23. Vor der Mazurka.

Als Iwins aus dem Gastzimmer zurückkamen, wo Serjoscha trotz seines

angenehmen Äußeren den allgemeinen Tribut der Verlegenheit entrichtet

hatte, faßte ich ihn am Ellbogen und forderte ihn auf, zum Tanz nach

oben zu kommen.

»Los, los!« rief Etienne plump zutraulich, Serjoscha am Arm ziehend.

»Hat euer Deutscher eine Pfeife?«

Obgleich mir die Gesellschaft des jungen Fürsten und sein freier Umgang

mit Serjoscha durchaus nicht angenehm war, mißfiel mir noch mehr

Serjoschas Anwesenheit im Gastzimmer.

»~Où allez vous, Mr. Serge; ne voyez vous pas, qu'on va danser?~« Herr

Forst hielt uns auf. »Haben Sie Ihre Handschuhe?« fügte er hinzu.

»Gewiß; man muß Handschuhe anziehen,« Serjoscha holte ein paar neue

Glacés hervor.

Und wir haben keine, dachte ich. Was soll man machen. Geschwind

lief ich nach oben. Aber obgleich sämtliche Kommodenschiebladen

durchgestöbert wurden, fand ich nur unsere grauen Winterhandschuhe,

und einen einzelnen Glacé, der mir einmal viel zu weit war und dem

obendrein der Mittelfinger fehlte -- wahrscheinlich hatte Karl

Iwanowitsch ihn vor langer Zeit einmal für einen kranken Finger

abgeschnitten. Ich wußte nicht, was ich anfangen sollte, zog den Rest

des Handschuhs an, steckte den Mittelfinger durch das Loch und stand,

den Finger auf und nieder bewegend und einen Tintenfleck aufmerksam

betrachtend, sehr nachdenklich da.

Wenn jetzt Natalie Sawischna hier gewesen wäre, die hätte schon

Handschuhe gefunden! Nach unten gehen konnte ich in diesem Aufzuge

nicht, denn wenn man fragte, warum ich nicht tanzte -- was sollte ich

erwidern? Hier bleiben konnte ich auch nicht, weil man mich finden

würde. Also was tun? -- Ich rang verzweifelt die Hände. Ich war einfach

verloren; schrecklich! -- sagte ich, stellte das Stearinlicht auf die

offene Kommodenschieblade, senkte den Kopf auf die Brust und machte ein

finsteres Gesicht.

Plötzlich ertönte unten Musik. Ich sprang unwillkürlich auf, rannte

durch alle Zimmer und suchte Handschuhe: in Heften, unterm Globus,

zwischen Stiefeln -- da aber keine da waren, blieb all mein Suchen

umsonst.

Mit den Worten: »Was machst du denn hier?« kam Wolodja hereingelaufen,

»engagiere schnell eine Dame; es geht gleich los.«

»Wolodja,« ich zeigte ihm meine vier Finger in dem Glacé und sagte mit

einer fast verzweifelten Stimme, »Wolodja, du hast auch nicht daran

gedacht, daß wir ...«

»Was denn?« fragte er ungeduldig.

»Wie können wir so! ...« erwiderte ich fast unter Tränen und hielt ihm

meine Hand vors Gesicht.

»Ach Handschuhe,« meinte er ganz gleichgültig. »Nein, das geht nicht

... wir müssen Großmutter fragen; was die sagen wird.«

Damit lief er nach unten. Seine Worte verscheuchten den düsteren

Schatten, der auf dem Ereignis lag; ich begab mich schnell zu

Großmutter.

Vorsichtig an ihren Sessel herantretend und ihre Mantille leicht

berührend, fragte ich im Flüsterton: »Großmutter! Was sollen wir

machen? Wir haben keine Handschuhe.«

»Was willst du, Kind?«

»Wir haben keine Handschuhe,« wiederholte ich, die andere Hand auf die

Sessellehne legend. Ich wollte nur von Großmutter gehört werden.

»Was ist denn das?« sie ergriff meine rechte Hand, an der noch immer

der schmutzige Handschuh mit abgeschnittenem Finger saß. »~Voyez ma

chère~,« wandte sie sich an Frau Walachin und zog mich trotz meines

Widerstrebens an einen sichtbaren Platz. »~Voyez comme ce jeune homme

c'est fait élégant pour danser avec votre fille.~«

Großmutter hielt mich fest an der Hand und sah sich ernst aber fragend

nach den Anwesenden um, bis die Neugierde aller befriedigt war und das

Gelächter allgemein wurde.

Die Freude Sonjas, die über meine komische Figur mit den vier Fingern

im schmutzigen Handschuh dermaßen lachte, daß ihr Tränen in die Augen

traten und die Locken entzückend um ihr gerötetes Gesicht tanzten,

steckte mich an: ich lachte jetzt am allerlautesten.

Sehr traurig wäre ich gewesen, wenn Serjoscha mich gesehen hätte, als

ich, dunkelrot vor Scham, umsonst versuchte, meine Hand loszureißen;

vor Sonja dagegen schämte ich mich nicht. Ich fühlte, daß ihr Lachen

zu laut und ungezwungen war, um spöttisch zu sein. Im Gegenteil,

dadurch, daß wir zusammen lachten und uns ansahen, wurden wir schneller

miteinander bekannt; ich fühlte mich bald so sicher, daß ich sofort um

eine Quadrille bat.

Die Episode mit dem Handschuh, die schlecht enden konnte, brachte

mir den Nutzen, daß sie mir in einem Kreise, der mir stets am

schrecklichsten war, -- unter Gästen -- Sicherheit gab; ich fühlte

jetzt nicht die geringste Befangenheit mehr.

Das Leiden, das aus Verlegenheit entspringt, rührt daher, daß wir nicht

wissen, welchen Eindruck wir auf andere machen. Sobald wir hierüber

Gewißheit haben, hört das Leiden -- mag der Eindruck sein wie er will

-- auf.

Wie lieb war Sonja Walachin, als sie mir gegenüber mit dem plumpen

Etienne die ~Quadrille à la cour~ tanzte! Wie reizend, als ob wir uns

schon eine Ewigkeit kennen würden, reichte sie mir bei der ~Chaine~

lächelnd die Hand. Wie niedlich im Takt hüpften die blonden Locken

auf ihrem Kopf und wie zierlich führte sie das »~Jeté assemblé~« mit

ihren kleinen Füßchen in den bebänderten Chevreauschuhen aus -- alles

nach den Klängen des »Donauweibchens«, die ich bis jetzt nicht ohne

süßes Herzbeben hören kann. Obgleich sie dem jungen Fürsten, der sie

in eine Unterhaltung zu ziehen suchte, ebenso lieb zulächelte, war

ich doch glücklich. Bei der fünften Figur, als meine Dame vor mir auf

die andere Seite tanzte und ich, die Takte zählend, mich auf das Solo

vorbereitete, legte Sonja ernsthaft die Lippen zusammen und sah zur

Seite, als hätte sie Mitleid mit mir und fürchtete, ich könnte konfus

werden. Aber diese Sorge war umsonst; ich führte kühn das ~chassé en

avant~, ~en arrière~ und ~croissé~ aus, und als ich an ihr vorbeikam,

zeigte ich ihr den Handschuh mit vier Fingern. Wie lieb lachte sie da,

und wie lustig und naiv hüpften die Füßchen in den Chevreauschuhen auf

dem Parkett. Als wir uns bei dem ~grand rond~ alle an der Hand faßten

und einen Kreis bildeten, rieb sie sich, ohne meine Hand loszulassen,

ihr Näschen am Handschuh.

Alles das steht mir noch heute vor Augen. Dann kam die zweite Quadrille

mit Sonja.

Die Musik, das helle Licht, die Diener in weißen Krawatten, der

besondere Ballgeruch -- alles das bewirkte, daß ich, neben Sonja auf

meinem Stuhl mich niederlassend, anstatt einfach zu sprechen, um jeden

Preis mit meinem Französisch glänzen wollte und schreckliche Dummheiten

sagte.

»~Vous êtes une habitante de Moscou?~« fragte ich nach kurzem

Schweigen. Als sie bejahte, fuhr ich ebenso fort: »~Et vous êtes native

de quel gouvernement?~« dabei besonders auf die Wirkung des Wortes

»~native~« rechnend. Als sie mich dann fragte, ob ich früher schon in

Moskau gewesen sei, erwiderte ich, eine malerische Pose auf meinem

Stuhl einnehmend: »~Et moi, je n'ai jamais frequenté la capitale~,« mit

dem Bestreben, sie durch das Wort »~frequenter~« endgültig von meinen

vorzüglichen Kenntnissen des Französischen zu überzeugen.

Indessen fühlte ich mich, so glänzend meine Unterhaltung auch war,

doch nicht imstande, sie mit derselben Verve fortzusetzen; wenn nicht

bald an uns die Reihe zum Tanzen kam, oder sie mir aus der schwierigen

Situation hinaushalf, war ich genötigt, die ganze Zeit zu schweigen.

In Erwartung ihrer Unterstützung und neugierig, welchen Eindruck mein

Französisch auf sie machte, blickte ich ihr unruhig ins Gesicht.

»Wo haben Sie den komischen Handschuh her?« fragte sie mich plötzlich.

Diese Frage verschaffte mir große Erleichterung und Vergnügen. Ich

erklärte ihr, der Handschuh gehörte Karl Iwanowitsch, und verbreitete

mich etwas über seine Person, wie komisch er wäre und wie er einmal mit

seiner grünen Pekesche vom Pferd in eine Pfütze gefallen sei.

In der Unterhaltung über Karl Iwanowitsch, das Land, Pilze und das

Pferd verging unmerklich die Quadrille. Alles sehr schön, aber warum

hatte ich mich ironisch über Karl Iwanowitsch geäußert? Fürchtete ich

wirklich, die gute Meinung, die Sonja von mir hatte, zu verlieren, wenn

ich ihn mit der Liebe und Verehrung schilderte, die ich bisweilen für

ihn hegte?

Bei der Beendigung der Quadrille sagte Sonja mit solch liebem und

freundlichem Ausdruck »~Merci~« zu mir, als wenn sie mir wirklich für

etwas zu danken hätte; ich war einfach hingerissen und erkannte mich

selbst nicht wieder, so kühn, selbstbewußt, ja frech trat ich auf.

Keck schlenderte ich durch alle Räume, ohne auf etwas zu achten; bog

nicht einmal aus, sondern rannte sehr unhöflich mit den Leuten, die mir

begegneten, zusammen. Es gibt nichts, was mich jetzt aus der Fassung

bringen kann, dachte ich. Ich bin zu allem bereit.

Serjoscha bat mich, sein ~vis-à-vis~ zu sein.

»Gut,« sagte ich, »hab' zwar noch keine Dame, werde aber schon eine

finden.«

Den Saal mit einem kühnen Blick musternd, bemerkte ich, daß fast

alle Damen engagiert waren; nur an der Tür stand ein großes hübsches

Mädchen, auf das jetzt ein schlanker junger Mann zuschritt; offenbar

in der Absicht, sie zu engagieren. Er war von ihr nur noch drei

Schritt entfernt, ich dagegen am anderen Saalende. Im Nu durchflog

ich, auf dem Parkett dahingleitend, den ganzen Raum, machte eine

Verbeugung und bat sie mit fester Stimme um den Tanz. Das große Mädchen

lächelte gönnerhaft, reichte mir den Arm, und der junge Mann hatte das

Nachsehen. Ich fühlte so viel Kraftbewußtsein, daß ich meinen Sieg

gar nicht bemerkte. Erst später erfuhr ich, der junge Mann hätte

gefragt, wer denn der Struwwelpeter wäre, der ihm zwischen den Beinen

herumgesprungen sei und so frech die Dame weggeschnappt hätte.

Kindheit: Autobiographische Novelle · 第 30 / 55 题