1. ~Bedeutung der Welt- und Lebenanschauungen.~

Es liegt schon in der Natur des Menschen, von sich selbst und von

allem, was ihn umgibt und störend oder unterstützend in sein Leben

eingreift, sich eine Ansicht zu bilden. Vielfach und bedeutungsvoll

sind die Fragen, die dabei gestellt werden, und mit deren Beantwortung

die Menschheit, seit sie ihrer sich bewußt ist und die Fähigkeiten

ihrer Seele auch geistig anzuwenden gelernt hat, sich müht und

plagt. Und diese Beantwortung bildet eine Welt- und Lebenanschauung;

vollständig, wenn sie alle Fragen betrifft, fragmentarisch, wenn

sie nur in das Einzelne dringt. Es gibt Anschauungen, die nur aus

träger Gedankenlosigkeit oder aus trotziger Verbitterung oder gar aus

pathologischer Denkweise hervorgehen. Diese lassen wir beiseite. Die

Weltanschauungen, mit denen wir es hier allein zu tun haben, können

auf naiver Naturbetrachtung und naivem Egoismus beruhen, sodann auf

Kultgebräuchen und Religionslehren, auf philosophischen Untersuchungen

und Meinungen, endlich auf naturwissenschaftlichen und soziologischen

Feststellungen. Alle diese Grundlagen mögen gesondert stehen oder

miteinander verbunden sein. Bei wenigen Menschen haben die Anschauungen

nur eine objektive, rein wissenschaftliche Bedeutung. Die meisten

wollen neben der Erkenntnis auch eine Beruhigung für das Dasein und

darüber hinaus gewinnen. Indessen bilden sich eine eigene Anschauung

nur wenige Menschen. Den anderen wird sie durch Erziehung oder

Religionsvorschriften eingeimpft. Letztere waren ja früher gerade bei

den Kulturvölkern von so zwingender Gewalt, daß eine andere Anschauung

als die, welche die Religion allein zuließ, gar nicht gehegt,

geschweige geäußert werden durfte. Viele standen und stehen freiwillig

unter dieser zwingenden Gewalt, indem die Glaubenssätze der Religion

für sie über jeden Zweifel erhaben sind. Andere beugten und beugen

sich ihr aus Weltklugheit oder weil das Beispiel des Widerstandes sie

schreckte. Auch Lehren, die gerade mit besonderer Kraft ausgesprochen

sind oder in Mode stehen, werden gerne ergriffen. Denn es handelt sich,

wenn man eine Welt- und Lebenanschauung sich bilden will, immer um eine

tiefe und schwere Gedankenarbeit, und mitunter um einen harten Kampf

mit sich selbst und mit Anderen. Und bei der Unsicherheit des Kennens

und Erkennens fällt der Mensch von Zweifeln in Zweifel und nimmt darum

gerne an, was ihm autoritativ übermittelt ist. Mitunter muß der Name

an Stelle der Sache treten. Wie wenige von einer Religionsgemeinschaft

wissen, was eigentlich die Lehren dieser Religion sind, zumal, wenn

diese Lehren von vornherein als „geoffenbart“ vorgetragen werden. Viele

wollen sie gar nicht einmal wissen; die symbolischen Formeln genügen

ihnen, das übrige soll der Seelsorger verantworten. Und was hat für

die meisten Nietzscheaner Nietzsche eigentlich gelehrt? Man darf nicht

fragen, ohne auf die hohlsten Redensarten zu stoßen, wenn man überhaupt

eine Antwort und nicht eine Widerfrage oder eine Abweisung erhält. Am

ehesten auf eine bestimmte sachliche Welt- und Lebenanschauung stößt

man bei Naturmenschen und bei unreifer Jugend, nur daß es sich dabei

teils um widersinnige, teils um töricht übereilte Äußerungen handelt.

Für die Naturvölker werden wir das später eingehend verfolgen, da

es ein anthropologisches Interesse hat. Wer die junge Kulturwelt

belauschen will, braucht nur ihre modernen Dichtungen zu lesen, die bei

schönen Worten und reizvollen Wendungen gedanklich oft recht blühenden

Unsinn enthalten und Anschauungen wiedergeben oder erraten lassen,

bei denen selbst einen mild urteilenden harte Ungeduld ergreift. Die

ernst und selbständig denken, suchen sich allmählich zu einer sie

befriedigenden Welt- und Lebenanschauung durchzuringen. Da hierzu

auch Kenntnisse gehören und namentlich auch Disziplin des Denkens,

kommen nur sehr wenige Begünstigte schon früh zu einer brauchbaren

solchen Anschauung. Viele gelangen erst in späten Jahren dazu, und

noch mehr mühen sich ihr Leben hindurch umsonst ab und müssen sich mit

einem Stück einer Anschauung oder mit mehreren Anschauungen begnügen,

zwischen denen sie nicht zu vermitteln vermögen.

Ich habe unbestimmt von einer Welt- und Lebenanschauung gesprochen.

Die Welt- und Lebenanschauung gibt es noch nicht. Selbst bei den

Kulturvölkern sind unzählige Anschauungen im Schwange, und eine

Anschauung wird von der anderen bekämpft, und von jeder Anschauung

kann man nachweisen, daß sie hier oder da unrichtig sein muß, von

keiner aber, daß sie richtig ist. Die wichtigsten Dinge, die in einer

Welt- und Lebenanschauung zur Sprache kommen, sind zeitlich, räumlich

und sinnlich unerreichbar. So ist niemand bei der Schöpfung zugegen

gewesen; der eine kann sie also ganz leugnen, der andere ebenso sicher

absolut bejahen. Daher handelt es sich hier fast ausschließlich um

Meinungen. Und diejenige Meinung wird die größte Wahrscheinlichkeit

für sich haben, welche mit den Vorgängen im All, jetzt und früher, am

besten in Einklang ist. Hier aber spielen subjektive Ansichten mit,

gerade wie in der Religion; und was dem einen erwiesen scheint, weist

der andere weit von sich. Und wie oft geradezu Widersinniges für sicher

genommen wird, werden wir an vielen Beispielen sehen. Ich habe einmal

in einer sehr wichtig und bedeutend tuenden Broschüre gelesen, unsere

Welt sei die Schlacken oder auch die Auswurfstoffe aus der vierten

Dimension. Wie töricht! wird der Leser ausrufen. Aber wir haben noch

viel seltsamere Ansichten.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 47 / 108 题