Es liegt schon in der Natur des Menschen, von sich selbst und von
allem, was ihn umgibt und störend oder unterstützend in sein Leben
eingreift, sich eine Ansicht zu bilden. Vielfach und bedeutungsvoll
sind die Fragen, die dabei gestellt werden, und mit deren Beantwortung
die Menschheit, seit sie ihrer sich bewußt ist und die Fähigkeiten
ihrer Seele auch geistig anzuwenden gelernt hat, sich müht und
plagt. Und diese Beantwortung bildet eine Welt- und Lebenanschauung;
vollständig, wenn sie alle Fragen betrifft, fragmentarisch, wenn
sie nur in das Einzelne dringt. Es gibt Anschauungen, die nur aus
träger Gedankenlosigkeit oder aus trotziger Verbitterung oder gar aus
pathologischer Denkweise hervorgehen. Diese lassen wir beiseite. Die
Weltanschauungen, mit denen wir es hier allein zu tun haben, können
auf naiver Naturbetrachtung und naivem Egoismus beruhen, sodann auf
Kultgebräuchen und Religionslehren, auf philosophischen Untersuchungen
und Meinungen, endlich auf naturwissenschaftlichen und soziologischen
Feststellungen. Alle diese Grundlagen mögen gesondert stehen oder
miteinander verbunden sein. Bei wenigen Menschen haben die Anschauungen
nur eine objektive, rein wissenschaftliche Bedeutung. Die meisten
wollen neben der Erkenntnis auch eine Beruhigung für das Dasein und
darüber hinaus gewinnen. Indessen bilden sich eine eigene Anschauung
nur wenige Menschen. Den anderen wird sie durch Erziehung oder
Religionsvorschriften eingeimpft. Letztere waren ja früher gerade bei
den Kulturvölkern von so zwingender Gewalt, daß eine andere Anschauung
als die, welche die Religion allein zuließ, gar nicht gehegt,
geschweige geäußert werden durfte. Viele standen und stehen freiwillig
unter dieser zwingenden Gewalt, indem die Glaubenssätze der Religion
für sie über jeden Zweifel erhaben sind. Andere beugten und beugen
sich ihr aus Weltklugheit oder weil das Beispiel des Widerstandes sie
schreckte. Auch Lehren, die gerade mit besonderer Kraft ausgesprochen
sind oder in Mode stehen, werden gerne ergriffen. Denn es handelt sich,
wenn man eine Welt- und Lebenanschauung sich bilden will, immer um eine
tiefe und schwere Gedankenarbeit, und mitunter um einen harten Kampf
mit sich selbst und mit Anderen. Und bei der Unsicherheit des Kennens
und Erkennens fällt der Mensch von Zweifeln in Zweifel und nimmt darum
gerne an, was ihm autoritativ übermittelt ist. Mitunter muß der Name
an Stelle der Sache treten. Wie wenige von einer Religionsgemeinschaft
wissen, was eigentlich die Lehren dieser Religion sind, zumal, wenn
diese Lehren von vornherein als „geoffenbart“ vorgetragen werden. Viele
wollen sie gar nicht einmal wissen; die symbolischen Formeln genügen
ihnen, das übrige soll der Seelsorger verantworten. Und was hat für
die meisten Nietzscheaner Nietzsche eigentlich gelehrt? Man darf nicht
fragen, ohne auf die hohlsten Redensarten zu stoßen, wenn man überhaupt
eine Antwort und nicht eine Widerfrage oder eine Abweisung erhält. Am
ehesten auf eine bestimmte sachliche Welt- und Lebenanschauung stößt
man bei Naturmenschen und bei unreifer Jugend, nur daß es sich dabei
teils um widersinnige, teils um töricht übereilte Äußerungen handelt.
Für die Naturvölker werden wir das später eingehend verfolgen, da
es ein anthropologisches Interesse hat. Wer die junge Kulturwelt
belauschen will, braucht nur ihre modernen Dichtungen zu lesen, die bei
schönen Worten und reizvollen Wendungen gedanklich oft recht blühenden
Unsinn enthalten und Anschauungen wiedergeben oder erraten lassen,
bei denen selbst einen mild urteilenden harte Ungeduld ergreift. Die
ernst und selbständig denken, suchen sich allmählich zu einer sie
befriedigenden Welt- und Lebenanschauung durchzuringen. Da hierzu
auch Kenntnisse gehören und namentlich auch Disziplin des Denkens,
kommen nur sehr wenige Begünstigte schon früh zu einer brauchbaren
solchen Anschauung. Viele gelangen erst in späten Jahren dazu, und
noch mehr mühen sich ihr Leben hindurch umsonst ab und müssen sich mit
einem Stück einer Anschauung oder mit mehreren Anschauungen begnügen,
zwischen denen sie nicht zu vermitteln vermögen.
Ich habe unbestimmt von einer Welt- und Lebenanschauung gesprochen.
Die Welt- und Lebenanschauung gibt es noch nicht. Selbst bei den
Kulturvölkern sind unzählige Anschauungen im Schwange, und eine
Anschauung wird von der anderen bekämpft, und von jeder Anschauung
kann man nachweisen, daß sie hier oder da unrichtig sein muß, von
keiner aber, daß sie richtig ist. Die wichtigsten Dinge, die in einer
Welt- und Lebenanschauung zur Sprache kommen, sind zeitlich, räumlich
und sinnlich unerreichbar. So ist niemand bei der Schöpfung zugegen
gewesen; der eine kann sie also ganz leugnen, der andere ebenso sicher
absolut bejahen. Daher handelt es sich hier fast ausschließlich um
Meinungen. Und diejenige Meinung wird die größte Wahrscheinlichkeit
für sich haben, welche mit den Vorgängen im All, jetzt und früher, am
besten in Einklang ist. Hier aber spielen subjektive Ansichten mit,
gerade wie in der Religion; und was dem einen erwiesen scheint, weist
der andere weit von sich. Und wie oft geradezu Widersinniges für sicher
genommen wird, werden wir an vielen Beispielen sehen. Ich habe einmal
in einer sehr wichtig und bedeutend tuenden Broschüre gelesen, unsere
Welt sei die Schlacken oder auch die Auswurfstoffe aus der vierten
Dimension. Wie töricht! wird der Leser ausrufen. Aber wir haben noch
viel seltsamere Ansichten.