Wir unterscheiden zunächst die Anschauungen der ~Naturvölker~ von
denjenigen der ~Kulturvölker~. Die Völker der ~Halbkultur~ folgen
wesentlich den Naturvölkern. Auch steht so mancher Kulturmensch ganz
auf dem Standpunkt des Wilden. Trifft er sich dort, so mag er in sich
gehen und in die ihm gehörige Klasse überwandern.
Einfacher und doch verworrener sind die Anschauungen der Naturvölker
als die der Kulturvölker. Wie es unendlich viele Mühe gemacht hat,
in die Religion der Naturvölker einige sichere Einsicht zu erhalten,
weil auf Befragen nicht bloß fast jedes Dorf, sondern fast jeder
Befragte etwas besonderes erzählt, so verhält es sich hinsichtlich
der Weltanschauungen. Gemeinsame Lehren ergaben sich nämlich bald,
weil ihre praktische Betätigung in unmittelbare Erscheinung trat. Aber
Meinungen und Anschauungen hatte jeder für sich. Und dabei handelte es
sich nicht einmal immer um Verlegenheit vor dem Frager und Mißtrauen
gegen ihn, sondern einfach um Mangel an Ansicht und Unüberlegtheit.
Wie viele Kulturmenschen würden auf Befragen nach ihrer Weltanschauung
bestimmt antworten können oder wollen? Und wo sie eine solche
Anschauung besitzen, würden sie in Staaten mit polizeilichen oder
kirchlichen Gewalten aus Furcht vor Nachteilen, sonst in dem unbequemen
Gefühl, etwas Törichtes zu sagen, noch weit mehr mit ihren Meinungen
zurückhalten als ein Naturmensch, oder sich mit Ausflüchten helfen.
Als ich mich mit der Religion der ozeanischen Völker beschäftigte,
fiel es mir auf, daß von den unzähligen Namen für Götter und Helden,
welche in einem Hauptwerk hierüber, Greys „Polynesian Mythology“,
enthalten sind, kaum zwei in den sehr vielen Angaben der Seefahrer
des achtzehnten Jahrhunderts (Cooks, Wilsons, Pokocks u. a.) sich
finden. Die bei weitem wichtigste Bezeichnung für Götter und Dämonen in
diesen Angaben, Eatooa oder Atoa oder ähnlich, sucht man in gleicher
Eigenschaft in Greys Werk vergeblich. Ein anlautender Name kommt
wohl vor, er bezeichnet aber eine Insel oder einen Distrikt. Nur die
Namen Tane und Maui scheinen zeitlich und räumlich sehr verbreitet zu
sein. Frobenius, in seinem Buche „Die Weltanschauung der Naturvölker“
hat sich der Mühe unterzogen, für die afrikanischen Völker den Namen
einer der bekanntesten Gottheiten durch die Stämme zu verfolgen. Er
geht von dem Namen Tschuka aus, der bei den Ibo und in Kalabar einfach
Gott bedeuten soll, und stellt mehr als fünfzig Namen auf, die jenem
Namen entsprechen sollen, darunter solche wie Rupe, Ndsakumba und
ähnliche, die nicht entfernt mehr an den Ausgangsnamen erinnern. Das
kann und wird zum Teil an den abweichenden Sprachen liegen, wie wir
ja für unser „Gott“ selbst unter den Indogermanen um eine ähnlich
lautende Bezeichnung verlegen sind. Dann aber muß man sich wundern,
daß Hottentotten und Buschmänner, die eine von den eigentlichen
Bantu-Negern des mittleren Afrika ganz verschiedene Rasse bilden, fast
den gleichen Namen für Gott besitzen wie die ihnen so fernen Neger des
oberen Kongo, Touquo und Tuiko gegen Tuku (vermehrt Tuku-Tuku), während
fast sich berührende Stämme der gleichen Rasse und anscheinend des
gleichen Sprachstammes ganz abweichende Namen aufweisen. Bei den Yoruba
an der Nigermündung heißt es Dso oder Zo, wie in dem weit entfernten
Saumgebiet Ostafrikas. Aber in dem nahen Kamerun soll man das gleiche
mit Loba, Lebe, Rubi bezeichnen, wie ähnlich mit Lubari in Uganda, wo
ja auch Dso oder Zo bestehen soll, und wo als eigentlicher Name des
Schöpfers Kitonda angegeben wird. Vieles muß also an den verschiedenen
Angaben liegen, die im gleichen Bezirk von verschiedenen Personen
dem gleichen oder einem anderen Forscher gemacht werden. Anderes an
der kindlichen Gewohnheit der Naturvölker, Namen beliebig zu ändern
oder zu verdrehen. Wer Reisewerke miteinander vergleicht oder die
Namen in Atlanten und anderen Werken sucht, gerät mitunter in helle
Verzweiflung. Gegenwärtig kommt noch dazu, daß die meisten Naturvölker
schon mit Kulturmenschen durchsetzt sind und vieles Kulturelle,
namentlich Religiöse, von ihnen gehört und in sich aufgenommen haben.
Neuere Mitteilungen über Ansichten von Naturvölkern können darum
nur mit größtem Mißtrauen benutzt werden, namentlich, wenn sie an
Kulturansichten erinnern. Und da die älteren Reisenden meist weder
die Kenntnisse noch das Interesse besaßen, sich wirklich genau über
die besuchten Völker zu orientieren, sondern nur allzu gerne sich die
tollsten Lügen aufbinden ließen, um zu Hause die merkwürdigsten Fabeln
erzählen zu können, so sieht es eigentlich mit Untersuchungen über die
Welt- und Lebenanschauung der Naturvölker übel aus. In den Märchen
und Erzählungen, die uns von den Naturvölkern vorgetragen werden,
sind Züge reinster Empfindung und Tugend und dicht daneben Roheiten
entsetzlichster Bestialität. Ganz wie in den Sagen der alten Griechen.
Wer kann die rührende Szene zwischen Hektor und Andromache mit der
scheußlichen des Totenopfers für Patroklos vereinigen? Wir kommen
dadurch auf einen Punkt, der von großer Bedeutung ist und uns noch
beschäftigen wird.
Für die ~Kulturvölker~ scheint die Untersuchung einfacher und sicherer
zu sein, hier ist ja so vieles durch Tradition und Schrift bekannt.
Aber das Ungeheuere des Materials wirkt erdrückend. Es prahlte jemand
mit seinem Fleiße und rechnete so viel Tätigkeit zusammen, daß für den
Tag 26 Stunden Arbeit herauskamen. Selbst dieser Zauberkünstler wäre
nicht imstande, das Material auch nur zum vierten Teil zu bewältigen,
und wenn er Methusalems Alter erreichte. Man muß sich darum auf
Hauptansichten und Hauptwerke beschränken. Und dieses darf um so
eher geschehen, als wahrhaft große Meinungen nur spärlich erblüht
sind, und als unglaublich Viele bewußt und unbewußt die Wege der
Großen wandeln. Das ist kein Tadel; und wer in mühseliger Arbeit das
gefunden hat, was einem Großen vor ihm schon als Geschenk des Genies
eingefallen ist, darf mit Fug und Recht stolz sein und alberne Kritik
aus Zusammengelesenhaben ablehnen. Eine solche Arbeitsvermehrung nimmt
man gerne entgegen. Eine andere Schwierigkeit liegt in dem Mangel an
Bestimmtheit in so vielen Meinungen und Schriften. Wir werden von
zwei wilden Rossen nach entgegengesetzten Richtungen gezogen, dem
Verstand und dem Gefühl. Mancher wird innerlich zerrissen, viele geben
wenigstens dem einen oder dem anderen etwas nach. Kommt noch dazu
die menschliche Gebundenheit um des bloßen Lebens willen an anderer
Meinung, etwa die bemerkte an Staat und Kirche, so ergibt sich ein
weiteres Schwanken. Hat man doch dem großen Kant Inkonsequenzen in
seinem philosophischen System vorgeworfen. Und wer weiß so recht, was
Fichtes oder gar Schellings eigentliche Philosophie gewesen ist, da
man doch von jedem von ihnen mehrere ganz abweichende Philosophien
hat? Und da bei weitem die meisten Menschen inkonsequent sind, die
einen aus Anlage, die anderen aus ehrlichem Zweifeln, so berührt uns
ein ganz konsequenter Mann oder eine ganz konsequente Ansicht fast
unheimlich. Wir werden sehen, daß auf unserem Gebiete davon nur sehr
wenig vorhanden ist. Man kann fast sagen: mitunter zum Glück für die
Menschheit. Denn mit absoluter Konsequenz ist oft Fanatismus und mit
diesem Verfolgungssucht verbunden, die sich in der konsequentesten
Religion, der katholischen, in so entsetzlichen Taten geäußert hat,
und eine Herrschernatur wie Innozenz III., trotz so großer Leistungen,
durch die Ausmordung Tausender andersdenkender unschuldiger Menschen
fast fluchbeladen erscheinen läßt.
3. ~Hauptfragen und Stammannahmen (principia,~ ἀρχαὶ~) der Welt- und
Lebenanschauungen.~
Der Leser sieht, welch umfangreiche Arbeit hier zu bewältigen
ist, und wie alles nur in großen Zügen zur Darstellung kommen
kann. Doch habe ich die Absicht, weit über die engen Grenzen der
Spezialbetrachtungen hinauszugehen, die immer nur einzelne Klassen
der Menschheit betraf. Ich möchte vorführen, was der Mensch allgemein
an Welt- und Lebenanschauungen geschaffen hat; nicht diese oder jene
Philosophenschule, diese oder jene Religion, dieses oder jenes Volk.
Unter solchen Umständen ist eine gewisse Systematik unausweichlich,
sonst verläuft man sich in der Fülle des Gebotenen und gerät in Gefahr,
die Darlegung in Phrasen aufzulösen. Und nirgends ist diese Gefahr so
groß und sind ihr so viele Schriftsteller erlegen als gerade auf dem
Gebiete, mit dem wir uns hier beschäftigen sollen. Was Prinz Heinz
von seinem dicken Freunde bei der Musterung seiner Rechnungen gesagt
hat, und ich einmal einen berühmten Nationalökonomen auf einem Kommers
auf die Universitätsvorlesungen habe anwenden hören, soll uns zur
Warnung dienen. Gründlichkeit hier, Schmuckrede dort, zwischen diesen
Symplegaden müssen wir unser Schifflein hindurchsteuern.
Fast jede Weltanschauung geht von einer Stammannahme oder von mehreren
Stammannahmen aus. Es muß daher von großer Bedeutung für die Ordnung
des Vortrags sein, wenn vor allem diese Stammannahmen vorgeführt
werden. Vollständig dieses zu tun ist für einen beschränkte Zeit
lebenden Menschen nicht möglich, wegen der unendlichen Menge von
Büchern, die er lesen müßte. Nachdem ich mich aber durch so viele Jahre
frei und veranlaßt in so vielen Wissenschaften umgesehen habe, glaube
ich, daß in der nachfolgenden Aufzählung Wichtigeres nicht fehlen
wird. Sollte der Leser noch eine und eine andere Annahme wissen, so
füge er sie gütigst hinzu; wir sind alle gerne Kärrner der Königin
Wissenschaft. Die Annahmen gehen aber auf
den Grund des Alls und den der Einzelnen,
den Bestand des Alls,
das Wesen der Dinge,
das Wesen und den Grund der Geschehnisse,
die Entwicklung des Alls,
das Ende des Alls,
das Ende der Einzelnen.
Das sind sieben Hauptpunkte. Es ist nicht angängig, die allgemeine
Liste ganz nach diesen Hauptpunkten einzurichten; die Behandlungen
müßten vielfach durcheinander gehen und sich verschlingen, wodurch
viele unnötige und störende Wiederholungen entstehen würden.
Gleichwohl ist die nachfolgende Liste unterteilt, und zwar derartig,
daß sie in einiger Beziehung sich den Hauptpunkten anschmiegt. Wenn
manche Hauptpunkte in der Liste nicht berücksichtigt zu sein scheinen,
so ist es in der Tat nur ein „scheinen“. Durch gehörige Untersuchung
der Stammannahmen und namentlich auch durch Verbindung zweier oder
mehrerer von ihnen werden auch diese Hauptpunkte zur Erledigung
gebracht.
Die Liste enthält vier Klassen: phantomistische Annahmen,
wesenheitliche, wesenheitlich-begriffliche, begriffliche. Es kommt auf
die absolute Richtigkeit der Benennungen nicht an, diese müssen nur
durchschnittlich zutreffen und können es auch nur. Nun möge die Liste
selbst folgen.