Wenn es auch niemand zugab, so gruselte uns allen doch in der
Dunkelheit, und wir rückten dicht nebeneinander. Nicht lange hatten
wir gewartet, da trat Grischa mit seinem Stab in der einen und einem
Talglicht im Messingleuchter in der anderen Hand leise ins Zimmer. Wir
wagten kaum zu atmen.
Unaufhörlich betete Grischa: »Erbarme dich unser, Herr Jesus Christ,
heil'ge Mutter Gottes« mit verschiedenen Betonungen und Abkürzungen,
wie sie nur diejenigen gebrauchen, die die Worte häufig aussprechen.
Unter Beten stellte er seinen Stab in die Ecke, besah das Bett und
begann sich auszukleiden. Zunächst wickelte er seinen alten schwarzen
Gürtel los und zog dann den zerrissenen langen Nangkingrock aus,
faltete ihn zusammen und legte ihn über die Stuhllehne -- alles das
geschah mit Sorgfalt, langsam. Sein Gesicht sah jetzt nicht wie
gewöhnlich zerfahren, unruhig und stumpfsinnig aus, sondern war im
Gegenteil ruhig, achtunggebietend und nachdenklich.
Nur noch mit dem Hemd bekleidet, ließ er sich langsam auf das Bett
nieder und zog, wie man sehen konnte, mit Anstrengung -- denn er verzog
das Gesicht dabei -- die Ketten unter dem Hemde hoch. Nachdem er einen
Augenblick gesessen hatte, stand er auf, hob unter Gebet das Licht
bis zur Höhe des Heiligenschreins, in dem ein paar Bilder standen,
bekreuzigte sich und kehrte das Licht mit der Flamme nach unten. Es
verlosch knisternd.
In die nach dem Walde zu gelegenen Fenster schien der Vollmond. Auf
der einen Seite sah man die vom Mondlicht beschienene Gestalt des
Pilgers, auf der anderen Seite einen langen Schatten, der mit dem des
Heiligenschreins auf den Fußboden und die Wand fiel und bis zur Decke
reichte. Draußen klopfte der Wächter gegen die Eisenplatte.
Grischa kreuzte die Arme über der Brust, senkte den Kopf und seufzte
unaufhörlich; endlich sank er mühsam auf die Knie und begann zu
beten; anfangs leise, nur einige Worte hervorhebend, dann mit stets
zunehmender Erregung. Er sprach keine bekannten Gebete mehr, -- die
hatte er bereits hergesagt -- sondern gebrauchte seine eigenen,
einfachen, kunstlosen Worte mit slawischen Endungen. Er betete für
sich, bat, Gott möge ihm verzeihen, betete für Mama, für uns und
schloß: »Gott, vergib meinen Feinden.« Dann erhob er sich ächzend,
wiederholte immer dieselben Worte, fiel auf den Fußboden nieder, schlug
mit der Stirn auf die Dielen und richtete sich mit den schweren
Ketten, die beim Berühren des Bodens laut klirrten, wieder auf.
Wolodja kniff mich ins Bein und zwar sehr heftig; ich sah mich aber
nicht um, sondern rieb mir mit der Hand das Bein und verfolgte mit
einem Gefühl kindlichen Erstaunens, Mitleids und frommer Rührung alles,
was da nebenan geschah.
Statt der lustigen Scherze und des Lachens, auf die ich in dem Versteck
gerechnet hatte, fühlte ich Zittern und Herzklopfen.
Lange, lange blieb Grischa in diesem Zustand religiöser Verzückung und
sprach seine selbsterfundenen Gebete. Die Worte waren einfach, aber
rührend. Bald wiederholte er mehrmals hintereinander: »Herr, erbarme
dich unser! Herr, erbarme dich unser!« aber jedesmal mit neuer Inbrunst
und anderem Ausdruck -- bald betete er: »Verzeih mir, Gott! Zeig mir,
was ich tun soll; zeig mir, was ich tun soll! mein Gott!« mit einem
Ausdruck, als wenn er mit jemandem spräche und sofort eine Antwort
erwartete. Dann wieder ertönte klägliches Schluchzen. Endlich erhob er
sich auf die Knie, kreuzte die Arme auf der Brust, richtete die Augen
gen Himmel und verstummte.
Ich schob langsam den Kopf durch die Tür und blickte mit verhaltenem
Atem auf Grischa. Er rührte sich nicht; aus seiner Brust drang schweres
Stöhnen; sein blindes Auge wurde vom Mond beschienen, der trübe,
weißfarbene Augapfel war feucht und an den Wimpern hing eine Träne.
»Dein Wille geschehe!« rief er plötzlich mit nicht wiederzugebendem
Ausdruck, fiel mit der Stirn auf den Boden und schluchzte wie ein Kind.
Viel Wasser ist seitdem zu Tal geflossen; viele Erinnerungen haben ihre
Bedeutung verloren und sind leere Träume geworden; sogar der Pilger
Grischa hat längst seine letzte Pilgerfahrt beendet -- der Eindruck
aber, den er auf mich machte, und das Gefühl, das er in mir hervorrief,
werden niemals aus meinem Gedächtnis schwinden.
O, du großer Christ Grischa! Wie stark war dein Glaube! Du wußtest, daß
Gott dich hört; deine Liebe war so groß, daß die Worte von selbst über
deine Lippen strömten -- du hast sie nicht mit dem Verstand abgewogen.
Und welch hohes Lob warst du für Seine Größe, als du ohne Wort dich in
Tränen auf den Boden warfst! ...