Ariel.

Ich klammre mich an deine Gedanken an; was ist dein Wille?

Prospero.

Geist, wir müssen uns rüsten den Caliban zu empfangen.

Ariel.

Ja, mein Gebieter. Ich dachte, wie ich Ceres vorstellte, dir davon

gesagt zu haben; aber ich brach ab, aus Besorgniß dich verdrießlich

zu machen.

Prospero.

Sag es noch einmal, wo verliessest du diese Schurken?

Ariel.

Ich sagte euch, mein Herr, daß sie dik besoffen waren, und so voll

Dapferkeit, daß sie die Luft schlugen, weil sie sich unterstuhnd

ihnen ins Gesicht zu wehen, und den Boden stampften, weil er ihre

Füsse küßte, ohne inzwischen ihr Vorhaben aus der Acht zu lassen.

Ich schlug hierauf meine Trummel; dieses Getöse machte sie

aufmerksam; sie spizten wie unberittne Füllen ihre Ohren, zogen die

Auglieder in die Höhe, und strekten ihre Nasen vor sich hin, wie

sie Musik rochen; kurz, ich bezauberte ihre Ohren dergestalt, daß

sie wie Kälber meinem Brüllen folgten, durch stachlichte Genister,

Disteln, und Dornen, die in ihren dünnen Schienbeinen steken

blieben; endlich ließ ich sie in dem kothigen mit Unrath

bemantelten Sumpf, hinter eurer Celle, wo sie bis ans Knie

hineinsanken, daß der faule Morast ihre Füsse überstunk.

Prospero.

Das war wol gethan, mein Vogel; behalt immer deine unsichtbare

Gestalt. Geh, bringe mir die abgetragnen Kleider in meinem Hause

hieher, wir müssen diese Diebe in Versuchung sezen.*

{ed.-* Dieser Umstand bezieht sich auf den gemeinen Aberglauben

des Pöbels in unsers Autors Zeiten, als ob Zauberer, Hexen und

dergl. nicht eher eine Gewalt über diejenige, so sie bezaubern

wollen, haben, bis sie den Vortheil über sie erhalten, sie bey

irgend einer Sünde zu ertappen, als wie hier über Dieberey.

Warbürton.}

Ariel.

Ich geh, ich geh.

(Geht ab.)

Prospero (vor sich.)

Ein Teufel ist dieser Caliban, ein gebohrner Teufel, an dessen

Natur keine Erziehung haftet; an dem alle meine Mühe, Mühe wie man

an einen Menschen wendet, verlohren, gänzlich verlohren ist; und

wie mit dem Alter sein Leib in eine viehischere Ungestaltheit

auswächßt, so wird auch sein Gemüth ungeheurer; ich will sie alle

plagen, bis zum Heulen.

(Ariel kömmt mit allerley schimmerndem Geräthe beladen.)

Komm, hänge sie an dieses Seil.

Fünfte Scene.

(Caliban, Stephano und Trinculo treten alle wohl angefeuchtet und

von Morast triefend auf; Prospero und Ariel bleiben unsichtbar

zurük.)

Caliban.

Ich bitte euch, tretet leise, damit der blinde Maulwurf keinen Fuß

fallen hört. Wir sind nimmer weit von seiner Celle.

Stephano.

Ungeheuer, euer Kobolt, von dem ihr sagt, er sey ein freundlicher

Kobolt, der niemand ein Leid thut, hat nichts viel bessers gethan,

als den Narren mit uns gespielt.

Trinculo.

Ungeheuer, ich rieche lauter Pferd-Pisse, und ich kan dir's sagen,

es will meiner Nase gar nicht schmeken.

Stephano.

So geht's der meinigen auch; hört ihr's, Ungeheuer! Wenn ich einen

Unwillen wider euch fassen sollte--Sehet zu--

Trinculo.

Du wärst ein verlohrnes Ungeheuer.

Caliban.

Mein lieber gnädiger Herr, laß mich immer in deiner Gunst stehen;

gedulde, der Vortheil, zu dem ich dich führe, wird diesem Unfall

die Augen ausstechen; redet nur leise, es ist izt alles so still

als Mitternacht.

Trinculo.

Schon gut, aber unsre Flasche im Morast zu verliehren--

Stephano.

Es ist nicht nur Unannehmlichkeit und Schmach in diesem Abentheuer,

sondern ein unendlicher Verlust, du Ungeheuer.

Trinculo.

Das ist mir über meine Anfeuchtung, und doch ist das euer

freundlicher Kobold, der niemand kein Leid thut, Ungeheuer.

Stephano.

Ich will meine Flasche wieder hohlen, und wenn ich für meine Mühe

bis über die Ohren hineinplumpen sollte.

Caliban.

Ich bitte dich, mein König, sey ruhig; siehst du hier, diß ist der

Eingang in die Celle; kein Getöse, schleich hinein, thue diß gute

Unheil, das diese Insel auf ewig zu deinem Eigenthum macht; und ich

bin dein Caliban, auf ewig dein Fuß-Leker.

Stephano.

Gieb mir deine Hand, ich fange an, blutige Gedanken zu haben.

Trinculo.

O König Stephen, o Pair! o würdiger Stephen!* Sieh, was für eine

Garderobe hier für dich ist!

{ed.-* Der Spaß in diesen Zeilen besteht in einer Anspielung auf ein

altes bekanntes Gassenlied, welches anfängt: (King Stephen was a

worthy Peer), und die Sparsamkeit dieses Königs in Absicht auf

seine Garderobe anpreist. Es sind zwo Stanzen von diesem Lied im

Othello. Warbürton.}

Caliban.

Laß es gehen, du Narr, es ist nur Trödelwaare.

Trinculo.

Oh, oh, Ungeheuer, wir verstehen uns auch darauf, was in eine

Trödelbude gehört--o König Stephen--

Stephano.

Lange diesen Rok herunter, Trinculo; beym Element, ich will diesen

Rok haben.

Trinculo.

Deine Gnaden sollen ihn haben.

Caliban.

Daß du die Wassersucht kriegtest, du Dummkopf! Wie ungescheidt

seyd ihr, daß euch ein solcher Plunder in die Augen sticht! Geht

weiter und vollbringet vorher den Mord; wenn er aufwacht, wird er

uns vom Wirbel bis zum Zehen die Haut zerkneipen lassen; er wird

abscheulich mit uns umgehen.

Stephano.

Sey ruhig, Ungeheuer! Frau Seil, ist das nicht mein Wamms?

Trinculo.

Ungeheuer komm, schmier ein bißchen Quark an deine Finger, und weg

mit dem ganzen Plunder!

Caliban.

Ich will nichts davon; wir verderben hier die Zeit, und werden

zulezt noch alle in Barnakel** oder in Affen, mit verflucht niedern

Stirnen verwandelt werden.

{ed.-** Eine Art von Gänsen auf der Insel Baß, an der Schottischen

Küste, von denen ehmals die Tradition gieng, daß sie auf den Bäumen

wachsen.}

Stephano.

Ungeheuer, leg Hand an; hilf es wegtragen, an den nehmlichen Ort wo

mein Weinfaß ligt, oder ich werde dich aus meinem Königreich jagen;

geh, trag das!

Trinculo.

Und das.

Stephano.

Ja, und das.

(Man hört ein Getöse von Jägern. Verschiedne Geister, in Gestalt

von Hunden lauffen auf die Bühne und jagen sie fort; Prospero und

Ariel sezen ihnen nach. Caliban, Stephano und Trinculo werden

heulend ausgetrieben.)

Prospero.

Heyda, Sultan hey!

Ariel.

Waldmann, hier geht's, Waldmann.

Prospero.

Furie, Furie; hier, Tyrann, hier; horch! horch! Geh, sage meinen

Kobolden, daß sie ihre Gelenke mit Zükungen zermalmen, ihre Sehnen

mit Krämpfen zusammenziehen, und sie am ganzen Leibe von Zwiken und

Kneipen flekichter machen sollen als ein Panterthier.

Ariel.

Horch, wie sie heulen.

Prospero.

Laß sie weidlich herumgejagt werden. Nunmehr sind alle meine

Feinde in meiner Gewalt. In kurzem soll sich all mein Ungemach

enden, und du sollst deine Freyheit haben. Nur noch eine kleine

Weile folge mir, und thu mir Dienste.

(Sie gehen ab.)

Fünfter Aufzug.

Erste Scene.

(Vor der Celle.)

(Prospero tritt in seiner Magischen Kleidung mit Ariel auf.)

Prospero.

Nun ist mein Entwurf zu seiner Zeitigung gelangt; meine

Bezauberungen brechen nicht; meine Geister gehorchen, und die Zeit

geht aufrecht mit ihrer Ladung davon; wie viel ists am Tage?

Ariel.

Um die sechste Stunde, mein Gebieter, wann, wie ihr sagtet, unsre

Arbeit geendigt seyn sollte.

Prospero.

Das sagte ich gleich anfangs, wie ich den Sturm erregte; sage, mein

Geist, was macht der König und seine Gefährten?

Ariel.

Sie sind alle, euerm Befehl gemäß, zusammengebannt, gerade so wie

ihr sie verlassen habt, alle eure Gefangne, mein Herr, in dem

kleinen Hayne, der eure Celle vor dem Wetter schüzt. Sie können

nicht von der Stelle, bis ihr sie loslasset. Der König, sein

Bruder und der eurige sind alle drey in einer Art von Betäubung;

die übrigen trauern ihrentwegen, bis an den Rand mit Kummer und

Bestürzung angefüllt; insonderheit derjenige, den ihr den guten

alten Gonsalo nanntet. Seine Thränen lauffen über seinen Bart

herab, wie Winter-Tropfen von einem rohrbedekten Dach. Eure

Bezauberungen arbeiten so stark auf sie, daß, wenn ihr sie izt

sehen solltet, euer Herz gewiß zu Mitleiden erweicht würde.

Prospero.

Denkst du das, Geist?

Ariel.

Das meinige würd' es gewiß, wenn ich ein Mensch wäre.

Prospero.

Und das meinige auch. Hast du, der du nur Luft bist, eine Ahnung,

ein Gefühl von ihrem Leiden, und ich, einer von ihrer Gattung, der

allen ihren Leidenschaften und Bedürfnissen unterworffen ist,

sollte nicht zärtlicher gerührt werden als du? Ob sie mich gleich

durch schwere Beleidigungen bis in die Seele verwundet haben, so

soll doch mein edleres Selbst über meinen Unwillen siegen; es ist

mehr Würde in großmüthiger Vergebung als in Rache; da sie bußfertig

sind, so habe ich meine ganze Absicht erreicht; geh, erledige sie,

Ariel; ich will meine Bezauberungen brechen, ich will ihre Sinnen

wieder herstellen, und sie sollen wieder seyn, was sie gewesen sind.

Ariel.

Ich will sie herbeyführen, mein Gebieter.

(Er geht ab.)

Zweyte Scene.

Prospero.

Ihr Elfen der Hügel, der Bäche, stehenden Seen und Hayne, und die

auf Sandbänken mit leichtem Fuß den ebbenden Neptun zurükstossen,

und ihn fliehen, sobald er wiederkehrt; ihr kleinen Feen, die beym

Mondschein im Gras die kleinen sauren Ringe machen, von denen das

Schaaf nichts abfrezt; und ihr, deren Zeitvertreib ist,

Mitternachts-Schwämme zu machen; die sich freuen den Ruf des

feyrlichen Nachtwächters zu hören; durch deren Hülfe (so schwach

ihr auch seyd) ich die mittägliche Sonne verfinstert, die

widerspenstigen Winde herbeygenöthiget, und zwischen der grünen See

und dem azurnen Gewölbe heulenden Krieg erregt habe; dem

fürchterlich rasselnden Donner gab ich Feuer, und entwurzelte die

Eiche Jupiters mit seinem eignen Keil; ich machte die Grundfeste

der Vorgebürge zittern, und raufte die Fichte und die Ceder mit den

Wurzeln aus: Gräber thaten auf meinen Befehl ihren Rachen auf, und

liessen ihre Schläfer hervor, die meine mächtige Kunst erweket

hatte: Aber alle diese rauhe Zauberkunst schwör ich hier ab, und

wenn ich vorher eine himmlische Musik befohlen haben werde, wie ich

izt thue, (ihre von jenem magischen Donner gelähmten Sinnen wieder

herzustellen), so will ich meinen Stab zerbrechen, ihn etliche

Klafter tief in die Erde vergraben, und tiefer als jemals ein

Senkbley fiel, mein Zauberbuch im Meer versenken.

(Man hört eine feyrliche Musik.)

Dritte Scene.

(Ariel geht voran; ihm folget Alonso mit den Gebehrden eines von

Schwermuth verrükten Menschen, von Gonsalo geführt, hierauf

Sebastiano und Antonio auf gleiche Weise, von Adrian und Francisco

geleitet; sie gehen in den Cirkel den Prospero vorher gemacht hat,

und bleiben da bezaubert stehen. Indem sie kommen, fangt Prospero

an.)

Prospero.

Die Magische Gewalt der Harmonie, der besten Arzney für eine

zerrüttete Phantasie, heile dein izt untüchtiges Gehirn--hier

bleibt unbeweglich stehn!--Rechtschaffner Gonsalo, ehrwürdiger Mann,

meine Augen schmelzen, von den deinigen erschüttert, in

sympathetische Tropfen.--Die Bezauberung lößt auf einmal sich auf;

und wie der Morgen, die Nacht überraschend, die Finsterniß

hinwegschmelzen macht, so fangen ihre aufgehenden Sinnen an, die

betäubenden Nebel zu verjagen, die ihre Vernunft umhüllen--O! mein

guter Gonsalo, mein wahrer Erhalter, und ein redlicher Diener

dessen dem du folgest; ich will, wenn wir wieder zu Hause sind,

deine Wohlthaten beydes mit Worten und Werken bezahlen.--Du, Alonso,

du bist höchst grausam mit mir und meiner Tochter umgegangen; dein

Bruder war ein Beförderer der bösen That, und wird izt dafür an

Leib und Gemüth gefoltert; Ihr, mein Bruder, der seiner

Herrschsucht Natur und Gewissen aufopferte, der mit Sebastian

seinen König hier ermorden wollte; ich vergebe dir, so unnatürlich

du bist!--Ihre Denkungskraft fängt an zu schwellen, und die

wiederkommende Fluth wird in kurzem das Gestade der Vernunft

anfüllen, das izt faul und sumpficht ligt--Noch ist nicht einer

unter ihnen, der mich ansehen darf, oder mich erkennt--Ariel, hole

mir meinen Hut und meinen Degen in der Celle; ich will mich ihnen

in derjenigen Gestalt darstellen,

(Ariel geht ab, und kommt in einem Augenblik wieder zurük.)

worinn sie mich zu Meiland gekannt haben. Munter, mein Geist; in

kurzem sollst du deine Freyheit haben.

Ariel (singt, indem er ihn ankleiden hilft.)

Wo die Biene saugt, saug' ich;

Im Schooß der Primul lagr' ich mich;

Dort schlaf ich, wenn die Eule schreyt;

Ich flieg', in steter Munterkeit,

Fern von des Winters Ungemach

Dem angenehmen Sommer nach;

Wie frölich wird künftig mein Aufenthalt seyn

Unter den Blüthen im düftenden Hayn!

Prospero.

Gut, das ist mein artiger Ariel; ich werde dich vermissen, aber

doch sollst du frey seyn. So, so, so; izt, unsichtbar wie du in

deiner eignen Gestalt bist, zu des Königs Schiff; dort wirst du die

Schiffleute im Raum schlaffend beysammen finden. Weke sie, und

nöthige sie hieher; aber hurtig, ich bitte dich.

Ariel.

Ich trinke die Luft vor mir, und bin wieder da, eh euch der Puls

zweymal schlägt.

(Er geht ab.)

Gonsalo.

Lauter Schreknisse, Verwirrung, Wunder und Erstaunen wohnen hier;

möge uns irgend eine himmlische Macht wieder aus diesem

fürchterlichen Lande führen!

Prospero.

Siehe hier, o König, den ungerechter Weise gekränkten Herzog von

Meiland, Prospero: Dich desto besser zu versichern, daß ein

lebender Fürst izt mit dir spricht, umarme ich dich, und heisse

dich und deine Gesellschaft von Herzen willkommen.

Alonso.

Ob du Prospero bist, oder irgend ein bezaubertes Phantom, (wie ich

kürzlich selbst war,) das meine Augen täuschet, weiß ich nicht;

dein Puls schlägt, wie eines würklichen Menschen, und seit ich dich

sehe, nimmt die Bangigkeit des Gemüths ab, worinn mich, wie ich

fürchte, eine Beraubung der Vernunft sezte; wenn diese Dinge anders

würklich sind, so muß die Geschichte davon höchst seltsam seyn--Ich

gebe dir dein Herzogthum zurük, und bitte dich, mir zu verzeihen.

Aber wie ist es möglich, daß Prospero leben und hier seyn soll?

Prospero (zu Gonsalo.)

Zuerst, mein alter edler Freund, laß dich umarmen; du, dessen

Redlichkeit so unschäzbar als ohne Grenzen ist.

Gonsalo.

Ob das würklich ist, oder nicht, wollt' ich nicht beschwören.

Prospero.

Ihr seyd noch so sehr von einigen Seltsamkeiten dieser Insel

betroffen, daß ihr nicht glauben könnet, was gewiß ist. Willkommen,

meine Freunde, alle willkommen! Aber ihr, mein feines Paar Herren,

wenn ich Lust hätte, so sollte mir's nicht schwer fallen, euch den

Unwillen seiner Majestät zu zu ziehen, und zu beweisen, daß ihr

Verräther seyd; allein ich will izt keine Geschichten erzählen.

Sebastian.

Der Teufel spricht aus ihm.

Prospero.

Nein--Was euch betrift, höchst boshafter Herr, welchen (Bruder) zu

nennen meinen Mund schon vergiften würde, ich vergebe dir deine

ungeheursten Vergehungen alle zusammen; aber ich fordre mein

Herzogthum von dir zurük, welches du, wenn du gleich wolltest, mir

länger vorzuenthalten, nicht vermögend bist.

Alonso.

Wenn du Prospero bist, so berichte uns, wie du erhalten worden, und

auf welche Weise wir hier mit dir zusammen kommen, nachdem wir vor

drey Stunden an diesem Ufer einen Schiffbruch erlidten haben, der

mich, (o schmerzliches Angedenken!) meinen Sohn, meinen theuren

Sohn Ferdinand gekostet hat.

Prospero.

Ich bedaure es, Sire.

Alonso.

Der Verlust ist unersezlich, und die Geduld selbst gesteht, daß sie

ihn nicht heilen kan.

Prospero.

Ich glaube vielmehr, ihr habt ihre Hülfe nicht gesucht; denn durch

ihren milden und allesvermögenden Beystand, hab ich einen gleichen

Verlust mit Gelassenheit ertragen gelernt.

Alonso.

Ihr einen gleichen Verlust?

Prospero.

Zum mindsten, der für mich eben so wichtig ist, und ihn erträglich

zu machen, hab' ich weit schwächere Mittel als ihr zu euerm Trost

ruffen könnt; denn ich habe meine Tochter verlohren.

Alonso.

Eine Tochter? O Himmel, möchten sie beyde in Neapel leben, König

und Königin daselbst zu seyn. Damit sie es seyn möchten, wie gern

wünscht' ich selbst in dem nassen Bette versunken zu seyn, wo mein

Sohn ligt. Wenn verlohrt ihr eure Tochter?

Prospero.

In diesem lezten Sturm--Ich merke, daß diese Herren, über unsre

unvermuthete Zusammenkunft so erstaunt sind, daß sie ihren Sinnen

nicht trauen dürfen, und mit Mühe glauben, daß ihre Augen ihnen die

Wahrheit zeigen, und ihre Worte natürlicher Athem seyen. Allein,

so mißtrauisch euch die kürzlich erlidtene Beunruhigung eurer Sinne

gemacht hat, so wisset doch für gewiß, daß ich Prospero bin; eben

dieser Herzog, der von Meiland ausgetrieben wurde, und auf eine

wunderbare Weise an diesem Eilande, wo ihr gestrandet seyd,

anländete, um der Herr davon zu seyn. Nichts mehr hievon, denn es

ist eine Chronik von Tag zu Tag, und nicht eine Erzählung bey einem

Frühstük, noch für diese erste Zusammenkunft geschikt. Willkommen,

Sire; diese Celle ist mein Hof; ich habe hier wenige Hausgenossen,

und ausser demselben keine Unterthanen. Ich bitte euch, schaut

hinein; da ihr mir mein Herzogthum wieder gegeben habt, so will ich

euch etwas eben so gutes dagegen geben, oder doch wenigstens ein

Wunder vor eure Augen bringen, das euch so sehr erfreuen wird, als

mich mein Herzogthum.

Vierte Scene.

(Die Thüre der Celle öffnet sich, und entdekt Ferdinand und Miranda,

die mit einander Schach spielen.)

Miranda.

Mein liebster Herr, ihr spielt mir einen Streich.

Ferdinand.

Nein, meine Allerliebste, das wollt ich für die ganze Welt nicht

thun.

Miranda.

Wenn es Königreiche gälte, ihr würdet gewiß schicaniren, und ich

würd' es euch nicht übel nehmen.

Alonso.

Wenn das nur eine von den Erscheinungen dieser Insel ist, so werd'

ich einen theuren Sohn zweymal verliehren.

Sebastian.

Ein erstaunliches Wunder!

Ferdinand.

Wenn die Wellen schon drohen, so sind sie doch mitleidig; ich habe

ihnen ohne Ursache geflucht.

(Ferdinand kniet vor seinem Vater.)

Alonso.

O! alle Segnungen eines erfreuten Vaters ergiessen sich über dich!

Steh auf, und sage wie du hieher gekommen bist?

Miranda.

O Wunder! Wie viele feine Geschöpfe sind hier beysammen! Wie

schön ist das menschliche Geschlecht! O brave neue Welt, die

solche Einwohner hat!

Prospero.

Das ist etwas neues für dich.

Alonso.

Wer ist diß Mädchen, mit dem du spieltest? Eure längste

Bekanntschaft kan nicht drey Stunden seyn: Ist es die Göttin die

uns getrennet, und wieder zusammengebracht hat?

Ferdinand.

Sire, sie ist eine Sterbliche, aber durch unsterbliche Vorsicht,

ist sie mein. Ich wählte sie, da ich meinen Vater nicht zu Rathe

ziehen konnte, da ich nicht einmal denken durfte, einen Vater zu

haben. Sie ist die Tochter dieses berühmten Herzogs von Meiland,

von dem ich so vieles erzählen hörte, eh ich ihn sah; von dem ich

ein zweytes Leben empfangen habe, und den diese junge Dame zu

meinem zweyten Vater macht.

Alonso.

Ich bin der ihrige; aber, oh wie wunderlich wird es klingen, daß

ich mein Kind um Verzeihung bitten muß!

Prospero.

Haltet ein, Sire; laßt uns unser Gedächtniß nicht mit unangenehmen

Dingen beschweren, die vorüber sind.

Gonsalo.

Das Übermaaß der zärtlichsten Freude ließ mich nicht zu Worten

kommen. Schauet herab, ihr Götter, und lasset eine segensvolle

Krone auf dieses Paar herunter steigen; denn ihr seyd es, die den

Weg vorgezeichnet, der uns hieher gebracht hat.

Alonso.

Ich sage: Amen, Gonsalo!

Gonsalo.

Mußte Prospero von Meiland vertrieben werden, damit seine

Nachkommen Könige von Neapel werden möchten! O freuet euch über

alle gewöhnliche Freuden, und grabt es in Gold auf ewig daurende

Pfeiler! In Einer Reise fand Claribella einen Gemahl zu Tunis, und

Ferdinand, ihr Bruder, eine Braut, da wo er selbst verlohren war;

Prospero sein Herzogthum in einer armen Insel, und wir alle uns

selbst, zu einer Zeit, da niemand sein eigen war.

Alonso (zu Miranda und Ferdinand.)

Gebt mir eure Hände.

(Er legt ihre Hände in einander.)

Gram und Kummer umschling' auf ewig dessen Herz, der euch nicht

Freude wünschet!

Gonsalo.

So sey es, Amen!

Fünfte Scene.

(Ariel mit dem Schiffspatron und dem Hochbootsmann, die ihm ganz

erstaunt und erschroken folgen, zu den Vorigen.)

Gonsalo.

O sehet, Sire, sehet, hier sind noch mehr von unsrer Gesellschaft.

Prophezeyte ich nicht, wenn noch ein Galgen auf dem Lande wäre, so

könnte dieser Bursche nicht ersauffen? Nun, wie? du, der die

Gnade selbst über Bord zu fluchen pflegte, hast du keinen Schwur

auf dem festen Lande übrig? Hast du kein Maul zu Lande? Was giebt

es neues?

Hochbootsmann.

Das beste Neue ist, daß wir unsern König und unsre Gesellschaft

gesund wieder antreffen; das nächste an diesem, daß unser Schiff,

welches wir erst vor drey Stunden dem Sturm preiß gaben, so ganz,

so neu und so wohl getakelt ist, als da wir es zuerst in die See

stiessen.

Ariel.

Mein Gebieter, alles das hab ich gethan, seit ich euch verließ.

Prospero.

Mein artiger Taschenspieler!

Alonso.

Das sind keine natürliche Begebenheiten; immer eine wunderbarer als

die andre! Sage, wie kamst du hieher?

Bootsmann.

Gnädigster Herr, wenn ich dächte, daß ich gewiß wach wäre, so wollt

ich versuchen, ob ichs euch erzählen könnte. Wir waren alle in

dichtem Schlaf, und, ich weiß selbst nicht wie, alle in den Raum

des Schiffs zusammengepakt, wo wir nur eben von einem seltsamen und

manchfaltigen Getöse von Brüllen, Schreyen, Heulen, Rasseln mit

Ketten, und andern entsezlichen Tönen aufgewekt wurden; auf einmal

hörte alles auf, wir sahen unser schönes, königliches Schiff mit

seinem ganzen Zugehör, in bestem Zustand; und indem unser Patron

von einer Seite zur andern sprang, um es in Augenschein zu nehmen,

so wurden wir, mit eurer Erlaubniß, in einem huy, wie in einem

Traum, von unsern Cameraden geschieden, und schlaftrunken hieher

gebracht.

Ariel (zu Prospero.)

War es wohl gethan?

Prospero.

Recht wohl, mein fleißiger Ariel, du sollst frey sein.

Alonso.

Das ist ein so seltsamer Irrgarten, als je ein Mensch betreten hat,

und es ist mehr als die Natur zuthun vermag, in diesem Geschäfte;

ohne ein Orakel ist es unmöglich, etwas davon zu begreiffen.

Prospero.

Mein gebietender Herr, beunruhigt euch nicht, das Wunderbare in

diesen Dingen zu ergründen; in kurzem will ich euch bey beßrer

Musse alles Stük vor Stük auflösen, was euch izt unbegreiflich ist:

bis dahin seyd frohen Muthes, und denkt von allem das beste.

(Zu Ariel leise.)

Hieher, Geist; seze Caliban und seine Gesellschaft in Freyheit;

löse die Bezauberung auf--Wie befindet ihr euch, mein Gnädigster

Herr? Es mangeln noch ein Paar alte närrische Kerls von euerm

Gefolge, die ihr vergessen habt.

Sechste Scene.

(Ariel treibt Caliban, Stephano und Trinculo in ihren gestohlnen

Kleidern vor sich her.)

Stephano.

Jedermann sorge nur für andre Leute, und niemand bekümmre sich um

sich selbst; denn es ist alles nur Zufall und blindes Glük;

Courasche, du dikwanstiges Ungeheuer, Courasche!

Trinculo.

Wenn die Spionen, die ich in meinen Augen habe, die Wahrheit sagen,

so ist das ein hübscher Anblik.

Caliban.

O Setebos, das sind brave Geister, in der That! Wie fein mein

Meister ist! Aber ich fürchte, er wird mich züchtigen.

Sebastian.

Ha, ha; was für Dinge sind das, Antonio? Kan man die um Geld haben?

Antonio.

Ich denk' es; einer davon ist ein Fisch wie sich's gehört, und

vermuthlich feil.

Prospero.

Beobachtet nur die Physionomie dieser Bursche, meine Herren, und

sagt dann, ob sie nicht die Wahrheit redt? Dieses mißgeschaffnen

Schurken seine Mutter war eine Hexe, und eine so mächtige, daß sie

den Mond beherrschen, Ebbe und Fluth erregen, und ihre Befehle über

die Grenzen ihrer Macht ausdehnen konnte. Diese drey haben mich

beraubt; und dieser Halb-Teufel, (denn er ist ein Bastard von einem

Teufel,) machte mit ihnen einen Anschlag wider mein Leben; zween

von diesen Gesellen werdet ihr für die eurige erkennen; was dieses

Geschöpf der Finsterniß betrift, so muß ich bekennen, daß es mir

zugehört.

Caliban.

Ich werde zu Tode gezwikt werden.

Alonso.

Ist das nicht Stephano, mein besoffner Kellermeister?

Sebastian.

Er ist würklich besoffen; woher kriegte er Wein?

Alonso.

Und Trinculo ist so voll daß er wakelt; wo können sie dieses grosse

Elixir gefunden haben, das sie übergüldet* hat? Wie kamst du in

diesen Pökel?

{ed.-* Eine Anspielung auf das (Elixirium magnum), oder trinkbare Gold

der Alchymisten. Warbürton.}

Trinculo.

Sire, ich bin immer in diesem Pökel gelegen, seitdem ich euch das

leztemal sah, ich sorge, ich werd ihn nimmer wieder aus dem Leibe

kriegen; ich darf nicht fürchten, daß mich die Fliegen beschmeissen.

Sebastian.

Wie geht's, Stephano?

Der Sturm, oder Die bezauberte Insel · 第 4 / 5 段