Antonio.

Hier ist es, Prinz. Ungeachtet dieser Höfling, schwachen

Angedenkens (es wird gewiß seiner wenig gedacht werden, wenn er

einmal eingescharrt ist) den König beynahe überredet hat (denn er

ist ein Geist der Überredung, er kan sonst nichts als überreden)

daß sein Sohn noch lebe; so ist es doch so unmöglich, daß er nicht

im Wasser umgekommen seyn sollte, als daß der schwimmt, der hier

schläft.

Sebastian.

Ich habe keine Hoffnung, daß er mit dem Leben davongekommen seyn

möchte.

Antonio.

O sagt mir nichts von Hoffnung--Was für grosse Hoffnung hättet ihr--

die Hoffnung ligt nicht auf diesem Wege; es ist ein andrer, der zu

einer so hohen Hoffnung führt, daß der Ehrgeiz keinen Blik dahin

thut, ohne an der Würklichkeit dessen was er sieht zu zweifeln.

Wollt ihr mir eingestehen, daß Ferdinand umgekomen ist?

Sebastian.

Ich glaub es.

Antonio.

So sagt mir dann, wer ist der nächste Erbe von Neapel?

Sebastian.

Claribella.

Antonio.

Sie, welche Königin von Tunis ist; sie, die zehen Meilen hinter

einem Menschenalter wohnt; sie, die von Neapel nicht eher eine

Nachricht haben kan, (es wäre denn daß die Sonne der Postillion

seyn wollte, der Mann im Monde wäre zu langsam) bis neugebohrne

Kinne bärtig worden sind; sie, um deren willen wir vom Meer

verschlungen worden; obgleich einige, die wieder ausgeworfen worden,

von diesem Zufall Gelegenheit nehmen mögen, eine Scene zu spielen,

wovon das Vergangne der Prologus ist;

Sebastian.

Was für Zeug ist das? Was sagt ihr? Es ist wahr, meines Bruders

Tochter ist Königin von Tunis, sie ist auch Erbin von Neapel, und

zwischen diesen beyden Reichen ist ein ziemlicher Raum.

Antonio.

Ein Raum, wovon jede Spanne auszuruffen scheint: wie? soll diese

Claribella uns nach Neapel zurük messen? Sie mag in Tunis bleiben,

und Sebastian mag erwachen. Sagt mir, gesezt was sie izt befallen

hat wäre der Tod, nun denn, sie wären nicht weniger gefährlich als

sie izt sind; es giebt jemand, der Neapel eben so gut regieren kan

als der so schläft; Leute genug, die so langweilig und unnöthig

plaudern können als dieser Gonsalo; ich selbst wollte eine eben so

geschwäzige Dole machen können. O! daß ihr mein Herz hättet! was

für ein vortheilhafter Schlaf wäre diß für euch! Versteht ihr mich?

Sebastian.

Mich däucht ja.

Antonio.

Und wie gefällt euch euer gutes Glük?

Sebastian.

Ich erinnre mich, daß ihr euern Bruder Prospero aus dem Sattel

hubet.

Antonio.

Das that ich, und seht wie wohl mir meine Kleider stehen; meines

Bruders Diener waren einst meine Gesellen, izt sind sie meine Leute.

Sebastian.

Aber euer Gewissen--

Antonio.

Nun ja, Herr; wo ligt das? Wenn es ein Hünerauge wäre, so müßt'

ich in Pantoffeln gehen; aber in meinem Busen fühl ich diese

Gottheit nicht. Hätten zehen Gewissen zwischen mir und Meiland

gestanden, sie hätten gefrieren und wieder aufthauen mögen so oft

sie gewollt hätten, ohne mich zu beunruhigen. Hier ligt euer

Bruder--nicht besser als die Erde worauf er liegt, wenn er das wäre,

was er izt zu seyn scheint, todt; mit drey Zollen von diesem

gehorsamen Stahl kan ich ihn auf ewig einschläfern; ihr, wenn ihr

eben das thun würdet, könntet diesen altfränkischen Moralisten,

diesen Sir Prudentius befördern, damit er uns keine Händel machen

könne. Was die übrigen betrift, das sind Leute die sich berichten

lassen; sie werden uns die Gloke zu einem jeden Geschäfte sagen,

das unserm Angeben nach, in dieser oder jener Stunde gethan werden

muß.

Sebastian.

Dein Beyspiel, theurer Freund, soll mein Muster seyn; Ich will

Neapel gewinnen wie du Meiland. Zieh deinen Degen; Ein einziger

Streich soll dich von dem Tribut befreyen, den du bezahlst, und zum

Liebling eines Königs machen.

Antonio.

Ziehet auch, und wenn ich mit dem Arm aushohle, so fallet über

Gonsalo her.

Sebastian.

O! nur ein Wort noch--

(Ariel erscheint mit Musik.)

Ariel.

Mein Gebieter, der die Gefahr worinn seine Freunde sind, vorhersah,

sendet mich, da sein Entwurf von ihrem Leben abhangt, sie zu

erhalten.

(Er singt dem Gonsalo ins Ohr:)

Ihr schlaft und schnarchet sorgenfrey,

Weil mördrische Verrätherey

Zu euerm Unglük wacht.

Auf, auf, seht den gezükten Tod

Der euerm sichern Naken droht;

Erwacht! Erwacht! Erwacht!

Antonio.

So laß uns schnell seyn.

Gonsalo.

Ha, ihr guten Engel, beschüzt den König!

(Alle erwachen.)

Alonso.

Wie, was ist dieses? ha! Erwachet! Warum steht ihr mit

entblößtem Degen? Warum solche gespenstmäßige Blike?

Gonsalo.

Was ist begegnet?

Sebastian.

Weil wir hier standen für die Sicherheit eurer Ruhe zu wachen,

hörten wir eben izt ein holes Gebrüll wie von Ochsen, oder vielmehr

von Löwen. Erwachtet ihr nicht daran? Es schallte recht

fürchterlich in meine Ohren.

Alonso.

Ich hörte nichts.

Antonio.

O! es war ein Getös, eines Ungeheuers Ohr zu erschreken, ein

Erdbeben zu verursachen; gewiß es war das Gebrüll einer ganzen

Heerde von Löwen.

Alonso zu (Gonsalo.)

Hörtet ihr's?

Gonsalo.

Auf meine Ehre, Sire, ich hörte ein Sumsen, und das ein recht

seltsames, wovon ich erwachte. Ich rüttelte euch, Gnädigster Herr,

und schrie; wie ich meine Augen aufthat, sah ich ihre Degen gezogen;

es war ein Getöse, das ist die Wahrheit. Das beste wird seyn,

wenn wir auf unsrer Huth stehen, oder diesen Ort gar verlassen.

Wir wollen unsre Degen ziehen.

Alonso.

Wir wollen weiter gehen, und fortfahren meinen armen Sohn zu suchen.

Gonsalo.

Der Himmel schüze ihn vor diesen wilden Thieren; denn er ist gewiß

in der Insel.

Alonso.

Laß uns alle gehen.

Ariel.

Prospero mein Gebieter soll sogleich erfahren, was ich gethan habe.

Geh König, geh unversehrt, und suche deinen Sohn.

Zweyte Scene.

(Eine andre Gegend der Insel.)

(Caliban mit einer Bürde Holz beladen tritt auf; man hört donnern.)

Caliban.

Daß alle anstekenden Dünste, so die Sonne aus stehenden Sümpfen und

faulen Pfüzen saugt, auf Prospero fallen, und ihn vom Haupt bis zur

Fußsole zu einer Eiter-Beule machen möchten! Ich weiß wohl, daß

mich seine Geister hören, aber ich kan mir nicht helfen, ich muß

geflucht haben. Und doch würden sie mich nicht kneipen, nicht in

Gestalt von Stachelschweinen erschreken, in den Koth tauchen, noch

gleich Feuerbränden mich des Nachts in Moräste verleiten, wenn er

es ihnen nicht befehlen würde. Um einer jeden Kleinigkeit willen

hezt er sie an mich; bald in Gestalt von Affen, die um mich herum

schäkern, und zulezt mich beissen; bald gleich Igeln, die

zusammengeballt in meinem Fußweg ligen, und wenn ich über sie

stolpre, ihre strozenden Stacheln in meine Fußsolen drüken.

Manchmal werd ich am ganzen Leibe von Ottern wund gebissen, die mit

ihren gespaltenen Zungen so abscheulich um mich herum zischen, daß

ich toll werden möchte. Holla! he! was ist das? (Trinculo tritt

auf.) Hier kommt einer von seinen Geistern, mich zu quälen, daß ich

das Holz nicht bälder hineingetragen habe. Ich will auf den Bauch

hinfallen; vielleicht wird er meiner nicht gewahr.

Trinculo.

Hier ist weder Busch noch Gesträuch, worunter einer sich

verkriechen könnte, und ein neuer Sturm ist im Anzug; ich hör ihn

im Winde sausen; jene schwarze grosse Wolke wird alle Augenblike

wie mit Eymern herunterschütten. Wenn es noch einmal so donnert

wie vorhin, so weiß ich nicht, wo ich meinen Kopf verbergen soll--

Ha! was giebts hier--Mensch oder Fisch! todt oder lebendig? es

ist ein Fisch, es riecht wie ein Fisch, ein verflucht mooßichter

fischmäßiger Geruch--ein wunderseltsamer Fisch. Wär' ich izt in

England, wie ich einst drinn war, und hätte diesen Fisch nur

gemahlt, kein Feyrtags-Narr ist dorten, der mir nicht ein

Silberstük dafür gäbe, wenn ich ihn sehen ließ. Dort würde diß

Ungeheuer für einen Menschen passiren; eine jede abentheurliche

Bestie passirt dort für einen Menschen;* wenn sie nicht einen

Pfenning geben, einen lahmen Bettler aufzurichten, so geben sie

zehne, um einen todten Indianer zu sehen--Füsse wie ein Mensch; und

seine Floßfedern wie Arme! Warm, bey meiner Treu! Ich denke bald,

es wird wohl kein Fisch seyn: es ist, denk ich, ein Insulaner, den

der lezte Donnerschlag zu Boden geschlagen haben wird. Au weh, das

Ungewitter ist wieder da. Das beste wird seyn, ich krieche unter

seinen Regenmantel; es ist sonst nirgends kein Ort zu sehen, wo man

im troknen seyn könnte. Die Noth kan einen Menschen mit seltsamen

Bettgesellen bekannt machen. Ich will mich hier zusammenschrumpfen,

bis der ärgste Sturm vorbey ist.

{ed.-* Ich kan mich nicht erwehren zu denken, daß unsre Landsleute

diese Satyre wohl verdienen, da sie allezeit so bereitwillig

gewesen, die ganze Zunft der Affen zu naturalisiren, wie ihre

gewöhnlichen Namen zu erkennen geben. So kommt (Monkey), nach der

Etymologisten Anmerkung von (Monkin, Monikin), ein Männchen, her;

(Baboon) von (babe), Kind, soviel (weil die Endigung in (oon) eine

Vergrösserung andeutet) als ein grosses Kind, (Mantygre), ein

Mensch-Tyger. Und wenn sie ihre Namen aus ihrem Vaterlande

mitgebracht haben, wie (Ape), so hat das gemeine Volk sie gleichsam

getauft, durch den Zusaz (Jackan-Ape,) Hans-Aff. Warbürton.}

(Stephano tritt singend auf.)

Stephano.

(Singt das Ende eines Matrosen-Liedleins.)

Das ist eine verzweifelt melancholische Melodie, das liesse sich

gut an einem Leichbegängniß singen. Aber hier ist mein Trost.

(Er trinkt, und singt wieder.)

Das ist auch eine schwermüthige Melodie; aber hier ist mein Trost.

(Er trinkt.)

Caliban.

Quäle mich nicht, oh!

Stephano.

Was giebts hier? haben wir Teufels hier?** Wollt ihr uns mit

wilden und indianischen Männern in einen Schreken jagen? ha! ich

bin dem Ersauffen nicht entgangen, um mich vor euern vier Füssen

hier zu fürchten--

{ed.-** Diese Stelle soll vermuthlich die abgeschmakten Fabeln in

des alten Ritter (Maundeviles) Reisebeschreibung lächerlich machen,

der unter anderm erzählt, (to have traveled thro' an enchaunted Vale,

clepen the vale of Develes, which vale is alle fulle of Develes--and

Men seyne there, that it is on of the entrees of Helle.)--"Er sey

durch ein bezaubertes Thal gereist, das Thal der Teufel genannt,

welches Thal voller Teufel sey, und die Leute sagen, es sey einer

von den Eingängen in die Hölle." Eben dieser Autor hat in seinen

Nachrichten von wilden Männern und Indianischen Menschen alle die

Fabeln des Plinius von Menschen mit langen Ohren, einem Auge, einem

Fuß ohne Kopf u. dergl. ausgeschrieben, und so davon gesprochen,

als ob er sie selbst gesehen habe. Warbürton.}

Caliban.

Der Geist quält mich, oh!

Stephano.

Das wird irgend ein vierbeinichtes Ungeheuer aus dieser Insel seyn,

das hier das Fieber gekriegt hat--Aber wie zum Teufel hat es unsre

Sprache gelernt? Ich will ihm eine kleine Herzstärkung eingeben,

und wenn es auch nur darum wäre, weil es italienisch spricht. Wenn

ich es wieder zu rechte bringen, zahm machen, und nach Neapel mit

ihm kommen kan, so ist es ein Präsent für einen so grossen Kayser,

als jemals einer auf Kühleder getreten ist!

Caliban.

Quäle mich nicht, ich bitte dich; ich will mein Holz ein andermal

bälder heimbringen.

Stephano.

Er ist izt in seinem Paroxismus, und redt nicht zum gescheidtesten;

er soll meine Flasche kosten. Wenn er noch niemals Wein getrunken

hat, so wird es nahe zu sein Fieber vertreiben; wenn ich ihn wieder

zurecht bringen und zahm machen kan, so will ich nicht zuviel für

ihn nehmen; er soll für den zahlen, der ihn hat, und das wie sichs

gehört.

Caliban.

Bisher hast du mir doch nicht viel leids gethan; aber izt wirst

du's thun müssen; ich spüre an deinem Zittern, daß Prospero auf

dich würkt.

Stephano.

Kommt hervor, macht euer Maul auf; hier ist etwas das dir die

Sprache geben wird, Meerkaze; macht euer Maul auf! das wird eure

Fröste wegschütteln, ich kan's euch sagen, und das wie sich's

gehört; es weiß einer nicht, wo er von ungefehr einen guten Freund

findt; die Kinnbaken auf, noch einmal!

Trinculo.

Ich sollte diese Stimme kennen--ich denk', es ist--Aber er ist

ertrunken, und das sind Teufels--O heiliger Sanct--

Stephano.

Vier Füsse und zwoo Stimmen, das ist ein recht feines Ungeheur;

seine fordere Stimme spricht gutes von seinem Freund; seine hintere

Stimme stößt böse Reden und Verläumdungen aus. Ich will ihm von

seinem Fieber helfen, und wenn aller Wein in meiner Flasche drauf

gehen sollte. Komm, Amen! ich will dir etwas in dein Maul giessen

--

Trinculo.

Stephano--

Stephano.

Ich glaube dein andres Maul ruft mich; Barmherzigkeit!

Barmherzigkeit! das ist ein Teufel und kein Monster: ich will ihn

gehn lassen, ich habe keinen langen Löffel.

Trinculo.

Stephano, wenn du Stephano bist; so rühre mich an, und sag es mir;

denn ich bin Trinculo, fürchte dich nicht, dein guter Freund

Trinculo.

Stephano.

Wenn du Trinculo bist, so komm hervor, ich will dich bey den

dünnern Beinen ziehen, wenn hier welche Trinculo's Beine sind, so

müssen es diese seyn. Du bist würklich Trinculo, in der That. Wie

kamst du dazu, der Siz von diesem Mondkalb zu seyn?

Trinculo.

Ich bildete mir ein, er sey vom Donner erschlagen. Aber wie, bist

du nicht ertrunken, Stephano? Ich will nun hoffen, du seyst nicht

ertrunken; ist der Sturm vorbey? Ich verbarg mich unter des todten

Monkalbs Regenmantel aus Furcht vor dem Sturm; und lebst du noch

Stephano? O Stephano, zween Neapolitaner entronnen!

Stephano.

Ich bitte dich, dreh mich nicht so herum, mein Magen ist noch nicht

wieder am rechten Ort.

Caliban.

Das sind hübsche Dinger, wenn es keine Kobolde sind; das ist ein

braver Gott, und trägt ein himmliches Getränk bey sich; ich will

vor ihm niederknien.

Stephano.

Wie bist du davongekommen? Wie kamst du hieher? Schwöre bey

dieser Flasche, wie kamst du hieher? ich rettete mich auf einem

Faß voll Sect, den die Matrosen über Bord geworfen hatten; das

schwör' ich bey dieser Flasche, die ich mit eignen Händen aus der

Rinde eines Baums gemacht habe, seit der Zeit, da ich ans Land

geworfen wurde.

Caliban.

Ich will auf diese Flasche schwören, daß ich dein getreuer

Unterthan seyn will; denn der Saft ist nicht irdisch.

Stephano.

Hier, schwör dann--Wie wurdest du errettet?

Trinculo.

Ich schwamm ans Ufer, Mann, wie eine Ente; ich kan schwimmen wie

eine Ente, das schwör' ich!

Stephano.

Hier, küß das Buch; wenn du schwimmen kanst wie eine Ente, so kanst

du trinken wie eine Gans.

Trinculo. (Nachdem er einen Zug aus der Flasche gethan:)

O Stephano, hast du noch mehr dergleichen?

Stephano.

Das ganze Faß, Mann. Mein Keller ist in einem Felsen an der Meer-

Seite. Wie stehts, Mondkalb, was macht dein Fieber?

Caliban.

Bist du nicht vom Himmel herunter gekommen?

Stephano.

Aus dem Mond, das versichr' ich dich; es war eine Zeit, da ich der

Mann im Mond war.

Caliban.

Ich habe dich drinn gesehen; und ich bete dich an; meine Mutter

zeigte dich mir, dich und deinen Hund und deinen Busch.

Stephano.

Komm, schwör auf diß; küß das Buch; ich will es bald wieder mit

einem neuen Inhalt versehen; schwöre!

Trinculo.

Beym Element, das ist ein recht abgeschmaktes Ungeheuer! Ich sollt

es fürchten? Ein recht abgeschmaktes Ungeheuer! Der Mann im Mond?

ein höchst dummes leichtgläubiges Ungeheur!--Ein guter Zug,

Ungeheuer! in vollem Ernst.

Caliban.

Ich will dir jeden fruchtbaren Plaz in der Insel zeigen, und ich

will dir die Füsse küssen; ich bitte dich, sey mein Gott.

Trinculo.

Beym Element, ein höchst treuloses besoffenes Ungeheuer; wenn sein

Gott eingeschlafen seyn wird, wird er ihm die Flasche stehlen.

Caliban.

Ich will dir die Füsse küssen; ich will schwören, daß ich dein

Unterthan seyn will.

Stephano.

So komm dann, auf den Boden nieder, und schwöre!

Trinculo.

Ich werde mich noch über dieses puppenköpfige Ungeheuer zu tode

lachen! ein höchst schwermüthiges Ungeheuer! ich hätte gute Lust,

ihn eins abzuprügeln--

Stephano.

Kom, küsse!

Trinculo.

Wenn das arme Ungeheuer nicht besoffen wäre; ein vermaledeytes

Ungeheuer!

Caliban.

Ich will dir die besten Quellen zeigen; ich will dir Beeren pflüken,

ich will für dich fischen, und dir Holz genug schaffen. Daß die

Pest den Tyrannen dem ich diene! Ich will ihm keine Prügel mehr

zutragen, sondern mit dir gehen, du wundervoller Mann!

Trinculo.

Ein höchst lächerliches Ungeheuer, aus einem armen besoffnen Kerl

ein Wunder zu machen.

Caliban.

Ich bitte dich, laß dich an einen Ort führen, wo Holzäpfelbäume

wachsen, ich will dir mit meinen langen Nägeln Trüffeln ausgraben;

ich will dir ein Nußheher-Nest zeigen, und dich lehren, die

schnelle Meerkaze zu fangen; ich will dir Büschel von Haselnüssen

bringen, und dir manchmal junge Gemsen vom Felsen holen. Willt du

mit mir gehen?

Stephano.

Ich bitte dich, zeig uns den Weg ohne längeres Geschwäze. Trinculo,

da der König und alle unsre ehmalige Gefehrten im Wasser

umgekommen sind, so wollen wir von dieser Insel Besiz nehmen. Hier,

trage meine Flasche; Bruder Trinculo, wir wollen sie gleich wieder

füllen.

Caliban. (Singt trunkner Weise ein Abschiedsliedlein von seinem

alten Herrn.)

Freyheit, heyda! heyda! Freyheit! Freyheit! heyda! Freyheit!

Stephano.

O! braves Ungeheuer! zeig uns den Weg.

(Sie gehen ab.)

Dritter Aufzug.

Erste Scene.

(Vor Prosperos Celle.)

(Ferdinand tritt mit einem Blok auf der Schulter auf.)

Ferdinand.

Es giebt Spiele welche mühsam sind, aber eben diese Mühe erhöht das

Vergnügen das man dabey hat; es giebt niedrige Geschäfte, denen man

sich auf eine edle Art unterziehen kan, und höchst geringschäzige

Mittel, die zu einem sehr vortreflichen Ziel fuhren. Dieses mein

knechtisches Tagwerk würde mir so beschwerlich als langweilig seyn,

wenn nicht die Gebieterin, der ich diene, meine Arbeiten zu

Ergözungen machte. O! sie ist zehnmal liebreizender als ihr Vater

unfreundlich, ob er gleich aus Härte zusammengesezt ist. Auf

seinen strengen Befehl soll ich etliche tausend dergleichen Blöke

zusammentragen und auf einander beugen. Meine holdselige Geliebte

weint wenn sie mich arbeiten sieht, und klagt, daß ich zu einem so

sclavischen Geschäfte mißbraucht werden soll. Ich vergesse darüber

das Verdriesliche meines Zustandes, und meine Arbeit verrichtet

sich unter diesen angenehmen Gedanken so leicht, daß ich sie kaum

empfinde. (Miranda zu den Vorigen; Prospero in einiger Entfernung.)

Miranda.

Ach! ich bitte euch, arbeitet nicht so strenge; ich wollte der

Bliz hätte diese Blöke verbrennt, die du auf einander beugen sollst.

Ich bitte euch sizet nieder und ruhet aus; Wenn diß Holz brennt,

wird es weinen, daß es euch so abgemattet hat; mein Vater ist in

seinem Studieren vertieft; ich bitte euch, ruhet aus; wir werden

ihn in den nächsten drey Stunden nicht sehen.

Ferdinand.

O theureste Gebieterin, die Sonne wird untergegangen seyn, eh ich

mein auferlegtes Tagwerk vollendet haben werde.

Miranda.

Wenn ihr mir versprecht, euch indessen nieder zu sezen, so will ich

eure Blöke tragen. Ich bitte euch, thut es mir zu gefallen, ich

will sie nur zu dem Hauffen tragen.

Ferdinand.

Nein, du unschäzbares Geschöpf; eher sollten mir meine Sehnen

springen und mein Rükgrat brechen, eh du eine solche Arbeit thun

und ich müßig zusehen sollte.

Miranda.

Sie würde sich nicht übler für mich schiken als für euch; und es

würde mich noch einmal so leicht ankommen; denn ich thät es aus

gutem Willen, und ihr thut es ungern.

Prospero (für sich.)

Armer Wurm! du bist angestekt; dieser Besuch ist eine Probe davon.

Miranda.

Ihr seht verdrieslich aus.

Ferdinand.

Nein, meine edle Gebieterin, wenn ihr im Finstern bey mir wäret, so

wär' es frischer Morgen um mich her. Ich bitte euch (vornehmlich

damit ich ihn in mein Gebet sezen könne), wie ist euer Name?

Miranda.

Miranda--O mein Vater, ich hab' euer Verbot übertreten, indem ich

diß sagte.

Ferdinand.

Bewundernswürdige Miranda, in der That, alles würdig, was die Welt

schäzbarstes hat! Ich habe viele Damen gesehen, mit aufmerksamen

Augen gesehen, und manchmal hat die Music ihrer Zungen mein

allzuwilliges Ohr gefesselt; um verschiedner Vorzüge willen haben

mir verschiedne Frauenzimmer gefallen, aber keine jemals so sehr,

daß nicht bald irgend ein Fehler den ich an ihr bemerkt, ihre

schönste Eigenschaft verdunkelt hätte. Du allein, o du, so

vollkommen, so unvergleichlich, bist aus allem zusammengesezt, was

an jedem Geschöpfe das Beste ist.

Miranda.

Ich kenne keine von meinem Geschlecht, und habe nie ein weibliches

Gesicht erblikt, ausser mein eignes in meinem Spiegel; noch habe

ich mehr Männer gesehen, die ich so nennen mag, als euch, mein

guter Freund, und meinen theuren Vater. Was für Geschöpfe anderswo

seyn mögen, kan ich nicht wissen: Aber, bey meiner Unschuld, meinem

besten Kleinod, ich wünsche mir keine andre Gesellschaft in der

Welt als die eurige; noch kan meine Einbildungskraft sich eine

andre Gestalt vorbilden, die mir gefallen könnte, als die eurige.

Aber ich plaudre, denk ich, zu unbesonnen, und vergesse hierinn

meines Vaters Ermahnungen.

Ferdinand.

Ich bin meinem Stande nach ein Prinz, Miranda; ich denke, ein König

(wollte der Himmel ich wär' es nicht!) und ich wollte diese

hölzerne Sclaverey nicht mehr erdulden, als ich leiden wollte daß

eine Fleischfliege mir auf die Lippen säße. Aber höret meine Seele

reden: In dem ersten Augenblik, da ich euch sah, flog mein Herz in

euern Dienst, und machte mich auf ewig zu euerm Leibeignen, und um

euertwillen bin ich ein so geduldiger Holzträger.

Miranda.

Liebet ihr mich also?

Ferdinand.

O Himmel, o Erde, seyd meine Zeugen, und krönet meine Rede mit

einem glüklichen Erfolg, so wie ich die Wahrheit rede; wo nicht, so

verkehret meine besten Hoffnungen in Unglük. Über alles was in

der Welt ist, über alle Grenzen, liebe, schäze und verehr' ich euch.

Miranda.

Ich bin eine Thörin daß ich darüber weine, was ich so erfreut bin

zu hören.

Prospero (für sich.)

Wie selten treffen zwey solche Herzen einander an! Ihr Himmel,

schüttet euern Segen auf ihre keimende Liebe!

Ferdinand.

Warum weinet ihr?

Miranda.

Über meine Unwürdigkeit, die es nicht wagen darf anzubieten was

ich zu geben wünsche, und noch viel weniger anzunehmen, wessen

Verlust mein Tod seyn würde. Doch diß ist Tändeley! Je mehr es

sich selbst verbergen will, desto mehr zeigt es seine Grösse.

Hinweg, falsche Schaamhaftigkeit, und du allein regiere meinen Mund,

offenherzige und heilige Unschuld. Ich bin euer Weib, wenn ihr

mich heurathen wollt, wo nicht, so will ich als euer Mädchen

sterben; ihr könnt mir abschlagen, eure Gesellin zu seyn; aber eure

Sclavin will ich seyn, ihr möget wollen oder nicht.

Ferdinand (kniend.)

Meine theureste Gebieterin, und ich ewig der deinige.

Miranda.

Mein Gemahl also?

Ferdinand.

Mit so verlangendem Herzen, als die Knechtschaft sich nach Freyheit

sehnt. Hier ist meine Hand.

Miranda.

Und hier die meinige, mit meinem Herzen drinn; und nun lebet wohl,

auf eine halbe Stunde.

Ferdinand.

Tausend, tausend Lebewohl!

(Sie gehen ab.)

Prospero.

So froh über dieses als sie, kan ich nicht seyn, sie, die lauter

Entzükung sind; aber es ist nichts in der Welt, worüber ich eine

grössere Freude haben könnte. Ich will zu meinem Buche. Denn

zwischen izt und der Abend-Essens-Zeit muß ich noch vieles nöthige

zu stande bringen.

(Geht ab.)

Zweyte Scene.

(Eine andre Gegend der Insel.)

(Caliban, Stephano und Trinculo treten auf.)

Stephano.

Sagt mir nichts mehr hievon; wenn das Faß leer ist, wollen wir

Wasser trinken, eher keinen Tropfen. Fülle also wieder auf, und

laß dirs gut schmeken, dienstbares Ungeheuer; trink mirs zu.

Trinculo.

Dienstbares Ungeheuer! Wie das eine närrische Insel ist! Sie

sagen es habe nur ihrer fünf auf dieser Insel; wir sind drey davon,

wenn die andern beyde nicht richtiger im Kopf sind als wir, so

wakelt der Staat.

Stephano.

Trink, dienstbares Ungeheuer, wenn ichs dich heisse; deine Augen

stehen dir gewaltig tief im Kopfe.

Trinculo.

Wo sollten sie denn sonst stehen? Er wäre ein feines Ungeheuer, in

der That, wenn er sie am H** stehen hätte.

Stephano.

Mein menschliches Ungeheuer hat seine Zunge in Sect ersäuft; was

mich betrift, mich kan die See nicht einmal ersäuffen. Ich schwamm

eh ich das Ufer erreichen konnte, fünf und dreyßig Meilen hin und

her; beym Element, du sollst mein Leutnant seyn, Ungeheuer, oder

mein Fahnen-Junker--Warum so still, Mondkalb? Sprich einmal in

deinem Leben wenn du ein gutes Mondkalb bist.

Caliban.

Wie geht's dir? Laß mich deine Schuh leken; ich will ihm

(er deutet auf Trinculo,)

nicht dienen, er ist nicht herzhaft!

Der Sturm, oder Die bezauberte Insel · 第 2 / 5 段