muß ich glauben, daß dies Wasser ein Lebenselixir ist, welches meine
ganze Regierungsmaschine durchdringt und verjüngt, meine
Kirchenverwaltung, meine Administration, meine Diplomatie und selbst
meine Officierscorps suchen sich hier Kraft und Stärkung, und so dringt
diese Quelle von Ems in alle Adern des preußischen Staatslebens.“
„Wenn die Quelle Eurer Majestät Kraft und Gesundheit stärkt,“ erwiderte
Herr von Bernuth, „so durchdringt sie ja ohnehin schon den Organismus
des preußischen Staats mit neuer Lebenskraft und verdient die
Dankbarkeit aller Ihrer Unterthanen.“
Der König nickte freundlich mit dem Kopf und trat dann zu dem in der
Nähe stehenden Botschafter am Pariser Hofe, Freiherrn von Werther, einem
schlanken eleganten Mann mit bleichem Gesicht und militairisch
geschnittenem Haar und Bart.
„Benedetti ist diese Nacht angekommen,“ sagte der König mit etwas
gedämpfter Stimme, indem er durch einen Wink der Hand Herrn von Werther
aufforderte, ihn auf seiner Promenade zu begleiten. „Er hat mich um eine
Audienz gebeten, ich habe ihm sagen lassen, daß ich ihn erst Mittags
empfangen könne, da ich morgens mit meiner Kur zu thun habe und auch am
Vormittage mehrere Geschäfte zu erledigen muß. Er ist jedenfalls nicht
zufällig hier, denn er war erst vor wenigen Tagen auf Urlaub nach
Wildbad gegangen und hatte so eben seine Kur begonnen. Jedenfalls kommt
er in dieser Hohenzollerschen Angelegenheit, welche in Frankreich
täglich mehr Staub aufwirbelt. Es würde mir lieb sein, wenn ich bevor
ich ihn empfange, über den Gegenstand seiner Mission unterrichtet wäre.
Wollen Sie ihn besuchen, und wenn Sie es in der Unterredung mit ihm
erfahren können, mir ungefähr mittheilen, was er will. Ich wünsche aber
nicht,“ fuhr er fort, „daß Sie in eigentliche Discussion mit ihm
eintreten, — wenn er über die Angelegenheit spricht, so sagen Sie ihm
einfach, daß der Prinz Leopold mich um Rath gefragt habe, und daß ich
nicht im Stande gewesen sei, seinem Wunsch, die spanische Krone
anzunehmen, ein Hinderniß entgegenzustellen.“
„Ich zweifle nicht, Majestät,“ sagte Herr von Werther, „daß der Graf
Benedetti hierher gesendet ist, um Eurer Majestät dasselbe zu sagen, was
mir bereits der Herzog von Gramont und Herr Ollivier in ziemlich
allgemeiner Weise ausgesprochen haben, daß nämlich Frankreich die
Thronbesteigung des Prinzen von Hohenzollern, den man dort hartnäckig
für einen preußischen Prinzen erklärt, nicht dulden könne, und daß man
verlangen müsse, daß Eure Majestät den Prinzen zur Verzichtleistung
veranlasse.“
„Ich begreife nicht, was sie wollen,“ sagte der König einen Augenblick
stehen bleibend, „ich kann mir unmöglich denken, daß der Kaiser
Napoleon, dessen Gesundheit in der letzten Zeit immer weniger fest
gewesen ist, darauf ausgehen sollte, einen Conflict zu suchen, und doch
erscheint diese ganze Behandlung der Hohenzollerschen Candidatur wie
eine Provocation, denn einen politischen Grund, sich so sehr darüber zu
echauffiren, sehe ich in der That nicht. Der Prinz Leopold ist kein
preußischer Prinz — und wenn er es wäre, glaubt man denn, daß er in
diesem von Parteien zerrissenen spanischen Lande preußische Politik
machen könnte? Jeder König, der dort auf den Thron steigt, wird genug zu
thun haben, um sich auf demselben zu erhalten und der inneren
Verwirrungen Herr zu werden. Ich begreife die ganze Sache nicht,“ fuhr
er fort, — „ich hoffe, daß das Alles nur ein kleines Strohfeuer sein
wird, wie man sie in Frankreich von Zeit zu Zeit anzuzünden liebt, und
daß der Kaiser Napoleon auch diesmal wie bei der Luxemburger
Angelegenheit, die doch eigentlich ernsterer Natur war, das Feuer der
Kriegspartei ein wenig dämpfen wird.“
„Auch ich bin davon überzeugt, Majestät,“ erwiderte Herr von Werther,
„denn nach all den Eindrücken, die ich habe, wünscht der Kaiser wirklich
aufrichtig die Erhaltung des europäischen Friedens und guter Beziehungen
zu Eurer Majestät. Indeß läßt sich nicht verkennen,“ fuhr er fort, „daß
diese Hohenzollersche Frage die öffentliche Meinung im hohen Grade
aufgeregt hat, allerdings unter Vorgang der Regierungsjournale — doch bei
meiner Abreise von Paris war diese Aufregung sehr groß, und nach dem,
was ich aus den Zeitungen sehe, steigt sie von Tage zu Tage. Ollivier
ist äußerst abhängig von der öffentlichen Meinung, der Herzog von
Gramont folgt Ollivier, und der Kaiser steht, je mehr sein Körper und
seine Nerven schwach werden, immer mehr unter dem Einfluß seiner
Minister und seiner Umgebung.“
„Nun,“ sagte der König, „ich werde wahrhaftig nichts dazu thun, um die
Situation zu verschlimmern, ich werde ein freundliches Entgegenkommen
zeigen, da ich wahrlich kein Interesse daran habe, den Prinzen Leopold
zu diesem spanischen Abenteuer zu treiben, aber ebenso wenig kann ich
ihm auch dasselbe verbieten, ich würde ja auch dazu eigentlich gar kein
Recht haben. Wenn er mich um Rath fragt, so ist das eine
Courtoisie, — wenn er aber meinen Rath nicht befolgen will, so kann ich
ihn kaum dazu zwingen — jedenfalls bin ich als König von Preußen der
ganzen Angelegenheit völlig fremd, meine Regierung hat mit derselben
garnichts zu thun. Nun wir werden ja sehen,“ sagte er, „gehen Sie
inzwischen zu Benedetti und erklären Sie ihm zugleich nochmals, warum
ich ihn erst am Nachmittag empfangen kann, er wohnt in der Stadt
Brüssel.“
Mit freundlichem Kopfnicken entließ der König den Baron Werther und
wendete sich zu dem Oberpräsidenten von Möller, einem Mann von etwa fünf
und fünfzig Jahren, dessen kluges und offenes Gesicht mit den frischen
Farben und den hellen Augen sein Alter weniger verrieth als das bereits
stark ergraute, ziemlich lang zurückgestrichene Haar.
„Guten Morgen, mein lieber Möller,“ sagte der König, „es freut mich, Sie
hier zu sehen. Ich bin begierig, von Ihnen zu erfahren, wie es in Hessen
steht, und ob meine neuen Unterthanen dort noch immer so unzufrieden
sind, daß sie Preußen geworden sind.“
„Majestät,“ sagte Herr von Möller, „die allgemeine Stimmung in der
Provinz, deren Leitung Allerhöchst dieselben mir übertragen haben,
söhnt sich immer mehr mit der neuen Ordnung der Dinge aus. Alle
Vernünftigen, namentlich auch die Vertreter des Handels und der
Industrie empfinden immer mehr die Vorzüge einem großen Staatswesen
anzugehören, und ich gebe mir die größte Mühe überall auf die mildeste
Weise die alten Verhältnisse mit den neuen Zuständen zu versöhnen.“ —
„Ganz recht, ganz recht,“ fiel der König ein, „Sie handeln darin ganz in
meinem Sinn. Man muß alle berechtigten Eigenthümlichkeiten schonen, alle
Erinnerungen an die Vergangenheit achten —“
„Die Erinnerungen an die Vergangenheit, Majestät, stehen uns bei der
Bevölkerung von Kurhessen vielleicht weniger entgegen, als bei
derjenigen von Hannover. Die Hessen haben viele Anhänglichkeit an die
Traditionen ihrer Vergangenheit, aber gerade durch die Persönlichkeit
des letzten Kurfürsten, der ja überall wenig Sympathie hatte, haben jene
Erinnerungen an Intensivität und Einfluß verloren. Den nachdrücklichsten
und hartnäckigen Widerstand findet die Regierung leider bei den
Geistlichen, welche befürchten, daß die Einverleibung in Preußen dem
lutherischen Bekenntniß Gefahr bringen, und daß die Einführung der Union
beabsichtigt werden könnte.“
Der König blieb einen Augenblick stehen und blickte sinnend vor sich
hin.
„Mein Gott,“ fuhr er fort, „daß doch gerade die Priester des
Christenthums sich so wenig zu den Ideen der Liebe und Duldung erheben
können, welche den Erlöser selbst erfüllten. Was ist denn die Union,
dieses Werk meines unvergeßlichen Vaters, anders, als der Ausdruck der
wahrhaft christlichen Toleranz, um alle Bekenner des evangelischen
Glaubens zu einer evangelischen Kirche zu vereinigen.
„Nun ich hoffe,“ sprach er weiter, „der gesunde Sinn der Gemeinden wird
kräftiger sein, als der eigensinnige Zelotismus der Geglichen. Uebrigens
liegt es mir ja unendlich fern, den Gewissen irgend welchen Zwang anthun
zu wollen und einen Druck zur Einführung der Union auszuüben. Sie werden
mir über das Alles noch ausführlich berichten,“ sagte er, „sobald ich
eine Stunde freie Zeit habe.“
Er grüßte Herrn von Möller und wendete sich zu zwei Damen, welche in
einfacher Morgentoilette an der Seite der Promenade stehen bleibend,
sich tief verneigten.
Es waren die berliner Künstlerinnen, Fräulein Marie Keßler mit dem
anmuthig gedankenvollen Ausdruck in den weichen sinnenden Augen und
Fräulein Anna Schramm, deren lebhafte Blicke von Geist und Laune
funkelten.
„Nun, meine Damen,“ sagte der König, „ich hoffe, daß die Vorstellung,
welche Sie mit Herrn Bethge und Herren Behrend zum Besten der
Abgebrannten in Pera veranstaltet haben, einen recht günstigen Ertrag
für die armen Opfer jener unglücklichen Catastrophe erzielt hat.“
„Die Rechnungen sind noch nicht abgeschlossen, Majestät,“ erwiderte
Fräulein Keßler, „doch hoffen wir, daß nach der Gesammteinnahme ein
erheblicher Ueberschuß sich ergeben wird.“
„Ich habe mich sehr über Ihr Unternehmen gefreut,“ sagte der König „und
spreche Ihnen nochmals meinen Dank dafür aus. Es ist ein schöner Zug des
immer mehr erstarkenden und erwachenden Nationalgefühls, daß wenn auch
im fernsten Auslande Deutsche von dem Schlage des Unglücks getroffen
werden, die besten Kräfte der Nation sich vereinigen, um ihnen
beizustehen, und es hat mich hoch erfreut, daß meine berliner Künstler
und Künstlerinnen auch in dieser Beziehung mit edlem Beispiel
vorangegangen.“
Mit ritterlich artigem Gruß gegen die beiden Damen schritt er weiter,
begrüßte noch die verschiedenen Bekannten auf der Promenade, während er
die vorgeschriebene Anzahl von Bechern an der Quelle leerte und kehrte
dann, vom Grafen Lehndorf gefolgt, nach seiner Wohnung im Badehause
zurück.
Rüstigen und leichten Schrittes stieg er die Treppe hinauf, trat durch
das Wohnzimmer in den einfachen Raum, welcher ihm als Arbeitscabinet
diente; an dem Fenster dieses Zimmers stand der breite Schreibtisch; ein
Sopha und einige Lehnstühle mit rothem Plüsch überzogen, bildeten das
ganze Ameublement dieses anspruchslosen Aufenthalts des mächtigen
Monarchen.
Der Flügeladjudant war im Vorzimmer zurückgeblieben. Der König reichte
seinen Hut und seinen Stock seinem Leibkammerdiener Engel, welcher in
ernster ruhiger Haltung, in seinem blauen Frack mit den goldenen Knöpfen
fast an einen hohen Staatsbeamten erinnernd, seinem königlichen Herrn
entgegengetreten war.
„Ich lasse den Geheimrath Abeken bitten,“ sagte der König, setzte sich,
während der Kammerdiener hinausging, an seinen Schreibtisch und öffnete
einige für ihn dort hingelegte Privatbriefe.
Nach kurzer Zeit trat der Geheime Legationsrath Abeken, seine
Vortragsmappe unter dem Arm in das Zimmer.
Er war ein kleiner Mann von einundsechzig Jahren, dessen ganze
Erscheinung trotz der etwas lebhaften und nervösen unruhigen Bewegung
noch ein wenig den Stempel des geistlichen Standes trug, für den er sich
in seiner Jugend bestimmt hatte. Sein blondes Haar und sein kleiner
blonder Schnurrbart erschienen noch wenig ergraut, und aus seinen
lebhaften, scharf blickenden Augen blitzte das Feuer jugendlicher
Frische.
„Guten Morgen, mein lieber Abeken,“ sagte der König, freundlich mit dem
Kopf nickend und seinen langjährigen vertrauten Diener, der ihn als
vortragender Rath des auswärtigen Ministeriums auf allen seinen Reisen
begleitete, die Hand reichend. „Setzen Sie sich, theilen Sie mir mit,
was Neues von Berlin gekommen ist. Ich muß Sie übrigens bitten,“ sagte
er schalkhaft lächelnd — während Herr Abeken einen Sessel heranzog und
seine Mappe öffnete — „daß Sie die Leute nicht im Schlaf stören —“
Herr Abeken sah ganz erstaunt den König an.
„Ich wüßte nicht, Majestät.“
„Lauer hat sich beklagt,“ fuhr der König in demselben scherzhaften Ton
fort, „daß Sie und St. Blanquart am späten Abend und am frühesten Morgen
schon wieder ihn fortwährend mit dem monotonen Geräusch der Lectüre der
Zahlen des Depeschenchiffres verfolgen.“
„Nun Majestät,“ sagte Herr Abeken lächelnd, „ich hoffe, daran wird sich
Herr von Lauer gewöhnen, wie man sich an das Geräusch einer Mühle
gewöhnt, und wenn er nach Berlin zurückkommt, wird er das
Dechiffrirbureau neben seinem Zimmer vermissen.“
„Wie steht die Hohenzollersche Angelegenheit in Berlin,“ fragte der
König. „Sie wissen, daß Benedetti angekommen ist, es scheint, daß es da
einige Weitläufigkeiten geben wird.“
„Herr von Thiele berichtet, Majestät,“ sagte der Geheimrath Abeken,
indem er einen Bericht aufschlug, den er aus seiner Mappe genommen
hatte, „daß der französische Geschäftsträger Le Sourd eine äußerst
scharfe und bestimmte Sprache führe und erklärt habe, daß die
französische Regierung unter keiner Bedingung die Thronbesteigung des
Prinzen von Hohenzollern in Spanien dulden könne. Und diese Sprache des
Geschäftsträgers zusammengehalten mit den Aeußerungen des Herzogs von
Gramont im Corps legislatif flößen Herrn von Thiele die äußersten
Besorgnisse ein, und er fürchtet, daß in Paris ein Hintergedanke
bestehe. Der Legationsrath von Kendell ist nach Barzin gegangen, um dem
Grafen Bismarck persönlich über die Sache Bericht zu erstatten und
demselben den Wunsch auszusprechen, daß er, wenn möglich unter diesen
Umständen nach Berlin zurückkehren möchte.“
„Der arme Bismarck,“ sagte der König, „er hat seine ländliche Ruhe so
nöthig, und ich gönne sie ihm so von Herzen nach all' den Arbeiten, die
er den Winter über gehabt hat. Aber freilich,“ fuhr er fort, „wenn die
Sache, was ich noch immer nicht glauben kann, irgend wie ernsthaft
werden sollte, so wird er seine Sommerruhe wohl unterbrechen müssen. Ich
kann ja auch hier nicht ohne Minister auf irgend welche politische
Verhandlungen wirklich eingehen, doch vermag ich in der That kaum
abzusehen —“ er schwieg einen Augenblick.
„Was haben Sie sonst noch?“ fragte er.
„Abgesehen von dieser spanischen Frage, Majestät,“ sagte der Geheimrath
Abeken, „ist in der auswärtigen Politik völliger Stillstand. Was Eure
Majestät vielleicht besonders interessiren wird, ist ein Bericht über
die Zustände in Rumänien.“
Der König nickte leicht mit dem Kopf.
„Es sieht dort bunt aus,“ sagte er.
„Sehr bunt, Majestät,“ erwiderte der Geheimrath Abeken, „die Lage ist
dort so verworren, daß bereits in den Parteien sich Stimmen erheben,
welche das Einschreiten der Schutzmächte gegen die Verfassung von 1860
für dringend nöthig erachten. Es scheint, daß die Zustände in Rumänien
keine freie Verfassung ertragen. In allen Schichten der Bevölkerung
fehlt es an Vertretern, welche die nötige Einsicht zur Ausübung
verfassungsmäßiger Rechte besitzen. Die Verfassung dient nur dem Ehrgeiz
der Parteien und legt der Thätigkeit des Fürsten, und wenn er persönlich
die größte Energie hätte, überall hemmende Ketten an. Gerade diejenigen
welche den Regierungsantritt des Fürsten begünstigten, die Führer der
radicalen Partei, sind am wenigsten geneigt seine Autorität zu stärken.
Sie wollen ihn zu einem lenkbaren Zögling machen und erschweren ihm das
Leben in jeder Weise, Senat und Deputirtenkammer sind seit den vier
Jahren der Regierung des Fürsten Carl schon dreimal ausgelöst, und der
Auflösung folgte jedes Mal eine Agitation durch das ganze Land, die das
öffentliche Leben aufs tiefste erschüttert.“
„Lassen Sie mir den Bericht hier,“ sagte der König, „der arme Carl von
Hohenzollern thut mir leid, daß er sich in diese Verwirrung hinein
begeben hat, welche zu lösen ihm kaum gelingen möchte. Es ist
merkwürdig,“ sagte er, während Herr Abeken den Bericht auf den
Schreibtisch des Königs legte, „daß das Beispiel in der Familie, den
Prinzen Leopold nicht abhält, auch seinerseits sich auf den Weg
ähnlicher Abenteuer zu begeben, die vielleicht noch unangenehmer und
verhängnißvoller werden können. Der Fürst Anton hat an diesem kleinen
rumänischen Thron schon genügend empfunden, was solche Expeditionen
kosten. Das spanische Unternehmen möchte wohl leicht noch etwas theurer
werden können. Wenn keine eiligen Sachen mehr da sind,“ sagte er dann,
„so bitte ich Sie das Uebrige für morgen zu vertagen. Ich möchte noch
hören, ob Wilmowsky etwas Dringendes vorzutragen hat und einige Briefe
lesen, die ich so eben erhalten, bevor ich Benedetti empfange,“ sagte er
mit leichtem Seufzer. „Der Kronprinz hat mir sehr ausführlich über seine
Begegnung mit dem Kaiser Alexander in Breslau geschrieben, und es ist
mir eine rechte Herzensfreude gewesen, zu sehen, daß auch dort wieder
die mir so lieben Familienbeziehungen den innigsten Ausdruck gefunden
haben. Der Kaiser hat dem Kronprinzen selbst den St. Georgsorden zweiter
Klasse an die Brust geheftet und zugleich an Fritz Carl denselben Orden
geschickt, wozu er mich schon früher um die Erlaubniß gebeten hatte. Das
Alles freut mich ungemein, die Beziehungen zu dem russischen Hause hege
und pflege ich wie ein theures Vermächtniß meines Vaters und wünsche
von Herzen, daß dieselben Beziehungen in der künftigen Generation auch
fort leben mögen.“
„Abgesehen von diesen Traditionen,“ sagte der Geheimrath Abeken, welcher
sich erhoben und seine Mappe unter den Arm genommen hatte, „welche ja in
der glorreichsten Geschichte Preußens wurzeln, sind die guten
Beziehungen mit Rußland auch im Hinblick auf die politischen
Verhältnisse der Gegenwart von der äußersten Wichtigkeit, und gerade in
Augenblicken wie der gegenwärtige, in welchem nach anderer Seite hin die
Keime zu Verwickelungen sich zeigen, tritt mir so recht lebhaft die
Nothwendigkeit entgegen, mit dem mächtigen Nachbar im Osten in fester
Einigkeit zu leben, damit für alle Eventualitäten nach dorthin uns der
Rücken gedeckt ist.“
„Nun,“ sagte der König lächelnd, „dafür ist ja gesorgt, in dieser
Beziehung dürfen wir keine Bedenken haben, nötigenfalls unsere ganze
Kraft nach der andern Seite hinzurichten. Auf Wiedersehen, mein lieber
Abeken,“ sagte der König, „wollen Sie veranlassen, daß Benedetti zum
Diner eingeladen wird. Senden Sie mir Wilmowsky und,“ fügte er lächelnd
mit dem Finger drohend hinzu, „stören Sie mir Lauer nicht wieder im
Schlaf.“
Der Geheime Legationsrath verließ das Cabinet.
Kurze Zeit darauf während welcher der König noch einige der für ihn
persönlich angekommenen Briefe geöffnet und durchflogen hatte, trat der
Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky ein, auf seinem länglichen Gesicht,
dessen unterer Theil von einem kurzen weichen Bart umgeben war, lag
ruhige Heiterkeit und ein fast humoristischer Zug umgab die klaren und
scharf blickenden Augen, seine breite, von vollem ergrautem Haar
umgebene Stirn war zugleich hoch und schön gewölbt, und in seiner
Haltung zeigte er die ruhige und klare Sicherheit des Hofmannes.
„Sind die Bestimmungen über die Feier des dritten August nunmehr
vollständig getroffen,“ fragte der König, nachdem er seinen Cabinetsrath
freundlich begrüßt und derselbe ihm gegenüber Platz genommen hatte. „Es
liegt mir diese Feier ganz besonders am Herzen. Die Aufrichtung eines
Denkmals für den hochseligen König ist eine Pflicht der Dankbarkeit,
welche ich schon lange empfunden und welche ich mich besonders freue,
noch während meines Lebens abtragen zu können.“
„Eure Majestät hatten befohlen,“ sagte der Geheime Cabinetsrath, „daß
von den Civilbehörden außer den Deputationen sämmtlicher in Berlin
bestehenden Behörden und der Regierung in Potsdam nur die
Oberpräsidenten der Provinzen eingeladen werden sollten.“
„Ganz recht,“ sagte der König, „einfach und schlicht wie der Sinn meines
Vaters war, soll auch die Feier der Enthüllung des Denkmals sein, auch
wenn kein großer Pomp entfaltet wird, so wird das Gefühl des preußischen
Volkes und seine frommen Erinnerungen dennoch diesem Act seine schöne
und hohe Bedeutung geben.“
„Von den Rittern des eisernen Kreuzes,“ fuhr der Geheime Cabinetsrath
fort, „sollen wie Eure Majestät bestimmten, nur diejenigen von Berlin,
Potsdam und Spandau zugezogen werden —“
„Die Ritter des eisernen Kreuzes,“ sagte der König sinnend — „um das
Denkmal des verewigten Herrn, dessen einfacher frommer Sinn dieses
eiserne Denkzeichen an eine eiserne Zeit stiftete! Sie werden immer
weniger,“ fuhr er mit weicher Stimme fort, „diese alten Kämpfer für die
Befreiung Deutschlands — noch einige Jahre und das edle Zeichen wird aus
meiner Armee verschwunden sein, — sie werden dann dort oben Alle
versammelt sein um meinen Vater und meine Mutter — und ich auch! — So Gott
will aber soll der Geist nicht verloren gehen, welcher in jenem Zeichen
lebt, der Geist der frommen und treuen Hingebung an das Vaterland, der
Geist, der uns lehrt, das eiserne Schwert nur zu gebrauchen für eine
Sache, auf welcher der Segen des heiligen Kreuzes ruht.“
„Uebrigens,“ fuhr der Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky nach einigen
Augenblicken fort, „wird eine umfassende Repräsentation der Stadt Berlin
bei der Feier statt finden, worüber der Polizeipräsident von Wurmb, der
heute oder morgen hier eintrifft, Eurer Majestät noch nähere
Mittheilungen machen wird. Auch von allen Großstädten der Monarchie sind
Deputationen angemeldet, ebenso von Seiten der Provinzial-Stände.“
„Wenn es nur nicht zu groß und geräuschvoll wird,“ sagte der König.
„Nun,“ fuhr er fort, „Jedermann in Preußen kennt ja den Sinn meines
Vaters, und man wird verstehen, daß auch in diesem Sinne die Feier
gehalten werden muß. Es sollen Deputationen der russischen Armee
erscheinen,“ fuhr er dann fort, „ich will darüber noch mit Treskow das
nähere besprechen. Diese Aufmerksamkeit des Kaisers Alexanders freut
mich ganz besonders, der hochselige Herr legte ja stets so hohen Werth
auf die russische Freundschaft und lächelte stets so still glücklich,
wenn es im Palais hieß, die Russen kommen. Es wird ein schöner, aber
tief ergreifender Tag werden,“ sagte er, „und ich werde so recht ruhig
und zufrieden sein, wenn ich erst das liebe und so schön gelungene
Erzbild meines Vaters als ein Denkmal der großen und unvergeßlichen Zeit
werde aufgerichtet haben. Lassen Sie mir das ganze Programm hier,“ sagte
er dann, „ich will Alles genau noch prüfen, und wenn ich Wurmb gehört
habe, Alles definitiv feststellen. Was haben Sie sonst noch?“
Der Geheime Cabinetsrath nahm seine Papiere zur Hand und begann den
Vortrag über die laufenden Geschäftssachen, welche der König hier im
Bade mit derselben Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit erledigte, als in
Berlin.
* * * * *
Um drei Uhr Nachmittags erschien im Badehause der französische
Botschafter Graf Benedetti. Er war bereits zum Diner angekleidet und
trug unter dem schwarzen Frack das breite Orangeband des Ordens vom
schwarzen Adler, den Stern dieses höchsten preußischen Ordens und das
Großkreuz der Ehrenlegion auf der Brust. Sein blasses, glattes und
bartloses Gesicht, dessen runde Stirn von dünnem ergrauendem Haar
umgeben war, zeigte die vollkommenste gleichgültige Ruhe. Ein heiteres,
freundlich höfliches Lächeln lag auf seinen Lippen, und seine klaren
grauen Augen, welche selten einen bestimmten Ausdruck zeigten, blickten
so völlig unbefangen umher, daß Niemand, der den Botschafter in die
Wohnung des Königs eintreten sah, an das Vorhandensein irgend einer,
auch nur einigermaßen ernsten politischen Frage hätte glauben können.
Der Flügeladjutant vom Dienst meldete den Botschafter sofort Seiner
Majestät und führte ihn unmittelbar darauf in das königliche
Arbeitscabinet.
König Wilhelm hatte sich erhoben, trat dem Grafen Benedetti einen
Schritt entgegen und reichte ihm mit freundlicher Bewegung die Hand,
welche dieser, sich tief verneigend, ehrerbietig ergriff.
„Ich glaube zu wissen, weßwegen Sie kommen,“ sagte der König, — „wir
werden uns leicht darüber verständigen und aus dieser Sache wird kein
Conflikt entstehen.“
Er deutete, während er sich vor seinen Schreibtisch setzte, auf einen
Sessel, welcher neben demselben stand.