Die Person, um die es sich hier hauptsächlich handelt, heißt Emma Schnalke.
Oder auch anders. Das hat nichts zu sagen. Mit vierzehn Jahren wurde sie
auf die Straße gesetzt. In rascher Aufeinanderfolge war sie bei einem
Zahnarzt, in einem Konfektionsgeschäft, Beerdigungsinstitut, Friseurladen,
Schirmgeschäft, im Chor eines Operettentheaters. Es gefiel ihr nichts.
Die Männer, die ihr auf dem nächtlichen Heimwege vom Tanzlokal in die Augen
sahen, erschraken und gestanden sich enttäuscht: Es ist nichts. Sie sucht
etwas.
Gern war sie mit älteren Leuten zusammen. Sie log ihnen ein Dirnenleben
vor.
Mit 16 Jahren kam ein Rausch über sie, der sie erhob und entzückte. Ein
Schüler brachte sie zur Kunstschule und zeigte sie den Professoren.
Sie huschte durch die Säle und tanzte und jubelte, und wohin sie kam, war
ein Aufleuchten. Wie etwas Neues, Fernes, das zu ihnen gekommen war, das
alle erstaunte und wiederum auch war wie etwas, das alle erwartet hatten.
So huschte sie durch die Säle und war ihnen bei jeder Arbeit dabei.
Oft saß sie auf einem zierlich gezäumten Roß, mit Schellen und Trotteln,
als Edelfräulein, den Jagdfalken auf der Hand. Dann war es, als ob allen
eine Erscheinung aufginge, es kam etwas Erhabenes in diese jungen Köpfe,
und der jüngere der Professoren ging manchmal an den Steigbügel, hob sie
herab und drückte ihr einen scheuen Kuß auf die Stirn.
Nach solchen Tagen schritt sie taumelnd durch die Straßen, mit schlottrigen
Kleidern, eine Nachtwandlerin, oder saß an den Ufern des Flusses und griff
nach den Lichtfetzen, die die Strahlen der Bogenlampen ins Wasser rissen.
Keiner wagte es auszusprechen, was alle fühlten. Künstler waren wohl kaum
darunter. Indessen, diese jungen Leute waren sich bewußt, einen vom
alltäglich bürgerlichen etwas abweichenden Standpunkt einnehmen zu müssen,
auch in den Äußerungen ihres Gefühlslebens, und sie mühten sich darum. Sie
waren ihr dankbar, daß sie ihnen gleichsam die Gelegenheit bot, ihre
Zugehörigkeit zur Kunst zu empfinden und vor sich selbst zur Schau zu
tragen.
Ein Flackern kam in ihre Augen, und mancher krümmte sich wie unter einem
Spott. Es war wie eine geheime Abmachung unter ihnen, ein Schauer, der
jeden gefangen hielt, der die groteske Tragödie eines schal gewordenen
Märchens mitanzusehen gezwungen war. Es gährte in diesen Köpfen, eine Wut
stieg auf und ein Begehren, wenn die Straßenmodelle den Saal verlassen
hatten.
Manchmal saß sie nackt auf dem Pferde, und Bäume waren rings herum
aufgestellt, die mithelfen sollten, die Idee einer längst verbrauchten
Romantik in die Wirklichkeit umzusetzen. Es blieb ein Torso, und sie litten
darunter. Ihre Kraft erlahmte, und ihre Kunst ging weit, weit fort. Aber
sie schwiegen.
Unter den vielen war einer, der rang mit sich in manchen Nächten, und sein
heißes Blut schrie.
Der Rausch und die Ruhe begann zu schwinden, der Blick wurde beseelt und
bewußt, und einer, der draußen vor der Stadt das Gurren der Tauben vernahm,
schlug sich vor die Stirn: er kannte es wieder.
Aufregung hatte sich aller bemächtigt, mit dem schwindenden Rausch entwand
sie sich ihnen.
Es gab keine Märchen mehr.
Einmal kam der ältere der Professoren zu seinem Kollegen und fragte: »Der
H. hat mir erzählt, du willst heiraten?«
Der andere schwieg.
»Die v. B.?«
Minuten des Schweigens verstrichen.
»Und deine Kunst?« Sein Gesicht verzerrte sich, als wollte ein Pfui sich
durchringen.
Der andere beschwor ihn. Dann sprudelte es hervor. Seine Liebe zur »Katze«,
seine Qualen, seine Gesichte, das Heilige, und seine Ängste um seine Kunst
und um seine Professur -- -- Aber er würde sie zu sich nehmen -- Es klang
immer bestimmter, je länger er sprach.
Der Alte drückte ihm die Hand, dann redeten sie mit ernsten Mienen längere
Zeit, und etwas Sieghaftes lag in ihren Augen.
Es klopfte: -- die Katze.
Verlegenheit war um sie, schwand bald, und es klang herausfordernd:
»Ich habe eigentlich eine kleine Bitte, ich möchte gern 100 Mark geborgt
haben, ich will etwas ins Gebirge fahren.«
Der Alte zeigte auf den anderen:
»Wende dich an ihn« -- und mit bedeutungsvollem Lächeln ging er hinaus.
Es würgte in dem anderen, Trauer und Angst, ein Fremdes, Dumpfes bedrückte
ihn. Eine Sekunde lang stieg alles Liebe und Herzliche in ihm auf:
»Du -- (er zwang sich) -- willst fortfahren?«
»Ja -- mit dem Kapellmeister, du weißt -- Eine kleine Spritztour.«
Noch einmal versuchte er ihre Seele zu ketten, all' seinen Schmerz
konzentrierte er auf ein süßes, tiefes -- Du --, das er im Innern fühlte.
Er rang und griff, aber griff ins Leere. Dann ging er langsam zum Sekretär
und nestelte umständlich an einer Kassette.
Die Bewegungen waren seltsam gezwungen, ihre Augen blieben stumpf und
verschleiert. Eine Lüge war im Zimmer.
»Hier hast du -- -- Wann sehen wir uns wieder?«
»Danke schön. Nächste Woche --«