bloß von einzelnen Personen

ersonnen, sondern, wie Lieder, von einem ganzen Volke, so daß es

sich um Volksanschauungen handelt. Dann können Völker miteinander in

Wettbewerb treten und hat die Frage nach der Priorität doch große

Bedeutung. Ich darf nur an den Streit Babel und Bibel erinnern, der

mit so außerordentlicher Heftigkeit in unseren Tagen geführt worden

ist. Und gerade an diesen Streit kann ich anknüpfen. Er entsprang aus

behaupteten Ähnlichkeiten zwischen der Literatur der Babylonier und

gewissen Teilen der Bibel, so daß die erstere Vorläufer und Muster

für die Erzählungen und die Lehren der Bibel sein sollte. Auch ganz

abgesehen davon, ob die Ähnlichkeiten wirklich so bedeutend sind, daß

man es wagen dürfte, ein Werk wie die Bibel in wichtigsten Teilen

der Originalität zu entkleiden, machte sich in diesem Streit eine

verblüffende Außerachtlassung aller Errungenschaften der Anthropologie

geltend. Längst haben die Anthropologen erkannt, daß die Menschheit

eine auffallend gleichartige Masse bildet, daß Gebräuche, Gedanken

und Vorstellungen sich oft an den entferntesten Punkten der Erde in

gleicher Weise vorfinden. Ein so ekelhafter und so seltsamer Brauch

wie das Auffangen und Verwenden der Fäulnisflüssigkeit des Leichnams

zeigt sich im Herzen Afrikas und auf weit abliegenden ozeanischen

Inseln. Die Entstehung der Menschen aus Bäumen oder Steinen wird fast

auf der ganzen Erde erzählt. Reineckes Streiche und Schlauheiten, nur

übertragen auf Hasen und Schakale, geben auch den verschiedensten

Negerstämmen Stoff zum Lachen. Märchen fast des gleichen Inhalts finden

sich bei Völkern, die weder sprachlich noch stammlich zusammenhängen.

Ich habe mir mehr als zwanzig Ähnlichkeiten sogar im Einzelnen

zusammengestellt. Eine sehr seltsame und sehr wichtige, daß nämlich

die Wasser über dem Himmel der Bibel in Ozeanien sich wiederfinden,

habe ich schon in meinem Buche „Die Entstehung der Welt und der

Erde nach Sage und Wissenschaft“ hervorgehoben. Ich kann hier mit

noch einer, nicht minder bedeutenden, vielleicht noch bedeutenderen

aufwarten. Nach der Bibel schafft Gott zwischen den Wassern eine

Dehnung, wodurch die Scheidung zwischen Himmel und Erde bewirkt

wird. Bei den Neuseeländern sind Himmel und Erde ursprünglich auch

aufeinander und der Gott Tane-mahuta trennt sie, daß ein Zwischenraum

zwischen ihnen entsteht. Geschieht letzteres auch grobsinnlich --

der Gott stemmt den Kopf gegen die Erde, Papa, und die Füße gegen

den Himmel, Rangi, und drückt so diese Gatten auseinander -- die

Sache ist doch die gleiche, das Schaffen der Ausdehnung zwischen

Himmel und Erde. -- Der Neuseeländische Maui wird von seiner Mutter,

eingewickelt in einen Wulst ihrer Haare, ins Meer geworfen, von

den Wogen ans Land gespült und dort aufgefunden und erzogen. Damit

vergleiche man die Kindheitsgeschichte Mose. Der Hauptunterschied

besteht nur darin, daß Mose von einer Königstochter aufgenommen

wird, Maui von einem männlichen Vorfahr. -- Die Polynesier haben

Schwanenjungfrauen wie wir und mit fast den gleichen Erzählungen. -- Ra

kennzeichnet in Ozeanien den Sonnengott, genau wie im alten Ägypten.

-- Fast noch verwunderlicher ist, was Max Müller mitteilt, daß einem

Zwillingsgötterpaar der indischen Mythologie, Yama und Yami, ein

anderes, Yame und Yama, mit gleicher Bedeutung in Peru entspricht. Nun

denke man, welche wilde Theorien unsere Babylonier darauf gegründet

haben, daß im Babylonischen, das doch eine Schwestersprache des

Hebräischen ist, ein Wort sich fand, das an Jehova anklang! Und Indien

und Peru, Altägypten und Ozeanien! -- Josuas Wunder, daß die Sonne auf

sein Geheiß stehen bleibt, ist von vielen Ozeaniern nachgeahmt, z. B.

bis ein Haus fertig ist oder ein Wanderer seinen Weg zurückgelegt hat.

-- Totenschiff und Totenführer kennen nicht bloß die Griechen, sondern

auch die Polynesier und einige Afrikastämme und Indianer. -- Maui raubt

das Feuer wie Prometheus. -- Solare Gottheiten der Neger erregen

Krankheiten durch Wurfgeschosse wie Apollon. -- Gleich den Israeliten

geht ein Hottentottenheros, Heitsi-Eibibs, durch das Wasser, das sich

vor ihm spaltet und wie dort über dem Verfolger zusammenschlägt. --

Ich könnte noch viel mehr anführen, Regenbogen, Weltei, Wahrsagekunst,

Jonas und anderes betreffend. Aber ich glaube, daß die obige kurze

Aufzählung schon genügt darzutun, wie außerordentlich vorsichtig man

bei Schlüssen aus Ähnlichkeiten sein muß. Diese Vorsicht muß aber geübt

werden, sonst kann man hinsichtlich der Völkerzusammenhänge zu den

bösesten Schlüssen kommen. Wir werden später noch vieles andere kennen

lernen, was auf gleichem Gebiete liegt, Ost und West, Nord und Süd

verbindet und seine Wurzel eben in Zufall oder in der Gleichartigkeit

des Menschengeschlechts hat. Im allgemeinen kann man sagen, daß alles

Entlehnte sich ziemlich bald durch Mißverständnis, Unstimmigkeit und

Gezwungenheit verrät. Echtes, Eingeborenes, geht frei nach rechts

und links ausgreifend und entwicklungsfähig einher. Doch sollen die

Schwierigkeiten bei der Scheidung nicht verkannt werden.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 53 / 108 题