2. ~Naturvölker und Kulturvölker.~

Wir unterscheiden zunächst die Anschauungen der ~Naturvölker~ von

denjenigen der ~Kulturvölker~. Die Völker der ~Halbkultur~ folgen

wesentlich den Naturvölkern. Auch steht so mancher Kulturmensch ganz

auf dem Standpunkt des Wilden. Trifft er sich dort, so mag er in sich

gehen und in die ihm gehörige Klasse überwandern.

Einfacher und doch verworrener sind die Anschauungen der Naturvölker

als die der Kulturvölker. Wie es unendlich viele Mühe gemacht hat,

in die Religion der Naturvölker einige sichere Einsicht zu erhalten,

weil auf Befragen nicht bloß fast jedes Dorf, sondern fast jeder

Befragte etwas besonderes erzählt, so verhält es sich hinsichtlich

der Weltanschauungen. Gemeinsame Lehren ergaben sich nämlich bald,

weil ihre praktische Betätigung in unmittelbare Erscheinung trat. Aber

Meinungen und Anschauungen hatte jeder für sich. Und dabei handelte es

sich nicht einmal immer um Verlegenheit vor dem Frager und Mißtrauen

gegen ihn, sondern einfach um Mangel an Ansicht und Unüberlegtheit.

Wie viele Kulturmenschen würden auf Befragen nach ihrer Weltanschauung

bestimmt antworten können oder wollen? Und wo sie eine solche

Anschauung besitzen, würden sie in Staaten mit polizeilichen oder

kirchlichen Gewalten aus Furcht vor Nachteilen, sonst in dem unbequemen

Gefühl, etwas Törichtes zu sagen, noch weit mehr mit ihren Meinungen

zurückhalten als ein Naturmensch, oder sich mit Ausflüchten helfen.

Als ich mich mit der Religion der ozeanischen Völker beschäftigte,

fiel es mir auf, daß von den unzähligen Namen für Götter und Helden,

welche in einem Hauptwerk hierüber, Greys „Polynesian Mythology“,

enthalten sind, kaum zwei in den sehr vielen Angaben der Seefahrer

des achtzehnten Jahrhunderts (Cooks, Wilsons, Pokocks u. a.) sich

finden. Die bei weitem wichtigste Bezeichnung für Götter und Dämonen in

diesen Angaben, Eatooa oder Atoa oder ähnlich, sucht man in gleicher

Eigenschaft in Greys Werk vergeblich. Ein anlautender Name kommt

wohl vor, er bezeichnet aber eine Insel oder einen Distrikt. Nur die

Namen Tane und Maui scheinen zeitlich und räumlich sehr verbreitet zu

sein. Frobenius, in seinem Buche „Die Weltanschauung der Naturvölker“

hat sich der Mühe unterzogen, für die afrikanischen Völker den Namen

einer der bekanntesten Gottheiten durch die Stämme zu verfolgen. Er

geht von dem Namen Tschuka aus, der bei den Ibo und in Kalabar einfach

Gott bedeuten soll, und stellt mehr als fünfzig Namen auf, die jenem

Namen entsprechen sollen, darunter solche wie Rupe, Ndsakumba und

ähnliche, die nicht entfernt mehr an den Ausgangsnamen erinnern. Das

kann und wird zum Teil an den abweichenden Sprachen liegen, wie wir

ja für unser „Gott“ selbst unter den Indogermanen um eine ähnlich

lautende Bezeichnung verlegen sind. Dann aber muß man sich wundern,

daß Hottentotten und Buschmänner, die eine von den eigentlichen

Bantu-Negern des mittleren Afrika ganz verschiedene Rasse bilden, fast

den gleichen Namen für Gott besitzen wie die ihnen so fernen Neger des

oberen Kongo, Touquo und Tuiko gegen Tuku (vermehrt Tuku-Tuku), während

fast sich berührende Stämme der gleichen Rasse und anscheinend des

gleichen Sprachstammes ganz abweichende Namen aufweisen. Bei den Yoruba

an der Nigermündung heißt es Dso oder Zo, wie in dem weit entfernten

Saumgebiet Ostafrikas. Aber in dem nahen Kamerun soll man das gleiche

mit Loba, Lebe, Rubi bezeichnen, wie ähnlich mit Lubari in Uganda, wo

ja auch Dso oder Zo bestehen soll, und wo als eigentlicher Name des

Schöpfers Kitonda angegeben wird. Vieles muß also an den verschiedenen

Angaben liegen, die im gleichen Bezirk von verschiedenen Personen

dem gleichen oder einem anderen Forscher gemacht werden. Anderes an

der kindlichen Gewohnheit der Naturvölker, Namen beliebig zu ändern

oder zu verdrehen. Wer Reisewerke miteinander vergleicht oder die

Namen in Atlanten und anderen Werken sucht, gerät mitunter in helle

Verzweiflung. Gegenwärtig kommt noch dazu, daß die meisten Naturvölker

schon mit Kulturmenschen durchsetzt sind und vieles Kulturelle,

namentlich Religiöse, von ihnen gehört und in sich aufgenommen haben.

Neuere Mitteilungen über Ansichten von Naturvölkern können darum

nur mit größtem Mißtrauen benutzt werden, namentlich, wenn sie an

Kulturansichten erinnern. Und da die älteren Reisenden meist weder

die Kenntnisse noch das Interesse besaßen, sich wirklich genau über

die besuchten Völker zu orientieren, sondern nur allzu gerne sich die

tollsten Lügen aufbinden ließen, um zu Hause die merkwürdigsten Fabeln

erzählen zu können, so sieht es eigentlich mit Untersuchungen über die

Welt- und Lebenanschauung der Naturvölker übel aus. In den Märchen

und Erzählungen, die uns von den Naturvölkern vorgetragen werden,

sind Züge reinster Empfindung und Tugend und dicht daneben Roheiten

entsetzlichster Bestialität. Ganz wie in den Sagen der alten Griechen.

Wer kann die rührende Szene zwischen Hektor und Andromache mit der

scheußlichen des Totenopfers für Patroklos vereinigen? Wir kommen

dadurch auf einen Punkt, der von großer Bedeutung ist und uns noch

beschäftigen wird.

Für die ~Kulturvölker~ scheint die Untersuchung einfacher und sicherer

zu sein, hier ist ja so vieles durch Tradition und Schrift bekannt.

Aber das Ungeheuere des Materials wirkt erdrückend. Es prahlte jemand

mit seinem Fleiße und rechnete so viel Tätigkeit zusammen, daß für den

Tag 26 Stunden Arbeit herauskamen. Selbst dieser Zauberkünstler wäre

nicht imstande, das Material auch nur zum vierten Teil zu bewältigen,

und wenn er Methusalems Alter erreichte. Man muß sich darum auf

Hauptansichten und Hauptwerke beschränken. Und dieses darf um so

eher geschehen, als wahrhaft große Meinungen nur spärlich erblüht

sind, und als unglaublich Viele bewußt und unbewußt die Wege der

Großen wandeln. Das ist kein Tadel; und wer in mühseliger Arbeit das

gefunden hat, was einem Großen vor ihm schon als Geschenk des Genies

eingefallen ist, darf mit Fug und Recht stolz sein und alberne Kritik

aus Zusammengelesenhaben ablehnen. Eine solche Arbeitsvermehrung nimmt

man gerne entgegen. Eine andere Schwierigkeit liegt in dem Mangel an

Bestimmtheit in so vielen Meinungen und Schriften. Wir werden von

zwei wilden Rossen nach entgegengesetzten Richtungen gezogen, dem

Verstand und dem Gefühl. Mancher wird innerlich zerrissen, viele geben

wenigstens dem einen oder dem anderen etwas nach. Kommt noch dazu

die menschliche Gebundenheit um des bloßen Lebens willen an anderer

Meinung, etwa die bemerkte an Staat und Kirche, so ergibt sich ein

weiteres Schwanken. Hat man doch dem großen Kant Inkonsequenzen in

seinem philosophischen System vorgeworfen. Und wer weiß so recht, was

Fichtes oder gar Schellings eigentliche Philosophie gewesen ist, da

man doch von jedem von ihnen mehrere ganz abweichende Philosophien

hat? Und da bei weitem die meisten Menschen inkonsequent sind, die

einen aus Anlage, die anderen aus ehrlichem Zweifeln, so berührt uns

ein ganz konsequenter Mann oder eine ganz konsequente Ansicht fast

unheimlich. Wir werden sehen, daß auf unserem Gebiete davon nur sehr

wenig vorhanden ist. Man kann fast sagen: mitunter zum Glück für die

Menschheit. Denn mit absoluter Konsequenz ist oft Fanatismus und mit

diesem Verfolgungssucht verbunden, die sich in der konsequentesten

Religion, der katholischen, in so entsetzlichen Taten geäußert hat,

und eine Herrschernatur wie Innozenz III., trotz so großer Leistungen,

durch die Ausmordung Tausender andersdenkender unschuldiger Menschen

fast fluchbeladen erscheinen läßt.

3. ~Hauptfragen und Stammannahmen (principia,~ ἀρχαὶ~) der Welt- und

Lebenanschauungen.~

Der Leser sieht, welch umfangreiche Arbeit hier zu bewältigen

ist, und wie alles nur in großen Zügen zur Darstellung kommen

kann. Doch habe ich die Absicht, weit über die engen Grenzen der

Spezialbetrachtungen hinauszugehen, die immer nur einzelne Klassen

der Menschheit betraf. Ich möchte vorführen, was der Mensch allgemein

an Welt- und Lebenanschauungen geschaffen hat; nicht diese oder jene

Philosophenschule, diese oder jene Religion, dieses oder jenes Volk.

Unter solchen Umständen ist eine gewisse Systematik unausweichlich,

sonst verläuft man sich in der Fülle des Gebotenen und gerät in Gefahr,

die Darlegung in Phrasen aufzulösen. Und nirgends ist diese Gefahr so

groß und sind ihr so viele Schriftsteller erlegen als gerade auf dem

Gebiete, mit dem wir uns hier beschäftigen sollen. Was Prinz Heinz

von seinem dicken Freunde bei der Musterung seiner Rechnungen gesagt

hat, und ich einmal einen berühmten Nationalökonomen auf einem Kommers

auf die Universitätsvorlesungen habe anwenden hören, soll uns zur

Warnung dienen. Gründlichkeit hier, Schmuckrede dort, zwischen diesen

Symplegaden müssen wir unser Schifflein hindurchsteuern.

Fast jede Weltanschauung geht von einer Stammannahme oder von mehreren

Stammannahmen aus. Es muß daher von großer Bedeutung für die Ordnung

des Vortrags sein, wenn vor allem diese Stammannahmen vorgeführt

werden. Vollständig dieses zu tun ist für einen beschränkte Zeit

lebenden Menschen nicht möglich, wegen der unendlichen Menge von

Büchern, die er lesen müßte. Nachdem ich mich aber durch so viele Jahre

frei und veranlaßt in so vielen Wissenschaften umgesehen habe, glaube

ich, daß in der nachfolgenden Aufzählung Wichtigeres nicht fehlen

wird. Sollte der Leser noch eine und eine andere Annahme wissen, so

füge er sie gütigst hinzu; wir sind alle gerne Kärrner der Königin

Wissenschaft. Die Annahmen gehen aber auf

den Grund des Alls und den der Einzelnen,

den Bestand des Alls,

das Wesen der Dinge,

das Wesen und den Grund der Geschehnisse,

die Entwicklung des Alls,

das Ende des Alls,

das Ende der Einzelnen.

Das sind sieben Hauptpunkte. Es ist nicht angängig, die allgemeine

Liste ganz nach diesen Hauptpunkten einzurichten; die Behandlungen

müßten vielfach durcheinander gehen und sich verschlingen, wodurch

viele unnötige und störende Wiederholungen entstehen würden.

Gleichwohl ist die nachfolgende Liste unterteilt, und zwar derartig,

daß sie in einiger Beziehung sich den Hauptpunkten anschmiegt. Wenn

manche Hauptpunkte in der Liste nicht berücksichtigt zu sein scheinen,

so ist es in der Tat nur ein „scheinen“. Durch gehörige Untersuchung

der Stammannahmen und namentlich auch durch Verbindung zweier oder

mehrerer von ihnen werden auch diese Hauptpunkte zur Erledigung

gebracht.

Die Liste enthält vier Klassen: phantomistische Annahmen,

wesenheitliche, wesenheitlich-begriffliche, begriffliche. Es kommt auf

die absolute Richtigkeit der Benennungen nicht an, diese müssen nur

durchschnittlich zutreffen und können es auch nur. Nun möge die Liste

selbst folgen.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 48 / 108 题