Als Ljubotschka im Spiel von einem Baum amerikanische Früchte pflückte,
riß sie ein Blatt mit einer großen grünen Raupe ab. Erschreckt
schleuderte sie es auf den Boden und schnitt dabei eine komische
Grimasse; hob die Hände hoch und sprang beiseite, als fürchtete sie,
mit etwas bespritzt zu werden. Das Spiel hörte auf und wir bückten
uns alle und steckten die Köpfe zusammen, um dieses Wundertier zu
betrachten. Katja war so mutig, die Raupe aufzuheben, schob ihr einen
trockenen Grashalm in den Weg und machte, um das besser zu können, eine
Bewegung mit der Schulter, über die Mimi stets ärgerlich wurde und
sagte: »~C'est un mouvement de femme de chambre.~«
Das Kleid mit dem Halsausschnitt rutschte den Mädchen beim Bücken von
der Schulter. Sie brachten es dadurch wieder in die richtige Lage, daß
sie die Schulter senkten und schnell hoben. Über die Raupe gebeugt,
machte Katja eben diese Bewegung, als ich ihr über die Schulter
blickte. Der Wind hob das Busentuch von ihrem weißen Halse. Ich blickte
schon nicht mehr auf die Raupe, sondern auf die nur zwei Finger breit
von meinen Lippen entfernte nackte Schulter. Ich sah und sah, und
preßte dann meine Lippen so heftig darauf, daß Katja zurückwich, und
empfand dabei solchen Genuß, daß ich am liebsten nie aufgehört hätte.
Katja wandte sich nicht einmal um; aber ich bemerkte, daß nicht
nur die Stelle, die ich geküßt, sondern ihr ganzer Hals rot wurde.
Wolodja sagte verächtlich, ohne den Kopf zu heben: »Was sind das für
Zärtlichkeiten!« und beschäftigte sich weiter mit der Raupe. Mir aber
traten vor Lust und Scham Tränen in die Augen.
Dieses Lustgefühl war für mich ganz neu; nur einmal, als ich meinen
bloßen Arm betrachtete, hatte ich etwas Ähnliches empfunden.
Obgleich ich mich sehr schämte, verwandte ich von jetzt ab kein Auge
von Katja.
Während wir spielten, überredete Mama den Vater, die Trennung bis auf
morgen nach dem ersten Frühstück zu verschieben, und davon wurde uns
sofort Mitteilung gemacht.
Auf dem Heimweg ritten wir neben dem Jagdwagen. Wolodja und ich suchten
uns gegenseitig an Schneidigkeit und Reitkunst zu überbieten und
galoppierten um den Wagen herum. Mein Schatten war jetzt länger als
vorhin; daraus schloß ich, daß ich einen stattlichen Reiteranblick
böte. Das Gefühl der Zufriedenheit, das ich darüber empfand, wurde aber
bald durch folgenden Vorfall beeinträchtigt.
In dem Wunsche, alle Insassen des Wagens endgültig für mich
einzunehmen, besonders Katja, die zwar selten, aber doch nach mir
ausschaute, blieb ich etwas zurück, trieb dann mein Pferdchen mit Gerte
und Füßen vorwärts, nahm eine ungezwungen graziöse Haltung an und
wollte im Galopp auf der Seite, wo Katja saß, am Wagen vorübersprengen.
Ich war nur bezüglich eines Punktes unschlüssig, ob ich nämlich
schweigend oder mit Hurrageschrei vorübersprengen sollte.
Als der unausstehliche Gaul aber neben den Wagenpferden war, blieb er
trotz all meiner Bemühungen so unerwartet stehen, daß ich vom Sattel
auf den Hals flog und fast gefallen wäre. Krebsrot vor Scham suchte ich
wieder Haltung anzunehmen und ritt dann, ohne mich weiter umzusehen,
hinter den anderen her. Im Augenblick meines Mißgeschicks hatte ich
Geschrei, Kreischen und Gelächter aus dem Wagen gehört; und unter den
Lachenden war Katja. Deswegen war ich ihr schrecklich böse.
Zu Hause angelangt, ließ Mama Lichter bringen, nahm ein Notenheft und
setzte sich ans Klavier. Wolodja, Ljuboschka und Katja liefen in den
Saal, um zu spielen; ich kletterte mit den Füßen auf den Großvaterstuhl
im Gastzimmer und legte mich hin, um zuzuhören. Katja kam, um mich auch
in den Saal zu holen; aber ich war ihr böse und bat sie, mich in Ruhe
zu lassen.