von
Annette von Droste-Hülshoff.
Sie waren beide froh und gut
und mochten ungern scheiden;
die Jahre fliehn, es lischt der Mut,
der Tag bringt Freud’ und Leiden,
Geschäft will Zeit, und Zeit ist schnell,
so unterblieb das Schreiben,
doch öfters sprach Emanuel:
„Was mag der Franzel treiben?“
Da trat einst Wintermorgens früh
ein Mann in seine Stube,
seltsam verschabt wie ein Genie
und hager wie Coeur-Bube,
sah ihn so glau und pfiffig an
und blinzelt vor Behagen:
„Emanuel, du Hampelmann!
Willst du mir denn nichts sagen?“
„Er ist es!“ rief der Doktor aus
und reicht ihm beide Hände.
„Willkomm, willkomm! wie siehst du aus?
Ei, munter und behende.“ --
„Ha,“ rief der andre, „Sapperment,
man sieht, du darfst nicht sorgen!
Wie rot du bist, wie korpulent!
Du hast dich wohl geborgen.“
Drauf saß man zu Kamin und Wein,
ließ von der Glut sich rösten
und ätzte sich mit Schmeichelein,
den Alternden zu trösten.
Ein jeder warf den Hamen hin
als wohlgeübter Fischer,
und jeder dachte still: „Ich bin
gewiß um zehn Jahr frischer.“
Man schüttelte die Hände derb,
dann ging es an ein Fragen.
Reich war des Medikus Erwerb,
und dennoch mocht’ er klagen.
Er sah den Franz bedenklich an
und dacht’, er steck’ in Schulden,
doch dieser prahlt’: er sei ein Mann
von „täglich seinem Gulden“.
+Zwei+ Jahre hat er nur gespart
und dann, ein kecker Kämpfer,
gerasselt mit der Eisenfahrt,
gestrudelt mit dem Dämpfer!
O wie er die „Stadt Leyden“ pries
und der Kajüte Gleißen!
Nach seiner Meinung dürfte sie
„Viktoria“ nur heißen.
Das hat den Medikus gerührt,
ihm den bescheidnen Schlucker
lebendig vor das Aug’ geführt,
der Klöße aß wie Zucker.
Und gar als jener sprach: „Denkst du
noch an die halbe Flasche?“
Der Doktor kniff die Augen zu
und klimpert’ in der Tasche.
Dann ging es weiter: „Denkst du dort?
und denkst du dies? und jenes?“
Die Bilder wogten lustig fort,
viel Herzliches und Schönes.
Wie Abendrot zog ins Gemach
ein frischer Jugendodem
und überhauchte nach und nach
der Pillenschachteln Brodem.
Am nächsten Morgen hat man kaum
den Doktor mögen kennen,
man sah ihn lächeln wie im Traum
und seine Wangen brennen;
im heiligen Studierklosett
hört’ man die Gläser klingen
und ein mißtöniges Duett
aus Uhukehlen dringen.
Nicht litt am Blute mehr der Mann,
am Podagra und Griese;
sah er den dürren Franzel an,
so schien er sich ein Riese;
hat er den Franzel angesehn
mit seinem Gulden täglich,
so mußt’ er selber sich gestehn,
es geh’ ihm ganz erträglich.
Doch als der dritte Tag entschwand,
da sah man auch die beiden
betrübten Auges stehn am Strand,
und wieder hieß es: Scheiden!
„Leb’ wohl, Emanuel, leb’ wohl!“ --
„Leb’ wohl, du alte Seele!“
Und die „Stadt Leyden“ rauschte hohl
durch Dunst und Wogenschwele.
Drei Monde hat das Jahr gebracht,
seit Franzel ist geschieden,
mit ihm des Hypochonders Macht;
der Doktor lebt in Frieden.
Und will der Dämon hier und dort
sich schleichend offenbaren,
so geht er an des Rheines Bord
und sieht „Stadt Leyden“ fahren.
Führ’ uns nicht in Versuchung!
von
Franz von Gaudy.
Da ständ’ ich wieder an der Ecke!
Höchst wunderbar! Wie kam es nur?
Die Beine wollen nicht vom Flecke,
recht nach Philisterpferds-Natur.
Der Weinkranz, der im Winde schwanket,
er winkt und winkt: So tritt doch ein!
Ja, locke nur! Gott sei’s gedanket,
auf ewig schwur ich ab dem Wein.
’s ist doch recht heiß! Mir klebt die Zunge
am Gaumen. Wie die Sonne sticht!
Der Kellner grüßt. Schön Dank, mein Junge!
Was sagst du? Laut! -- Ich höre nicht. --
Leicht möglich, daß ich was vergessen --
wohl gar vom letzten Male her
die Zeche. Zahlen gern -- indessen
Wein trinken -- nun und nimmermehr!
Was gibt es? Nichts? -- Der Schlingel freute
sich nur, mich so gesund zu sehn.
Das ist wohl hübsch, mein Kind, doch heute --
ich bin -- ich habe -- ich muß gehn.
Nein, nein -- ich sagt’ es klar und deutlich:
ich trinke nicht. Wem soll dies Glas? --
Ei, nun, die Blume ist ganz leidlich --
und, was du sagst, vom neuen Faß?
Nun ja, für Wein vom vor’gen Jahre
passiert er, läßt sich wacker an.
Doch weißt du, daß mit junger Ware
ich nie mich recht befreunden kann.
Ja, meine alte Sorte kennst du --
bring mir ein Achtel doch von der --
ein Schöppchen höchstens -- und -- was rennst du --
bring lieber gleich ’ne Ganze her.
Wie kommt’s, daß, geht erst auf die Neige
die Flasche, stets das letzte Glas
am liebenswürdigsten sich zeige?
Ein Phänomen -- wie deut’ ich das?
Heißt es: noch eine? -- Ob ich’s wage?
Sie sprechen: So jung käme man
nicht mehr zusammen. -- Nun, ich frage
beim Schicksal, Knöpfe zählend, an.
Ja -- nein -- ja -- nein -- -- Wie? schon der letzte?
O weh, der letzte Knopf brummt: nein.
Das harte Schicksal widersetzte
sich meinem Durst -- es soll nicht sein. --
Und weil der Spruch mit nein beschlossen,
wär’ ich gebunden? Kinderei!
Nein, just dem dummen Knopf zum Possen
trink’ ich noch eine -- ja, noch zwei.