Frau Päsel feierte ihren 50. Geburtstag.
Frau Päsel wartete in einem Garten mit ihrer Tochter, der Frau König, zwei
volle Stunden auf Herrn König, der unter dem Vorwande, einen Bekannten
aufzusuchen, sich vom Tisch entfernt hatte und wahrscheinlich in einer
Kneipe nebenan ein Wiedersehen begoß.
»Du hättest ihn erst gar nicht gehen lassen sollen,« brummte die Alte.
Die Tochter kniff die Augen zusammen und schien mit Tränen zu kämpfen.
»Nu ja,« besänftigte die Mutter, »vertragen müßt ihr euch schon. Für dich
ist es schwer.« Sie seufzte tief auf.
Da kam Herr König.
Er kam tänzelnden Schrittes, machte eine tiefe Verbeugung und rief lustig:
»Guten Taaaag!«
Wirklich ein fescher Kerl. So ein Schlingel -- -- dachte die Alte und bekam
einen dicken, feuerroten Kopf. Dann schrie sie: »So treibst du's wieder, du
besoffner Lump.«
Herr König mühte sich, einen Zusammenhang zu finden.
»So muß alles zu Grunde gehen,« jammerte seine Frau und beobachtete dabei
einen Nebentisch, an dem irgend etwas vorgehen mußte, was Herr König nicht
sehen konnte.
Herr König blieb vorderhand ganz ruhig und setzte sich. Donnerwetter,
dachte er, und immer leiser: Donnerwetter, die paar Glas Bier und so. Aber
es wurmte ihn.
Die Alte redete weiter:
»Daß du dich auch gar nicht halten kannst. Gleich wieder den verfluchten
Fusel.« Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Du siehst doch, wie sich die Mutter grämt,« warf die andere ein und hatte
Verachtung im Blick.
Frau Päsel weinte. Dann sagte sie sanft:
»Willst du hier etwas essen?«
»Nein.«
»Aber iß doch, lieber Junge. Wie nett du aussiehst in dem neuen Hut . . .«
»Fritz, so iß doch was.«
»Halt die Fresse.«
Herr König schlug auf den Tisch.
»Ja, was ist denn -- -- vertragt euch doch, Kinder.«
Frau Päsel zitterte.
Die andere lachte auf.
»Laß ihn doch, er ist ja besoffen.«
»Was!? Das sollst du büßen. Warte nur . . .«
»Aber Kinder . . .«
»Das geht mir doch zu weit, oh warte. . .«
Er keuchte vor innerer Erregung.
»Sie hat es doch nicht so gemeint.«
»Oh die -- das muß sein,« er schnappte mit der Stimme über.
»Alle Leute werden ja auf euch aufmerksam,« flehte Frau Päsel. Sie war
leichenblaß.
Die andere riß die Augen weit auf, zog die Schultern automatisch ruckweise
rauf und runter und stieß schrille, pfeifende Schreie aus.
Die Alte hielt sie.
»Um Gotteswillen, was ist dir denn?«
»Der da -- der da -- der da« -- sie schrie weiter.
Er stürzte mit erhobener Faust auf sie zu.
»Sie hat wieder was, die Komödie, Aas verfluchtes.«
Die umsitzenden Leute lachten. Ein Kellner sagte zu jemandem: »Was geht das
Sie an . . .«
Frau Päsel rang die Hände und stotterte vor sich hin: »Was ist denn los um
Gotteswillen.« Ein entsetzlicher Gedanke fuhr ihr durch den Kopf: Wenn mich
hier jemand kennt, um Gotteswillen, der Päsel. Dann schrie sie ihren
Schwiegersohn an: »Dich kenn' ich jetzt.«
Herr König war starr. Er nahm seinen Hut und ging hinaus.
»Was ist denn, Kind?« jammerte die Alte.
Die junge Frau stand hastig auf.
»Mutter, er geht. Geh schnell.«
Frau Päsel lief hinaus und erwischte ihn noch an der Straßenecke.
»Wo willst du denn hin? Sei doch vernünftig.«
»Ich kann das Frauenzimmer nicht mehr sehen.«
Sie kam hinzu.
»Was hab ich dir denn getan?«
Sie weinte noch leise.
»Ich will nicht mehr. Schluß. Immer dasselbe.«
»Sprich doch nicht so . . .«
»So versöhnt euch doch, Kinder. Was muß ich mit euch noch alles erleben.«
Sie sah völlig gebrochen aus.
»Mit Kerlen treibt sie sich rum und alles so, und wenn ich dann . . .«
»Aber es hat ja niemand etwas gesagt,« mischte sich die Alte wieder hinein.
»Ich will nicht!« Er schrie so laut, daß die Passanten stehen blieben.
Frau König sah hilflos unschuldig aus. Sie schaute zu ihm auf und schien zu
flehen: Siehst du, so bin ich. Nimm mich doch.
Aber er hörte nichts. Er freute sich, daß ihm Unrecht geschah und fühlte,
wie ein reißender Strom sie von seiner Seite fortriß und entführte.
Die Frauen faßten ihn unter den Arm und lächelten.
Er merkte, daß er müde war, und daß es vielleicht besser wäre, jetzt alles
gut sein zu lassen, aber er riß sich mit einem Ruck los, daß Frau Päsel
unter den Stand eines Obsthändlers rollte. Er sprang auf eine
vorbeifahrende Tram und fuhr davon. Zu seiner Enttäuschung mußte er sich
eingestehen, daß niemand hinter ihm her schrie.
Abends auf der Heimfahrt sagte er zu seiner Frau:
»Eigentlich haben wir nichts erreicht. Mit dem Pump wird es wohl jetzt
nichts werden.«
»Siehst du, die Mutter ist nicht mal mit auf die Bahn gekommen,« schmollte
sie, »du bist auch immer so aufgeregt . . .«
Er grübelte: Ob sie es weiß, daß sie mich betrogen hat, und weiter: aber
der alten Kupplerin hätte ich es mal richtig geben sollen, und später: wenn
wir nur erst allein wären . . . Sie hatten sechs Stunden zu fahren.
Als sie dann im Abteil allein waren, küßten sie sich.