Kremskoje, 2. Juni.
Meine liebe Tatjana! Auf unsern einzig schönen Sommer fällt von
irgendwoher ein kleiner Schatten. Vielleicht eben weil er so schön ist,
muß er das Abzeichen seiner Erdennatur tragen. Jetzt sorge ich mich
besonders um Jessika; ich kann es mir nicht mehr verhehlen, daß sie den
Lju liebt. Ohne daß sie es weiß, richtet sich ihr ganzes Wesen nach ihm:
ich könnte sagen, sie ist eine Art Sonnenuhr, von der man immer ablesen
kann, wo ihr Gestirn steht. Er hat auch etwas Sonnenhaftes; es ist, als
ob eine lebenzeugende Kraft von ihm ausginge, in der freilich auch Leben
verdorren kann. Auf Welja und Katja übt er einen heilsamen Einfluß aus;
er regt sie zum Denken, zu gesteigerter geistiger Tätigkeit an; für
meine kleine Jessika, fürchte ich, sind seine Strahlen zu heiß. Sie muß
Wärme haben, darf aber nicht mitten im Feuer stehen. So erscheint es mir
wenigstens. Zuweilen kommt es mir so vor, als ob nicht nur in ihr ein
Neigen zu ihm wäre, sondern als ob auch ihn ein leises Anziehen zu ihr
hinzöge. Ob er sie liebt? Ich kann nicht umhin, mit ihr in meiner Seele
aufzujubeln, wenn ich es zu bemerken glaube, denn eine Mutter fühlt
jeden Schmerz und jedes Glück mit ihrem Kinde. Wäre es aber überhaupt
wünschbar? Würde es ein Glück für sie sein? Ljus Ansichten und, was
wichtiger ist, seine ganze Auffassung des Lebens weicht sehr von Jegors
und meiner ab, das fühle ich. Auch den Kindern steht er nach Erziehung
und Lebensgewohnheiten ferner, als sie selbst es ahnen. Vielleicht ist
er uns gegenüber im Rechte; aber verbürgt das die Möglichkeit dauernden
Zusammenlebens? Und was würde Jegor sagen? Er hat nichts gegen Lju, er
ist frei von gewöhnlichen Vorurteilen; aber er möchte unsre Mädchen mit
Männern verheiraten, deren Lebensführung ihm vertraut ist, mit denen wir
alle zu einer Familie verwachsen können. Und dann, Liebste, daß er
nachtwandelt! Das ist beinahe das Schrecklichste für mich. Ach Gott, es
ist ja so töricht, aber manchmal wünsche ich, Lju wäre niemals zu uns
gekommen oder er verließe uns wieder.
Nachmittags.
Lju ist doch ein unheimlicher Mensch! Er hat Augen, die im Herzen lesen.
Ich hatte eben den Satz geschrieben, als er kam und mir sagte, er fühle
sich sehr wohl bei uns, er hätte auch das Gefühl, daß wir ihn gern
hätten, aber er käme sich überflüssig vor und fände, daß es richtiger
wäre, wenn er ginge; er möchte mit mir darüber sprechen. Er sprach so
vertrauensvoll, so einfach, beinahe kindlich. Ich war ganz betroffen und
sagte, meine Besorgnis um das Leben meines Mannes hätte sich allerdings
allmählich gelegt; aber er wäre doch auch als Sekretär tätig, selbst
schreiben könne mein Mann augenblicklich nicht -- er leidet doch am
Schreibkrampf -- und er würde sich nur ungern an einen andern Herrn
gewöhnen, auch sicher keinen von seiner, Ljus, Bildung und seinen
Kenntnissen finden. Er sagte, darüber hätte er schon nachgedacht, für
meinen Mann würde gewiß das zweckmäßigste sein, wenn er sich an eine
Schreibmaschine gewöhnte, dann wäre er von niemand abhängig, und er
hätte doch so manche Korrespondenzen, die womöglich geheimbleiben
sollten. Diesen Gedanken lobte ich sehr -- ich finde ihn wirklich höchst
vernünftig -- und sagte, eine Schreibmaschine könnte sich ja Jegor
anschaffen, es würde aber wohl eine gute Weile dauern, bis er damit
umzugehen verstände, wenn er es überhaupt wollte, und auch sonst würde
er dadurch doch nicht ganz ersetzt werden. Etwas andres wäre es
natürlich, wenn er aus irgendeinem Grunde seinetwegen fort wollte.
Darauf sagte er, wenn es im Leben auf Glücklichsein ankäme, würde er
sein ganzes Streben darauf richten, immer bei uns bleiben zu können. Er
hätte bei uns eine Art des Glückes kennen gelernt, an die er vorher
nicht geglaubt hätte; er hätte unauslöschliche Eindrücke empfangen. Aber
er hielte es für die Bestimmung des Menschen oder wenigstens für seine,
tätig zu sein, zu wirken, an großen Zielen zu bauen. Er wäre wie ein
Pferd, das, wenn es ihm noch so wohl vor seiner Krippe voll Hafer wäre,
der Trompete folgen müßte, die zur Schlacht riefe; er glaubte in der
Ferne den Ruf der Trompete gehört zu haben. Ich fragte: »Haben Sie etwas
Bestimmtes vor? Wollen Sie uns sofort verlassen?« Nein, sagte er, so
wäre es nicht gemeint. Er hätte nur von mir bestätigt hören wollen, daß
er überflüssig hier wäre, und ich wäre freimütig genug, ihm das
zuzugestehen. Er würde sich nun überlegen, wohin er gehen wollte.
Inzwischen könnte mein Mann sich eine Schreibmaschine kommen lassen und
versuchen, ob er Geschmack daran fände.
Ja, siehst Du, Tatjana, nun bin ich betrübt, daß es so gekommen ist.
Meine kleine Jessika! Weißt Du, was ich glaube? Es ist Jessikas wegen,
daß er fort will. Daß sie ihn liebt, muß er bemerkt haben; entweder er
erwidert das Gefühl nicht, oder er will im Bewußtsein seiner Armut und
seiner unselbständigen Lage nicht um sie anhalten und hält es für seine
Pflicht, sie zu meiden. Das ist edel gehandelt und besonders fein die
Art und Weise, wie er es ausführt. Er hat nichts angedeutet, nichts
erschwert, alles geebnet. Er ist mir nie so liebenswert erschienen, und
ich empfinde Schmerz für Jessika, trotzdem ist mir leichter zumute, nun
ich sehe, daß der Konflikt -- wenn einer vorhanden ist -- sich lösen
läßt. Was für ein Schreibebrief! Hast Du Geduld bis zu Ende gehabt?
Deine Schwägerin
Lusinja.