Eine Geschichte der Sehnsucht. 2. Aufl. Geh. 2 M., geb. 3 M.
Von dieser Geschichte muß ich das Beste sagen, das man von einem Buche
rühmen kann: sie ist voll Schönheit und Eigenwuchs. Ein zarter,
vornehmer Stil, ein ungewöhnlicher Inhalt und eine wohlklingende Sprache
geben ihr ein besonderes Gesicht; man glaubt zuweilen in der Bibel zu
lesen, von so knapper, schlichter Größe sind einzelne Stellen; so die
Begegnung Thos und Margarethes am Meere, und ihre Hochzeitsnacht, und
die Wanderschaft Thos.
In einem armen Fischerdorf an der dänischen Küste geht ein fremdes
Schiff zu Grunde; ein Brett mit der Aufschrift Funchal und ein kleines
Kind sind die einzigen Überbleibsel. Der Knabe wird in der Familie des
alten Bootbauers Nielsen aufgezogen, ein Kuckuck im fremden Nest. Mit
siebzehn Jahren wacht in dem braunen Burschen ein Traum von hohen weißen
Bergen auf, eine Unruhe und unstillbare Sehnsucht, die ihn verbrennt. Er
hört von Funchal, der glänzenden Stadt auf Madeira, und beschließt, sie,
die seine Heimat sein muß, zu suchen. Er geht fort über Dünen und
Dörfer, arbeitet, hungert, verdient einen kargen Lohn und kehrt im
Winter wieder heim nach Klitby. So treibt er es durch die Jahre. Nie
kommt er ans Ziel. Alle Frühjahr packt ihn das Heimatfieber, er knüpft
sein Bündel, wandert ans Meer zu einem Hafen, um ein Schiff nach Funchal
zu finden, und kehrt im Herbst zerbrochen heim. Einmal findet er
Margarethe, Nielsens Tochter, badend. Hand in Hand gehen sie zum Vater,
verlobt. Nun wird Tho seßhaft. In der Hochzeitsnacht aber steht vor
seinen Augen die funkelnde Stadt mit den hohen Bergen und die Sehnsucht
seines Lebens ...
Das zitternde Heimweh nach dem unbekannten Vaterlande hat in dieser
Geschichte einen hinreißenden Ausdruck gefunden; der arme, fremde
Bursche, der anderen Blutes ist als die Menschen um ihn, irrt unstet und
von seinem Heimweh geplagt umher, und als er müde das Suchen aufgibt,
lebt seine Sehnsucht weiter in seinem Kind.
Jacques hat nicht zu viel gesagt, als er unter den Titel des schönen
Buches schrieb: eine Geschichte der Sehnsucht. Glühend und blühend redet
sie zu uns und rührt an das Unerfüllte, das in jedem Herzen seine Stätte
hat.
(Ludwig Finckh in der „Münchener Zeitung“)
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.