für Sekunden! Sie haben an sich selbst erfahren, daß das Leben immer
wieder neu keimt.«
»Ja, das Leben: das heißt meine Kinder.«
Tomasow nahm wieder Platz im Schaukelstuhl. Nach einer Pause, in der er
schweigend vor sich hinrauchte, sagte er langsam: »Mir hat es doch immer
scheinen wollen, als ob in Ihnen ein starkes Bedürfnis ist nach einer
Ueberlegenheit neben Ihnen, -- nach jemand, zu dem Sie aufblicken. Sie
haben so viel vom Kinde irgendwo in sich, Marianne. -- Daher kann ich
Sie mir vielleicht so schwer an der Seite -- an ›seiner‹ Seite
vorstellen.«
Sie lehnte in ihren Stuhl tief hineingeschmiegt und starrte wie gebannt auf
den Rahmen. Auf ihren Wangen lag ein leichtes Rot.
»O über uns beiden war ja so viel -- über uns beiden!« sagte sie
mit halber Stimme. »Wozu noch eine andre Ueberlegenheit? Wir wandelten,
ineinander geschlungen, gemeinsam unter so hohen Träumen, so hohen Zielen
entgegen. Und ich meine immer: was wir da lebten, nur das ist Leben. Von
allen Seiten wölbte es sich um uns wie ein Himmel, dem gaben wir uns
anheim. Und so war uns jede Krume Erde eine Heimat.«
Tomasow dachte wieder: »Wie zwei Kinder.« Doch erwiderte er nichts.
Aber Marianne wendete ihm den Kopf zu, und plötzlich streckte sie ihm
die Hand entgegen: »Sie urteilen nach später,« bemerkte sie, »ja, da
brauchte ich allerdings jemand über mir, brauchte Rat und Hilfe und Halt.
-- Einen Halt in der vollkommnen Heimatlosigkeit, eine Orientierung in der
vollkommnen Fremde. -- -- Da brauchte ich _Sie_. Ich konnte nicht allein
sein, so ganz allein im Finstern. -- Und ich denke auch jetzt oft:
meinetwegen das Allerbitterste überwinden, wenn nur eine warme menschliche
Stimme dazu überredet, es befiehlt, anbefiehlt. -- Ich weiß nicht, ob
alle Frauenherzen so schwach sind. Ich bin es.«
Er hatte ihre Hand entgegengenommen und hielt sie, darauf niederblickend,
einen Augenblick in der seinen. Ganz leicht strich er mit den Fingern über
ihren Handrücken hin, der ein wenig rauh geworden war vom Wind und der
Kälte dieser Wochen, die Marianne unausgesetzt auf die Straße trieben.
Er wußte, daß sie einen nervösen Widerwillen gegen rauhe, gerötete
Hände oder aufgesprungene Lippen besaß. Als sie jung und glücklich war,
da mußte sie sich gewiß, selbst unter schmalen äußern Verhältnissen,
mit Entzücken gepflegt haben, wie ein schöner Mensch vor einem Fest.
Tomasow ließ Mariannens Hand sinken und stand auf.
»Was ist Ihnen denn? Sie wollen doch nicht schon gehn? Warten Sie noch ein
wenig, und am besten: bleiben Sie zum Thee,« schlug Marianne vor, »Sophie
wollte Ihnen so gern ihre Fortschritte im Geigenspiel vorführen, -- mögen
Sie? Dann machen Sie ihr die kleine Freude.«
»Ja, warum nicht?«
Tomasow war ans Fenster getreten und schaute vor sich hin.
Marianne öffnete die Thür nach dem Gang, rief dem Mädchen etwas zu und
kam dann wieder zu ihm.
»Was schauen Sie denn so unverwandt an?« fragte sie und trat dicht an ihn
heran.
Er zuckte die Achseln.
»Ich betrachte mir nur, was da in Reih und Glied zwischen den
Doppelscheiben im Fenster aufgestellt ist,« entgegnete er und deutete auf
eine Anzahl verdeckter Glasbehälter, »wie Soldaten mit Papierhelmen auf
dem Kopf. Finden Sie diese Dinger nicht häßlich?«
»Sie sind nur häßlich, bis sie blühen. Dann kommen sie ins Zimmer,
und die Papierkappen kommen fort. Und dann sind es Hyazinthen!« sagte sie
tröstend, mit einem Lächeln.
Aber Tomasow war verstimmt.
»Hyazinthen? Wozu denn? Mögen Sie etwa diesen allzusüßen Duft? Es sind
doch nicht am Ende gar Ihre Lieblingsblumen, Marianne?«
»Lieblingsblumen? -- Rosen hab ich schon lieber, -- und am liebsten,
wissen Sie was? -- am liebsten besäße ich ein ganzes Treibhaus und einen
Wintergarten dazu!« meinte sie schelmisch. »Solche Hyazinthe unter ihrer
Papierkappe ist nun eben mein Treibhaus. Man muß sie nicht allzudicht
unter die Nase halten, sondern die Gläser im Zimmer gut verteilen, dann
geht es schon. -- Frühling und Duft ist es ja doch! Und ganz ohne die
beiden mag ich so wenig sein, wie ganz ohne Musik.«
»Wegen der Hyazinthen werden ja hier die Doppelscheiben im Winter nicht
eingeklebt, wie die übrigen,« bemerkte Sophie, die hereingekommen war und
nach ihrer Geige suchte.
Tomasow zündete sich eine frische Zigarette an und setzte sich in der
Nähe des Fensters nieder. Er betrachtete Marianne.
»Wie viel Genußfreudigkeit ist doch in ihr. Selbst jetzt noch!« dachte
er. »Unausgegeben, aufgestaut! Köstlich müßte es sein, das zu lösen,
zu befreien. Selbst jetzt noch.«
Sie saß wieder auf ihrem frühern Platz, den Kopf ein wenig geneigt.
Während sie darauf wartete, daß Sophie die Kerzen am Notenpult anzünden
und beginnen sollte, schien sie vor sich hinzuträumen, -- vielleicht in
Gedanken, die das kurze Gespräch mit Tomasow über ihr Eheglück vorhin in
ihr geweckt haben mochte. So kam es ihm vor.
Etwas sehr Sanftes lag über ihren Zügen, ein Abglanz, wie aus der Jugend.
Für die Mutter der beiden großen Mädchen hätte man sie in diesem
Augenblick kaum gehalten.
Cita war leise eingetreten und stand noch an der Gangthür, um die ersten
Geigentöne nicht zu stören. Auch sie schaute zu Marianne hinüber, und
dabei kam auch ihr in den Sinn, wie schön ihre Mutter sei, -- wie so sanft
und schön sie doch jetzt eben aussehe.
Es berührte sie mit einem warmen kindlichen Stolz. Ihre dunkeln Augen
erglänzten vor Freude.
In einer Pause des Spiels trat sie von hinten an Mariannens Stuhl heran.
Und mit einer ihrer spontanen, unvermittelten Bewegungen umschlang sie die
Mutter und küßte sie in den geneigten Nacken.
Dabei kehrte sich Cita halb gegen Tomasow, dessen Blick unverwandt auf
ihrer Mutter ruhte. Cita sah unwillkürlich, mit einem hübschen Ausdruck,
zu ihm hinüber, als wollte sie, an Marianne geschmiegt, entzückt sagen:
»Wie lieb und schön sie ist, nicht wahr? Möchte man sie nicht auf dem
Fleck totküssen?!«
Da verdüsterten sich plötzlich ihre Augen.
Irgend eine unerklärliche Befangenheit überfiel sie. Sie bückte ihren
Kopf, wie abwehrend, gegen den Kopf der Mutter, und errötete langsam über
das ganze Gesicht.
Tomasow hörte inzwischen zerstreut dem Geigenspiel zu. Er liebte und
verstand Musik, musikalisch von Natur, wie fast alle Russen, aber heute war
ihm nicht nach Sophiens Musik, die noch Nachsicht verlangte.
Ja ja! Daß die Kinder da waren, das hatte Marianne so unzugänglich
erhalten und so vorzeitig ernst gemacht. Es machte sie bisweilen ergreifend
schön, dies Ernstsein tief unter aller Heiterkeit, jedoch zu ernst, --
allzu ernst für ihn --.
Tomasow begegnete bei dieser Erwägung Citas Augen, die ihn forschend
anzusehen schienen. Sie stand noch an den Stuhl der Mutter gelehnt, als
schütze sie ihn.
»Wie ein kleiner Polizist!« dachte Tomasow bei sich.
Aber zugleich gestand er sich, daß diese Kinder es allein gewesen waren,
die einst Marianne die Fähigkeit zum Leben wiedergegeben hatten.
Ursprünglich schien der gewaltsame Schmerz um den toten Gatten auch die
Mutter in ihr getötet zu haben. Als man sie nach Rußland brachte, --
mit ihren beiden allerliebsten kleinen Dingern, -- da war sie nicht
bereitwillig, weiterzuleben. Sie konnte nicht leben. Und in der
Verwandtschaft begann man, von Geistesstörung zu sprechen und von
Ueberführung in eine Heilanstalt.
Damals, während dieser ersten furchtbaren Verzweiflungszeit ihres
Schmerzes, sah Tomasow Marianne zum erstenmal.
Er selbst kam grade verstimmt aus dem Auslande. Nach Jahren anregenden
Genusses und interessanter Arbeit in Wien und Paris, erschien ihm zu Hause
alles so schal und abgestanden, so gänzlich regungslos. Und am wenigsten
spürte er Lust, sich hier wieder dauernd in seine ärztliche Praxis
einzugewöhnen.
An einem dieser Tage wurde er zu Marianne hineingeführt.
Auf dem Boden ihres Zimmers kauernd, das braune Haar dicht und wirr um ihr
armes Gesicht, -- das Gesicht eines fassungslos leidenden Kindes, -- ganz
stumm und sehr abgemagert, denn sie weigerte sich, Nahrung zu sich zu
nehmen: so sah er sie zum erstenmal.
Was ihn betroffen machte und fesselte, von allem Anfang an, das war die
Stärke dieses Temperaments, das gegen den Tod anstürmte, ihm innerlich
fortwährend seine Beute abzujagen schien. Nie, meinte Tomasow, ein
Gleiches an Seelenkampf geschaut zu haben, -- an Kampf gegen das
Unentrinnbare, -- wie er jetzt Tag um Tag vor sich sah, seitdem er begonnen
hatte, Marianne seine ärztliche Pflege zu widmen.
Ihre Verwandten bedauerten sie aufrichtig, aber ihnen war von Beginn an die
Ehe verrückt vorgekommen. Beide Gatten so blutjung, beide noch kaum reif
für den großen Jubel und den großen Ernst, den sie vom gemeinsamen Leben
erwarteten, -- und der junge Künstler noch keineswegs genügend zu Geld
oder zu Ruhm gelangt, als er um Marianne warb. Daß er auch dazu, wie zu
allem, eben ihrer Nähe bedurfte, verstanden die vernünftigen Leute
nicht. Und er durfte sie auch keines Bessern belehren, denn als es ihm eben
gelingen wollte, mußte er schon sterben.
Das jedoch war wiederum Marianne unfähig zu verstehn, -- nein, nie und
niemals vermochte sie es zu fassen, daß das Leben wider ihren liebsten
Menschen sein konnte, daß es ihn sterben lassen, -- ihn im Stich lassen
konnte.
Auf Tomasows Rat kam Marianne aufs Land. In einem Dorf bei Moskau bezog
eine alte Verwandte mit ihr ein kleines Landhaus, dicht neben einem
verwilderten Park gelegen, der zu einer ehemaligen Privatbesitzung
gehörte.
Es wurde grade Frühling, -- später nordischer Frühling. Unendliche
Ebenen im ersten Ergrünen, weite knospende Birkenwälder, ein stiller
baumumstandener See --.
Dort in der Einsamkeit, dort im Frühling, dessen sanfte Schönheit ihr
bis zu Tode wehe that, und der ihr mit seinem Zauber die Seele blutig riß,
tobte sich für Marianne das Schwerste rückhaltlos aus.
Sie gesundete vielleicht aus der nämlichen Kraft heraus, aus der sie
gelitten hatte, -- sie durchkostete ihren Schmerz viel zu stark und
inbrünstig, um sich nicht eines Tages auch selbst von ihm zu heilen.
Von der Veranda des Landhauses führte ein primitives Holzbrückchen, über
etwas morastiges Wassergerinsel geschlagen, direkt auf die grasbewachsenen
Wege des alten Parks. Unzählige Mückenschwärme durchsummten ihn im
Sommer und hielten beständig einen feinen dunkeln Ton in der Luft fest;
warm und feucht stieg von den schattigen Wiesen der Duft über üppig
verwilderten Blumen auf, und hier und da stand eine zusammengebrochene,
bemooste Steinbank an lichte Birkenstämme gebaut. Hier hinaus fuhr Tomasow
jeden Tag. Wenn er kam, pflegten ihm die beiden kleinen Mädchen schon
entgegenzulaufen, Annunciata, die Aeltere, mit muntern großen Sprüngen,
und die jüngere, Sophie, die immer zu hastig lief und oft über ihre
eignen kleinen Beine stolperte, bis sie endlich der Länge nach und mit
bitterm Geschrei bei ihrem Freunde angelangt war.
In der Stadt und in seinen eignen Angelegenheiten beschäftigten Tomasow
allerlei komplizierte Sorgen: wie er sich zur Heimat stellen, sich in
ihr einleben werde, und warum ihr noch so vieles abgehe, was in den
kulturreifern Ländern des Auslandes längst auf der Tagesordnung stand?
Aber hier in diesem sommerdunkeln Park, bei Marianne und ihren
Kindern, verblaßte ihm regelmäßig die Wichtigkeit aller Kultur- und
Geistesfragen. In den Vordergrund trat das Leben in seiner elementarsten,
seiner einfachsten Bedeutung, -- das Leben angesichts des Todes und die
Frage, ob es zu ertragen sei. Es kam ihm vor, als müsse das Leben etwas
Schönes sein, weil er Marianne leise dazu zurückkehren sah, -- ganz leise
anfangs, indem sie mit den Kindern zu spielen begann.
Noch ehe sie wieder für sie zu sorgen und zu denken wußte, spielte sie
mit ihnen, als sei sie selbst noch nicht viel mehr, als ein schwaches Kind.
Und doch hatte sie damit schon die große Frage für sich beantwortet.
Der erste Gedanke, der später ganz von ihr Besitz nahm, war ebenfalls
naheliegend und primitiv: der Drang, für das tägliche Brot zu arbeiten.
Für den Augenblick war diese Sorge ihr von andern abgenommen worden, --
und im Fall der Not versprach man, ihr auch die Kinder abzunehmen.
Sie wollte mit ihnen zusammenbleiben können, sie selbst ernähren können.
Daran erstarkte sie.
Tomasow erinnerte sich gut des entscheidenden Gespräches darüber, an
einem unerträglich heißen Sommernachmittag voll Gewitterdrohungen, auf
einer Bank im Park. Er ging auf alles ein, was Marianne wünschte, froh,
sie überhaupt schon so weit zu haben, daß ihr starke Wünsche und Sorgen
kamen. Er erbot sich auch, alle ersten notwendigen Schritte in der Sache zu
thun.
Da hob Marianne die kleine Sophie auf ihren Schoß und sich zu Cita
niederbeugend, die sich neugierig horchend an ihr Knie drückte, rief sie
leise: »Jetzt wird Ma für ihre lieben Kinder schrecklich viel zu thun
bekommen! Und je mehr sie thut, desto schöner und größer sollen sie ihr
werden, von Tag zu Tage! Ist das nicht herrlich, ihr Kinder?«
Citas kleine Ohren mochten aus den Worten nur den Klang aufgefaßt haben,
-- einen so ungewohnt freudigen Klang, daß er an etwas ganz Fernes,
Süßes, schon halb Vergessnes mahnen mußte, was einst durch alle Worte
der Mutter hindurchgejauchzt hatte, als seien es ebensoviel liebkosende
Verheißungen.
So klatschte sie stürmisch in die Hände und sprach der Mutter nach:
»Herrlich, ihr Kinder!«
Und in der schwülen Gewitterluft unter den reglosen Bäumen saß Marianne
zum erstenmal mit einem Anflug von Lächeln da, wie am Vorabend von
bessern, festlichern Tagen.
Tomasow aber dachte fast mit Abscheu an das lähmende, entnervende
Arbeitsleben, das nun vor ihr liegen sollte. Und angesichts dieses
Lächelns stiegen andre, schönere Möglichkeiten für die Zukunft vor
seinen Gedanken auf -- --.
»Unterschätzen Sie nur die Schwierigkeiten der Sache auch nicht
allzusehr!« bemerkte er nach einer Pause mit zögerndem Warnen. »Es ist
noch nicht sicher, ob Sie so brutalen Anforderungen an Ihre Spannkraft
gewachsen sind.«
Marianne hob den Kopf und sah ihm mit zversichtlichem Vertrauen ins
Gesicht. Ihre Hand lag auf Citas Haar.
»Daß ich ihnen nicht gewachsen bin, weiß ich wohl!« sagte sie ruhig.
»Aber Sie werden mir helfen, über mein bißchen Können hinauszugelangen.
-- -- Wollen Sie mir nicht dazu helfen --?«
»Ich will es gewiß, wenn Sie nicht bei näherm Zusehen selbst davor
zurückschrecken!«
In Mariannens Augen trat ein Ausdruck wie qualvolle Erinnerung an die
überstandenen Seelenkämpfe.
Sie murmelte: »Ich schreckte vor allem zurück, -- vor jeder Minute,
weil sie durchlebt sein wollte, -- und war nicht auch das eine brutale
Anforderung: -- leben zu sollen --? Ich weiß, daß es mich noch manchmal
überkommen wird, -- daß ich dann nicht will, nicht kann, -- ich werde
mich gewiß noch oft vor dem Leben fürchten --.« Sie brach ab, ein
Schauer ging über sie hin. Dann setzte sie jedoch langsam hinzu: »Deshalb
muß jemand mir helfen, der meine Furcht und meinen Widerstand bricht, um
der beiden Kleinen willen.«
-- In diesem Augenblick begriff er, wie nah er ihr in der schweren Zeit
getreten war als der Unbeteiligte, Unbeeinflußte, der sich ihr ärztlich
und menschlich mit strenger Sachlichkeit gewidmet hatte. Er begriff, wie
viel sie seiner Hilfe zuschrieb, was zu einem großen Teil die Hilfe ihrer
eignen Natur gewesen war.
Ihr sollte er helfen, fortan dem Leben gewachsen zu sein, -- dabei aber
lebte er noch sein eignes Leben in unschlüssigem Zwiespalt --.
Und dennoch: er fing an, daran zu glauben, daß es ihm ihr gegenüber
gelingen werde. Ein so starker Appell an seine eingreifende, planvolle
Kraft ging von diesen ruhig vertrauenden Augen aus, -- eine so starke
Freude an der ihm auferlegten Verantwortung weckten sie in ihm, als
spannten sich alle Fähigkeiten seiner Seele auf ein Ziel hin.
Und seltsam: gleichzeitig empfand er es noch nie so bitter wie in der
Stunde, nicht selber zwiespaltlos und einheitlich, mit voller Thatkraft, im
Boden seiner Heimat zu wurzeln. Hätte er nicht schon als Jüngling, -- in
jugendlicher Begeisterung zu allem bereit, -- immer nur an die harte, hohe
Mauer der bestehenden Zustände stoßen müssen; hätte er nicht erst im
Auslande draußen seine volle Entwicklung finden müssen; hätte er, vom
Heimweh zurückgezerrt, nicht davon absehen müssen, in seiner Heimat grade
diejenigen Einsichten und Fortschritte zur Wirksamkeit zu bringen, deren
sie ganz augenscheinlich am dringendsten bedurfte, -- -- wie ganz anders
würde sich dann für ihn als Mann, als Mensch, sein Leben zusammengefaßt
haben! Wie oft würde es einen ähnlich starken, -- und stärkern Appell an
seine Leistungskraft enthalten haben!
Aber davon sprach er nie zu jemand; in der Fremde sprach er von der Heimat
nur leise, und dann zärtlich, wie von einem leidenden Kinde, das auch nur
anzurühren man Fremden schon verwehrt; und daheim konnte er von seinen
Jahren im Auslande nicht mit dem Accent reden, den sie für ihn besaßen,
weil hier alle seine Worte unwillkürlich so ausfielen, als sei ihm bloß
egoistisches Genußleben gewesen, was ihm dort mindestens ebensosehr als
eifriges und ernstliches Arbeitsdasein vorgekommen war.
Er schwieg deshalb, mißtraute den Menschen, und sie vertrauten ihm nicht
mehr recht.
-- -- Während er im alten, dichten Park auf der Steinbank unter den Birken
saß, schaute er, in solche Gedanken versunken, auf Marianne hin.
Sie blickte gradeaus über die Wiesengründe in die Ferne, den Kopf
ein wenig vorgeneigt, die Hände leicht im Schoß gefaltet. Der lose
aufgesteckte Haarknoten ließ die sanfte Wölbung der Nackenlinie
wundervoll frei.
Kein einziger Zug bewußter Selbständigkeit in der gesammelten Haltung,
und doch etwas wie Getrostes --
Es erfüllte ihn mit Erstaunen!
Was ihm auch geschähe: zu allerletzt würde er doch im stande sein, zu
einem zweiten Menschen so vertrauensvoll aufzublicken, daß er dessen
seelischer Hilfe sich gläubig anheimgab!
Und bei ihr war das im Wiedererwachen zum Leben das erste, -- das
Unwillkürliche --.
Das allererste, was sie wiederfand, war eine ruhige, vertrauende
Gebärde. -- -- --
[Illustration]
=II.=
Draußen herrschte das lustigste Schneetreiben von der Welt.
Den Kutschern und vielleicht auch ihren Gäulen lachte das Herz im Leibe
drüber, wie leicht heute die Schlitten über den weißblendenden Boden
dahinflogen, der seit etlichen Tagen einer erneuten Schneelage entbehrt
hatte, sodaß hier und da bereits das holperige Steinpflaster der
unebenen Moskauer Straßen durch den zerstampften und vergrauten Schnee
durchzuscheinen begann.
Auch Marianne freute sich, schnell vom Fleck zu kommen. Seit dem frühen
Morgen war sie schon so viel herumgetrieben worden, in verschiedene
Privatstunden und eine Schule.
Noch ein paar Tage lang! Dann gab es Ferien. Schlossen auch die Anstalten
erst kurz vor Weihnachtsabend, so hörte doch der Unterricht in den
Häusern meistens schon früher auf.
Marianne kam von weit außerhalb gefahren, wo sich an den Grenzen der
Stadt ein großes Mädchenstift befand, nicht allzufern von dem berühmten
Jungfernkloster, dessen phantastische Türme herüberwinkten. Auf dem
Rückwege von dort ließ sie ihren Schlitten in einer unbelebten, fast
ländlichen Vorstadtgegend vor einem einstöckigen, rot angestrichenen
Holzhause halten.
Sie stieg aus, bezahlte und ging über den weiten, hellen Hof, den ein
einfacher Lattenzaun umschloß, auf eine Wohnung im Erdgeschoß eines
Hauses zu, an der sie mit beinah ungeduldiger Freude läutete.
Dies Erdgeschoß war himbeerfarben. Mit rührendem Vertrauen in die
Schönheit des Farbigen überhaupt, war hier ein bunter Ton neben den
andern gesetzt. Aber das gedämpfte Winterlicht ward zum Künstler an all
dem Grellen: es stufte es wunderseltsam ab, bis es aussah, als stünden die
bunten Farben da, wie Blumen in einem Strauß.
Hier pflegte Marianne jeden Sonnabend vorzusprechen, wenn sie der Weg
vom Stift vorüberführte, mochte die Zeit auch noch so knapp sein.
Denn jedesmal bedeutete das für sie inmitten der Arbeitswoche eine
sonntägliche Stunde.
Eine ihrer ehemaligen Lieblingsschülerinnen, seit Jahresfrist verheiratet,
wohnte hier; eine, die ihr innig zugethan blieb, auch nachdem sie,
längst der Schule entwachsen, mit Energie und verblüffender Leichtigkeit
Mathematik studiert und es darin zu etwas gebracht hatte.
Die junge Frau öffnete selbst die Thür und bewillkommnete ihren
Besuch mit drei schallenden Küssen, einen auf den Mund und je einen auf
Mariannens schneenasse Wangen. Dann nahm sie ihr den weiß überschneiten
Pelz von den Schultern und schüttelte ihn aus, wobei sie aber sorglich
jedes Geräusch vermied.
»Dadrinnen steckt Taraß tief bis über die Ohren in einer Arbeit über
das Vogelgetier,« flüsterte sie in ihrem weichen Russisch, das an sich
schon zärtlich klang, und wies auf das Hauptzimmer der kleinen Wohnung.
Erst jetzt bemerkte Marianne die breite buntgestreifte Küchenschürze an
ihr, und daß sie die Aermel hochgezogen hatte. Eine Messerbank, nach der
sie griff, mußte sie eben erst hastig aus der Hand gestellt haben.
Im Hintergrunde des engen dämmerigen Vorflurs stand die Thür zur Küche
noch offen; man sah die Holzscheite im Herdfeuer rot glimmen.
»Ja, unser Mädchen ist nämlich schon wieder krank. Sie ist wirklich
ewig krank, diese Aermste,« sagte die junge Frau und zog Marianne in die
Wohnstube.
Die Wohnstube war ziemlich groß, niedrig und so dicht über dem Hof, daß
der gegenüberliegende Schneehaufen sie schon verfinstern konnte. Auf dem
Hof flogen weiße und graue wohlgemästete Tauben umher, flatterten auf
den Fenstersims und schlugen mit ihren Flügeln an die Scheiben, an denen
drinnen blühende Azaleen standen.
Ein Teil des Zimmers wurde durch zwei mitten hineingebaute mannshohe
Scheinwände isoliert, hier befand sich der Schlafraum. Die
zurückgeschobene Portière ließ das Ehebett unter einem Baldachin von
geblümtem Stoff sehen, sowie die Ecke mit den Heiligenbildern. Ein paar
davon besaßen schwere Silberverkleidung; unter ihnen hingen gestickte
Handtücher und lagen auf einem Wandbort geweihte Brötchen.
Im Wohnraum am Fenster stand breit und bequem ein Tisch, worauf sich in
friedlichem Nebeneinander Schreibereien und Hausarbeiten, nicht grade
zierlich geordnet, befanden. Auf einem Seitentisch zeigte der nie fehlende
blitzende Samowar, daß hier auch gespeist wurde.
Marianne hatte es sich wunderschön behaglich gemacht in einem
Großvaterstuhl, der dicht bei einem wärmeausstrahlenden Kachelofen von
anerkennenswerten Dimensionen stand. Neben dem Ofen hing am Bande eine
altertümliche kleinrussische Guitarre, eine Gusli. Fröstelnd vergrub
Marianne ihre durchkälteten Füße im Bärenfell, das sich vor dem Stuhl
ausbreitete.
»Das ist unser Diwan, dort sitzen wir immer beide drin,« sagte die junge
Frau.
»Ist es jetzt nicht sehr schlimm für euch mit dem kranken Mädchen,
Tamara?« fragte Marianne bedauernd. »Da werdet ihr kündigen müssen.
Wie treibt ihr es nur überhaupt --? Du alle Morgen in deinem statistischen
Bureau, dein Mann über seiner ornithologischen Gelehrsamkeit? Was fangt
ihr denn jetzt an?«
Tamara lachte leise auf, ihr ganzes freundliches Gesicht lachte mit.
»Wir treibens, wie es eben geht; -- es wird ja auch wieder besser. Alles
wechselt unter dem Mond. Kündigen wollen wir nicht; darauf vertraut die
Arme so fest.«
»Russische Sorglosigkeit!« dachte Marianne bei sich. Aber sie mochte
nichts Tadelndes äußern, sie wiegte sich darin wie in etwas Wohlthuendem.
Vielleicht wäre es anderswo tadelnswerter gewesen, doch ihr schien immer:
wo man unter russischen Menschen war, wo diese Sprache klang, da wurde
das Leben in der That in allen Dingen gleichsam simpler und weiter, --
vertrauender. Obschon sie selber kein russischer Mensch war, so zählte sie
doch nicht zufällig unter diesen ihre besten Freunde.
»Aber überanstrengt es dich auch nicht, Tamara?« meinte sie besorgt.
»Noch kann es ja eine ganze Weile dauern, ehe dein Mann die verdiente
Berufung bekommt, und ehe du also dem statistischen Bureau ein Schnippchen
schlagen kannst.«
Tamara schüttelte belustigt den Kopf, von dem zwei starke Zöpfe
unaufgesteckt niederhingen.