Ma
Ein Porträt
Von
Lou Andreas-Salomé
[Illustration]
Stuttgart 1901
J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
G. m. b. H.
Alle Rechte vorbehalten
Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart
=I.=
Die Iberische Mutter Gottes fuhr spazieren.
Aus der Tiefe ihres kerzenerhellten blaugoldschimmernden Tempelchens vor
dem Eingang zum Schönen Platz am Kreml war sie von ehrfürchtigen Händen
in den Wagen gehoben worden.
Da saß sie nun im prächtigen Vierspänner, ihrer ständigen Equipage,
breit auf dem Vordersitz, ihr gegenüber zwei Priester in reichen
scharlachroten Gewändern, Kreuz und Weihrauchgefäß vor sich hinhaltend.
Irgend eine der kleinern Glocken im Kreml bimmelte und bimmelte. Hin
und wieder nur unterbrach ein vereinzelter tiefer Glockenton, lang
nachdröhnend und wie verträumt, dies helle Geläute. Hoch über den
verschneiten Straßen klang es unermüdlich, mit dringlicher Monotonie, in
den Winterwind hinein.
Die Menge umringte den Wagen so nahe, als sie es vermochte, junge Gesichter
und alte, bärtige bückten sich in gleich demutvollem Eifer, um einen Kuß
auf das wunderthätige Bild zu erhaschen oder wenigstens auf den Rahmen
daneben.
Ein paar elegante Offiziere, die über den Woßkreßenskiplatz herkamen,
machten mitten auf dem Fahrdamm Halt, beugten das Knie in den Schnee und
bekreuzigten sich feierlich mit bis zur Strenge ernsten Mienen.
Täglich fuhr die Iberische Mutter aus, um allen Besuchsanforderungen zu
genügen, dennoch mußte oft ihre Gegenwart in einem Haus wochenlang vorher
erfleht werden, damit sie noch Zeit dafür fand.
Langsam lenkte der imposante Kutscher, trotz der empfindlichen Kälte
entblößten Hauptes, seine vier Rappen aus dem Menschenhaufen heraus.
Viele blieben noch stehn, um ihm nachzuschauen. Auf den Stufen zum
Tempelchen lagerten Pilger, Bastschuhe an den tücherumwickelten Füßen,
den Stab in der Hand. Mit ihren Anliegen wandten sie sich jetzt an die
Kopie des Bildes, die stellvertretend im Heiligtum hing, und steckten
betend brennende Wachskerzen davor auf.
So mehrte sich drinnen immer noch Licht um Licht zu erhöhtem Glanze, --
von außen anzusehen wie eine mächtige gelbflimmernde Sonne, die mitten
im nüchternen Alltag des Straßenlebens gleich einem leuchtenden Geheimnis
dastand und winkte und winkte --.
Die Mutter Gottes im Vierspänner hatte mit nicht gar vielen Equipagen
zu konkurrieren. Wer sie fahren sah, konnte sie gut für die große Dame
Moskaus halten und für den Inbegriff des heiligen Mütterchens Moskau
selbst.
Was da auf dem hartgefrorenen Schnee an Fuhrwerken vorüberglitt, waren
fast nur kleine, niedrige Schlittchen, wie sie für wenige Kopeken sogar
dem Volk zugänglich sind. Weiber mit Sack und Pack befanden sich häufig
drin, Bauern in hoch um die Ohren geschlagenen Schafpelzen. Seltener
schon flog eine Troika des Weges dahin, und, zugleich mit dem lustigen
schellenläutenden Dreigespann, vielleicht irgend ein Lied, angestimmt von
den Insassen, -- ein Lied, wie es in den Theebuden zur Harfe gesungen wird
oder in Sommernächten vor der Thür der Dorfhütten.
Das zitterte dann mit dem nachschwingenden Glockenton wundersam in eins
zusammen, -- selbst dann wundersam in eins, wenns zufällig ein Tanzlied
war. Auch dann mußte es der Iberischen Mutter heimisch entgegenklingen.
Und auch unter den Fußgängern begegneten ihr vorherrschend ihre
ureigensten Kinder, Kinder des Volks. Nicht das Proletariat großer
Städte, wie es gern die entlegeneren Gassen füllt, sondern Volk, --
das Volk zu Hause auf seinen breiten Straßen und Plätzen. In der ihm
zugehörigen Tracht schritt es einher, nicht in abgelegten Almosenkleidern
Reicherer oder deren Nachahmung, und diese Tracht überwog so sehr, daß
sich die Andersgekleideten, die Allerweltstypen, fast darunter verloren.
Das alte Moskau, -- zumal in der winterlichen Frühdämmerung einer solchen
Nachmittagsstunde, -- nahm sich beinahe aus, als sei es im Grunde
seines Herzens ein Riesendorf, zutraulich herumgebaut um die allwaltende
Herrlichkeit und Heiligkeit der Kremlhöhe.
Rot und grün und blau an Dächern oder Mauerwerk, in Farben, wie sie
Kinder am liebsten auf ihren Bilderbogen anbringen, schauten die Häuser
zum großen Kreml empor. Und in Rot und Grün und Blau antwortete er ihnen
von der Höhe seiner Kuppeln und Paläste, väterlich ihnen angepaßt, mit
ihnen verschmelzend, und malte noch bunte Sternchen oder Streifen mitten
hinein in sein Gold.
Mit dem Golde aber übertrumpfte er sie, überstrahlte er sie, mit dem
Golde übertönte er alles wie mit einem lauten Lobgesang, sodaß sie
gleich darauf doch wieder ganz klein unter ihm dalagen und ganz verstummt
trotz ihrer beredten Farben. Und ein andres Gold war es zu jeglicher
Stunde, zu jeder jedoch ein königliches, vom ersten Tagesgrauen an, das
über Moskau aufging, bis tief in die tiefste Nacht, denn keine gab es,
tief genug, um das Gold ganz auszulöschen.
Immer war es da, ob breit entfaltet in seinem selbstverständlichen Glanze
oder geheinmisvoll gesammelt wie eine Leuchte von innen her, die sich
nur verstohlen verrät. Immer war es da, allen gegenwärtig, von den
äußersten Kreuzspitzen der Kathedralen an bis hinein in das verborgenste
Dunkel der Kirchenräume und selbst bis hinab in den geschlossnen Wagen,
worin die Iberierin durch die Straßen fuhr, feierlich umblitzt von
Goldfunken und dem vielfarbigen Schimmer ihres köstlichen Geschmeides. --
Sie machte nur eine kurze Fahrt, schon in einer Seitenstraße der Twerskaja
schien ihr Ziel erreicht. Unter einem erneuten Auflauf von Menschen, die
leise beteten, sich bekreuzigten und einen Kuß anzubringen suchten, wurde
sie hinausgehoben, um den inbrünstig Harrenden entgegengetragen zu werden,
denen ihr Besuch galt, und deren Thränen sie trocknen, deren Qual sie
bannen, oder deren Jubel über eine Glücksfügung sie Weihe und Segen
erteilen sollte.
Am Fenster eines hölzernen Miethauses schräg gegenüber standen zwei
junge Mädchen und sahen, aneinander gelehnt, der Scene auf der Straße zu.
»Ach Rußland -- Rußland! Mir ist doch wieder, als ob ich nach Asien
zurückgekehrt wäre,« sagte die Aeltere kopfschüttelnd, »traurig ist
es! Ich wundre mich, daß du nur dazu lachst, Sophie.«
Sophie kehrte sich vom Fenster ab, weil es nichts mehr zu sehen gab. Sie
entgegnete mit einem sanften, begütigenden Stimmchen: »Es ist nicht so
schlimm. Vielleicht noch ein bißchen Mittelalter, aber es kann auch etwas
ganz Feierliches bekommen, mitunter. Dann lache ich auch nicht. -- Man muß
nur nicht grade als Studentin frisch aus dem Auslande angereist sein!«
»Wir haben keinerlei Grund, uns für dies Mittelalter zu begeistern,
Sophie. Sind wir etwa Russen? Und selbst wenn wirs wären --«
Sophie war nach dem andern Fenster gegangen, wo neben einer Gruppe
wohlgepflegter hoher Blattpflanzen ein Schaukelstuhl stand.
»Sind wir auch nicht gradezu Russen, so sind wir doch hier zu Hause,«
meinte sie zögernd. »Und eigentlich möchte ich manchmal, wir wärens
noch mehr! Wären zum Beispiel in einem stockrussischen Gymnasium erzogen
worden, -- wenigstens ich, Schwesterchen.«
»-- Warum --?!«
Sophie blieb die Antwort auf diese erstaunte Frage schuldig.
Ihre zartgliedrige Gestalt dehnte sich lang aus im Schaukelstuhl, und
sie legte den blonden Kopf mit seinen zwei schimmernden Flechten, die ihn
kranzförmig umwanden, so weit zurück an die Stuhllehne, daß ihr Blick
zur Zimmerdecke emporsah, anstatt auf die Schwester.
Erst nach einer kleinen Pause bemerkte sie ablenkend: »Uebrigens: diese
niedrigen Decken abgerechnet, -- findest du nicht auch, Cita, daß unsre
jetzige Wohnung ganz ungeheuer behaglich ist? Ich freute mich so, als wir
wegen Mas vieler Lehrstunden in dies gute Viertel ziehen mußten.«
Cita hatte sich auf den Fenstersims gehockt und strich sich in einer ihr
eigentümlichen hastigen Bewegung mit der Hand durch ihr kurzverschnittenes
welliges ganz dunkelblondes Haar.
»Gewiß, -- sehr behaglich habt ihr es,« gab sie zerstreut zu, »aber es
sollte wohl selbst der vertracktesten Wohnung schwer fallen, unbehaglich zu
wirken, wenn unsre Mama sie bewohnt und einrichtet. -- Aber daß sie dies
Viertel gewählt hat, ist auch abgesehen von den Lehrstunden gut. Die
meisten ihr bekannten Häuser liegen nicht weit von hier. Ich meine: das
ist gut -- besonders für später.«
»Wie denn: für später?«
Cita hob ihren hübschen Bubenkopf und blickte auf die Schwester.
»Verstehst du mich nicht? -- -- Für später, wenn sie hier allein ist,
weil auch du irgendwo im Auslande studierst, -- Medizin --«
Sophie lachte hell auf, wie über einen Scherz. »Was dir nicht alles
einfällt! Daran denkt doch niemand im Traum!« bemerkte sie und wippte
leise mit dem Schaukelstuhle.
Cita zog unwillig die dunkeln feinen Augenbrauen zusammen. »Ach Sophie,
laß doch die Flausen, hinter denen du dich versteckst. Gewiß denkt jemand
daran, im Traum und im Wachen: nämlich du selbst. Und aus diesem einzigen
Grunde bedauertest du offenbar plötzlich, nicht ein stockrussisches
Gymnasium hinter dir zu haben. Du erwägst in deiner Ratlosigkeit: könnt
ich wenigstens hier --, wenn nicht schon im Auslande --«
»Ja, -- Ma verlassen --: das thu ich eben nicht!« fiel Sophie erregt ein.
Cita entgegnete sehr ruhig: »Zeit wärs, zu wissen, was du selbst willst.
Du bist neunzehn, hast seit Ostern dein Diplom. In dem Alter war ich schon
fort. Und in anderthalb Jahren werd ich promoviert haben, -- wenn nicht
eher.«
»Mein Gott, damit brauchst du nicht zu protzen!« sagte Sophie
empfindlich, »-- so, wie Ma dir alle Wege geebnet hat. Sogar noch
ehe Vaters Lieblingsschwester starb und jeder von uns das kleine Legat
vermachte --«
»Ich protze nicht. Ma war reizend, in jeder Beziehung. Es spornt mich nur
an, um so energischer ans Ziel zu gelangen.«
»Nun -- und was weiter? Ich glaube durchaus nicht, daß weibliche Juristen
heutzutage die geringsten Aussichten haben,« erklärte Sophie im Ton einer
gezwungenen Bewunderungslosigkeit und wippte heftiger.
»Vielleicht heute noch nicht. Aber morgen. Uebermorgen meinetwegen. Wir
Frauen arbeiten eben an einem Stück Zukunft. -- -- Und inzwischen, da
will ich mir schon durchhelfen. Du mußt nicht glauben, daß ich nicht mehr
vermag, als juristisch fachzusimpeln.«
»Ach nein, hoffentlich nicht. Denn _das_ würde unsrer Ma auch ganz
schrecklich sein.«
Sie schwiegen beide.
Cita trat vom Fenster fort und fing an, langsam auf und ab zu gehn, wobei
sie die Arme auf dem Rücken verschränkte und den Kopf ein wenig gesenkt
hielt, wie ein grübelnder Feldherr.
Vor dem Schreibtisch ihrer Mutter, der, quergestellt, ein Drittel des
Zimmers durchschnitt, blieb sie einige Augenblicke stehn.
Er war mit Büchern und Schulheften bedeckt; aus der Mitte all dieser
Tagesarbeit erhob sich ein italienischer Olivenholzrahmen mit durchbrochen
gearbeiteten verschließbaren Thüren. Dahinter verbarg sich des jung
verstorbenen Gatten Bild.
An der einen Wand dahinter hingen mehrere Radierungen von seiner Hand,
in schlichte dunkle Holzstreifen eingefaßt: sie stammten aus den
Jahren seiner kurzen Ehe, aus der Zeit vollen Glückes und voller
Künstlerhoffnungen, -- unten in Italien verlebt.
An der andern Wand hinter dem Schreibtisch eine ganze Gruppe
Familienporträts, darunter sehr alte, die mit sichtlicher Pietät hier
zusammengestellt waren. Zwei davon blasse Pastellbildchen: der Großvater
mütterlicherseits, Martin, mit mächtiger schwarzer Halsbinde und nach
vorn gebürstetem grauem Haar, ein kluger, fast bedeutender Kopf. Daneben
die reizende alte Großmutter, von der Cita und Sophie ein gut Teil Anmut
als Erbe erhalten hatten.
»Für Ma wär es auch tausendmal besser gewesen, nicht hier stecken zu
bleiben,« entfuhr es Cita.
Sie stand und betrachtete die Bilder. »Mit ihrer Begabung, ihren Talenten
hätte sie etwas werden müssen. Aber freilich, hier in Rußland, wo sie
einfach den reichen Kaufleuten die Rangen unterrichten muß --«
Sophie hatte die Augen geschlossen.
»Arme liebe Ma!« sagte sie leise, »du lieber Gott, die konnte eben nicht
Juristerei studieren. Dabei wären wir zwei armen kleinen Würmer geschwind
genug verhungert. -- -- Und hier in Rußland gab es doch wenigstens
Lebensmöglichkeiten, und die guten Anknüpfungen von unserm
Großvater-Gymnasialdirektor her, und schließlich doch auch Tante
Ottilie -- --. Aber schwer und schrecklich muß es gewesen sein --«
Sophie unterbrach sich, dann fügte sie in gequältem Ton hinzu: »Du und
ich, wir sind undankbare Scheusale! Wir, mit unserm dummen Ehrgeiz -- --«
Cita ging schon wieder mit verschränkten Armen auf und ab. Es entfuhr ihr
ungeduldig: »Deine Logik ist einfach schauderhaft. Grade das Gegenteil
muß daraus gefolgert werden: in uns beiden lebt ja doch Ma weiter, in
uns muß sie also etwas über sich selbst hinaus erreichen. Das ist doch
wahrhaftig die einzige rationelle Art von Kindesliebe.«
»Ach, ich weiß nicht, ob das Kindesliebe ist. -- -- Und ob Kindesliebe
rationell zu sein hat,« murmelte Sophie.
Cita bemerkte seufzend: »Du redest wirklich oft wie ein ganz
unentwickelter Mensch. Wenn ich nur nicht so gut wüßte, woher das kommt:
es ist ganz einfach Bangigkeit, du wehrst dich gegen deine eigne bessere
Erkenntnis. Die reinste Feigheit.«
»Das verbitt ich mir denn doch!« rief Sophie aufgebracht.
Der Schaukelstuhl flog. Sie fing an zu husten.
Die Schwester lenkte ein. »Verzeih. Beleidigen wollt ich dich nicht.
Du hast recht: das darf man nicht. Fest zusammenstehn müssen wir Frauen
vielmehr. Uns gegenseitig unsre besten Freunde sein. Ich schelte dich als
dein Freund, Schwesterchen, -- zu deinem Besten. Bin voll Sehnsucht und
Ehrgeiz für dich, -- -- möchte dir helfen, -- und nicht nur mit Worten.
Nein, nein, bauen sollst du auf mich dürfen von Grund aus.«
Sophie schwieg. Sie hatte die Augen voll Thränen, und aus Furcht, in der
Stimme Thränen zu verraten, blieb sie wieder die Antwort schuldig.
Cita drängte auch nicht in sie. Sie trat langsam an das breite
Büchergestell aus kunstvoll zurecht getischlertem, braun angestrichenem
Birkenholz, das in Mannshöhe die ganze Hinterwand einnahm, und zog irgend
ein Buch heraus.
Schon war es längst nicht mehr hell genug im Zimmer, um zu lesen, doch
nahm sie Band um Band und blätterte zerstreut darin.
Hier fand sich allerlei noch von Großvaters, des Schulmanns, Zeiten her
zusammen. Und manches wohl auch, was der Mutter nur ihr Beruf als
Lehrerin praktisch aufgenötigt hatte. Aber der Mehrzahl nach standen die
Bücherreihen gedrängt voll von den höchsten Schätzen, die Menschengeist
gehoben hatte. Und all das war, Band für Band mühselig angeschafft, --
Band für Band benutzt, abgegriffen, genossen --.
Das Mädchen kam herein und brachte die Lampe.
Sie war eine noch sehr junge und ein wenig blöd dreinschauende Person, die
unschlüssig stehn blieb und Sophie fragend anblickte.
Diese erhob sich schweigend aus ihrem bequemen Stuhl und ging mit ihr
hinaus. Das späte Mittagessen konnte man Stanjka nicht allein anrichten
lassen. Denn so oft man das, nach allen guten Belehrungen, probeweise
gethan hatte, wurde Stanjka düster und fing an zu weinen. Sie setzte sich
dann auf die kleine Bank am Herd und klagte und betete unter Thränen zur
Mutter Gottes, die sie laut als Zeugin dafür anrief, daß es ihr sicher
nicht gegeben sei, ein Mittagessen wohlbekömmlich herzustellen.
Das kleine Heiligenbild, braun und unkenntlich hinter seiner blanken
Zinnbekleidung, hing vorschriftsmäßig in der Küchenecke, sah immer zu
und mußte es folglich genau wissen.
Daß es zufällig gar keine Muttergottes war, vielmehr ein heiliger
Nikolaus, das hatte sich Stanjka nicht klar gemacht, jedenfalls focht es
sie nicht weiter an. Wenn sie nicht grade »höhere« Arbeit verrichten
sollte, sondern sich im Gröbern tummeln durfte, blieb sie strahlender
Laune und bewältigte alles mit Herzenslust.
Während Sophie noch mit ihr in der Küche herumwirtschaftete, schellte es
laut und dringlich.
Cita war schon gegangen, um die Wohnungsthür zu öffnen. Ihre Mutter stand
davor, noch etwas atemlos vom raschen Gange.
»Da hab ich richtig vergessen meinen Schlüssel mitzunehmen, -- mußte
schellen,« sagte sie und trat hastig ein, »-- ein Wind draußen, Kind, --
Sophie ist doch nicht etwa unnütz an die Luft gegangen?«
»Aber nein, Ma. Wie müde mußt du heute sein, du Arme.«
Cita nahm ihr sorglich den leichten Grauwerkpelz ab und küßte sie.
»Ich danke dir, Kind. Gewiß habt ihr schon einen Wolfshunger, was?
Ich lief, was ich konnte,« bemerkte die Mutter, indem sie sich die
Fellüberschuhe von den Füßen streifte.
»So! Und nun bin ich wieder Mensch! Feierabend läutets, und die Arbeit
ist gethan,« sagte sie froh, »-- und für heute ganz gethan: am
Abend brauche ich nicht mehr fortzugehn. Wir wollens aber auch herzhaft
genießen, ihr Kinder.«
Wer ihre Stimme so aus dem noch unerleuchteten Vorflur vernahm, konnte
dahinter leicht ein junges Geschöpf vermuten. Alle Ueberanstrengung, aller
Mißbrauch dieser Stimme hatten nicht vermocht, ihr den eigentümlichen
Schmelz zu nehmen. Den Gesichtszügen selbst sah man die vierzig Jahre eher
an. Sogar schon einzelne graue Haare mischten sich an den Schläfen in das
volle weiche Braun, das Cita in lichterer Schattierung besaß, und das sich
auch bei der Mutter hier und da übermütig zu locken versuchte, soweit der
schlichte Knoten tief im Nacken das zuließ.
Die Mutter erreichte ihre Aelteste nicht ganz an Größe, und ihre
geschmeidige Gestalt hatte ehemals entschiedene Neigung zur Fülle gezeigt;
jetzt jedoch vereitelte das anstrengende Tagewerk gründlich jeden
Ansatz dazu. So blieb sie schlank, nahezu mager, und konnte dadurch auf
Augenblicke fast mädchenhaft wirken.
Als die Mutter in ihrem Schlafgemach verschwunden war, um sich ein wenig
menschlich herzurichten, wie sie es nannte, machte sich Cita dran, in der
kleinen schmalen Eßstube neben dem Wohnzimmer den Tisch zu decken. Doch
war sie noch voll Nachdenklichkeit, und es ging ihr langsam von der Hand.
Dies schmale Eßstübchen, nicht ohne Grund »der Spalt« geheißen, war
bei der Wohnungseinrichtung an Möbeln zu kurz gekommen. Die Mutter
hatte ein paar Bauerntruhen hineingestellt und rund um den Tisch einfache
Sitzschemel von gleich ländlicher Abstammung. Dann erhandelte sie jedoch
auf dem großen Trödelmarkt, den das Moskauer Volk in der Sonntagsfrühe
abhält, noch hier und da ein Stück volkstümlichen Kunstgewerbes, wodurch
der arme Spalt einen gewissen Glanz erhielt, -- so durch ein Wandbort
aus dunkelm in Spitzenmuster geschnitztem Holz mit grellen Malereien auf
Goldgrund, und durch einen originellen Stuhl, dessen ganzes Hintergestell
aus einem rotlackierten Krummholz hergestellt war, wie es die Pferde im
russischen Gespann tragen.
Am einzigen Fenster, an dem der rote Stuhl stand und repräsentierte,
hingen buntbestickte kleinrussische Tücher als Vorhänge nieder, und auch
das grobleinene Tischtuch wies eine solche bunte Bauernstickerei an der
Kante auf.
Als die Mutter wieder eintrat, trug sie statt des dunkeln knappen
Straßenkleides einen bequemen Hausanzug von tiefrotem Flanell. Sie kam an
den Tisch zur Tochter, und, ohne daß diese es bemerkte, schob sie jedes
Gerät auf dem Tisch ein wenig anders und gefälliger zurecht.
Als sie aber dann einen Teller mit allerlei Obst hernahm, den Cita in die
Mitte gestellt hatte, und sorgfältig begann, die Orangen und die blassen,
länglichen Krimäpfel von ihren dünnen Papierhülsen zu befreien und
sie in einer Krystallschale zu ordnen, da meinte die Tochter mit einem
Lächeln: »So viel Mühe um das bißchen Aeußerlichkeit, Ma, müde, wie
du doch bist. Schmecken nun etwa die Früchte besser?«
Die Mutter nickte, indem sie das Lächeln erwiderte. Ueber die Schale
geneigt, sog sie den kühlen Duft des Obstes in sich ein.
»Auf alle Fälle schmecken sie besser,« sagte sie, »und außerdem machen
sie, daß man auf Augenblicke das ganze Leben besser genießt, während man
sie verspeist. Man genießt sie ja nicht nur um des lieben Futters willen
als bloße Magenfreude, nicht wahr?«
Als Cita nichts antwortete, richtete sie sich auf und faßte ihre Aelteste
zärtlich um die Schulter.
»Aber du sollst dich hier keineswegs mit Hausarbeit plagen, mein lieber
kleiner Professor du. Hast nun einmal eine Sybaritin zur Mutter. Bist aber
rechtschaffen zerarbeitet angekommen und sollst nichts thun, als es dir
wohl sein lassen, -- faulenzen. Wenigstens einstweilen, -- bis über
Weihnachten hinaus.«
Und mit einem unterdrückten Seufzer fügte sie leiser hinzu: »Schnell
genug verlier ich dich ja wieder.«
Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, wie um den störenden Gedanken
zu verscheuchen. Als nun Sophie, etwas erhitzt und eilig, von Stanjka
gefolgt, hereinkam, nickte sie der jüngern Tochter schon wieder wohlgemut
zu.
»Also zu Tisch, Kinder! Wir wollen es uns schmecken lassen,« sagte sie
und hob den Deckel von der dampfenden Terrine mit roter Beetensuppe, in der
Saucischen und Schinkenschnitten schwammen.
Sophie küßte die Mutter, ehe sie sich ihr gegenüber setzte.
»Ich bin nicht in den Mädchenkursen gewesen, weil du es des Wetters wegen
nicht wolltest. Dafür hab ich ziemlich lange Geige geübt, und später
habe ich über den Büchern gesessen, die Doktor Tomasow neulich brachte,«
berichtete sie über ihren Tag, »er hat gewiß noch herrliche Dinge in
seiner Bibliothek, aber er sagt, ich möchte mich erst an diese Werke
halten.«
»Thu blind, was er sagt,« bemerkte die Mutter, »aber warum ißt du
mir so wenig, Kind? Nimmst du nicht von der sauren Sahne zur Suppe? Ich
fürchte, das Herumstehn in der heißen Küche ist nichts für dich; -- es
raubt dir den Appetit.«
»O nein! Ich esse schon noch.«
Cita hatte auf den Lippen, zu äußern: »Die berühmte Haushaltungsarbeit
ist eben lange nicht so gesund, wie ausposaunt wird.«
Aber sie schwieg noch immer. Es war so entsetzlich schwer, in Mas
Gegenwart ein spöttisch gefärbtes Wort mit dem nötigen Selbstbewußtsein
herauszubringen.
Wie ein Unrecht wurde es gleich, denn die Mutter hätte den Spott darin
nicht bemerkt. Für Spott fehlte ihr das aufnehmende Organ. Sie wäre ihm
gleichsam mit offnen Armen entgegen gegangen und hätte erwidert: »Meinst
du wirklich, Kind?« und dann hätte sie versucht, mit vereinten Kräften,
mit Citas eigner Hilfe, ausfindig zu machen, was zu thun sei, -- -- und ob
nicht lieber Ma selber beim Heimkehren von den vielen Stunden jedesmal erst
noch kochen solle --.
Die Mutter unterbrach ihren Gedankengang. Als das Fischgericht auf den
Tisch kam und sie davon austeilte, sagte sie: »Allernächstens, wenn ich
nach Hause komme, sorge ich für einen großen Weihnachtsbaum. Es ist Zeit,
sich nach einem umzusehen. In den letzten paar Tagen vor dem Festabend
steigen sie im Preise. -- Diesmal müssen wir das Allerschönste haben, was
es überhaupt gibt.«
Beide Mädchen sahen einander unwillkürlich, wie auf Verabredung, an.
»Einen Baum --?« fragte Sophie und stocherte im Fisch auf ihrem Teller.
»Ja, sicherlich. Etwa nicht? Warum denn nicht, ihr Kinder?«
»Wir haben doch voriges Jahr auch keinen gehabt.«
»Nein. Das lag jedoch an Zufällen. Wir konnten nicht gut anders, als
bei Tante Ottilie sein. Und dann waren wir ja auch so traurig getrennt und
verwaist, ohne unsre Cita.«
Cita warf einen dankbaren Blick auf die Mutter.
»Natürlich können wir gern einen Baum haben, -- warum denn nicht,
Sophie?« bemerkte sie; »wenn Ma es doch gern sieht, wollen wir jedenfalls
einen haben, -- den allerschönsten. -- Aber -- -- was werden wir mit dem
Baum nur anfangen, Ma? Eigentlich gehören Kinder mit dazu.«
Die Mutter lächelte fein.
»Laß uns einen Abend lang Kinder sein, Liebste. Da wir zusammen sind,
haben wir reichen Grund dazu, -- haben wir reich beschert bekommen.«
Cita schwieg. Sophie sagte für sie: »Ich weiß schon, wie es Cita meint.
Alle Welt will ja gern sich wie ein Kind fühlen. So ganz unbefangen
fröhlich sein. Aber, wenn man es absichtlich versucht, so gelingt es nie
recht. Man _ist_ eben doch kein Kind. Man kann nicht ungezwungen so thun,
-- es wird so gezwungen --«
»Das ist auch ganz natürlich,« fiel Cita, mit Fischessen beschäftigt,
ein, »denn man kann doch eben nicht ganz den schweren, den wirklichen
Ernst des Lebens vergessen. Man drängt ihn nur für einen Abend lang in
den Hintergrund. Ja, _das_ kann man, künstlich. Aber dahinter, -- da steht
er doch immer da --.« Sie war voll Eifer, mehr darüber zu sagen, indessen
eine Gräte kam ihr dazwischen.
Beinah entschlüpfte es der Mutter: »-- Huh --! ihr Kinder! Macht ihr euch
denn wirklich schon das Leben zum ›bösen Mann‹ im Hintergrunde von
allem? Ist euch denn wirklich stets so schaudererregend ernsthaft zu
Mute --?«
Aber sie sprach das nicht aus. Sie fürchtete, die Mädchen könnten
argwöhnen, sie habe dabei insgeheim auf dem Grunde der Seele ein Lächeln
über sie beide.
Und sie fürchtete auch, die Mädchen könnten sie für entsetzlich
oberflächlich halten. Das letztere war sogar das Wahrscheinlichere --.
Sie sah ihre beiden Ernsthaften mit einem tiefen Blick voll Güte an.
»Aber nun wollen wir dennoch, während wir vor unsern Tellern sitzen, uns
bemühen, so zu thun, als ob das Leben ganz annehmbar wäre, -- was meint
ihr? Aus hygienischen Rücksichten!« schlug sie munter vor, und das
Lächeln vom verborgenen Seelengrunde kam ganz leise herauf und spielte
verhalten um ihren Mund.
Das Fischgericht war hinausgetragen worden, und sie saßen beim Obst, als
ein unerwarteter Besuch hereinkam.
»Ach, Ottilie, du! Wie lieb von dir. Du bekommst auch gleich dein
Schälchen Kaffee, -- starken,« sagte die Mutter.
»Nur auf einen Sprung! Ich war grade in eurer Nähe,« entgegnete ihre
Schwester und begrüßte sie, »-- weißt du, man trifft dich ja eigentlich
nie, sonst käm ich nicht so selten.«
Ein ganzer Strom von Winterluft wehte mit ihr ins Zimmer. Hut und
Handschuhe hatte sie garnicht abgelegt.
Sophie schob den Stuhl aus der Fensterecke, der als Lehne das Joch besaß,
an den Tisch heran, denn auf den kurzbeinigen Schemeln saß ihre Tante
höchst ungern.
»Danke,« bemerkte diese und nickte ihr zu, während sie Platz nahm,
»-- es ist wirklich euer einziger Stuhl, -- wenigstens hat er einen
Rücken, wenn man sich auch halb wie ein Pferd dabei vorkommt. -- Nun, das
macht nichts. Traulich ist es doch bei euch, wie jedesmal.«
Sie sagte es mit einer Art von liebevollem Neid. Traulich war es wirklich,
und eine solche heitre Wärme, von irgend woher, über allem --.
Saß doch Marianne, in ihrem tiefroten Hausanzug, der sie nirgends beengte,
und doch seltsam schmückte, da wie ein Bild der Ruhe und des Genusses. Die
feierte in Wahrheit Feierabend. Sie saß da und atmete mit jedem Atemzuge
Ruhe und Genuß aus, wie den Duft unsichtbarer Blumen.
»Gott, ja, du hast es gut! Wenn ich jetzt nach Hause komme, muß ich den
Andrjuscha erst noch zu Bett bringen. Wobei er neuerdings schreit.«
»Besorgt denn nicht das alles eure Kindsfrau, Tante Ottilie?« fragte Cita
und schälte der Tante eine Orange.
»Ich verlasse mich nicht gern auf sie, -- ich muß immer alles selbst
thun. Aber übrigens wär es zu undankbar, wenn ich klagen wollte. Nein,
das sind ja so süße Pflichten. Man reibt sich gern für sie auf. Man ist
für sie auf der Welt.«
»Du bist auch eine der gewissenhaftesten Mütter, die es gibt,«
bestätigte die Mutter. »Und solche haben stets zu thun, selbst bei
ausgiebigster Hilfe, -- können eigentlich nie sagen: nun ruh ich mich
aus.«
»Ja, siehst du: so, ganz so ist es, das behaupte ich immer!« rief ihre
Schwester, ordentlich lebhaft, und lockerte ihre Hutbänder.
Bis unter den Hut lag ihr dunkelblondes Haar glatt von der Stirn
zurückgestrichen, volles weiches Haar wie Mariannens, jedoch stärker
ergraut als bei dieser, obwohl Ottilie um ein Jahr jünger war.
Marianne löschte zerstreut die kleine Spiritusflamme unter dem
Kaffeekocher aus und füllte die flachen Täßchen. Ihre Gedanken
schweiften unwillkürlich weit zurück in eine Zeit, wo auch sie noch ihre
Kleinen zu Bett zu bringen, zu baden, zu füttern, zu besorgen hatte --.
Solch kleiner Nachwuchs, wie ihn Ottilie zu eigen besaß, das war doch
etwas Köstliches. Köstlich das Heranwachsen, aber köstlich auch die
Kleinen -- --.
»Mein Mann reist nächstens nach Petersburg,« sagte die Schwester,
»-- natürlich kein Gedanke, daß ich ihn begleiten kann. Nun, damit find
ich mich schon ab. Bis meine Inotschka ganz erwachsen ist, ist es für mich
überhaupt nichts mit geselligen Freuden. Aber ihr wünschte ich wohl, daß
sie nicht nur Moskauer Kaufmannskreise kennen lernt.«
Sophie rief: »Ach, inwiefern soll es dort besser sein? Ich habe
Moskau gern. In Petersburg ist man weder im Auslande, noch in Rußland.
Schrecklich lange Straßen, und was für ein Nebel --!«
»Tante Ottilie hat ganz recht,« bemerkte Cita, »dort ist man wenigstens
in Europa! Man weiß wenigstens ungefähr, welches Jahrhundert man
eigentlich schreibt, während hier --«
Tante Ottilie nickte.
»Ja, man merkt es an allem: nicht nur, wenn man geistige Bedürfnisse hat,
sondern auch wenn man einen modernen Kleiderstoff kauft,« bestätigte sie,
»dort ist alles: die Newa, der Hof, alles Offizielle und überhaupt alles,
was gilt. Wir sind hier wie zurückgeblieben. Die Russen haben überhaupt
was Zurückgebliebenes.«
»Gar nicht alle. Etwa Tomasow?« meinte Sophie.
Cita mußte lachen.
»Nein, der ist aber auch wirklich der einzige!« gab sie zu. »Wirklich
der einzige, auf den ich mich freute. Ein Glück, daß der unser liebster,
nächster Freund ist.«
»Nun, nun! Von Haus aus doch einfach euer Arzt,« dämpfte die Tante, aber
Sophie unterbrach sie lebhaft: »Ach, da bist du aber schief gewickelt!
Wenn wir gesund sind, brauchen wir ihn noch viel mehr, nicht wahr, Ma?«
Die Mutter blickte auf.
»Sprecht ihr von Tomasow? Ja, lieber Himmel, was sollten wir ohne ihn wohl
anstellen?«
Ihre Schwester warf ihr einen zurückhaltenden Blick zu.
»Aber, liebste Marianne! Das heißt doch wohl ein wenig übertreiben.«
Ma sagte sanft: »Nein, es ist kaum übertrieben. Das kann nur ich allein
beurteilen. Es ist ja so alte, uralt gefestete Freundschaft. Sie stammt aus
der allerersten Zeit meines Zurückkehrens hierher. Die Kinder waren damals
sechs und sieben Jahr alt. Zähl selbst.«
»Ach ja, Marianne, das weiß ich. Aber das Wichtigste ist ja doch gewesen,
daß er dir als Arzt aushalf. Daß er dir half, dein Leben genau zu regeln.
Damals, als du dich gleich so schrecklich überanstrengtest. Und wenn er
dir dann vielleicht auch noch manche gute Beziehungen verschafft hat --«
Ma machte eine leise abwehrende Handbewegung.
»Laß das,« bat sie, »was du da nennst, ist das ganz Aeußerliche. Und
über das andre kann ich nicht sprechen. Nicht, ohne es zu profanieren.«
Tante Ottilie hatte ihr allerverschlossenstes Gesicht.
»Wirklich, Marianne, ich begreife manchmal gar nicht, wie du nur sprichst!
Du, die so ungeheuer selbständig ihr Leben in die Hand genommen hat, --
die sich mit solcher Energie und aus eigner Kraft behauptet hat, -- wie
sprichst du mitunter nur? Ganz wie irgend eine kleine unselbständige Frau,
die andern alles verdankt, und der andre zu allem verhalfen. Nun, weißt
du, _wenn_ das so ist --«
»-- Es ist so,« sagte Ma lächelnd.
»Ja, dann muß ich dir sagen: dann braucht sich auch unsereins neben dir
gar nicht so gering vorzukommen, denn schließlich: unser Stück Arbeit
thun wir auch im Leben.«
»Ja gewiß, du Liebe!« meinte Marianne, und sie lachte.
»Aber wir schwärmen nun einmal für Doktor Tomasow,« erklärte Sophie,
im Drang, ihre Tante zu bekehren, »er ist ganz außerordentlich gescheit,
mußt du wissen.«
»Ja, das ist er,« bestätigte Cita nachdrücklich.
»Das ist noch eine recht zweifelhafte Tugend,« meinte die Tante etwas
kühl, »aber für euch Kindsköpfe, die ihr es in dem Punkt noch seid,
braucht ja wohl ein Mensch nur gelehrt oder gescheit zu sein, damit ihr ihn
in einer Weise anbetet -- --!« Sie hob die Augen ironisch zur Zimmerdecke.
Cita stand brüsk auf.
»Du kannst mir einfach leid thun, Tante Ottilie!« äußerte sie mit
einem vielsagenden Achselzucken, das nicht eben artig ausfiel. Und sich
demonstrativ abwendend, horchte sie hinaus, wo es grade geschellt hatte.
Ihre Tante war dunkelrot geworden, doch hielt sie an sich, nur ihre Augen
zeigten einen erhöhten, stählernen Glanz.
Sie sah über Cita hinweg auffordernd auf deren Mutter.
»-- Ja, -- ich weiß wirklich nicht, Marianne, -- gestatten deine
Erziehungsgrundsätze diesen Ton --?« bemerkte sie fragend, und ihre
Haltung wurde gemessner.
Aber in diesem Augenblick hatte auch Marianne nach dem Vorflur
hingelauscht.
Man hörte, daß die Wohnungsthür wieder geschlossen wurde, eine halblaute
Frage, ein Räuspern --
»Das ist Doktor Tomasow!« rief Sophie.
Sie lief hinaus.
Tante Ottilie hatte sich bereits von ihrem Pferdejochstuhl erhoben.
»Aber liebe Ottilie! Du wirst doch nicht deshalb fortgehn --?«
»Gewiß nicht, meine gute Marianne; du vergißt nur, daß ich bloß auf
einen Sprung kam und eilig bin, -- auf ein andermal also,« sagte die
Schwester etwas gezwungen und verabschiedete sich kaum merklich von Cita.
»Nun, wie du willst. Komm, laß uns durchs Wohnzimmer hinausgehn, --
sieh, da könnten wir so gut plaudern, denn die Kinder, die schleppen jetzt
unsern Doktor in den ›Spalt‹ hinein; ich wette, sie gießen ihm noch
den kalten Kaffeerest ein.«
Den Arm um Ottiliens Schulter, ging Marianne langsam durch das Wohnzimmer,
das nur durch eine Lampe mit dunkelgrüner Glaskuppel vom Schreibtisch her
erhellt war. Die Thür zum »Spalt« hatte sie zugedrückt.
»-- Nun --? Stört dich der Doktor hier nicht mehr?«
»Ach, an den dachte ich eben wahrhaftig nicht! Was mich drückt und
erstaunt, ist etwas ganz andres --;« Ottilie blieb mitten im Zimmer stehn,
und die Schwester groß anblickend, fügte sie mit betonter Langsamkeit
hinzu: »Du läßt dir deine Töchter über den Kopf wachsen, meine arme
Marianne.«
Marianne lachte leise und schelmisch, sie ergriff die Schwester am Arm und
schüttelte sie in heiterm Zorn: »O du Böse, -- du Böse! Kannst du denn
nicht dem Mädel ein unachtsames Wort vergessen? Gewiß, sie hätt es nicht
so sagen sollen. Aber treffen und verwunden kann unsereinen doch nicht
dieser kleine schwache Pfeil --? Ein Pfeil aus solchen jugendlich heftigen,
jugendlich übereifrigen Händen?«
»Du hättest es aber rügen müssen. Darum allein handelt es sich nur.«
»Rügen -- sofort? Vor dir? Meine einundzwanzigjährige Tochter um einer
Bagatelle willen vor euch demütigen? Nein, wie magst du das nur sagen,
Ottilie! Du mußt auch nicht vergessen, daß Cita längst --«
»Längst im Auslande studiert! Ja ja, das weiß ich! Das ist grade das
Unglück. Und ist sie erst ›Doktor‹, -- mein Himmel, dann darf sie wohl
vollends thun, was ihr beliebt,« fiel ihr Ottilie nervös ins Wort.
Marianne schüttelte verneinend den Kopf.
»Ich meinte jetzt eben nicht grade: weil sie im Auslande studiert. Ich
meinte nur: weil sie in so vielen Beziehungen schon fest und tüchtig
dasteht und jedes Vertrauens würdig, wie ein reifer Mensch,« sagte sie
warm und mit ruhigem Stolz.
Ihre Schwester seufzte. Sie band die Hutbänder zu und wandte sich zum
Gehn.
»Fruchtlos, mit dir zu streiten, Marianne. Wir einigen uns doch nicht.
Ich sehe den Fehler zu deutlich: du gehst immer zu weit in allem, -- das
thatest du immer. Alles packst du mit solch innrer Leidenschaft an, gibst
dich so ganz dran! Es war auch mit deiner Ehe nicht anders, glaub ich, --«
»Da glaubst du recht!« antwortete Marianne sehr leise, und in ihre Augen
trat ein dunkles Leuchten.
»Und die Folge?! Nun, ich will nicht drüber sprechen. Aber daß du so
ganz zerbrochen am Boden lagst, -- diese gräßliche Zeit. Man kann das
doch nicht einfach Witwentrauer nennen --. Und jetzt mit deinen Töchtern.
Sie gehn dir buchstäblich über alles. Sind dir dein ganzes Mark und
Blut.«
»Ja, Ottilie. So ist es. Soll es denn nicht so sein?«
Ottilie hatte schon den Griff der Thür nach dem Vorflur gefaßt. Sie ließ
ihn noch einmal los, wandte sich der Schwester voll zu und sagte halblaut:
»Nein! Nein, -- siehst du, das ist es eben: es soll nicht so sein.
Man muß die Dinge nicht so bis auf den Grund auskosten. Man muß sich
zurückhalten, sonst ist man verloren. Sonst verliert man jeden Halt.«
»O du! Das wäre eine traurige Lehre! Man lebt ja nicht, es sei denn, um
sich hinzugeben. Man lebt ja nur soviel, als man liebt.«
Marianne sagte es inbrünstig.
Hinter der Thür zum Spalt hörte man Scherzen und Lachen. Ein
Durcheinanderreden von Russisch und Deutsch.
Ottilie entgegnete mit gesenkter Stimme und einem Anflug von Bitterkeit:
»Das ist kein Ding wert. -- -- Und wer sich dermaßen ausgibt, verflacht
mit der Zeit. Was behält er dann noch Unangetastetes, Eignes? -- -- Aber
geh jetzt, bitte, zu den andern hinein. Sie warten drinnen auf dich.«
»Sie warten nicht. Ich gebe dir deinen Pelz um,« bemerkte Marianne und
geleitete die Schwester hinaus. In ihren Gedanken weilte sie jedoch noch
beim Gespräch. Sie hätte rufen mögen: »Ein Ding ists wert: die
Kinder! Warum sie nur erziehen? Warum nicht von Grund aus sich freuen und
jubilieren über sie? Frage deine Tochter! -- sie hätt es bei mir seliger
als bei dir --.«
»Grüße mir Inotschka!« sagte sie nur.
»Die wird nur rot, wenn ich ihr das bestelle. Ueber alles wird sie rot.
Es ist wirklich schon fast ihre einzige Sprache, -- und dabei kann sie drei
Sprachen so gut. -- -- Willst du nicht vielleicht morgen abend den Thee
bei uns nehmen, wenn du vom Unterricht kommst? Du hast es schon lange nicht
gethan. Wir sehen uns wahrhaftig fast nur, weil du Montag Nachmittags mit
Nikolai lernst.«
»Ja, ich will kommen,« meinte Marianne. »Am Sonntag kann ich ja
ausschlafen.«
Sie küßten sich, und Ottilie ging.
Nachdenklich blieb Marianne im Vorflur stehn. Sie blickte zu Boden, als
suche sie etwas. Sie suchte, sich in ihrem Innern auf etwas zu besinnen.
Wie sagte doch Ottilie? »Sonst verflacht man mit der Zeit.« Es gab Leute,
die hielten Ottilie für »tief«. Das war es also. Sie gab sich nicht aus,
lebte einfach mit Dreivierteln ihrer selbst, -- vielleicht nicht einmal
damit --.
Aber war es denn immer so gewesen? Nein, sicher nicht. Einst, als Kinder,
hatten sie einander viel stärker geglichen als jetzt, hatten gemeinsam und
gleich empfunden. Erst viel später mußte die Schwester ihr Temperament
außer Gebrauch gesetzt haben, -- es beiseite gelassen, -- es
»reserviert« haben --, wofür? Und wie, in aller Welt, machte man
das? -- --
Marianne war ins Wohnzimmer zurückgegangen und setzte sich vor das
geöffnete Pianino, worauf Sophiens Geige lag.
Zerstreut, ganz leise schlug sie ein paar Töne an.
Sie dachte an Inotschka. Ach, der würde sie sich auch gern hingegeben
haben. Die würde sie gern zu ihren Schülerinnen gezählt haben.
Aber sie fühlte selbst, daß es nicht anging. Auch wider Wissen und
Wollen hätte sie jeden Augenblick ihren Einfluß dem der Eltern
entgegengerichtet.
Inotschka, halberwachsen, noch mager, mit ihren allzu ernsthaften Augen und
einem so weichen Munde, einem so kußbedürftigen weichen Munde, blieb
vor ihrer Phantasie stehn, während sie die leisen, dunkeln Töne
anschlug -- --.
Darüber merkte sie gar nicht, daß sich die Thür zum Spalt öffnete.
Beide Mädchen und Doktor Tomasow drängten sich geräuschlos in den Rahmen
der Thür.
Und da weckte ein fröhliches Gelächter Marianne aus ihrem Sinnen. Sie
schaute sich um. Alle drei standen sie da und lachten sie aus.
Sie lachte ohne weiteres mit.
»Kommt nur herein. Tante Ottilie ist fort,« sagte sie.
Vor Tomasow sprach sie stets deutsch, wie mit den Kindern untereinander.
»Ja freilich! Die ist lange fort. Aber was verstecktest du dich denn vor
uns, Ma? Dürfen wir deine geheimen Gedanken gar nicht wissen, aus denen
wir dich herausgelacht haben?« fragte Sophie neckend.
»Jawohl. Ich dachte darüber nach, warum ich euch gutwillig mir dermaßen
über den Kopf wachsen lasse, ihr Kinder,« entgegnete Marianne, und sie
reichte dem Freunde die Hand zum Willkommen.
Sophie schlug entrüstet die Hände über dem Kopf zusammen, Cita aber
erkundigte sich interessiert: »-- Nun, -- und das Ergebnis war, Ma --?«
»Es war: Wachset nur, -- wachset!« sagte Marianne lachenden Mundes, und
ihre Augen strahlten gütig.
Doktor Tomasow blickte unter halb gesenkten Lidern nach ihr hin. Sein
bartloses Gesicht, das so offen jede Falte und Furche in den Zügen des
hohen Vierzigers zur Schau trug, war in Bezug auf seine stummen Gedanken
nicht plauderhaft. Hager, mit slavisch kurzer Nase und energischen
Kinnlinien, -- dem Grundriß nach ein russisches Barbarengesicht, war
es vom Leben verarbeitet, vergeistigt, aber im Ausdruck wie verschlossen
worden. Kurz, dicht und früh ergraut, wellte sich das Haar über der
freien Stirn fast ganz grade empor.
Die beiden jungen Mädchen mußten ihn gut kennen. Als er sich nicht in ihr
Scherzgespräch mit der Mutter mischte, blickten sie einander flüchtig
an und zogen sich dann einmütig in ihr Zimmer zurück, -- in Sophiens
eigenstes Reich, das, über den Gang hinaus, nach dem Hofe zu lag, und wo
jetzt Cita wohlgelittener Gast war.
Die Mutter sah ihnen nach, wie sie, nach einigen heiter gewechselten
Worten, fortgingen: Cita mit ihrem festen, gleichmäßigen Schritt voran,
und hinter ihr Sophie, die sich noch einmal mit einer graziösen Wendung
umsah und lächelte.
Als sich die Thür hinter ihnen schloß, hob Marianne ihre Augen zu Doktor
Tomasow.
»Nicht wahr, die Sophie ist schmal in den Schultern? Sie hustet.«
Er antwortete ruhig: »Das thun wir hier alle mehr oder minder zu dieser
Jahreszeit. Sie sind mit dem Kinde etwas zu ängstlich, Marianne.«
»Ja, sie erinnert mich so an -- --, auch er war zart.«
Und da sie einen zaudernden Ausdruck in Tomasows Gesicht wahrzunehmen
wähnte, trat sie ganz dicht auf ihn zu.
»Tomasow! Wenn -- nein, wenn --, Sie dürfen mir nie etwas verschweigen,
nie --.«
Und sie erblaßte plötzlich.
»Aber! Aber!« sagte er mit seiner überredenden eindringlichen Stimme und
nahm ihre Hände, wie die eines Kindes, in die seinen. »Verbieten Sie
ganz harmlosen Dingen, mit Ihnen gleich so durchzugehn, wie wildgewordene
Pferde. -- -- Ganz kalte Hände haben Sie auf einmal bekommen. Kälteres
Blut wäre besser. -- -- Also: Sophie ist absolut gesund. Ich bürge Ihnen
dafür. Die Aehnlichkeit, die Sie da eben andeuteten, beschränkt sich auf
die zarte Hautpigmentierung, die mit so blondem Typus zusammengeht, --
sie garantiert Sophie auf lange hinaus einen blendenden Teint, bei etwas
Pflege. Nun, hübsch genug ist sie schon jetzt, dächt ich. Ein liebes,
gutes, schönes Kind haben Sie an ihr, Marianne.«
Sie hörte ihm aufmerksam zu, unendlichen Glauben in den Augen.
Seine Gestalt, obwohl in den breiten Schultern unmerklich geneigt,
überragte sie um ein gutes Stück. Sie erschien nicht mehr mittelgroß,
sondern fast klein, und wenn sie beim Sprechen die Augen so zu ihm
heben mußte, konnte man den Altersunterschied zwischen ihnen für
beträchtlicher nehmen, als er in Wirklichkeit war.
»Aber gut ist es für Sophie, daß sie bei mir ist, und ich für sie
sorgen kann, bis in jede Geringfügigkeit, -- das finden Sie auch? Cita ist
ja so vortrefflich aufgehoben in der Familie, bei der sie in Berlin wohnt,
-- ich korrespondiere ja auch mit den Leuten, -- und doch, -- für Sophie
wäre das nichts --.«
Sie sah ihn dabei fragend an.
Tomasow zuckte die Achseln.
»Natürlich würde sie es nirgends in der Welt auch nur annähernd so gut
haben, wie bei ihrer Mutter. Indessen, das ist doch selbstverständlich.
Warum fragen Sie erst danach?«
»Ich weiß es nicht,« murmelte Marianne; »ich weiß nicht, warum sie
mein Angstkind ist. In meiner Liebe zu ihr ist so viel Angst --. Darum muß
ich manchmal von Ihnen hören, daß sie Ihnen keine Sorge macht.«
»Nein. Die machen höchstens Sie mir von Zeit zu Zeit, kleine Ma,« sagte
er mit leisem, fast nachsichtigem Lächeln und gab ihre Hand frei.
Er nannte sie gar zu gern mit diesem Namensstummel, der daraus entstanden
war, daß sich die Kinder in der Kindheit bisweilen herausgenommen hatten,
die Mutter wie einen guten Kameraden »Marianne« zu titulieren, was
Tomasow schon damals äußerst bezeichnend fand. Hin und wieder ließ
jedoch das Erstaunen andrer sie mitten in diesem Unternehmen stecken
bleiben. Zuletzt blieb von Mariannens Namen nur das übrig, was ein guter
Wille auch als Anlauf zu dem Wort »Mama« nehmen konnte.
»Und die Einzigkeit der Silbe paßt zu ihr,« dachte Tomasow bei sich,
»-- dieser einzige Ton als Name, -- es ist, wie wenn man etwas nur eben
intonierte, was man nicht ganz nennen will, noch auch äußern kann. Weit,
weit hinter dem einzelnen Ton ruht und klingt das Ganze --.«
Marianne war zum Schreibtisch getreten und schraubte die Lampe höher.
»Stehn Sie mir da noch immer im Rücken? Das ist ja unheimlich,« sagte
sie, den Kopf nach Tomasow zurückwendend, und dann ließ sie sich müde
vor dem Schreibtisch in dem alten Luthersessel nieder, der noch von ihrem
Vater, dem Schuldirektor, stammte.
Tomasow zog sich den langen Schaukelstuhl neben der Blattpflanzengruppe ein
wenig näher zu ihr heran.
Er nahm von den Zigaretten, die Marianne ihm anbot, und zündete sich
schweigend eine an.
»Ich glaube, speziell dafür bin ich am Ende auch das letzte Mal vom
Auslande wieder heimgekehrt, ein so schauderhafter Kosmopolit ich auch
schon zu werden drohte,« bemerkte er dann.
»Wofür? Für die Plauderecke?«
»Es ist nicht einmal eine Plauderecke, streng genommen, denn wir sind
oft ziemlich wenig redselig, besonders wenn Sie abends müde sind oder gar
anfangen, Notizen in Ihre schrecklichen blauen Schulhefte zu machen.«
Marianne lehnte sich zurück und kehrte ihm das Gesicht zu. Sie sagte
lächelnd: »Nun, dann sitzen Sie eben und freuen sich drüber, wie
unendlich brav und artig ich bin. Denn das muß ja doch eine Freude für
Sie sein! Wer hat mich denn gelehrt, diese Schulheftexistenz auszuhalten.«
»Ich etwa?!« Tomasow machte eine ungläubige Miene. »Ich habe Ihnen
wohl im Gegenteil alle Schwierigkeiten und Schrecknisse einer solchen
klarzumachen gesucht, als Sie sich in den greulichen Kampf stürzten.«
»Ja. Und mich dadurch für ihn gewappnet, -- mich dadurch gelehrt, nicht
gleich beim ersten Ermatten zu erliegen. Ich wußte so bestimmt: Sie stehn
da und helfen mir immer wieder auf, -- ach, das war ein gutes Gefühl,
glauben Sie mir.«
Tomasow rauchte schweigend.
Ganz so war es wohl nicht. Er hatte in Wirklichkeit ihren Kräften nicht
den Existenzkampf zugetraut, den sie so löwenmutig für sich und ihre
Kleinen vollbracht hatte. Nein, ursprünglich hatte er ganz und gar nicht
annehmen können, daß sie einem derartigen Leben gewachsen sei.
Er half ihr damals mit seinem Rat und Beistand gleichsam nur so vorläufig.
Er half ihr, um ihr nah bleiben zu können.
Jedoch dann -- später -- wenn sie doch am Ende ihrer Kräfte sein würde,
die sie bis zum Zersprengtwerden anspannte, -- ja, damals dachte er sich
dann ein ganz andres Ende. Ein völlig andres --.
Fast ohne daß er es wußte, fixierte Tomasows Blick bei dieser Erinnerung
den geschlossnen Olivenholzrahmen, der in der Mitte des Schreibtisches
stand.
Marianne war der Richtung seines Blickes gefolgt.
»Darf ich?« fragte er.
Sie streckte, ohne zu antworten, die Hand aus, nahm den Rahmen vom Tisch
und reichte das ihm wohlbekannte Bild herüber.
Er schaute aufmerksam auf das junge beseelte Gesicht im Rahmen, -- ein
bartloses Jünglingsgesicht. Eine Aehnlichkeit mit Sophie war in der That
unverkennbar, nur nicht in der Kühnheit der Stirn und des Kinnes.
Aber etwas so Zartes lag über dem Ganzen --.
Tomasow bückte sich tiefer über das Bild und bemerkte: »Wenn ich mir
vorstelle, wie Sie damals ausgesehen haben müssen, -- und wie dieses hier
aussieht, -- so kommt mir leicht das Gefühl: sieh da, zwei Kinder, die man
schützen möchte.«
Sie lächelte unmerklich.
»Wir brauchten keinen Schutz. Gegen nichts. Wir hatten ja einander.«
»Zugegeben. Aber wer von Ihnen schützte wen?«
»Jeder den andern. -- Ach, es ist nur eins nicht zu fassen: daß der eine
zurückbleibt, wenn der andre geht. Wie mag denn das nur möglich sein?
-- -- Arme Menschen, daß es so ist.«
Er erhob sich, um das Bild auf den Schreibtisch zurückzustellen.