Eines Tages sagte sie zu ihm: »Man sollte wieder als Modell gehen.«

Er wehrte ab. Sie erwiderte höhnisch: »Oder vielleicht zum Theater? Aber

ich muß erst Garderobe -- -- -- machen.«

Sie verschaffte sich Empfehlungen und ging zu Leuten, die er kannte.

Er redete sich ein, es wäre von diesen aus Gefälligkeit, und das beruhigte

ihn.

Als er sie das erstemal hinbrachte, hielt er sie an der Haustür zurück und

sah sie lange an. Dann war sie ohne ein Wort im Hausflur verschwunden. Er

hätte das Haus aus seinen Fugen reißen mögen. Sie arbeitete drei Stunden

vormittags und drei Stunden nachmittags. Er brachte sie hin und holte sie

ab. Schließlich wurde ihr Kommen immer unregelmäßiger, und er stellte seine

Gänge ein. Ab und zu ging er mit hinauf und trank den Tee, den sie

übriggelassen hatten.

Er sah immer eine Fliege, die sich auf ihren Körper setzte, und immer den

Mann, der sie mit einem Wedel verscheuchte.

Einmal sah er, wie das dreijährige Töchterchen des Malers zu ihren Füßen

spielte und dann mit den belillten Händen den Körper betatschte.

Die »gnädige Frau« rief aus einer Türspalte im Hintergrunde mit flötender

Stimme das »ungezogene Kindchen« zurück.

Da ging er nicht mehr mit zu den Malern.

Er dachte manchmal: Was nun? -- -- was hab' ich überhaupt mit dem Weib zu

schaffen . .

Sein Verdienst hörte fast ganz auf. Er trieb sich wieder in Kaschemmen

herum und brandschatzte alte Bekannte.

Wenn er spät nachts ins Zimmer kam, von Zweifeln müde und betrunken,

tastete er mit zitternden Händen, ob ihr Körper schweißig ist . . . .

Sie sprachen wenig zusammen. Manchmal erzählte sie ihm Atelierwitze oder

weinte: »Tu ich denn nicht alles nur für dich?«

Er hatte sich daran gewöhnt, gleichgültige Worte vor sich hinzumurmeln.

»Was hast du denn? -- Ich bin dir wohl zu dreckig geworden.«

Haß keimte in ihren Worten.

Einer von seinen Leuten sprach von ihm: »Schade. Er ist an dem Weibe hörig

geworden.« Und einer seiner Freunde sagte: »Wenn ich wollte, hätte ich sie

nehmen können. Man könnte ihm vielleicht einen Dienst erweisen . .«

Aber es waren eben keine Freunde.

Er selbst fühlte: Wie feig, daß ich sie damals nicht gehen ließ. Ich hätte

aushalten sollen. Acht Tage vielleicht.

An einem leuchtenden Herbsttage raffte er sich auf. Blitzhelle Gedanken

hatten ihn durchzuckt. Er schrieb an Verwandte und Studienfreunde, Briefe

um Protektion, Bettelbriefe. Es gelang ihm auch wirklich, eine Position

irgendwo zu bekommen. Es ging wieder vorwärts.

Ihr Leben änderte sich. Sie saß jetzt wieder zu Haus und wartete auf ihn.

Sie gingen dann noch ein Stück in die hereinbrechende Nacht und weideten

sich daran, tausend Kleinigkeiten durchzusprechen. Oder sie holte ihn ab,

und sie fuhren weit hinaus vor die Stadt und schmiedeten Zukunftspläne. Man

muß sich zwingen, dachte er.

Aber eine zuckende, flackernde Unruhe wich nicht mehr von ihm.

Sein Mißtrauen quälte sie, und sie wurde scheu.

Einmal kam ein Paket an sie. Ein Kostüm, ohne Brief, ohne Karte.

Sie war erstaunt und verlegen. Ein älterer Herr hätte sie angesprochen und

bis ins Haus verfolgt.

Er rang mit sich und schwieg. Sie beschwor ihn und weinte.

Schließlich dachte er auch: Ihre Kleider sind heruntergerissen, es wird

ganz praktisch sein.

In der Nacht umkrallte er plötzlich die Gurgel.

»Du -- -- -- ich werde dich erwürgen! Was ist's mit dem Kostüm?«

Es wurde ein Skandal. Sie schlugen sich. Worte fielen, von der Straße

aufgelesen, und ihre Erinnerung bespieen sie.

Die Hausbewohner liefen zusammen. Den nächsten Tag warf sie der Wirt raus.

Aber es war, als ob ein Gewitter die Luft gereinigt hätte.

Eines Tages schmiegte sie sich an ihn:

»Gib mir ein Kind . . . ich will ein Kind von dir . . . .«

Sie kaufte sich eine Puppe und einen kleinen Bären und trug sie im Zimmer

herum. Gib mir ein Kind . . . . so waren ihre Träume.

Sie wanderten Hand in Hand durch die Straßen der Stadt und sahen die Leute

nicht. Die Gedanken waren frei und leicht, ein sieghaftes Lächeln schwebte

über ihnen. Es war wie das Glück. Mit seiner Stellung kamen auch wieder

Freunde und Bekannte in sein Haus, und sie blieben sich gute Kameraden.

Oft dachte er über seine Liebe nach.

Was ist überhaupt die Liebe? Vielleicht eine Ordnung, ein Geschäft oder ein

Fehltritt, sicher eine Seligkeit ohne Glück.

Oft sagte er, wenn sie schmeichelte: »Ich liebe dich, aber laß mich

allein.« (Wenn sie die Haare sich waschen wollte!)

Manchmal dachte er: Nein, ich liebe sie nicht, aber ich kann sie nicht

missen. Manchmal wiederum kam ihm der Ekel, wenn er sie essen sah, so wie

sich das Kind vor den Eltern graut . . .

»Was ist überhaupt die Liebe?«

Dann streichelte er ihre Wangen, und sie bedeckte seine Hände mit heißen

Küssen.

Oft saß er in der dunkelsten Ecke einer Weinstube und grübelte. Da sah er

die Maler, den Athleten, den Kapellmeister, den Kaufmann, den Studenten,

den Schauspieler, den Herrn v. B., ein langer Zug, an sich vorbeiziehn. Oh,

wer so glücklich ist, dabei zu sein, dachte er.

Er kroch förmlich in sich zusammen und wurde alt.

Es bleibt etwas für mich zu tun, fühlte er, aber ich weiß nichts Näheres,

vielleicht eine Mission . . . .

Im Grunde genommen wurde ihm das gleichgültig. Er träumte:

Sie ist müde in der Erfüllung und ruhig. Wie aber die, die in der Sehnsucht

altern? Er ging wieder unter die Bürger und trank.

Einmal hielt er in der Trunkenheit den johlenden Bürgern folgende Rede: Man

muß einen Aufruf erlassen. Zur Befreiung eurer Töchter. Gegen die

Ladenschwengel und Referendare. Gegen Einjährige und sonstiges Gesindel

. . . .

Da war ihm eine Vision. Er sah den Studenten als Amtsrichter, dickbäuchig,

beim Frühschoppen. Man witzelt über Weiber. Der Dickbauch lächelt in sein

Glas. Voll leiser Erinnerung. Überlegen. Interessant. Dann nimmt er einen

Schluck, sieht sich verstohlen im Kreise um und seufzt erleichtert auf. Im

Hafen . . . . der Hund!

Werner starrt in den Qualm, stürzt hinaus. Der Lärm tost hinter ihm drein.

Von qualvoller Angst gehetzt, jagt er durch die Straßen.

»Uh jeh! Wenn jetzt der D., der Kujon, bei meiner Frau liegt,« denkt er und

jagt weiter. Nach Haus.

Das Trottelbuch · 第 37 / 46 题