Am 12. August 1836, genau drei Tage nach meinem elften Geburtstag, an
dem ich mein zehntes Lebensjahr vollendet und so herrliche Geschenke
erhalten hatte, um sieben Uhr morgens, weckte mich Karl Iwanowitsch,
indem er mit einer Fliegenklappe aus Packpapier an einem Stock
nach einer Fliege schlug. Er tat dies so ungeschickt, daß er mein
Heiligenbild an der eichenen Bettlehne berührte und daß die tote Fliege
auf mein Kissen fiel. Ich schob den Kopf unter der Decke hervor, hielt
das schaukelnde Bild mit der Hand fest, warf mit Abscheu die tote
Fliege fort und blickte zwar mit verschlafenen aber bösen Augen Karl
Iwanowitsch an, der in seinem bunten, wattierten, durch einen hinten
angenähten Gürtel (aus demselben Stoff) zusammengehaltenen Schlafrock,
einer roten, gestrickten Zipfelmütze mit Troddel, in weichen
Saffianschuhen, die Fliegenklappe in der Hand, weiter die Wände entlang
schlich, zielte und schlug.
Wenn ich auch klein bin, dachte ich, welches Recht hat er aber, mich zu
stören, zu quälen und mit der Klappe nach dem Bild zu schlagen? Warum
klatscht er nicht die Fliegen bei Wolodjas Bett? Da sind so viele! O,
er hat Angst vor Wolodja, der könnte sich beklagen, weil er älter ist
als ich -- bald dreizehn Jahre. Ich bin der Allerjüngste, deswegen
quält er mich. Nur daran denkt er sein ganzes Leben lang, wie er mich
ärgern kann -- flüsterte ich, die Zähne zusammenpressend. Er sieht sehr
gut, daß er mich erschreckt hat, tut aber, als ob er nichts merkt,
der abscheuliche Mensch ... Sein Schlafrock, die Zipfelmütze und die
Troddel -- wie widerwärtig das alles ist.
Während ich so in Gedanken meinem Ärger über Karl Iwanowitsch, der mich
nicht ausschlafen ließ, Ausdruck verlieh, trat er zu seinem Bett, sah
nach der Uhr, die in einem mit Glasperlen gestickten Pantoffel hing,
hängte die Fliegenklappe an den Nagel und rief uns, augenscheinlich
in bester Stimmung, auf gut deutsch zu: »Auf, Kinder, auf; 's ist
Zeit! Die Mutter ist schon im Saal,« kam dann zu mir, setzte sich
zu meinen Füßen und holte seine Tabaksdose aus der Tasche. Ich tat,
als schliefe ich; steckte den Kopf unter die Decke. Karl Iwanowitsch
schnupfte, nahm sein gewürfeltes Taschentuch und schneuzte sich mit den
tabakbeschmutzten Fingern. Dann schob er die Hand unter meine Bettdecke
und kitzelte mich an den Fußsohlen. »Nun, nun, Faulenzer,« sagte er
dabei und lachte. So große Angst ich auch vor dem Kitzeln hatte, sprang
ich doch nicht aus dem Bett, antwortete ihm auch nicht, sondern steckte
nur den Kopf wieder unter die Decke, schlug mit den Füßen um mich,
kreischte und gab mir krampfhaft Mühe, das Lachen zu verbeißen.
Wie ist er gut und wie hat er uns lieb. Und ich konnte so schlecht von
ihm denken!
Jetzt konnte ich mich nicht mehr halten, schob den Kopf unter dem
Kissen hervor und rief mit Tränen in den Augen: »Ach, lassen Sie, Karl
Iwanowitsch!«
Er ließ verwundert meine Fußsohlen los und fragte mich besorgt, was mit
mir wäre. Ob ich etwas Schlimmes geträumt hätte. Sein braves, deutsches
Gesicht, die Teilnahme, mit der er sich bemühte, den Grund meiner
Tränen zu erraten, verstärkten meine Rührung. Ich schämte mich; begriff
nicht, wie ich eine Minute vorher solch' unschöne Gedanken hatte hegen,
seinen Schlafrock, die Zipfelmütze und Troddel hatte widerwärtig finden
können. Jetzt erschien mir, im Gegenteil, alles sehr lieb, und sogar
die Troddel war mir ein klarer Beweis seiner Güte.
Ich sagte Karl Iwanowitsch, ich hätte geträumt, Mama stürbe. Und als
er mich freundlich zu trösten und zu beruhigen suchte, kam es mir vor,
als hätte ich wirklich diesen schrecklichen Traum gehabt, obgleich ich
entschieden nichts mehr wußte -- und meine Tränen flossen nun schon aus
einem anderen Grunde.
Karl Iwanowitsch ging ins Klassenzimmer; ich zog schluchzend meine
Strümpfe an und dachte über den schrecklichen, erfundenen Traum nach.
Jetzt trat unser Wärter Nikolas ins Zimmer, ein kleines, sauberes,
geschorenes Männchen, stets ernst, akkurat, respektvoll und ein
großer Freund von Karl Iwanowitsch. Er brachte unsere Kleider und das
Schuhzeug: Stiefel für Wolodja, mir einstweilen noch diese dummen
Schuhe mit Bändern. In seiner Gegenwart schämte ich mich zu weinen;
außerdem schien die Morgensonne lustig ins Fenster, und Wolodja machte
am Waschbecken nach, wie sich Marja Iwanowna (die Gouvernante unserer
Schwester) wusch und lachte dabei so lustig und laut, daß sogar der
ernste Nikolas mit dem Handtuch auf der Schulter, dem Wasserkrug in der
einen und der Seife in der anderen Hand losplatzte und dann sagte: »Nun
hören Sie auf, Wladimir Petrowitsch; bitte, waschen Sie sich.«
Ich war wieder ganz vergnügt.
Aus dem Klassenzimmer nebenan ertönte Karl Iwanowitschs Stimme, jetzt
schon ohne den Ausdruck von Güte, die mich zu Tränen rührte. Er rief
vielmehr streng: »Sind Sie bald fertig?«
Im Klassenzimmer war Karl Iwanowitsch ein ganz anderer Mensch:
Amtsperson, Erzieher. Ich zog mich schnell an, wusch mich und folgte
seinem Ruf, noch mit der Bürste in der Hand, das nasse Haar kämmend.
In demselben Aufzug, die Brille auf der Nase, über die hinweg er
Wolodja ansah, der etwas ausgefressen hatte und in der Ecke kniete,
saß auf seinem gewöhnlichen Platz, rechts zwischen Tür und Fenster
Karl Iwanowitsch. Links von der Tür hingen zwei Bücherborte: das eine
unseres, für Kinder; das andere seins, sein Eigentum! Auf unserem
befanden sich alle möglichen Bücher: Lehrbücher und andere, gebunden
und ungebunden; teils standen, teils lagen sie. Nur zwei große Bände
»~Histoire des voyages~« in rotem Einband standen stets akkurat am
Rande; dann kamen lange, dicke, kleine Bücher, Deckel ohne Bücher
und umgekehrt -- da wurde alles hingestopft und -geworfen, wenn er
vor der Erholungspause die »Bibliothek«, wie Karl Iwanowitsch das
Bücherbort nannte, in Ordnung bringen hieß. Die Büchersammlung auf
seinem eigenen Bort war nicht so groß wie unsere, dafür aber noch
mannigfaltiger. Ich erinnere mich an drei Bücher: eine deutsche
Broschüre über die Düngung in Kohlgärten -- ungebunden; ein Band der
Geschichte des Siebenjährigen Krieges, in Pergament, an einer Ecke
durchgebrannt; und ein vollständiges Lehrbuch der Hydrostatik. Während
seines ganzen fünfzehnjährigen Aufenthaltes in unserem Hause las Karl
Iwanowitsch nichts als diese Bücher und die Zeitschrift »Nordische
Biene«, verbrachte aber die größere Hälfte des Tages mit Lektüre, so
daß er sich die Augen verdarb. Außerdem las er noch die Bibel, aber
nur Sonntags. Unter den Gegenständen auf seinem Bücherbort ist mir
einer ganz besonders im Gedächtnis geblieben: das war eine Scheibe
aus Pappe mit hölzernem Gestell, an dem sich die Scheibe durch Stifte
hoch und niedrig stellen ließ. Auf die Scheibe war ein Bild geklebt,
die Karikatur einer Dame und eines Friseurs. Karl Iwanowitsch war sehr
geschickt im Kleben und hatte diese Scheibe eigenhändig zum Schutz
seiner schwachen Augen vor dem Licht verfertigt. Noch jetzt sehe ich
die lange Gestalt im wattierten Schlafrock und roter Zipfelmütze, unter
der spärliches, graues Haar hervorguckt. Er sitzt am Tisch mit der
Friseurpappscheibe; Schatten fällt auf sein Gesicht. In der einen Hand
hält er das Buch gegen das Licht, die andere ruht auf der Sessellehne.
Neben ihm liegt die Uhr mit einem Jäger auf dem Zifferblatt, sein
gewürfeltes Schnupftuch, die schwarze, runde Tabaksdose, ein grünes
Brillenfutteral, die Lichtschere auf dem Untersatz: alles liegt so
akkurat und symmetrisch auf seinem Platz, daß man schon daraus auf das
reine Gewissen und den Seelenfrieden dieses Mannes schließen kann.
Wenn ich unten im Saal genug herumgetollt hatte, schlich ich wohl auf
Zehenspitzen oben ins Klassenzimmer und sah, wie Karl Iwanowitsch
allein in seinem Lehnstuhl saß und mit dem gewöhnlichen wichtigen
Ausdruck las. Bisweilen traf ich ihn nicht lesend: die Brille auf die
große Adlernase heruntergerutscht, die blauen, halbgeschlossenen Augen
mit sonderbarem Ausdruck über das Buch hinwegblickend und die Lippen zu
einem traurigen Lächeln verzogen. Im Zimmer herrschte Stille; nur sein
gleichmäßiges Atmen war zu hören und das Ticken der Jägeruhr. Da wurde
einem traurig zumute.
Oft, wenn er mich nicht bemerkte, stand ich da und dachte: armer, armer
Karl Iwanowitsch. Wir unten spielen -- wir sind viele, sind vergnügt;
er aber ist unglücklich und ganz allein, und niemand hat ihn lieb.
Er sagt mit Recht, daß er verwaist ist. Wie schrecklich ist seine
Lebensgeschichte, die er Nikolas einmal erzählt hat ... Schrecklich
ist seine Lage! Er tut einem so leid, daß man bisweilen hingeht,
ihn bei der Hand faßt und sagt: »lieber Karl Iwanowitsch!« Er hatte
es gern, wenn man so zu ihm sprach, streichelte mich stets und war
augenscheinlich gerührt. Ich benutzte die Gelegenheit und bat ihn dann
schnell, mir ein Hasen- oder Nonnenschattenbild an der Wand zu zeigen
oder eine Maus aus dem Schnupftuch zu machen.
An der anderen Wand hingen Landkarten, fast sämtlich zerrissen, aber
von Karl Iwanowitsch kunstgerecht wieder zusammengeklebt. Trotzdem sah
Europa Gott weiß welchem Ungeheuer ähnlich.
An der dritten Wand, in deren Mitte die Tür nach unten führte, hingen
auf der einen Seite zwei Lineale: eins zerschnitten für unseren
Gebrauch, das andere, neue, sein Eigentum, wurde mehr zu unserer
Aufmunterung als zum Liniieren gebraucht. Auf der anderen Seite eine
schwarze Tafel, auf der mit Nullen unsere großen und mit Kreuzen die
kleinen Sünden vermerkt wurden. Links vor der Tafel beim Ofen war die
Ecke, in der wir niederknien mußten und in der gegenwärtig Wolodja
kniete.
Als ich eintrat, blickte er Karl Iwanowitsch an, der aber die Augen
nicht aufschlug. Da setzte Wolodja sich auf die Knie, schnitt mir
eine furchtbar komische Grimasse und hielt sich die Nase zu, um nicht
loszuplatzen. Aber das nützte nichts, er prustete dennoch, während Karl
Iwanowitsch ins Schlafzimmer ging, um sich anzukleiden.
Wie genau ich mich an diese Ecke erinnere! Ich weiß noch die
Ofenklappe, das Luftloch darin, das Sausen, wenn man die Klappe aufzog.
Bisweilen kniete und kniete ich da in der Ecke und dachte: Karl
Iwanowitsch hat dich vergessen; sah mich um, aber da saß er immer noch
in derselben Haltung, las seine Geschichte des Siebenjährigen Krieges
oder die Hydrostatik. Für ihn vielleicht ganz gemütlich; an mich aber
denkt er nicht! Da fängt man denn an, um sich bemerkbar zu machen,
leise die Ofenklappe zu öffnen und zu schließen, oder Kalk von der
Wand zu kratzen; wenn man aber schließlich ein zu großes Stück lockert
und dieses mit Gepolter auf den Boden fällt -- dann ist wahrhaftig die
Angst schlimmer als jede Strafe; man sieht sich um -- er sitzt immer
noch in derselben Haltung.
Die letzte Wand nahmen drei Fenster ein. Mitten im Zimmer stand ein
Tisch mit zerrissenem schwarzen Wachstuch, unter dem an vielen Stellen
die mit dem Federmesser zerschnittenen Tischecken hervorguckten.
Ringsum ungestrichene, vom langen Gebrauch aber glänzend blank
gewordene, harte Sitzböcke.
Als Karl Iwanowitsch hinausgegangen war, ging ich zu Wolodja und
fragte: »warum?«
»Ach, Dummheit,« meinte er nachlässig, »weil ich mich zum Fenster
hinausgelehnt habe, um Akim zu sehen (Akim war unser halbverrückter
Gärtner) und nicht bemerkt habe, daß er da seine dummen Schachteln zum
Trocknen aufgestellt hatte; da habe ich aus Versehen eine zerdrückt.«
»Welche denn?« fragte ich.
Er konnte mir nicht antworten, weil in diesem Augenblick Karl
Iwanowitsch, vollständig angekleidet, im blauen Rock und grauen Hosen
ins Zimmer trat. Wolodja deutete mit seinen dreisten, schwarzen Augen
nur auf die Ecke hinter dem Ofen, hob wieder die Schultern und wäre
beinahe losgeplatzt.
Ich sah hin; das beste Erzeugnis Karl Iwanowitschs -- ein Futteral mit
zwei Zwischenwänden, das nur noch trocknen und mit Einfassung beklebt
werden mußte, um am Namenstage einem Familienmitgliede als Präsent
dargebracht zu werden, ein Futteral, für welches Karl Iwanowitsch beim
Tischler Kondratius extra eine Form bestellt, an dem er mit besonderer
Sorgfalt und Liebe gearbeitet hatte -- dieses Futteral lag zerdrückt,
verbogen hinter dem Ofen zwischen Staub und neben der Dielenbürste
auf dem Fußboden -- wahrscheinlich hatte Karl Iwanowitsch es in einem
Augenblick des Ärgers selbst dorthin geworfen.
Es kam mir sonderbar vor, daß Wolodja darüber lachen konnte.
Karl Iwanowitsch blieb vor der Tür stehen und begann auf dem oberen
Balken mit Kreide Buchstaben und Ziffern zu malen. Er führte seinen
Kalender auf dieser Tür; da aber der ganze Monat nicht auf das obere
Gesims hinaufging, so wischte er an gewissen Tagen das Geschriebene aus
und schrieb neue Zeichen hin.
Während er damit beschäftigt war, trat ich zum letzten Fenster. Die
Aussicht von dort war folgende: gerade unter dem Fenster ein großer
Fliederbusch, hinter dem Busch eine geschorene Lindenallee, durch die
man die Wiese sah, mit der Tenne auf der einen Seite und dem Wald auf
der anderen und gegenüber. Im Walde sah man die Wärterhütte. Es läßt
sich nicht beschreiben, wie schön das alles war.
Aus dem Fenster rechts war ein Teil der Veranda sichtbar, auf welcher
meistens alles bis zum Mittagessen saß. Bisweilen, während Karl
Iwanowitsch das Diktat korrigierte, blickte ich nach jener Seite,
sah dann das schwarze Köpfchen der Mutter, einen Rücken und hörte
undeutliches Gespräch und Lachen. Ich war recht ärgerlich, daß ich
nicht dabei sein konnte! Ich dachte: wann werde ich groß sein, aufhören
zu lernen und immer bei denen sein, die ich liebhabe? Ärger überkam
mich, und Gott mag wissen, an was ich so sehr dachte, daß ich gar nicht
hörte, wie Karl Iwanowitsch über die Fehler böse war und schalt.
Wolodja durfte aufstehen und wir gingen hinunter, um die Mutter zu
begrüßen.